Barbara Constantine: Und dann kam Paulette

Miteinander durchs Leben gehen

Als Ferdinand eines Tages nach Hause fährt, läuft der Hund seiner Nachbarin Marceline vor seinem Auto auf die Strasse. Ferdinand bringt ihn heim, findet Marceline in einem besorgniserregenden Zustand. Marceline lebt in einem baufälligen kleinen Haus, der nächste Regen bringt das deutlich ans Tageslicht, denn das Dach ist undicht und setzt die Wohnstube unter Wasser. Kurzerhand nimmt Ferdinand Marceline mit ihren Tieren bei sich auf. Platz genug hat er ja.

„Ich kann keine Miete zahlen, das wissen Sie genau.“
„Ich habe nichts von Ihnen verlangt.“
„Warum tun Sie das?“
„Weil es normal ist.“
„Was ist normal?“
„Sich gegenseitig zu helfen.“

Die kleine Wohngemeinschaft funktioniert wunderbar, Hund, Katzen, Esel, Hühner und die beiden Menschen leben einträchtig beieinander. Ab und an kriegen sie Besuch von Ferdinands Enkeln, die frischen Wind ins Haus bringen. Und schon bald wächst die Wohngemeinschaft an, da noch mehr Menschen Hilfe brauchen können und es schliesslich normal ist, sich gegenseitig zu helfen. Die Bewohner des ehemals viel zu grossen Bauernhofs wachsen zusammen und bauen sich miteinander ein Leben auf, bei dem für alle gesorgt ist. Selbst vor neuen Herausforderungen schrecken sie nicht zurück, nehmen sie gelassen und mit Freude.

Hortense [sie ist 95, S.M.] ist ganz aufgeregt, sie will so gern im Web surfen! Einer Maus auf dem Rücken rumklicken! Ein Fässbuch-Profil anlegen! Sie liebt ihre zwei neuen Freunde, vor allem den jungen Mann findet sie witzig, interessant und gutaussehend…oh, là, là!

Barbara Constantine gelingt es, in einer einfachen Sprache eine warmherzige Geschichte von Menschen zu erzählen, die das Schicksal zusammen gewürfelt hat, die sich zusammentun und ihr Leben in die Hand nehmen. Es ist die Geschichte von älteren Menschen, von denen jeder eine traurige Geschichte hinter sich hat, die durch die Gemeinschaft wieder an eine Zukunft glauben und beherzt in diese schreiten. Es ist eine Geschichte voller Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Zuneigung.

Und dann kam Paulette lässt einen lächeln, mitfühlen, sich freuen, hoffen und enttäuscht einen in keiner Art und Weise. Es ist eine unglaublich berührende Geschichte, die durch die Leichtigkeit des Erzählens, die direkte Sprache, welche die jeweiligen Charaktere widerspiegelt und beschreibt sehr nahe geht. Lesegenuss pur. Der einzige Haken: Viel zu schnell ist das Buch gelesen und man wäre so gerne noch länger in der Welt von Ferdinand, Marceline und den anderen geblieben.

Fazit:
Ein berührender, herzlicher, menschlicher, liebenswürdiger Roman. Unbedingt lesen!

Zur Autorin
Barbara Constantine
Barbara Constantine ist 1955 in Nizza geboren. Heute pendelt sie zwischen Berry (weil sie das Landleben liebt), Biarritz (der Familie wegen) und Paris (weil auch das Stadtleben ganz nett sein kann – manchmal jedenfalls) hin und her. Sie ist Drehbuchautorin, Töpferin und Schriftstellerin. Daneben liebt sie es, Bäume zu pflanzen, Scheunen wiederherzurichten und Zeit mit ihren beiden Katzen Alcide Pétochard (ein freundlicher Chamallow) und Pétunia Trouduc (eine kleine Zicke) zu verbringen. Von Barbara Constantine erschienen sind unter anderem Drei Wünsche an den Sommer (2010), Kleiner Tom, was nun? (2012), Und dann kam Paulette (2013).

ConstantinePauletteAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kindler Verlag (8. März 2013)
Übersetzung von: Ina Kronenberger
ISBN-Nr.: 978-3463406411
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

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Robert Walser (*15. April 1878)

Am 15. April 1878 kommt Robert Walser in Biel zur Welt, besucht ebenda die Schule und macht später eine Banklehre. Nach einer kurzen Anstellung in Basel zieht Robert Walser 1895 nach Stuttgart, wo er sich als Schauspieler versuchen will, was allerdings ohne Erfolg bleibt. Schon damals ein guter Wanderer läuft er zurück in die Schweiz und landet schliesslich 1896 in Zürich. Es folgen diverse Anstellungen als Schreibkraft.

1898 erscheinen erste Gedichte Walsers in der Berner Zeitung Der Bund. Durch sie wird man ausserhalb der Schweizer Grenzen auf ihn aufmerksam und er wird auch in der Zeitschrift Die Insel publiziert mit seinen Gedichten. Obwohl er durch diese Publikationen in Kontakt mit den literarischen Kreisen Münchens kommt, bleibt er vorerst in Zürich wohnen, wo er Militärdienst leistet 1905, danach zunächst als Gehilfe bei einem Ingeneur arbeitet, schliesslich eine Ausbildung zum Diener macht und eine kurze Zeit als ebensolcher arbeitet auf Schloss Dambrau in Oberschlesien. Auch diese Karriere ist nicht von Dauer, 1906 verschlägt es ihn nach Berlin, sein Bruder Karl lebt da und macht ihn mit den ansässigen Literaten- und Künstlerkreisen bekannt.

In dieser Berliner Zeit entstehen Walsers Romane Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Jakob von Gunten. Diese wie auch kürzere Prosatexte kommen in der Literaturszene bei Autoren wie Hesse, Kafka oder Tucholsky ausnehmend gut an, der Zugang zu einem breiteren Publikum blieb ihm aber verwehrt. Leben kann er von seiner Schreiberei kaum. 1913 zieht Walser in die Schweiz nach Biel zurück, es entstehen weitere kleine Prosastücke, die sowohl in Zeitungen wie auch in kleinen Bänden erscheinen. Neben dem Schreiben ist es vor allem das Wandern, das Robert Walser begeistert. Ganze Tage und auch Nächste wandert er durch die Gegend, verarbeitet diese Eindrücke auch in seinem literarischen Werk. 1921 zieht Walser nach Bern, in dieser Zeit entstehen viele Entwürfe zu Gedichten, Prosastücken  und sogar ein Roman. Alles in millimeterkleiner Schrift, die nur selten mit Tinte ins Reine geschrieben wird und so lange nicht zu entziffern ist.

1929 verstärken sich Robert Walsers gesundheitlichen Probleme, er leidet zunehmend an Angstzuständen und Halluzinationen, hört Stimmen. Er kommt in die Heilanstalt Waldau bei Bern, wo er weiter schreibt, immer noch Miniaturen, wie er seine Entwürfe in Millimeterschrift nennt. 1933 wird Robert Walser gegen seinen Willen nach Herisau in die dortige Heil- und Pflegeanstalt übersiedelt. Er hört auf zu schreiben, behält nur noch die Liebe zu ausgedehnten Spaziergängen bei. Auf einem solchen stirbt er am 25. Dezember 1956 an einem Herzschlag.

Werk und Wirkung

Robert Walsers literarisches Werk greift sehr stark seine beruflichen Erfahrungen auf. Das Angestelltentum sowie auch das Dienen sind Motive, die sich in verschiedenen seiner Werke aufgreifen lassen. Auch die ausgedehnten Spaziergänge finden ihren Niederschlag in der Literatur.  In einer ab und an naiven Sprache und auf spielerische Art greift Robert Walser zudem die Umstände seiner Zeit auf und unterlegt den oberflächlich heiter wirkenden Werken eine zweite Ebene, die von den existentiellen Ängsten der damaligen Zeit spricht und auch auf eine sehr feine Beobachtungsgabe der Gesellschaft schliessen lässt.

Obwohl Robert Walser in literarischen Kreisen hoch geschätzt wird, kann er beim breiten Publikum nicht Fuss fassen. Er fühlt sich als Versager, was seine von Natur schon zu Depressionen neigende Verfassung unterstützt.

Erst in neuerer Zeit wird Walser wieder entdeckt und die Grossartigkeit seines literarischen Werkes auch von einem grösseren Kreis erkannt. Leider sind einige seiner Werke verschollen, darunter mindestens drei Romane sowie auch Prosastücke und Gedichte. 1960 erscheint die von Jochen Greven editierte Gesamtausgabe, welche die vorher verstreut publizierten Werke vereint. Noch heute kommen immer wieder neue Funde ans Tageslicht.

Gelassenheit
Seit ich mich der Zeit ergeben,
fühl’ ich etwas in mir leben,
warme, wundervolle Ruh!

Seit ich scherze unumwunden
mit den Tagen, mit den Stunden,
schliessen meine Klagen zu.

Und ich bin der Bürd entladen,
meiner Schulden, die mir schaden,
durch ein unverblümtes Wort:
Zeit ist Zeit, sie mag entschlafen,
immer findet sie als braven
Menschen mich am alten Ort.
(Robert Walser, in: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag)

Werke von Robert Walser

  • Geschwister Tanner (1907)
  • Der Gehülfe (1908)
  • Jakob von Gunten (1909)
  • Prosastücke (1916/17)
  • Der Spaziergang (1917)
  • Kleine Prosa (1917)
  • Seeland (1920)

Karin Nohr – Nachgefragt

©Susanne Schleyer
©Susanne Schleyer

Karin Nohr, geboren in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Nach jahrelanger Therapietätigkeit entschied sie sich, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Karin Nohr hat eine Tochter und lebt in Berlin und im Wendland. Neben verschiedenen Fachbüchern sind von ihr erschienen Herr Merse bricht auf (2012) und Vier Paare und ein Ring (2013).

 

Karin Nohr erklärte sich bereit, mir einige Fragen zu beantworten, was mich sehr freut.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Der Auslöser war der Tod meines Mannes

 

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Geht es beim Schreiben nur  um Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Durch aufmerksames Lesen großer Schriftsteller. Durch Liebe zur Sprache.

 

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Je nach Buch. Man muss loslassen können, braucht aber auch Planung. Und für manches Recherchen.  Ich schreibe am Vormittag, selten abends, denn dann kann ich nicht mehr schlafen.

 

Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Das kann ich nicht sagen. Es entsteht ständig etwas. Ideen habe ich mehr als genug.

 

Wie hat Ihre Arbeit als Therapeutin Ihr Schreiben beeinflusst?

Als Therapeut versucht man mitzufühlen, zu verstehen und nicht zu werten. Gerade das Verstehen braucht man auch für seine Romanfiguren. Sonst sehe ich wenig Bezüge.

 

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten sie ab?

Abschalten will ich gar nicht. Aber Abstand finden ist wichtig: durch Arbeit, Spazieren gehen, durch Musizieren, durch Sich Einlassen auf anderes wie Oper, Konzert, Theater, Kino, Freunde etc.

 

Was steckt von Ihnen in ihrem Roman Vier Paare und ein Ring?

Viel und wenig zugleich.

 

Vier Paare und ein Ring zeigt verschiedene Paare und deckt nach und nach Verstrickungen und fast schon Abgründe auf. Annegret ist die einzige, die über eine glückliche Beziehung berichtet – allerdings nur in der Vergangenheit. Idealisieren wir, was wir nicht mehr haben. Geht ein längerfristiges Zusammenleben ohne Brüche in irgendeiner Form nicht?

Mir geht es um Veränderung. Thomas und Ulrike haben Veränderungspotential, weil sie sich in Frage stellen können. Ebenso Annegret. Vielleicht auch Brigitte. Brüche und Krisen können Paare voran bringen. Aber eben nicht alle.

 

Betrug scheint ein zentrales Thema ihres Buches zu sein – was fasziniert sie daran?

 Ich glaube, Betrug und Selbstbetrug sind weit verbreitet und zeigen, wieviel Angst umgeht in den Menschen. Menschen sind ungeheuer kompliziert, wollen es aber oft gern einfach haben. Das führt zu Problemen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muss mich berühren. Mir etwas Neues zeigen. Mich unterhalten. Zum Lachen oder Weinen bringen. Ich mag sehr viele Schriftsteller, unmöglich, sie hier aufzuführen.

 

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Gottseidank muss ich das nicht!!  Würde es auch keinem anderen antun!! 🙂

 

Ich möchte mich recht herzlich für diese ehrlichen, offenen, auch persönlichen Antworten bedanken.

Zuhause

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen, wohnte an vielen Orten, kreuz und quer über die Schweiz verteilt. Oft stiess ich damit auf Unverständnis, hörte was von Nomadentum, von zuviel Wechsel. Die Wechsel des Ortes sind unbestritten, die sind sogar in Zahlen auszudrücken. Und doch kommt mir das Leben nicht wirklich wechselhaft vor. Ich sehe viel Konstanz darin.

Ich gehe nicht gerne in die Ferien. Damit stosse ich oft auf Unverständnis. Neue Orte, neue Kulturen, neue Strukturen. Einfach mal ausbrechen, ein neues Leben auf Zeit haben. Das klingt sicher spannend, ich mag es nicht. Wieso? Ich mag keine Wechsel. Ich bin am liebsten zu Hause.

Wenn man diese beiden Punkte gegenüber stellt, könnte man einen Widerspruch erkennen und das tun auch die meisten. Ich sehe darin viel Logik. Die Auflösung liegt im Wort Zuhause. Was ist Zuhause? Wo ist es? Ich bin an einem Ort aufgewachsen, habe im nächsten studiert, das dritte gefiel mir sehr, ich verband damit viel, zum vierten Ort kam ich aus äusseren Gründen – und so kam ein Ort zum anderen. Und überall war ich zu Hause – und auch nicht.

Es gibt für mich keinen Ort, den ich Zuhause nennen würde, keine Stadt, kein Dorf. Zuhause ist meine Wohnung, ist mein Leben, der Ablauf desselben. Das ist mein geschützter Rahmen, innerhalb dessen ich mich wohl und gut fühle. Ich baue ihn auf, ich gestalte ihn, er ist alles, was ich für mich brauche, für mich will. Er riecht nach mir, er sieht nach mir aus, ist mit allem angefüllt, was mir gehört, mir wichtig ist. Ziehe ich um, nehme ich ihn mit. Gehe ich in die Ferien, muss ich ihn zurück lassen. Ich kann nur gewisse Teile davon mitnehmen und meist ist es das falsche. Das Buch passt nicht zur Leselaune, die Kleider nicht zum Wetter, der Tagesablauf nicht zu meinen Gewohnheiten. Und ich will nur eins: nach Hause. Zurück zu all meinen Dingen, zurück in meinen Alltag, zurück zu meinem Tagesablauf.

Ab und an dachte ich, so ganz normal ist das nicht. Ein fremdes Parfum, von aussen auferlegte Termine, fremde Räume, Ferien gar – ein Graus. Mein Gefühl von Zuhause, von Halt, von Meins sind am Wanken. Ich werde verdrängt und Fremdes nimmt Einzug. Ich mag das einfach nicht. Und ich denke, es ist eigentlich egal, ob das nun normal ist oder nicht, es ist, wie es ist. Jeder hat wohl Seiten, die er nicht mag an sich, Seiten, an denen er nagt, die an ihm zehren. Klar kann man versuchen, sich zu ändern, kann versuchen, sich gewissen Forderungen anzupassen. Trotzdem sollte man nie ignorieren, wer man ist, wie man ist und man sollte sich nicht dafür schämen oder sich gar dafür verurteilen.   Schliesslich und endlich gibt es viele andere, einen selber gibt es nur einmal.

Karin Nohr: Vier Paare und ein Ring

Lebenswogen mit Wagner

Das Ringprojekt: Drei Paare und eine Witwe mit ihre Tochter besuchen an vier aufeinander folgenden Sonntagen Wagners „Ring der Nibelungen“ in der Semper Oper in Dresden. Bei einem gemeinsamen Nachtessen wollen sie sich jeweils auf die bevorstehende Aufführung einstimmen, bei einem Treffen nach den vier Aufführungen soll eine Nachbetrachtung stattfinden.

Es ist immer dasselbe: Du planst, ich soll mitmachen. Na gut Also ich weiss nicht – vier Sonntage hintereinander Wagner? So lang. So laut. Und dann immer nach Dresden. So weit.

Alle Beteiligten haben unterschiedliche Motivationen, an diesem Projekt teilzunehmen und bei allen löst es Unterschiedliches aus. Sie sehen sich mit sich selber und ihrer Beziehung sowie den Beziehungen untereinander konfrontiert.

Wieder wanderten ihre Gedanken zur Ring-Einladung. Sie lehnte den Kopf zurück und begann zu “fantasieren“, wie sie ein inneres Mäandern bei sich nannte, das sie sonst unterdrückte. Von ihnen beiden war Thomas der Versponnene, der sich oft in seine Gedanken verlor; während sie sich als eine eher kontrollierte Frau empfand […]

Auch die Abgründe kommen ans Licht, die schwelenden negativen Gefühle in der Beziehung,

Wie Brigitte ausgesehen hatte! Wie ein Engel, die Hände erhoben: „Fürchtet euch nicht! Es ist schon gut.“ Er konnte sie provozieren, wie er wollte: Sie bleib ruhig. Der unschuldige Engel. Der wohlmeinende Engel. Der ihn immer und immer ins Unrecht setzende Engel.

sowie zwischen den Teilnehmern:

Da hatten sie nebeneinander gestanden, zwei Frauen, die eine älter aussehend, als sie war, die andere jünger. Was Annegret plötzlich wie eine Kluft empfunden hatte. Ihr eigenes Spiegelbild hatte sich zu wohl und weich neben Evas hagerem ausgenommen; […]

Annegret überliess sich dem schmerzenden Gefühl, das in ihr aufkam, schob es nicht weg. Das hatte sie gelernt in den Jahren nach Alfreds Tod.

Das Ringprojekt nimmt eine eigene Dynamik an und zieht die einzelnen Figuren immer tiefer in einen Strom, der sie einerseits zu sich selber und ihren oft unterdrückten Gefühlen und Gedanken führt, dabei aber auch auf ein Ziel hinsteuert, das so nicht voraussehbar war.

 Aus den verschiedenen Perspektiven der Teilnehmenden des Ringprojekts wird eine Geschichte erzählt, die sich am roten Faden der „Ring der Nibelungen“ orientiert und dann die Auseinandersetzung jedes einzelnen mit Wagners Stück sowie dessen Wirkung auf sich selber aufzeigt. Es wird ein Panoramablick in die Seelenleben jedes einzelnen, der die tiefgreifende Dynamik zwischen den Protagonisten offenlegt.

Karin Nohr gelingt es, die psychologischen Innenschauen und auch Abgründe der jeweiligen Figuren ohne Pathos darzustellen, sachlich, fein, leise, trotzdem so, dass man sich darin wiederfindet, sie nachvollziehen kann.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen. Ich kann es empfehlen.

Zur Autorin
Karin Nohr
Karin Nohr, geboren in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Nach jahrelanger Therapietätigkeit entschied sie sich, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Karin Nohr hat eine Tochter und lebt in Berlin und im Wendland. Neben verschiedenen Fachbüchern sind von ihr erschienen Herr Merse bricht auf (2012) und Vier Paare und ein Ring (2013).

NohrRingAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (18. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3813505269
Preis: EUR  19.99 / CHF 31.90

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Frau P.

Ich habe einen Hund. Wie es sich für Hunde so ziemt, muss der zu geregelten Stunden sein Bein heben können (er ist ein Rüde, sonst würde sie sich hinkauern, was Rüden ab und an auch tun, wenn sie kastriert sind, ich hatte mal so ein Exemplar, welches das Beinhebepinkeln nie lernte, was aber weit von meinem jetzigen Rüden entfernt ist, der von klein auf sein Bein gen Himmel streckte, anfangs beim Hochrecken umpurzelte und auf dem Rücken landete, was erneute Beinhochstreckpinkelversuche nicht vereitelt hat).

Wir leben hier in der Grossstadt (für die Schweiz ist Zürich gross, im internationalen Vergleich wäre es ein Dorf, was es von der Mentalität her auch hier ist, auch wenn gewisse die Nase in die Luft streckende Exemplare der Gattung Mensch das gerne anders darstellen würden), so dass niemand niemanden kennt (aber man weiss doch alles über die andern, weiss, welche Pyjamas sie tragen, weiss, wann sie ihre Hunde ausführen, dass ihr Freund jedes Wochenende kommt, sie sich gerade getrennt haben, das Kind endlich gekommen ist und die Frau noch immer kugelt – und es soll mir niemand sagen, das sähe nur ich, weil  mein Schreibtisch so steht, dass ich alles im Blick habe und das im Blick befindliche auch förmlich aufsauge, die andern wären nicht im Bild).

Eines Tages gehe ich also mit besagtem Hund raus, er hebt in seiner mühsam erlernten Manier sein Bein, pinkelt sich dabei nicht mal ins Fell (oft hebt er das Bein so hoch, dass das Pinkeln nur über sein eigenes Fell runter passieren kann – Gravitationskraft lässt grüssen) und wir machen uns wieder auf den Heimweg. Schon von weitem sehe ich eine ältere Dame, sie hat etwas Distinguiertes an sich (das Wort distinguiert passt so schön zu ihr, ich hätte ja herausgeputzt gewählt), goldene Ketten, toupierte Haare. Sie sieht meinen Hund, ein Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht.

Kaum ist sie in greifbarer Nähe (damit ist die Distanz zwischen ihren Armen und meinem Hund gemeint) bückt sie sich nieder, krault den vor Freude sich fast in einen Salto werfenden Hund, spricht mit ihm, ich sehe nur noch den gebeugten Rücken und die von hinten toupierten Haare, warte geduldig, dass sie sich wieder aufrichtet. Das tut sie in der Tat irgendwann, schaut mich an, entschuldigt sich, findet, Tiere seien aber auch zu toll, vor allem, wenn man Menschen kennt (das denke ich auch ab und an, frage mich dann aber, ob ich das so sagen kann und ob es nicht zu abgedroschen und pessimistisch klingt) und stellt sich als Frau P. vor (ich schreibe den Namen aus Personenschutzgründen nun nicht aus, mir ist er natürlich bekannt, da besagte Dame im Haus neben mir wohnt, was nicht heisst, dass ich den Namen daher kenne, aber sie hat ihn mir ja genannt).

Fortan sehe ich Frau P. öfters, stets begrüsst sie erst meinen Hund, den sie seit dem ersten Treffen „Schätzeli“ nennt (was umso verwunderlicher ist, als sie Deutsche ist und –li eine typische Schweizerendung), danach mich. Ich trage es ihr nicht nach, zumal ich meinen Hund selber als unwiderstehlich und zuckersüss empfinde und ich es des weiteren einfach nur toll finde, in dieser so anonymen Grossstadt nun Frau P. zu kennen, die sich spontan als Hundesitterin angeboten hat und die bei jedem Treffen ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert.

Peter Cameron: Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn

Eine merkwürdige Geschichte mit merkwürdigen Leuten

Die junge Krankenschweste Coral Glynn kommt in das herrschaftliche Hart House, um die alte, krebskranke Mrs Hart zu pflegen. Vor Ort trifft sie auf deren Sohn, den vordergründig gut aussehenden, unter der kleidenden Oberfläche aber kriegsversehrten Major Hart, seines Zeichens Junggeselle, sowie auf die Haushälterin Mrs Prence. Schon nach kurzer Zeit stirbt die Patientin. Damit könnte der Aufenthalt von Coral Glynn in Hart House vorbei sein, wenn nicht Major Hart aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag machte, was umso verwunderlicher erscheint, da die beiden kaum ein Wort miteinander gewechselt haben bis anhin. Dazu kommt, dass weder Carol Glynn noch Major Hart sich in der Gegenwart des anderen wohl zu fühlen scheinen.

Sein versehrter Körper disqualifizierte ihn als Liebhaber und somit auch als Gatten, und bei der Aussicht, Liebe und Ehe sowie den sie begleitenden Qualen und Verwirrungen zu entgehen, erfüllte ihn tiefe Erleichterung. Der Major war fest überzeugt, unwiderruflich aus der Welt intimer Beziehungen ausgeschlossen zu sein, und empfand dies als Gnade, weil er sich in Gesellschaft, vor allem von Frauen, stets unwohl gefühlt hatte.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, die Ehe wird geschlossen, die Gründe dafür sind undurchsichtig wie die Charaktere selber. Psychologische Innensichten und Erklärungsversuche bleiben eher unfassbar und unverständlich – für die Romanfiguren selber und den Leser. Erste Wolken zeigten sich schon vor der Eheschliessung, verdichten sich am Tag derselben und brechen in der Nacht vollends auf. Coral zieht nach London und beginnt ein neues Leben. Die ganze Geschichte handelt generell von vielen verschiedenen neuen und alten Leben verschiedener Personen. Nicht immer ist klar, was sie alle miteinander zu tun haben, die Leben wie die Personen.

Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn ist eine merkwürdige Geschichte voller merkwürdiger Menschen. Der Plot ist schulbuchmässig aufgebaut, erstes Hoch bei der Eheschliessung, anschliessender Tieffall, langsames Aufrappeln, kurze Dramatik kurz vor Schluss und finales Happy End. Dieses ist allerdings anders als man es sich denken würde oder könnte, es scheint eher weit hergeholt, wirklich happy wirkt irgendwie auch niemand.

Die Charaktere bleiben durch die Geschichte hindurch merkwürdig blass und farblos, man kann sie nicht fassen und sich schon gar nicht mit ihnen identifizieren. Die Dialoge sind gestammelt unsicher, wobei die Unsicherheit nicht nur in den Figuren selber zu liegen scheint, sondern beim Erzähler zu suchen ist. Was für einen alltäglichen Dialog zwischen unsicheren Menschen in der Realität durchgehen mag, wirkt in einem Roman eher schwach und unbeholfen.

Die Geschichte wimmelt von merkwürdigen Menschen. Neben den für sich schon sehr verworrenen Protagonisten wären da die Freunde des Majors Hart, ein Ehepaar, das in einem Sammelsurium von kuriosen Möbeln lebt. Sie trinkt zuviel, plaudert dabei unentwegt und verdrückt zu allen Gelegenheiten Tränen, er ist eigentlich schwul und dem Major zugetan, trotzdem findet er sich plötzlich im Bett seiner Ehefrau wieder, die – wie könnte es anders sein – weint, weil er sie wieder mal beehrt. Die Haushälterin wird zum klischeemässigen Hausdrachen. Ein Mord bringt Spannung in die ganze Geschichte, Flucht, Verrat, eine brennende Sexszene sollen den Leser bei der Stange halten.

Trotz all der offenkundigen Mängel, trotz der unglaubwürdigen Geschichte, der flachen Charaktere, der farblosen Beschreibungen der Schauplätze, Landschaften und Szenerien, trotz des unwahrscheinlichen Handlungsablaufs ist es kein Buch, das man einfach auf die Seite legen will. Man möchte wissen, wie diese Aneinanderreihung von Merkwürdigkeiten zu Ende geht, welchen Schluss sie findet. Es darf verraten werden, dass das Ende nicht minder merk- und fragwürdig ist als der ganze Rest des Buches. Zurück bleiben viele Fragezeichen, eine gewisse Erleichterung, dass man durch ist und trotz allem ein Lächeln ob so viel Merkwürdigkeit.

Fazit:
Es ist merkwürdig: Literarisch gesehen kann ich es nicht empfehlen, und doch, merkwürdigerweise, war es merkwürdig erheiternd.

Zum Autor
Peter Cameron
Peter Cameron wurde am 29. November 1959 in New Jersey geboren und ist ebenda und in London aufgewachsen. Er hat am Hamilton College in New York einen B.A in Englischer Literatur gemacht und lebt heute als Schriftsteller in New York. Für seine Werke erhielt er  zahlreiche Auszeichnungen. Von ihm erschienen sind unter anderem Das Wochenende (1998), Die Stadt am Ende der Zeit (2004), Du wirst schon noch sehen wozu es gut ist (2008), Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn (2013).

cameronglynnAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (9. April 2013)
Übersetzung aus dem Englischen: Henning Ahrens
ISBN: 978-3813504774
Preis: EUR  19.99/ CHF 31.90

 

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Charles Baudelaire (*9. April 1821)

Charles Baudelaire kam am 9. April 1821 in Paris als Kind eines wohlhabenden, kunst- und literaturliebhabenden ehemaligen Verwaltungsbeamten und dessen viel jüngeren englischen Frau zur Welt. Als Charles sechs Jahre alt ist, stirbt sein Vater und seine Mutter wendet sich einem sehr autoritären und karriereorientierten Offizier zu, was für den kleinen Baudelaire eher traumatisch war. Der Wechsel vom musischen Zuhause zur Drillstätte, dazu häufige Umzüge führten dazu, dass sich Charles Baudelaire immer mehr zurückzog und aus einem Gefühl der Wurzellosigkeit und mangelnden Anschlusses zu Depressionen neigte. Dass man ihn auch noch in ein Internat steckte, liess ihn vollends aus dem Ruder laufen, er flog wegen seines schwierigen Verhaltens von der Schule.

Nach seinem trotzdem geglückten Schulabschluss schrieb er sich für ein Jurastudium ein, dies allerdings nur auf Drängen seiner Eltern. Selber wollte er Schriftsteller werden und bewegte sich in den entsprechenden Kreisen der Literaten- und Künstler-Bohème in Paris.

Ab 1838 schrieb Baudelaire Gedichte, was aber für den Lebensunterhalt nicht ausreichte. Er verschuldete sich. Als ob das des Unglücks nicht genug gewesen wäre, steckte er sich bei einer Prostituierten auch noch mit Syphilis an.

Die enttäuschten und sich schämenden Eltern schickten ihn auf Schiffsreise – weit weg mit dem Makel. Statt auf den Pfad der Besinnung zu gelangen, schrieb er weiter Gedichte, inspiriert von seinen Reiseerlebnissen.

Kaum zurück schloss er sich wieder seinen alten Kreisen an, nutzte das ihm mittlerweile stattliche Erbe seines Vaters, um sein Leben als Dandy zu finanzieren. Seine Geliebte, die Schauspielerin Jeanne Duval, half ihm zusätzlich, sein Geld unter die Leute zu bringen, bis es der besorgten Familie Charles Baudelaires zu bunt wurde und sie ihn unter die finanzielle Vormundschaft eines Notars stellten.

Sein sowieso eher depressives Gemüt hielt dieser Schmach nicht stand, er versuchte, sich das Leben zu nehmen, was aber nicht gelang.

Von seiner Schriftstellerei konnte er zeitlebens nicht leben, ein paar Gedichte an Zeitschriften,  zwei Novellen, einige Dramenentwürfe, daneben unvollendete Skizzen für weitere Prosatexte reichten dazu schlicht nicht aus. Einzige Beachtung fanden seine Berichte über Kunstausstellungen, die von Kompetenz zeugten. Das alles war seinem depressiven Gemüt nicht zuträglich, die Neigung blieb stets Teil seines Lebens, seines Seins.

Sein herausragendstes Werk dürfe Les Fleurs du Mal sein, das 1857 veröffentlicht wurde. Les Fleurs de Mal ist eine Sammlung von 100 Gedichten, die schon früher entstanden und auch publiziert, nun nach Themen geordnet als Ganzes erschienen. Den hier versammelten Gedichten ist eine Stimmung eigen, die von Melancholie zeugen, von Dunkelheit und gar Hässlichkeit.

Zwar kam Baudelaire durch dieses Werk zu einiger Bekanntheit, seine finanzielle Situation verbesserte sich nicht. Sämtliche Versuche, dies zu ändern, scheiterten, dazu kamen noch gesundheitliche Probleme. 1866 kam er nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim und starb 1867 in einer Pariser Klinik.

Baudelaire und die Décadence

Dem Vorwort Théophile Gautiers in der Ausgabe von Fleurs du mal von 1868 zufolge steht Baudelaires Dichtkunst für den Sieg einer neuen Kunst und den Stil der Décadence, welcher Produkt und Widerspiegelung einer alternden Kultur ist. Moralische Wertmassstäbe werden abgewertet und treten ein gegen das bürgerliche Nützlichkeitsdenken, das in der Kunst nichts zu suchen hat. Dichtung will ihre eigene Wirklichkeit produzieren, einen künstlerischen Mikrokosmos, welcher nur ästhetischen Massstäben, nie aber Nützlichkeitserwägungen genügen soll. Ein neues ästhetisches Konzept entsteht, in welchem die sprachartistische Gestaltung Vorrang hat vor der Inhaltsebene, Schönheit wird zum Gegenbegriff der Nützlichkeit. Schön ist nur, was nicht nützlich ist und was nützlich ist, ist hässlich, weil es als Ausdruck von Armut, Bedürftigkeit und Unvollkommenheit der menschlichen Natur gesehen wird. Ästhetik vor Moral und Nützlichkeitserwägungen heisst die Parole.

Die Poetizität der Sprache erhebt Dichtung über blosses Mitteilen, nicht mehr Imitation der Natur ist Thema der Kunst, sondern Imitation der Kunst. Dies führt zu einer Art kunstinterner Kommunikation, indem nämlich ein Kunstwerk (Dichtung) nicht mehr mit der Erfahrungswirklichkeit kommuniziert, sondern eine Reaktion auf eine bereits gestaltete Kunstwirklichkeit darstellt. Dadurch entsteht ein alle Künste umfassender intertextueller Verweiszusammenhang. Décadence bedeutet so gesehen eine ästhetische Gegenposition zur Klassik, sie ist eine Ausdrucksform neuer Bedürfnisse einer spätzeitlichen Zivilisation, in der das Künstliche an die Stelle des natürlichen Lebens tritt.

Baudelaires Fleurs du mal zeigen den Stil der Décadence als einen Stil, der nicht realistisch darstellen will, sondern einen eigenständigen Kunstkosmos zum Ziel hat, welcher in der Erfahrungswirklichkeit nur den Anstoss, nicht aber die Vorlage findet. Damit, so liest man bei Théophile Gautier, ist Baudelaire ein Dichter, welcher für die Autonomie der Kunst eintritt, der darauf abzielt, die Gegenstände der alltäglichen Realität hervorzuheben und sie sogleich in eine ästhetische Welt einzuführen. Durch die Integration der Gegenstände in die Dichtung machen sie eine sprachliche Metamorphose durch und bekommen dadurch einen Status in der Kunst, der nicht mehr ihrer wirklichen Identität entspricht.

Kurz gesagt: Kunst ist blosse Ästhetik weg von moralischen oder utilitaristischen Wertmassstäben. Sie transformiert die Gegenstände des wirklichen Lebens in künstliche Objekte, so dass die Künstlichkeit an Stelle der Natürlichkeit ans Tageslicht kommt und dargestellt wird. Zusammengefasst lassen sich aus Baudelaires Aussagen über die literarische Décadence vier zentrale Gegensatzpaare aufzeigen: Ausdruck statt Inhalt, Kunst vor Natur, Seltsames statt Hergebrachtes, Verdichtung statt Unmittelbarkeit.

Werke Charles Baudelaires u.a.:

  • Les Fleurs du Mal (1857; dt. Die Blumen des Bösen)
  • Théophile Gautier (1859)
  • Les paradis artificiels, opium et haschisch (1860; dt. Die künstlichen Paradiese)
  • R. Wagner et Tannhauser à Paris (1861)

Das eigene Leben leben

So, es reicht. Ich habe mich immer redlich bemüht, lieb und nett zu sein, es allen recht zu machen. Ich habe Kohlen aus dem Feuer geholt, den Kopf hingehalten, Dinge gerade gerückt, die andere verbockt haben und am Schluss selber eins auf den Deckel gekriegt. Ich stand schon als Kind brav beim Examen, um dem Vater keinen Kritikpunkt zu liefern, wurde dann dafür gescholten, dass ich neben dem stand, der doof tat. Irgendwas ist immer, irgendwas stösst an. Allen macht man es nie recht.

Wieso will man eigentlich auf Gedeih und Verderb gefallen? Irgendwann hat man mal gelernt, dass man nur gut genug ist, wenn man das tut, was von einem erwartet wird. Die Problematik an dem Unterfangen ist nur, dass man

  1. nie genau weiss, was erwartet wird, das unterliegt der eigenen Findungsgabe, es erraten,
  2. nie weiss, wie der andere interpretiert, was man tut, das unterliegt, seiner Wahrnehmung,
  3. alles oft ganz anders kommt, als man sich das ausmalt.

Das Resultat beim Gefallenwollen sind meist Frust, Trauer, Wut – zumindest nichts Gutes und das bei allen betroffenen Seiten. Und trotzdem macht man weiter. Man denkt, dass es irgendwann gelingen muss, man sich nur nicht richtig angestellt, sich nicht genug bemüht hat. Und läuft immer wieder ins selbe Aus.

Wozu eigentlich? Hätte ich damals in der Schule mit dem Nachbarsbub die Sau rausgelassen, hätte ich wenigstens Spass gehabt. So wurde ich für etwas getadelt, wofür ich nichts konnte und hatte noch das ständige Gefühl, was zu verpassen.

Wieso soll ich den netten Mann von nebenan nicht anflirten, wenn er eine Frau hat? Ist er treu, ist es ein Spiel, ist er’s nicht, kriegte ihn sonst die Dritte, die sich traut, was ich aus sogenannt moralischen Rücksichtnahmen unterlasse. Wieso soll ich mein Glas Wein nicht trinken und das zweite noch dazu? Spiesser nennen es ungesund, ich habe Spass. Und wer von uns zuerst die Kurve kratzt, das zu entscheiden liegt eh nicht wirklich in unserer Hand – und auch sonst bei keinem, der uns nicht gerade mutwillig umbringt. Das Leben hat seine ungeschriebenen Gesetze, die menschlichen Versuche, denen auf religiösem, wissenschaftlichem oder esoterischem Wege beizukommen, sind eher der Sinn suchenden Verzweiflung denn dem Glauben an Erfolg gewidmet.

Ich denke an all die Menschen, die frisch fröhlich durchs Leben gehen, sich nehmen, was sie wollen, lügen, betrügen, opportunieren, wenn es ihnen in den Kram passt. Ich denke, was für eine Freude im Leben sie haben müssen, können sie tun und lassen, wie ihnen beliebt, wie es ihnen nützt, ohne Rücksicht auf Verlust. Frei nach dem Motto „Mir gehört die Welt und ich nehme sie mir“. Sollten sie je vom hohen Ross fallen, haben sie den Ritt bis dahin genossen, bleiben sie im Sattel, überspringen sie sämtliche Hürden.

Kürzlich sah ich einen Vortrag eines Neurowissenschaftlers und Psychologen. Er erzählte von einem Experiment, in welchem aufgezeigt wurde, dass kleine Babies zu altruistischem Verhalten neigen (sie neigen nicht nur, sie sitzen voll und ganz drin in dem Altruistentopf), erst das Wahrnehmen der Aussenwelt, die Adaption von Vorbildern dazu führe, egoistische Tendenzen auszubilden, sie sich anzueignen. So gesehen wäre jeder Altruist, der auf puren Egoismus verzichtet, schlicht lernresistent. Er hat es verpasst, sich von der Aussenwelt die überlebensnotwendigen egoistischen Tendenzen abzuschauen, die es später erleichtern, über Leichen zu gehen.

Was also tun? Pflicht oder Kür? Der Wunsch nach der Emanzipation vom Urteil von aussen, die Sehnsucht nach der eigenen Grösse, das zu tun, was gerade beliebt, ist gross. Einfach mal die Sau rauslassen, einfach mal den eigenen Weg gehen, fernab von allen Konventionen, Zwängen, Erwartungen. Im Wissen, immer noch geliebt zu sein, akzeptiert zu sein, wenn man ist, wie man ist und sein will. Einfach mal da stehen und wissen, man ist gut, wie man ist, und wer das nicht sieht, kann gehen. Man selber bleibt. Genau so. Der Wunsch bleibt, er fühlt sich gut an. Und doch hat er Grenzen. Sie sind da, wo andere leiden. Wirklich leiden. Nicht weil ihre überzogenen Erwartungen, die nur eigenem Egoismus entsprangen, verletzt werden, sondern weil man ohne Rücksicht auf wirkliche Verluste in ihre Welt eindrang, diese verletzte.

Also doch bleiben, was man zögerlich ist, der ständige Versuch, zu gefallen? Bei Weitem nicht. Augen auf und hinschauen lautet die Devise. Wer bin ich und wo will ich hin? Wieso soll das jemand anders für mich entscheiden? Es ist mein Leben, ich habe nur das eine. Andere geben Tipps und behaupten, alles besser zu wissen, leben lassen sie es doch mich. Wieso nicht gleich das tun, was ich will, wenn ich es sowieso selber tun muss? Dabei aber nie vergessen, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Glück hat und mein Weg nicht zwangsläufig durch das Gebiet des andern gehen muss. Glücklich sein, weil andere leiden kann man nur, wenn man die Augen verschliesst vor dem wirklichen Leben. Ich muss mein Leben nicht nach den Erwartungen anderer richten, kann aber auch nicht erwarten, dass sie mein Leben durch ihr Leid mittragen. Würde jeder so denken, entstände ein Miteinander von selbstbestimmten, das eigene Ich lebenden Menschen.

Friede? Mit sich und den anderen? Alles blosses Hirngespinst und Utopie? Nachtgedanken einer heillosen Idealistin?

8. April – Holocaust-Gedenktag

Fast 70 Jahre sind vergangen seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Traurige Opferbilanz dieses Krieges waren geschätzte sechs Millionen Juden, Sinti, Roma und alle, die dem nationalsozialistischen System nicht genehm oder wohlgesinnt waren. Neben dieser immensen Zahl gibt es eine grosse Zahl von Mitbetroffenen, von Überlebenden, die Zeit ihres Lebens gezeichnet und geprägt sind durch diese Ereignisse.

Immer wieder werden Rufe nach einem Schlussstrich laut. Es müsse auch mal gut sein, man solle wieder nach vorne schauen. Man wolle nichts mehr von Schuld und Wiedergutmachung hören, die Last der Vergangenheit ablegen. Begreiflich, denn sie drückt – auf allen Seiten. Und doch kann man sie nicht einfach abstreifen wie eine abgestorbene Haut. Sie ist da und sie hat ihre Äste bis in die heutige Zeit ausgestreckt, wirkt noch immer nach. Noch immer gibt es Überlebende, die Zeugen dieses historischen Unrechts waren. Noch immer gibt es Menschen, in denen die Erinnerung daran nachwirkt. Und wenn sie alle gestorben sind, lebt die Geschichte in ihren Nachkommen weiter. Eine Vergangenheit, die nie vergeht, nie vergehen soll und darf.

Ein Unrecht, das so gross war wie die systematische Vernichtung von als unwerte Menschen Betrachteten darf nicht einfach vergessen werden. Nicht nur hat der Zweite Weltkrieg mit seinen Todesmaschinerien eine Grössenordnung und Systematik angenommen, die selten ist, er hat durch seine Grössenordnung auch innerhalb Europas, sogar darüber hinaus, neue Weichen gesetzt. Völkermord wurde definiert (vor kam er schon früher, man denke an Armenien), Menschenrechte formuliert und verabschiedet, Konventionen ins Leben gerufen. Die nationalen Gesetze wurden um Grundrechte erweitert, die dabei helfen sollten, Menschengruppen nicht mehr solchen vereinheitlichenden Verurteilungen und Unterdrückungen auszusetzen.

Perfekt ist die Welt nicht geworden, vieles wurde auch wieder vergessen. Manche möchten heute lieber schweigen, manche nicht mehr dran denken, was mal war. Man hat genug gebüsst, man hat genug gedacht. Einige streiten sogar ab, dass überhaupt mal was war, sie leugnen schlicht die Vergangenheit. In meinen Augen ein Schritt zurück und die Weiterführung der Taten damals. Wenn wir nicht mehr erinnern, was war, töten wir die Menschen ein zweites Mal, denn wenn sie auch in der Erinnerung ausgelöscht sind, haben diese quasi nie existiert. Ein Verschweigen dessen, was damals war kommt einem erneuten Unrecht gleich. Man nimmt einem Volk seine Identität, die zu einem grossen Teil auch aus diesem historischen Unrecht besteht. Geschichte ist immer Basis der personalen sowie der kollektiven Identität. Die Geschichte zu verschweigen oder gar zu verleugnen greift genau diese Identität und damit den Kern des Menschen und dessen Zugehörigkeit an.

Ein Tag, sich all dessen wieder bewusst zu werden. Und es im Bewusstsein zu behalten.

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Vgl. dazu auch Moralische und rechtliche Folgen von Genozidleugnung

 

Lucie Flebbe – Nachgefragt

FlebbeLucieLucie Flebbe wurde 1977 in Hameln geboren. Bereits mit 14 Jahren verfasste sie ihren ersten belletristischen Text, Die Geschichte eines Rennpferdes, welchen sie in einem spanischen Verlag veröffentlichen konnte. Lucie Flebbe ist Physiotherapeutin und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief wurde sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis als beste Newcomerin ausgezeichnet. Von ihr erschienen sind bislang unter anderem Der 13. Brief (2008), Hämatom (2010), Fliege machen (2011), 77 Tage (2012), Das fünfte Foto (2013).

Lucie Flebbe hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu ihrem Schreiben zu beantworten.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe schon immer, habe schon als Kind davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Allerdings habe ich es nicht geschafft, wirklich daran zu glauben, dass das klappen könnte. Deshalb habe ich nach dem Schulabschluss erst einmal eine ‚solide‘ Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht. (Im Nachhinein keine schlechte Voraussetzung für den Beruf der Krimi-Autorin, denn durch die medizinischen Vorkenntnisse weiß ich natürlich, welche Mordmethode den gewünschten Erfolg bringen könnte 😉 ).

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich glaube, eine gewisse Veranlagung muss vorhanden sein. Für Menschen, die sich quälen müssen, um einen halbseitigen Aufsatz aufs Papier zu bringen, kann ein Dreihundert-Seiten-Roman leicht zur Folter werden.

Doch ein druckreifes Manuskript fertigzustellen, hätte ich ohne das notwendige Handwerk nicht geschafft. Ich habe ja über zwanzig Jahre an meinem Stil gearbeitet, bevor mein Debüt „Der 13. Brief“ 2008 im Dortmunder Krimiverlag Grafit erschien.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?


Ich weiß, lange bevor ich die Idee zu einer Geschichte habe, welche Themen mich interessieren und sammele schon mal prophylaktisch Information.

Am Schauplatz meiner Geschichte – in Bochum – recherchiere ich erst, wenn ich die Geschichte bereits im Kopf habe und weiß, welche Orte ich mir ansehen will. Durch die Vor-Ort-Recherche verändert sich die Handlung meist noch einmal grundlegend.

 

Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Wie gesagt, beschäftigt mich eine interessante Thematik meist lange bevor der Gedanke an ein Buch entsteht.

Die Idee, mit der die Geschichte beginnt, entsteht oft aus einer Kleinigkeit heraus. Bei meinem zweiten Krimi „Hämatom“ war es zum Beispiel eine Magentablette.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Als Mutter von einigen, kleinen Kindern ist meine Freizeit momentan begrenzt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Sind Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?


Meine Ich-Erzählerin – die Detektiv-Azubine Lila Ziegler – ist natürlich die Figur, mit der ich mich seit über zehn Jahren eindeutig am meisten beschäftige. Allerdings kann ich nicht behaupten, dass wir uns besonders ähnlich sind. Eher ist Lila mittlerweile zu so etwas wie meinem ‚zweiten Ich‘ geworden, weil ich sehr viel Zeit damit verbringe, die Welt durch die Augen einer unkonventionellen 20-jährigen zu betrachten.

 

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was sie auch am liebsten lesen oder ist es die Freude, das ausleben zu können, was man im realen Leben eher unterdrückt?

Der Krimi bietet mir als Autorin sehr viel Freiraum für eigene Ideen. Ich schreibe über das, was mich selbst bewegt, egal ob es Putzfrauen, obdachlose Jugendliche, Seeungeheuer oder Serienmorde sind. Die Thematik kann sehr ernst, sozial oder eher unterhaltsam, wie in „Das fünfte Foto“, sein. Der Krimi setzt meiner Fantasie keine Grenzen.

Das fünfte Foto spielt im Schrebergartenmilieu und handelt von Kleinstadtidylle (mehr vordergründiger als wirklicher) – Wollen Sie ihrer Nachbarschaft etwas sagen damit?

Nein, die Figuren sind ja alle frei erfunden – und einige davon sind ja auch ziemlich schräge Gestalten. Die meisten finde ich selbst interessant und auf ihre Art sympathisch.


Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ein Buch sollte meinen Horizont erweitern, mir eine neue Sicht auf Dinge ermöglichen. Besonders gefallen mir die psychologischen Romane, die Agatha Christie unter dem Pseudonym Mary Westmacott veröffentlicht hat.


Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Eines reicht mir: Anders ;-).

Ich bedanke mich herzliche für diesen offenen und persönlichen Einblick.

Wände

Ab und an verreisen meine Gedanken einfach. Ferien machen sie dabei nie, im Gegenteil, sie laufen auf Hochtouren. Sie drehen sich um die Themen, die bewegen, laufen dabei nie rund, sondern ecken an. Und immer, wenn sie wieder stocken, drehen sie noch mehr, weil sie diesen Stau überwinden wollen, sich nicht damit abfinden können, dass es nicht weiter geht. Und man sitzt drin im Strudel und sieht ihn drehen und fragt sich wo er endet. Und ab und an sieht man das Ende, das man haben will und sieht den Weg nicht und sieht das Drehen und fragt sich, wie es aufhören könnte und einfach auf das Ziel zugehen, das richtig wäre.

Doch die Gedanken sind frei und will man sie packen, entziehen sie sich, wie Fische mit glitschigen Schuppen, wie Schmetterlinge im grossmaschigen Netz. Man weiss, man kann sie nicht aufhalten und alles Beschwichtigen  hilft nicht. Alles Ablenken wird nicht zur Erleichterung, sondern zur Qual, weil man den Weg des Drehens als noch länger sieht durch die Unterbrechung. So schwer das Drehen fällt, so wichtig ist es, weil man das Ziel will, das so fern scheint und doch so präsent. Und man denkt sich die  verschiedenen Möglichkeiten und sieht sie klar, so klar, dass man sie nur noch ergreifen müsste und doch kann man es nicht, weil man gegen unsichtbare Wände prallt.

Die Wände sind alt, sie sind errichtet durch die Zeit. Die Zeit der Entbehrungen, die Zeit der Entfremdungen, die Zeit der Abwertungen durch einen selber, durch die anderen, durch niemanden als Gefühle, die als nicht genügend werteten, als nicht ausreichend, nicht fähig, unfähig. Es sind Wände, die den Fluss der Gedanken stoppen und den Weg zum Ziel versperren. Wände, die so hoch sind, dass sie unüberwindbar scheinen und doch will man nicht aufgeben, weil man weiss, dass auf der anderen Seite eigentlich das wäre, was man will, was man muss, ohne das man nicht ist, was man sein will, sein kann, ist. Wäre wenn. Man sie überwände. Die Wände.

Rollenspiele

Wer bin ich, was macht mich aus? Diese Frage ist wohl eine der zentralen im Leben. Oft kann man sie nicht abschliessend beantworten und beruft sich auf einzelne Rollen, die man spielt. Man ist Mutter, Hausfrau, Leseratte, Frau, Buchhalterin, Polizistin, heisst Corinne, vielleicht auch Chantal. Vielleicht ist man auch Mann und heisst Paul, ist Versicherungsvertreter, homosexuell oder Buddhist. Oder alles miteinander? Und was davon ist nun das Ich? Was zählt in all dem, worauf liegt der Schwerpunkt?

 

Wir alle entwerfen für uns selber ein Bild von uns, wie wir uns sehen und noch eines, wie wir gerne wären. Problematisch wird es, wenn die beiden Bilder weit auseinander klaffen und ebenso schwierig ist es, wenn eine der von uns als zentral erachteten Rollen wegfällt. Wenn die Arbeit aufhört, die Kinder ausfliegen – die Welt gerät ins Schwanken und man hat sich selber verloren mit dem Wegfall der Rolle. Was bleibt, wenn das Zentrale weicht?

 

Das nächste Bild, das wir zeichnen, ist das nach aussen. Wir stellen uns dar, geben gewisse Dinge preis, andere eher nicht. Wir stellen uns vor und zeigen uns dann von „unserer guten Seite“ – oder gerade umgekehrt, wenn wir im Sturm-und-Drang-Alter sind voller Rebellion und Aufstand. In irgendeiner Form positionieren wir uns zur Welt und machen so oder so immer dasselbe: Wir reagieren auf das Aussen in einer Form, die wir diesem Aussen angemessen erachten.

 

Im Zeitalter des Internets sind diese eingenommenen Rollen noch viel relevanter geworden. Man tummelt sich auf Plattformen und wird überall gefragt, wie man heisst, was man arbeitet, was man mal gearbeitet hat, ob man eine Beziehung hat und sogar, ob die schwierig ist. Man presst sich in Rollen, um dadurch in die dazugehörige Schublade zu passen. Wenn das eigene Bild nicht nach aussen soll, nimmt man sich ein Pseudonym und schreibt nicht mehr als Charlotte, sondern als Susanne. Von aussen erscheint ein neuer Mensch. Es lebe die Welt des Rollenspiels. Was echt ist, was nicht, die Grenzen sind schwimmend. Worauf kann man noch vertrauen? Sind wirklich alles nur noch gespielte Rollen? Schöne neue Welt.

 

Rollen geben Halt und bieten wohl auch Schutz. Indem ich mich zu einer Rolle bekenne, mich mit ihr identifiziere und mich nach aussen in ihr zeige, gebe ich den anderen etwas in die Hand, woran sie mich messen können. Ich weiss dadurch, was sie von mir erwarten, weil sie sich auf diese eine Rolle stürzen und mich als diese nehmen. Oft schmerzt das mit der Zeit, weil man sich nur einseitig wahrgenommen sieht und merkt, wie viel von einem selber dabei auf der Strecke bleibt. Auch Dinge, die einem wichtig wären, die aber nicht mehr zum Tragen kommen. Es kann auch schwierig sein, wenn man sich der eigenen Rolle dann und wann nicht gewachsen fühlt oder fürchtet, man könnte sie irgendwann nicht mehr ausfüllen. Was dann? Wer wird einen dann noch wahrnehmen? Das war doch das einzige, was man nach aussen kundtat, so wurde man gesehen. Was also, wenn die Schublade nicht mehr passt, man herausfällt? So gesehen können Rollen auch Druck erzeugen, sie können förmlich erdrücken. Schlussendlich ist jede Schublade auch nur eine bessere Holzkiste und man schafft sich damit quasi selber den Sarg, der irgendwann im selbst geschaufelten Grab versinkt.

 

Wer also bin ich? Sicher immer mehr als meine Teile und sicher etwas anderes als ein durch wenige Stichworte oder Rollen beschriebenes Bild. So lange ich mich hinter einer Rolle verstecke, mich mit Namen oder Berufsbezeichnungen verkaufe oder gar profiliere, muss ich mich nicht wundern, wenn keiner mich wirklich sieht. Das mag ab und an toll sein, oft gar eine Ahnung von Versteckspiel, Schauspielerei, vielleicht sogar Überlegenheit vermitteln, ob das tief drin wirklich ausfüllt, bleibt dahin gestellt.

Lucie Flebbe: Das fünfte Foto

Die neugierigen Nachbarinnen sind besorgt, weil Bine Kopelski seit Tagen nicht mehr gesehen wurde, nachdem es zu einem Streit mit ihrem eher grobschlächtigen Mann gekommen war. Dass sogar Blut in der Küche der Verschwundenen gesehen wurde, verschärft die Unruhe noch. Ben Danner und Lila Ziegler, Privatdetektive und ungleiches Paar, sollen Licht in die Sache bringen. Ihre Ermittlungen führen sie in eine Schrebergartenkolonie, konfrontieren sie mit Lamas, an Dinosaurier erinnernde Schildkröten und aus Jugendzeiten stammende Kleinstadtrivalitäten. Schon bald gibt es mehrere mögliche Täter und mehr mögliche Opfer. Die Lage spitzt sich zu.

Das fünfte Foto ist ein solide gestrickter Krimi, der mit Witz und einem Augenzwinkern erzählt wird. Er hat einige sehr gut aufgebaute Spannungsmomente, setzt daneben aber auf die ganzen Klischees von Bier trinkenden Exhäftlingen und philosophische Fragen über gut und böse.  Ganz nebenbei gelingt es Lisa noch, ihre traumatische Vergangenheit zu bewältigen und ihre Beziehung zu durchleuchten.

Nicht ganz nachvollziehbar ist in dem Krimi die Begründung der Polizei, wieso sie nicht ermittelt. Eine verschwundene Frau und Blut in der Küche wäre Grund genug. Ebenso unrealistisch ist, dass aus einem durch ein Handy abfotografierten Bild plötzlich ein Video entsteht. Des Weiteren ist der ständige Hinweis auf Danners Exfreundin, die nun stellvertretende Polizeipräsidentin ist, für den Handlungsablauf irrelevant, zumal es nie über einen Hinweis ohne Tiefe hinausgeht.

Trotz alledem ist Lucie Flebbe mit Das fünfte Foto ein leicht zu lesender, unterhaltsamer und amüsanter Krimi gelungen. Dass darin ein paar Details unsauber und nicht nachvollziehbar sind,  schmälert den Lesegenuss nicht, ist aber schade und wäre zu vermeiden gewesen. Krimifreunde werden bei dem Buch auf ihre Kosten kommen.

Fazit:
Ein locker-flockiger Krimi mit einigen inhaltlichen Unsauberkeiten, die aber den Lesegenuss nicht schmälern.

 

Zur Autorin
Lucie Flebbe
Lucie Flebbe wurde 1977 in Hameln geboren. Bereits mit 14 Jahren verfasste sie ihren ersten belletristischen Text, Die Geschichte eines Rennpferdes, welchen sie in einem spanischen Verlag veröffentlichen konnte. Lucie Flebbe ist Physiotherapeutin und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief wurde sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis als beste Newcomerin ausgezeichnet. Von ihr erschienen sind bislang unter anderem Der 13. Brief (2008), Hämatom (2010), Fliege machen (2011), 77 Tage (2012), Das fünfte Foto (2013).

flebbeFotoAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (7. März 2013)
ISBN: 978-3894254179
Preis: EUR  9.99/ CHF 15.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH sowie in jeder Buchhandlung.

 

 

4. April 1785: Bettina von Arnim

Blumen
Blumen
sind
die
Liebesgedanken
der
Natur
(B.v.A.)

Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano, auch Bettine (so lautet Bettina von Arnims Mädchenname) wurde am 4. April 1785 in Frankfurt am Main in eine aus Italien stammende, begüterte altadelige Familie hineingeboren. Als sie acht Jahre alt war, starb ihre Mutter, weswegen sie fortan in der Ursulinenschule Fitzlar erzogen wurde. Nach dem Tod ihres Vaters, Bettina war damals gerade 12 Jahre alt, kam sie in die Obhut ihrer Grossmutter Sophie von La Roche nach Offenbach und zog später zu ihrer Schwester und deren Mann.

1802 lernte sie Achim von Arnim kennen, den sie 1811 heiratete; aus dieser Ehe stammen sieben Kinder. Als Achim von Arnim 1831 aus heiterem Himmel starb, begann Bettina von Arnims soziales und literarisches Engagement. Sie setzte sich für Arme und Kranke ein und schrieb ihr sozialkritisches Werk Dies Buch gehört dem König (1843), einen fiktiven Dialog zwischen Goethes Mutter und der Mutter des preussischen Königs. Das Werk wurde in Bayern verboten, ebenso das Nachfolgewerk, Gespräche mit Dämonen, welches aus Frustration über das Scheitern der Revolution 1848 entstanden ist.

Bettina von Arnim pflegte eine sehr enge Beziehung zu ihrem Bruder Clemens Brentano, aus der etliche Briefe resultierten. Auch ihre Beziehung zu Goethes Mutter und später zu Goethe selber war Grundlage eines regen Briefwechsels, ebenso ihre Freundschaft zu Karoline von Günderode. Die aus diesen Beziehungen stammenden Briefe wurden von Bettina von Arnim später stark überarbeitet herausgegeben (Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Die Günderode).

Nach einem Schlaganfall 1854 erholte sich Bettina von Arnim nicht mehr und starb schliesslich 1859.

Werke von Bettina von Arnim:
• Tagebuch (1835)
• Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (1835)
• Die Günderode (1840)
• Dies Buch gehört dem König (1843)
• Gespräche mit Dämonen. Des Königsbuch zweiter Teil (1852)
• Ilius Pamphilius und die Amnrosia (1847)