Carola Saavedra – Nachgefragt

©David Franca Mendes
©David Franca Mendes

Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

Carola Saavedra hat mir ein paar Fragen beantwortet und mit ihren Ausführungen einen tiefen Einblick in ihr Schreiben und ihr Verständnis von Literatur und Schriftstellerei gewährt.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte immer Schriftstellerin werden, schon als Kind. Ich denke, das war immer eine Art Obsession, aber auch eine natürliche Folge meines Interesses am Lesen. Als ich lesen lernte, war ich sofort fasziniert. Durch Bücher entstand eine „neue Welt“, man konnte in andere Realitäten eintauchen. Schon bald erfasste mich der Gedanke „ich möchte selbst neue Realitäten schaffen“. Ich denke, ab diesem Moment hatte alles, was ich
im Leben gemacht habe – lesen, reisen, in Deutschland studieren, usw. – auch damit zu tun, später eine  Schriftstellerin zu werden.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Geht es beim Schreiben nur um Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu  schreiben?

Das Thema interessiert mich sehr, ich leite in Brasilien selbst Schreibwerkstätten. Ich denke, man kann dabei das Handwerk lernen, was vielleicht einigen Leuten den schwierigen Weg des Schriftsteller-Werdens erleichtern oder verkürzen kann. Ohne Talent kann man aber kein ernsthaftes literarisches Werk schaffen. Das Problem ist, dass man nicht wissen kann, ob man Talent hat oder nicht, ohne vorher viel zu schreiben, viel gearbeitet zu haben. Wie gesagt, Talent ist ganz elementar, aber nur das allein bringt auch nichts. Ich glaube Literatur entsteht aus einer Mischung von Talent und sehr harter Arbeit, großer Ausdauer. Ich selbst habe nie eine Literaturwerkstatt besucht, das hat mich nicht interessiert, ich wollte allein zu möglichen  Lösungen kommen. Wenn ich jemanden gehabt hätte, der mir das „Handwerk“ beigebracht hätte, wäre mein erstes Buch vielleicht viel früher entstanden, aber ich wäre heute wohl eine andere Schriftstellerin.

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen  Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Man fängt ein Buch nicht erst zu schreiben an, wenn die ersten Worte geschrieben werden, der Prozess  beginnt schon viel früher. Ich mache mir zuerst Notizen. Eigentlich mache ich mir immer Notizen: über Themen, die mich interessieren, einen Film den ich gesehen habe, eine Szene, ein Lied, ein Gespräch, das ich in einem Café gehört habe, usw. Ich habe immer viele Notizbücher, das ist für mich sehr wichtig, die nehme ich immer mit. Erst später, wenn ich die ersten Umrisse für den Roman habe – Figuren, Handlung, Struktur – fange ich an, den Text am Computer zu schreiben.

Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie entsteht plötzlich  eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Was die Handlung angeht, hole ich mir die Ideen aus dem Leben selbst und auch aus anderen Büchern. Ein Schriftsteller ist jemand, der einen bestimmten Blick für die Welt, seine Umgebung und sich selbst hat. Durch diesen Blick kann er Nuancen bemerken, die man normalerweise nicht beachten würde. Sehr wichtig  für mich ist die Struktur, die Form, wie ich eine Geschichte erzähle. Am Meisten inspirieren mich andere Künste: Filme, Bilder, Musik. Aus diesen verschiedenen Gebieten versuche ich, etwas Neues zu schöpfen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten sie ab?

Ich bin nicht nur wenn ich schreibe Schriftstellerin, sondern ich bin es 24 Stunden am Tag. Alles was ich sehe  und erlebe kann für meine Bücher wichtig sein. Schriftsteller zu sein ist kein Beruf wie Verkäufer,  Lehrer oder Rechtsanwalt, man geht nicht jeden Tag ins Büro, man hat keine feste Arbeitszeiten. Und auch  wenn man an etwas ganz anders denkt, auch wenn man schläft, auch dann ist man in diesem ständigen  Schreibprozess. Nur aus dieser Obsession kann für mich ein Werk entstehen.

Was steckt von Ihnen in ihrem Roman Landschaft mit Dromedar?

Nichts und alles, würde ich sagen. Um diesen autobiographischen Aspekt zu erklären, gebe ich Ihnen einen Beispiel aus meinem ersten Roman „Jeden Dienstag“ (er ist noch nicht ins Deutsche übersetzt). Eine der Hauptfiguren ist eine junge Frau, Laura. Sie geht einmal in der Woche zum Therapeuten und lügt ihn jedes Mal an. Irgendwann sagt sie spöttisch zu ihm: Und wenn alles, was ich dir erzähle, eine Lüge ist? Was wäre dann der Sinn dieser Behandlung? Er antwortet ihr, dass es ihm egal ist, ob sie lügt oder nicht, weil die  Tatsache, dass sie sich eine bestimmte Lüge ausgesucht hat und nicht andere, schon viel über sie erzählt. Und so sehe ich auch die Beziehung zwischen dem Autor und seinem Buch: Alles ist Fiktion, aber die Tatsache, dass ich mich entschieden habe, eine bestimmte Fiktion zu erzählen und nicht eine andere, sagt bestimmt viel über mich aus.

Wieso nimmt ihre Protagonistin ihre Gedanken auf und schreibt sie nicht nieder?

Sie hat Angst vor der geschriebenen Sprache, sie versucht etwas zu sagen, ohne dass die Worte so schwer werden. Das ist natürlich ein Trugschluss, da die gesprochenen Worte am Ende transkribiert werden und wieder dieses Gewicht bekommen.

Ihr Buch stellt die klassische Beziehung in Frage, doch das Modell ihres Romans scheint auch Probleme zu  geben. Ist der Mensch grundsätzlich nicht beziehungsfähig oder täte jedem ab und an eine Insel gut?

Ich denke nicht, dass der Mensch beziehungsunfähig ist, aber es scheint mir, dass wir mit zu großer Leichtigkeit das Wort Liebe benutzen. Liebe ist überall, wo wir hinschauen und –hören: Im Fernsehen, in der  Werbung, in Liedern. Jemanden wirklich zu lieben, mit jemandem zusammenleben zu wollen und seine  Schwächen zu akzeptieren, verlangt aber eine große Hingabe. Die Liebe liegt meiner Ansicht nach nicht in  unserer Natur, anders als die Leidenschaft. Ich denke, die Insel, im Sinne des In-sich-Zurückziehens, kann  (aber nur kann) ein Weg sein, um später eine Brücke zu Anderen zu schlagen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich interessiere mich für eine Literatur, die einerseits eine Geschichte erzählt, sich dabei aber andererseits  selbst entwirft, Fragen über den Schreibprozess stellt. Eine Literatur, die den Leser als Ko-Autor sieht, die ihm Raum gibt, selbst die verschiedenen Fäden zusammenzuführen. Letztendlich eine Literatur, die den  Anspruch auf Wahrheit und Vollständigkeit in Frage stellt. Viele Schriftsteller arbeiten oder haben in diesem Sinne gearbeitet, aber der vielleicht größte Autor in dieser Hinsicht ist der Argentinier Jorge Luis Borges.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Es ist sehr schwierig sich selbst zu beschreiben aber ich nenne Ihnen drei Begriffe, die lange Zeit für mich sehr wichtig waren und es immer noch sind: Fernweh, Heimat und Grenzen.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Giacomo Casanova

Am 2. April 1725 erblickt Giacomo Casanova in Venedig das Licht der Welt. Als Kind ist er weit vom Lebemann entfernt, als den man ihn später in diversen Romanen beschreibt: Als eher kränkliches Wesen steht er dem Tod oft näher als dem Leben. Das hätte seinen Kampfgeist wachsen lassen, behauptet er später.

Bereits mit 17 Jahren ist er Doktor der Rechte, tritt danach – wieder entgegen des späteren Bildes – in die Kirche ein, um die Priesterlaufbahn einzuschlagen (der Wunsch der Grossmutter ist hier massgebend). Ein betrunkener Fall von der Kanzel beendet diese Laufbahn. Danach sucht er erneut Kontakt mit dem Recht, allerdings nicht in Anwaltsrobe, sondern als Inhaftierter wegen Erbstreitigkeiten.

Casanovas nächste Etappe ist Rom. Nach netten Plaudereien mit dem Papst, kommt er seinem später überlieferten Bild näher: Ein Liebesabenteuer wird vermeldet. Dieses bringt neuen Wind in sein Leben und zwingt ihn in die Flucht: weg aus Rom ist die Devise. Es folgen neue Abenteuer, von diversen Kindern ist die Rede, ihm selber fehlt der Überblick.

Trotz seinem eher unehrenhaften Abgang aus dem Klerikerkreis versteht er sich mit dem Papst ausnehmend gut, erwirkt sich einige Privilegien und Sonderrechte, wird sogar zum „Ritter des Goldenen Sporns“ ernannt. Das lässt er sich nicht zweimal sagen und nennt sich fortan Cavaliere. Damit die Herkunft zum Titel passt, erfindet er statt des sowieso nicht sicher feststehenden Schauspielers den passenden Vater dazu, was allerdings auffliegt und ihn erneut zur Flucht zwingt – es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

Reisen, Engagements an Theatern, erneute Fluchten, Inhaftierungen – langweilig wird Casanovas Leben auch in der Folge nicht, die Schreiberlinge kommen nicht mehr nach, alles festzuhalten, weswegen nichts wirklich belegt und mit Sicherheit zu bestimmen ist.   Belegt ist erst wieder seine Inhaftierung in Venedig, er ist zwischenzeitlich den Freimaurern beigetreten. Nun darbt er in den Bleikammern Venedigs und versucht, mithilfe des Buches von Ludovico Ariosto, L’Orlando Furioso, die Flucht, was ihm auch gelingt. Er schreibt dies seinem als krankes Kind erprobten Kämpfergeist zu. Solches Material kann er nicht einfach versanden lassen, er schreibt darüber ein Buch.

Es folgten Reisen kreuz und quer durch Europa. In England treibt ihn eine unerwiderte Liebe zu einer 18-Jährigen fast in den Selbstmord, er überlebt auch das – ganz Kämpfer. Weitere Reisen werden unternommen, eine Stelle gesucht, was sich als schwer erweist. Was er kriegt – eine Stelle als Landjunker – will er nicht und was er will – eine Stelle bei der russischen Zarin, kriegt er nicht. Das alles lässt ihm aber genügend Zeit für weitere Abenteuer, es wird von Duellen berichtet, von Flucht und von Geliebten. In der Hoffnung, in Venedig etwas Gnade zu finden, verfasste er sein Werk „Confutazione della Storia del Governo veneto d’Amelot de la Hussaie“ (eine Antwort auf ein Venedig kritisches Werk ), was gelingt, so dass er nach Venedig zurückkehren kann.

Erneute Vatererfindungen lassen auch diesen Aufenthalt wieder enden, weitere Reisen folgen. Erst in Wien kommt er zur Ruhe, arbeitet da auf Schluss Dux als Bibliothekar. Damit es nicht zu ruhig wird, legt er sich ab und an mit den Schlossherren an, beschwert sich über Kaffee und Kuchen und andere wichtigen Dinge.

Sein wohl wichtigstes Werk sind seine Memoiren, die zur Weltliteratur gezählt werden und in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Ansonsten glänzt er wohl mehr als Romanvorlage denn als Literat, was bei seinem Lebenswandel und bewegten Leben nicht zu verwundern vermag.

Werke von Giacomo Casanovas

Memoiren – Geschichte meines Leben

Dieses Buch ist eigentlich das einzige von Giacomo Casanovas Werken, das Bekanntheitsgrad erreichte und auch übersetzt wurde. Viele seiner Bücher sind nur auf Italienisch erschienen und von eher nicht erwähnenswertem literarischem Wert.

Eltern – Kinder

Was schuldet man seinen Eltern? Sie haben einen auf diese Welt gebracht, sie haben einen gross gezogen, irgendwie wurde man wohl so, wie man ist, weil man Eltern hatte, die einem Möglichkeiten boten – selbst wenn sie sie nicht boten, hat man sie gefunden, weil es so war, wie es war. Durch ihr Tun oder Nichttun landete man da, wo man ist. Das heisst nicht, dass man nicht selber verantwortlich ist für das, was man heute ist, denn man hat den Weg gewählt. Hat die Möglichkeiten ergriffen, die man angeboten kriegte oder hat sie gesucht, wenn keine da waren – oder es unterlassen.

Was also schuldet man seinen Eltern? Dank? Gibt es eine Pflicht, zurückzuzahlen? Muss man sie lieben, weil sie Eltern sind? Man selber wollte nie auf diese Welt, man wurde hineingeworfen. Da sitzt man nun und ist abhängig von denen, die es taten. Und aus diesem Hineingeworfenwerden in etwas, das man nicht suchte, entsteht eine Verpflichtung auf Lebenszeit? Man schaut hin und denkt logisch und ruft laut „NEIN. Das kann nicht sein!“ Man ordnet die Argumente, alle sagen dasselbe, alle geben diesem Nein recht. Und doch fühlt man es. Man steckt da drin.

Die Schwierigkeit in dieser Sache ist, dass die Art der Schuld unbestimmt ist. Reichen monatliche Besuche? Tägliche Anrufe? Braucht es mehr? Was ist es? Was, wenn man eine andere Meinung hat, die aber nicht geduldet ist, da man ja nur das Kind ist? Wird man je erwachsen in den Augen der Eltern? Auf der einen Seite fordern sie es (Werde endlich erwachsen, mach was aus deinem Leben!), auf der anderen Seite könnten sie damit nicht umgehen (das vorher war ja ein Befehl und die ganz deutliche Aussage, dass das eigene Leben noch nicht so ist, wie es sein sollte und wie es sein sollte, wissen nur sie aus jahrelanger Erfahrung…).

Darf man Eltern hassen? Könnte man es je ohne Schuldgefühle? Wäre es nicht undankbar? Was, wenn einen die Beziehung zu ihnen zerstört? Stetig? Würde man den Kontaktabbruch unbeschadet überstehen? Ohne Schuldgefühle? Ohne den Gedanken daran, was man eigentlich sollte oder zumindest den Zweifel, ob man nicht doch müsste? Was, wenn die Versöhnung nicht mehr gelänge, plötzlich die letzte Stunde ihn verunmöglicht hätte?

Und irgendwann ist man selber Mutter/Vater von Kindern. Und man tut, was man für richtig hält. Und man will daran glauben, dass auch die eigenen Eltern das nach ihrem Dafürhalten Beste taten. Kann man ihnen vorwerfen, dass es nicht so ankam? Wird es einem das eigene Kind je vorwerfen? Wie viele Fehler wird man gemacht haben? Was bleibt zurück beim Kind? Was schuldet es einem? Dank? Zuneigung? Dasein? Einen Anruf pro Woche? Einen Besuch pro Monat? Was, wenn es nie mehr käme? Wie würde man sich fühlen? Könnte man das jemandem antun?

 

Carola Saavedra: Landschaft mit Dromedar

Alex und Erika, ein Künstlerpaar, eine junge Frau, Karen, die sich zu ihnen gesellt. Eine Dreiecksbeziehung, in der jeder seine Rolle hat, die er selber nicht klar erkennt, die er aber ausfüllen muss, damit die Beziehung funktioniert.

Ich denke, mittlerweile hast du begriffen, dass es genau diese Momente sind, in denen alles vollkommen scheint, die den schrecklichsten Ereignissen, den schlimmsten Tragödien vorausgehen. Vielleicht hat jedes Glücksgefühl einen falschen Boden, eine künstliche Tonalität, und ist nur dazu da, einen Kontrast zu bilden zu dem, was kommt.

Karen stirbt und mit ihrem Tod ändert sich alles. Die Beziehung, die schon vor Karen bestand, scheint ohne sie nun nicht mehr zu funktionieren.

Ich habe grosse Angst, wie das sein wird, wir ohne Karen. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es vorher gewesen war, aber ich kann es nicht.

Erika flieht auf eine Insel, kapselt sich ab von ihrer Vergangenheit, von Alex. Auf einem Tonbandgerät nimmt sie ihre Gedanken, ihr ganzes Leben auf der Insel auf – sie spricht auf diese Weise zu Alex, den sie in Wirklichkeit meidet.

Das Leben, das einmal war, erscheint plötzlich als sinnlos,  Kunst als wertlos. Erika sehnt sich nach den wirklichen Leben und sie sucht es sich, gibt sich hinein. Sie fühlt sich wohl, findet den ersehnten Schutz, auch wenn sie nicht weiss, wovor.

Wovor hatten wir Angst? Wovon haben wir uns bedroht gefühlt? Vielleicht von uns selber?

Landschaft mit Dromedar ist die Geschichte einer Suche. Erika sucht den Sinn des Lebens, sie sucht ihr Leben und sich selber. Sie hinterfragt, was war, fragt sich, was in ihrem Leben wirklich ihr Anteil war und was von aussen kam. Sie verliert sich selber in diesen Fragen, erfindet sich neu, um das Heute bestehen zu können. Und langsam findet sie so die Zuversicht, dass es ein Morgen gibt und nimmt den Weg dahin in die Hand.

Mit viel Feingefühl lässt Carola Saavedra Erika ihre Geschichte in 22 Tonbandaufnahmen erzählen. Man nimmt als Leser eine Geräuschkulisse wahr, wird selber zum Zuhörer und findet sich in der Position, sich selber die Fragen zu stellen, die sich Erika stellt. Es sind Fragen des Lebens, Fragen, die jeden betreffen. „Wer bin ich? Wie will ich sein? Was ist mein Weg? Was ist die Liebe?“ Aus diesen Fragen, Gedanken und Erinnerungen entsteht ein Roman, der Lebenslügen aufdeckt und neue erschafft, um sie wieder zu durchschauen.

Fazit:
Ein nachdenkliches, ein tiefes Buch, eines, das Fragen stellt, einen zum sich selber hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Carola Saavedra
Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

ABB_SaavedraLandschaftmitDrome_978-3-406-64709-3_1A_CoverAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406647093
Preis: EUR  17.95/ CHF 28.90

 

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Thomas Bien: Buddhas Glücksgeheimnis

Glückliche Menschen leben in einer Welt, in der ständig etwas Gutes passiert. Liebevolle Menschen sehen überall Güte und Freundlichkeit. […] Verärgerte Menschen leben in einer durch und durch ungerechten Welt. Neidische Menschen leben in einer Welt, in der alle mehr haben als sie.

Thomas Bien zeigt in seinem Buch Buddhas Glücksgeheimnis auf, dass wir selber dafür verantwortlich sind, wie wir unsere Welt wahrnehmen und wie wir uns in ihr fühlen. Durch Beispiele aus buddhistischen Schriften, Geschichten über Buddhas Weg hin zur Erleuchtung sowie anhand von einfachen Übungen zeigt Thomas Bien, was wir selber verändern können, um glücklicher im Leben zu sein.

Thomas Bien beleuchtet dabei die illusionäre Sicht auf das eigene Ich, aus welcher Leid erst entsteht. Das Ich gibt es nicht, so seine Devise. Er beruft sich dabei einerseits auf buddhistische Lehren der umfassenden Einheit, andererseits auf eine neurowissenschaftliche Studie. Der neurowissenschaftlichen Forschung und der darum herrschenden Diskussion wird er damit nicht gerecht.

Fazit ist, dass wir die Identifikation mit dem Ich und allem, was wir dazu zählen, loslassen müssen, um wirkliche Freiheit zu erlangen. Erst wenn wir uns nicht mehr identifizieren, hängen wir an nichts und müssen nicht leiden, wenn Dinge vergehen. Denn das, so Bien, ist ein weiterer Punkt auf dem Weg zum Glück: Das Akzeptieren der Vergänglichkeit von allem. Nichts ist beständig, alles entsteht, um auch wieder zu vergehen. Hängen wir uns an die Dinge, werden wir jeder Veränderung mit Schrecken entgegen sehen. Lassen wir los, können wir das Kommen und Gehen gelassen betrachten und uns daran freuen.

Nur durch ein bewusstes und achtsames Leben werden wir wirklich den vollen Genuss dieses Lebens erfassen und darin besteht das Glück. Glück ist kein andauernder Zustand, sondern es sind die vielen kleinen Momente, die achtsam und ganz präsent genossen Glücksgefühle in uns auslösen.

Das Buch bietet eine schöne und leicht lesbare Wegbeschreibung hin zum eigenen Glück. Alle Wegweiser sind dabei nicht neu, sie finden sich in vielen Büchern zu Themen rund ums Glück, den Buddhismus und die Achtsamkeit. Insofern ist dieses Buch einfach eines mehr im jetzt schon vielfältigen Angebot. Durch die Vielfalt von eingängigen Geschichten, Übungen, die leicht zu praktizieren sind und psychologischen Hintergründen ist es aber sicher eines der lesenswerteren Bücher in der Glücksliteratur und damit sehr zu empfehlen.

Fazit:

Unterhaltsam geschriebene Wegbeschreibung hin zu einem bewussteren und damit glücklicheren Leben. Gehen muss man den Weg selber, wirklich neu ist auch die Beschreibung nicht, trotzdem ist das Buch empfehlenswert und lesenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 316 Seiten
Verlag: Lotos Verlag (2012)
Übersetzung: Jochen Lehner
Preis: EUR 19.99 ; CHF 31.90

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Erschienen im Yoga Magazin Schweiz

Traum

Der Tisch ist gedeckt, der Wein kühl gestellt. Häppchen in Schalen, eine neben der anderen. Nüsse, Chips, Knabberzeugs, alles klein, alles fein, alles wartet, wie ich auch. Ich rücke die Kerzen zurecht. Richte Blumen aus. Welche Musik passt? Zu romantisch wär’ zuviel. Zu wild wäre nervös. Ich bin nervös. Ich fühl’ mich dumm. Es ist ein Abend mit Wein und Knabberei. Nichts Besonderes. Einfach mal Zeit gemeinsam, reden, lachen, unbeschwert sein. Wann konnten wir dies das letzte Mal? Ich kann mich kaum erinnern. Der Alltag frass uns auf. Und mit ihm kam die Spannung, die nicht mehr reizte, nur noch zehrte.

Wann hat das alles angefangen? Was war es überhaupt? Und wieso? Ein Wort, ein Blick, schon geht es los. Selbständig reihen sich Worte aneinander, die immer tiefer treffen. Blicke werden stechender, verletzter auch. Ich bin nie zufrieden. Sagst du. Du bist nie da. Sage ich. Wir sind beide woanders. Gefangen in den eigenen Welten, die sich kaum mehr berühren und doch so dringend nach Berührung suchen. Diese erzwingen wollen, wo sie nicht ist. Ein Wort, ein Blick reichen aus, die Distanz zu spüren, den Schmerz zu fühlen, aufzubegehren, weil man es nicht will. Ich nicht, du nicht.

Ich zünde die Kerzen an, wechsle die Musik. Französische Chansons. Das hörte ich auch am Anfang. Du kanntest es nicht, heute gefällt es dir fast besser als mir. Haben wir uns aneinander vorbei bewegt? Du heute da, wo ich gestern war, weil dich aufgabst, ich dort, wo du warst, weil ich zu dir wollte? Im Wollen und Sehnen nach Gemeinsamkeit? Eigentlich gefällt mir die Musik noch immer, nur hat sie nun Untertöne. Ich verbinde etwas damit und weiss nicht mal was. Ein Gefühl, eine erdrückende Ahnung?

Wann fing das Anpassen an? Was ist so falsch daran? Wenn sich zwei finden, bleiben wollen, braucht es nicht Gemeinsamkeit? Sie war auch da, was ist nun falsch? Du hast dich für mich interessiert, alles aufgesogen, mich eingenommen. Mit Haut und Haar. Es war so ernst, so gross, so ersehnt. Zu gross? Bald war es nicht mehr meines. Alles hattest du übernommen, zu deinem gemacht. Da war für mich kein Platz mehr, das Terrain war besetzt. Wo war ich noch? Habe ich es bei dir gleich gemacht? Ich weiss eigentlich so wenig von dir.

Ich schenke schon einmal ein. Es sieht alles so schön aus. So war es immer. Wir zelebrierten diese Abende zusammen. Setzten uns hin und sprachen. Sprachen über uns und das Leben, über Träume und Wünsche. Malten die Zukunft in allen bunten Farben. Wessen Farben waren es? Ich weiss es gar nicht mehr. Das Träumen und Wünschen verkam zur Gewohnheit des Hinsetzens. Die Freiheit wurde gefangen in Ritualen. Und in mir brach der Glaube dran.

Du kommst heim. Siehst alles, lachst vor Freude. Ist sie echt? Sie wirkt so gross, zu gross. Was ist Spiel, was ist Ernst? Und wenn es Ernst ist, wieso ihn so herausstreichen? Ist das meine Welt? Sprechen wir dieselbe Sprache? Lese ich in dir, was nie da stand? Schreibst du Dinge, die ich nicht verstehe? Will ich sie verstehen? Schreibst du nur für mich und nicht aus dir?

Ich frage dich. Du schaust mich an. Du verstehst mich nicht. Ich mich auch nicht. Einfach mal tun als ob. Nicht verstehen wollen, nicht mal müssen. Über Ideen und Wünsche sprechen, Schlösser bauen, seien sie nur aus Luft. All das Schwere aussen vor lassen, einfach sein. Wie es mal war. Bevor das alles anfing. Oder ist das nun Leben, vorher war es Traum? Ich möchte wieder träumen, leben kann ich morgen – oder nie.

Stefan Zweig: „Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte“

Das vorliegende Buch veröffentlicht erstmals die Briefe Stefan Zweigs an Lotte Altmann aus den Jahren 1934 – 1940. Die bislang schlecht dokumentierte Zeit in Stefan Zweigs Leben wird damit besser beleuchtet, stammen doch die bisherigen Kenntnisse fast ausschliesslich aus den Hinterlassenschaften und biographischen Schriften Friderike Zweigs, welche – es liegt in der Natur der Sache – nicht wirklich objektiv waren in Bezug auf die Person Stefan Zweigs.

Lotte Altmann kommt als Sekretärin zu Stefan Zweig, eingestellt wird sie von dessen Frau Friderike. Sie soll Stefan Zweigs Manuskripte abtippen, seinen Brieverkehr und sonstig schreibenden Tätigkeiten übernehmen. Schon bald scheint es zu einer Annäherung zwischen Stefan Zweig und Lotte zu kommen.

Ich bin vielleicht keine ganz leichte Natur, im allgemeinen werde ich Menschen rasch müde, es stört mich bald eine ihrer im Anfang verborgenen Eigenschaft, aber bei ihnen spürte ich von Anfang an eine solche Aufrichtigkeit, dass ich mich sicher fühlte.

Friderike ertappt die beiden in einer eindeutigen Situation, welche fortan zwischen den Eheleuten steht, aber nie beim Namen genannt, immer nur angetönt wird.

Trotz der offensichtlichen Verbundenheit bleibt die Sprache zwischen Lotte Altmann und Stefan Zweig immer sehr distanziert und sachlich. Zwar klingt eine Herzlichkeit durch die Zeilen, aber es kommt zu keinen wirklichen Bekenntnissen oder Andeutungen von Gefühlen, die über eine menschliche Anteilnahme am Wohlbefinden Lottes hinausgehen. Auch die Anrede bleibt über die ganze Dauer hinweg bis hin zur Hochzeit im Jahr 1939 förmlich, er schreibt sie als „Liebes Fräulein Altmann“ oder gar Liebes F. A. und mit Sie an.

Der einzige Brief, der diese Förmlichkeit durchbricht und Gefühle preisgibt, stammt von Lotte Altmanns – es ist der einzige von ihr erhaltene Brief, sonst finden sich nur Stefan Zweigs Briefe. Sie gesteht ihm darin, was er ihr bedeutet:

Mein Lieber, ich finde mich selber schrecklich feig, aber ich habe Angst, dass jemand dabei ist, wenn du den Brief bekommst […]
Ich möchte dir noch einmal sagen (oder habe ich es Dir noch nie gesagt, wie gerne ich Dich habe und wie glücklich Du mich durch Deine Freundschaft gemacht hast. […] Ich denke oft an Dich und unser Zusammensein.

Stefan Zweigs Antwort auf diesen Brief lässt einige Formalismen fallen, so ist es der einzige mit der Anrede „Liebes Fräulein Lotte“, er spricht von ihrem gemeinsamen Unternehmen (womit ihre Verbindung gemeint ist) und unterschreibt mit Stefan Z. (statt Stefan Zweig oder S.Z.). Bei den folgenden Briefen kehrt er wieder zur gewohnten Distanz zurück.

Die Briefe Stefan Zweigs zeichnen das Bild eines Mannes, dem die Arbeit über alles geht. Menschliches, Zwischenmenschliches ist ihm oft ärgerlich, da es ihn vom Arbeiten abhält.

Ich halte meine Arbeit für wichtiger als gesellschaftliche Verabredungen […] Aber ich bin’s schon gewohnt, dass alles hinter meine Arbeit gesetzt wird.

Stefan Zweig braucht zum Arbeiten völlige Ruhe, Einsamkeit auch, kann es nicht haben, wenn Menschen in der Wohnung, gar im Raum sind. Darüber kam es zu diversen Zerwürfnissen mit seiner ersten Frau Frederike Zweig, die teilweise auch in Briefen beschrieben und in diesem Buch abgedruckt sind.

Ich brauche nun Ruhe zur Arbeit, möchte auch bitten, mir nachmittags oder abends drei Stunden (geschlossene) vorher mitzuteilen, an denen ich allein hier im Haus bin. Ich kann nicht bei dem Hin- und Hergehen […] das Wesentliche arbeiten, das ich zu tun habe.

Stefan Zweig erscheint in seinen Briefen als Mann, der sehr charmant, sehr mitfühlend, sehr aufmerksam ist, so lange er arbeiten kann, die Dinge in seinem Sinne und wenig störend laufen. Sobald dies nicht der Fall ist, ändert sich sein Betragen drastisch und er braucht sehr klare Worte, seinen Unmut kundzutun. Dies äussert sich vor allem gegenüber Frederike, der er vorwirft, ihn als Ernährer zu wenig zu achten, sich ihm zu wenig zu unterwerfen und sein Arbeiten mit ihrem Wunsch nach Selbständigkeit zu stören.

Da ist ein Familienleben nur möglich, wenn die Familie sich vertrauensvoll und respektvoll dem unterwirft
1) der sie erhält
2) dessen „Beruf“ der einzig wichtige und einträgliche ist gegenüber den dilletantischen Spielereien
3) der der erfahrenste ist und am meisten über die Dinge vorausdenkt.
[…] betrachtet nicht Ihr meine Arbeit als das Centrale und einzig Wichtige, so Ich. Und damit Adieu.

Da es lange Etappen ohne Briefe gab, in denen die Lotte Altmann und Stefan Zweig gemeinsam unterwegs waren, werden die Briefe im vorliegenden Buch in ihren biographischen Kontext eingebettet, welchen der Herausgeber, Oliver Matuschek, Verfasser der sehr akribisch recherchierten Biographie Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie, fundiert kennt. Zudem erklärt er nicht eindeutige Briefpassagen und hilft so zum besseren Verständnis.

Nach der Eheschliessung 1939 finden sich fast nur noch Briefe an Angehörige, die von Stefan Zweig und Lotte Altmann oft gemeinsam geschrieben werden. Das Buch wird beschlossen mit einem kurzen Anhang mit wenigen Hintergrundinformationen zu den Briefen und marginalen Interpretationen derselben. Da die Interpretationen eher knapp und teilweise spekulativ sind, hätte gut auf sie verzichtet werden können. Dies aber nur eine kleine Kritik am Rande eines sonst gelungenen und aufschlussreichen Buches.

 

Fazit:
Mit diesem Buch ist es gelungen, Stefan Zweigs Leben in der Zeit zwischen 1934 und 1940 vor dem Hintergrund der damaligen geschichtlichen Ereignisse und den Menschen Stefan Zweig durch seine eigenen Briefe darzustellen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

Zum Herausgeber
Oliver Matuschek
Oliver Matuschek wurde 1971 geboren, studierte Politologie und Neuere Geschichte. Er ist Mitautor mehrerer Dokumentarfilme, war von 2000 bis 2004 Mitarbeiter des Anton-Ulrich-Museums in Braunschweig und 2008 Kurator der Ausstellung „Die drei Leben des Stefan Zweig“ im Deutschen Museum in Berlin. Von Oliver Matuschek erschienen sind unter anderem Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig (2005) und Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biopgraphie (2006).

ZweigBriefeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 367 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (März 2013)
Herausgeber: Oliver Matuschek
ISBN: 978-3596950041
Preis: EUR 24.99 / CHF 39.90

 

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Offene Beziehung

Immer wieder lese ich, dass Leute in einer offenen Beziehung sind. Ich frage mich jedes Mal, was das wohl sei, wie ich mir das vorstellen kann. Ist das ein Jekami, alle mit allen, keiner geht leer aus? Was genau ist dann eine geschlossene Beziehung? So etwas wie eine geschlossene Gesellschaft? Nur die Auserwählten können rein, der Rest ist aussen vor. Ob das nicht furchtbar eng wird? Nur der erlauchte Kreis, der in hiesigen Gefielden – soviel weiss ich ja auch – aus zwei Personen zu bestehen hat.

Natürlich ist es nicht eng. Es sind ja noch andere Menschen da. Die sind auch irgendwie drin, nur einfach nicht ganz. Gewisse Teile sind ihnen vorbehalten, die gehören dann dem erlauchten Kreis. Quasi Klassengesellschaft in Beziehungsdingen. Die Menschen erster Klasse kriegen noch etwas oben drauf auf die Beziehung. Das Sahnehäubchen quasi. Der Rest fährt zweite Klasse, die Holzklasse gibt es wohl auch, teilweise schafft man sie aus Zeit- und Nutzensgründen ab.

Was ist denn nun also die offene Beziehung? Kriegen da alle das Sahnehäubchen? Oder nur die zweite Klasse? Geht auch hier das Holz leer aus? Dann wäre sie ja nicht offen, sondern nur teilweise geöffnet? Eigentlich wäre sie genauso zu. Geschlossen für die, welche aussen vor sind.

Was ist denn nun das Sahnehäubchen? Sex. Die, die ran dürfen, kriegen es, die, welche nicht, sind in der Holzklasse. Bei geschlossenen Beziehungen darf nur einer ran – offiziell, meist sind es doch mehrere. Bei offenen dürfen mehrere ran, so ganz offiziell. Das ist wichtig, man zeigt es nach aussen. Ich bin offen, nicht so ein verschlossener Zeitgenosse. Ich klopf auf Holz. Man krebst zurück.

Offen ist in, ist frei, ist modern, geschlossen ist out, ist alt, ist langweilig. Schlussendlich ist es dasselbe. Die Grenzen sind nur verschoben. Es sagt etwas aus, drum will man es melden. Man präsentiert sich mit dem Kriterium und hat eine Botschaft. Wie lautet sie? Ich bin gut, ich habe wen, doch ich habe noch Kapazität? Ich habe den Traditionen abgeschworen, die andern hinken hinter her?

Oder liege ich ganz daneben? Ich bitte um Aufklärung, wer hilft?

Ringe des Lebens

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

(Rainer Maria Rilke)

Draussen dämmert es, Mondlicht im See. Der Tisch ist gar klein und alles ist eng. Eine blassgelbe Blume kämpft gegen Schein, die Kerze soll Stimmung bringen, nimmt noch mehr Raum. Beide sind Schranke zwischen uns drin, stehen so da, nehmen uns ein. Da passt keine Hand durch, kein falsches Wort. Alle kommen sie durch die Blume hindurch.

„Hast du auch Hunger?“, du schaust zu mir hin, mit schwarzbraunen Augen, so gross und so ernst. Mir ist grad nach andrem, ich weiss nicht wonach. Irgendwo ist mir die Gewissheit verloren, was ich nun will  und was ich auch kann. Essen ist wohl die einfachste Wahl, alles andere erscheint mir so schwer. Etwas Rotwein könnt’ helfen, die Klippen zu weichen, den Kanten die Schärfe abziehn.

Das letzte Mal hier war ich im anderen Leben, mit einem anderen Mann. Ich war glücklich, dachte, ich könnte es sein. Dachte an Ankommen, an Friede und Heim. Wo vorher die Leere, ein pestscharzes Loch, schien Licht nun und Zukunft, was wollte ich noch? Vorher da suchte ich, Raum und auch Zeit. Verlor mich oft selber, um anders zu sein. Mich gefunden, verloren, neu erfunden, neu verwirkt. Aus jedem Scheitern habe ich Lehren gezogen, sie mitgenommen, gedacht, nun weiss ich es besser, die nächste Etappe in Angriff genommen, wieder gefallen. Und dann der Hafen. Der breite, grosse, mich einnehmend, verschlingend. Ich habe mich hingegeben. „Willst du mich ganz?“ Und wie ich es wollte. Hoch auf dem Berg mit Blick über alles. Ich war so frei, ich wollte es sein. Ich lief mit offenen Augen hinein ins Verderben. Wieso denk’ ich noch dran? Ich sitz’ hier mit dir.

„Magst du auch Wein?“ Unbedingt will ich, denn Wein ist so gut. Lässt die Gedanken anhalten, sie kreisen nicht mehr. In Ringen, der eine dem anderen nach, immer grösser, immer weiter. Ein Stein fiel ins Wasser, zog sie um sich, einen ganz klein, den nächsten darum. Sie werden grösser, fliessen aus, blenden aus, was da noch war. Mittendrin, da spiegelt sich noch immer der Mond.

Oft sassen wir oben am Berg und sahen den Mond. Wir sahen den See und träumten die Welt, die Luftschloss nur war. Versprochen war Stahl. So hart er auch ist, so sicher wirkt er. Zurück blieb ein Hauch, ein nichts war mehr da. Hier sitze ich nun und alles ist neu. Du bist da, verstehst mich sogar, wie keiner es tat. Gleiche Themen, gleiche Träume. Ich vermisse den Stahl, sehe nur Luft. Mir fehlt der Glaube, wie kann das besteh’n?

Ich sag’s durch die Blume. Du verstehst es wohl nicht. Vielleicht ja auch doch, willst es nur nicht. Du glaubst an die Zukunft, bist lebensfroh. Ich beneid’ dich darum, ich wär’ auch gern so.  In mir dreh’n die Kreise, sie schaukeln sich hoch. Soll ich ihn wagen, kann ich es tun? Noch einmal kreisen, zum wievielten Mal? Ertrag ich den Fall, wenn er denn kommt? In mir wächst Wehmut in Kreisen heran, die weder Wein noch Salat retten kann. Mir fehlt die Gewissheit, mir fehlt auch der Mut. Ich kreise im Alten, das kenne ich gut.  Und wenn es dann scheitert, dann bin ich geübt, nichts wird mehr töten, es ist schon erprobt.

Tunlichst

Ich will es schon lange tun. Der Wunsch, es zu tun, hat sich in mir festgesetzt, blieb sitzen, brannte sich ein. Erst eine vage Idee, ein Gespinst, dann immer grösser werdend, einnehmender. Ab und an zur Utopie erklärt, doch nie losgelassen, jagt es mich jetzt schon nachts. Ich träume davon, es zu tun oder es tun zu  müssen, mich nicht zu trauen. Werde davon verfolgt, werde es nicht los, fliehe, renne ihm wieder hinterher, weil es doch zu mir gehört. Und drum: Es ist soweit, ich werde es tun. Ich muss nur anfangen.

Vielleicht sollte ich zuerst Bücher darüber lesen, wie ich es genau anpacken muss. Es gibt so viele, die es tun, so viele, die es tun wollen und scheitern. Ich möchte es gut machen, wenn ich es tue. Also gehe ich auf Büchersuche. Ich recherchiere im Internet, bestelle Berge von Büchern, werfe dann alle wieder auf den Haufen, weil ich denke, dass ich alles, was ich lese, eigentlich schon weiss. Ich weiss, worauf es ankommt, weiss, was am Schluss dabei rauskommen sollte, weiss, wie es gut ist und wie nicht. Nur wie ich selber dahin komme, das weiss ich nicht.

Vielleicht hilft mir eine Schule? Vielleicht kann ich es da lernen? Vielleicht kann mir jemand sagen, was ich tun muss, ich ihm nur noch folgen und es gelingt? Ich gehe wieder auf Internetrecherche, sehe andere, die es tun und nun anleiten, wie ich es tun könnte. Ich sehe Schulen und Lehrgänge, ganze Studiengänge, die mich lehren wollen, das zu tun, was ich in der Theorie kann, in der Praxis nie begonnen habe. Ich verwerfe den Gedanken mit der Schule wieder, da ich denke, dass ich eigentlich selber weiss, wie es geht. Wozu dann Schule? Lieber Bücher lesen, das half immer.

Und so lese ich Bücher und stosse immer wieder auf die Bemerkung, es nun selber tun zu müssen, nicht nur zu lesen. Ich finde das gut, denn es heisst ja auch „learning by doing“. Ich denke, ich bin effizienter, wenn ich einfach mal weiter lese, das Tun auf später verschiebe, sonst komme ich nie ans Ziel. Ich klebe Post its in die Seiten, damit ich die Stelle mit den Anleitungen zum Tun wieder finde später. Später kommt nie, da ich das Buch meist vor Ende des Lesens auf die Seite lege und mich wieder anderem zuwende.

So beschliesse ich einmal mehr, es einfach zu tun. Mal im Kleinen, muss ja nicht gleich gross sein. Ich tu’s einfach, lasse mich ein auf dieses Tun, schaue, was dabei herauskommt. Ich finde den Gedanken schön, ich finde den Gedanken gut. Er fühlt sich richtig an. Doch wie soll ich es tun? Wo fang ich an? Was wird daraus? Ob ich mir da nicht zuerst mehr Gedanken machen müsste? Ich kann ja nicht einfach drauf los stürmen, sollte doch ein wenig wissen, wo das Tun durchgehen, wo es hinführen soll? Doch Schule? Da lerne ich, wie die Wege zum Ziel hin sind. Oder zumindest doch ein Buch, das ist günstiger und schneller gelesen. Nein, ich wollte es nun tun, nichts lesen oder lernen.

Ob ich noch zuerst aufräumen sollte hier? Einfach so drauflos zu tun, was ich tun will, alles andere stehen und liegen zu lassen, erscheint mir auch nicht richtig. Und all die Bücher, die ich gekauft habe, die hätte ich vielleicht doch zuerst lesen sollen. Ich meine, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und man lernt immer etwas dazu. Wieso auf all das Wissen verzichten und mich selber in eine Ecke zu manövrieren mit meinem Tun? Langsam wird es dunkel, ich merke, dass ich müde bin. Zu müde, um heute noch anzufangen. Aber morgen werde ich es tun. Ganz bestimmt.

Michael Stavarič – Nachgefragt

©Lukas Beck
©Lukas Beck

Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

Michael Stavarič hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten und mir damit einen Einblick in sein Schreiben gewährt.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich wollte schon immer Schriftsteller werden, liebte Bücher und es war alles in allem naheliegend. Hinzu kam meine Zweisprachigkeit und die damit verbundenen kleinen Traumata. Ich bin bis heute der Meinung, diese förderten die Lust zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt zu schreiben?

 Ich glaube nicht, dass man „es“ lernen kann; es gibt so etwas wie eine Disposition in einem. Die hat man oder eben nicht. Das trifft auf jeden künstlerischen Beruf zu. Disposition meint natürlich auch Sozialisation etc. Man kann sich allerdings in Workshops, Unis etc. Rüstzeug aneignen.

Wie sieht dein Schreibprozess aus? Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst? Wann und wo schreibst du?

Ich schreibe meistens unterwegs, ich führe das Leben eines Nomaden. Ich überlege mir lange, WIE ich eine Geschichte erzählen möchte, wie die Sprache dazu aussieht, der Duktus etc. Der Rest kommt dann von allein. Das ist natürlich bei jedem Projekt verschieden. Meine Kinderbücher etwa sind viel „geplanter“.

Woher holst du die Ideen für deine Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert dich?

Woher kommt Inspiration? Keine Ahnung … manche Dinge bleiben im Verborgenen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schaltest du ab?

 Nein, weil das Schreiben kein „Job“ oder „Beruf“ ist, es ist die sprichwörtliche Berufung. Ich habe nie und immer Ferien.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Bist du auch in deinen Figuren? Gibt es eine, mit der du dich speziell identifizierst?

 Die Literatur beginnt mit dem Autobiographischen. Später wird sie fiktiver und irgendwann ist sie hoffentlich eine Imagination. Natürlich gibt es Details aus dem Leben, die ich gern in meine Bücher einfließen lasse. Manche Figuren sind mir näher, andere ferner, auf das Gesamte betrachtet, habe ich sehr wenig mit meinen Romanfiguren zu tun.

Deine Literatur ist sprachlich ausgefallen, es steckt sehr viel Poesie und Sprachspiel in deiner Sprache. Was fasziniert dich an der Sprache? Ist die Sprache teilweise wichtiger als der Inhalt?

Sprache ist unser wichtigstes Kulturgut. Sie ist das, was den Menschen an sich ausmacht. Ich war schon immer von Sprache fasziniert. Und auch die Literatur erschloss sich mir stets über eine besondere Sprache, weniger mittels Geschichten.

Böse Spiele stellt die klassische Beziehung in Frage, Beziehungen erscheinen als komplizierte Angelegenheit. Ist Liebe nur ein Spiel oder macht man eines draus, weil sie überfordert?

Immerhin kann man festhalten, dass nur intelligente Lebensformen verspielt sind. Die Liebe ist eine Konfliktzone. Die Liebe ist Himmel auf Erden. Wir leben und denken bipolar. Auch das ist menschlich.

Was muss ein Buch haben, dass es dich anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell magst?

Es muss mich sprachlich beeindrucken, alles andere bleibt für mich austauschbar.

Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Unbedacht. Unmöglich. Unverfälscht.

Ganz herzlichen Dank für diese Antworten über das Schreiben, die Sprache und den Autoren dahinter.

Ein Porträt von Michael Stavarič mit Bild und Ton findet sich hier:

Michael Stavarič: Böse Spiele

Ein Mann liebt eine verheiratete Frau. Mit ihr könnte er sich alles vorstellen, was er sich sonst im Leben nicht vorstellen kann. Sie ist die richtige Frau für ihn, nur: Sie ist nicht frei. Eine Frau liebt diesen Mann, sie könnte sich mit ihm alles vorstellen, weil er für sie der Mann überhaupt ist. Allein: Er ist nicht frei. Der Mann wartet, weil er ein Mann ist, der warten kann, die Frau wartet, weil sie eine Frau ist, die warten kann. Das Ganze unter Plastikpalmen mit verschiedenen Farben, je nach Situation und Stimmung.

Am nächsten Tag stehen wir unter einer schwarzen Plastikpalme, sie trägt ihr Herz links, wo es hingehört, und ich spinne meines in Trauerflor, trage schwer daran, dass sie eine vollkommene Frau ist und ich nur ein passabler Mann.

Michael Stavarič erzählt die komplizierte Geschichte von menschlichen Beziehungen. Gefühle, die hochschlagen und tief fallen, Menschen mit Träumen, Hoffnungen, Phantasien und Zwängen. Liebe, die gelebt werden will und scheitert, Betrug, der schön geredet wird, schmerzt und doch bittersüss ist. Es ist eine Geschichte direkt aus dem Leben, erzählt, wie sie passiert, mit allen Wirrnissen, Hindernissen, Verstrickungen und Verzweiflung, die doch voller Hoffnung steckt. Eine Geschichte, in der alle dasselbe wollen, sich allerdings in ihrem Wollen nicht finden, weil immer etwas im Weg steht.

Dass sie die Vollkommenheit liebe und ich meine Freiheit, dass ich aufhören müsse zu glauben, ich könne noch etwas zum Besseren wenden.

In einer teilweise lyrisch anmutenden Sprache beleuchtet Michael Stavarič die menschlichen Abgründe, die Lebenslügen und Spiele mit Gefühlen. Leitmotive führen durch den Roman, verleihen ihm eine innere Kohärenz, die auf allen anderen Ebenen zu fehlen scheint. Erzählerperspektive, Realitätsebene, Zeitstruktur – alles ändert, sprungartig, augenblicklich. Der Leser pendelt zwischen Innensichten und Dialogen, zwischen Erzählung und Wünschen hin und her und sieht sich immer wieder denselben Motiven ausgesetzt.

Böse Spiele besticht durch eine plastische Sprache, durch eine Lebendigkeit in Form und Stil. Bildhaftigkeit ersetzt blosse Beschreibung, Farben drücken Stimmungen aus, wiederkehrende Refrains erzeugen eine Melodie. Literatur erscheint hier als Komposition aus Tönen, Bildern und Stimmungen.

Fazit:
Lyrische Prosa voller Brüche und Widersprüche, verwirrend und doch lebensnah. Eine lohnende Herausforderung.

Zum Autor
Michael Stavarič
Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

StavaricSpieleAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: C.H.Beck (21. Januar 2009)
Preis: EUR  16.90 / CHF 25.10

 

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Bewusste Sprache

Kürzlich las ich einen Artikel, aus dem der ganze Unmut über den unbedachten Gebrauch des Wortes „Autismus“ förmlich herausschrie. Der Ärger ist verständlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass bei dieser Wortwahl die Betroffenen immer und immer wieder in eine Schublade gesteckt werden, in die sie eigentlich nicht gehören, in der sie sich (zu recht) auch nicht sehen wollen. Aufgrund jüngster Vorkommnisse (vielleicht auch schon früher, man nahm es nicht so wahr?) wurde Autismus zu einem Modewort, Politiker verwenden es, um gewisse Verhaltensmuster zu bezeichnen.

Wir benutzen Sprache häufig unbedacht. Würden wir jedes Wort sorgfältig hinterfragen, ob es das genau passende und richtige ist, dann gäbe es kleine flüssigen Unterhaltungen und Alltagsgespräche würden eher unmöglich. Das heisst nicht, dass man unbedacht drauflos reden sollte oder darf, immer mit der Entschuldigung, man schulde es der Konversation. Es hilft immer, sich zu fragen, was man wirklich sagen will und darauf zu achten, dies auf eine möglichst eindeutige Weise zu tun, eine, die genau das ausdrückt, was man sagen will und nichts, was man nicht sagen wollte.

Nun erwartet man von einem Politiker mehr als von einem Menschen im alltäglichen Geplauder. Man erhofft sich eine gezielte und durchdachte Wortwahl. Man erwartet, dass die Menschen, die ihre Sprache für die Öffentlichkeit benutzen, um damit die Belange eines Landes mitzuprägen, diese auch korrekt wählen. Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahrzehnten sicher gestiegen, wenn man an die ganzen Diskussionen rund um die Political Correctness denkt.

Eine grosse Schwierigkeit des Sprachgebrauchs ist wohl, dass die Sprache sich verändert. Sprache lebt und wächst mit den Menschen, die sie sprechen. Sie nimmt Dinge aus dem Alltag mit und verändert dadurch teilweise das Vokabular, teilweise die Schreibung desselben und oft auch die Konnotation. Sprache und ihre Wörterbücher werden darum auch ständig der modernen Zeit angepasst. Was früher ein Schimpfwort war, ist heute normal. Was früher normal war, ist heute rassistisch. Es gibt Wörter, die im Fachbereich etwas anderes bedeuten als in der Alltagssprache, manchmal sind die Bedeutungen sogar gänzlich verschieden. (Wie es dazu kommt, bedürfte einer ausschweifenden Erklärung, die den Rahmen hier wohl sprengen würde.)

Wie entwickelt sich Sprache? Die Zeiten verändern sich und damit das, was in der Zeit passiert. Der Mensch sieht sich neuen Erfahrungen gegenüber und sucht Worte dafür, um auszudrücken, was er erlebt, um dem Geschehen um ihn eine Sprache zu geben. Dabei greift er auf Assoziationen zurück. Man kennt das aus der Gefühlswelt, die man mit Begriffen der Sinneswelt beschreibt, um sie fassbar, um sie erklärbar zu machen.  Liebe keine Pflanze und Angst kein Kerker, sie lassen sich aber mit solchen metaphorischen Bildern beschreiben.* Der Nachbar, der sich seltsam benimmt, einen vielleicht gar beängstigt, ist nicht zwangsläufig ein Psychopath, aber er legt gewisse Verhaltensweisen an den Tag, die man mit dem Begriff in Verbindung bringen kann. Genauso wenig ist die keifende Ehefrau hysterisch, die ihrem Mann des Seitensprungs wegen den Computer vor die Füsse wirft. Sprachlich aber kürzt man ab und beschränkt sich auf ein Wort, das ganze Welten von Begriffen in sich birgt. Es ist fachlich nicht korrekt, drückt aber alltäglich aus, was man im Moment assoziiert.

Es gibt viele solchen Worte, viele Assoziationen. Sie entstehen aus einer Sprachlosigkeit einer Situation gegenüber und bilden sich aufgrund von einigen Merkmalen, die man mit einem Begriff verbindet, so dass man die neue Situation beschreiben kann. Gerade bei Krankheitsbegriffen oder Begriffen einer Behinderung ist das zweischneidig, weil immer Menschen hinter dem Fachbegriff sitzen, die sich betroffen sehen durch die heute fast schon inflationäreVerwendung des Begriffs.

Ich denke nicht, dass es eine Lösung gibt. Es ist ein sprachliches Problem, das lebendigen Sprachen in einer sich entwickelnden und verändernden Welt innewohnt. Trotzdem wäre es begrüssenswert, wenn der Umgang mit Sprache bewusster würde. Wenn man sich überlegt, was man sagt, bevor man es tut. Es wäre wünschenswert, dass gerade die, welche sich öffentlich äussern, dies auf eine rücksichtsvolle, sachlich und fachlich korrekte Art und Weise täten. Es wäre der Sprache und der Sache gedient, wenn man von plakativ verwendeten Modebegriffen ablassen und neutral die Fakten beschreiben würde. Dann wäre die Gesellschaft keine autistische, sondern eine, die aufgrund falscher Wahrnehmungen auf die falschen Pferde setzt. Korrekt benannte Gesellschaftsprobleme kann man angehen, für die kann man Lösungen suchen. Ein paar in die Runde geworfene Modewörter verunmöglichen jeglichen sachlichen Diskurs und damit auch die Lösungsfindung. Der schöne Nebeneffekt einer bewussteren (und damit auch korrekteren) Sprache wäre: Man könnte damit unnötige Verletzungen von  (in diesem Fall von Autismus betroffenen) Menschen vermeiden. Das allein wäre es eigentlich schon wert.

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*Vgl. dazu Lakoff/Johnson: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern

Mario Vargas Llosa: Briefe an einen jungen Schriftsteller

In Briefen an einen imaginären jungen Schriftsteller erläutert Mario Vargas Llosa das Handwerk eines Romanschriftstellers. Er beschreibt dabei anfänglich seinen eigenen Wunsch, bei seinen grossen Vorbildern nachzufragen, wie man Schriftsteller wird und lobt des Jünglings Mut, den Schritt gewagt zu haben.

Sie haben sich nicht lähmen lassen, denn Sie haben mir geschrieben. Das ist ein guter Anfang für das Abenteuer, auf das sie sich einlassen wollen und von dem Sie sich vermutlich, auch wenn Sie es nicht erwähnen, Wunderbares versprechen.

Mario Vargas Llosa warnt davor, sich von der Schriftstellerei zu viel zu erhoffen, vor allem warnt er davor, den Weg aus Wunsch nach Erfolg zu gehen. Erforderlich seien vor allem Disziplin und Ausdauer, ein Schriftsteller ordne alles andere seinem Tun, das für ihn Berufung sei, unter.

Ihre Entscheidung, aus der Begeisterung für die Literatur Ihr Schicksal zu machen, muss zur Fronarbeit, ja zur Sklaverei werden.

In der Folge geht Mario Vargas Llosa auf alle wichtigen Themen ein, denen ein junger Schriftsteller auf dem Weg hin zu seinem Roman begegnet. Er behandelt die Themenwahl und das Finden von Ideen, schreibt über die nötige Überzeugungskraft, welche es braucht, um den Leser von der Geschichte einzunehmen. Wichtig ist auch der Stil, in dem eine Geschichte geschrieben wird, denn dieser muss der Geschichte entsprechen und damit ein Gefühl der Authentizität vermittleln.

Mario Vagas Llosa geht weiter, Erzähler, Raum und Zeit sowie verschiedene Realitätsebenen zu beleuchten, zeigt auf, dass auch Wechsel innerhalb einer Geschichte möglich sind, wenn diese der Geschichte dienen, sie eine Perspektive eröffnen, die sinnvoll und notwendig ist. Die Notwendigkeit der Wahl ist immer entscheidend dafür, ob die Geschichte beim Leser ankommt. Anhand von vielen literarischen Beispielen, welche die vorgestellten Theorien belegen, wird das Handwerkzeug hin zum Roman anschaulich und verständlich. Schliesslich und endlich bleibt aber doch nur eines: Man muss sich hinsetzen und schreiben. Das ist auch der Rat, den Mario Vargas Llosa seinem jungen Schriftsteller gibt.

Man [kann] niemandem beibringen, schöpferisch tätig zu sein; höchstens, wie man schreibt und liest. Den Rest bringt man sich selbst bei, indem man immer wieder stolpert, stürzt und aufsteht.
Lieber Freund, Sie sollten alles vergessen, was Sie in meinen Briefen über die Romanformen gelesen haben, und endlich anfangen, Romane zu schreiben.

Ich wage Mario Vargas Llosa in einem Punkt zu widersprechen: Es wäre schade, die Inhalte seiner Briefe zu vergessen, da sie einerseits sehr fundiert über das Handwerkszeug eines Schriftstellers Auskungt geben, andererseits eine grosse Bandbreite an literarischen Verweisen und Interpretationen beinhalten. Zudem ist das Buch schlicht unterhaltsam geschrieben und schön zu lesen.

Fazit:
Ein empfehlenswertes Buch nicht nur für (angehende) Schriftsteller, sondern auch für interessierte Leser.

Zum Autor
Mario Vargas Llosa
Jorge Mario Pedro Vargas Llosa wurde 1936 in Arequipa, Peru geboren und siedelte dann mit seiner allein erziehenden Mutter sowie deren Eltern nach Bolivien um, wo er seine Kindheit verbrachte und die katholische Grundschule besuchte. Die Familie zog zurück nach Peru, wo er Jura und Literatur , promovierte danach in Madrid in Philosophie und Literatur. Er arbeitete in Paris für Rundfunk und Fernseh sowie als Journalisti für eine Nachrichtenagentur, wandte sich in den 1980er Jahren der Politik zu. 2010 erhielt Maria Vargas Llosa den Nobelpreis für Literatur „für seine Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage“. Auf Deutsch erschienen sind unter anderem Die Stadt und die Hunde (1963), Der Krieg am Ende der Welt (1982), Der Geschichtenerzähler (1990), Tante Julia und der Kunstschreiber (1997), Das Fest des Ziegenbocks (2001), Das Paradies ist anderswo (2004), Das böse Mädchen (2006), Der Traum des Kelten (2011).

VargasSchriftstellerAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 118 Seiten
Verlag: Suhrkamp (26. April 2004)
Übersetzung: Clementine Kügler
Preis: EUR  7 / CHF 11.90

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Eduard Habsburg: Lena in Waldersbach

Lena wandert auf den Spuren von Büchners Lenz durch die Vogesen. Sie irrt durch die Täler und auf Berge, auf der Suche nach den beschriebenen Örtlichkeiten und durchlebt dabei Lenzens Wahnsinn, dessen Wahnzustände.

Kreuz und quer durch das Steintal, durch all die Orte, die sie kannte und doch nicht kannte, hinauf auf das Gebirg und kreuz und quer über das Gebirg, mit wenig Ruhepausen. Kein Wunder, dass sie zum Umfallen erschöpft war und eigentlich nur noch weinen wollte, aber die grösste Prüfung stand ihr ja noch bevor.

Lena findet Unterschlupf bei einem Pastorenpaar, erfährt da eine Geborgenheit, die sie im Leben vermisste, der sie aber nicht trauen kann. Ein Durcheinander von Realität und Einbildung treibt sie immer mehr in die Enge einer Verstörung, die sie gegen alles und jeden misstrauisch werden lässt..

Alles in Lena revoltierte. Sie musste den Deckel fest geschlossen halten, konnte keinen Augenblick die Kontrolle verlieren, durfte sich keine Blösse geben.

Eduard Habsburg erzählt die Geschichte eines Mädchens, das sich in ihrem wahren Leben nicht mehr geborgen fühlt und sich aufmacht, ein anderes Leben zu ergründen, das von Büchners Lenz. Sie taucht so sehr in dieses Leben ein, dass sie die Welt durch dessen Augen sieht und schliesslich Wahrheit und Schein nicht mehr auseinander halten kann. Natürlich hat das Ganze einen Auslöser, welcher im Laufe der Geschichte immer mal vage erwähnt wird, dann aber immer klarer ans Tageslicht tritt.

Habsburg versucht, durch die Figur der Lena den Lenz in die heutige Zeit zu holen. Einige moderne Attribute wie SMS, Facebook und Google Maps helfen dabei. Dazwischen blickt der Leser auf Sätze und Bilder aus Büchners Original. Lenas Hang zum Wahnsinn wird in der Erzählung von Habsburg auf einen Bruch in ihrem Leben zurückgeführt, die Hinwendung zu Lenz resultiert aus diesem. Das hebt Lena von Lenz ab, bei welchem der Ursprung für seine Krankheit im Dunkeln bleibt. Es bleibt ein gewisses Fragezeichen ob der Plausibilität des Ganzen zurück. Zwar versteht man schlussendlich die Besessenheit von Lena in Bezug auf Büchners Lenz, die gemeinsamen Wahnvorstellungen wirken fragwürdig und im vergleich zu Büchners Lenz bei Lena eher farblos.

Fazit:
Ein verwirrendes Buch über Verirrungen und Verwirrungen. Abgründig, geheimnisvoll und ausgefallen.

Zum Autor
Eduard Habsburg
Eduard Habsburg wurde 1967 geboren und studierte und promovierte an der KUL Eichstätt Danach schrieb er Drehbücher für Film und Fernsehen sowie Romane. 2006 lehrte er an der Hochschule Gaming und war 2007 Lehrbeauftragter für Philosophie an der theologischen Fakultät der Universität Lugano. Seit 2009 ist Eduard Habsburg Medienreferent von Bischof Klaus Küng in der Diözese St. Pölten. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Wien. Werke von Eduard Habsburg sind Die Reise mit Nela (2008) und Lena in Waldersbach (2013).

HabsburgLenaAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 123 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (22. Januar 2013)
Preis: EUR  14.95 / CHF 22.40

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