Ich muss, ich muss – ich kann nicht mehr

IMG_2416Oft treiben wir uns an, sehen alles, was wir müssen, müssten, sollten, wollten. Wir denken, wir könnten es nicht nicht tun, da es uns sonst jemand – oder wir selber – übel nähme, er schlecht von uns dächte, uns gar für faul hielte. Wir denken, wir könnten nicht einfach mal nichts tun. Wo kämen wir da hin, wäre der Terminkalender leer und wir hätten tatsächlich Zeit, wenn jemand fragt, ob wir die hätten, haben sie doch andere auch kaum und alle sind verplant – ständig.

Termine, Termine, sie jagen sich, einer nach dem anderen. Sind sie nicht da, läuft etwas falsch. Die, die alles richtig machen, sind gefragt, eingespannt, sie können Mails nicht beantworten, weil sie so viele Termine haben, schaffen es nicht auf einen Kaffee, sind einfach unabkömmlich. Was würde das für ein Licht auf einen werfen, wäre man da, hätte Zeit, schriebe sofort zurück? Damit würde man sich förmlich als Taugenichts outen, als einer, der nichts Besseres zu tun hat, als eben Kaffee zu trinken und Mails zu schreiben. Das geht ja gar nicht.

Und so geht man dahin, füllt die Tage, packt rein, was nur rein geht. Denn was rein geht, muss rein. Und dann ist es vollbracht. Der Kalender ist voll. Angefüllt mit allem, was rein ging, reingehen musste, sollte, konnte. Und man steht da, sieht diese Agenda, die mal weiss war und nun in allen Farben leuchtet, ist also an dem Ort, an den man wollte. Das Hochgefühl, wenn überhaupt, ist kurz. Dann kommt nur schon beim Anblick all dessen eine erste Erschöpfung auf. Sie breitet sich aus. Man schilt sich. Andere machen das auch. Nun keine Müdigkeit vortäuschen. Weiter im Text. Das pack ich. Das muss ich packen.

Die Erschöpfung breitet sich aus. Sie schlägt auf den Körper. Magen, Kopf – was immer kann, rebelliert.  Man merkt, dass man sich wohl übernommen hat, dass alles zuviel ist, man es nicht packt, eigentlich gar nicht packen will – und wohl auch nicht kann. Man hat sich übernommen, weil man dachte, es zu müssen, um irgendwem (und sich selber) etwas zu beweisen. Man hat sich übernommen, indem man sich mehr auflud, als einem gut tat. Die Frage, was zu einem passt, wie viel gut ist, was zuviel, stellte man sich gar nie in dem Ganzen. Man liess sich treiben, blind und taub, war eigentlich gar nicht mehr Herr seiner Taten, sondern nur noch Sklave seiner (An)Triebe.

Noch ist die Zeit da, das zu ändern. Dinge, die im Kalender stehen, lassen sich auch wieder löschen. Nicht immer leicht, nicht immer ohne Konsequenzen – sie drin zu lassen wider besseres Wissen und entgegen der Warnsignale des eigenen Körpers und Geistes hat aber auch welche. Dies vergisst man zu gerne. Es gibt sogar keine tiefer gehende Konsequenz als die, welche man am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfährt, denn diese trifft einen immer direkt und ab und an sehr unvermittelt und hart. Besser wäre es, die Warnsignale ernst zu nehmen und sich endlich sich selber zuzuwenden, zu sich zu schauen, statt sich irgendwelchen von aussen gefühlten oder gedachten Antrieben zu beugen und zu unterwerfen.

Es wird einen niemand besser finden, nur weil man keine Zeit mehr hat. Es wird einen auch keiner mehr respektieren, höher einschätzen, nur weil man ach so beschäftigt ist. Vielleicht ist es sinnvoller, den Kaffee einfach in Ruhe für sich selber zu trinken, sich der Zeit für sich zu erfreuen, statt irgendwem nachzurennen, der keine Zeit hat. Er ist nicht besser, nur mehr beschäftigt. Die Konsequenzen muss er tragen, denn es ist sein Leben. Vielleicht stimmt es für ihn so, vielleicht ist aber auch er nur ein Getriebener. Das weiss nur er. Ich trinke jetzt einen Kaffee, durchforste meine Agenda und erfreue mich an den weiss gewordenen Stellen. Nächstes Jahr lasse ich sie gleich leer, man soll ja die Warnanlagen nicht überstrapazieren. Trotzdem: Besser spät als nie!

12 Comments

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  1. Ja, so ist es.
    Allerdings dürfen wir uns privilegiert schätzen, die noch halbwegs selbst über die Terminvergabe entscheiden. Wer die Seele baumeln lassen darf, wer seine eigenen Ansprüche autonom runterschrauben darf, ist sehr privilegiert.
    Häufig ist das aber gar nicht möglich. Auf diese Menschen müssen wir besonders achtgeben. Die, die WIR überfordern, denen müssen wir den Druck nehmen.
    Eigentlich ein Anspruch an die ganze Gesellschaft

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    • Ich denke, jeder hat Punkte im Leben, die er nicht oder nur schwer umgehen kann und die halt einfach irgendwie geschafft werden müssen. Trotzdem würde ich mal behaupten, dass daneben ganz viele existieren, die man sich selber auferlegt oder aber denkt, man müsste sie erledigen, was aber nie ein wirkliches Muss ist. Wenn man mal ganz genau hinschaut, was man wirklich MUSS (im Sinne von nicht unterlassen dürfen), fallen wohl ganz viele Dinge weg, denen man immer nachhetzt. Gerade haben wir wieder die sogenannt besinnliche Zeit hinter uns. Eng verbunden damit ist der Ausdruck „Weihnachtsstress“… Wirklich ein Muss? Und doch sind viele davon betroffen, lassen sich darin verwickeln. Und ähnlich geht es wohl noch mit vielem im Leben. Das Bewusstsein, was wirklich sein muss, wo man auch mal nein sagen kann und was man gelassener angehen könnte, hilft vielleicht, mehr Ruhe und damit mehr Kraft ins Leben zu bringen.

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  2. Zeit ist ja heutzutage so wertvoll – so hört man oft. Früher hatte man sie einfach – so hört man auch. Ein neues Kunstwort macht die Runde: Entschleunigen… Ich finde es gar nicht mal so schlecht, und für die Menschen der heutigen Turbo-Gesellschaft notwendig, will er nicht unter die Räder kommen.
    Auf einen entschleunigenden Kaffee gemeinsam mit der Autorin dieser Seite freue ich mich sehr.

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  3. Wenn der gefüllte Terminkalender zum Orden eines Systems geworden ist,
    der Ausweis für Ehre, Leistungsfähigkeit und Systemtreue, dann ist nicht nur was faul im Lande, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Da sie keine Zeit mehr haben, sich mit dem Innenleben ihrer Köpfe zu befassen, lieber ferngesteuert einem Grauen entfliehen wollen, welches sie mit Sicherheit einholen wird, ja sich stets drohend im Nacken befindet, entsteht ein Spannungsbogen für den ein hoher Preis bezahlt wird.

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  4. Hat dies auf cafegaenger rebloggt und kommentierte:
    Wenn der gefüllte Terminkalender zum Orden eines Systems geworden ist, der Ausweis für Ehre, Leistungsfähigkeit und Systemtreue, dann ist nicht nur was faul im Lande, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Da sie keine Zeit mehr haben, sich mit dem Innenleben ihrer Köpfe zu befassen, lieber ferngesteuert einem Grauen entfliehen wollen, welches sie mit Sicherheit einholen wird, ja sich stets drohend im Nacken befindet, entsteht ein Spannungsbogen für den ein hoher Preis bezahlt wird.

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  5. Was für ein Glück, dass unser Kalender nicht mehr tägliche Eintragungen hat.
    Wir haben unsere Büroarbeit schön runtergeschraubt. Es ist überschaubar geworden.
    Wir geniessen es, freie Zeiten zu haben.
    Es ist wundervoll.

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  6. Möglichst viel hineinzupacken heisst nicht mehr erlebnisfähig zu sein.

    Die Zeit ist wohl das eigenartigste Phänomen, das wir kennen. Physikalisch vergeht sie umso langsamer, je schneller wir uns bewegen. Und psychisch, also erlebnismässig, vergeht sie umso langsamer, je dringender wir etwas erwarten, je weniger wir erleben; und wenn wir ganz intensiv erleben, dann scheint sie still zu stehen. Der Augenblick ist nicht die kleinste Zeiteinheit, sondern zeitlos.

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