Die Würde des Menschen….und das Bundesgericht

Ein Mann vergewaltigt 24 Frauen und kommt ins Gefängnis. Aus irgendwelchen Gründen wird der Vollzug gelockert und der gute Mann fällt über die nächsten Frauen her, betäubt sie und vergeht sich an ihnen. Wieder wird er verurteilt, des Weiteren wird eine lebenslange Verwahrung wegen besonders schwerer Beeinträchtigung – sowohl psychisch wie physisch – der Opfer. Das fühlt sich gut und richtig an, doch dann geht das Ganze vors Bundesgericht.

Dieses sieht in der Tat keine besonders schwere Beeinträchtigung. Zwar kann nun das Basler Gericht, welches den Fall nun wieder zurück haben darf, immer noch eine Verwahrung anordnen, allerdings wird diese immer wieder neu geprüft. Unter Umständen kann die Verwahrung dann ein Leben lang dauern, nur fehlt ein wenig der Glaube daran, wenn man sieht, dass bei ihm nach einer Prüfung auch eine Vollzugslockerung gestattet wurde. Nun könnte man natürlich zynisch sein und sagen, dass in dieser zum Glück kein Opfer besonders schwer beeinträchtigt wurde nach Massgabe des Bundesgerichts, allerdings bleibt hier sogar dem Zyniker das Wort im Halse stecken.

Das Urteil des Bundegerichts ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Opfer, es zeugt auch von mangelnder Empathie und fehlender Fähigkeit, eine solche Tat einzuschätzen und einzuordnen. Zwar sind Urteile aufgrund von Gesetzen und nie aufgrund von Gefühlen (und sei es nur Mitgefühl) zu fällen, was gut, wichtig und richtig ist, aber hier wurde nicht nur menschlich versagt, auch rechtlich ist dieses Urteil alles andere als eine Meisterleistung und es zeichnet ein falsches Bild. Es suggeriert, dass die körperliche und psychische Integrität und damit auch die Würde des Menschen, welche ja unantastbar sein sollte (so steht es in unserem Grundgesetz) mit Füssen getreten werden kann. Nicht ungestraft, nein, eine Strafe kriegt er, aber die Beeinträchtigung ist nicht besonders schwer.

Der Gedanke, dass ich gerne wüsste, wie sich die Menschen, die so geurteilt haben, fühlen würden, wäre das ihnen geschehen, ob sie das immer noch als nicht wirklich besonders schlimm abtäten, durchzuckt mich. Ich schäme mich, ihn nur schon zu denken, denn wünschen kann ich das niemandem. Umso unverständlicher ist es mir, dass jemand die Schwere des Verbrechens in Frage stellt. Eine Frau wird überrumpelt, betäubt und wacht irgendwann auf und merkt, wie ihr geschehen ist. Sie konnte nichts tun, sie hatte keine Wahl. Sie weiss nicht, was ihr passiert ist, sie weiss nicht wieso – sie muss nun aber damit leben, dass es möglich war, dass es passiert ist und: dass es wieder passieren könnte. Was sonst noch alles in ihrem Kopf, in ihren Gefühlen vorgeht, möchte ich weder in Worte fassen noch genau durchdenken. Zurück bleibt nur die Trauer und die Frage: Was, wenn nicht das, stellt dann überhaupt noch eine „besonders schwere Beeinträchtigung“ dar?

(Hier die Ursache für mein Unverständnis)

Rezension: Alex Capus – Mein Nachbar Urs

Katzen, Kinder, Velopneus – das ganz normale Nachbarschaftsleben

Ich habe fünf Nachbarn, die mit Vornamen Urs heissen. […] Dann gibt es in unserer Nachbarschaft noch einen sechsten Urs, aber der will nicht, dass ich über ihn schreibe. Also sage ich, es seien nur fünf Urse.

In zwölf Kurzgeschichten erzählt Alex Capus aus seinem Leben in Olten, genauer aus seiner Nachbarschaft, hauptsächlich im Zusammenhang mit seinen fünf Nachbarn, die alle Urs heissen. Es gibt noch weitere Menschen mit anderen Namen, von denen die Geschichten handeln, einer davon ist Herbert – allerdings könnte er auch Norbert oder Robert heissen und er wohnt auch nicht in der Nachbarschaft. Doch das ist die Ausnahme. Hier geht es um Urse und Alexs Leben mit ihnen.

Die fünf Urse sind unterschiedlichen Charakters und auch mit unterschiedlichen Berufen und Leben ausgestattet, aber sie haben auch einiges gemeinsam. Sie finden zum Beispiel Alexs Auftreten nicht so, wie es sein sollte:

„Noch nie hat man dich auf einem ordentlichen Velo gesehen. Diese zwanghafte Nachlässigkeit – irgendwie kindisch finde ich das.“

„Wenn’s nur das Velo wäre“, fügte der dritte Urs hinzu.. Bei dir ist aber, wenn man genau hinguckt, alles immer ein bisschen vage und ungefähr. Irgendwie lasch. Nichts für ungut.“

„Ein bisschen lauwarm“, sagte der zweite Urs und nickte.

Als einziger Nicht-Urs kann Alex das nicht stehen lassen:

„Ich verstehe, dass euch mein Lottervelo ein Dorn im Auge ist“, sagte ich. „Aber nehmt bitte zur Kenntnis, dass ich mich genauso ärgern könnte […] Ich tu’s nicht, aber ich könnte mich ärgern. […]“

Wer denkt, das sei es nun gewesen mit der guten Nachbarschaft, dem sei gesagt: Weit gefehlt. Es wird weiter auf dem Kiesplatz mit Bänken und Grill an der Elsastrasse zusammengesessen, gegrillt, Bier getrunken und über Gott und die Welt geredet – wie man es als gute Nachbarn eben tut.

Mein Nachbar Urs ist sicher kein grosser literarischer Wurf und steht, in der Kategorie gedacht, weit hinter Alex Capus’ Romanen zurück, aber: Es ist ein unterhaltsames, zutiefst menschliches, witziges und aus dem Leben gegriffenes Buch, das einen Einblick in Alex Capus’ Leben in seiner Heimat Olten gibt – oder es zumindest gekonnt so aussehen lässt. Man fühlt sich als Leser mittendrin, lacht mit, wundert sich, fragt sich, ist dabei. Wer Alex Capus schon live erlebt hat, erkennt ihn wieder und liest den Alex so, wie er ihn geben würde.

Ich dachte in einer schlaflosen Nacht, ich könnte mal eine Geschichte lesen (dazu eignen sich Kurzgeschichten wunderbar), um dann wieder weiterzuschlafen. Da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt (in diesem Fall Alex Capus) gemacht: Ich habe das ganze Buch in einem Zug durchgelesen. Also: Aufgepasst!

Fazit:
Ein unterhaltsames, kurzweiliges, witziges Buch rund um Alex Capus’ Leben mit seinen fünf Nachbarn namens Urs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz. Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009), Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

Hier gibt es ein Interview mit dem Autoren.

 
Angaben zum Buch:
Capusmein_nachbar_ursTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (23. Oktober 2015)
ISBN-Nr.: 978-3423144490
Preis: EUR 8.90 / CHF 11.90

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Heranwachsende Söhne

Als ich Kind war, gab es keine Markenklamotten. Schuhe, Hosen, Jacken – alles „No Name“. Alles schön, alles toll, sauber. Aber keine Marke. Mein Vater hielt von Marken nichts. Man zahle nichts ausser dem Namen, meinte er. Ich litt damals, verstehe ihn heute und sehe es gleich.

Mein Sohn mag Marken. Weil: Alle haben die. Ich weiss, wer alle sind. Ich weiss aber auch, wie es sich anfühlt, wenn man nicht hat, was „alle“ haben. Ich kauf’ ihm kaum Marken, ab und an doch. Einiges kriegt er geschenkt, dafür bin ich sehr dankbar, es geht doch ganz schön ins Geld.

Wie es bei Kindern so ist: Sie wachsen. So trug besagtes Kind die schönen blauen „Nike Air“-Sportschuhe gerade mal einmal, dann waren sie zu klein. Die tolle schwarze Jeans hatte zwar keinen Namen, dafür aber einen gigantischen Schnitt. Nur: Das Kind passte nicht mehr rein.

Aber… und nun kommt’s… ich passte in beides rein. Und ich trug wohl das erste Mal in meinem Leben Nike Turnschuhe. Und die Jeans war auch toll. Leider ist das Kind mittlerweile in Hosen und Schuhen über mich hinausgewachsen, aber die beiden Stücke, die liebe ich heiss.

Das perfekte Kind

In der Schule meines Sohnes gibt es Einträge. Für jedes Vergehen kriegen die Kinder einen. Als Vergehen zählt, wenn das Kind zu spät kommt. Das finde ich sinnvoll, denn Pünktlichkeit ist wichtig. Erstens wird das Kind später im Berufsleben Pünktlichkeit brauchen, da sonst der Job schneller weg ist, als er gefunden wurde, andererseits stellt Pünktlichkeit auch Respekt dem Gegenüber dar, denn: Pünktlichkeit beinhaltet einen vereinbarten Termin und eine Vereinbarung impliziert mindestens zwei Partien. Einer von beiden wartet bei der Unpünktlichkeit des anderen. Dies in Kauf zu nehmen stellt für mich Respektlosigkeit dar und die mag ich gar nicht.

Als Vergehen zählt ebenso, wenn das Kind seine Aufgaben nicht gemacht hat. Auch das verstehe ich, denn Aufgaben werden erteilt und sie stellen Pflichten dar, die man abarbeiten muss. Das liegt in der Natur der Sache, in diesem Fall eines Abhängigkeitsverhältnisses. Sicher muss nicht jede Aufgabe gedanken- und kommentarlos akzeptiert werden, dieser Nachtrag ist aber sicherlich sinnvoller für mündige Menschen im Berufsleben als für Schüler in der Schulsituation (alle Abers verkneif ich mir und diskutiere ich an diesem Punkt nicht weiter).

Ebenfalls als Vergehen zählt, wenn das Kind alles gemacht hat, allerdings sein Blatt in einem anderen Zimmer hat als dem gerade benützten. Wären Schulzimmer wie zu meiner Zeit, wäre das gar nicht möglich gewesen, allerdings geht mein Kind in eine Schule, in der ich schon bei der Aufteilung der Zimmer den Überblick verloren habe, geschweige denn mir hätte merken können, wann ich wo womit sein müsste. Und auch da kriegt das Kind dann einen Eintrag.

Ich werde nichts sagen, ich werde mich hüten, aufzumucken, denn sonst kriege ich wieder von Lehrer-Bemitleidern zu hören, ich würde des Lehrers Zeit über Gebühr strapazieren. Auch weiss ich, dass es eh nichts bringen würde in den Mühlen unserer Schulmaschinerie, aber: Wenn ich für jede Vergesslichkeit einen Eintrag kriegen würde, wären meine Hefte voll. Wenn ich denke, wie oft ich in die Küche laufe und da angekommen vergessen habe, was ich überhaupt wollte, wie oft ich zum Coop fahre und dann ohne das, was ich dringend kaufen sollte, dafür mit vielem anderen nach Hause komme, wie oft ich ähnliches produziere, dann wären meine Hefte gut gefüllt.

Ich bin nicht perfekt. Kinder müssen es wohl sein. Sonst kriegen sie einen Eintrag. Den ich unterschreiben muss. Und das stösst mir mehr als sauer auf! Ich bin sehr für Anstand, Respekt, Ordnung. Mein Kind ist gut erzogen, es tobte nie durch Züge, isst manierlich, seit er sitzend essen kann, er hat Anstand andern Menschen gegenüber, ich war da eisern, weil es mir wichtig ist, aber: Es ist ein Mensch, es ist ein Kind, es ist nicht perfekt. Und das sollte es auch nicht sein müssen. Ich finde dieses Perfektionsstreben mit angedrohtem Tadel höchst bedenklich und absolut motivationstötend.

Politisch korrekt und genderneutral

Als Kind hatte ich eine Hörspielkassette, ein Kasperlitheater mit dem Titel „De Schorsch Gaggo gaht nach Afrika“. Darin war von Negern die Rede, den Ausdruck kriegte ich quasi mit der Muttermilch (von welcher ich wiederum weniger kriegte, da ich – so sagt meine Mutter – zu faul zum saugen gewesen sei… das ist aber eine andere Geschichte, die an einem anderen Ort oder besser gar nicht thematisiert werden soll) und dachte mir nichts dabei, ausser: Das ist eine Bezeichnung für einen Menschen, wie Frau oder Mann – sie bezieht sich einfach auf eine Eigenschaft des Menschen.

Als ich studierte, sass ich in Vorlesungen, hörte Ansprachen, kriegte Anschreiben. Meist hiessen ich und meine Kommilitonen „Studenten“. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich nicht angesprochen oder gar zurückgesetzt zu fühlen. Wieso auch? Klar war mir bekannt, dass die Rechte der Frau lange eher stiefmütterlich behandelt wurden und sie in ganz vielen Schriften nicht mitgemeint waren, wenn man von „Bürgern“ und ähnlichem sprach. Aber all das machte ich nie in der Sprache fest, eher in der Haltung, die dahinter steckt.

„Neger“ darf man heute nicht mehr sagen, Studenten sind entweder „Studenten und Studentinnen“, schriftlich auch „StudentInnen“, oder aber „Studierende“. Bis es soweit war, bedurfte es ganz vieler Kämpfe, es brauchte Menschen, die sich einsetzten für Werte, für Gleichberechtigung, für Menschenrechte, die für jeden gelten sollen, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religionszugehörigkeit, sexuellen Ausrichtung oder des Geschlechts. Wir sind noch weit davon entfernt, erreicht zu haben, dass wirklich jeder Mensch qua seines Menschseins als Gleiche(r) unter Gleichen behandelt wird. Aber: Wir sind ganz gross darin, sprachliche Ausdrücke zu verteufeln, zu verdammen, den Finger drauf zu halten.

Hat eine Frau mehr Rechte, wenn der Rektor einer Uni die Menge mit „Liebe Studenten und Studentinnen“ anspricht? Auch die Mitarbeitende im Betrieb kann sich nicht mehr leisten, nur weil der Chef nicht mehr die Mitarbeiter anspricht, sondern von Mitarbeitenden (genderneutral) spricht. Helfen würde ihr nur, kriegte sie denselben Lohn für dieselbe Leistung. Davon sind wir weit entfernt, immer noch.

Ab und an erscheint es mir, als ob man sich gerne Nebenschauplätze wählt, auf denen man sich austoben kann, weil die Dinge, um die es wirklich geht, a) gross sind, b) den eigenen Ast absägen könnten, und c) …. es gäbe noch so viel, da nun das c) draus zu wählen täte den anderen Argumenten Unrecht und wäre damit nicht neutral, sondern wertend.

Sprache ist wichtig, sie ist prägend. Sprache ist ein zentrales Moment in der Identität und im Gedankengut von Menschen. Trotzdem denke ich nach wie vor, dass niemandem geholfen ist, wenn wir die Sprache zurechtbügeln, dass sie keine Ecken und Kanten mehr hat, an denen man sich stossen könnte. Was wirklich zählt, ist die Haltung dahinter. Wenn das chauvinistische Arschloch von Chef mit säuselnder Stimme am Weihnachtsessen seine MitarbeiterINNEN anspricht, diese aber in geschütztem Rahmen sexuell zweideutig angeht und ihnen auch nur einen Prozentsatz an Lohn auszahlt im Vergleich mit ihren männlichen Mitstreitern, hat er auf den ersten Blick alles richtig gemacht. Denn: Das Sexistische hintenrum hat keiner gesehen und über Geld spricht (in der Schweiz) kaum jemand.

Da würde ich lieber als Manager angesprochen und kriegte den ganzen Lohn. Denn das wäre die richtige Haltung. Und wäre die da, würde keiner mehr nach einem „INNEN“ schreien. Denke ich mal. Hoffe ich mal. So rein sprachlich, denn: Als Sprachwissenschaftler (nein, nicht –IN) rollen sich mir die Zehennägel auf bei all den Sprachverkehrungen.

Wer sich nun fragt, was Schorsch in dem ganzen Spiel zu suchen hatte, dem sei gesagt: Es ist dasselbe mit einem Unterschied: Wenn sich Menschen mit einem etwas pigmentierterem Teint verletzt fühlen durch den Begriff „Neger“, dann ist das sicher ein Punkt, den man nicht ignorieren darf. Aber: Unter sich nennen sie sich „Nigger“, es darf nur kein „Weisser“ den Begriff benutzen. Ich wage mich auf die Äste hinaus und sage: Auch da zählt nur die Haltung hinter dem Begriff. Denn: Sie würden sich gegenseitig beleidigen. Und das tun sie nicht. Sie trauen nur den „Nicht-Niggern“ die Toleranz und Akzeptanz nicht zu. Wörter werden das nicht ändern. Nur die Zeit und die Haltung. Die hinter den Wörtern.

Ich denke, wir sollten nicht weiter an der Sprache feilen, sondern an der Haltung. Das fängt bei der Toleranz im Kleinen an. So lange wir bei andern verspotten, was wir selber nicht mögen, sollten wir nicht mit Worten um uns schlagen und ebensolche bekämpfen, denn: Wir haben nichts begriffen. Worte sind leicht dahingesagt, das miteinander Leben ist die einzige Lösung. Für wohl alles auf dieser Welt.

 

Von Hometrainern und Beinbrüchen

Ich habe einen Hometrainer. Das allein ist nicht spektakulär, aber: Ich benutze ihn. Täglich. Seit etwa 26 Jahren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen steige ich für eine halbe Stunde auf das gute Teil und spule meine 14 km ab. Mach ich es gerne? Nicht wirklich. Ich denke fast jeden Morgen, wie schön es wäre, nun einfach liegen zu bleiben (ich bin eher faul). Aber ich weiss auch, dass es mir nachher nicht besser ginge, im Gegenteil. Mein Kreislauf spielte verrückt, ich würde mich schlapp und schlapper fühlen.

Klar könnte man sagen: „Einmal sein lassen, das wäre kein Beinbruch.“ Das stimmt wohl theoretisch, allerdings ist es die Kontinuität, die mich überhaupt durchhalten lässt. Die halbe Stunde steht nicht zur Debatte. Sie tut mir gut, sie ist meine Zeit am Morgen, die Zeit, die mir gehört. Ich lese auf dem Hometrainer, habe ihn so „umgebaut“, dass ich den Laptop draufstellen und schreiben kann, ich häkle, schaue Filme… aber ich trampe immer im Schnitt 28 km/h. Das ist nicht sehr schnell, es ginge sicher schneller ohne all das Nebenprogramm, aber dieses hilft mir bei der Kontinuität.

Ich höre oft im Umfeld: „Wenn ich einen Hometrainer hätte wie du, könnte ich auch täglich Sport treiben.“ Allerdings haben ganz viele Menschen einen Hometrainer und nutzen diesen nie – es sei denn als Kleiderständer. Würde ich täglich Sport treiben ohne den Hometrainer? Ich habe es viele Jahre gemacht, als ich sehr intensiv Yoga machte. Täglich eine Stunde und mehr. Ich denke, wichtig ist nicht, was man macht, sondern dass man das macht, was man selber gut in den eigenen Lebensplan einbauen kann, und sich dann ohne wenn und aber dafür entscheidet. Ich kann es nur empfehlen. Bis morgen früh, dann überlege ich wieder kurz, ob ich wirklich aufstehen soll….

Die selbsternannten Geschmackshüter

KonzertGabalierIch war gestern an einem Konzert. Das alleine wäre ja nicht verwerflich, einige fanden es aber so, weil der auftretende Künstler Andreas Gabalier war. Die Aussage „Ich bin erstaunt“ war noch die harmloseste, die „Intelligenter Mensch und Andreas Gabalier-Konzert schliessen sich aus“. Es ist nicht neu, dass ich wegen meines Musikgeschmacks verspottet werde. Dass der hier kritisierte Künstler das Hallenstadion voll machte und es danach in einem jubelnden, mitsingenden, fröhlichen Hexenkessel verwandelte, bringe ich mal nichts als Argument ins Spiel, das würde bloss als „reiner Kommerz“, „Masse statt Klasse“ und ähnliches abgetan. Es gibt etwas, das mir je länger je mehr sauer aufstösst:

Da gehen Menschen dahin und setzen ihren persönlichen Musikgeschmack als Absolutum. Sie setzen sich auf den Thron des Richters über gut und schlecht und setzen dann andere, die mit ihrem Geschmack nicht konform laufen, herab. Setzt man was dagegen, kriegt man gleich die Totschlagkeule um die Ohren: Du verstehst kein Spass! Es ist ja auch ach so lustig, ständig wieder abfällige Kommentare zu hören über die eigene Musik. Und vor allem ist es ach so kreativ, die ewig gleich Kommentare zu schreiben. Ich habe Humor. Allerdings sollte das Vorgetragene auch wirklich Humor darstellen und nicht nur unsensibles, unbedachtes und abwertendes Palaver.

Was mir aber noch mehr aufstösst: Wer masst sich eigentlich an, anderen zu sagen, was sie hören müssen? Was für ein Mensch ist das, der selber findet, die absolute Wahrheit in einem Bereich für sich gepachtet zu haben? Oft sind es sogar Menschen, die sonst von Pluralität reden, von Toleranz, von Offenheit und Empathie. Vermutlich ist es einfach einfacher, diese Begriffe zu diskutieren als sie selber zu leben. Notfalls kann man da ja alles als Humor und ach so witzig abtun und sich dabei gleich doppelt überlegen fühlen.

Gabalier
Andreas Gabalier Volks-Rock’n’Roll

Hab ich schon gesagt, dass ich und meine Freundin soeben Tickets für das Gabalier-Konzert in München bestellt haben? Auf das Konzert in Zürich haben wir fast 1,5 Jahre gewartet, so lange hatten wir die Tickets schon (eine lange Geschichte), diesmal ist die Vorfreude etwas kürzer, nur ein halbes Jahr. Wir hängen dann gleich das ganze WE dran und lassen es uns gut gehen. Wir sind halt einfach unbelehrbar.

Jerusalem – Ein Tag im Theater Neumarkt

Jerusalem – diesem Thema hat sich das Theater Neumarkt in Zürich am 29. November verschrieben. Um 6 Uhr morgens startet ein dokumentarisches Porträt mit dem Titel 24h Jerusalem. Es wird 24 Stunden lang im Foyer zu sehen sein.

Um 11.30 spricht Esther van Messel, Leiterin von FIRST HAND FILMS mit Filmwissenschaftlerin Sascha Lara Bleuler, wie es zum Film kam und welche Hindernisse zu überwinden waren. (Link)

Es folgt um 14 Uhr eine Gesprächsrunde rund um die Stadt Jerusalem.  Man darf sich auf Einblicke aus nächster Nähe freuen, wenn der NZZ-Korrespondent George Szpiro sich mit Sari Nusseibeh und Avraham Burg unterhält, welche beide in Jerusalem aufgewachsen sind und heute noch dort leben und dabei seit Jahren kritisch ihre eigene Geschichte mit dieser Stadt reflektieren.

Last but not least mein persönliches Highlight: Iris Berben stellt sich den Fragen von Roger Schawinski und präsentiert in diesem Zusammenhang auch ihr Buch Jerusalem. Seit 1968 reist Iris Berben regelmässig nach Jerusalem. Sie liebt das Land, die Menschen und hat auch eine Zeit lang da gelebt. Diese Stadt wird in dem Buch mit Bildern und persönlichen Texten lebendig, dargelegt von einer wunderbaren Schauspielerin und einer unermüdlichen Kämpferin für mehr Menschlichkeit und Toleranz. Ich werde dasein.

Bürokratie lässt grüssen

Ich las von Aktionen. Heute haben die einen Hashtag. Das ist ein Wort mit einem Gartenzaun davor: #hashtag. Soll Menschen im Social-Media-Bereich helfen, Gleichgesinnte zu finden. Früher ging man in den Turn- oder Feuerwehrverein. Dann wusste man: Da sind welche, die wollen dasselbe wie ich. Heute hat man Hashtags.

Unter dem Hashtag #yarnbomb findet man Bilder von Objekten, die umhäkelt oder umstrickt wurden. Laternenmasten, Bäume, Brücken, Räder – alles wurde mit Garn umwickelt und mit Hashtag versehen. In den USA ein grosser Trend, in anderen Ländern kommt es auch. Ich fand die Idee toll, da ich ziemlich verliebt in meine Häkelnadeln bin. Und noch mehr: Ich sah darin ein Projekt, sah Bilder, Bücher und Botschaften drin. Rundherum hiess es: Mach, klingt toll, super Aktion.

Da ich keine 20 mehr bin, zudem ein Kind habe, mit dem man gewisse Bürokratiehürden überstand, dachte ich: Kann das so einfach sein in der Schweiz? Ich denke nicht! Ich fragte auf Twitter bei der Stadtpolizei Zürich nach. Und erhielt sofort Antwort mit Telefonnummer. Super Dienstleistung. Das muss mal gesagt sein und das meine ich ernst! Ich rief am nächsten Morgen an. Ein sehr netter Herr am Telefon, der sofort wusste, worum es geht. Auch das: Eine tolle Leistung, für eine – wie ich finde – Banalität. Wer hier Spott oder Häme reinliest, liegt falsch. Ich schätze diese Dienste.

Ich schilderte mein Anliegen. Der nette Herr (er hatte eine wirklich sehr schöne Stimme) erklärte mir, wo im Netz ich das nötige Formular finden würde, das ich ausfüllen sollte. Denn: Einfach so einhäkeln gehe nicht. Das hatte ich mir eigentlich gedacht, entgegen all der Stimmen „mach nur“. Das Formular umfasste 5 Seiten. Ziel, Zweck, Inhalt, Auswirkungen, Dauer, Intentionen und vieles mehr sollte ausführlich geschildert werden. Das war aber nicht alles. Das ausgefüllte Formular käme dann vor ein Gremium. Es gibt eine Abteilung namens „Kunst im öffentlichen Raum“, welche in einer Frist von 6 Wochen entscheiden wird, ob das wirklich Kunst ist und durchgewinkt wird, oder ob das nicht geht.

Gesetzt den Fall, man käme durch, wäre das nicht das Ende. Nun müssten die Elektrizitätswerke gefragt werden, ob ihre Laternenmasten umhäkelt werden dürfen. (Ich wollte übrigens nur eine Binde von 10cm häkeln). Mein kurzer Einwand, ich könne auch Bäume nehmen, wurde gleich abgeschmettert: Bäume gehen gar nie, da kriege ich nie eine Erlaubnis.

Fazit: Ich häkle wieder Decken, Kissen und Tierchen. Die Botschaft, die mir vorschwebte, „Herz statt Gewalt“, werde ich weiter leben, beschreiben und in meine eigenen Projekte legen. Und ab und an beneide ich ein wenig meine Häkelfreunde in den USA, die einfach Dinge einhäkeln und damit die Welt ein wenig bunter machen.

Die Welt verstehen….

Ich bin so froh, gibt es heute Facebook. Hier wird mir die Welt erklärt. Menschen, die den Durchblick haben, erklären mir bei allem, wie die richtige Sicht der Dinge aussieht. Es sind meist die immer Gleichen, die zu wohl jedem Thema wissen, wie der Hase läuft, was richtig und was falsch ist. Ist man nicht auf ihrer Linie, kommentieren sie mit Spott und reichen dann Belehrungen nach. Das einzige Problem, das ich noch habe: Sie sind sich nicht immer einig in ihrer Verkündung der absoluten Wahrheit.

Wir haben ein düsteres Kapitel in der Geschichte hinter uns: Die Anschläge in Paris erschütterten wohl fast jeden. Die Betroffenheit war gross. Die Wahrheitsverkünder liefen zu Hochform auf. Die einen wussten, dass man nun jeden Moslem verbannen und verdammen müsse. Die anderen schimpften mit allen, die sich betroffen zeigten, weil diese in ihren Augen andere Opfer von anderen Terroranschlägen weniger betrauert hätten, und Dritte schimpften die ganze Solidaritätsbekundung überhaupt heuchlerisch.

Ich sitze hier und gebe zu: Ich verstehe diese Welt nicht mehr. Ich weiss nur, dass es eine Welt ist, wie ich sie mir nicht wünsche. Ich weiss nur, dass sich kein Mensch eine solche Welt wünschen würde. Es gibt einige, die diese Welt hier so geschaffen haben, es gibt andere, die dem Schaffen nichts entgegensetzten und die, welche sie schlicht erdulden. Alle haben sie Gründe. Ich kann mir die meisten wohl denken, verstehe sie rational, kann sie emotional nicht nachvollziehen und schon gar nicht teilen.

Wir sitzen also in dieser Welt. Alle. Statt dass sich die, welche sie so nicht haben wollen, zusammentun und gemeinsam für eine bessere Welt einstehen, bekämpfen sie sich gegenseitig, weil jeder für sich die Wahrheit gefressen haben will. Jeder will dem anderen erklären, wieso nur seine eigene, als Absolutum gesetzte Welt als die einzig richtige Sicht gelten kann. Und jeder, der so handelt, tut eigentlich zwei Dinge: Er ist 1) genauso absolutistisch wie die, welche tun, was er eigentlich nicht gut findet, und er macht 2) das kaputt, was die einzige Chance dagegen wäre: eine geeinte Gruppe von Menschlichkeit.

So lange sich jeder selber profilieren will, so lange jeder denkt, noch ein bisschen mehr verstanden zu haben und dadurch alles definieren zu können, was das menschliche Leben betrifft, so lange wird es so weiter gehen. Und ja: Ich denke, wir kommen aus der Nummer nicht raus. Jede Theorie scheitert an der Variable Mensch, möge sie noch so gut sein (die Theorie, bei der Variable Mensch bin ich mir nicht mehr so sicher).

Ohne Worte

Ich wollte so viel sagen,
wollte all das Leid beklagen.
Ich wollte diese Welt bedauern,
und den ganzen Hass betrauern.
Allein: Es fehlten mir die Worte,
und viel mehr: Was wär’n die richt’gen Orte?

 

Sollt’ ich also schweigen?
Tun das nicht die Feigen?
Was aber wollt’ ich sagen?
Bleibt mir mehr als nur noch Fragen?
Was gilt denn nun?
Was ist zu tun?

 

Während alle rufen, alle schreien,
wer die Bösen in dem Spiel grad seien,
gehen mir die Worte aus,
merke ich, die Luft ist raus,
und so sitz ich hier und frage,
wen kümmert, was ich sage?

 

Das Leben wird wohl weiter gehen,
alles werd’ ich nie verstehen.
Was ich kann, ist zu versuchen,
nicht nur andere verfluchen,
sondern hier in meinem Leben,
das mir Möglichste zu geben.

Muss man alles sagen?

Internet ist die Welt, wo man anonym durch die Welten fliegt. Man kann sagen was man will, man sitzt bequem hinterm Bildschirm und niemand kann einem was. Menschen werden mutiger, sagen Dinge, die sie Aug in Auge nie sagen würden. Sie würden sich schämen. Es ist auch einfacher, jemanden anzugreifen, da dieser nicht zurückschlagen kann. Es ist auch einfacher, Gefühle zu zeigen – oder anzudeuten -, niemand schaut dir in die Augen, du verlierst das Gesicht nie, da du immer sagen kannst: All die Gefühle, all die Herzchen – das war nur Internetsprache, nicht ernst gemeint.

Da sitzt man also vor dem Bildschirm und tippt so vor sich hin. Teilt mit der Welt da draussen, die nun durch die Social Media Freunde und Follower wurden, Sorgen, Nöte und auch Freuden. Und man fragt sich vielleicht: Was an den Reaktionen ist echt? und: Was wäre noch da, wäre ich mal weg? Würde mich jemand vermissen? Würde jemand merken, dass von mir nichts mehr kommt, würde der eigene Platz nicht einfach durch einen der xxx Freunde ausgefüllt?

Das ist schlimm? Ich denke fast, es ist das kleinste Übel in den sozialen Medien. Was mir immer wieder auffällt und mehr als sauer aufstösst, sind Menschen, die meinen, sie müssen immer und überall ihre bösartigen, spöttischen und abwertenden Kommentare lassen. Kommen die nicht gut an, nennen sie es Humor und das entschuldigt ja alles. Humor muss man schliesslich haben und unter dem Deckmantel kann jede einzelne Bösartigkeit versteckt werden.

Darf man alles sagen? Wohl schon. Wir leben in einem Land mit freier Meinungsäusserung. Diese ist ein Grundrecht, ein wichtiges sogar. Nur: Muss man alles sagen? Muss man Dinge sagen, von denen man wissen kann, dass sie dem anderen wenn überhaupt etwas, nur Schmerz bringen? Es sei denn, er ist genügend abgehärtet. Aber: Ist das wirklich wünschenswert? Menschen, die abgehärtet sind gegen mögliche Angriffe, gegen jegliche Bösartigkeiten? Das wären dann die Menschen, die auch sonst die Herzen verschlossen haben, Gefühle hinter Mauern packen, um ja nirgends in Gefahr zu laufen, verletzt zu werden.

Wir züchten uns also unsere Welt voller Mauern, voller Schutzwällen. Und wir hören von vielen Seiten, dass wir das auch tun müssen, dass wir uns eine dicke Haut zulegen sollen, die Dinge nicht an uns herankommen lassen dürfen. Wie könnten andere sonst noch weiter unsensible Witze und abwertende Kommentare loslassen, wenn alle so empfindlich wären und sich alles zu Herzen nähmen? Oder: Machen die Witze und abwertenden Kommentare nur dann Spass, wenn sie den andern so richtig treffen? Was aber würde das dann über die Kommentierenden aussagen? Wohl wenig Gutes. Und genau das ist es, was mich an Facebook je länger je mehr stört. Vielleicht ist Facebook in dem Bereich aber einfach auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Spass um jeden Preis, so lange die anderen den Preis zahlen. Verletzte Gefühle nimmt man dabei in Kauf (noch mag ich nicht glauben, dass man es sogar darauf anlegt, auch wenn sich der Gedanke immer mehr festsetzt…). Ist das wirklich die Welt, in der wir leben wollen?

Mehr als ein Glimmstengel!

Helmut Schmidt ist tot. Gestorben mit 96 Jahren. Er war einer der ganz Grossen und einer der Guten. Das sieht man in der Betroffenheit, die sein Tod hervorruft. Alle schreiben, er sei ein Grosser, alle zollen ihm ihre Achtung. Man sieht eine grosse Achtung, eine grosse Betroffenheit. Aber…

Was überall überwiegt, sind Anspielungen aufs Rauchen. In gewissen Medien sieht man nur ein Rauchwölkchen neben den Daten, in anderen Karikaturen, in deren Mittelpunkt das Rauchen steht. Einige (die immer gleichen) Zitate liest man auch, aber auch hier überwiegen die, welche den Glimmstengel zum Thema haben.

HelmutSchmidtHelmut Schmidt war bekennender Raucher. Hat ihm sein Zigarettenkonsum den Ruhm und die Achtung eingebracht, die er hatte? Wohl kaum. Es waren seine politische und menschliche Haltung, es waren seine Grösse, sein Mut, sein Einsatz für das, was ihm gut und richtig erschien. Damit traf er die Menschen, damit überzeugte er sie. Dass er es aus eigener Überzeugung heraus tat und nicht aus purem Opportunismus (dazu hätte er andere Haltungen einnehmen müssen dann und wann), machte ihn zu einer Ausnahmeerscheinung im heutigen Politdschungel und zu einem Menschen, den man mit gutem Gewissen verehren konnte.

Dann stirbt dieser grossartige Mensch und ganz viele finden sich ach so witzig, ach so kreativ, ach so innovativ, die Zigarette in den Mittelpunkt zu stellen. War sie wirklich alles, was ihn ausmachte? Was bewegt Menschen, andere Menschen auf etwas zu reduzieren, das niemals massgeblich war für ihren Stellenwert in der Gesellschaft? Ist das nicht im Grunde eine Herabwürdigung? Worauf gründet das? Neid? Mir fiele nichts anderes ein. Schade! Aber begreiflich. Er war ein ganz Grosser. Einer, der mit klarem Verstand und gutem Herzen agierte. Möge er in Frieden ruhen.

Schule heute – eine Ode

Ich habe ab und an kritisch über Schulen geschrieben, das System hier hinterfragt und auch sonst den Finger drauf gehalten. Das soll aber nicht drüber hinwegtäuschen, dass ich weiss, dass wir hier unglaublich privilegiert sind. Unsere Kinder haben eine Schule und sie können hingehen. Sie haben die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten. Vielleicht wissen sie es im jugendlichen Übermut nicht immer oder schätzen es gering, aber: Es ist viel mehr, als ganz viele Menschen auf dieser Welt haben.

Ich lebe in einer Schweizer Grossstadt, in einem Kreis mit vielen Ausländern. Wir hatten mit vielem zu kämpfen in der Schulzeit. Rassismus, Gewalt, Mobbing. Schulrückstände kriegte man gratis dazu. Trotzdem gibt es Menschen, die schon hier aufgewachsen sind, immer noch hier leben und heute ihre Kinder hier zur Schule schicken. Kann es so schlecht sein hier?

Wir haben hier keine heile Welt. Aber wir wissen es. Das ist oft mehr als die ganze Ignoranz möglicher Probleme. Man kann hier die Augen nicht verschliessen vor den potentiellen Schwierigkeiten und Brennpunkten, denn sie sind da. Und weil man das weiss, hat man sich drauf eingestellt. Und das ist grossartig.

Hier rutscht nichts einfach so durch, Probleme werden ernst genommen und Lösungen gesucht. Wir hatten in der Mittelstufe einige Probleme, sie wurden erkannt und gelöst. Die Oberstufe ist ein Lichtblick. Nicht alle Regeln sind immer schlüssig und toll, aber: Es gibt Regeln und es gibt Menschen, die sich Gedanken machen. Die Situation der Schulen ist nicht leicht heute. Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr ernst, sind aber schnell dabei, Mängel in der Schule zu finden – und gar mit Anwalt anzuklagen. Als Lehrer und als Schule muss man sich absichern. Um ja keine Angriffsfläche zu bieten. Damit gerät man ein wenig in die Situation der Pharmaunternehmen, die jede – wenn auch unwahrscheinliche, aber doch mögliche – Nebenwirkung auflisten müssen, um ja nicht angreifbar zu sein. So ungeniessbar auf diese Weise Medikamente sind, so unübersichtlich werden Schulordnungen. Aufgeblasen durch all die Möglichkeiten.

Wir können noch so viel hinterfragen und unsinnig finden: Die Zeit ist, wie sie ist. Von jetzt auf gleich werden wir sie nicht ändern. So bleibe ich dankbar für die Schule, die mein Sohn besucht, weil da Lehrer sind, die sich kümmern, die Probleme erkennen, die reagieren. Ich mag nicht jede Regel gut finden, aber ich weiss: Es ist ein Privileg. Mein Kind hat eine gute Schule, hat gute Lehrer, kann sich entfalten und geht seinen Weg. Und das sollte auch mal gesagt sein.