«Ein Vergleich ist immer ein Vergleich von etwas mit etwas anderem in einer bestimmten Hinsicht. Letzteres, das Dritte, muss man explizit machen, um nicht in grobe Gleichsetzung abzurutschen.»
Mit Dieser Drang nach Härte legt Eva von Redecker eine der analytisch schärfsten Diagnosen des gegenwärtigen Rechtsrucks vor. Ihr Buch ist keine historische Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus und auch keine moralische Empörungsrede über den Zustand der Gegenwart. Vielmehr versucht Redecker zu verstehen, weshalb autoritäre und faschistische Tendenzen heute erneut auf Resonanz stossen und worin sie sich von den totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts unterscheiden. Gerade darin liegt die Stärke dieses Essays: Er nimmt die Gegenwart ernst, statt sie bloss durch historische Analogien zu erklären.
Im Zentrum ihrer Analyse steht die These, dass der neue Faschismus weniger von einer klaren Ideologie als von einer affektiven Grundhaltung getragen werde: einem „Drang nach Härte“. Diese Härte äussert sich als Verteidigung eines vermeintlich bedrohten Besitzanspruchs. Besitz meint dabei nicht nur materielles Eigentum, sondern auch soziale Stellung, kulturelle Dominanz, traditionelle Geschlechterrollen oder nationale Zugehörigkeit. Wer glaubt, Anspruch auf diese Ordnung zu haben, erlebt gesellschaftliche Veränderungen nicht als Erweiterung von Freiheit, sondern als Verlust. Genau daraus speist sich die Aggression gegen Frauen, Migranten, queere Menschen oder politische Gegner.
«’Die’, das sind diejenigen, die ein Quasi-Eigentum angreifen und die deshalb liquidiert gehören. Das Quasi-Eigentum variiert. Vom eigentlichen, materiellen Eigentum ist es gerade entkoppelt und lädt sich stattdessen an unterschiedlichsten ideologischen Objekten auf.»
Redecker beschreibt damit eine Dynamik, die weit über klassische ökonomische Erklärungen hinausgeht. Der neue Autoritarismus entsteht nicht allein aus materieller Unsicherheit, sondern aus der Angst, symbolische Vorrangstellungen einzubüssen. Besonders überzeugend ist ihre Beobachtung, dass rechte Bewegungen häufig mit einer Art „Phantombesitz“ operieren: Menschen verteidigen Privilegien oder Machtpositionen, die sie faktisch oft gar nie besassen, die ihnen aber kulturell versprochen wurden. Gerade darin liegt die emotionale Wucht rechter Mobilisierung. Der politische Gegner erscheint nicht bloss als Konkurrent, sondern als jemand, der einem etwas „wegnimmt“: Arbeitsplätze, Anerkennung, Männlichkeit, Heimat oder gesellschaftliche Sichtbarkeit.
Damit berührt Redecker einen zentralen Mechanismus moderner Politik: die Umwandlung sozialer Verunsicherung in affektive Feindbilder. Der Hass entsteht nicht im luftleeren Raum. Er braucht Erzählungen des Verlusts und der Demütigung. Härte wird dabei zur Kompensation empfundener Ohnmacht. Wer sich selbst als bedroht erlebt, empfindet Rücksichtnahme, Pluralismus oder Offenheit nicht mehr als demokratische Tugenden, sondern als Schwäche. Gerade deshalb wirken autoritäre Inszenierungen von Stärke heute vielerorts so attraktiv.
Philosophisch interessant ist, dass Redecker Faschismus nicht primär institutionell oder ideologisch definiert, sondern über eine bestimmte Form des Weltverhältnisses. Härte bedeutet hier die Unfähigkeit, Verletzlichkeit anzuerkennen – die eigene ebenso wie die anderer. Statt Abhängigkeit, Pluralität und Gegenseitigkeit auszuhalten, wird Kontrolle gesucht. Das verbindet ihre Analyse auch mit feministischen und sozialphilosophischen Ansätzen. Die Verteidigung patriarchaler Strukturen, die Abwertung von Fürsorge oder die aggressive Inszenierung toxischer Männlichkeit erscheinen bei ihr nicht als Nebenschauplätze, sondern als zentrale Bestandteile autoritärer Politik.
Gerade darin unterscheidet sich dieses Buch wohltuend von vielen alarmistischen Faschismusdiagnosen der Gegenwart. Redecker arbeitet differenziert, ohne zu verharmlosen. Sie zeigt, dass der neue Faschismus oft diffuser auftritt als seine historischen Vorläufer: weniger uniformiert, weniger geschlossen ideologisch, dafür stärker kulturell, affektiv und digital vermittelt. Das macht ihn schwerer greifbar und vielleicht gerade deshalb so gefährlich.
Stilistisch verbindet das Buch philosophische Reflexion mit politischer Analyse. Manche Passagen sind dicht und theoretisch anspruchsvoll, doch insgesamt schreibt Redecker klarer und zugänglicher als viele zeitgenössische Sozialphilosophen. Besonders überzeugend ist ihre Fähigkeit, abstrakte Begriffe mit gegenwärtigen politischen Entwicklungen zu verbinden, ohne dabei in reine Tageskommentierung abzurutschen. Dieser Drang nach Härte ist deshalb weit mehr als ein Buch über Rechtspopulismus. Es ist eine Analyse der affektiven Verfassung moderner Gesellschaften – einer Gesellschaft, in der Konkurrenz, Besitzdenken und Abstiegsängste zunehmend in autoritäre Sehnsüchte umschlagen. Redecker zeigt eindrücklich, dass Demokratie nicht nur Institutionen braucht, sondern auch eine Kultur der Verletzlichkeit, der Anerkennung und des gemeinsamen Weltbezugs. Wo diese verloren gehen, wächst die Bereitschaft zur Härte – gegen andere und letztlich gegen die Demokratie selbst.
«Und die Wahrheit des Menschentiers ist, dass es zur Freiheit bestimmt ist, die aber nur in Zusammenarbeit realisiert werden kann.»
Und das geht uns alle an. Wenn wir frei sein wollen in einem demokratischen Land, dann müssen wir uns dafür einsetzen. Gegen zerstörerische Kräfte.
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Deine Rezension ist – wie immer – sprachlich stark, philosophisch reflektiert und in ihrer analytischen Schärfe beeindruckend. Die Beschreibung des „Drangs nach Härte“ als affektive Grundhaltung moderner autoritärer Bewegungen eröffnet schon einen wichtigen Zugang zum Verständnis gegenwärtiger politischer Entwicklungen. Überzeugend erscheint die Verbindung von Verlustängsten, kulturellen Kränkungen und aggressiver Feindbildproduktion. Die Rezension und das Buch machen zudem deutlich, dass Eva von Redecker differenzierter argumentiert als viele pauschale Faschismusdiagnosen der Gegenwart. Gleichzeitig stellt sich für mich aber die Frage, ob die Analyse nicht Gefahr läuft, zu einseitig zu werden. Denn der Text erklärt rechte oder autoritäre Bewegungen fast ausschliesslich aus Affekten wie Härte, Besitzdenken, patriarchalen Strukturen oder Kränkungsgefühlen. Dadurch entsteht der Eindruck, politische Gegenpositionen seien primär psychologisch oder moralisch defizitär motiviert. Gesellschaftliche Konflikte werden dann kaum als reale Interessenkonflikte verstanden, sondern vor allem als Ausdruck einer regressiven Emotionalität.
Darin für mich eine Schwäche: Viele Menschen erleben Globalisierung, kulturelle Umbrüche, Digitalisierung oder ökonomische Unsicherheit nicht einfach als eingebildeten „Phantombesitzverlust“, sondern als konkrete Destabilisierung ihrer Lebenswelt. Nicht jede Skepsis gegenüber gesellschaftlicher Veränderung entspringt automatisch autoritären Sehnsüchten. Manchmal steckt dahinter auch ein Bedürfnis nach Orientierung, Bindung, kultureller Kontinuität oder -ganz einfach – sozialer Sicherheit. Diese Dimension kommt in der Rezension nur am Rand vor. Mir fällt auch auf, dass der Begriff der „Demokratie“ im Text stark normativ aufgeladen wird: Demokratie erscheint beinahe ausschliesslich als Kultur der Verletzlichkeit, Offenheit und Anerkennung. Doch Demokratien leben ebenso von Konflikten, Grenzziehungen, Interessenvertretung und dem legitimen Bedürfnis nach Stabilität. Wer diese Spannungen zu stark moralisiert, riskiert wiederum selbst eine Form von Vereinfachung. Daher wäre vielleicht eine ergänzende Frage spannend: Könnte der gegenwärtige gesellschaftliche Konflikt nicht auch Ausdruck einer tieferen Orientierungskrise moderner Gesellschaften sein und nicht nur eines autoritären „Drangs nach Härte“? Denn wo Menschen das Gefühl verlieren, gesellschaftlich gebraucht, kulturell verortet oder wirtschaftlich abgesichert zu sein, entstehen nicht nur Aggressionen, sondern ganz einfach auch Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sinn. Deine Rezension überzeugt also sehr in ihrer analytischen Kraft, wirkt aber stellenweise etwas asymmetrisch. Sie erklärt die Gegenwart stark aus den Defiziten der „anderen Seite“, weniger aus den strukturellen Spannungen moderner Gesellschaften insgesamt. Dort könnte aber eine weiterführende Diskussion ansetzen.
Pardon, jetzt wurde die Rückmeldung fast länger als Dein Text!
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Deine Rezension ist – wie immer – sprachlich stark, philosophisch reflektiert und in ihrer analytischen Schärfe beeindruckend. Die Beschreibung des „Drangs nach Härte“ als affektive Grundhaltung moderner autoritärer Bewegungen eröffnet tatsächlich einen wichtigen Zugang zum Verständnis gegenwärtiger politischer Entwicklungen. Besonders überzeugend erscheint die Verbindung von Verlustängsten, kulturellen Kränkungen und aggressiver Feindbildproduktion. Die Rezension macht zudem deutlich, dass Eva von Redecker differenzierter argumentiert als viele pauschale Faschismusdiagnosen der Gegenwart.
Gleichzeitig stellt sich für mich aber die Frage, ob die Analyse nicht Gefahr läuft, zu einseitig zu werden. Denn der Text erklärt rechte oder autoritäre Bewegungen fast ausschliesslich aus Affekten wie Härte, Besitzdenken, patriarchalen Strukturen oder Kränkungsgefühlen. Dadurch entsteht für mich der Eindruck, politische Gegenpositionen seien primär psychologisch oder moralisch defizitär motiviert. Gesellschaftliche Konflikte werden dann weniger als reale Interessenkonflikte verstanden, sondern vor allem als Ausdruck einer regressiven Emotionalität.
Mir fällt auf, dass der Begriff der „Demokratie“ im Text stark normativ aufgeladen wird: Demokratie erscheint beinahe ausschliesslich als Kultur der Verletzlichkeit, Offenheit und Anerkennung. Doch Demokratien leben ebenso von Konflikten, Grenzziehungen, Interessenvertretung und dem legitimen Bedürfnis nach Stabilität. Wer diese Spannungen zu stark moralisiert, riskiert selbst eine Form von Vereinfachung.
Deshalb wäre eine ergänzende Frage spannend: Könnte der gegenwärtige gesellschaftliche Konflikt nicht auch Ausdruck einer tieferen Orientierungskrise moderner Gesellschaften sein – und nicht nur eines autoritären „Drangs nach Härte“? Denn wo Menschen das Gefühl verlieren, gesellschaftlich gebraucht, kulturell verortet oder wirtschaftlich abgesichert zu sein, entstehen nicht nur Aggressionen, sondern oft auch Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sinn.
Deine Rezension überzeugt in ihrer analytischen Kraft, wirkt aber stellenweise etwas asymmetrisch. Sie erklärt die Gegenwart stark aus den Defiziten der „anderen Seite“, weniger aus den strukturellen Spannungen moderner Gesellschaften insgesamt. Aber dort könnte eine weiterführende Diskussion ansetzen.
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Danke für deinen wieder einmal sehr ausführlichen Kommentar, der in der Tat ein paar wichtige Punkte aufgreift. Auch ich sehe die gefahr der Einseitigkeit, vor allem wenn es darum geht, Demokratie zu beschreiben. Wie du sagst, lebt diese von Konflikten und davon, diese auszuhalten und nach Kompromissen zu suchen. Das negiert von Redecker aber keineswegs, es kommt vielleicht in der Rezension nicht zum Tragen weil diese doch einen angemessenen Umfang nicht noch mehr sprengen wollte.
Deine Aussage bezühlich der Gegenüberstellung von den Affekten der Härte und den politischen Positionen, welche durch Moral und Emotionalität gespeist sei, ist in Tat und Wahrheit aber keine, denn Affekte sind ja Reaktionen aus einer Emotion heraus, insofern sich beide Seiten da nichts nehmen. Das macht aber das Resultat, welches wir in der heutigen Welt sehen, leider nicht besser.
Ich sehe das Buch auch als guten Anfang für eine Diskussion. Es greift neue Punkte auf, die durchaus wichtig sind für einen Austausch, wie wir unsere Welt in Zukunft gestalten wollen und können.
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