Aus dem Atelier: Scham

«Das Schöne, auch in der Kunst, ist ohne Scham nicht denkbar.» Hugo von Hofmannsthal

Als ich nach Zitaten über die Scham suchte, hatte ich natürlich etwas im Sinn. Allerdings entsprach das in keiner Weise dem, was ich gefunden habe. Scham, so landläufig die Ansicht, sei es bei Philosophen, Literaten oder in Religionsbüchern, wird als Zier und gebührliches Empfinden gesehen. Sie ist quasi der Hüter der Moral, der Wächter über Zucht und Ordnung.

Nun kann ich dieser Sicht durchaus etwas abgewinnen, doch mir ging es um etwas anderes: Um die Scham, die wir oft verspüren, wenn es um unsere Unzulänglichkeiten und vermeintlichen Unperfektheiten geht. Wir verstecken sie so gut wie möglich, verstecken damit uns selbst auch, denn indem wir diesen Teil verbergen, dringt nur noch eine halbherzige Version unserer selbst nach draussen. Wir vermitteln ein Bild, das nur in Teilen uns entspricht.

Das ist sicher gut und sinnvoll als Selbstschutz in gewissen Momenten, doch oft kann einem dieses Verhalten auch behindern. Wir stehen uns damit selbst im Weg, weil wir uns nicht trauen. Wir fürchten uns vor unseren Fehlern, fürchten uns vor den Reaktionen darauf, und wagen nicht, was wir eigentlich gerne tun und sein würden.

Das liegt sicher mit daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Fehler und Scheitern verteufelt werden, etwas, das es nicht geben darf. Wie schade. Wie oft zeigen sich gerade in Fehlern oder Dingen, die nicht gelingen neue Wege und Möglichkeiten? Kreativität entsteht da, wo dem freien Ausprobieren nichts im Wege steht. Und meiner Meinung nach entsteht dann das Schöne. In der Kunst und im Leben.

Habt einen schönen Tag!


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9 Kommentare zu „Aus dem Atelier: Scham

  1. Wo kommt sie her, die Scham. Vor vielen Jahren fand ich ein Gedicht dazu. Vielleicht spricht es dich an, für mich war das lange ein sehr großes Thema. Heute lebe ich mit einer Art Residuum, was ok ist.

    V.G., Reiner

    *

    Ich habe Deine Seele gespalten
    Ich habe Dich bis zum Kern durchbohrt
    Ich habe Dir das Gefühl vermittelt,
    unvollständig und minderwertig zu sein
    Ich habe Dir Gefühle des Misstrauens und des Zweifels vermittelt,
    Dir eingeredet, dass Du hässlich, dumm und minderwertig bist
    Ich habe dafür gesorgt, dass mit Dir etwas nicht stimmt
    Ich habe Deine Gottähnlichkeit besudelt
    Mein Name ist krankhafte Scham

    Ich komme vom Verlassenwerden, von der Lächerlichkeit, dem Missbrauch,
    der Vernachlässigung – von perfektionistischen Systemen
    Ich beziehe meine Kraft aus der schockierenden Intensität der Wut des Vaters oder der Mutter
    Aus den grausamen Bemerkungen eines Geschwisters
    Aus dem Hohn und den Demütigungen anderer Kinder
    Aus den ungelenken Bildern, die dich im Spiegel anschauen
    Aus der Berührung, die unangenehm ist und Angst macht
    Aus dem Klaps, dem Kneifen, dem Schütteln, das das Vertrauen erschüttert
    Ich werde stärker durch einen Rassisten, durch eine sexistische Kultur
    Wenn Du von selbstgerechten, bigotten, religiösen Menschen verdammt wirst
    Durch die Angst und den Druck in der Schule
    Durch die Scheinheiligkeit der Politiker
    Durch die Scham, die über viele Generationen hinweg gestörte Familiensysteme bestimmt hat
    Mein Name ist krankhafte Scham

    Ich kann eine Frau, einen Juden, einen Schwarzen, einen Homosexuellen, einen Orientalen, ein kostbares Kind
    In ein Miststück, einen Itzig, einen Nigger, einen Schwulen, eine Tunte oder einen egozentrischen kleinen Scheißer verwandeln
    Ich kann chronische Schmerzen verursachen,
    Schmerzen, die nie nachlassen…
    Die Schmerzen, die ich Dir bereite,
    sind so intensiv, dass Du Dich betäuben musst, damit Du mich nicht mehr spüren musst…
    Ich morde Deine Seele, und Du gibst mich von einer Generation an die andere weiter
    Mein Name ist krankhafte Scham.

    « Lutz Müller »

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke dir, lieber Rainer. Das Gedicht spricht mich in der Tat sehr an. Ich las irgendwo, Angst sei ein Gefühl, das wir allein mit uns hätten, aus der Situation heraus, für die Scham bedürfe es der anderen (vielleicht auch nur vorgestellt), weil ihr Urteil die Scham in mir weckt. Ich denke, da ist viel dran und das steckt auch in dem Gedicht drin.

      Hab einen schönen Tag, liebe Grüsse, Sandra

      Gefällt 3 Personen

  2. wie also ist die Scham zu überwinden? Entweder, indem man sich nach besten Kräften anstrengt, sich dem eigenen Lebensideal anzunähern oder indem man trotzig der urteilenden Mitwelt abschwört….Oder eine Mischung von beidem?

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    1. Ich glaube nicht, dass das Abschwören ein Weg ist, der wirklich gangbar oder wünschenswert ist. Ich denke eher, es braucht die kontinuierliche Selbstreflexion, das Hinterfragen der eigenen Scham im Moment ihres Auftauchens. Wieso spüre ich sie? Bewahrt sie mich vor etwas oer behindert sie mich?

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  3. Scham, ausgelöst durch Selbstkritik. In den unterschiedlichsten Formen hat mein Leben begleitet, mein Leben seit der Kindheit. Immer dann, wenn ich geliebt habe, wenn die Liebe aus mir überfloss gab es keine Scham. Liebe ist schamlos. Dafür bin ich dankbar . Und dir danke ich für die Gelegenheit zu diesem Kommentar.

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