Scham – oder: Die Angst, im eigenen Sein gesehen zu werden

Es gibt Gefühle, die laut sind. Wut zum Beispiel. Sie tritt nach vorne, hebt die Stimme, sucht einen Gegner, eine Adresse, einen Ort, an dem sie sich entladen kann. Trauer kann still sein, aber sie hat meist eine erkennbare Richtung: Sie weiss, was verloren ging, oder ahnt es zumindest. Angst warnt vor etwas, das kommen könnte. Schuld verweist auf etwas, das wir getan oder unterlassen haben.

Scham ist anders. Sie ist leiser, dichter, schwerer zu fassen. Sie betrifft nicht nur eine Handlung, sondern das eigene Sein. Wer sich schuldig fühlt, sagt innerlich: Ich habe etwas Falsches getan. Wer sich schämt, sagt: Mit mir stimmt etwas nicht.

Das geht tief, es trifft uns in unserem tiefsten Inneren, in unserem ganzen Sein.

Scham ist ein einsames Gefühl, weil sie uns gerade dort trifft, wo wir auf Beziehung angewiesen wären, diese aber meiden. Sie entsteht im Blick der anderen, oder im vorweggenommenen Blick der anderen, und sie schneidet uns damit von ihnen ab. Wer sich schämt, möchte verschwinden, nicht erklären, nicht klären, nicht gesehen werden. Der Körper weiss das oft früher als der Verstand: Man errötet, senkt den Blick, zieht die Schultern zusammen, wird klein, still, kontrolliert. Scham hat eine Körperhaltung, sie macht eng.

Scham gehört zum menschlichen Leben, weil wir nie allein existieren, sondern immer mit anderen, denen gegenüber wir uns verhalten und damit zeigen. Wir sind Wesen, die gesehen werden wollen und zugleich fürchten, im falschen Licht gesehen zu werden. Wir brauchen Anerkennung, Resonanz, Zugehörigkeit. Wir werden nicht im luftleeren Raum zu uns selbst, sondern in Beziehungen, in Familien, in Schulen, in Freundschaften, in Liebesverhältnissen, in sozialen Ordnungen. Das Ich entsteht in der Welt und darum trifft Scham so tief: Sie berührt die Frage, ob wir in dieser Welt einen Platz haben dürfen.

Scham hat viele Herkünfte. Sie kann aus konkreten Erfahrungen entstehen: aus Beschämung, Blossstellung, Ausgrenzung, Lächerlichmachen. Ein Kind, das ausgelacht wird, weil es etwas nicht kann, lernt nicht nur, dass eine Aufgabe schwierig war, es lernt unter Umständen, sich selbst als ungenügend zu empfinden. Ein Mensch, dem wiederholt vermittelt wird, er sei zu laut, zu empfindlich, zu langsam, zu kompliziert, zu bedürftig, zu viel oder zu wenig, übernimmt mit der Zeit diesen Blick. Aus einer äusseren Stimme wird eine innere. Dann braucht es niemanden mehr, der beschämt. Man tut es selbst.

Das ist eine der schwerwiegendsten Wirkungen von Scham: Sie wird verinnerlicht. Sie braucht keine Bühne mehr, kein Publikum, keinen konkreten Vorwurf. Der Mensch trägt den beschämenden Blick in sich weiter. Er überwacht sich. Er korrigiert sich. Er zieht sich zurück, bevor andere ihn zurückweisen können. Er lacht über sich, bevor andere es tun. Er zeigt nur noch das, was sicher ist, kontrolliert, akzeptabel, der Rest bleibt verborgen. So wird Scham zu einer Lebensform. Das Schämen passiert nicht öffentlich und offensichtlich, oft tarnt sie sich. Sie kann als Perfektionismus auftreten: Ich darf keinen Fehler machen, sonst werde ich entlarvt. Sie kann als Anpassung erscheinen: Ich spüre genau, was andere erwarten, und forme mich danach. Sie kann sich als Kälte zeigen: Wenn ich niemanden an mich heranlasse, kann mich auch niemand verletzen. Sie kann als Überlegenheit auftreten: Wenn ich andere abwerte, muss ich meine eigene Verletzlichkeit nicht fühlen. Sie kann als Rückzug kommen, als Schweigen, als chronisches Sich-Entschuldigen, als Mühe, Komplimente anzunehmen, als Angst vor Sichtbarkeit, als Unfähigkeit, eigene Wünsche auszusprechen.

Scham sagt selten offen: Ich schäme mich. Sie sagt: Ich bin nicht gut genug. Ich störe. Ich darf nicht auffallen. Ich muss mich zusammennehmen. Ich sollte längst weiter sein. Andere können das besser. Ich bin peinlich. Ich bin falsch. Gerade deshalb ist Scham so schwer zu bearbeiten, denn sie erscheint nicht als Gefühl unter anderen, sondern als Wahrheit über uns selbst. Wer sich schämt, denkt nicht: Ich empfinde Scham. Er denkt: So unzureichend bin ich. Genau hier beginnt der Weg der Befreiung: in der Unterscheidung zwischen dem Gefühl und der Wahrheit. Scham ist real, aber sie hat nicht immer recht.

Es gibt eine Scham, die sinnvoll ist. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht grenzenlos sind, dass unser Handeln andere betrifft, dass es Dinge gibt, die Würde, Takt und Achtung verlangen. Eine Welt ohne jede Scham wäre keine freie Welt, sondern eine rohe. Wer sich niemals schämt, hat unter Umständen auch jedes Gespür dafür verloren, dass andere Menschen nicht Kulisse, Objekt oder Publikum sind, sondern ein eigenes Inneres haben. In diesem Sinn kann Scham eine moralische Funktion haben. Sie hält uns an, innezuhalten. Sie schützt Intimität. Sie erinnert an die Grenze zwischen dem, was gezeigt werden darf, und dem, was behutsam behandelt werden muss, und sie kann auch ein Stück Demut lehren.

Aber diese sinnvolle Scham unterscheidet sich deutlich von der zerstörerischen Scham. Sinnvolle Scham bezieht sich auf eine konkrete Grenze, eine Handlung, eine Situation. Sie sagt: Hier bin ich zu weit gegangen. Hier habe ich etwas verletzt. Hier braucht es Korrektur. Zerstörerische Scham aber richtet sich gegen die Person selbst. Sie sagt nicht: Das war nicht gut. Sie sagt: Du bist nicht gut. Sie macht nicht verantwortlich, sondern klein. Sie führt nicht in Beziehung zurück, sondern aus ihr hinaus. Sie öffnet keinen Raum für Veränderung, sondern verschliesst ihn.

Man könnte sagen: Schuld kann, wenn sie gut verstanden wird, zur Verantwortung führen. Scham führt oft ins Verstecken und Verbergen. Darum genügt es nicht, Menschen zu sagen, sie müssten sich einfach mehr zeigen, mutiger sein, sich selbst lieben, aus ihrer Komfortzone treten. Solche Sätze klingen leicht, aber sie verkennen die Tiefe der Scham. Wer sich schämt, sitzt nicht in einer Komfortzone, aus der er einfach hinaustreten kann, er sitzt in einer Schutzzone. Diese Zone ist eng, aber sie hatte einmal eine Funktion. Sie hat geschützt vor Spott, Zurückweisung, Liebesentzug, Überforderung, Beschämung. Man verlässt sie nicht durch Appelle, man verlässt sie erst dann, wenn ein anderer Raum verlässlich genug wird.

Scham heilt nicht durch Entblössung, sie heilt durch eine andere Erfahrung des Gesehenwerdens. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Wir können uns nicht allein aus jeder Scham herausdenken. Natürlich braucht es Reflexion. Wir müssen verstehen, woher diese innere Stimme kommt, wem sie gehört, wann sie entstanden ist, welche alten Szenen sie wiederholt. Aber Scham ist nicht nur ein Denkfehler, sie ist eine Beziehungserfahrung und darum braucht sie auch eine Beziehungserfahrung, um sich zu wandeln.

Es braucht Menschen, vor denen wir nicht sofort funktionieren müssen. Menschen, die nicht erschrecken, wenn etwas Brüchiges sichtbar wird, Menschen, die uns nicht beschämen, während wir versuchen, uns zu zeigen. In einer Philosophischen Praxis, in einer Therapie, in einer tiefen Freundschaft, in einer guten Liebesbeziehung kann ein solcher Raum entstehen: ein Raum, in dem nicht alles sofort repariert, bewertet oder eingeordnet wird, ein Raum, in dem man sagen darf: Das ist mir peinlich. Das habe ich noch nie erzählt. Da fühle ich mich klein. Da glaube ich, nicht zu genügen.

Und dann geschieht manchmal etwas ganz Besonderes: Die Welt geht nicht unter. Der andere bleibt. Der Blick vernichtet nicht. Die Beziehung hält. Das ist wertvoll, es kann für einen beschämten Menschen ein Anfang sein.

Befreiung von Scham bedeutet nicht, schamlos zu werden. Schamlosigkeit ist keine Freiheit, sie ist oft nur die andere Seite derselben Wunde. Wer jede Grenze niederreisst, jede Verletzlichkeit ausstellt, jede Intimität öffentlich macht, hat Scham nicht unbedingt überwunden. Er kann auch gegen sie ankämpfen, indem er sie übertönt. Wirkliche Freiheit liegt nicht darin, alles zeigen zu müssen, sie liegt darin, wählen zu können, was man zeigt, wem man es zeigt und aus welcher inneren Haltung heraus.

Frei ist nicht, wer keine Scham mehr kennt, frei ist, wer von ihr nicht mehr regiert wird. Dazu gehört, Scham präziser zu befragen. Wofür schäme ich mich? Gehört diese Scham wirklich zu mir oder gehört sie zu einer alten Ordnung, einer Familie, einer Schule, einer sozialen Klasse, einem Körperbild, einem Leistungsanspruch, einer religiösen oder kulturellen Prägung, die ich ungeprüft übernommen habe? Wer hat mir beigebracht, dass ich so nicht sein darf? Wem nützt es, wenn ich klein bleibe? Welche Lebendigkeit wird durch diese Scham zurückgehalten?

Solche Fragen sind nicht angenehm, sie führen an alte Orte, aber sie machen aus einem dumpfen Gefühl eine erkennbare Struktur. Und was erkennbar wird, verliert einen Teil seiner Macht.

Scham lebt von Unaussprechlichkeit. Sie wächst im Dunkeln. Sobald sie Sprache bekommt, verändert sie sich. Nicht sofort, nicht vollständig, aber spürbar. Das Aussprechen ist dabei kein blosses Reden, es ist ein Akt der Rückgewinnung. Ich nehme etwas, das mich von innen bestimmt hat, und stelle es vor mich hin. Ich mache es betrachtbar. Ich sage nicht mehr: Ich bin falsch. Ich sage: In mir gibt es eine Scham, die mir erzählt, ich sei falsch. Das ist ein Unterschied.

Scham sitzt nicht nur im Denken. Sie lebt in gesenkten Blicken, angespannten Kiefern, flachem Atem, eingefrorenen Bewegungen. Wir müssen also im Umgang mit unserer Scham den Körper mitberücksichtigen. Wer sich von Scham befreien will, muss lernen, wieder Raum einzunehmen, den Blick zu heben, den Atem zu vertiefen, nicht sofort zu lächeln, wenn etwas ernst ist, nicht reflexhaft Entschuldigung zu sagen, einen Satz stehen zu lassen, eine Grenze zu setzen, einen Wunsch auszusprechen, sich nicht vorsorglich kleiner zu machen, als man ist. Das sind keine blossen Körperübungen Übungen, es sind kleine Formen von Weltfähigkeit. Der Mensch tritt wieder in Beziehung zur Welt, statt sich vor ihr zu verbergen. Er antwortet nicht mehr nur auf den alten beschämenden Blick, sondern auf das Leben, das jetzt vor ihm liegt.

Hier berührt die Scham auch die Frage nach existenzieller Responsivität, denn Scham nimmt uns die Antwortfähigkeit. Sie macht uns reaktiv. Wir reagieren auf alte Urteile, auf befürchtete Blicke, auf innere Stimmen, die längst zu hart geworden sind. Wir leben dann nicht aus einer gegenwärtigen Beziehung zur Welt, sondern aus einer alten Wunde. Befreiung heisst nicht, diese Wunde zu leugnen. Befreiung heisst, ihr nicht mehr die ganze Deutungshoheit zu überlassen.

Das Leben fragt uns nicht, ob wir vollkommen sind. Es fragt, ob wir antworten. Mit dem, was in uns heil ist, und mit dem, was verletzt wurde. Mit unserer Stärke und unserer Beschämung. Mit dem, was wir zeigen können, und dem, was noch Schutz braucht.

In einer Kultur der ständigen Sichtbarkeit ist das besonders schwierig. Noch nie wurden Menschen so sehr dazu angehalten, sich zu zeigen, sich zu präsentieren, ein Bild von sich zu entwerfen, attraktiv, erfolgreich, souverän, reflektiert, besonders und zugleich anschlussfähig zu sein. Die sozialen Medien haben Scham nicht erfunden, aber sie haben ihre Bühne vergrössert. Alles kann bewertet werden: Körper, Meinungen, Lebensläufe, Beziehungen, Erziehung, Essen, Ferien, Alter, Erfolg, Scheitern. Wer ständig sichtbar sein soll, fürchtet auch ständig, falsch sichtbar zu sein.

Darum braucht es heute nicht nur individuelle Arbeit an der Scham, sondern auch eine Kultur der Nicht-Beschämung. Eine Kultur, in der Fehler nicht sofort zur Identität gemacht werden, in der Menschen lernen dürfen, ohne ausgelacht zu werden, in der Kinder nicht durch Blossstellung erzogen werden, in der weder Armut, noch Krankheit, Anderssein oder Bedürftigkeit beschämt wird. Eine humane Gesellschaft erkennt man auch daran, wie sie mit der Verletzlichkeit ihrer Mitglieder umgeht.

Beschämung ist ein Machtmittel. Wer beschämt, stellt sich über den anderen. Er zwingt ihn nach unten. In Schulen, Familien, Institutionen, politischen Debatten, medialen Öffentlichkeiten kann Beschämung ganze Räume vergiften. Sie erzeugt Anpassung, Trotz, Rückzug oder Aggression, aber selten Einsicht. Menschen werden nicht freier, wenn man sie erniedrigt, sie werden enger. Darum ist es wichtig, zwischen Kritik und Beschämung zu unterscheiden. Kritik kann notwendig sein. Sie kann klären, herausfordern, begrenzen, Verantwortung einfordern, Beschämung aber trifft nicht die Handlung, sondern die Würde. Sie will nicht verstehen, sondern herabsetzen. Sie öffnet keinen Dialog, sondern beendet ihn.

Wer mit Scham umgehen lernen will, braucht daher beides: innere Arbeit und äussere Wachsamkeit. Innere Arbeit, um die übernommenen Urteile zu prüfen. Äussere Wachsamkeit, um Beschämung nicht mit Wahrheit zu verwechseln. Nicht jeder Blick hat Autorität. Nicht jedes Urteil verdient Einzug in das eigene Selbstbild. Nicht jede Norm ist würdig, befolgt zu werden. Manchmal beginnt Freiheit mit einem einfachen, aber schweren Satz: Ich muss mich dafür nicht schämen. Nicht für meine Bedürftigkeit. Nicht für meine Grenzen. Nicht für meine Geschichte. Nicht für meinen Körper. Nicht für meine Langsamkeit. Nicht für meine Sehnsucht. Nicht für meine Freude. Nicht für das, was ich nicht wusste. Nicht für das, was mir angetan wurde.

Wenn wir wirklich eine Grenze verletzt oder jemanden verletzt haben, dort, wo Scham also berechtigt ist, weil sie uns etwas aufzeigt, braucht sie nicht zur Selbstvernichtung zu führen, sie kann zur Verantwortung werden. Ich kann hinsehen. Ich kann mich entschuldigen. Ich kann lernen. Ich kann etwas anders machen. Ich muss nicht in der Geste der Selbstverachtung stecken bleiben. Auch das gehört zur Würde: dass der Mensch mehr ist als sein Fehltritt.

Am Ende führt der Weg mit der Scham nicht in eine makellose Selbstsicherheit. Die gibt es nicht, und wo sie behauptet wird, wirkt sie oft künstlich. Der Weg führt eher in eine aufrechtere Menschlichkeit. In die Fähigkeit, sich nicht ständig zu verstecken. In den Mut, berührbar zu bleiben, ohne sich auszuliefern. In eine Form von Zugehörigkeit, die nicht darauf beruht, dass wir perfekt erscheinen, sondern dass wir wirklich anwesend sein dürfen.

Aus dem Atelier: Scham

«Das Schöne, auch in der Kunst, ist ohne Scham nicht denkbar.» Hugo von Hofmannsthal

Als ich nach Zitaten über die Scham suchte, hatte ich natürlich etwas im Sinn. Allerdings entsprach das in keiner Weise dem, was ich gefunden habe. Scham, so landläufig die Ansicht, sei es bei Philosophen, Literaten oder in Religionsbüchern, wird als Zier und gebührliches Empfinden gesehen. Sie ist quasi der Hüter der Moral, der Wächter über Zucht und Ordnung.

Nun kann ich dieser Sicht durchaus etwas abgewinnen, doch mir ging es um etwas anderes: Um die Scham, die wir oft verspüren, wenn es um unsere Unzulänglichkeiten und vermeintlichen Unperfektheiten geht. Wir verstecken sie so gut wie möglich, verstecken damit uns selbst auch, denn indem wir diesen Teil verbergen, dringt nur noch eine halbherzige Version unserer selbst nach draussen. Wir vermitteln ein Bild, das nur in Teilen uns entspricht.

Das ist sicher gut und sinnvoll als Selbstschutz in gewissen Momenten, doch oft kann einem dieses Verhalten auch behindern. Wir stehen uns damit selbst im Weg, weil wir uns nicht trauen. Wir fürchten uns vor unseren Fehlern, fürchten uns vor den Reaktionen darauf, und wagen nicht, was wir eigentlich gerne tun und sein würden.

Das liegt sicher mit daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Fehler und Scheitern verteufelt werden, etwas, das es nicht geben darf. Wie schade. Wie oft zeigen sich gerade in Fehlern oder Dingen, die nicht gelingen neue Wege und Möglichkeiten? Kreativität entsteht da, wo dem freien Ausprobieren nichts im Wege steht. Und meiner Meinung nach entsteht dann das Schöne. In der Kunst und im Leben.

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Blösse

„Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern.“ Heinrich Heine

Wenn es um die Blösse geht, kommt eine Hemmung mit auf. Wir wollen sie vermeiden, wir fürchten, von anderen in sie hineingedrängt zu werden oder aber sie selbst zu zeigen. Das zeigt sich schon in verschiedenen Redewendungen.

„Sich keine Blösse geben.“
„Jemanden blossstellen.“

Der Blösse liegt nicht nur die blosse Nacktheit zugrunde, sondern auch die Scham. Wann im Leben lernen wir die? Wann ist der eigene Körper plötzlich nicht mehr das Natürlichste der Welt, sondern etwas, mit dem wir nicht zufrieden sind, das wir verändern und gar verbergen wollen?

Kann man wieder verlernen, was man mal gelernt hat? Wie viel Freiheit wäre plötzlich im Leben, könnte man sich zeigen? In seiner ganzen Blösse. Innerlich wie äusserlich.

„Wer nackt Würde zeigt, gibt sich keine Blösse.“ Klaus Ender, Fotograf

Habt einen schönen Tag!

(Skizzen im Skizzenbuch)uch)

Gedankensplitter: Alles gut!

«Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.» Oscar Wilde

Manchmal treffe ich mich mit anderen Menschen, wir tauchen in den Abend hinein bei einem Essen und Gesprächen. Es kommt vor, dass ich ins Erzählen komme, dass ich ausbreite, was in mir vorgeht, meine Gefühle, Ängste, auch Unzulänglichkeiten ausbreite, weil es sich aus dem Gespräch heraus so ergibt. Es sind Abende, in denen ich eine Nähe und eine Verbundenheit spüre, weil eine grosse Offenheit im Raum ist und der Austausch ein wirklicher ist, ein sich Einlassen auf den anderen. Gegenseitig. Es sind Abende, die ein Gefühl des Getragenseins in einem Miteinander in sich tragen und die dieses über den Abend hinaustragen ins Leben hinein. Ich fühle mich genährt.

Und doch kann es vorkommen, dass ich mich am nächsten Morgen frage: Habe ich zu viel erzählt? Habe ich zu Tiefes preisgegeben? Mich zu sehr offenbart? Die Mauern zu sehr eingerissen. Mir kommt der Gedanke: Was könnte nun der andere über mich denken? Zu welchen Gedanken, Bewertungen wird ihn mein Erzähltes bringen? Muss ich mich in Zukunft bedeckter halten?

Ich merke, wie mich diese Gedanken im Gegensatz zu früher nur noch schnell streifen und ich zum Schluss komme: Nein, es ist gut, wie es ist. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Es war, wie es war, ist, wie es ist – und es darf so sein. Alles gehört zu mir. Und selbst wenn jemand meine Offenheit in einer Form gegen mich. Verwendet, so ist das seine Sache, nicht mein Problem. Und dann ist da nur noch dieses schöne Gefühl, einen wertvollen Abend erlebt zu haben.

Habt einen schönen Tag!

Buchtipp – Annie Ernaux: Die Scham

Die zwei Welten der Welt

Und plötzlich erinnert man sich an etwas, und man hat ihn, den

«Beweis für die Existenz zweier Welten und unsere Zugehörigkeit zur unteren.» Annie Ernaux

Oft heisst es, wir haben diese eine Welt, in der wir leben, wir teilen sie. Das mag rein physikalisch materiell so sein, doch im Leben, ideell, in den sozialen Strukturen sind es mehrere Welten, schon zwei reichen nicht aus. Früher sprach man von der Dritten Welt, um Länder zu bezeichnen, welche nach westlichen Massstäben weniger entwickelt und finanziell arm waren. Diese klare Hierarchie hat man sprachlich abgemildert, doch hat sich sonst etwas geändert?

Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist doch, welche Massstäbe auf das Leben und die Welt angelegt werden, um eine Hierarchie zu schaffen. Alle sind sie an einer Norm ausgerichtet, die nach den Werten der entsprechenden Gesellschaft, teilweise auch nur von Teilen davon, bestimmt sind.

Es sind Grundsätze, die in der Luft hängen, für jeden spürbar, als Geländer im Leben, das zeigt, dass nur diesem entlang ein richtiges, weil passendes möglich ist. Über einem Misstritt, einem Fehlverhalten schwebt das vernichtende Urteil:

«Was sollen die anderen von dir denken?»

Sitzt man drin im eigenen Leben, erscheint es als einzig mögliches, als einzig lebbares, als normal. Erst wenn der Blick auf andere Leben fällt, man sieht, was es auch noch gibt in dieser Welt an anderen Welten, kommt aus dem Vergleich das Werten. Man setzt den Bezug und je nachdem ist die Fallhöhe hoch. Was vorher die Welt war, ist nun ein kleiner Teil davon, schwierig wird es, wenn es nicht der wünschenswerte im Ganzen ist. Plötzlich fühlt man sich klein, sieht in den Augen der anderen die Abwertung, spürt sie in deren Verhalten, fühlt den eigenen Platz unten. Und damit kommt die Scham. Sie wird von nun an das Leben begleiten, sich über alles legen, bei allem mitschwingen. Sie wird das Nebengefühl beim eigenen Tun und Sein.

«Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet.» Annie Ernaux

Ein Merkmal der Scham ist, dass sie im Stillen herrscht, im Privaten. Dort schwingen Angst und Mangel mit. Die Scham behält man für sich, sie zu benennen fühlte sich noch beschämender an. Und mit diesem Schweigen verstärkt sie sich noch, sie füllt das eigene Denken und sie bewirkt, dass man sich damit allein fühlt, weil man sich nicht vorstellen kann, dass es noch jemanden gibt, der so denkt.

Und vielleicht liegt genau da das Heilmittel: Im Teilen und Mitteilen. Denn dadurch würde man merken, dass es noch mehr Menschen in der gleichen Welt gibt, welche die gleiche Scham teilen. Und wenn man merkt, dass man mit Dingen, derentwegen man sich schämt, nicht allein ist, stellt man fest, dass diese in der Welt normal sind, so dass sie keinen Grund zur Scham darstellen. Annie Ernaux hat das für sich erkannt und über ihre Scham geschrieben. Weil Schreiben Öffentlichkeit ist, es ist ein Heraustreten aus der eigenen Scham, aus dem eigenen privaten Empfinden des eigenen Unwerts hinaus in die Welt der Gleichgesinnten.

Zum Inhalt:
Ein Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.

Zur Autorin
Annie Ernaux, 1940 in Lillebonne (Frankreich) geboren, Schriftstellerin mit mehrheitlich autobiografisch geprägten Werken, die 2022 den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat.

Sex und der Postbote

Ab und an klingelt es hier und der Postbote hat wieder eine Paket-Ladung für mich. Das ab und an ist wohl eher ein „sehr oft“, denn der Postbote erkennt mich schon von Weitem auf der Strasse und grüsst mich mit Namen (mein Sohn fragte mich schon: Wieso kennt der dich?). Wir wohnen erst ein halbes Jahr hier. Da es kein Dorf, sondern Grossstadt ist und ich mir überhaupt keine Namen merken kann, gehe ich davon aus, dass es an der Paketflut liegen muss. So weit, so gut.

Heute hat er nicht geklingelt. Nicht einmal ein Mal. Trotzdem war der Briefkasten voll. Ich freute mich. Bücherpakete. Eines mit gelbem Kleber – von der Post wegen Überprüfung von was auch immer geöffnet und schön gelb wieder zugeklebt. Kein Thema, dachte ich so naiv. Ich packte die drei Pakete, ging in meine Wohnung, begann mit Auspacken. Ein Roman war schöner als der andere. Die Vorfreude aufs Lesen stieg förmlich an. Dann kam der Karton mit den gelben Klebern dran. Ich schnitt sie auf, schüttelte mühsam das Buch heraus, in freudiger Erwartung.

Raus kam: Sex total. Lebe deine Fantasien! Ein Rezensionsexemplar, von dem ich nicht wusste, es je angefordert zu haben. Ich blickte auf das Buch und in meinem Kopf startete der ganze Fragenkatalog: Wieso hatte die Post ausgerechnet dieses Paket geöffnet? Hätte es nicht das mit einem harmlos witzigen Roman sein können? Was denken die nun von mir? Und vor allem: was mache ich nun damit? Ich kann doch UNMÖGLICH ein solches Buch in meinem Blog rezensieren? Was denken all die Leser? In welche Schublade gerate ich da?

Ich wage einen Blick ins Buch. Die Bilder sind eigentlich meist ansprechend, negativ fällt mir nur auf, dass man die Frau in allen Posen und von allen Seiten mit (fast) allen Details nackt sieht, der Mann doch eher bedeckt bleibt. Nicht dass ich ihn selber hätte sehen wollen, aber ganz fair und richtig finde ich das nicht. Entweder alle oder keiner.

Auf der Umschlag-Innenseite finden sich die „Zehn Gebote für einfallsreiche Paare“. Nun wären einfallsreiche Paare wohl gar nicht darauf angewiesen, solche Gebote zu haben, geschweige denn, ein Buch zu konsultieren, insofern wären es wohl eher Gebote für einfallslose Paare.Da sich niemand so nennen lassen will, hat der Titel wohl Programm. Die Gebote selber sind durchaus gut, besagen, dass man sich selber annehmen und zu sich stehen, sich dem anderen mitteilen und ehrlich bleiben soll. Ob die Anlehnung an die Bibel (10 Gebote) sinnvoll ist, bleibe dahingestellt. Jeder wie er mag.

Das Buch glänzt mit Superlativen wie „den besten Stellungen“, „Sex für Experten“ und „Unwiderstehlicher Cunnilingus“ (ich lerne heute viel – was man als Philosophin und Literaturwissenschaftlerin an Lernpotential hat – enorm – und ich meinte das nun in Bezug auf die Begrifflichkeiten, damit hier kein Missverständnis aufkommt), es hat aber auch Tipps für schwierige Momente, wenn es eben nicht klappt, wie man sich das so vorstellt.

Fazit:
Nützt’s nicht, so schadet es auch nicht. Neues lernen ist immer schön, wenn man am Ende des eigenen Lateins steht, hilft ein Wörterbuch weiter.

 

Und so sitze ich hier, das Buch neben mir. Ich denke an den Postdienst, an die gelben Kleber, frage mich, was ich meinem Sohn sage, wenn er das Buch je findet und versuche nun, die rote Farbe wieder aus dem Gesicht zu kriegen.

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Für die, welche es interessiert:
Anna Costa: Sex total. Lebe deine Fantasie, südwest Verlag, München 2013.