Gedankenströme: Grüne Bücher

Im Wohnzimmer stand ein Bücherregal, das die ganze Wand einnahm. Bücher standen aber wenige drin. Ein paar Fotoalben, einige Bände Readers Digest, ein paar ausgewählte Romane und Kurzgeschichten von meinem Vater aus jungen Jahren, ein vielbändiges Lexikon, das mein Vater konsultierte beim Lösen seiner Kreuzworträtsel, und: die grünen Bücher. Sie hiessen bei uns nie anders, auch wenn sie einen Namen gehabt hätten: Kulturgeschichte der Menschheit. 32 Bände geballte Geschichte. Gelesen hat sie nie jemand. Mein Vater sagte immer, er lese sie, wenn er pensioniert sei. Aber er war nur ein passionierter Zeitungsleser. Er las alle Zeitungen, die er in die Finger kriegte, von vorne nach hinten durch.

Als ich auszog, wollte ich die Bücher mitnehmen. Das ging natürlich nicht bei den Leseabsichten meines Vaters. Wenn ich später, meine Eltern besuchte, machte ich immer meine Witze, nun nähme ich sie gleich mit, zumal sie noch immer ungelesen dastanden. Das Spiel spielten wir 20 Jahre lang, bis zum Tod meines Vaters. Die Bücher blieben dann bei meiner Mutter – sie passten so gut ins Regal.

Gestern sind sie bei mir eingezogen, weil meine Mutter umzieht. Und nun stehen sie da und mit ihnen die ganzen Erinnerungen. Sie sind noch immer ungelesen und werden es wohl bleiben. Die Buchumschläge haben ein wenig gelitten durch die Zeit, die Seiten kleben teilweise noch aneinander. Ich sagte mal:

„Bücherregale sind wie Fotoalben, sie beinhalten Reiseerinnerungen in andere Welten.“

Daran erinnern mich diese Bücher. Nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen der Geschichten, an die ich mich durch sie erinnere.


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4 Kommentare zu „Gedankenströme: Grüne Bücher

  1. Bücher strahlen, ob gelesen oder nicht, stets eine gewisse Verheißung aus, auch für mich. Schöner Bericht. Ich kenne diese Reihe, meine Oma hatte sie, sie hatte auch eine weiße Reihe voller Literaturnobelpreisträger, die sie nie las, aber beruhigte. Geerbt hat sie eine meiner Tanten. Wer weiß, was mit ihnen geschah …

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