Anekdoten: Franz Kafka und Else Lasker-Schüler



Man spricht oft von der Sensibilität des Künstlers. Er bedürfe dieser für sein Schaffen, heisst es dann. Beim genaueren Hinschauen entpuppen sich viele Künstler als zwar durchaus sensibel, aber mehrheitlich in Bezug auf sich selbst, nicht auf andere. Im Gegenteil: Da schöpfen sie aus dem Vollen, schauen kritisch, wählen die Worte hart. So auch Franz Kafka. In seinen Briefen an Felice äussert er sich über Else Lasker-Schüler, über die er wenig Rühmliches zu berichten weiss. Er, der selbst an so vielem leidet (am meisten wohl an sich selbst) und ausführlich drüber schreibt, kann kein Mitleid für diese leidende Frau finden, im Gegenteil:

«Ja, es geht ihr schlecht, ihr zweiter Mann hat sie verlassen, soviel ich weiss, auch bei uns sammelt man für sie; ich habe 5 K. hergeben müssen, ohne das geringste Mitgefühl für sie zu haben; ich weiss den eigentlichen Grund nicht, aber ich stelle sie mir immer nur als Säuferin vor, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt.»

Er belässt es nicht dabei. Da er schon dabei ist, haut er nach der Dichterin selbst auch noch deren Werk in die Pfanne:

«Ich kann ihre Gedichte nicht leiden, ich fühle bei ihnen nichts als Langeweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes. Auch ihre Prosa ist mir lästig aus den gleichen Gründen, es arbeitet darin das wahllos zuckende Gehirn einer sich überspannenden Grossstädterin.»

Sie sind halt auch nur Menschen, die Künstler. Und mitunter doch sehr schwierige Zeitgenossen.


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6 Kommentare zu „Anekdoten: Franz Kafka und Else Lasker-Schüler

  1. Künstler sind, das habe ich auch erfahren dürfen, gegeneinander noch grausamer im Urteil als „normale“ Menschen. Vielleicht geschieht das besonders dann, wenn sie um ihre eigenen Gedanken und Gefühle und Techniken bis zur Erschöpfung ringen, und daher das Andersartige überhaupt nicht gelten lassen können. Sie müssen mit ihrem Weg Recht haben – und das bedeutet, dass die anderen Unrecht haben müssen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Hallo Sandra,
    hier geht es darum, ob man eine klare, also ehrliche Sprache mag oder die (unehrlichen) Nettigkeiten bevorzugt.

    Wo gerade kein Mitgefühl ist, ist kein Mitgefühl.
    Es läßt sich nicht herbeiheucheln.

    Wenn Franz sich grundlos vorstellt, daß sich Else nachts saufend durch die Kaffeehäuser schleppt, dann ist das halt so.

    Danke auch dafür,
    daß mich der Franz mal
    zum Lachen bringen konnte! 🤗

    Wenn wir an unser Tun und Lassen die Meinungen, Bewertungen, Sympathien der Anderen verbinden, haben wir mindestens ein Problem.

    Wir fallen aus der Wahrhaftigkeit.

    Wenn wir mit uns selber einen freundlichen Umgang pflegen, machen wir uns nicht abhängig vom Blick der Anderen. Dann können wir unser Ding machen ― so wie es uns entspricht.

    Fröhlichen Juli! 🌾
    Nirmalo

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    1. Ich denke nicht, dass es um die Unterscheidung von ehrlicher Sprache oder Nettigkeiten geht, auch denke ich, dass sich weder Franz Kafka noch Else Lasker-Schüler vom Blick anderer abhängig gemacht haben. Wie ihr Umgang mit sich selbst war, entzieht sich meiner wirklichen Erkenntnis, darum ging es mir aber auch nicht.

      Ich fand die Passagen amüsant und habe sie drum geteilt. Schön, dass sie auch dir ein Lachen entlocken konnten.

      Beste Grüsse
      Sandra

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