Carolin Wiedemann: Zart und frei

Vom Sturz des Patriarchats

Inhalt

„Am Umgang mit der Frage nach Geschlechtern, nach Identitäten, nach Begehrens- und Beziehungsformen zeigt sich, wie frei unsere Gesellschaft tatsächlich ist und wie gerecht wir sind. An diesen Fragen entscheidet sich, wohin wir steuern.“

Angriffe gegen den Feminismus sind an der Tagesordnung, Themen wie Gendersternchen, Queerness und Transsexualität spalten nicht nur die Gemüter, sie sorgen gar für Spott, Häme und auch Hass. All das sind Auswüchse eines patriarchalen Systems, es sind Zeichen einer nach rechts rutschenden Bevölkerungsschicht, welche mit aller Kraft versucht, das althergebrachte System, das ihnen die Macht sichert, zu erhalten.

Carolin Wiedemann behandelt in ihrem Buch diesen Antifeminismus, zeigt auf seine Herkunft hin und beschreibt neue Möglichkeiten, diesem entgegenzutreten. Sie ruft dazu auf, trennende Konstrukte aufzugeben zugunsten einer pluralistischen Sicht auf den Menschen und auf die Gesellschaft. Sie ruft dazu auf, althergebrachte Lebensmuster und -rollen zu hinterfragen und, wenn nötig, aufzubrechen.

„Die binäre Geschlechtersozialisation spaltet die Menschen weiter in zwei Gruppen und gibt ihnen jeweils Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster vor, an denen die Menschen immer wieder scheitern.“

Weitere Betrachtungen

„Wir sind alle ausgebeutet durch das Patriarchat, unterschiedlich stark, doch wir sind alle betroffen von patriarchaler Gewalt, entweder, weil wir als Frauen, egal ob mit Vagina oder ohne, abgewertet werden oder weil wir gar nich in die binäre Matrix passen und damit gegen die Grundfesten der patriarchalen Ordnung verstossen.“

Sexuelle Gewalt ist nicht nur ein individueller Akt, es ist eine strukturelle Form von Gewalt, welche durch das Patriarchat geschützt ist. Um sich gegen sexuelle Gewalt zu wehren, braucht es entsprechende Massnahmen, welche die patriarchalische Ordnung in Frage stellen und durchbrechen. Es gilt, eingefahrene Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen und sich für neue Wege zu öffnen.

„Das zentrale Anliegen der Gender Studies ist folglich die Aufklärung der Menschen über Korsette, in die sie das etablierte Verständnis von Geschlecht presst. Laut Judith Butler, der Pionierin der Forschung, soll Gender-Theorie den Menschen in erster Linie ermöglichen, ihre Sexualität und ihre Persönlichkeit ohne Angst vor Diskriminierung in einer gerechteren Welt auszuleben.“

Gender Studies und auch Feminismus handelt nicht davon, Frauen gegen Männer auszuspielen. Es geht auch nicht darum, Machtverhältnisse ins Gegenteil zu verkehren, sondern es geht um Befreiung. Menschen sollen in Freiheit leben können, was und wer sie sind, ohne dabei Angst vor Gewalt und Unterdrückung haben zu müssen.

„Wir müssen und können uns von vielem, was uns gesellschaftlich anerzogen wurde, nicht befreien, wir müssen nicht alle möglichen Vorlieben überwinden… Aber wir sollten all jene Verhaltensweisen und Neigungen darauf befragen, wie tief sie mit Machtverhältnissen verwoben sind, wie sehr patriarchale und auch rassistische Muster in sie eingeschrieben sind, und ob wir sie gegebenenfalls nicht doch ein bisschen herausfordern können.“

Viele der Machtstrukturen sind unbewusst in uns verankert. Wir sind mit Sprüchen, Wörtern, Handlungsmustern aufgewachsen und haben sie als normal kennengelernt. Die gesellschaftlichen Werte sind tief in uns verankert und steuern unsere Wünsche, unser Begehren, unser Sein. Um wirklich etwas gegen das Patriarchat machen zu können, müssen wir uns dieser tief liegenden Prägungen bewusst werden. Wir müssen uns hinterfragen, ob wir wirklich von uns aus wollen, was wir wollen, oder ob diese Wünsche nur einer gesellschaftlichen Wertvorstellung geschuldet ist, welche sich in uns eingebrannt hat. Wir müssen unser Handeln daraufhin analysieren, wo seine Ursprünge sind und was seine Folgen.

„Zart und frei“ ist ein informatives, gut lesbares Buch zu wichtigen Themen unserer Gesellschaft und unseres individuellen Seins. Es regt zum Nachdenken an, lenkt den Blick auf alternative Formen des Zusammenlebens. In diesem Zusammenhang führt Carolin Wiedemann auch in die Polyamourie ein und zeigt die Vorteile einer Abkehr vom traditionellen Familienmodell hin zu Co-Parenting auf. Nun möchte ich diese Lebensformen nicht grundsätzlich in Frage stellen, doch schien mir beim Lesen das Gewicht zu sehr darauf zu liegen. Teilweise schien jeder herkömmlich lebende Mensch als veraltet gesehen zu werden, wer noch nicht polyamourös lebt, hat seine wahren Wünsche noch nicht entdeckt oder traut sich nicht, sie zu leben. Dies mag nicht die Absicht der Autorin gewesen sein, doch ich hätte mir ein grösseres Gleichgewicht der Anerkennung für alle Modelle gewünscht statt neue Präferenzen und Abwertungen zu schaffen.

Persönlicher Bezug

„Die soziale Gleichheit ist das Ziel queerfeministischer Politik: Dafür muss und kann Solidarität zwischen sehr unterschiedlichen Positionen ermöglicht werden. Solidarität bezeichnet damit nicht den Zusammenhang all jener, die ähnliche Erfahrungen mit Diskriminierung oder die gleichen Probleme haben. Solidarität muss überhaupt nicht auf gemeinsamer Erfahrung basieren.“

Ich habe mich immer wieder gefragt, was Menschen dazu bringen könnte, miteinander statt gegeneinander zu sein. Wie können wir Fronten aufbrechen und uns mehr auf Verbindendes als auf Trennendes konzentrieren. Liebe ist sicher eine grosse Macht und Kraft, aber es ist wohl nicht einfach, sie konkret auf alle Menschen auszuweiten. Was in meinen Augen aber durchaus machbar wäre, ist eine Solidarität zu leben, die alle Menschen einschliesst, weil man sich durch dieses Menschsein und was es bedeutet, Mensch zu sein, verbunden fühlt. Menschen wollen überall auf der Welt wohl vor allem eines: Frei von Leiden leben können. Dies als kleinsten gemeinsamen Nenner zu nehmen, wäre ein Anfang. Es wäre ein Anfang, gemeinsam einzustehen, dass möglichst Leid verhindert und ein gutes Leben ermöglicht wird.

Fazit
Ein Buch, das anregt, sich und die Gesellschaft zu hinterfragen, eingefahrene Muster zu durchbrechen und neue Wege anzuerkennen mit dem Ziel einer gerechteren Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Wiedemann, 1983 in München geboren, schreibt u. a. für FAS, analyse & kritik, Spiegel und Missy Magazine über Fragen von Kritik und Emanzipation. In Hamburg und Paris hat sie Journalistik und Soziologie studiert und im Anschluss eine Doktorarbeit zu neuen Formen von Kollektivität und Subversion unter digitalen Bedingungen verfasst, die 2016 mit dem Titel Kritische Kollektivität im Netz erschien


Angaben zum Buch
Herausgeber: Matthes & Seitz Berlin; 2. Edition (28. Januar 2021)
Taschenbuch: 218 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3957579492

6 Kommentare zu „Carolin Wiedemann: Zart und frei

  1. Sandra: „Zeichen einer nach rechts rutschenden Bevölkerungsschicht, welche mit aller Kraft versucht, das althergebrachte System, das ihnen die Macht sichert, zu erhalten.“

    Abgesehen davon, daß ich nicht weiß, was genau du unter der „nach
    rechts rutschenden Bevölkerungsschicht“ verstehst: Mit „Macht“
    haben wir nur dann ein Problem, wenn wir uns „ohnmächtig“ fühlen.

    In welchem Lebensbereich bist du NICHT frei,
    dich zu entfalten (falls du das hier sagen magst)?

    🌿

    Die Forderung nach gleichen Rechten ist gerecht und fair;
    letztendlich ist jedoch das wichtigste Recht das Recht auf
    Liebe und darauf, geliebt zu werden.

    ― Emma Goldman

    🌿

    Ein Recht darauf, „geliebt zu werden“… 😊
    klingt interessant – ist aber nicht zu machen.

    Wir alle haben alle Möglichkeit der Welt,
    uns in die Frequenz der Liebe einzutunen.

    Gleichzeitig hat niemand die Möglichkeit, Liebe
    einzufordern. Solches Ansinnen bleibt erfolglos.

    Das Schöne an dem Zitat ist,
    daß Emma die Liebe über das Recht stellt.

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  2. Bei aller mehr als berechtigten Fragen und mehr oder weniger zaghaften Antworten frage ich mich immer, wie es möglich ist, dass wir ein Jahrhundert nach Freud und Jung noch immer „so leben, als wäre das Unbewusste nie entdeckt worden“ (Erwin Ringel). Und ob wir diese Fragen jemals ohne Psychologie werden lösen können, wage ich zu bezweifeln.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich habe manchmal das Gefühl, das das Unterbewusste oft dafür hinhalten muss, alles nicht leicht Erklärbare dahin zu schieben. Nun bin ich durchaus der Meinung, dass sich auch in der Tat vieles da abspielt, nur ist es oft auch einfach Stellvertreter für mangelndes Hinsehen.

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      1. Zu mangelndem Hinsehen führt die Verdrängung.
        Das Nicht-Sehen-Wollen führt zum Verdrängen.
        So tun, als hätte eine Person kein Innenleben, ist fatal.
        Die Probleme nur im Außen lösen wollen, ist unmöglich.

        Gefällt 1 Person

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