Hilkje Hänel: Wer hat Angst vorm Feminismus

Warum Frauen, die nichts fordern, auch nichts bekommen

Inhalt

«Wir werden auch feststellen, dass die sozialen Rollen und die Plätze, die wir im Machtgefüge einnehmen können, viel damit zu tun haben, welches Geschlecht wir haben und/oder welches Geschlecht uns andere zuschreiben.»

Feminismus ist ein Reizwort, auch nach so vielen Jahren noch. In vielen Köpfen herrschen mehr Klischeevorstellungen als wirkliche Tatsachen, worum es geht. Damit will Hilkje Hänel aufräumen, indem sie aufzeigt, was Feminismus ist, ob es den EINEN Feminismus überhaupt gibt. Sie erklärt Zusammenhänge von Sexismus und Feminismus, beleuchtet die Hintergründe von strukturellem Sexismus und plädiert für einen Feminismus, der alle angeht, weil alle davon profitieren, weil das Ziel ist, eine gerechtere Gesellschaft ohne vorgefertigte Rollenmodelle und Rollenzwänge zu schaffen.

Weitere Betrachtungen

«Sexismus ist strukturell…Sexismus hängt an uns dran.»

Sexismus ist nicht einfach eine singuläre, individuelle Erfahrung, sie steckt tief drin in unserer Gesellschaft, im kollektiven Denken und Handeln. Durch die lange Zeit seiner Präsenz in unserer Gesellschaft sind wir ihn so gewohnt, dass er oft nicht mehr auffällt – oder aber damit abgetan wird, dass das doch immer so war.

«Sexuelle, sexualisierte und häusliche Gewalt sind soziale Praktiken, die in vielen Fällen mehr oder weniger akzeptiert sind. Je mehr die spezifische Gewalthandlung von dem abweicht, was – fälschlicherweise – als paradigmatische Vergewaltigung gilt (nämlich dem körperlich gewalttätigen Überfall durch einen Fremden), desto weniger löst diese Handlung Entsetzen in uns aus. Je weniger Empörung die Tat auslöst, desto weniger müssen die Täter rechtliche und soziale Konsequenzen fürchten. »

Sexuelle Gewalt ist an der Tagesordnung, vor allem in Familien und innerhalb der häuslichen Wänden kommt er oft vor, wird dabei aber (zu) selten belangt, weil häusliche Gewalt nicht dem entspricht, was man allgemein davon annimmt: Der böse Fremde hinter dem Baum, der wehrlose Frauen überfällt. Viel zu oft sind es die engsten Vertrauten, von denen diese Gewalt ausgeht. Wir dürfen nicht wegschauen, es darf nicht weiter passieren, dass diese Täter mehrheitlich straffrei davonkommen.

«Aussagen über sexuelle Gewalt nicht zu glauben bedeutet nicht einfach nur, nicht zu reagieren oder sich abzukehren. Es ist vielmehr die zweite erniedrigende Verletzung des Opfers.»

Sexuelle Gewalt ist belastend für die Opfer, die Tat selber und auch das Leben danach. Sie lässt sich nicht einfach abschütteln, sie hinterlässt einen Menschen, der hilflos und ausgeliefert war und dadurch in seiner Würde und Integrität verletzt wurde. Dies muss ernst genommen werden, das Opfer muss in seiner Verletzung wahr- und ernstgenommen werden. Dies nicht zu tun, hinterlässt den Menschen ein zweites Mal in einer Hilflosigkeit und macht ihn so zum zweiten Mal zu einem Opfer.

Womit ich wirklich Mühe hatte, war die Sprache des Buches. War es auf der einen Seite wirklich sachlich, stellte es sich auf der anderen zu gewollt cool dar mit Begriffen wie «sexistischer Kackscheisse». Überhaupt wurde das Wort «Kackscheisse» oft verwendet und das wäre schlicht nicht nötig gewesen. Es mag sein, dass gewisse Menschen so sprechen, lesen möchte ich das nicht zwingend.

Persönlicher Bezug

«Formen der Ungerechtigkeit und Ungleichheit können also nicht im Vakuum beobachtet oder einzeln bekämpft werden, sondern vielmehr in ihrem Zusammenspiel. Wir können nicht erst Sexismus, dann Rassismus und am Schluss noch Kapitalismus bekämpfen. Um wirkungsvoll zu sein, müssen wir die ismen in Interaktion wahrnehmen und angehen.»

Es gibt viel zu tun, packen wir es an – so oder ähnlich könnte man alles zusammenfassen. Zwar blickt die Frauenbewegung auf eine lange Zeit zurück, doch noch immer sind wir weit davon entfernt, eine Gesellschaft ohne Unterdrückung zu haben. Frausein ist dabei nicht das einzige Kriterium für Unterdrückung, auch die Hautfarbe, Religion, sexuelle Ausrichtung und vieles mehr tragen dazu bei, diskriminiert zu werden – in Kombination der nicht als Norm gesetzten Varianten exponentiell.

Gerechtigkeit war mir immer ein Anliegen, es gab Zeiten, in denen ich lieber schwieg, weil ich die Konfrontation fürchtete oder aber zu wenig Kraft dazu hatte. Das soll wieder ändern, denn ich bin des Zusehens müde. Als schreibender Mensch ist meine Tat der Wahl immer das geschriebene Wort. Wenn jeder seine Fähigkeiten einsetzen würde, könnte gemeinsam viel erreicht werden. Das wünsche ich mir. Dafür sind solche Bücher wichtig, denn sie helfen, zu verstehen, worum es geht.

Fazit
Ein informatives, sachliches Buch über Feminismus, was er bedeutet, was er will und wieso er wichtig ist. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Hilkje Charlotte Hänel, geboren 1987, hat ihr Psychologiestudium nach nur 14 Tagen abgebrochen und stattdessen begonnen, Texte fürs Theater zu schreiben. Später hat sie Englische Literatur und Philosophie in Göttingen, Berlin, Sheffield und Boston studiert. Heute lebt sie als feministische Philosophin und Schriftstellerin in Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: C.H.Beck; 1. Edition (18. März 2021)
Taschenbuch: 192 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3406741814

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8 Kommentare zu „Hilkje Hänel: Wer hat Angst vorm Feminismus

  1. Hilkje Hänel: „Um wirkungsvoll zu sein, müssen wir die ismen in Interaktion wahrnehmen und angehen“

    Zu diesen „ismen“ gehört auch der Femin-ismus.

    Dem Femininen hat man eine
    maskuline Endung angepappt.

    Feminismus ist ein Auswuchs, er ist ein Kampfbegriff,
    der auf einen bestehenden Konflikt, auf Unausgewo-
    genheit, auf Disharmonie, auf Un-Balance hinweist.

    Seine Ursachen liegen nicht im sexuellen Übergriff,
    nicht in der Demütigung, nicht in der sexuell moti-
    vierten Gewalt und nicht nur in den Strukturen.

    Das alles ist bereits eine grauslige FOLGE.

    Wer an die Ursache will, kommt nicht umhin,
    sich mit der (in unserem Umfeld vorwiegend
    christlichen) Moral zu beschäftigen.

    Wenn wir es dumm anstellen, gehen wir in den Krieg.

    Wenn wir es einigermaßen intelligent anstellen,
    forschen wir nach den jeweiligen Ursachen des
    Konflikts und finden intelligente Lösungen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Das denke ich auch oft, wenn ich über den Begriff nachdenke – und drum hadere ich immer wieder damit. Mir wäre ein Humanismus lieber, soziale Gerechtigkeit ein zu erstrebendes Ziel für alle Menschen. Diskriminierung sollte man in ihren verschiedenen Facetten anschauen und nicht immer wieder neue Ausschlusskriterien schaffen. Zwar versucht man heute, den Begriff „Feminismus“ umzudefinieren, doch bleibt der Wortsinn halt der gleiche, die Herleitung bringt man nicht weg und die Geschichte auch nicht.

      Gefällt 1 Person

  2. Das Christentum ist massiv daran beteiligt, aber auch nicht die Ursache. Die patriarchale Gesellschaft reicht bis in die vorchristliche Antike zurück. Genau genommen liegt der Ursprung in einer fatalen Fehldeutung des Mythos. Wer die Symbolsprache nicht versteht (oben-unten, männlich-weiblich), der liest die Symbolik so, als wäre sie die Beschreibung des Konkreten: also wird das symbolische Männlich-Weiblich zum Bild (oder eher zur Karikatur) von Mann und Frau.
    Und da man heute noch weniger Ahnung von Symbolik hat, wird das noch lange festgeschrieben sein. Solange geht nämlich auch der Feminismus nicht an die Wurzeln. Solange hebt er die männlichsten Frauen in die Vorstandetagen, und das eigentliche Ziel, die Gleichberechtigung, bleibt wieder auf der Strecke, weil damit das Patriarchat nicht bekämpft, sondern einzementiert wird.

    Gefällt 2 Personen

    1. Wie wahr. Bourdieu hat ausführlich auf das hingewiesen. Die heutigen Institutionen, die das Patriarchat am meisten befördern, sind Familie, Kirche und Schule. Da verfestigen sich von Generation zu Generation die verinnerlichten und gelebten Strukturen, da entsteht die symbolische Herrschaft. Und ja, sie gehen zurück auf solche Symbolbilder, die man bewusst nicht mehr versteht, aber so tief in sich trägt, dass sie weiter Früchte tragen.

      Gefällt 1 Person

  3. Vor allem muss man gegen Täterperspektiven angehen. Ich denke, dass überall immer zu viel von den Ursachen der Tat geredet wird, statt darum, wie den Opfern geholfen, wie man ihnen beistehen werden kann. Mich interessiert die Psychologie der Täter sehr wenig. Ich trauere um jeden schlimmen Fall von Gewalt, nicht nur in den sogenannten eigenen vier Wänden. Es ist traurig. Es reißt einen ins Bodenlose, die Hässlichkeit … Bücher wie diese sind wichtig, und ja, diese Wörter wie „K…schei..“ helfen nicht, aber sie zeigen einen gewissen Widerstandswillen. Ich habe das nach meiner Lektüre von Hengameh Yaghoobifarahs „Ministerium der Träume“ etwas zu analysieren versucht. Viele Grüße.

    Gefällt 1 Person

  4. Robert Harsieber: „der Feminismus … hebt … die männlichsten Frauen in die Vorstandetagen, und das eigentliche Ziel, die Gleichberechtigung, bleibt wieder auf der Strecke“

    Ja – nämlich die Gleichberechtigung
    des Weiblichen und des Männlichen.

    Feminismus fördert letztlich das
    Männliche, nicht das Weibliche.

    Gefällt 1 Person

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