Elke Heidenreich – Nachgefragt

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Elke Heidenreich, geboren 1943, lebt in Köln. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Elke Heidenreich schrieb und redete über Literatur, schrieb des Weiteren Kolumnen, Erzählungen, Kurzgeschichten und Romane. Zuletzt erschien von ihr der Erzählungsband Männer in Kamelhaarmänteln und Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biografie erzählen?

Ich bin eine Frau von fast 80 Jahren, die seit ihrem 5. Lebensjahr ihr Glück in Büchern und Geschichten findet und darüber trotzdem das Leben nicht versäumt hat. 

Sie haben sich viele Jahre beruflich mit Literatur befasst. Gibt es bei Ihnen einen Unterschied zwischen Literatur, die sie privat lesen, und solcher, die sie beruflich lesen? Hat der berufliche Umgang mit Literatur ihr Leseverhalten verändert?

Nein. Wenn ich ein gutes Buch lese, habe ich den Drang und zum Glück ja dann auch beruflich die Möglichkeit, davon zu erzählen und die Empfehlung weiterzugeben. 

Sie haben lange mit Marcel Reich-Ranicki Literatur besprochen im Literarischen Quartett. Nun war er ja ein sehr energischer Charakter, zerriss sogar Bücher im Fernsehen. Die Literaturkritik heute scheint mir eher handzahm geworden. Wäre eine Figur wie Marcel Reich-Ranicki heute noch denkbar oder fehlt sie gerade?

MRR hat ja nicht nur leidenschaftlich verrissen, sondern genauso leidenschaftlich gelobt. Und das ist es, was fehlt. Heute spielen Eitelkeit oder intellektuelle Arroganz oft eine größere Rolle bei den Kritikern als Leidenschaft. 

Was macht für Sie ein gutes Buch aus? Wie verfahren Sie mit Büchern, die Sie nicht ansprechen? Brechen Sie ab oder lesen Sie trotzdem fertig?

Ein gutes Buch muss eine packende Story haben und die in einer adäquaten Sprache erzählen. Ist das nicht der Fall, kann ich das Buch gut weglegen. 

Literatur war ihnen Flucht und Überlebenshilfe, wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben. Glauben Sie generell an die heilende Kraft der Bücher? Gibt es für jedes Leiden das passende Buch oder hilft Lesen generell, weil es neue Welten und auch neue Lebens-Möglichkeiten aufzeigt?

Das kommt immer auf beide an: auf den Leser und auf das Buch. Der Leser muss auch bereit sein, sich von einer Geschichte erreichen zu lassen, sonst funktioniert das nicht. 

Sie haben ein Buch über Literatur von Frauen geschrieben, die sie in ihrem Leben beeinflusst hat. Nun weiss ich, dass Sie auch Bücher von Männern gerne lesen, die Einteilung in Literatur von Frauen und solche von Männern nicht immer begrüssen. Das Thema «Frauen in der Literatur» ist aktuell sehr präsent. Wieso haben Sie sich dieses Themas angenommen?

Ich wollte klarmachen, dass Bücher von Frauen auch Literatur sind und nicht etwas abgewertete «Frauenliteratur». Wir brauchen den weiblichen und den männlichen Blick auf die Welt, beides kann gute oder schlechte Literatur hervorbringen. 

Ich habe sowohl in der Schule als auch im Studium eine stark von Männern dominierte Welt erlebt. Männliche Professoren (das heut sich heute geändert zum Glück) sprachen über männliche Schriftsteller, bei den Lehrern gab es immerhin Lehrerinnen, aber auch dort mehrheitlich männliche Schriftsteller. Bei einem Besuch kürzlich in einem sonst sehr fortschrittlichen Gymnasium waren auf deren Literaturliste nur gerade 20 von 127 Schreibenden Frauen. Ist das einfach der Geschichte, in welcher Frauen erst ab dem 19. Jahrhundert präsent waren als Schriftstellerinnen, geschuldet und ändert sich nun von selbst, oder müsste man aktiv was tun? Wenn ja, was? Einfach eine Quote wäre wohl keine gewünschte Lösung, soll doch am Ende «das gute Buch» gelesen werden, nicht das eines bestimmten Geschlechts.

Eine Quote ist in der Kunst zum Glück überhaupt nicht zu machen, es reicht schon, zu welchen Fehlentscheidungen sie in der Politik führt. Frauen schreiben hunderte von Jahren weniger als Männer. Inzwischen ändert sich das stark. Einige alte Professoren an den Unis haben das noch nicht begriffen, aber Leser finden inzwischen wohl fast genauso viele Bücher von Frauen wie von Männern. 

Welche schreibenden Frauen würden in Ihren Augen mehr Beachtung verdienen? Wenn Sie fünf inspirierende Frauen nennen müssten, welche wären das?

Dorothy Parker, Joan Didion, Meg Wolitzer, (um mal was «Leichtes» zu nehmen!), Toni Morrison, Anne Tyler

Sie schrieben schon Romane, Kurzgeschichten, Kolumnen, ein Buch über Kleider und Leute, nun dieses Buch über die Einflüsse von Literatur auf Ihr Leben: Wie kommen Sie zu den Themen, woher nehmen Sie Ihre Ideen und Inspirationen?

Wach und voller Liebe leben, dann kommt immer was! 

Wenn Sie auf Ihren Schreibprozess schauen: Ändert der mit den unterschiedlichen Genres oder bleibt er immer gleich? Wie schreiben Sie? Von Hand oder am Computer? In der Stille der eigenen Kammer oder im Trubel von öffentlichen Cafés? 

Erste Ideen überall und mit der Hand. Endfassungen immer am Computer. 

Was würden Sie einem jungen Menschen raten, der Autor oder Autorin werden will? Und einem, der Literaturkritiker oder -kritikerin werden will? 

Dass das Lesen immer erst mal wichtiger ist als das Schreiben. Wer nicht liest, hat in der Regel auch keine Sprache. Und will man Literaturkritiker werden? Na gut, dann sollte man Germanistik studieren. 

7 Kommentare zu „Elke Heidenreich – Nachgefragt

  1. Dass Elke Heidenreich im Literarischen Quartett mit Marcel Reich-Ranicki zusammen diskutiert hatte, wusste ich nicht (mehr); ich kenne Sendungen mit Klara Obermüller, Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler – die frühen Sendungen dieses Literaturzirkels.
    Das Pressefoto von Elke Heidenreich ist etwas gar sehr beschönigt, im Sinne von „verjüngt“. Ein fast faltenloses Gesicht zeigen und danach einleiten mit „ich bin eine Frau von fast 80 Jahren“, das sieht dann schon etwas nach „Photoshop“ aus.
    Sie ist mir sympathisch, die Elke Heidenreich; ich habe gegen den Ernst in ihren Kritiken nichts einzuwenden, einzig, dass manchmal der Humor dadurch etwas zu kurz kommt. Und manchmal fährt sie schon ziemlich scharfes Geschütz auf, wenn sie gegen gewisse Schriftsteller oder Politiker wettert.
    Dennoch gefällt mir ihr Charakter: Was früher Reich-Ranicki war, dem man in den ausführlichen Voten zugehört und förmlich aus dem Mund alles geglaubt hat, was er geäussert hat, so ist sie sein weiblicher Klon. Ihre Meinung ist ehrlich, offen und prägnant.

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    1. Es ist doch spannend, dass das Aussehen einer Frau so oft Thema ist bei einem Kommentar zu ihrem Tun, worum es ja grundsätzlich ging. Ich habe gerade zu dem Thema ein Buch gelsen, das auf Studien verweist, die das belegen.

      Dass das Foto nicht aktuell ist, mag hinkommen, der Text ist es. Witz habe ich bei ihr nie vermisst, im Gegenteil, ich habe sie immer als sehr feinsinnige und humorvolle Person erlebt, was mir ihre sehr leidenschaftlichen und doch auch kompetenten Urteile zu Büchern noch näher brachte.

      Das Offene und Prägnante fehlt auch mir oft, es gibt aber auch Gegenstimmen, die gerade das verurteilen – vor allem bei MRR, aber auch sonst.

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  2. Schon dem Kochlehrling wird gelehrt: „Das Auge isst mit!“ – Ja, natürlich: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte! Wir Menschen altern schubweise, d. h., in jeder Dekade verändert sich unser Aussehen, wird reifer, unser Gang gemächlicher, und das ist, ästhetisch gesehen, weniger zu unserem Vorteil – auch unsere Wertvorstellungen verändern sich, passen sich dem Leben, den Umständen und der Umwelt an; unsere innere Haltung wächst, wird erwachsen und wenn wir da „altern“, merken wir, dass dies mehr zu unserem Vorteil ist!
    Der Text ist tatsächlich brandaktuell: Macht sich doch die liebe Elke Heidenreich fast zwei Jahre älter als sie tatsächlich ist – was (eigentlich(!)) zu bedauern und schade ist.
    Sehr gut kenne ich Elke Heidenreich auch wieder nicht, doch was mir in Erinnerung bleibt, ist das Folgende: Mein deutschsprachiger Lieblingsphilosoph veröffentlichte ein Buch und wurde nach seinen eigenen Angaben von einem Tag zum anderen berühmt, als Elke Heidenreich im Literarischen Quartett sein Buch hochhielt und ausrief: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“!

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