Theodor Fontane: Es kann die Ehre dieser Welt

Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben.

Wenn’s deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.

Fontane kann es, Fontane darf es, Fontane trauen wir, wenn er etwas sagt. Wieso? Er kommt nicht nur mit weisen Ratschlägen daher, er sagt uns die Dinge auf den Kopf zu, die wir eigentlich selber wissen, aber doch immer wieder dagegenhandeln. Er kommt nie überheblich oder abwertend daher, er nennt die Dinge schlicht beim Namen und wir sitzen da, lesen es und denken: Ich hätte es eigentlich wissen sollen.

Aber von vorne. Was immer wir im Aussen suchen an Ehre, an Ruhm – es wird uns nie genügen. Von aussen wird nichts so sein, dass es uns hält oder gar hebt, dazu müssen wir in uns gehen. Wenn da nichts ist an Halt, an Erhebung, dann können wir im Aussen suchen, was wir wollen, es wird nichts nützen. Selbst wenn alle laut klatschen: Unser Zweifel bleibt.

Was immer von aussen kommt, ist flüchtig, selten von Dauer. Es mag ein kurzer Freudenmoment sein, doch dann ist dieser auch schon wieder vorbei. So sehr man sich drin suhlt, am nächsten Morgen wacht man ernüchtert auf und es ist nichts besser als am Tag davor – im Gegenteil. Das kurze Lob dient nur dem Eitlen, der es sich auf die Fahnen streichen will – nach aussen. Tief drin bleibt alles wie gehabt. Es gibt also nur eins: Sei so, wie du für dich sein willst und kannst. Und tue alles dafür, deine eigenen Massstäbe zu erfüllen, dir selbst als das beste Ich, das du sein kannst und das du sein willst, zu sein.

Dann wirst du den Applaus von aussen nicht mehr brauchen, denn er könnte nichts hinzufügen. Und wenn das nicht ist, kann er ausbleiben, denn er könnte nichts bringen, das dir nützen könnte. Für dich.

#abcdeslesens – V wie Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal war ein intellektuell interessiertes Kind, ein Kind, das viele Sprachen lernte, viel las und auch sonst lerneifrig war. Schon zu Schulzeiten schrieb er erste Gedichte, die er aber, da er noch Schüler war, nur unter einem Pseudonym veröffentlichen konnte. Und er hatte Erfolg. Hugo von Hofmannsthal zählte schon bald zum literarischen Jung-Wien, verkehrte mit Schriftstellern wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und anderen und wurde auch über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt. Stefan Zweig schrieb über ihn:

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

Der Erfolg dieser frühen Gedichte war nicht nur Segen, Hofmannsthal beklagte später, dass er immer wieder an diesen gemessen würde, sie seinen Ruf quasi schon bestimmt hätten und er kaum mehr was daran ändern oder dazu tun könnte.

Immer wiederkehrende Themen der frühen Dichtung sind die Einsamkeit – Hofmannsthal gefiel sich in der Rolle des Einsamen, sah dies als seine wahre Daseinsform an -, das Leben und der Tod. In der Vergänglichkeit, so die Überzeugung Hofmannsthals, lag die Möglichkeit des Neuen und auch die Schönheit.

Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,

Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

Immer wieder kommentierte Hofmannsthal seine eigene Dichtung, stellte er poetologische Reflexionen an. Zwar hat er nicht ein theoretisches Werk im Sinne einer systematischen Literaturtheorie geschrieben, seine Gedanken zu dem Thema aber immer wieder in Essays ausgeführt. Gerade in diesen Essays kommt auch der Wandel von den frühen zu den späten Dichtungen gut zum Ausdruck: Waren die frühen Gedichte noch dem literarischen Jugendstil oder Impressionismus zuzuordnen (geprägt vom französischen Symbolismus, wie viele seiner Generation damals), zeigt sich in den späteren Werken eine sich verstärkende Sprachskepsis.

Rechtfertigung

So wie der Wandrer, der durch manch Verhau,
Manch blühend Dickicht seinen Weg gefunden:
Zerrißne Ranken haben ihn umwunden,
Auf Haar und Schläfen glänzt der frische Tau,

Und um ihn webt ein Duft noch viele Stunden
Wie Frühlingsgären und wie Ätherblau –:
So trägt der Dichter unbewußt zur Schau
Was schweigsam oft ein Freundesherz empfunden.

Er raubt es nicht, es kommt ihm zugeflogen
Wie Tau aus Blütenkelchen sich ergießt;
Der Blumen Zutraun hat er nicht betrogen,

Weil sichs ihm selber, unbegehrt, erschließt:
Den Tropfen hat ein Sehnen hingezogen,
Wo Bach zum Strom, und Strom zum Meere fließt.

Wie Stefan George, den er 1891 kennenlernte und der sein Werk sehr geprägt hat, war Hofmannsthal der Überzeugung, dass die Sprache der Dichtung sich von der Alltagssprache unterscheiden muss. Die Sprache der Dichtung, so Hofmannsthal, soll eigenen Gesetzen folgen und damit in sich geschlossen sein, eine Kunst-Welt, die zu keinem Zweck erstellt wird: L’art pour l’art.

Sonett der Seele

Willensdrang von tausend Wesen
Wogt in uns vereint, verklärt:
Feuer loht und Rebe gärt
Und sie locken uns zum Bösen.

Tiergewalten, kampfbewährt,
Herrengaben, auserlesen,
Eignen uns und wir verwesen
Einer Welt ererbten Wert.

Wenn wir unsrer Seele lauschen,
Hören wirs wie Eisen klirren,
Rätselhafte Quellen rauschen,

Stille Vögelflüge schwirren …
Und wir fühlen uns verwandt
Weltenkräften unerkannt.

Was die Sprache der Dichtung von der Alltagssprache unterscheidet, ist aber nicht ihr Inhalt oder ihre Form, sondern der ihr innewohnende Rhythmus, der Klang.

Einem, der vorübergeht

Du hast mich an Dinge gemahnet,
Die heimlich in mir sind,
Du warst für die Saiten der Seele
Der nächtige flüsternde Wind

Und wie das rätselhafte,
Das Rufen der atmenden Nacht,
Wenn draußen die Wolken gleiten
Und man aus dem Traum erwacht,

Zu blauer weicher Weite
Die enge Nähe schwillt,
Durch Zweige vor dem Monde
Ein leises Zittern quillt.

Bekannt worden ist Hofmannsthal auch durch seinen Chandos-Brief, welcher zudem einen Bruch in seinem dichterischen Schaffen markiert. Während vorher die Sprache das zentrale Element des Ausdrucks ist, rücken später Dinge in den Vordergrund, in welchen sich das Leben quasi präsentiert. Hofmannsthal sah Leben und Dichtung eng verbunden, dies sowohl durch die Metapher als auch durch das Symbol. Durch beide sei es möglich, Zusammenhänge in der Welt sichtbar zu machen, die sich sonst oft der Sprache entzögen.

#abcdeslesens – N wie Friedrich Nietzsche

Musik war die grosse Liebe des Friedrich Nietzsche, die Musik schenkte ihm die Augenblicke der Empfindung. Sie sollte andauern, erst durch sie fühlte er sich am Leben, im Leben zu Hause. Von ihm stammt auch der folgende Ausspruch:

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.»

In der Musik sah er eine Verwandtschaft mit dem Werden und Vergehen des Lebens, wellengleich. Dies wollte er auch mit seiner Philosophie in Worten einfangen, versuchte durch sie ebenso Lebensgrundlage zu schaffen, wie er diese in der Musik fand – es wollte nicht gelingen. Dass Nietzsche auch dichtete, ist weniger bekannt, obwohl doch rund 700 Gedichte von ihm existieren. Es ist gar kein langer Weg von der Musik zur Lyrik, ist die Lyrik doch der Musik verwandt auf eine Weise. Nicht nur ist die Lyrik oft Grundlage für wundervolle Vertonungen, ein Gedicht trägt auch oft eine Melodie und einen Rhythmus in sich. Das Verhältnis von Musik und Sprache zeigt sich in folgendem Gedicht von Nietzsche deutlich:

An der Brücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmerung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hört Jemand ihr zu?…

Während von fern ein Gesang ertönt, schwingt die Seele, selber ein Saitenspiel, mit, sie singt ihr «Gondellied».

In vielen seiner Schriften hat Nietzsche die zentralen Gedanken als Gedichte oder Lieder geformt. Es ging ihm darum, dem Ganzen die Schwere zu nehmen, eine Leichtigkeit hineinzubringen, welche nicht von Worten erschlagen wird. Ein Beispiel dafür findet sich im Zarathustra:

Das trunkene Lied

Eins!
Oh Mensch! Gib acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
«Ich schlief, ich schlief -,
Vier!
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Fünf!
Die Welt ist tief,
Sechs!
Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
Tief ist ihr Weh -,
Acht!
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
«Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!»
Zwölf!»

Gustav Mahler hat dieses Gedicht als vierten Satz in seiner Dritten Sinfonie vertont.

Friedrich Nietzsche provozierte immer wieder. Er liebte es, Systeme aufzubrechen, Grenzen zu überschreiten, aufzubrechen in neue Gedanken. Er durchleuchtete geltende Werte, beerdigte Ideologien, tötete Gott. Damit nahm er dem Menschen den Halt im Aussen, es ging darum, die Eigenverantwortung hochzuhalten. In allem war Nietzsche allerdings nie eindeutig, sondern viel mehr voller Widersprüche, schwer fassbar, kaum einzuordnen – ein Pendler zwischen den Welten der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, ein eigenwilliger Individualist.

Entschluss

Will weise sein, weil’s mir gefällt,
und nicht auf fremden Ruf.
Ich lobe Gott, weil Gott die Welt
so dumm als möglich schuf.

Und wenn ich selber meine Bahn
so krumm als möglich lauf’ –
der Weiseste fing damit an,
der Narr – hört damit auf.

Zu glauben, dass Nietzsche diesen doch immer einsameren Weg ohne Probleme ging, wäre allerdings falsch, er litt selber unter seinen vielen Spaltungen.

Pinie und Blitz

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
und sprech’ ich – niemand spricht mit mir.

Zu einsam wuchs ich und zu hoch –
ich warte: worauf wart’ ich doch?

Zu nah’ ist mir der Wolken Sitz, –
ich warte auf den ersten Blitz.

Die sozialen Beziehungen schwanden mehr und mehr, zerstörerische Phantasien nahmen zu, der Wahnsinn ergriff ihn immer stärker. Die psychischen Probleme hinderten ihn immer mehr am Arbeiten, die letzten zehn Jahre verbrachte er als Pflegefall. Friedrich Nietzsche wurde nur gerade 55 Jahre alt, sein Werk aber ist unsterblich.

Lebensregeln

Das Leben gern zu leben,
musst du darüber steh’n!
Drum lerne dich erheben!
Drum lerne – abwärts seh’n!

***

Den edelsten der Triebe
veredle mit Bedachtung:
zu jedem Kilo Liebe
nimm ein Gran Verachtung

#abcdeslesens – K wie Mascha Kaléko

Ein Leben auf der Flucht, ein Leben als Heimatlose, so könnte man Mascha Kalékos Leben beschreiben. Schon als Kind musste Mascha Kaléko immer wieder weiterziehen, die Heimat verlassen, eine neue finden. Immer wieder spürte sie das Gefühl der Heimatlosigkeit, der Haltlosigkeit, und auch den Drang, sich wieder neu einzurichten, zurechtzufinden.

Mascha Kaléko sprach nicht nur von einem Leben, sondern von deren sechs. Sie hat ihr Leben selber in sechs Etappen[1] eingeteilt:

Erstes Leben: Mascha allein
Zweites Leben: Mascha und ihr erster Mann, S. Kaléko
Drittes Leben: Mascha und ihr zweiter Mann, Chemjo Vinaver
Viertes Leben: Mascha, Chemjo und ihr Sohn Steven
Fünftes Leben: Mascha und Chemjo ohne Steven
Sechtes Leben: Mascha allein

und sie hat darüber ein Gedicht geschrieben:

Das sechste Leben

Eine Katze hat neun
Ich brachte es auf fünf
Das erste war keines
Aber das zählte fast doppelt.
Angst, Hunger, Dunkel
Dann kam die Liebe
Und der Tag schien wieder möglich

Leben Nummer zwei
Bootfahrt auf dem Wasser
Der Jugend.

Nummer drei begann, da hörte
Nummer zwei auf.
Sturm rüttelte am Dach
Die Seidendecke zerriss
Und wir lagen im Gras
Deckten uns zu mit der weissen Wolke
Auf blauem Grund.

Nummer vier begann damit, dass
Aus Zweien Drei wurden
Es war ein Märchen
Wunder schon zum Frühstück
Und Zauber am Abend
Wir ritten über das Weltmeer
Trockenen Fusses
Pfeile trafen dicht daneben
Die Glut versengte uns nicht
Wir flogen im Schatten der
Schutzengel-Schwingen

Alle drei die Gott liebte.
Dann nahm er uns das Kind
Schon war es ein Mann geworden
Ein Gott…

Und wieder allein, doch nicht
Wie zuvor, da zwei zu sein genügte…*

Gerade aber diese vielen Ortswechsel förderten auch etwas bei Mascha Kaléko, was ihr später zugutekommen sollte: Den Umgang mit Sprache. Aus der Überzeugung heraus, dass man weniger fremd an einem Ort ist, wenn man dessen Sprache spricht, eignete sie sich schnell die Berliner Mundart an und sie entwickelte ein feines Sensorium für die Mentalität der Menschen da. Es gelang ihr so, sich zu assimilieren, «einer von ihnen» zu werden, was ihr sehr wichtig war. Dieses Feingefühl für Menschen hört man ihren Gedichten an, eine pointierte Grossstadtlyrik entstand, die das ganz normale Leben damaliger Zeit beschrieb. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten, innerhalb weniger Jahre gehörte Mascha Kaléko zur literarischen Szene Berlins.

Frühling über Berlin

Sonne klebt wie festgekittet,
Bäume tun, als ob sie blühn.
Und der blaue Himmel schüttet
Eine Handvoll Wolken hin.

Grossstadtqualm statt Maiendüfte,
– Frühling über Gross-Berlin! –
Süse wohlbekannte Düfte…
Stammen höchstens von Benzin.*
(…)

Mascha Kaléko beschreibt in ihren Gedichten den ganz normalen Alltag, das ganze Leben angefangen von den Strassen in den Städten, hinein in die Büros der Arbeitswelt und weiter in die Schlafzimmer der einfachen Menschen. Mit klarem Blick und ebensolcher Sprache legt sie dem Leser ein Stimmungsbild vor, welches den Blick für die Realität öffnet.

Wir wachten auf. Die Sonne schien nur spärlich
Durch schmale Ritzen grauer Jalousien.
Du gähntest tief. Und ich gestehe ehrlich:
Es klang nicht schön. – Mir schien es jetzt erklärlich,
Dass Eheleute nicht in Liebe glühn.

(…)

Wie plötzlich mich so viele Dinge störten!
– Das Zimmer, du, der halbverwelkte Strauss,
Die Gläser, die wir gestern Abend leerten,
Die Reste des Kompotts, das wir verzehrten.
…Das alles sieht am Morgen anders aus.*

(…)

Mascha Kalékos Lyrik kurz beschrieben, gliche einem Rezept: Man nehme einen offenen Blick aufs Leben mit seinen Details aus dem Alltag, wähle einen lockeren Ton, füge eine Prise Humor dazu, und würze mit einer Spur Melancholie. Die Menschen erkannten sich wieder mit ihren Ängsten, Sorgen, Hoffnungen – wohl mit ein Grund für ihren Erfolg. Trotzdem hob sie nicht ab, wurde sie nicht übermütig oder gar überheblich. Im Gegenteil: Als ihr eine Zeitung das Angebot machte, jeden Montag ein Gedicht veröffentlichen zu können und dies sogar zu einem stattlichen Honorar, lehnte Mascha Kaléko ab – sie hatte Angst, dem nicht gewappnet zu sein:

«Dazu muss ich allerdings gestehen, dass ich an einer quälenden Furcht litt. Kaum, dass mir etwas Ordentliches gelungen war, so vermeinte ich, dies wäre das Letzte! Nie wieder würde mir derartiges glücken. Unter dieser Mysteriösen Qual litt ich anfangs unsäglich.»[2]

Nach gutem Zureden entschied sie dann doch anders und es kam zu den wöchentlichen Gedichten.

Mascha Kalékos Leben war mit vielen Schwierigkeiten gepflastert. Mit der tief gefühlten Entwurzelung durch die Flucht in der Kindheit fing es an, damit ging es später auch weiter. Als ihre Bücher von den Nationalsozialisten verboten wurden, emigrierten sie, ihr Mann und der gemeinsame Sohn über Frankreich in die Staaten. Wegen des ausbleibenden Erfolgs ihres Mannes, dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver, lag es an ihr, die Familie zu ernähren, was sie unter anderem mit dem Verfassen von Werbetexten machte, daneben schrieb sie Kindergedichte. Dass es in der Zeit zu vielen Streitereien zwischen den Eheleuten kam, machte alles noch schwerer.

«Ich gehe langsam aber sicher zugrunde. Ich weiss nicht, warum wir uns gegenseitig das Leben verbittern. […] ich fühle, wie alles zerbricht, was ich in meinem Innern aufgebaut hatte, und auch was im Äusseren begonnen hat, mein Leben zu sein, ist im Grunde nur eine Qual. […] leider ist er nicht der Mann für mich, neben ihm sterbe ich täglich einen neuen Tod. Ohne ihn würde ich nur einmal sterben. Aber dafür einen gründlichen Tod, von dem man nicht wiederkehrt. Ich möchte einschlafen, um nie wieder zu erwachen.»

Doch sie gab nicht auf, sie kämpfte weiter und irgendwann konnten sie auch wieder nach Deutschland zurück, wo endlich auch wieder Publikum für ihre Gedichte wartete, wo sie wieder aufblühen konnte. Doch es folgte der nächste Umzug: Ihrem Mann zuliebe zog sie mit diesem nach Jerusalem, wo sie sehr unter der sprachlichen und auch kulturellen Isolation litt, heimisch fühlte sie sich nie.

Der Fremde

Sie sprechen von mir nur leise
Und weisen auf meinen Schorf.
Sie mischen mir Gift in die Speise.
Ich schnüre mein Bündel zur Reise
Nach uralter Vorväter Weise.
Sie sprechen von mir nur leise.
Ich bleibe der Fremde im Dorf.**

Das Melancholische ihres Wesens wird stärker, nicht nur der Ton ihrer Gedichte wird pessimistischer, auch die Themen ändern sich: Einsamkeit, Aussenseitertum, Vergänglichkeit stehen nun im Zentrum.

Resignation für Anfänger

Suche du nichts. Es gibt nichts zu finden,
Nichts zu ergründen. Finde dich ab.
Kommt ihre Zeit, dann blühen die Linden
über dem frischgeschaufelten Grab.

Kommt seine Zeit, dann schwindet das Dunkel,
funkelt das wiedergeborene Licht.
Nichts ist zu Ende. Alles geht weiter.
Und du wirst heiter. Oder auch nicht.

Zwischen Vergehen und Wiederbeginnen
liegt das Unmögliche. Und es geschieht.
Wie und Warum waren nie zu ersinnen.
Neu erklingt dem Neuen das uralte Lied.

Geh nicht zu Grunde, den Sinn zu ergründen.
Suche nicht. Dann magst du ihn finden.*

Und dann schlug das Schicksal erneut zu, erst mit dem Tod des Sohnes, dann mit dem Tod ihres Mannes.

Auf Reisen

Ich gehe wieder auf Reisen
Mit meiner leisen
Gefährtin, der Einsamkeit.

Wir bleiben zu zweien einsam
Und haben nichts weiter gemeinsam
Als diese Gemeinsamkeit.

Die Fremde ist Tröstung und Trauer
Und Täuschung wie alles. Von Dauer
Scheint Traum nur und Einsamkeit.**

Ihre Schreibkraft flackerte nochmals kurz auf, ein produktives Jahr folgte, bis Mascha Kaléko 14 Monate nach ihrem geliebten Chemjo auch starb.


[1] zit. nach Gisela Zoch-Westphal: Aus dem Leben der Mascha Kaléko

[2] zit. nach Jutta Rosenkranz: Mascha Kaléko

_____
* zitiert nach „Die paar leuchtenden Jahre“ © 2003 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

** zitiert nach „In meinen Träumen läutet es Sturm“ © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

Bertold Brecht (10. 2. 1898 – 14. 8. 1956)

Bertold Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. 

Sein Schaffen fing früh an, schon mit 15 gab es erste Veröffentlichungen in der mit einem Freund herausgegebenen Schülerzeitung. Danach flossen die Buchstaben weiter, es entstanden Gedichte Prosatexte und Dramen. Während des ersten Weltkrieges waren diese eher patriotisch geprägt, doch schon bald ebbte die Verklärung des Krieges ab.

Während Brecht eigentlich Medizin und Philosophie studierte auf dem Papier, sah man ihn öfter in Literaturvorlesungen denn in medizinischen. Sein Hauptinteresse galt allerdings dem eigenen Schaffen, aus seiner Feder flossen in der Zeit seine wohl bekanntesten Gedichte sowie mehrere Dramen, die es auch zur Aufführung schafften. 

Sein politisches und gesellschaftliches Interesse zeigte sich immer auch in seinem Schreiben, Literatur war in Brechts Augen Gebrauchsliteratur, sie musste einen Wert haben, welchen er unter anderem darin sah, durch sie gesellschaftliche Strukturen sichtbar zu machen. 

Brechts Werk fiel den Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten zum Opfer, Brecht selber floh nach Paris, dann führte sein Weg über Dämemark, Schweden, Finland schliesslich in die USA, wo er aber nicht glücklich wurde, hegte er doch eine Abneigung gegen das Land und fand auch kaum Möglichkeiten, zu arbeiten. 1947 reiste Brecht nach Paris und dann nach Zürich, von wo er schliesslich wieder nach Berlin ging. Er sollte ein Reisender bleiben.

Brecht starb am 14. August 1956 in Berlin.

Zwei Liebesgedichte von Brecht:

Schwächen
Du hattest keine
Ich hatte eine:
Ich liebte.

Die Liebenden
Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

liebesschmerz

liebst du mich
frag ich dich leise
schau dir traurig
ins gesicht

du blickst mich an
mehr tust du nicht
was so gesehen
für sich spricht.

worte sind
schon lange tot
wo früher lachen
schweigen wir

ich dreh mich um
und ich geh weiter
spüre dich noch
hinter mir

ob der schmerz
dich auch auffrisst
oder ist die wehmut
nur bei mir

ich weiss es nicht
doch was ich weiss
ist leis und schlicht
ich liebe dich

©Sandra Matteotti

lebensbühne

so tun als ob
und einfach sein
als wäre nichts
und die welt
noch hell und rein

einfach lachen
ungeweint
die tränen lassen
die schon drängen
hin zum fluss

spiele spielen
wider diesen
ernsten ernst
und rollen füllen
selber leer

so tun als ob
und dabei hoffen
dass bald mal ernst
was grad noch
spiel

@Sandra Matteotti

Liebesmahl

Du bist der Zucker im Kaffee und
die Butter auf dem Brot.
Bist das Salz in meiner Suppe,
und das Dressing am Salat.

Du bist der Pfeffer im Gericht und der
Sahneklecks beim Kuchen.
Bist schlicht das, was erst das Essen
zu viel mehr als Nahrung macht.

Du bist die Würze meines Lebens,
bist mein Lebenselixier.
Du bist die Liebe meines Lebens,
bis mein Glück – das bist du mir.

Drum lass uns dies zusammen leben,
dieses kunterbunte Festtagsmahl.
Lass uns schwelgen, schlemmen, lieben,
denn wir leben nur dies eine Mal!

©Sandra Matteotti

Hans Brinkmann: Rummel

Hans Brinkmann (*1956)

Rummel*

Wir machen den ganzen Rummel mit.
Jeden Tag sind wir hier.
Riesenräder überrollen uns,
auf den Karussells drehen wir durch.
Wie die Schweine und Kleeblätter
haben wir meist kein Glück. Die Schiessbuden
laden uns ein, aufeinander zu feuern,
ehe wir in die Bierzelte laufen,
wo unsre Köpfe im Schaum verschwinden.
Lachend stehen die Rittmeister
an den Kassen der Hippodrome.
Pass doch auf, Junge, wo du hintrittst!
Wie du dich wunderst, lassen sie dich
dafür bezahlen. Nichts ist umsonst.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wie man das Leben angehen kann

Das Leben als Rummelplatz, manchmal dreht man im Kreis, manchmal hofft man auf Glück, doch das bleibt aus. Man stösst auf Menschen, die einem nicht wohlgesonnen sind, tritt anderen auf die Füsse – und am Schluss kriegen wir die Rechnung, da nichts umsonst ist. Alles ein einziges Trübsal? Nein! Das Gute liegt im Detail. Wir haben nur meist kein Glück, sprich: ab und an haben wir welches. Der Rittmeister lacht, wir können mit ihm lachen, statt über alles zu klagen, nur weil es grad nicht rund läuft. Wir müssen auch nicht auf andere feuern, wir sind nur dazu eingeladen. Es bleibt unsre Wahl, ob wir es tun – nur wenn, dürfen wir uns nicht wundern, wenn andere zurückschiessen. Es bleibt unsere Wahl, wie wir das Leben sehen. Jede Sicht hat ihren Preis, unsere Entscheidung bleibt, was die Währung ist.

*zit. nach „Alle Tage ein Gedicht“, Aufbau Verlag

Der Säufer*

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Gläser
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Gläser gäbe
und nach tausend Gläsern keine Welt.

Der weiche Schlag beschwerter Zungen Worte,
die ohn’ Ziel und Zweck von Sinnen frei,
ist nie ein Tanz von Kraft, es fehlt die Mitte,
sie liegt betäubt in Weines Wiege da.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. – Dann geht ein Bild hinein,
geht durch des Suffes totgekämpfte Sinne –
und hört im Herzen auf zu sein.

*Was Beobachtungen an einem Abend und Rilke in Kombination so auslösen können**
**nicht ganz ernst gemeint***
***aber so ein bisschen schon