Es ist (auch) MEIN Leben

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Das schrieb ich mal auf Twitter. Aus einer Erkenntnis heraus, sicher vermischt aus einem Frust, weil ich das so nicht gelebt hatte, aber als eigentlich wünschenswerte Lebenshaltung erkannte. Ich kann es nicht allen recht machen. Der Versuch, dies zu wollen, ist per se zum Scheitern verurteilt. Und doch: Ich hatte den Spruch, ich fand ihn gut – gelebt habe ich ihn nicht.

Ich habe Mühe, wenn ich was nicht gut (genug) kann. Ich habe Mühe, wenn ich merke, man mag mich nicht. Ich habe Mühe, wenn ich Wissensdefizite bemerke, ich fühle mich dumm – und ja, es gibt sehr viele. Ich mag Menschen eigentlich. Mag ich wen nicht, versuche ich, was Liebenswertes zu finden, da ich denke, dass dies jeder hat. Umso mehr Mühe habe ich natürlich, wenn ich denke, jemand mag mich nicht. Kann es aber verstehen. Ich finde mich selber ja auch nicht sooo toll. Aus Gründen. Sie stehen oben. Ich kann nicht alles, weiss nicht alles, habe ab und an Bedürfnisse, die andere nicht kennen, habe Eigenarten…

Und oft denke ich dann: Damit man das alles mag, muss ich mich ja anstrengen. Es recht machen. Entgegen kommen. Akzeptieren. Und oft spüre ich auch die Erwartung: He, ich will das so, das musst du akzeptieren. Was das dann mit mir macht? Das scheint kein Thema. Und das ist nicht gut.

Ja. Ein anderer kann etwas wollen. Auch entgegen meiner Bedürfnisse. Aber: Es macht was mit mir und das bringt wiederum etwas mit sich. Vielleicht auch Konsequenzen für den anderen. Nicht als Strafe für sein Wollen, sondern als Reaktion, damit ich es tragen kann. Wie oft hört man dann aber: He, nun hab dich nicht so. Es kann doch alles genau so bleiben, wie es war (für den anderen), ich mach doch nur dies und jenes – und du bist wie immer. Eine verständlich bequeme Sicht – aber sehr einseitig.

Beziehungen bestehen immer aus zwei Menschen. Jeder bringt sich rein. Jeder lebt sich aus. Und ja, jeder muss sich vielleicht auch mal einschränken. Für ein Wir. Und bei allem bleibt: Jeder trägt die Konsequenzen, für das, was passiert. Er kann sich also vorher ausrechnen, welchen Preis er für sein Ausleben zahlen will und was zu hoch ist.

Mit der Entscheidung müssen dann immer beide leben. Wenn aber nur einer lebt, wie er lustig ist, der andere sich anpasst, lebt nur einer. Der andere hat sich schon längst aufgegeben. Und DAS ist immer ein viel zu hoher Preis. Für alles. Die Entscheidung für ein Leben zu zweit sollte nie eine Entscheidung gegen das eigene Sein sein. Aber es wird wohl eine sein müssen, die den anderen miteinbezieht in die eigenen Entscheidungen. Ist man dazu nicht bereit, sieht man alles, was eingeschränkt ist, als Beeinträchtigung des freien Seins und die Bedürfnisse des anderen und die daraus resultierenden Konsequenzen als Gefängnis, ist vielleicht eine Beziehung nicht das richtige Lebensgefäss. Denn: Jeder andere Mensch bringt sich und seine eigenen Gefühle, Sichtweisen und Wahrnehmungen mit. Die sind nie richtiger oder besser – aber auch nicht das Gegenteil davon. Sie sind aber mit Garantie anders. Es gibt nur zwei Möglichkeiten hier: Man findet einen gemeinsamen Weg oder man sucht sich wieder den eigenen. Denn: Auf Dauer macht man keinen Spagat.

Und so bleibt am Schuss doch:

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Umgekehrt aber auch nicht. Und damit muss ich auch leben können. Mit allem, was ich bin und tue. Alles bringt Konsequenzen. Will ich sie tragen? Kann ich es? Wenn nicht: Was ist die Alternative? Kann ich die tragen? Besser als die anderen? Schlussendlich ist alles ein Entscheid. Sogar ein wenigstens teilweise freier. Nicht frei im Sinne davon, dass ich alle Parameter von aussen steuern kann, aber frei darin, dass ich entscheiden kann, was ich an Konsequenzen tragen will und kann für meine Entscheidungen. Und ab und an schmerzen sie alle. Nur: Selbstaufgabe schmerzt lange, denn man tötet sich damit eigentlich selber permanent bei lebendigem Leib. Das würde man keinem anderen wünschen. Wieso tun wir es so oft mit uns selber?

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