Stefan Zweig: Die Schachnovelle

Inhalt
1940 fährt ein Schiff von New York nach Buenos Aires. Auf ihm befindet sich unter anderem auch der Schacheltmeister Czentovic. Als ihn einige Mitreisende erkennen, fordern sie ihn zu einer Schachpartie heraus, die er mühelos bestreitet, was er seine Gegner überheblich spüren lässt, bis sich ein Fremder einmischt und die eigentlich entschiedene Partie zu einem Remis führen kann – dies, obwohl der Fremde behauptet, 25 Jahre kein Schachbrett mehr gesehen zu haben. Es wird eine neue Partie festgelegt, dieses Mal nur zwischen Czentovic und Dr. B., wie der Fremde heisst. Dr. B. besteht darauf, dass er nur noch eine Partie spielen will, sich dann nie mehr an ein Schachbrett setzen möchte.

Die Geschichte hinter diesem Ansinnen ist eine grausame: Als Gefangener der Gestapo war er über Monate in Einzelhaft, weil man von ihm geheime Informationen erhalten zu hoffte. Es gab keine Ablenkung, er sass allein mit einem kargen Mobiliar in einem Zimmer, wurde jeden Tag für kurze Zeit zum Verhör abgeholt.

«Und immer um mich nur der Tisch, der Schrank, das Bett, die Tapete, das Fenster, keine Ablenkung, kein Buch, keine Zeitung, kein fremdes Gesicht, kein Bleistift, um etwas zu notieren, kein Zündholz, um damit zu spielen, nichts, nichts, nichts.»

Als er eines Tages ein Buch fand, hoffte er erst auf Lektüre, merkte dann aber, dass es nur ein Schachbuch war. Doch damit schaffte er es, sich die Zeit zu vertreiben, indem er die Partien auswendig lernte. Als dies irgendwann langweilig wurde, begann er, im Kopf gegen sich selber zu spielen, er spaltete sich also auf in weiss und schwarz und überlegte für beide Farben die passenden Strategien, von denen die andere Farbe ja nichts wissen durfte. Es blieb nicht aus, dass seine Psyche noch mehr litt, er sich auch in seiner Persönlichkeit spaltete, nicht mehr schlafen konnte, sich zermürbte. Bis er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Der behandelnde Arzt konnte eine Freilassung von Dr. B. erwirken, riet diesem aber, nie mehr Schach zu spielen, wolle er seine Gesundheit behalten.

Bei der nächsten Schachpartie will sich Czentovic keine Blösse geben, er plant jeden Zug genau und braucht dazu ausreichend Zeit, was Dr. B. zunehmend nervös macht. Dr. B. gewinnt. Czentovic fordert ihn zu einer weiteren Partie auf, Dr. B. stimmt zu, wird während der Partie immer nervöser, erregter. Er fängt an, in den langen Pausen durch Czentovics Überlegen im Kopf andere Partien zu spielen, worauf er im aktuellen Spiel einen falschen Zug macht. Er beginnt, wirres Zeug zu reden, kann aber im letzten Moment noch zur Räson gebracht werden und er verlässt den Tisch mit einer Entschuldigung, nicht ohne zu verkünden, dass dies seine letzte Schachpartie gewesen sei. Die anderen bleiben verwirrt zurück.

Erläuterungen
«Die Schachnovelle» wird von einem Ich-Erzähler erzählt, dessen Person weder namentlich noch sonst irgendwie bekannt wird. Es gelingt Zweig aber, die übrigen Charaktere durch ihr Verhalten und die nötigen Hintergrundinformationen plastisch werden zu lassen,  so dass sie authentisch und glaubwürdig wirken. Der Schauplatz ist wenig beschrieben, er spielt an sich keine grosse Rolle, nur insofern, als die Schifffahrt auf Stefan Zweigs eigene Geschichte hinweist und in sich die Vertreibung aus der Heimat trägt.

Stefan Zweig ist ein tiefgründiges Buch über die Gräuel des Terror-Regimes der Nationalsozialisten und die Narben, welche diese bei den Opfern hinterlassen haben, gelungen. Er schrieb dieses Buch 1941 im Exil in Brasilien, es ist sein letztes Werk, bevor er sich 1942 mit seiner Frau das Leben nimmt. Das Buch weist insofern autobiographische Züge, als Zweig selber unter dem Terrorregime gelitten hat, wenn auch nicht durch gezielte Folter wie im Buch beschrieben. Allerdings empfand er das, was er als Pazifist und Jude unter dem nationalsozialistischen Regime erleben musste, nicht direkt als Folter, aber doch als Verlust der Menschenwürde. Er schrieb darüber in seinem Buch «Die Welt von Gestern»:

«Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren, Erklärungen bei jeder Reise, […] wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, […] wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert […].»

Zu Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

Ein Sittengemälde aus dem gebirgigen Westfalen

Inhalt

Friedrich Mergel startet alles andere als gut ins Leben: Der Vater ein Säufer, die Mutter – schön, stolz und fromm – ist nach dem Tod ihres Mannes mit allem überfordert und mausarm, so dass er schon früh die Härte des Lebens kennenlernt. Durch seinen Onkel wird er zudem in unlautere Machenschaften verwickelt. Bei dieser Vorgeschichte ist es kaum verwunderlich, dass der Verdacht auf ihn fällt, als die Leiche des ermordeten Juden Aaron gefunden wird.

Friedrich Mergel kommt als Sohn des Säufers Friedrich Mergel und der stolzen und schönen Margret Semmler in einem kleinen westfälischen Dorf auf die Welt. Schon früh nimmt sein Leben einen schwierigen Gang, sein Vater stirbt, als Friedrich neun Jahre alt ist, Armut ist das Los von Friedrich und seiner Mutter. Friedrich arbeitet als Kuhhirt, bis ihn sein Onkel Simon Semmler unter die Fittiche nimmt und ihm durch dunkle Geschäfte zu etwas Geld verhilft. Bei seinem Onkel lernt er auch dessen unehelichen Sohn, den Schweinehirten Johannes Niemand kennen, die zwei werden unzertrennlich.

Friedrich ist Teil der sogenannten Blaukitte,, welche im Dorf immer wieder Holz stehlen. Als bei einem solchen Vorfall der Oberförster Brandis zu Tod kommt (Friedrich hat durch einen warnenden Pfiff an seine Mitganoven eine Teilschuld), meldet sich Friedrichs Gewissen – doch die Geschichte lässt sich nicht mehr drehen, das Unheil nimmt seinen Lauf, Friedrich kann den Pfad von Gewalt und Vergehen nicht mehr verlassen.

Auf einer Hochzeitsfeier wird Friedrich vom Juden Aaron gedemütigt, kurz darauf findet man dessen Leiche im Brederwald unter einer Buche. Der Verdacht fällt auf Friedrich, welcher zusammen mit Johannes Niemand flieht. Zwar gesteht kurze Zeit darauf jemand anderes den Mord, Friedrich bleibt aber verschwunden. Erst nach 28 Jahren, die Tat ist mittlerweile verjährt, kehrt Friedrich heruntergekommen und verkrüppelt zurück – er ist unterzwischen in türkischer Gefangenschaft gewesen – und bestreitet fortan einen kargen Lebensunterhalt durch Botengänge. Hartnäckig meidet er den Brederwald, welcher ihn aber doch immer anzieht. Schliesslich erhängt er sich an der Buche, unter welcher Aaron damals (von ihm) ermordet gefunden worden ist.

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.

Entstehung

Die Novelle von Annette von Droste-Hülshoff ist 1842 im Cotta’schen Morgenblatt für gebildete Leser erschienen. Sie beruht auf einer wahren Gegebenheit, von welcher die Autorin seit ihren Kindertagen durch Erzählungen Kenntnis hatte. Ihr Onkel August von Haxthausen hatte seinerseits die ganze Ursprungsgeschichte anhand von Gerichtsakten aufgezeichnet und sie unter dem Titel Geschichte eines Algier Sklaven veröffentlicht. In Die Judenbuche erfand Annette von Droste-Hülshoff quasi eine Vorgeschichte zu dieser wahren Geschichte.

Zum Werk

In ihrer Novelle gelingt es Annette von Droste-Hülshoff, begangenes Unrecht als eine Folge der Verhältnisse in der Gesellschaft darzustellen. Sie beschreibt diese Gesellschaft selber dadurch als problematisch, als

die Begriffe von Recht und Unrecht einigermassen in Verwirrung geraten waren.

Neben dem eigentlichen Recht hat sich ein zweites, von den Mitgliedern der Gesellschaft selber bestimmtes eingebürgert, welches sich in der öffentlich geäusserten Meinung niederschlug und durch entsprechendes Verhalten oder Nicht-Verhalten Vergehen gegen so gedachte Ordnungen ahndete – oder ignorierte.

es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.

Droste-Hülshoff legt diese Mechanismen anhand des Einzelschicksals von Friedrich Mergel dar, welcher schon von Geburt kaum eine Chance auf ein erfolgreiches Leben hat, sein Schicksal wird ihm quasi in die Wiege gelegt dadurch, dass schon der Vater ein „gänzlich verkommenes Subjekt“ ist.

Die Natur fungiert in dieser in einem westfälischen Dorf spielenden Geschichte als Zeuge und Richter. Alles, was passiert, geschieht im Brederwald, der Tod von Friedrichs Vater, der von Förster Brandis sowie der spätere Mord an Aaron in der Nähe der Buche, die so zum Dingsymbol für das Unheil wird. An dieser Buche erhängt sich schliesslich Friedrich auch, als er mit der auf sich geladenen Schuld nicht mehr umgehen kann. Damit erfüllt er den Spruch, der als Mahnung an den Judenmord 28 Jahre zuvor in die Rinde geschnitzt worden war:

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.

Annette von Droste-Hülshoff

Annette von Droste-Hülshoff wurde 1797 bei Münster geboren und zeigte schon früh literarisches Talent. Neben dem beschaulichen Leben im Münsterland reiste sie gern und viel, nach der Hochzeit ihrer Schwester und deren Wegzug nach Meersburg am Bodensee bevorzugt dahin, so dass sie den Ort bald als zweite Heimat erlebte und 1844 vor Ort auch selber ein Haus erwarb, wo sie ab 1846 ganz wohnen blieb und 1848 starb.

Heinrich Mann: Professor Unrat

Inhalt

Ein tyrannischer Schulprofessor verspricht jedem ungehorsamen Schüler – und für ihn sind sie alle ungehorsam – den Untergang. Bei diesem Vorhaben stösst er auf die Künstlerin Rosa Fröhlich, setzt für sie alles aufs Spiel, verfolgt mit ihr sein Ziel, die zu Stürzenden zu Fall zu bringen und stürzt nach einer intensiven und machtvollen Phase selber ab.

Da er Raat hiess, nannte die ganze Schule ihn Unrat, Nichts konnte einfacher und natürlicher sein.

Seit 26 Jahren ist der Gymnasiallehrer Raat Lehrer am Gymnasium einer nordischen Kleinstadt, alle ansässigen Bürger kennen ihn und damit auch seinen Übernamen, den er seiner Unbeliebtheit – er ist alles andere als ein zugewandter Lehrer, seine Mittel und Methoden sind tyrannisch, feindselig und schikanös – verdankt: Professor Unrat. Da er dies nicht auf sich sitzen lassen will, sinnt er auf Rache, besonders die drei Schüler Kieselack, von Erztum und Lohmann hat er dabei im Visier.

Als Unrat per Zufall auf ein Gedicht Lohmanns an eine Künstlerin stösst, wittert er seine Chance, weil er ein unsittliches Verhältnis des verhassten Schülers annimmt. Er macht sich auf die Suche nach der Künstlerin Rosa Fröhlich. Schon die Suche läuft wie im Fieberwahn ab. Als er schliesslich in die Gaststätte „Blauer Engel“ kommt, sieht er sich am Ziel. Nicht nur ist der Zuschauersaal gefüllt mit dem ganzen minderwertigen Pöbel, gegen das er grösste Abscheu hegt, auch findet er da die gesuchte Künstlerin und die verfolgten Schüler, welche ihm aber entkommen können.

Unrat verliebt sich in die bunte Künstlerin, geht fortan täglich in das Etablissement – einerseits, um den Schülern doch noch auf die Schliche zu kommen, andererseits, um zu verhindern, dass jemand anders der Künstlerin zu nah kommt. Rosa Fröhlich lässt sich auf Unrat ein, worauf dieser ihr alle Wünsche erfüllt, von teuren Speisen und Kleidern angefangen bis hin zu einer eigenen Wohnung. In ihr sieht er eine Gleichgesinnte, etwas, das er im ganzen Ort nicht kennt und auch im ganzen Leben nie kannte.

Sein Verhältnis mit der Künstlerin macht die Runde im Ort, zuerst wird er zum Gespött und Gemiedenen, dann verliert er die Stelle an der Schule. Rosa und Unrat heiraten, sie leben fortan in der Unratschen Villa vor dem Tor der Stadt. Durch die fehlenden Einkünfte in finanzielle Not gelangt, fängt Unrat auf Anraten Rosas an, privat zu unterrichten, allerdings wird aus dem Unterricht bald ein Festgelage, das sich immer mehr ausweitet und die Bürger der Kleinstadt zu Spiel und Wein in die Unratsche Villa lockt. Indem sich Rosa mit ihnen einlässt, stürzt einer nach dem anderen aus seinem wohleingerichteten Leben, Unrat sieht sich am Ziel, es allen heimzuzahlen, welche ihn je gedemütigt haben. Das Geld fliesst in Strömen, Rosa und Unrat leben in Saus und Braus, doch dann kommt es zu Engpässen, die Schulen häufen sich.

Am Ende tritt Lohmann, welcher zu Schulzeiten Unrats grösstes Feindbild war, erneut in das Leben der beiden. Er bietet Rosa an, alle ihre Schulden zu tilgen, legt ihr seine gefüllte Brieftasche auf den Tisch. Unrat kommt dazu, er tobt vor Eifersucht, geht Rosa körperlich an und flieht dann mit Lohmanns Brieftasche. Das Ehepaar Raat wird verhaftet, womit der Tyrann gestürzt ist und das gemeine – und vorher den Gelagen im Unratschen Haus nicht abgeneigte – Volk wird wieder zu ehrbaren Bürgern,

Entstehung

Professor Unrat erschien 1905, seine Niederschrift hatte nach Heinrich Manns eigenen Aussagen nur wenige Monate gedauert.

Während Heinrich Mann sich in seinen vorherigen, nach 1900 erschienen Romanen mehrheitlich mit der bürgerlichen Gesellschaft der Grossstadt befasst und – als Kritik an der Décadence – deren Verfall analysiert hat, wendet er sich im vorliegenden Roman der Provinz zu. Dass der Roman in Lübeck spielt, ist kein Geheimnis. Die Stadt hat in der wilhelminischen Monarchie einen Sonderstatus im Vergleich mit anderen deutschen Städten, da in ihr eine republikanische Verfassung gilt, so dass sie statt von einem Monarchen von den reichen Kaufmännern und traditionellen Patrizier beherrscht wird. Für die Unterschicht, die einfachen Bürger bedeutet das, dass sie kaum Rechte hat.

Das gesellschaftliche und vor allem schulische Klima ist durchdrungen von sturen Prinzipien und Grundsätzen, es gilt Zucht und Ordnung.

Zum Werk

MannUnratDer Roman lässt sich einerseits als Schulsatire lesen, hat aber eine noch viel tiefere Bedeutung auf einer zweiten Ebene: Es ist eine sozialpathologische Studie, welche den einzelnen Menschen mit seinem durch Leiden und unterdrückte Triebe gesteuerten Handeln, welches sich in Machtanspruch und Tyrannei ausdrückt. Der in seinem Selbstbewusstsein erschütterte Professor Unrat sinnt auf Rache und lebt diese mit einer schon krankhaften Leidenschaft aus. Sein Blick ist von den eigenen Vorstellungen verstellt, die Realität unterliegt diesen.

Der Roman Heinrich Manns ist eine bitterböse Gesellschaftssatire, welche die kleingeistigen Bürger einer nordischen Kleinstadt – welche unschwer als Lübeck zu erkennen ist – in ihrer Doppelmoral blossstellt. Selber auf Sitte und Anstand pochend und Vergehen dagegen verurteilend, erliegen sie alle dem Reiz des anrüchigen Angebots der Unratschen Villa vor dem Tor – es ist durchaus sinnig, dass die Villa nicht innerhalb der Stadtmauern ist – und lassen sich auf unlautere Amouren mit der Künstlerin Fröhlich ein: Sitte und Anstand liegen in Trümmern. Der vorher verspottete Unrat ist nun der sie alle umstürzende Alleinherrscher, bis er selber gestürzt wird und die Kleinstadt sich wieder hinter ihre Fassade von Anständigkeit und Moral zurückziehen kann.

Liest man den Roman nach dem Zweiten Weltkrieg, könnte man Heinrich Mann fast schon eine prophetische Sicht unterstellen mit seinem Sturz des Tyrannen.

Heinrich Mann

Luiz Heinrich Mann wird am 27. März 1871 in Lübeck als Sohn des Lübecker Kaufmanns Thomas Johann Heinrich Mann und dessen Ehefrau Julia da Silva-Bruhns geboren, er hat vier Geschwister, darunter Thomas Mann. Nach dem vorzeitigen Austritt aus dem Gymnasium beginnt er eine Buchhändlerlehre, die er abbricht und danach Volontär im Fischerverlag in Berlin arbeitet. Nebenher besucht er Vorlesungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität. 1893 zieht die Familie Mann (der Vater war gerade gestorben) nach München. Heinrich Mann reist in der Folge viel, teilweise zusammen mit seinem Bruder Thomas. 1931 wird Heinrich Mann Präsident der Sektion Dichtkunst der Preussischen Akademie der Künste. 1939 heiratet er die Schauspielerin Nelly Kröger, mit ihr, dem Neffen Golo Mann und dem Ehepaar Werfel flieht er 1940 über Spanien und Portugal in die USA, wo er sich kulturell fremd fühlt und sich finanziell nicht mehr fängt. Er wird deshalb von seinem Bruder Thomas Mann unterstützt. 1944 nimmt sich Nelly Mann das Leben, sie hat schon lange an einem Alkoholproblem gelitten. Eine neue Chance tut sich für Heinrich Mann 1949 auf: Er wird zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt. Heinrich Mann stirbt aber noch vor seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1950.

Fjodor Dostojewski: Der Spieler

Inhalt

Eine Gruppe von Menschen, alle irgendwie mit finanziellen Wünschen oder Nöten bestückt, wartet im Kurort Roulettenburg auf den Tod und damit das Erbe einer alten Dame. Mit ihrem Auftritt sterben die Hoffnungen der anderen und das erwünschte Erbe wird durch die Besitzerin selber aufs Spiel gesetzt – sie verliert es beim Roulette. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen.

Ein hochverschuldeter russischer General hält sich im Kreise von Verwandten, Bekannten und Gefolgschaft in Roulettenburg auf. Erzählt wird die Geschichte von Aleksej Iwanowitch, seines Zeichens Hauslehrer, selber verliebt in die Nichte des Generals, in Polina. Diese jedoch wird auch vom Franzosen de Grieux verehrt, welcher aufgrund seiner besseren finanziellen Stellung die besseren Karten hat. Dass Polinas Onkel seine Schulden beim windigen Franzosen hat, macht die Geschichte noch ein wenig verstrickter – und beeinflusst Aleksejs Haltung gegen diesen nicht positiv.

Der General wiederum liebt die vermögende Mademoiselle Blanche, welche mit ihrer Mutter ebenfalls vor Ort ist und einer Verbindung nur zustimmt, wenn der General zu Geld kommt. Für diesen Geldsegen gibt es eine einzige Hoffnung: Der Tod der alten Erbtante Antonida Wassiljewna Taradewitschewa. So gehen denn auch einige Telegramme nach Russland, um nach dem möglichen Ableben derselben anzufragen.

Dann kommt der Tod. Allerdings stirbt nicht die Erbtante, sondern die Hoffnung, denn die alte Dame erscheint wie sie leibt und lebt in Roulettenburg. Für die schon vor Ort Sitzenden hat sie nur Spott und Häme übrig, weiss sie doch nur zu gut über all die Verstrickungen und Hoffnungen bescheid. Die Situation wird nicht besser dadurch, dass sie gleich klar sagt, dass der General kein Geld von ihr zu erhoffen braucht, auch dass sie schnell Gefallen am Roulette findet, wo sie Unsummen verliert, trägt nicht zur guten Laune des Neffen bei.

Die alte Dame reist ab, zurück bleibt ein verzweifelter General. Polina besinnt sich indessen auf ihre Gefühle zu Aleksej und bittet diesen um Hilfe für ihre eigenen finanziellen Probleme. Statt die so lange erhoffte Liebe zu geniessen, zieht dieser nun an den Roulettetisch und verfällt einem fieberhaften Spiel. Polina flüchtet sich zu Mr. Astley, einem stillen Engländer, Mademoiselle Blanche wendet sich Aleksej zu und die beiden gehen nach Paris, wo über kurz oder lang das ganze Geld verprasst wird. Schliesslich heiratet Blanche doch den General – so ein Titel hat doch seinen Reiz – und Aleksej geht verarmt nach Homburger, wo er sich als Gelenheitsarbeiter durchschlägt. Seine Spielsucht hat ihn fest im Griff, nicht mal die Nachricht, dass Polina ihn immer noch liebt, kann ihn retten.

Entstehung

Die Entstehungsgeschichte zu „Der Spieler“ liest sich fast selber wie ein Roman. Fast möchte man sie als Dostojewskis Pakt mit dem Teufel, als seine persönliche Faust-Tragödie beschreiben.

Wir schreiben das Jahr 1866. Dostojewskis Bruder ist kurz vorher verstorben und hatte dem Schriftseller neben seiner Witze und deren vier Kindern auch noch einen Schuldenberg hinterlassen. Dostojewski selber ist gerade daran, seinen Roman Schuld und Sühne zu schreiben, welcher über mehrere Monate im Feuilleton einer Zeitung erscheint, als er von diesem finanziellen Desaster getroffen wird. In seiner Not erbittet er von einem Verleger einen Vorschuss von 3000 Rubel auf einen in kurzer Frist zu schreibenden Roman. Sollte dies nicht gelingen, gingen alle Rechte an allen bisherigen Romanen sowie am in Entstehung befindlichen an den Verleger über.
Die Rettung kommt in Form der Stenografin Anna Snitkina und seiner eigenen Spielsucht. Diese beiden Zutaten plus noch eine Inspiration durch Alexander Puschkins Pique Dame führen dazu, dass Dostojewski das fast Unmögliche möglich macht: Tagsüber diktiert Dostojewski Anna das, was er sich in der vorhergehenden Nacht ausgedacht hat, überarbeitet dann die getippten Entwürfe tags darauf und diktiert weiter. Nach 26 Tagen steht der Roman schwarz auf weiss da und kann dem gnadenlosen Verleger am 1. November 1866, zwei Stunden vor Ablauf der Frist, übergeben werden.

Was hier so einfach klingt nach dieser schreiberischen Meisterleistung, hat aber auch noch seine Tücken: Der Verleger (Stellowski hiess der Mann) sah seine Felle wohl schon davon schwimmen und verliess St. Petersburg am 31. Oktober, um die Übergabe – sollte sie denn stattfinden wollen – zu verunmöglichen. Er hat die Rechnung ohne Anna Snitkina gemacht, welche das Manuskript einem Notar aushändigt, welcher daraufhin die fristgerechte Ablieferung belegen kann.

Dostojewski und Anna heiraten übrigens kurz darauf.

Zum Werk

Der Spieler ist ein eher schmales Werk im Vergleich zu Dostojewskis übrigen Romanen, dabei aber nicht minder brillant. Die Geschichte wird vom Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitch erzählt, welcher das ganze Geschehen stets mit eine Hauch Komik versieht und das Groteske daran offenlegt. Im Sprachduktus folgt der Roman dem Inhalt, er hat etwas Getriebenes an sich, nimmt das Spielfieber des Süchtigen auf.

Trotz des sehr engen Zeitrahmens der Entstehung zeigt sich im Spieler das literarische Können und Kalkül Dostojewskis, zeichnet er doch einen Spannungsbogen, welcher seinesgleichen sucht. Acht Kapitel lang plätschert alles dahin, sieht man sich als Leser endlosen Gesprächen und Scharmützeln ausgesetzt, bis im neunten Kapitel alles auf den Höhepunkt zusteuert: Der Auftritt der alten Dame. Mit diesem Auftritt lösen sich alle Hoffnungen und Absichten auf, der langsame und stete Fall aller Beteiligten nimmt seinen Lauf.

Der Spieler ist nicht nur eine Anlehnung an Puschkins Pique Dame (diese wird vor allem ersichtlich, wenn man sich nur auf die drei Figuren Aleksej, Polina und Antonida konzentriert), er ist auch eine Abhandlung über die eigene Spielsucht, welcher Dostojewski durch die finanzielle Misere verfallen war.

Eckdaten zum Buch

DostojewskiSpieler

Gebundene Ausgabe: 232 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (14. Oktober 2016)
Übersetzung: Alexander Nitzberg
ISBN-Nr.: 978-3423280976
Preis: EUR 22 / CHF 28.90

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