Schlachtfeld Internet

Man stelle sich ein grosses offenes Feld vor. Darauf stehen einzelne Krieger, die sich hinter Schutzschilden verstecken. Man sieht sie zwar da stehen, weiss aber nicht genau, wer oder was sich nun hinter dem Schild versteckt. Nun rufen die einzelnen Krieger hinter ihren Schutzschilden hervor. Die einen wollen nur spielen, die anderen sind ganz lieb, die dritten wollen geliebt werden und die vierten auffallen. Die fünften wissen, wie die Schlacht läuft, und wollen, dass alle das wissen, und die restlichen wissen nicht so ganz, was sie wollen, sind aber da, um es herauszufinden. Ob immer stimmt, was sie so rufen? Man weiss es nicht, man muss es hoffen und drauf vertrauen. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass immer einige sich nicht nur durch den Schutzschild tarnen, sondern diesen dazu nützen, ihre wahren Motive zu verbergen. Sie rufen Friede, Freude, Eierkuchen und gute Motive ins Feld und untergraben dieses dann im Versteckten mit ihren eigentlich anderen Absichten.

Etwa so kommt mir aktuell die Internetlandschaft vor. Menschen tummeln sich im weiten Feld des weltweiten Netzes, sitzen gut versteckt hinter ihren Bildschirmen und trauen sich Dinge, die sie im realen Leben nie täten. Jeder plötzlich ein Held, jeder lebt aus, was er sonst nicht schafft. Gefühle anderer? Egal. Sollen sich nicht so haben, ist ja nur Spass, ist ja nur Internet. Und wenn es doch nicht so toll ist: Kein Problem, sind ja alle weit weg und können einem nix anhaben. Was schon im realen Leben schwer rechtlich zu verfolgen ist – Stalking und Mobbing – floriert in der Cyberwelt noch ungestörter. Selbsternannte Traummänner belagern ihre Traumfrauen vollumfänglich auf allen nur erdenklichen Wegen und Kanälen. Von sich überzeugte Besserwisser und Rächer des selbst erstellten Wahrheitsanspruchs schiessen gegen andere mit allen nur erdenklichen Waffen – und schaffen es teilweise sogar, eine Hilfsarmee zu gruppieren, die mitschiesst. Und alle rufen immer wieder hinter ihrem Schutzschild hervor: „Ich bin ein Lieber, ich weiss es nur besser und meine es gut. Wer das nicht sehen will, den bringe ich mit Einsatz und Gewalt dazu.“ Zwar resultieren aus der Gewalt im Netz weder Dolchstoss noch Kugelloch, doch die Verletzungen gehen tiefer, sie treffen die Seele.

Problematisch am Ganzen ist, dass sich mangels wirklicher Mittel, solche Übergriffe einzudämmen, meist nicht die Täter zurückziehen, sondern die Angegriffenen. Was so über kurz oder lang zurückbleibt im Feld, kann jeder selber erahnen. Wichtig wäre, sich gegen solche Angriffe zu wappnen, sie nicht durchgehen zu lassen. Die aktuell wohl einzige Massnahme dazu ist pure Ignoranz. Wer um jeden Preis auffallen will – und ohne Aufmerksamkeit macht der selbstdarstellerische Kampf keinen Spass -, sitzt so hoffentlich bald auf dem Trockenen. Und wer weiss, vielleicht geht er dann bald mit seinem Spiegel sprechen, da das Gegenüber dort das einzige ist, das noch auf ihn reagiert.

Zu hoffen bleibt, dass auch die Möglichkeiten im Netz bald besser werden, aktiv gegen solche Übel vorzugehen, damit das Internet wieder mehr Spielfeld wird und bleibt, statt zum Schlachtfeld zu verkommen.

8 Comments

Schreibe einen Kommentar

  1. Stimmt Gerri, und ein amüsant geschriebener Artikel mit sehr ernstem Hintergrund. Ich habe anfangs versucht durch viel persönlichen Kontakt über FB herauszufinden, mit wem ich es zu tun habe. Inzwischen schaffe ich es zeitlich nicht mehr, und sehe jetzt nach, mit welchem meiner Freunde „Freundschaftsanfrager“ verbunden sind, aber auch das ist eine trügerische Sache, denn der Freund eines Freundes, muss nicht zwangsläufig meiner Vorstellungen von sozialem Miteinander vertreten. Ich schließe deswegen meine Chronik nicht ab, entferne aber Beiträge und schreibe die Initiatoren an, dieses bitte zu unterlassen. Erfolgt keine Reaktion, lösche ich. Der Trend zur Hetzjagd ist mir auch aufgefallen, aber ich kann nicht wirklich einschätzen, ob damit das eigene Image gepflegt werden soll, oder der Verursacher abgestraft wird. Oft sind die Fakten unklar, und sachliche Kommentare werden bereits als Inloyal eingestuft, nach dem Motto „Wer nicht für mich ist, ist automatisch gegen mich“. Auch sind sehr viele gefälschte Dokumente im Umlauf, ob politisch, oder gesellschaftlich, die einleuchtend erscheinen, aber purer Nonsens sind. Im Gegensatz zu Hilfsprojekten verbreitet sich solch ein Unsinn (wie angebliche Geheimdokumente von 1949) wie ein Virus, und ist kaum noch zu stoppen, selbst wenn man sich einmischt. Ich mache es trotzdem, auch, wenn ich damit nur einen einzigen Freund aufklären kann. Das Internet alleine als Allheilmittel für Informationen, Beurteilungen, oder Wahrheitsfindung herzunehmen, wäre ein großer Irrtum, aber wer macht sich schon die Mühe, jedes Thema über das man stolpert, angemessen zu recherchieren? Selbst meine Ankerpunkte bei FB liegen ab und zu daneben, so wie ich, und hoffentlich werde ich dann darauf hingewiesen, ohne vorher auf die virtuelle Streckbank zu müssen, so, wie ich es auch für jeden meiner Freunde tun würde.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s