Das Leben konfrontiert uns mitunter mit Herausforderungen, die uns im ersten Moment überfordern, die wir uns nie vorzustellen wagten und die dann über uns hereinbrechen. Der Umgang damit bereitet Probleme, zeigt uns Grenzen auf, über die wir immer wieder hinausgeführt werden.

Der folgende Gastbeitrag stammt von der Tochter eines demenzerkrankten Vaters, der zusätzlich unter wahnhaften, halluzinatorischen Zuständen leidet:

Ich saß am Esszimmertisch und sortierte die Wochenration an Tabletten, als mein Vater aus der Küche kam und mich fragte, ob er mich einmal kitzeln solle. Wir hatten am Morgen einen denkbar schlechten Start gehabt. Eigentlich wollten wir gemeinsam zu seiner Ärztin, um seinen Marcumarwert kontrollieren zu lassen, der seit einer Woche vollkommen aus dem Ruder lief. Als ich klingelte empfing er mich im Bademantel mit aufgedunsenem, unrasiertem Gesicht und einem Schwall von Vorwürfen. Es war absurd, aber weil er seinen Schlüssel nicht mehr finden konnte, bezichtigte er mich, ihn in seiner ebenerdigen Wohnung mit mehreren Terrassentüren das gesamte Wochenende eingesperrt zu haben. Als ich ihn bat, sich zu beruhigen und anzuziehen, weil ich seinen Termin pünktlich wahrnehmen wollte, schrie er mich an, dass er ohne Kaffee und Wurstsemmel nirgendwo hingehen würde.

Ich beschloß, mich erst einmal um seine Medikamente zu kümmern, während er unruhig in der Wohnung rumorte. Bei seiner Kitzelbemerkung sah ich flüchtig auf; er hatte ein langes Messer in der Hand, mit dem er herumfuchtelte.

Als ich ihn Stunden später in der geschlossenen, gerontopsychatrischen Abteilung besuchte, war er fünfpunktfixiert und völlig außer sich, weil er sich seiner Freiheit beraubt sah und gegen seinen Willen festgehalten wurde, festgeschnallt in einem Krankenbett – an beiden Händen, beiden Füßen und mit einem dicken Gurt um den Bauch. Die Einweisung und den Krankentransport, den ich mit Hilfe der Ärztin organisiert hatte, konnten wir nur mit polizeilicher Hilfe durchführen – er wurde in äußerst desolatem Zustand, aber unter heftigem Widerstand in Handschellen in einen Sanka verfrachtet. Er hat getobt und geschrieen.

Es ist schwierig zu begreifen und zu akzeptieren, was da vorgeht. Es ist erschreckend zu sehen, wie schnell eine durch und durch bürgerliche Existenz den Bach runtergeht, wie sich ein an sich spießiger bis biederer Lebensentwurf in den bloßen Wahnsinn verkehrt.

Natürlich ist mir bewußt, dass dies Tausende von Familien und ihren Alltag betrifft, dass Demenz und Alzheimer längst in unserer überalterten Gesellschaft zu Riesenproblemen geworden sind – und doch: Wenn man plötzlich und unmittelbar selbst damit konfrontiert ist, bleibt zunächst nichts als Ratlosigkeit und eine große Trauer sowie Unsicherheit, wie man mit der neuen Situation zurechtkommen soll. Es ist nicht schön, einen geliebten Menschen in einer solch hilflosen Lage zu sehen, aus welcher man ihm nicht heraushelfen kann, und ihn sich selbst und seinem Schicksal überlassen muss. Wir alle kennen und lieben wohl den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit dem brillanten Jack Nicholson, doch was ist, wenn der eigene Vater plötzlich betroffen ist? Wenn der Wahnsinn in die eigene Lebensrealität Einzug hält?

Ich habe noch immer mit großen Schuldgefühlen zu kämpfen, weil mir mein gefesselter Vater erklärte, dass er sich doch nur ein paar Äpfel schneiden wollte und ein wenig Spaß gemacht hätte. Ich hätte völlig überreagiert und ihn gegen seinen Willen einweisen lassen. Tatsächlich fand ich in seiner Küche ein Schneidebrett mit Apfelresten. Ich fürchte, nie mehr sein Vertrauen, seine Achtung und Liebe zurückerlangen zu können.

Er kann auf der einen Seite sehr klar in seinen Äußerungen sein. Auf der anderen Seite verstrickt er sich in seine Wahnvorstellungen, die er schon seit Wochen immer wieder artikuliert hat und die wir einfach nicht als solche wahrnehmen wollten, sondern sie auf eine leichte, beginnende Demenzerkrankung geschoben haben. Es hat sich bei ihm ein Delirium manifestiert, begleitet von wahnhaften, halluzinatorischen Zuständen. Zum Beispiel ist mein Vater verbittert über den Chefarzt, seiner Einschätzung nach mehrfacher Multimilliardär, der eine Weltverschwörung plant und dafür die grünschwarzen Männchen will, die mein Vater sieht. Es regiert der blanke Wahnsinn und das bei einem Menschen, der mit einem weit überdurchschnittlichen IQ gesegnet war. Doch genau bei solchen, scheint der blanke Wahnsinn am ausgeprägtesten zu sein.

Wenn ich ihn nun besuche, weiß ich nie, in welcher Verfassung ich ihn anfinde, doch wenn ich ehrlich bin, ist es von mal zu mal schlimmer. Seine kognitiven Fähigkeiten sind so weit herabgesetzt, dass er sich nicht mal mehr die Hose zumachen kann, wenn er von der Toilette kommt. Er stopft sich mit dem Ende einer Gabel die portionsweise abgepackte Margarine direkt in den Mund und lutscht das Plastikschälchen aus; er versucht ein Schälchen mit Zuckertüten für Kaffee auszulöffeln, natürlich mitsamt den Papiertütchen.

Was bleibt von einem Menschen in einer solchen Situation noch übrig? Wieviel Würde? Die Primärpersönlichkeit geht den Bach runter, übrig bleibt ein mir unbekannter, unfreundlich bis feindlicher Mensch, welchen man nicht kennt, bei dem aber die eigentliche Persönlichkeit immer mal wieder durchscheint, so dass man sie nicht vergißt. Es ist ein Schleuderprozeß der Gefühle. Mein Vater ist in sich wie in einem bösen Fiebertraum gefangen, die Außenkommunikation findet unter falschen Vorzeichen statt. Wir können reden, doch was kommt in seiner Welt an? Hat er einen guten Tag, so sieht er in mir meine verstorbene Mutter. Hat er einen schlechten Tag, erkennt er mich als seine Tochter, die ihn mit Hilfe einer Riesenverschwörung festhalten läßt.

Wir stehen noch ganz am Anfang und ich fürchte, ein langer Weg liegt vor uns, von welchem ich nicht abschätzen kann, wie wir ihn gehen können und sollen. Mein Respekt für und meine Achtung vor Familien, die dies seit Jahren durchmachen, sowie das Pflegepersonal wächst von Tag zu Tag. Für meinen Vater und mich weiß ich nicht, was ich für uns wünschen und erhoffen kann?!

Ich sehe etwas, das du nicht siehst

Wahrnehmungen sind in gewisser Hinsicht teilbar – Sie und ich können uns darauf einigen, dass dort ein Baum steht, aber wenn ich sage: „Ich sehe dort einen Baum“, und Sie erblicken nichts dergleichen, werden Sie meinen „Baum“ für eine Halluzination halten, etwas, was sich mein Gehirn oder Geist ausgedacht hat und was für Sie oder jemand anders nicht wahrnehmbar ist.

Oliver Sacks widmet sein neustes Buch den Halluzinationen. Er  grenzt diese gegen Träumerei und Realität ab und fragt nach der Herkunft dieser Wahrnehmungen, die nicht allen zugänglich sind.

Doch Halluzinationen sind wir passiv und hilflos ausgeliefert: Sie stossen uns zu – selbstherrlich kommen und gehen sie, wann es Ihnen gefällt und nicht, wann es uns gefällt.

Während in einigen Kulturen Halluzinationen ähnlich wie Träume als besondere Bewusstseinszustände gesehen werden und man versucht, sie durch Meditation, andere Techniken oder Drogen herbeizuführen, werden sie in der westlichen Kultur mit Wahnsinn und Verstandesverlust in Verbindung gebracht. Betroffene schämen sich deswegen häufig und verheimlichen, dass sie Halluzinationen haben, weil sie fürchten, verurteilt zu werden.

Nicht zu verachten ist auch der Einfluss von Halluzinationen auf Kunst, Kultur und Religion. An bekannten Beispielen wie Charles Baudelaire, Fréderic Chopin und Aldous Huxley wird der Zusammenhang zwischen Halluzination und künstlerischer Porduktivität aufgezeigt.

Oliver Sacks erzählt in verschiedenen Fallbeispielen unterhaltsam und anschaulich, wie Halluzinationen auftauchen können, was sie für die Betroffenen bedeuten und wie diese damit umgehen. Neben der Darstellung der Symptome kommt auch der wissenschaftliche Hintergrund nicht zu kurz, bleibt aber in einem für den Laien verständlichen Rahmen, ohne zu vereinfacht und dadurch verfälscht zu werden.

Fazit:
Wissenschaft anschaulich und unterhaltsam, trotzdem fundiert und informativ geschrieben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Oliver Sacks, geboren 1933 in London, ist Neurologe und wurde in der Öffentlichkeit vor allem als Sachbuchautor bekannt. Seine Bücher Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte oder Der Tag, an dem mein Bein fortging erreichten ein Millionenpublikum. Über seine Forschung zur Schlafkrankheit, die er in dem Buch Zeit des Erwachens schildert, wurde der gleichnamige Hollywoodfilm mit Robin Williams und Robert de Niro gedreht. Sacks lebt in New York und schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie Time Magazine und New Yorker.

sacksdrachenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (8. März 2013)
Übersetzung: Hainer Kober
Preis: EUR 22.95 ; CHF 35.90

Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH