Sex und die Realität

Die Realität des freundlichen Zusammenlebens wird belastet von Dauerkalauern über ältere schweigende Paare, Filme über Sex im Alter, Lieder über Menschen, die sich die Kleider von Körper essen. Man kann dem Anspruch, den die Phantasie an den Geschlechtsverkehr stellt, nie gerecht werden.

Chloe und Rasmus sind seit vielen Jahren verheiratet. Rasmus ist ein erfolgloser Regisseur, der bei eigenhändigen Höhepunktsuchen über sein Sexleben nachdenkt, Chloe ist seine Frau und sie denkt über Rasmus und ihr Leben mit Sex nach. Grundsätzlich denken beide viel und ständig, Hauptthema ist dabei Sex und wieso er nicht passt. Den besten Sex haben Rasmus und Chloe ohne den andern, nur mit sich selber, wieso das so ist, erzählen sie sich selber in Gedanken. Es wird Sex gegen Vertrauen gestellt, Ernst gegen Leichtigkeit. Es wird über das Leben als Paar nachgedacht und den Wert, den der andere im eigenen Leben hat.

Thema des Buches ist das Zusammenleben von Paaren , wenn sie älter werden. Es ist die Geschichte eines Paares, das einen Weg zusammen gegangen ist und auch weiter gehen will – trotz Widrigkeiten, trotzdem das Leben nicht die Erfolge bereit hielt, von denen beide geträumt haben:

Nach zehn Jahren an der Seite eines bedeutenden Regisseurs wurde ich die Frau eines Verkannten.

Chloe ist dabei nur Anhängsel von Rasmus, sie scheint wenig eigene Interessen, wenig Gedanken über sich, wenig eigene Pläne zu haben, sie bleibt in ihren Gedanken auf Rasmus und ihr Leben mit ihm fokussiert:

Wir zwei würden es nach oben bringen. Also Rasmus würde es nach oben schaffen, und ich würde an ihm kleben.

Sibylle Berg greift mit diesem Buch ein aktuelles Thema auf, eines, das momentan viel beschrieben wird. Da mir ihr Sprachstil, ihr scharfes Denken und auch ihre Scharfzüngigkeit gefällt, wollte ich das Buch unbedingt lesen – und konnte es nicht. Für mich waren es zu viele Monologe, die sich um die ewig selben Themen wie Sex, kein Sex, besserer Sex drehten, bald zuviel. Die wirklich tiefgründigen Gedanken, die immer wieder vorkamen und die oben gelobten Gründe bestätigen, wieso ich das Buch lesen wollte, konnten mich nicht genug fesseln, fertig zu lesen.

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand ist gewohnt düster, abgelöscht. Die Welt ist schlecht, das Leben ebenso, eigentlich ist es gegen die Wand gefahren, denn glücklich oder nur schon zufrieden sind alle nicht – und doch versuchen Rasmus und Chloe, es in Gedanken schön zu reden, sie haben Gründe für ihr Miteinander. Und wenn alles nichts hilft, wird der Frust wegmasturbiert. Ich habe drei Anläufe genommen, schliesslich auf Seite 97 aufgegeben. Die Geschichte kam irgendwie nie in einen Fluss, der mich mitriss, es fehlte mir der Sog, der mich einnimmt. Schade, denn ich hätte das Buch sehr gerne gelesen und irgendwie wurmt es mich noch immer, dass ich es nicht konnte. Die Sprache ist klar, schnörkellos, die Gedanken hinter dem Ganzen teilweise messerscharf, von einer guten Beobachtungsgabe der Autorin zeugend. Nebenbei sieht man glasklar den Spiegel, den sie der Gesellschaft entgegenhält, wie sie das auch in ihren Kolumnen meisterhaft tut. Als Roman hat es mich nicht überzeugt.

 

 

Fazit:
Gedankenkarusselle eines alternden Paares. Eine Geschichte, die mehrheitlich aus Gedanken an Sex, nicht stattfindendem oder zumindest nicht befriedigendem Sex und Masturbation mit verschiedenen Hilfsmitteln besteht.

 

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012), Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (2015).    

Interview mit der Autorin: Sibylle Berg – Nachgefragt

 

 

Angaben zum Buch:
BergDerTagGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (2. Februar 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-Nr.: 978-3446247604
Preis: EUR 19.90 / CHF 24.55

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Und dann war da noch der Fall der armen Sekretärin aus dem Bundeshaus, die höchst privat und zum eigenen Vergnügen Nacktfotos ins Netz stellte und sich nun wundert, dass das gesehen wird und nicht immer gut ankommt. Wie hätte man das auch ahnen können? Wenn man doch ein Bild von sich ins Netz stellt, dann tut man das doch immer nur, weil es grad Spass macht, weil man an der Technik interessiert und von der Möglichkeit des Hochladens fasziniert ist. Sieht ja keiner, ist ja nur privat.

Der Blick sah das Bild doch (neben 1000en anderen). Da wir grad Sommerloch haben, das schlechte Wetter nun auch bald Schnee von gestern ist, war das gefundenes Fressen. Bei der NZZ ist die Auftragslage nicht besser, das Wetter ist passé, der Gazakrieg stand schon auf Seite 1, spätestens ab Seite 2 herrscht gähnende Leere. Da kommen so ein paar Nacktbilder einer Bundesangestellten wie gerufen. Das Bundeshaus sieht seinen guten Ruf (war da einer?) in Gefahr, stellt die gute Dame (von nun an Opfer zu nennen?) frei. Der Aufschrei ist enorm. Wie kann man nur so prüde sein, das sei eine Privatangelegenheit (hätte es dann das Fotoalbum nicht auch getan?) und überhaupt.

Nun hält sich so ein Skandal um eine Frau nicht lange, man muss nachlegen. Als nächstes kam die Schweiz unter die Lupe und wurde als Pornonation enttarnt. Jedem Schweizer sein Filmchen, das Heidiland verkommt zur Pornosause. Was ich mich dabei frage ist nur: Wenn es so harmlos ist, wenn eine Bundesangestellte ein Filmchen und ein paar Bildchen ins Netz stellt, wieso ist es denn überhaupt noch eine Schlagzeile wert, wenn das die ganze Schweiz tut? Darauf sollte man unbedingt mal eine Studie ansetzen. Am besten mit Steuergeldern, da es ja so wichtig und relevant ist. Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir das gleich international ausweiten, damit wir auch einen Vergleich haben, wo wir ungefähr stehen.

Am Schluss kommt immer dasselbe Argument: Wen interessiert das überhaupt? Lasst die gute Frau doch Bildchen machen und zeigen und schreibt nicht drüber. Das interessiert keinen. Das wage ich mal zu bezweifeln. Kaum ein Thema hat so viele Reaktionen auf verschiedenen Kanälen des Social Media verursacht wie Frau A und ihre Möpse (die keine Hunde sind). Das Interesse scheint also durchaus vorhanden. Vielleicht wäre auch eine Studie spannend, wieso dem so ist.

Mich interessieren weder Frau A noch ihre ins Bild ragenden Extremitäten. Ich finde das einfach alles nur witzig. Weil ich a) gerne unterhalten werde, b) Menschen mag und ihre Verhaltensweisen spannend finde (meine eigenen auch), und c) mir grad nach schreiben war. Was mich aber ehrlich erstaunt ist, dass man sich ernsthaft wundert oder aufregt, dass so ein Bild Konsequenzen hat. Jeder einigermassen denkende Mensch müsste wissen, dass das Internet öffentlich ist, dass Fotos, die ich hineinstelle, auch gesehen werde. Dass nicht jeder Arbeitgeber Freude hat (vor allem, wenn er nach aussen ein gewisses Image pflegt), seine Mitarbeiter in allen Lebenslagen und mit allen Intimitäten öffentlich zu sehen, dürfte nicht gar zu schwer zu erraten sein. Und so bleibt es jedem selber überlassen, was er denn nun wirklich will im Leben: Sternchen und iLikes für einen nackten Busen zu erhalten oder aber mit Ehr und ohne Tadel Bundesangestellte zu sein. Wer die Wahl hat, sollte sich nachher einfach nicht über die Konsequenzen wundern. Und all die, welche sich das Maul zerreissen, sollten sich mal fragen, was sie selber so im Internet preisgeben und ob das alles klug ist.

„Die Vornahme sexueller Handlungen allein gegen den Willen einer Person hat der Gesetzgeber nicht unter Strafe gestellt.“

Man liest den Satz, stockt, denkt, sich verlesen zu haben, liest nochmals. Man liest dasselbe, denkt, sich nicht zweimal verlesen zu können, so dass wohl wirklich da steht, was man las: Keine Strafe für Vergewaltigung. Zumindest nicht, wenn nicht gewisse Kriterien erfüllt sind. Wenn jemand gegen meinen Willen eine sexuelle Handlung mit mir vornimmt (hach, was ist das für ein schönes Deutsch, man könnte – müsste man es nicht schon des Inhalts wegen – kotzen ab der Form), darf er das ungestraft tun. Ein Nein gilt nichts, er darf – von Gesetzes wegen. Ich bitte ihn, aufzuhören? Wen kümmert das? Ihn muss es nicht kümmern, das Gesetz kümmert sich auch nicht drum. Ich sage energisch nein (manchmal kommen Bitten ja nicht an, werden überhört, als nicht dringlich genug eingestuft) – auch kein Grund, mit der Vornahme der sexuellen Handlung (wenn ich nicht aufpasse, bleibt mir das Wort noch und könnte zu schwerwiegenden Störungen in ebensolchen Bereichen führen) aufzuhören. Mann darf tun, was Mann will, ungeachtet irgendwelcher verbaler Einwände seitens der Frau (nun wollte ich auch mal geschwollen daherreden – ist mir gelungen, nicht?).

Frau hat nur eine Chance: Sie muss sich wehren. Sich nicht zu wehren, weil einem der Tod versprochen wird im Falle der Gegenwehr, gilt nicht als legitime Entschuldigung. Sich nicht zu wehren wird als stillschweigendes (ein Nein ist quasi Schweigen, man hört es ja kaum und wenn, darf man es überhören, so dass es quasi ungesagt ist) Einverständnis gewertet. Klar, was soll so ein popeliges Nein auch aussagen? Doch wohl nicht wirklich Nein, doch nicht wirklich, dass Frau nicht will?! Die Torenbuben, die sich solche Gesetze ausdenken, gehen sicher davon aus, dass ein Nein auch ein Vielleicht sein könnte und ab und an gar als Ja durchgehen dürfte. Sie denken frei nach dem Motto: „Du willst es doch auch, du traust dich nur nicht, dazu zu stehen.“ Dann steht der Vornahme einer sexuellen Handlung ja nichts mehr im Wege.

Noch besser ist es, wenn die Frau schläft. Dann hat sie nicht mal etwas dagegen gesagt. Woher hätte der Mann wissen sollen, dass sie nicht wollte? Das kann ja kein Vergehen sein. Auch die Schockstarre oder jedwede traumatisierte Blockade wird von den netten Gesetzeshütern nicht als ausreichender Grund für ein ausbleibendes Wehren anerkannt, um trotzdem noch eine Strafe für den ungewollten Penetranten zu erlangen. Schliesslich muss alles seine Ordnung haben und wer sich nicht tatkräftig wehrt, der hat es gewollt.

Artikel 1 der Grundgesetze nennt die Würde des Menschen unantastbar. Wo aber bleibt die Würde, wenn die körperliche Unversehrtheit nicht mehr mit einem Nein verteidigt werden darf und dieses Nein ausreicht? Wo bleibt diese, wenn ein anderer ungefragt, sogar im Schlaf unbemerkt, mit mir tun darf, was er will, dies vom Gesetz, das dazu da wäre, meine Sicherheit als Bürger zu schützen, geduldet wird?

Man sitzt da und wundert sich – und versteht ein klein wenig die Welt nicht mehr (oder gerade noch besser in ihrem Leiden, wenn man solchen Irrsinn sieht?). Wer weiss, was eine Vergewaltigung mit einer Frau macht, was sie an Schäden, langfristigen, anrichten kann, der kann diese Handhabung nicht verstehen. Wie es sein kann, dass ein Mensch sich über das Nein eines anderen hinwegsetzen darf, wenn es um dessen Körper, dessen Integrität geht, ist ausserhalb jeglichen Verständnisses. Da hilft das Verstecken hinter Paragraphen und Artikeln nicht mehr, wie es Juristen oft gerne tun, da helfen allgemeine Sprüche nicht mehr, da fasst man sich nur noch an den Kopf und fragt sich, wo die Menschlichkeit und der gesunde Menschenverstand geblieben sind. Es bleibt zu hoffen, dass bald ein Umdenken passiert.

Artikel zum Thema:

http://taz.de/Konvention-gegen-Gewalt-gegen-Frauen/!143720/

 

 

 

Wer nein sagt, ist am längeren Hebel, denn er bestimmt. Das war vielleicht nicht immer so, es gibt sicher auch heute noch Situationen, in denen ein Nein überhört, übergangen wird, doch das sind die, welche man lieber nicht erlebt, welche man selten gutheisst, welche meist nicht angebracht sind. Im Normalfall hat der, der nein sagt, die Macht, die Dinge so zu gestalten, wie er das will.

Klaus und Klara sind verheiratet. Alles liefe gut, wenn nur Klara nicht ständig Migräne hätte, jeder Vorstoss von Klaus, ihr näher zu kommen, im Keime erstickt würde. Sex? Pustekuchen.

Bettina und Paul haben Sex. Allerdings nicht mehr als das. Bettina hätte gerne eine Beziehung mit Paul, doch der will nicht, findet alles gut, wie es ist.

Das Nein bestimmt, das Ja schaut in die Röhre.

Ist das fair? Die Frage stellt sich nicht, da die Alternative keine wäre. Wenn Klaus sich Sex einfach nähme und Paul durch Tricks in eine Beziehung gelockt würde, hätte unterm Strich keiner gewonnen, schon gar nicht die Fairness. Bleiben also Bettina und Klaus die Opfer im Spiel, während Klara und Paul die Fäden in der Hand haben?

Wenn das Nein wirkliche Gründe hat und nicht Teil eines Machtspieles ist, würde ich nicht von Opfer und Täter sprechen wollen. Trotzdem ändert das nichts daran, dass der, der will, das Gewollte nicht kriegt, weil der andere es ihm versagt. Das kann man ein Stück weit verschmerzen, das Leben ist kein Ponyhof. Nimmt das Nein jedoch überhand und immer derselbe ist der Verweigerer und der andere schaut in die Röhre, wird es schwieriger. Trotzdem gibt es auch dann nicht Opfer und Täter. Der Zurückgewiesene hat durchaus eine Wahl, denn er kann sich überlegen, wie er mit dem ständigen Nein umgehen will und wo seine Grenzen sind. Dann kann auch er der sein, welcher mal nein sagt, und sei es im Extremfall dazu, weiter ein Nein hören zu wollen.

Wenn Klaus nicht zum Abstinenzler werden will, Klara ihn aber durch stetiges Nein dazu bringt, liegt es ihm frei, zu gehen. Ihm dann vorzuwerfen, er hätte sie verlassen, wäre zu kurz gegriffen, hat Klara ihn – zumindest auf der körperlichen Ebene – doch schon lange verlassen. Keiner muss ewig auf ein Ja warten, wenn nur ein Nein kommt. Manchmal passen Bedürfnisse einfach nicht zusammen und dann ist es besser, man erkennt das und geht, statt sich gegenseitig erziehen oder durch machtvolle Neins am langen Arm verhungern lassen zu wollen. Kleine Veränderungen passieren, niemand steht still, die Grundzüge bleiben wohl aber bestehen und keiner hat das Recht, jemanden nach eigenem Bild zu formen.

Als Fazit für den Wollenden gelten also die Fragen: Ist, was ist, gut für mich und will ich damit leben? Wenn nicht, sehe ich die Chance, dass es sich ändert? Wenn ja, kann ich so lange warten? Wenn nein: Wieso nicht und was wäre die Alternative? Das Fazit für den Neinsager? Steh zu deinem Nein, so lange es das ist, was du wirklich für dich willst und brauchst, und lebe mit den Konsequenzen, die es bringen kann. Das Leben ist in keinem Fall ein Ponyhof, trotzdem hat man eine Wahl (wenn sie auch nicht immer voll und ganz dazu führt, was man im Hier und Jetzt gerne hätte).

Er: Hallo Schöne, bist du schon lange auf dieser Dating Plattform?
Sie: Hallo Fremder, seit einem Monat – du?
Er: Ich seit einer Woche. Hast du schon viele Männer kennengelernt?
Sie: Es geht so, kurz gesprochen, aber alle scheinen nur „das Eine“ zu wollen. Zudem sind viele eigentlich verheiratet und suchen was für nebenher.
Er: Ist dir Treue wichtig?
Sie: Sie ist absolute Bedingung.
Er: Was ist dir sonst wichtig in einer Beziehung?
Sie: Dass man zusammen lachen kann, ähnliche Interessen hat, gemeinsam am gleichen Strick zieht, für einander da ist, gemeinsam etwas aufbauen kann. Die gemeinsame Wellenlänge halt. Vertrauen, Liebe, aber auch Freiraum.
Er: Und Sexualität?
Sie: Klar, dass dich das wieder interessiert. Sie gehört dazu, schöne Sexualität ist etwas Wunderbares, aber sie ist nicht zentral.
Er: Hast du Hobbies? Dinge, die dir wichtig sind?
Sie: Radfahren, ins Kino gehen, lesen, stricken, nähen – ach, und noch vieles mehr.
Er: Müsste dein Partner das alles auch mit dir machen?
Sie: Nein, ich habe ja auch Freundinnen. Mit einer gehe ich immer ins Kino, die andere liest dieselben Bücher und wir reden drüber, dann ist da noch meine Freundin Karin, mit der ich über Gott und die Welt spreche.
Er: Würdest du für einen Partner deine Hobbies aufgeben; wie ist es mit deinen Freunden?
Sie: Nein, niemals.
Er: Wieso denn nicht?
Sie: Meine Freunde begleiten mich schon lange, ich kann mit ihnen lachen, wir teilen Interessen, sie sind für mich da, wie auch ich für sie. Das gibt man nicht so einfach auf.
Er: All das, was du nun aufzähltest, ist dir auch in einer Beziehung wichtig. Sexualität nicht. Wieso also ist dann Treue eine absolute Bedingung? Wieso würdest du einen Partner verlassen, nur weil er einen dir nicht so wichtigen Punkt nicht ausschliesslich mit dir teilt, während du die dir wichtigen Punkte durchaus mit verschiedenen Menschen teilen kannst?
Sie:…

Wieso eigentlich?

Immer wieder lese ich, dass Leute in einer offenen Beziehung sind. Ich frage mich jedes Mal, was das wohl sei, wie ich mir das vorstellen kann. Ist das ein Jekami, alle mit allen, keiner geht leer aus? Was genau ist dann eine geschlossene Beziehung? So etwas wie eine geschlossene Gesellschaft? Nur die Auserwählten können rein, der Rest ist aussen vor. Ob das nicht furchtbar eng wird? Nur der erlauchte Kreis, der in hiesigen Gefielden – soviel weiss ich ja auch – aus zwei Personen zu bestehen hat.

Natürlich ist es nicht eng. Es sind ja noch andere Menschen da. Die sind auch irgendwie drin, nur einfach nicht ganz. Gewisse Teile sind ihnen vorbehalten, die gehören dann dem erlauchten Kreis. Quasi Klassengesellschaft in Beziehungsdingen. Die Menschen erster Klasse kriegen noch etwas oben drauf auf die Beziehung. Das Sahnehäubchen quasi. Der Rest fährt zweite Klasse, die Holzklasse gibt es wohl auch, teilweise schafft man sie aus Zeit- und Nutzensgründen ab.

Was ist denn nun also die offene Beziehung? Kriegen da alle das Sahnehäubchen? Oder nur die zweite Klasse? Geht auch hier das Holz leer aus? Dann wäre sie ja nicht offen, sondern nur teilweise geöffnet? Eigentlich wäre sie genauso zu. Geschlossen für die, welche aussen vor sind.

Was ist denn nun das Sahnehäubchen? Sex. Die, die ran dürfen, kriegen es, die, welche nicht, sind in der Holzklasse. Bei geschlossenen Beziehungen darf nur einer ran – offiziell, meist sind es doch mehrere. Bei offenen dürfen mehrere ran, so ganz offiziell. Das ist wichtig, man zeigt es nach aussen. Ich bin offen, nicht so ein verschlossener Zeitgenosse. Ich klopf auf Holz. Man krebst zurück.

Offen ist in, ist frei, ist modern, geschlossen ist out, ist alt, ist langweilig. Schlussendlich ist es dasselbe. Die Grenzen sind nur verschoben. Es sagt etwas aus, drum will man es melden. Man präsentiert sich mit dem Kriterium und hat eine Botschaft. Wie lautet sie? Ich bin gut, ich habe wen, doch ich habe noch Kapazität? Ich habe den Traditionen abgeschworen, die andern hinken hinter her?

Oder liege ich ganz daneben? Ich bitte um Aufklärung, wer hilft?

Ab und an klingelt es hier und der Postbote hat wieder eine Paket-Ladung für mich. Das ab und an ist wohl eher ein „sehr oft“, denn der Postbote erkennt mich schon von Weitem auf der Strasse und grüsst mich mit Namen (mein Sohn fragte mich schon: Wieso kennt der dich?). Wir wohnen erst ein halbes Jahr hier. Da es kein Dorf, sondern Grossstadt ist und ich mir überhaupt keine Namen merken kann, gehe ich davon aus, dass es an der Paketflut liegen muss. So weit, so gut.

Heute hat er nicht geklingelt. Nicht einmal ein Mal. Trotzdem war der Briefkasten voll. Ich freute mich. Bücherpakete. Eines mit gelbem Kleber – von der Post wegen Überprüfung von was auch immer geöffnet und schön gelb wieder zugeklebt. Kein Thema, dachte ich so naiv. Ich packte die drei Pakete, ging in meine Wohnung, begann mit Auspacken. Ein Roman war schöner als der andere. Die Vorfreude aufs Lesen stieg förmlich an. Dann kam der Karton mit den gelben Klebern dran. Ich schnitt sie auf, schüttelte mühsam das Buch heraus, in freudiger Erwartung.

Raus kam: Sex total. Lebe deine Fantasien! Ein Rezensionsexemplar, von dem ich nicht wusste, es je angefordert zu haben. Ich blickte auf das Buch und in meinem Kopf startete der ganze Fragenkatalog: Wieso hatte die Post ausgerechnet dieses Paket geöffnet? Hätte es nicht das mit einem harmlos witzigen Roman sein können? Was denken die nun von mir? Und vor allem: was mache ich nun damit? Ich kann doch UNMÖGLICH ein solches Buch in meinem Blog rezensieren? Was denken all die Leser? In welche Schublade gerate ich da?

Ich wage einen Blick ins Buch. Die Bilder sind eigentlich meist ansprechend, negativ fällt mir nur auf, dass man die Frau in allen Posen und von allen Seiten mit (fast) allen Details nackt sieht, der Mann doch eher bedeckt bleibt. Nicht dass ich ihn selber hätte sehen wollen, aber ganz fair und richtig finde ich das nicht. Entweder alle oder keiner.

Auf der Umschlag-Innenseite finden sich die „Zehn Gebote für einfallsreiche Paare“. Nun wären einfallsreiche Paare wohl gar nicht darauf angewiesen, solche Gebote zu haben, geschweige denn, ein Buch zu konsultieren, insofern wären es wohl eher Gebote für einfallslose Paare.Da sich niemand so nennen lassen will, hat der Titel wohl Programm. Die Gebote selber sind durchaus gut, besagen, dass man sich selber annehmen und zu sich stehen, sich dem anderen mitteilen und ehrlich bleiben soll. Ob die Anlehnung an die Bibel (10 Gebote) sinnvoll ist, bleibe dahingestellt. Jeder wie er mag.

Das Buch glänzt mit Superlativen wie „den besten Stellungen“, „Sex für Experten“ und „Unwiderstehlicher Cunnilingus“ (ich lerne heute viel – was man als Philosophin und Literaturwissenschaftlerin an Lernpotential hat – enorm – und ich meinte das nun in Bezug auf die Begrifflichkeiten, damit hier kein Missverständnis aufkommt), es hat aber auch Tipps für schwierige Momente, wenn es eben nicht klappt, wie man sich das so vorstellt.

Fazit:
Nützt’s nicht, so schadet es auch nicht. Neues lernen ist immer schön, wenn man am Ende des eigenen Lateins steht, hilft ein Wörterbuch weiter.

 

Und so sitze ich hier, das Buch neben mir. Ich denke an den Postdienst, an die gelben Kleber, frage mich, was ich meinem Sohn sage, wenn er das Buch je findet und versuche nun, die rote Farbe wieder aus dem Gesicht zu kriegen.

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Für die, welche es interessiert:
Anna Costa: Sex total. Lebe deine Fantasie, südwest Verlag, München 2013.