Ein Weg zu Liebe und Gelassenheit

Liebe ist für den anderen da. Sie darf nicht, wie es leider allzu oft im Alltag der Fall ist, vergiftet sein von Eifersucht und Obsession. Liebe braucht Gelassenheit. Um gelassen zu sein, muss ich mich selbst wie auch den anderen annehmen können, ihn sein lassen. Nur wer sich und den andere in seinem Sein annehmen kann, erfährt Gelassenheit.

muhoWas ist Liebe? Eine Frage, die sich wohl jeder schon mal gestellt hat, sogar Lieder wurden darüber gesungen. Abt Muho widmet sich dieser Frage und unterscheidet dabei zwischen den vier klassischen Liebesbegriffen storge, eros, philia und agape. Kommend aus einer christlichen Kultur nun im Buddhismus zu Hause verbindet er diese Begriffe mit der buddhistischen Lehre, bringt die Liebe mit Gelassenheit in Beziehung

Muho belässt es aber nicht bei der Erklärung der Begriffe, er erzählt auch seine Geschichte, die Geschichte eines eher unsicheren deutschen Jungen, der nach dem Studium beschliesst, nach Japan zu gehen und schlussendlich Abt des grössten Zen-Klosters da wird. Er erzählt von seinen Liebeserfahrungen, stellt dabei immer auch sein eigenes Verhalten in Frage. Heute lebt er mit seiner Frau und drei Kindern im Kloster, sieht sich dabei immer auch in Situationen, in denen er sich entscheiden muss, wem er seine Aufmerksamkeit nun schenken muss: Seiner Familie oder seiner Gemeinde. Nicht immer leicht zu fällen, die Entscheidung, und nicht immer gelingt es, die richtige zu treffen.

Gerade die persönliche Geschichte zeigt viel über das Thema des Buches: Liebe ist vielfältig und vielschichtig, sie muss im Alltag gelebt werden, denn da bewährt sie sich. Und: Ohne eine Spur Gelassenheit geht es nicht. Erst durch sie gelingt es in der Liebe, dass auch schwierige Zeiten, persönliche Macken und falsche Entscheidungen nicht zum Abbruch führen.

Die theoretischen Kapitel sind mitunter etwas gar abstrakt und teilweise zu kurz gehalten geschrieben, was vor allem durch den Vergleich mit den persönlichen Kapiteln noch stärker ins Auge fällt. Sie weisen aber auch auf die grosse Belesenheit und das Hintergrundwissen des Autors hin, so dass man ihm das gerne nachsieht.

Fazit
Ein sehr offenes, eingängiges, persönliches Buch zum Thema Liebe und Gelassenheit, das einen von der ersten Seite an in den Bann zieht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Muhô ist Abt von Antaiji, einem tief in den japanischen Bergen gelegenen Zen-Kloster. Er wurde 1968 in Berlin geboren und kam mit 16 Jahren mit Zazen in Kontakt. 1993 wurde er zum Mönch ordiniert und 2001 von seinem Lehrer als eigenständigen Zenmeister anerkannt. Er beschloss, als Obdachloser in Ôsaka zu leben, wo er eine Zengruppe leitete. Am 14. Februar 2002 erreichte ihn die Nachricht vom Tod seines Lehrers, und er wurde als dessen Nachfolger zum Abt von Antaiji berufen.

Muhô ist der Autor von „Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück“, „Das Meer weist keinen Fluss zurück“ (beide im Berlin-Verlag), „Futter für Pferd und Esel“ (Angkor Verlag) und „Zazen oder der Weg zum Glück“ (Rowohlt Taschenbuch-Verlag) und hat die Bücher „An dich“, „Zen ist die größte Lüge aller Zeiten“ und „Tag für Tag ein guter Tag“ von Sawaki Kôdô ins Deutsche übersetzt. Homepage: http://www.antaiji.org

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (4. September 2018)
ISBN-Nr.: 978-3827013804
Preis: 18 Euro /28.90 CHF

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Wir kennen sie alle. Die Frustrationen des Alltags. Jemand reagiert, wie man es nie gedacht hätte. Die Dinge laufen ungünstig. Das Kind gehorcht nicht. Der Vater ist krank. Der Boss ein Idiot. An der Kasse drängelt einer vor. Im Bus stinkt der Sitznachbar. Ein Freund versetzt einen. Und man ist da. Und denkt:

Wieso ich? Wieso jetzt? Auch noch?

Und man steigert sich so rein und sieht sich als arme Wurst und das Leben als Schlachtplatte. Und man leidet. Und es gibt ein Wort dafür: Frust.

Doch: Was nun? Und wie kam es dazu? Meist hatten wir Vorstellungen, Erwartungen, Ansprüche. Die wurden nicht erfüllt. Daraus entstand der unliebsame Gast: Frust. Wir sehen uns um unsere Hoffnungen gebracht. Sehen uns in einer Lage, in der wir nicht sein wollten, weil wir uns idealerweise eine andere ausgemalt hatten. In bunten Farben, blumigen Formen, süssen Worten. Und nun war alles anders. Wir möchten schreien:

So geht das nicht, du Leben, du!!

Nur, es scheint zu gehen. Wir erleben es grad.

Nun erwartet man wohl die Lösung. Das, was all die wunderbaren Lebensratgeber bringen, die es auf dem Markt gibt. Ganze Regale füllen sie und werden gekauft. Alle versprechen, das Glück zu bringen. Man verkneift sich die böse Frage, wieso es so viele gibt, wenn einer schon glücklich machen will. Ich muss gestehen:

Ich habe die Lösung nicht!

Ich behaupte: Es gibt sie nicht. Das Leben ist, wie es ist. Es wird nie sein, wie wir es gerne hätten. Es hat seine Tiefen, seine Schwierigkeiten. Es hat Schlaglöcher auf dem Weg und Berge, die wir erklimmen müssen. Und ab und an kommt ein Sonnenstrahl durch das Nebeldicht. Und wir denken:

HA! Geht doch. Weiter so.

Wir denken dann, eine Strategie zu haben, wie wir alles ändern, nur: Das nächste Schlagloch kommt. Soll man nun verzweifeln? Bin ich Pessimist? Ich denke nicht. Ich sehe mich relativ realistisch. Ich glaube nicht an Alles-ist-möglich-Versprechen. Ich glaube auch nicht an DU-kannst-alles-haben-wenn-du-nur-genug-willst. Ich glaube an Das-Leben-ist-verdammt-hart-und-du-musst-damit-klar-kommen.

Kann man das? Klar kommen? Ja, offensichtlich. Tun ja viele. Einige immer glücksstrahlend. Andere kämpfend. Dritte hadernd. Aber klar kommen sie, sie leben. Das ist schon mal was. Und ganz viele tun das besser als ganz viele andere, die noch schlimmer dran sind. Ich möchte nicht allen hier sagen, sie sollen dankbar sein, weil es ganz vielen auf dieser Welt noch viel schlimmer geht – die Welt ist vielerorts im Elend, im Krieg. Es könnte schlimmer sein. Aber auch das Hier und Jetzt ist dann und wann schlimm. Wie damit umgehen?

Ich zeichne und schreibe dagegen an. Je düsterer die Tage, desto fröhlicher die Zeichnungen. Und ab und an sind sie auch düster, aber sie machen Freude, weil sie kreativ sind. Das ist nicht die Welt. Aber es sind meine Oasen im Alltag. Sie helfen, Kraft zu tanken. Für die anderen Zeiten. Das Leben mag hart sein. Aber es gibt Zeiten, wo wir grad nichts tun können. Wo nichts auf uns einprallt, wo nichts von uns verlangt wird. Wieso dann all das Leid, das sonst herrscht, wiederkauen? Wieso nicht dann den Moment nutzen? Und ihn geniessen? Und ihn als Kraftort sehen?

Der Rest kommt früh genug wieder, wieso nicht den Moment nutzen? Um mal zu vergessen? Zu geniessen? Zu sein? Hier? Jetzt? Und dann weitergehen – mit neuer Kraft.

Kürzlich regte ich mich auf. Aber sowas von. Ich weiss gar nicht mehr, worüber, aber: Das ist meist eh nicht relevant, man regt sich ja über alles auf. Man überlegt dabei selten, was man sich selber damit antut, sondern man ist grad so schön drin in der Aufgeregtheit. Schliesslich hat man ja Grund. Sagt man sich.

Ein Bekannter meinte süffisant: „Macht Yoga nicht gelassen?“ Meine Antwort war klar schlagfertig: „Du kanntest mich vor Yoga nicht.“ Aber es hing nach. Da war in der Tat noch Luft nach oben.

Heute fühlte ich mich in der Theorie bereit für den Weg. Frei nach dem Motto

Du hast ein Problem? Kannst du es lösen? Prima, wieso sorgst du dich? – Du kannst es nicht lösen? Wieso sorgst du dich?“

gehe ich nun den Weg der Gelassenheit. Seit ich ihn gehe, sind doch schon ein paar Stunden vergangen. Ich behaupte nicht, er wird immer gelingen, aber: In der Theorie klappt er schon ganz gut!

Ich bin so das, was man als Mittelalter bezeichnen würde. Ob es zahlenmässig hinkommt, wissen die Sterne, aber es könnte durchaus passen. Für dieses Alter gibt es viele Mythen. Die einen beklagen die verlorene Jugend, die anderen fürchten sich vor dem nahenden Altsein. Midlife Crisis ist ein Thema und verebbende Kindersegensmöglichkeit ebenso. Und vermutlich gehört alles irgendwie zusammen. In der heutigen Gesellschaft überwiegen die klagenden Laute, Positives höre ich selten und wenn, dann klingt es fast schon bemüht und wie Selbstüberzeugung.

Ich bin nun über 40. Fühle ich mich so? Die Frage wäre, wie man sich mit über 40 fühlen müsste. Ich habe keine Ahnung, was für 40 und drüber normal ist, ich weiss nur, was ich fühle, und das hat kaum was mit einer Zahl zu tun und ist auch jeden Tag wieder anders – je nach Laune, Umfeld, Tagespensum und vielem mehr.

Ich bin keine 20 mehr. Das wird mir an vielem bewusst. Konnte (und wollte) ich damals ganze Nächte um die Häuser ziehen, wird mir heute schon beim Gedanken dran ganz schummrig. Ich ging unbeschwerter durchs Leben, nie gedankenlos, aber doch… Das machte mich auch radikal. Und impulsiv. Eckig mit Kanten.

Ich bin sicherlich noch immer kein einfaches Gemüt, aber ich wurde ruhiger. Und ich bin froh drum. Bei einigen Aufregungen sag ich mir einfach, dass sie nichts bringen, da es eh nichts ändert. Wozu also unnötig Energie verschwenden? Bei anderen schlägt das Pendel kurz aus, um dann wieder im Ruhezustand anzukommen (ok, der nächste Ausschlag kommt auch wieder, ich bin ja auch nur etwas ruhiger und der Anfangspunkt war doch eher seeeeeeehr unruhig).

Kinder kriegen ist für mich kein Thema mehr. Ich habe das wohl wunderbarste, das reicht. Karriere muss auch nicht mehr sein, zog mich nie, wird es auch fortan nicht. Ich habe tausende Interessen, die ich verfolge, aber das mache ich mit mir selber aus, mache es nicht für andere. Dasselbe mit Ausbildungen: Lange war ich getrieben: Ich muss was tun, weiterkommen, mehr machen, mehr lernen: Scheine, Titel, Auszeichnungen holen. Und ich habe alle, die ich anging, geholt. Fühlte ich mich danach besser? Nein. Ich linste schon nach der nächsten Herausforderung. Heute finde ich, ich bin zu alt, nochmals zu beginnen. Ich war ja immerhin mehrere Jahrzehnte in der Schule. Es reicht. Mir. Endlich!

Und so stehe ich nun hier. So im Mittelalter. Und frage mich: Krise gefällig? Die Antwort: Im Gegenteil: Erleichterung. Von mir fiel ganz viel Druck weg. Ich muss keinem mehr was beweisen. Ich muss keinen Schein mehr holen, keinen Titel, keinen Beruf. Ich muss keine Familie gründen, kein Haus bauen, keine Erwartungen erfüllen. Und: Ich will es vor allem gar nicht mehr.

Ich hörte oft, wenn man älter wird, wird die Zeit knapp und darum verzichtet man darauf, Dinge zu tun, die einem nicht liegen, weil sie die restliche Zeit, die noch bleibt, wegnehmen. Das klingt – so positiv es auch formuliert ist – nach Endzeitstimmung. Nach dem Motto: „Es endet bald mal, nutze die Zeit.“ Darum geht es mir nicht mal. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Das ist für mich kein Drama – ok, jetzt schon noch, mein Kind ist noch nicht selbständig, aber sonst? Ich habe all das, was ich wollte, machen können. Ich hätte auch die Möglichkeit gehabt, anderes zu machen, ich hatte die Wahl und ich habe gewählt. Da nun hinzustehen und zu klagen, ich hätte was verpasst und bräuchte drum viel mehr Zeit, es nachzuholen, käme mir komisch vor. Ich würde heute – so im Hier und Jetzt – einen anderen Weg gehen als den, den ich ging. Ich würde mehr auf Grafik und Typographie setzen, die Kreativität mehr vom Bild her angehen als vom Wort. Aber… das sage ich auch nur, weil ich habe, was ich mir erarbeitet habe. Vielleicht wäre es andersrum, wäre ich vom Bild her gekommen? Ich befürchte fast, so wie ich mich kenne. Und zudem: Am Anfang war das Wort. Und es ist mir wichtig. Am Bild arbeite ich – für mich.

Ich bin nicht mehr bereit, mich anzupassen. Nicht, weil mein Leben mal endet. Sondern, weil ich weiss, was ich kann, wer ich bin und was ich will. Das war mit 20 nicht so. Drum bin ich dankbar, nicht mehr 20 zu sein. Ich bin dankbar, ganz viele der Zwänge, Unsicherheiten und Erwartungen hinter mir zu haben. Es ist ein Stück Freiheit, das mir das Alter schenkte und das ich geniesse. Das heisst nicht, dass mein Alter jetzt besser ist als das der Jungen. Jung sein ist toll, ist lebendig, ist pulsierend. Ich gönne es jedem, doch für mich möchte ich es nicht mehr haben. Die Gelassenheit, die ich mir und dem Leben gegenüber gewonnen habe, ist für mich unbezahlbar. Und wer nun glaubt, eine gemässigte und ruhige Schreiberin gelesen zu haben, den muss ich enttäuschen. Da pfeffert noch immer ganz viel mit. Aber mir selber gegenüber wurde ich gelassener. Die kleinen Schwächen kann ich annehmen. Die Unperfektheiten gehören zu mir. Und das ist ein Gewinn. Der meines Älterwerdens.

Es gibt so Tugenden, bei deren Verteilung wurde ich grossräumig umfahren. Die wohl offensichtlichste ist Geduld. Kenn ich nicht, hab ich nicht. Ich arbeite zwar dran, denke ab und an sogar, es ist ein bisschen besser geworden mit der Ungeduld, allerdings auch nur bei Dingen, die mir nun nicht sooo wichtig sind. Dinge, die ich will, will ich sofort und ganz. Alles Halbe und Aufgeschobene mag ich nicht. Es macht mich wütend. Sogar sehr wütend. Ungemein wütend. So wütend, dass ich die Wut am liebsten rausbrüllen würde, mir Luft verschaffen, schimpfen, wettern, fluchen.

Womit wir bei der zweiten Tugend wären, die ich nicht besitze: Gelassenheit. Ich habe viel drüber gelesen, viel daran rumstudiert. Mich auf den Yoga- und Buddhismusweg begeben, viele klugen Sprüche gehört und für wahr befunden, dabei fast so andächtig genickt wie ein ach so Intellektueller vor einem völlig unverständlich aber hoch dotierten Kunstwerk. Auch mal innerlich Om gesungen, vermutlich teilweise so verzweifelt wie der Münchner im Himmel sein Halleluja schmetterte:

Geduld ist also eine Tugend. Ich sage: Wenn ich etwas will und mir sicher bin, dass ich es will, dann gibt es KEINEN Grund, es aufzuschieben. Und wenn ich es doch aufschiebe, dann bin ich mir nicht sicher. Keine Frage, nichts klappt einfach so von heute auf morgen. Manchmal brauchen Dinge Zeit. Die soll man ihnen geben, weil alles andere erzwungen wäre und uns sich Dinge nicht über Gebühr erzwingen lassen. Aber: Sie passieren auch nicht einfach so. Man muss was tun dafür. Und wenn man nix tut, dann ist es nix wert, denn wenn man was will, dann muss man gefälligst in die Gänge kommen und nicht Geduldsproben spinnen.

So! Genau so sehe ich das. Mit „mal sehen“ und „mal warten“ und dann „nochmals sehen“ habe ich es nicht so. Das ist nicht mein Naturell, das entspricht mir nicht. Wenn wer warten und sehen und nochmals sehen will, dann soll er das tun. Und sich einen Geduldsorden verdienen. Aber dann sollte er nicht sagen, dass er was haben will. Dann will er höchstens mal sehen, was denn so käme, wenn es denn käme und täte sich gütlich an dem, was grad wäre, ohne was tun zu müssen weil was zu tun ja hiesse, sich zu entscheiden, was er zwar meint, getan zu haben, aber nur so weit, wie es eben nichts Veränderndes mit sich brächte, sondern alles beim Alten bliebe. Ich persönlich lasse es dann lieber. Da ich Konjunktiv nicht mag (was als Deutschlehrerin eine gewagte Aussage ist, ich aber wohl bewiesen habe, dass ich ihn durchaus beherrsche), weiss man das wohl auch schon.

Ich beneide ja alle geduldigen Gelassenheitstierchen. Sie haben mir sicher was voraus, da sie nicht viel Energie in Toben, Grummeln, Wüten, Schimpfen, Fluchen verlieren, sondern einfach da sitzen, selig lächeln, das Leben toll finden – vor allem, wenn es genau so läuft, wie sie es wollen. Ich bin nicht so weit und werde es nie sein. Und so wüte ich weiter, schimpfe, fluche (nicht ganz ladylike, aber: who cares) – und werde mit demselben Gesicht wieder zufrieden. Irgendwann. Und überlege nochmals, ob es nicht doch was für sich hätte mit der Geduld. Und der Gelassenheit. Bis zum nächsten Mal.

Das Leben geht weiter

Ein Spruch, den man oft zu hören kriegt, wenn man mit dem Schicksal hadert, etwas passierte, das einen traurig macht, das einen verletzt, wo man vielleicht auch eigene Fehler sieht – oder sich denen anderer ausgesetzt. Das Leben geht weiter. Es will heissen, man solle abhaken, was war und vorwärts gehen. Man könne nicht ändern, was war, nur was ist und sein wird. Alles wahr.  Trotzdem war, was war und es wirkt nach. Es hinterlässt Gefühle und es lässt einen mit diesen Gefühlen kämpfen, sie hinterfragen, hinterfragen auch, was war und ob es hätte anders sein können.

Hätte ich mich anders verhalten müssen? Habe ich falsch entschieden? Habe ich etwas übersehen? Wo bog ich falsch ab auf meinem Weg? War ich zu leichtgläubig? Zu stur? Falschen Wünschen hinterher rennend?

Es stimmt, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Was war, war, es wird nicht anders, nur weil ich es mir anders wünsche. Und doch lässt es ab und an nicht los. Die Gelassenheit, die man leben sollte, das nicht Anhaften, das Loslassen – alles gut und schön. Es gibt Zeiten, da kommt die Vergangenheit hoch und überrollt einen wie eine grosse Welle.  Man sieht sich konfrontiert mit eigenen Fehlern, mit eigenem (heute so gewertetem) Versagen, sieht Menschen, die man verlor, Beziehungen, die zerbrachen, Träume, die wie Seifenblasen platzten. Man hadert mit der eigenen Sturheit in vergangenen Situationen, mit verpassten Chancen, gelebter Feigheit und wünscht sich, man hätte damals gesehen, was man heute sieht. Nur war das damals nicht zu sehen.

Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)

Damals hat man agiert, wie man damals musste und glaubte, es wäre richtig. Vielleicht sagte sogar eine leise Stimme in einem, dass es nicht richtig sei, aber man hatte nicht den Mut, ihr zu folgen. Sich heute dafür zu schelten, wäre schade und würde nichts bringen. Die Trauer zuzulassen über das, was vielleicht war oder nicht war, ist menschlich. Es darf auch Platz haben. Wichtig ist – so denke ich – dass man sich immer wieder vor Augen führte, dass damals alles anders war, damalige Entscheidungen auf anderen Voraussetzungen fussten. Hätte man damals gewusst, was man heute weiss, hätte das Leben eine andere Bahn genommen. Doch bei soviel Konjunktiv kommt das Leben nicht mehr mit, es findet im Indikativ statt. Zu jeder Zeit. In jedem Augenblick. Und so kann ich in jedem Moment nur das sehen, was gerade sichtbar ist, ich kann es bewerten mit dem Werkzeug, das ich im Moment selber habe und ich gehe dann den Weg, den mir all die Mittel, die ich verfügbar habe, weisen. Im Wissen, dass ich nie unfehlbar bin, im Vertrauen, dass alles einen Sinn hat,und in der Hoffnung, das alles kommt, wie es soll.

Rückschläge, Fehler, Leiden – alles gehört zum Leben. Was zählt ist, wie man damit umgeht, wie man danach weiter geht. Und so hadere auch ich ab und an mit Entscheidungen, hinterfrage sie, trauere und gehe weiter.