Was zählen die eigenen Bedürfnisse?

Mir läuft momentan die eine Zeile aus Ina Müllers Lied nach:

Hätt’ ich nen Hund, hätt ich nen Grund…

Es kommt so locker flockig daher, frech und keck erzählt das Lied vom Singleleben, von den Zwängen von aussen, von Barbesuchen, die man nicht möchte, denen man nicht entkommt – es sei denn: Man hätte einen Hund. Dann könnte man sagen, es ginge nicht, weil eben der Hund da wäre.

Wieso fällt es uns oft so schwer, zu unseren Bedürfnissen zu stehen? Haben wir andere (Tiere, Menschen….) als Entschuldigung, ist alles kein Problem, wenn nur wir selber und unsere Bedürfnisse Grund sind, schrecken wir davor zurück, anderen abzusagen, wenn wir keine Lust zu deren Plänen hätten. Sind wir uns wirklich so wenig Wert, dass jeder andere, jedes Tier wichtiger und gewichtiger wären als Grund? (Nichts gegen Tiere, ich habe einen Hund und ich liebe ihn sehr.)

Wenn ich meinem Gegenüber sage, ich hätte keine Lust mit ihm auszugehen, ist das in unseren Augen eine Affront gegen das Gegenüber. Schiebe ich den Hund vor, kann sich das Gegenüber wohl fühlen, denn es muss die Abfuhr nicht auf sich beziehen. Das ist unsere Sicht. Nur unterstellen wir dem Gegenüber dann, dass es unser Bedürfnis nicht als Wert genug erachten würde, dass es eine Absage rechtfertigt, so dass es diese direkt auf sich selber beziehen müsste.

Mit dieser Sicht setzen wir nicht nur uns selber herab, sondern auch das Gegenüber, indem wir ihm einerseits absprechen, uns beim Wort zu nehmen, sondern andererseits auch sich selber gegenüber so unsicher zu sein, dass eine Abfuhr gleich persönlich genommen würde. Vermutlich tun wir das, weil wir a) selber so gestrickt sind und b) solches schon oft erlebt haben.

Und langsam wird es ziemlich kompliziert, weil so viele unterdrückten und unbewussten Gefühle in einer einfachen Unlustbekundung stecken, dass es wirklich einfacher scheint, einfach einen Hund vorzuschieben.

Es ist verständlich, es ist menschlich, es ist erprobt und für gut befunden – und es funktioniert, ohne auf einer der beiden Seiten schlechte Gefühle zu wecken. Trotzdem wäre es ab und an nicht schlecht, genauer hinzuschauen, wenn man oberflächliche Gründe vorschiebt, was wirklich dahinter steckt. Und was es für einen selber bedeutet, was es über einen selber aussieht. Jeder ist es Wert, ernst genommen zu werden. Jeder ist es Wert, sich selber ernst nehmen zu dürfen. Und jeder ist es Wert, Freunde zu haben, die ein Nein einfach als das respektieren, das es ist: Das Zeigen der eigenen, persönlichen Grenzen.

5 Kommentare zu „Was zählen die eigenen Bedürfnisse?

  1. Im sozialen bin ich mittlerweile ziemlich ehrlich. Das heißt ich schiebe nichts mehr vor. Ich versuche dasselbe gerade beim Essen—Qualität vor Quantität. Was will ich wirklich. Spannend

    Gefällt mir

    1. Ich ertappe mich oft dabei, es anderen recht machen zu wollen. Gut tut das nicht und eigentlich ist es auch nicht richtig. Der Mechanismus des „das kann ich doch nicht tun“ steckt tief.

      Wie machst du das mit der Ehrlichkeit beim Essen? Was bedeutet das konkret?

      Gefällt mir

      1. Ja und ich glaube auch das wirkliche Freunde ein Nein akzeptieren werden und wenn nicht ist das ja auch eine Überlegung wert.
        Zum Essen : Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich aus allen möglichen Gründen esse nur nicht aus Hunger. Meistens habe ich das gegessen, was die Kinder so mochten…..Heute morgen bin ich einfach mal ne Stunde allein auf den Markt gegangen und habe geschaut . Letzten Endes habe ich ein gutes aber teures Stück Käse und Blaubeeren mitgenommen.
        Im Sozialen wie in anderen Bereichen denke ch oft das man nur dieses eine Leben hat und das die wichtigste Aufgabe vielleicht darin liegt herauszufinden was das Eigene im Leben ist….LG Xeniana

        Gefällt mir

      2. Das Eigene im Leben finden – der Ansatz gefällt mir. Ich frage mich auch oft, was will ICH wirklich. Oft sind die als eigene wahrgenommenen Wünsche gar nicht so eigen, sondern von irgendwoher übernommen.

        Käse klingt lecker – ich glaube, ich versuche mich auch an dem Essensexperiment – noch mehr. Ich bemühe mich schon heute, da drauf zu achten, aber es geht noch mehr. Markt wäre mal wieder eine Option. Danke für den Input!

        Liebe Grüsse
        Sandra

        Gefällt mir

  2. Solch ein Thema nenne ich „Entwicklungsthema“- die Gedankenansätze entwickeln sich wie der Mensch.
    Zuerst mal zum Hund als Ausrede. Gemein, dem Hund den schwarzen Peter zuzuschieben.

    Das kann auch schief gehen.

    Stell Dir vor, jemand lädt Dich bei schlechtem Wetter zu einem Spaziergang ein und Du lehnst ab: „Oh, nein, danke. Bei dem Wetter krieg ich meinen Hund nicht vor die Tür.“ Antwortet der Einlader: „Stimmt, dann bring ihn nicht mit“, gibt es gleich Mehrfachverletzungen. 1. Der Hund, weil er nicht mitgehen darf. 2. Du, weil Du den Joker verspielt hast, und nun doch raus musst. 3. Der Einlader, weil er annehmen muss, ohne Deinen Hund ist Dir seine Einladung weniger wert und 4. das Wetter wird sich kritisiert fühlen.

    Kingt lustig, soll es auch, hat aber, wie die meisten Lustigkeit, einen ernsthaften Kern- kann nämlich wirklich genau umgekehrt wirken, was aus angeblicher Höflichkeit vorgebracht wird und nicht den Tatsachen entspricht.

    ich melde mich später nochmal
    charlotte
    (ACR)

    Gefällt mir

Schreibe eine Antwort zu cosima1973 Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s