Früher traf man sich spontan. Man wusste: Am Montag Abend sitzen sie alle in der Stammbeiz am Stammtisch. Und da traf man sich, besprach, was es zu besprechen gibt, schwieg, worüber nix zu sagen war. Man wurde fortschrittlicher, lernte mit dem Fortschritt, dass es Abmachungen und Terminkalender braucht. Also verabredete man sich gezielt, am Montag gemeinsam am Stammtisch in der Stammbeiz zu sitzen, das Notwendige zu besprechen. Schweigen ging kaum mehr, denn die Termine waren gedrängt und man konnte auch alleine schweigen. Wenn es halt grad passte.

Neu ist das anders. Neu braucht eine Verabredung von Vielen einen Doodle. Einer sitzt am Bildschirm und tippt wahllos Termine ins Programm, die dann von anderen bei sich zu Hause mit der eigenen Agenda abgeglichen und im Netz bestätigt oder verworfen werden müssen. Wenn nix passt, geht es so lange weiter, bis es passend gemacht wurde.

Ein Fortschritt? Es dient der Individualität und Eingebundenheit. Wir sind heute alle ach so wichtig mit ach so vielen Terminen. Sind wir glücklicher? Eher gestresster wohl, aber einen Gang zurück schalten trauen wir uns nicht, denn: Was würden die anderen denken, hätten wir plötzlich Zeit? Sie wären wichtig, indem sie ihre knappe Zeit (und damit mangelnde Möglichkeit für gemeinsame Zeit) mitteilen, während wir nur immer nicken. Wir kämen uns minderwertig, zumindest minderwichtig vor.

Ist es ungerecht, wenn zwei Gleiche ungleich behandelt werden?

Können zwei gleich sein? Sind sie nicht eher Ungleiche, nur in gewissen Punkten gleich?

Ist es gerecht, zwei Ungleiche gleich zu behandeln? Was heisst es, gleich zu behandeln? Gleiches geben? Was, wenn einer mehr braucht? Sein Problem? Wessen sonst?

Wie lange sind zwei gleich, wann gelten sie als ungleich? Wer bestimmt, was einer braucht und wie will man es messen?

Hat Gleichheit überhaupt etwas mit Gerechtigkeit zu tun? Ist diese nicht nur Behelfsmittel, weil Schlagwort? Ist Gerechtigkeit relevant?

Was will man wirklich? Als Mensch leben? Wann ist ein Mensch ein Mensch? Und wer bestimmt das? Gibt es bessere und schlechtere? Ist der Mensch generell besser – als Mensch?

Was ist gut? Reicht gut oder muss es besser sein? Ist gut absolut oder relativ? Gestern so, morgen anders, heute? – also relativ? Ist dann nicht auch gleich relativ? Und damit nicht gerecht?

Was wirklich zählt im Leben

Gabor Schöning hat alles, was man sich wünschen kann im Leben: einen tollen Job, in dem er erfolgreich ist, ein luxuriöses Penthouse, er sieht gut aus, was er bei vielen Frauen gut einsetzen kann. Aalglatt geht er durch die Welt, die er nach seinen Wünschen gestaltet, mal mit Tricks, mal mit Schmeichelei, auch mit Geld.

Als er wieder einmal von einem unbeschwerten Abend nach Hause fährt, neben ihm seine Affäre, die gleichzeitig die Frau seines Chefs ist, verursacht er einen Unfall, bei dem eine Frau verletzt wird. Zuerst glaubt er, auch hier die Folgen von sich abwenden zu können, doch dann steht er plötzlich vor einem Ultimatum: Entweder er engagiert sich in einer Schule für lernbehinderte Kinder als Tanzlehrer oder seine Karriere ist beendet.

„Gabor, jetzt sehen Sie mich nicht so an. Da wird einem ja ganz schwer ums Herz. Aber ich habe nicht die Frau meines Chefs verführt und dabei einen unschuldigen Menschen über den Haufen gefahren. Das waren ganz allein Sie!“

Gabor war fassungslos. „Sie erpressen mich?!“

Kathrin schaute ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost. „Aber es ist doch nicht für mich, Gabor. Es ist für die Kinder! Denken Sie doch mal, was das für eine schöne Überraschung sein wird! Geht Ihnen da nicht das Herz auf?!“

„Nein!“

Gabor bleibt nichts übrig, als sich dieser Aufgabe zu stellen. Erst noch widerwillig, innerlich in Abwehrhaltung und äusserlich genervt, verbringt er seine Zeit mit den Kindern. Mit der Zeit bekommt Gabor immer mehr von den Geschichten dieser Kinder mit, sieht das Leben, das sie leben, womit sie kämpfen. Je tiefer Gabor Einblick in diese Geschichten erhält, desto mehr regt sich etwas in ihm, das er bislang nie bei sich gespürt hatte: ein Herz. Gabor fängt an, sich zu engagieren, fällt dabei mehr als einmal auf die Nase, gefährdet mehr und mehr seinen Job, sein Leben hat er schon lange aus den Angeln gehoben. Alles, was ihm mal wichtig war, zählt nicht mehr. Als dann einer seiner Schützlinge auch noch mit dem Tod ringt, gibt es kein Halten mehr, Gabor würde alles auf eine Karte setzen, ihm zu helfen.

Ich hatte niemals einen richtigen Freund, aber jetzt will ich welche haben, weil du mir gezeigt hast, was das bedeutet: Freundschaft.

Andreas Izquierdo ist mit Der Club der Traumtänzer eine wunderbar feinfühlige, tiefgründige Geschichte gelungen. Es ist eine Geschichte über die Welt von heute mit allen ihren Anforderungen an Menschen. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie unterschiedlich Menschen sein können, mit was Menschen in verschiedenen Situationen zu kämpfen haben. Ab und an ist dieses Bild sehr schwarz und weiss, die Botschaft eine sehr moralische, nie aber eine überhebliche. Aufgezeigt wird immer, dass bei allem, was man vorne sieht, viel dahinter steckt, das man zuerst kennen sollte, bevor man urteilt. Nicht alles, was glänzt, ist wirklich wertvoll. Auch Gabor muss das lernen, vor allem lernt er, sich auch seiner eigenen Geschichte zu stellen.

Das Buch fängt ein wenig schleppend an, braucht lange, um in Gang zu kommen, fesselt den Leser dann aber immer mehr und lässt ihn nicht mehr los. Es wird wohl kaum ein Auge trocken bleiben beim Lesen, kaum ein Herz unberührt.

Gerne würde ich es bei diesem Lobestaumel belassen, allerdings gibt es ein grosses Aber: Schon auf der ersten Seite fanden sich Fehler in Hülle und Fülle, die auch über das Buch hinweg nicht abnahmen. Könnte man bei Kommafehlern noch ein Auge zudrücken, wird es bei Fallfehlern schon schwieriger. Dass Figuren die Schreibweise ihres Namens ändern, ist mühselig, wenn ganze Wörter vergessen werden im Satz, macht das Lesen keine Freude mehr. Verwechslungen wie ‚das’ und ‚dass’ sowie ‚ward’ und ‚wart’ kamen noch dazu. Fehler in dieser Fülle schmälerten den Lesespass enorm, dass dies bei einem Verlag wie DuMont passiert, ist beschämend.

Hätte ich mir von dem Autoren nicht viel erhofft, hätte ich das Buch zur Seite gelegt. Ich hoffe, viele Leser tun es mir gleich und lesen das Buch, denn die Geschichte ist es wert!

 

Fazit:
Ein wundervoller, tiefgründiger, herzerwärmender Roman mit viel Gefühl, der grosse und schwere Themen anspricht, ohne damit zu erschlagen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Andreas Izquierdo
Andreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

Mehr zu Andreas Izquierdo in diesem Interview: Andreas Izquierdo – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
IzqierdoTraumtänzerBroschiert: 448 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (8. Oktober 2014)
ISBN-Nr.: 978-3832162634
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90

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Kürzlich sah ich eine Sendung, in der gesagt wurde, dass allein mit den weggeworfenen (und noch guten) Esswaren aus Deutschland der Welthunger halbiert werden könnte. Heute las ich in einer Zeitung, dass in der (ach so reichen) Schweiz jeder Siebte gefährdet ist, in die Armutsfalle zu tappen. Weltweit gibt es Hunger, weltweit gibt es Menschen, die kein Dach über dem Kopf , nicht die Möglichkeit, für ihre Gesundheit zu sorgen, nicht die Chance, Bildung zu geniessen und nicht das Glück, ihr Leben frei gestalten zu können, haben.

Dies allein ist schon traurig genug, aber noch viel trauriger ist es, dass das alles nicht nötig wäre. Nicht die Bevölkerungsdichte ist schuld, dass es Mangel gibt. Wir haben nicht zu viele Menschen auf einer zu kleinen Welt. Wir haben zu selbstverliebte Besitzende, die nicht bereit sind, einen Teil von ihrem Zuviel abzugeben, damit die, welche zu wenig haben, ein menschenwürdiges Leben führen können. Klar liest man immer wieder von grosszügigen Spenden von Reichen an Bedürftige oder Organisationen. Schaut man dahinter, ging es vielfach nicht um Nächstenliebe, sondern um einen Steuertrick. Das alleine wäre nicht verwerflich, das gespendete Geld hilft ja trotzdem und ist nicht schlechter, nur weil es aus Eigennutz gespendet wurde. Meist ist es aber ein Bruchteil dessen, was abgegeben werden könnte und noch viel öfter nur ein Tropfen auf den heissen Stein, der nur hilft, dass die von Armut geplagten nicht gleich verhungern, sondern Aufschub erhalten.

Die Thematik ist lange bekannt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist klar, dass niemand hungern müsste, würde man es wirklich ändern wollen. Es ist offensichtlich, dass es von allem genug hätte, würde man es gut verteilen. Ich sage damit nicht, dass man den Reichen jeden Luxus nehmen müsste, Gott bewahre, sie sollen in Saus und Braus weiter leben, viele von ihnen haben sich diesen Saus auch erarbeitet. Verdient im wortwörtlichen Sinne vielleicht nicht, aber immerhin etwas dafür getan.

Stellen wir uns mal vor: Morgen käme jemand und würde uns eine Million bieten, damit wir etwas tun für ihn. Wir könnten arbeiten und hätten dieses Jahressalär, das von vielen angeprangert wird als nicht mehr leistungsorientiert, als unverhältnismässig. Würden wir ablehnen? Würden wir sagen, dass wir das gar nicht verdienen und darauf verzichten, stattdessen für 100’000 arbeiten wollen? Oder gar für 72’000? Oder für wieviel eigentlich? Ich denke nicht. Wie können wir es von denen verlangen, die soviel verdienen? Freiwilligkeit scheint bei diesem Fall schwer zu sein, es müsste also von aussen kommen. Staatsgewalt? Ein Gesetz, das eine Höchstlohnstufe einführte? Oder sollte es ab einem gewissen Betrag eine Spendensollquote einführen? Das käme einer Steuererhöhung gleich. Und wem soll die zugute kommen? Armen im eigenen Land? Was passiert dann mit all den Hungernden in fremden Ländern, die keine so reichen Menschen haben, die ihren Anteil abgeben können? Zählen die nichts? Oder müssen wir in unserem Land dafür sorgen, dass andere Länder genug haben?

Kommt man dabei nicht in einen Konflikt mit der Souveränität? Wenn ich von aussen etwas über ein Land stülpe, übergehe ich dessen Souveränität. Sicher in einem Fall, den dieses Land nicht will. Nun kann man sagen, dass kein Land Hunger haben will. Allerdings hungern nie alle und meist die nicht, die das Geld in die Hände bekommen… Und schon sitzen wir wieder mittendrin.

Ein auswegloses Problem? Ist der Mensch einfach so, dass er hortet, hortet wie ein Eichhörnchen, ohne je den Hals voll genug zu kriegen? Wo könnte man den Hebel ansetzen, um diese selbstgerechte Welt aus den Angeln zu heben?

Mein Sohn meinte kürzlich, dass die Welt ungerecht wäre. Das allein ist keine neue Erkenntnis, wenn auch für einen bald 11 Jährigen nicht ganz selbstverständlich. Er machte diese Einsicht daran fest, dass er fand, dass ein Bauer viel mehr für die Menschen täte, indem er ihr Überleben durch Nahrungsmittel sichere als ein Anwalt. Trotzdem verdiene ein Anwalt viel mehr als ein Bauer. Er fand das ungerecht. Und bei Lichte betrachtet hat er damit einen wichtigen Punkt angeschnitten. Wir achten heute so viele Berufe mehr, die in abstrakten und abgehobenen Bereichen tätig sind, dass wir die, welche mit ehrlichem Handwerk für ihr Auskommen und auch für das Überleben (Bauer), das Hausen (Maurer), das Wohnen (Schreiner) sorgen, herabsetzen. Ihr Bildungsweg war ein geringerer, das macht sie in unserer Werte- (und Lohn-) Bemessung minderwertig. Wir messen Wert an abstrakten Grössen und vergessen dabei oft die Lebensnotwendigkeiten. Diese sehen wir erst, wenn sie fehlen. In der Armut. Und dagegen tun wir nichts, weil wir sie nicht sehen wollen. Ein Perpetuum Mobile, das in den Abgrund führt?

Mir läuft momentan die eine Zeile aus Ina Müllers Lied nach:

Hätt’ ich nen Hund, hätt ich nen Grund…

Es kommt so locker flockig daher, frech und keck erzählt das Lied vom Singleleben, von den Zwängen von aussen, von Barbesuchen, die man nicht möchte, denen man nicht entkommt – es sei denn: Man hätte einen Hund. Dann könnte man sagen, es ginge nicht, weil eben der Hund da wäre.

Wieso fällt es uns oft so schwer, zu unseren Bedürfnissen zu stehen? Haben wir andere (Tiere, Menschen….) als Entschuldigung, ist alles kein Problem, wenn nur wir selber und unsere Bedürfnisse Grund sind, schrecken wir davor zurück, anderen abzusagen, wenn wir keine Lust zu deren Plänen hätten. Sind wir uns wirklich so wenig Wert, dass jeder andere, jedes Tier wichtiger und gewichtiger wären als Grund? (Nichts gegen Tiere, ich habe einen Hund und ich liebe ihn sehr.)

Wenn ich meinem Gegenüber sage, ich hätte keine Lust mit ihm auszugehen, ist das in unseren Augen eine Affront gegen das Gegenüber. Schiebe ich den Hund vor, kann sich das Gegenüber wohl fühlen, denn es muss die Abfuhr nicht auf sich beziehen. Das ist unsere Sicht. Nur unterstellen wir dem Gegenüber dann, dass es unser Bedürfnis nicht als Wert genug erachten würde, dass es eine Absage rechtfertigt, so dass es diese direkt auf sich selber beziehen müsste.

Mit dieser Sicht setzen wir nicht nur uns selber herab, sondern auch das Gegenüber, indem wir ihm einerseits absprechen, uns beim Wort zu nehmen, sondern andererseits auch sich selber gegenüber so unsicher zu sein, dass eine Abfuhr gleich persönlich genommen würde. Vermutlich tun wir das, weil wir a) selber so gestrickt sind und b) solches schon oft erlebt haben.

Und langsam wird es ziemlich kompliziert, weil so viele unterdrückten und unbewussten Gefühle in einer einfachen Unlustbekundung stecken, dass es wirklich einfacher scheint, einfach einen Hund vorzuschieben.

Es ist verständlich, es ist menschlich, es ist erprobt und für gut befunden – und es funktioniert, ohne auf einer der beiden Seiten schlechte Gefühle zu wecken. Trotzdem wäre es ab und an nicht schlecht, genauer hinzuschauen, wenn man oberflächliche Gründe vorschiebt, was wirklich dahinter steckt. Und was es für einen selber bedeutet, was es über einen selber aussieht. Jeder ist es Wert, ernst genommen zu werden. Jeder ist es Wert, sich selber ernst nehmen zu dürfen. Und jeder ist es Wert, Freunde zu haben, die ein Nein einfach als das respektieren, das es ist: Das Zeigen der eigenen, persönlichen Grenzen.

Ab und an verreisen meine Gedanken einfach. Ferien machen sie dabei nie, im Gegenteil, sie laufen auf Hochtouren. Sie drehen sich um die Themen, die bewegen, laufen dabei nie rund, sondern ecken an. Und immer, wenn sie wieder stocken, drehen sie noch mehr, weil sie diesen Stau überwinden wollen, sich nicht damit abfinden können, dass es nicht weiter geht. Und man sitzt drin im Strudel und sieht ihn drehen und fragt sich wo er endet. Und ab und an sieht man das Ende, das man haben will und sieht den Weg nicht und sieht das Drehen und fragt sich, wie es aufhören könnte und einfach auf das Ziel zugehen, das richtig wäre.

Doch die Gedanken sind frei und will man sie packen, entziehen sie sich, wie Fische mit glitschigen Schuppen, wie Schmetterlinge im grossmaschigen Netz. Man weiss, man kann sie nicht aufhalten und alles Beschwichtigen  hilft nicht. Alles Ablenken wird nicht zur Erleichterung, sondern zur Qual, weil man den Weg des Drehens als noch länger sieht durch die Unterbrechung. So schwer das Drehen fällt, so wichtig ist es, weil man das Ziel will, das so fern scheint und doch so präsent. Und man denkt sich die  verschiedenen Möglichkeiten und sieht sie klar, so klar, dass man sie nur noch ergreifen müsste und doch kann man es nicht, weil man gegen unsichtbare Wände prallt.

Die Wände sind alt, sie sind errichtet durch die Zeit. Die Zeit der Entbehrungen, die Zeit der Entfremdungen, die Zeit der Abwertungen durch einen selber, durch die anderen, durch niemanden als Gefühle, die als nicht genügend werteten, als nicht ausreichend, nicht fähig, unfähig. Es sind Wände, die den Fluss der Gedanken stoppen und den Weg zum Ziel versperren. Wände, die so hoch sind, dass sie unüberwindbar scheinen und doch will man nicht aufgeben, weil man weiss, dass auf der anderen Seite eigentlich das wäre, was man will, was man muss, ohne das man nicht ist, was man sein will, sein kann, ist. Wäre wenn. Man sie überwände. Die Wände.

Alex und Erika, ein Künstlerpaar, eine junge Frau, Karen, die sich zu ihnen gesellt. Eine Dreiecksbeziehung, in der jeder seine Rolle hat, die er selber nicht klar erkennt, die er aber ausfüllen muss, damit die Beziehung funktioniert.

Ich denke, mittlerweile hast du begriffen, dass es genau diese Momente sind, in denen alles vollkommen scheint, die den schrecklichsten Ereignissen, den schlimmsten Tragödien vorausgehen. Vielleicht hat jedes Glücksgefühl einen falschen Boden, eine künstliche Tonalität, und ist nur dazu da, einen Kontrast zu bilden zu dem, was kommt.

Karen stirbt und mit ihrem Tod ändert sich alles. Die Beziehung, die schon vor Karen bestand, scheint ohne sie nun nicht mehr zu funktionieren.

Ich habe grosse Angst, wie das sein wird, wir ohne Karen. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es vorher gewesen war, aber ich kann es nicht.

Erika flieht auf eine Insel, kapselt sich ab von ihrer Vergangenheit, von Alex. Auf einem Tonbandgerät nimmt sie ihre Gedanken, ihr ganzes Leben auf der Insel auf – sie spricht auf diese Weise zu Alex, den sie in Wirklichkeit meidet.

Das Leben, das einmal war, erscheint plötzlich als sinnlos,  Kunst als wertlos. Erika sehnt sich nach den wirklichen Leben und sie sucht es sich, gibt sich hinein. Sie fühlt sich wohl, findet den ersehnten Schutz, auch wenn sie nicht weiss, wovor.

Wovor hatten wir Angst? Wovon haben wir uns bedroht gefühlt? Vielleicht von uns selber?

Landschaft mit Dromedar ist die Geschichte einer Suche. Erika sucht den Sinn des Lebens, sie sucht ihr Leben und sich selber. Sie hinterfragt, was war, fragt sich, was in ihrem Leben wirklich ihr Anteil war und was von aussen kam. Sie verliert sich selber in diesen Fragen, erfindet sich neu, um das Heute bestehen zu können. Und langsam findet sie so die Zuversicht, dass es ein Morgen gibt und nimmt den Weg dahin in die Hand.

Mit viel Feingefühl lässt Carola Saavedra Erika ihre Geschichte in 22 Tonbandaufnahmen erzählen. Man nimmt als Leser eine Geräuschkulisse wahr, wird selber zum Zuhörer und findet sich in der Position, sich selber die Fragen zu stellen, die sich Erika stellt. Es sind Fragen des Lebens, Fragen, die jeden betreffen. „Wer bin ich? Wie will ich sein? Was ist mein Weg? Was ist die Liebe?“ Aus diesen Fragen, Gedanken und Erinnerungen entsteht ein Roman, der Lebenslügen aufdeckt und neue erschafft, um sie wieder zu durchschauen.

Fazit:
Ein nachdenkliches, ein tiefes Buch, eines, das Fragen stellt, einen zum sich selber hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Carola Saavedra
Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

ABB_SaavedraLandschaftmitDrome_978-3-406-64709-3_1A_CoverAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406647093
Preis: EUR  17.95/ CHF 28.90

 

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„Wenn ihr Sohn nun auf die Welt kommt, werden wir ihm nicht helfen. Er wird dann einfach sterben.“

Als ich diese Worte höre, liege ich in einem Spitalbett, bin in der 20. Schwangerschaftswoche und blicke auf die Gesichter von 10 Ärzten, die – teilweise zu Studienzwecken – um das Bett verteilt stehen.

Die Schwangerschaft war von Anfang an schwierig, stand immer auf der Kippe. Eine Frühgeburt war mehr Wahrscheinlichkeit denn blosse Möglichkeit. Mit diesem Wissen im Hinterkopf kamen viele Gedanken auf: Was, wenn das Kind viel zu früh auf die Welt kommt? Wird es gesund sein? Die Aussicht auf ein gesundes Kind ist kleiner, je früher es auf diese Welt kommt. Körperliche Gebrechen, nicht ausgebildete Organe, geistige Beeinträchtigungen. Alles ist möglich und das in allen Schweregraden.

Ein behindertes Kind war nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Und ja, hätte ich vor der Schwangerschaft wählen können, ob ich ein gesundes oder ein behindertes Kind haben möchte, dann hätte ich mich für das gesunde entschieden. Ich denke, damit stehe ich nicht alleine. Die Gründe sind vielfältig. Hauptgrund wäre sicher, dass es mich traurig gemacht hätte, zu sehen, was meinem Kind nicht möglich sein wird im Leben, mit welchen Einschränkungen es leben muss. Ich hätte Schmerz empfunden über seine Stellung in dieser Welt, in der behinderte Menschen noch immer teilweise ausgeschlossen, ab und an gar verstossen sind. Und ich hätte mich wohl auch schuldig gefühlt, dass ich diesem Kind keine besseren Bedingungen mit auf den Weg geben konnte und dass ich es nicht vor allem beschützen kann.

Ich habe bewusst auf Fruchtwasseruntersuchungen und ähnliches verzichtet in der Schwangerschaft. Die Nackenfalte war über dem Normalen, mehr wollte ich nicht wissen, zumal die ganzen anderen Probleme auch noch waren, das Risiko so schon gross war, das Kind zu verlieren. Das war mein Kind, es wuchs in mir, es gehörte zu mir. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, es aufzugeben, es sterben zu lassen. Damit verurteile ich niemanden, der so entscheiden würde, dies war mein Weg, der für mich stimmte.

Und nun liege ich also mal wieder im Spital. 20 Wochen Schwangerschaft liegen hinter mir, 20 noch vor mir. Es sieht nicht gut aus. Die Wehen setzen immer wieder ein, die Plazenta löst sich ständig an allen Ecken und Enden – eine Totalablösung wäre das Ende. Käme das Kind nun auf die Welt, wären alle mir vorher ausgemalten Möglichkeiten realistisch: Herzfehler, zu wenig ausgebildete Organe, geistige Behinderung.

Vor kurzem hat die Ethikkommission eine Grenze gesetzt, ab wann Frühgeburten lebensrettenden Massnahmen geholfen werden soll und unter welcher man sie sterben lässt. Wir sind noch vor dieser Grenze. Die Ärzte kommen zur Visite, stellen sich rund um mein Bett und sagen den Satz, der mir noch heute im Kopf nachhallt:

  „Wenn ihr Sohn nun auf die Welt kommt, werden wir ihm nicht helfen. Er wird dann einfach sterben.“

Wieso? Weil ein totes Kind besser ist als ein Behindertes? Ist ein behindertes Kind die Mühe nicht wert, es am Leben zu halten? Dass es Überlebenschancen gibt, weiss man, es haben schon viele Kinder dieses Stadium überlebt, wenn auch oft mit Beeinträchtigungen im späteren Leben. Das mag sein. Doch sind sie weniger wert deswegen? Abtreiben dürfte ich ihn nicht (was ich sicherlich nicht wollen würde), das wäre Leben vernichten, aber sterben lassen dürfen ihn die Ärzte (sie haben das Recht dazu – wer gibt es ihnen?), weil sie befinden, er sei nicht wert zu leben, nicht wert, gerettet zu werden.

Mein Sohn kommt 12 Wochen später mit einem Notkaiserschnitt zur Welt und landet direkt im Brutkasten. Ausser ein paar Startschwierigkeiten, die normal sind, geht es langsam aufwärts, er darf nach einem Monat nach Hause. Beim Abschiedsgespräch wird mir geraten, ihn gleich für verschiedene Therapien anzumelden, da man wisse, dass Frühgeburten verschiedene Schwierigkeiten und Defizite hätten, denen man so gleich vorbeugen könne. Ich habe dankend abgelehnt und beschlossen, mein Kind so anzunehmen, wie es ist und dann zu reagieren, wenn es wirklich den Bedarf hat, nicht darum, weil er nach Statistik in eine Schublade gehören würde.  Wir sind bis heute gut gefahren damit.

Ich bin unendlich dankbar für dieses wunderbare Kind, ich bin mir bewusst, dass wir sehr viel Glück hatten. Der Weg war nicht immer einfach, aber er war jeden Schritt wert. Das grösste Glück ist, dass er lebt. Das ist unbezahlbar.

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Dieser Beitrag wird im Rahmen der Blogger-Themen-Tage zum Thema Behinderungen, Medien und die Gesellschaft geschrieben. Das komplette Programm findet sich hier: Programm der Blogger-Themen-Tage

Unlängst hat SteglitzMind einen Artikel mit dem Titel „Statt Schriftsteller ist man Schreib-maschine“ ins Netz gestellt. Die Kommentare waren zahlreich. Nun legte sie einen Artikel nach, in dem Angela Charlotte Reichel von ihren Gedanken zum Thema, ihren Zweifeln am Schreiben ohne Verlag, welche schlussendlich auch Selbstzweifel sind, erzählt. Ein sehr offener und nachdenklich stimmender Artikel: „Dabei will ich nur Bücher schreiben“

Was mich wundert? Wieso sich diese Zuschussverlage noch halten.

Was ist so unersetzlich bemerkenswert an einem sogenannten namhaften Verlag? Ich muss jetzt einfach mal aussprechen, wie sehr mich erschüttert, dass sich die Häupter des Suhrkamp öffentlich versuchen gegen selbst errichtete Mauern zu schlagen.

Bestimmt wirklich Geld was wie wann geschrieben wird?

Die Fragen, die ACR aufwirft, sind nicht neu, sie liegen auf der Hand und wurden so vermutlich auch von anderen schon gedacht. Und doch bleibt schlussendlich vieles beim Alten. Aber wie ist es wirklich? Bestimmt wirklich Geld und ein namhafter Verlag, ob etwas geschrieben wird oder nicht, ob etwas taugt oder nicht? Wenn ich all das lese, was momentan so den Markt überflutet, ist vor allem eines klar: Vieles, was von sogenannt namhaften Verlagen gedruckt wird, ist das Papier ( in meinen Augen) nicht wert, auf dem es steht und es ist vor allem meine Zeit nicht wert, die das Lesen mich kosten würde. Literarisch schwach, sprachlich noch schwächer, möglichst neumodisch geplottet und chronifiziert kommt eine Geschichte daher, die nie das hält, was die Kurzfassung zu versprechen scheint. Wer hat das lektoriert? Aus welchem Grund ging das durch die Schere durch und anderes wird zerschnitten, weggeworfen, ignoriert? Ich denke, da ist viel Glück dabei, viel von persönlichen Stimmungen und auch Vitamin B abhängig.

Schaut man auf früher, auf all die grossen Namen der Literatur, fällt auf, dass viele entweder einen Brotberuf hatten oder aber gar nicht etwa auf Rosen gebettet waren. Viele waren von Gönnern abhängig oder lebten am Rande des finanziellen Ruins. Wieso sollte das heute anders sein? Man verklärt das Ganze wohl auch und hält sich an ein paar wenige, die doch recht gut von ihren Büchern leben – oft steckt da auch noch anderes dahinter und sie konnten von einem finanziellen Polster aus losschreiben. Aber ja, die anderen gibt es immer und ab und an denke ich, sie sind wie Lottogewinne und Casinomillionen: Eher selten. Aber sicher machbar.

So oder so wünschte ich mir, dass jeder sich traut, zu schreiben, wonach ihm ist und dem Schreiben an sich den Wert beimisst, den es hat. Klar schreibt sich das hier leicht, denn leben muss jeder und überleben kostet in der heutigen (wie in der früheren) Welt doch was. Und da beisst sich die Ratte in den Schwanz und die Zweifel und Ängste kommen auf: Kann ich wirklich schreiben ohne Verlag? Was, wenn niemand es liest? Was, wenn niemand es kauft? Was, wenn mich alle verachten, weil kein Verlag mich haben wollte?

Eigentlich schade! Und doch so menschlich. Man denkt, wenn einen wer annimmt, dann ist man gut. Man gibt damit dem anderen mehr Wert und misst den eigenen an der Akzeptanz von aussen. Wer bräuchte die nicht? Identität und was wir darin sehen bestimmt sich immer auch durch die Resonanz von aussen. Und ein angesehener Verlag ist dabei nicht die schlechteste Resonanz, die man sich vorstellen könnte. Wie in jedem anderen Beruf auch, wo man auf die „Oberen“ schaut.

Ich hoffe sehr, dass nicht zu viele Bücher nicht geschrieben werden, weil sie ob der oft quälenden Fragen verworfen wurden.

Was wirklich zählt in dieser Welt,
lässt sich ganz leicht erzählen.
Wie oft ist uns der Blick verstellt,
verirren wir in Wünschen, Plänen.
Seh’n, was fehlt und wollen hin,
schätzen nicht, was da schon steht,
in den Augen, aus dem Sinn,
wir wollen das, was wirklich geht..

Doch eines Tages, knüppeldicke,
holt uns schon das Schicksal ein,
reisst unser Sein in viele Stücke,
hinterlässt bloss Wut und Pein.
So langsam dämmert’s, wir seh’n ein,
dass was wir suchten und begehrt,
war nichtig und auch blosser Schein,
denn wo dein Herz sitzt, liegt nur Wert.

Blick? Den liest man nicht, das ist unterste Schublade, Boulevard-Journalismus. Wer etwas auf sich hält, der liest die NZZ. RTL? Das guckt man nicht, Arte oder vielleicht 3 Sat, alles drunter ist eine Sünde. Man geht auch nicht in Hollywood-Romanzen, man schaut B-Movies oder Kulturfilme, die niemand sonst schaut, weswegen sie in kleinen Randkinos laufen, die  morgen bankrott gehen. Rosamunde Pilcher liest man nicht, es muss Goethe sein. Wer etwas auf sich hält, wer ein wenig Intelligenz und Bildung besitzt, der muss achten, was er liest, schaut oder tut, sonst ist er ein Banause.

Im Aldi kauft man nicht, das wird alles mit Kinderarbeit in China oder sonst unethisch produziert. Im Lidl kauft man auch nicht, die beuten ihre Arbeitskräfte aus. Nach Deutschland einkaufen geht gar nicht, man muss die Schweizer Wirtschaft unterstützen. Überhaupt geht nur Biogemüse und Jutekleidung, artgerecht produziert und arbeiterfreundlich gewonnen.

Man muss den Nachbarn grüssen, selbst wenn man ihn nicht kennt, man muss sich um den Gatten sorgen, wenn er krank ist, selbst wenn der nervt mit dem Gejammere, man muss die Tante anrufen, wenn sie Geburtstag hat, selbst wenn man das ganze Jahr nichts von ihr gehört hat und man muss sich über des Kindes Windelfüllung freuen, da die Kleinen ja so schnell gross werden. Man muss als Frau arbeiten, sonst betreibt man Verrat an der Frauenrechtsbewegung und man muss das alles gut nach aussen tragen, sonst geht man unter.

Oft hört man, der Staat auferlege zu viele Gesetze, lege den Menschen in Ketten, reglementiere alles und habe eine überbordende Bürokratie. Die Zwänge, die der Mensch sich selber auferlegt sind um Welten grösser. Die ungeschriebenen Gesetze übertreffen alle Gesetzbücher dieser Welt und wer sie nicht kennt und vor allem, wer sie nicht befolgt, der ist ganz schnell aussen vor. Der sitzt in den Nesseln, in die er sich selber gesetzt hat. Wer ein „du musst“ übersieht, der hat ganz schnell das Nachsehen und stottert bei der nächste Frage „Und was machst du den ganzen Tag?“, „Was schaust du im TV?“, „Wo hast du deinen Skianzug gekauft?“.

Ich lese täglich meinen Blick, kenne die Serien von RTL, mag die eingelegten Schalotten vom Aldi und die Salami von Lidl. Ich schaue nie Arte und pfeife auf die sich nie meldenden Tanten. Was ich verdiene, erzähle ich trotzdem nicht, da es höchstens aussagt, was auf mein Konto einbezahlt wird und nie, was ich wert bin. So wie der ganze Rest auch. Bin ich wirklich so schräg? Ich vergass, dass ich Pilcherfilme mag – muss aber gestehen, dass ich Goethe trotzdem kenne – sogar das Gesamtwerk – wer noch?