Heute stiess ich im Netz auf die Aktion der wunderbaren Künstlerin Ute Bescht (ihr erinnert euch vielleicht an ihr Porträt HIER):

Sie spricht damit ein Thema an, das mich schon viele Jahre begleitet:

Du bist nicht gut genug!

Sprich:

Ich bin nicht gut genug.

Ich hatte dieses Gefühl in vielen Varianten – teilweise kriegte ich es vermittelt oder ich sagte mir die Sätze selber:

Du bist nicht schön genug.
Du bist nicht klug genug.
Du bist nicht gut genug.
Du bist nicht offen genug.
Du bist nicht talentiert genug.
Du bist nicht fröhlich genug.
Du bist nicht umgänglich genug.
Du bist nicht normal genug.
Du bist nicht … genug.

Ich war einfach nie genug, was ich auch tat. Als ich jung war, litt ich sehr darunter. Je älter ich wurde, desto öfter konnte ich hinstehen und sagen:

He, ich bin wie ich bin – und das ist gut so.

Zumindest gegen andere. Innen nagte es weiter und im Innern wiederholte ich die Sätze und stand mir damit im Weg. Ich verfolgte Dinge nicht weiter, weil ich mir sagte, nicht gut genug zu sein. Damit nahm ich mir die Freude und auch die Möglichkeit, mir selber zu beweisen, dass ich es eben doch kann. Dass ich eben doch gut bin, gut genug.

Damit möchte ich nicht sagen, dass ich alles kann und überall gut bin. Aber: Ich bin gut genug und wenn ich es will, dann kann ich auch besser werden. Das kann ich aber nur, indem ich die Dinge tue und an sie glaube. Indem ich an mich glaube.

Es wird immer wieder Menschen geben, die mir sagen wollen, wie ich mein Leben leben müsste. Das sind Menschen, die denken, ihre Form des Lebens sei die (einzig) richtige und die mich in diese Form pressen wollen. Aber ich bin nicht wie sie. Und ich muss es nicht sein. Das müssen sie nicht begreifen, wichtig ist, dass ich es begreife – und danach lebe.

Ich bin gut, wie ich bin. Ich bin gut genug. Ich bin genug.

 

Und dann sind da diese Menschen, die dich warten lassen, weil sie gerade etwas besseres zu tun haben, oder die meinen, sie melden sich dann mal, wenn sie mal Zeit finden in ihrem ach so turbulenten und beschäftigten Leben. Da sind die Menschen, die denken, dir sagen zu müssen, wie der Hase läuft und dir ständig sagen, dass deiner falsch läuft. Es sind die Menschen, die sich so gross fühlen und machen und dich so klein. Sie tun es, indem sie mit einer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass sie nur zu rufen brauchen und du springst. Sie tun es, indem sie einfach mit deiner Zeit agieren, wie es gerade in ihren Zeitplan passt, deiner ist dabei nicht gefragt. Und sie tun es, indem sie einfach davon ausgehen, besser zu wissen, was richtig und was falsch, was gut und was schlecht, was nennenswert und was nicht ist.

Und dann sind da noch die Menschen, die das mit sich machen lassen. Sie warten geduldig, bis der andere getan hat, was er eben tun wollte, bevor er wie verabredet bei ihnen ist. Sie springen, wenn der andere meint, nun mal ganz spontan und unvermittelt Zeit zu haben, weil sie denken, dies ausnutzen zu müssen, wann gäbe es sonst wieder mal eine Chance. Sie glauben ungesehen an die als richtig genannte Hasenlaufspur und geben ihre auf. Sie fühlen sich klein, weil sich der andere so gross macht. Sie lassen den anderen die Regie ihres Lebens übernehmen und gehen einfach davon aus, dass der andere schon weiss, was er tut, weil er es ja laut und bestimmt auftritt.

 

Wer ist Opfer, wer ist Täter?

Keiner ist Opfer, keiner ist Täter, beide sind beides. Während der eine sich über den anderen stellt und sich dabei gross fühlt, fühlt sich der andere klein und stellt sich unter den einen. Er lässt den Möchtegerngross agieren, weil er selber ein Ichweissichbinklein ist. Selbst wenn er auch gerne gross wäre und es ab und an zu sein denkt, begibt er sich immer wieder in die Rolle des Kleinen und unterwirft sich dem Grossen, indem er tut, was dieser ihn tun lässt oder tun lassen will. Ab und an denkt der Kleine zwar bei sich, auch gross zu sein. Er denkt an all die Sätze, die er dem anderen sagen könnte, stellt sich vor, sich einfach zu weigern und seine Rolle nicht mehr zu spielen, um dann doch wieder zu schweigen, wenn die Situation eintritt. Und wieder springt er, wieder wartet er, wieder lässt er mit sich machen und sich klein reden. Wieder glaubt er, nicht zu wissen und fühlt sich dumm, weil der andere so offensichtlich weiss. Oder er denkt zwar, zu wissen, traut sich aber nichts zu sagen, weil der andere dann ja weg wäre oder er sich blamieren könnte oder er es sich schlicht nicht wert ist, zu sich selber zu stehen.

Und je länger der Kleine klein spielt, desto mehr wird aus diesem Spiel ernst. Je länger er die Rolle des Kleinen immer und immer wieder einnimmt, desto mehr wird sie Gewohnheit, Muster, Pflicht und Zwang. Unausweichliches Korsett. Bis er endlich mal hinsteht, sich bewusst wird, dass der andere genauso klein ist wie er selber und er genauso gross wie der andere. Auch DER kocht nur mit Wasser und auch DER wird das Gekochte auf demselben Weg wieder los, wie er selber. DER atmet dieselbe Luft wie er und DER stösst dasselbe Gas wieder aus. DER wird ersticken, fehlt die Luft, verdursten fehlt das Wasser und verhungern, fehlt die Nahrung. Und ohne Liebe wird auch DER verkümmern. DER braucht die Menschen genauso wie sie ihn.

Wo also kommt SEINE Grösse her, wenn nicht aus SEINER Selbsteinschätzung und aus unserer Bereitschaft, ihm diese zu lassen und uns zu unterwerfen? Wieso glauben wir IHM alles und uns nichts? Trauen IHM alles zu und uns wenig? Wieso sind wir so schnell bereit, uns zu verbiegen und bangen so sehr um SEINE Aufmerksamkeit, dass wir uns nicht trauen, zu uns zu stehen?

Es ist nie zu spät, das zu ändern. Es hilft schon, es zu wollen und anzufangen, zu sich zu stehen. Das erste Mal ist es noch schwer. Es gelingt nicht immer, aber es ist es wert. Es ist jede Überwindung wert, denn sie führt uns mehr und mehr zu uns selber und macht uns selber gross. Und dann stehen wir auf Augenhöhe mit den anderen und wissen, dass sie nicht grösser sind als wir, dass ihre Zeit nicht wertvoller ist als unsere, dass wir ihren Respekt verdienen, wie sie den unseren. Und dann fängt das Leben an, menschlich zu werden. Für alle. DICH und MICH. dich und mich.

Mir läuft momentan die eine Zeile aus Ina Müllers Lied nach:

Hätt’ ich nen Hund, hätt ich nen Grund…

Es kommt so locker flockig daher, frech und keck erzählt das Lied vom Singleleben, von den Zwängen von aussen, von Barbesuchen, die man nicht möchte, denen man nicht entkommt – es sei denn: Man hätte einen Hund. Dann könnte man sagen, es ginge nicht, weil eben der Hund da wäre.

Wieso fällt es uns oft so schwer, zu unseren Bedürfnissen zu stehen? Haben wir andere (Tiere, Menschen….) als Entschuldigung, ist alles kein Problem, wenn nur wir selber und unsere Bedürfnisse Grund sind, schrecken wir davor zurück, anderen abzusagen, wenn wir keine Lust zu deren Plänen hätten. Sind wir uns wirklich so wenig Wert, dass jeder andere, jedes Tier wichtiger und gewichtiger wären als Grund? (Nichts gegen Tiere, ich habe einen Hund und ich liebe ihn sehr.)

Wenn ich meinem Gegenüber sage, ich hätte keine Lust mit ihm auszugehen, ist das in unseren Augen eine Affront gegen das Gegenüber. Schiebe ich den Hund vor, kann sich das Gegenüber wohl fühlen, denn es muss die Abfuhr nicht auf sich beziehen. Das ist unsere Sicht. Nur unterstellen wir dem Gegenüber dann, dass es unser Bedürfnis nicht als Wert genug erachten würde, dass es eine Absage rechtfertigt, so dass es diese direkt auf sich selber beziehen müsste.

Mit dieser Sicht setzen wir nicht nur uns selber herab, sondern auch das Gegenüber, indem wir ihm einerseits absprechen, uns beim Wort zu nehmen, sondern andererseits auch sich selber gegenüber so unsicher zu sein, dass eine Abfuhr gleich persönlich genommen würde. Vermutlich tun wir das, weil wir a) selber so gestrickt sind und b) solches schon oft erlebt haben.

Und langsam wird es ziemlich kompliziert, weil so viele unterdrückten und unbewussten Gefühle in einer einfachen Unlustbekundung stecken, dass es wirklich einfacher scheint, einfach einen Hund vorzuschieben.

Es ist verständlich, es ist menschlich, es ist erprobt und für gut befunden – und es funktioniert, ohne auf einer der beiden Seiten schlechte Gefühle zu wecken. Trotzdem wäre es ab und an nicht schlecht, genauer hinzuschauen, wenn man oberflächliche Gründe vorschiebt, was wirklich dahinter steckt. Und was es für einen selber bedeutet, was es über einen selber aussieht. Jeder ist es Wert, ernst genommen zu werden. Jeder ist es Wert, sich selber ernst nehmen zu dürfen. Und jeder ist es Wert, Freunde zu haben, die ein Nein einfach als das respektieren, das es ist: Das Zeigen der eigenen, persönlichen Grenzen.

So, es reicht. Ich habe mich immer redlich bemüht, lieb und nett zu sein, es allen recht zu machen. Ich habe Kohlen aus dem Feuer geholt, den Kopf hingehalten, Dinge gerade gerückt, die andere verbockt haben und am Schluss selber eins auf den Deckel gekriegt. Ich stand schon als Kind brav beim Examen, um dem Vater keinen Kritikpunkt zu liefern, wurde dann dafür gescholten, dass ich neben dem stand, der doof tat. Irgendwas ist immer, irgendwas stösst an. Allen macht man es nie recht.

Wieso will man eigentlich auf Gedeih und Verderb gefallen? Irgendwann hat man mal gelernt, dass man nur gut genug ist, wenn man das tut, was von einem erwartet wird. Die Problematik an dem Unterfangen ist nur, dass man

  1. nie genau weiss, was erwartet wird, das unterliegt der eigenen Findungsgabe, es erraten,
  2. nie weiss, wie der andere interpretiert, was man tut, das unterliegt, seiner Wahrnehmung,
  3. alles oft ganz anders kommt, als man sich das ausmalt.

Das Resultat beim Gefallenwollen sind meist Frust, Trauer, Wut – zumindest nichts Gutes und das bei allen betroffenen Seiten. Und trotzdem macht man weiter. Man denkt, dass es irgendwann gelingen muss, man sich nur nicht richtig angestellt, sich nicht genug bemüht hat. Und läuft immer wieder ins selbe Aus.

Wozu eigentlich? Hätte ich damals in der Schule mit dem Nachbarsbub die Sau rausgelassen, hätte ich wenigstens Spass gehabt. So wurde ich für etwas getadelt, wofür ich nichts konnte und hatte noch das ständige Gefühl, was zu verpassen.

Wieso soll ich den netten Mann von nebenan nicht anflirten, wenn er eine Frau hat? Ist er treu, ist es ein Spiel, ist er’s nicht, kriegte ihn sonst die Dritte, die sich traut, was ich aus sogenannt moralischen Rücksichtnahmen unterlasse. Wieso soll ich mein Glas Wein nicht trinken und das zweite noch dazu? Spiesser nennen es ungesund, ich habe Spass. Und wer von uns zuerst die Kurve kratzt, das zu entscheiden liegt eh nicht wirklich in unserer Hand – und auch sonst bei keinem, der uns nicht gerade mutwillig umbringt. Das Leben hat seine ungeschriebenen Gesetze, die menschlichen Versuche, denen auf religiösem, wissenschaftlichem oder esoterischem Wege beizukommen, sind eher der Sinn suchenden Verzweiflung denn dem Glauben an Erfolg gewidmet.

Ich denke an all die Menschen, die frisch fröhlich durchs Leben gehen, sich nehmen, was sie wollen, lügen, betrügen, opportunieren, wenn es ihnen in den Kram passt. Ich denke, was für eine Freude im Leben sie haben müssen, können sie tun und lassen, wie ihnen beliebt, wie es ihnen nützt, ohne Rücksicht auf Verlust. Frei nach dem Motto „Mir gehört die Welt und ich nehme sie mir“. Sollten sie je vom hohen Ross fallen, haben sie den Ritt bis dahin genossen, bleiben sie im Sattel, überspringen sie sämtliche Hürden.

Kürzlich sah ich einen Vortrag eines Neurowissenschaftlers und Psychologen. Er erzählte von einem Experiment, in welchem aufgezeigt wurde, dass kleine Babies zu altruistischem Verhalten neigen (sie neigen nicht nur, sie sitzen voll und ganz drin in dem Altruistentopf), erst das Wahrnehmen der Aussenwelt, die Adaption von Vorbildern dazu führe, egoistische Tendenzen auszubilden, sie sich anzueignen. So gesehen wäre jeder Altruist, der auf puren Egoismus verzichtet, schlicht lernresistent. Er hat es verpasst, sich von der Aussenwelt die überlebensnotwendigen egoistischen Tendenzen abzuschauen, die es später erleichtern, über Leichen zu gehen.

Was also tun? Pflicht oder Kür? Der Wunsch nach der Emanzipation vom Urteil von aussen, die Sehnsucht nach der eigenen Grösse, das zu tun, was gerade beliebt, ist gross. Einfach mal die Sau rauslassen, einfach mal den eigenen Weg gehen, fernab von allen Konventionen, Zwängen, Erwartungen. Im Wissen, immer noch geliebt zu sein, akzeptiert zu sein, wenn man ist, wie man ist und sein will. Einfach mal da stehen und wissen, man ist gut, wie man ist, und wer das nicht sieht, kann gehen. Man selber bleibt. Genau so. Der Wunsch bleibt, er fühlt sich gut an. Und doch hat er Grenzen. Sie sind da, wo andere leiden. Wirklich leiden. Nicht weil ihre überzogenen Erwartungen, die nur eigenem Egoismus entsprangen, verletzt werden, sondern weil man ohne Rücksicht auf wirkliche Verluste in ihre Welt eindrang, diese verletzte.

Also doch bleiben, was man zögerlich ist, der ständige Versuch, zu gefallen? Bei Weitem nicht. Augen auf und hinschauen lautet die Devise. Wer bin ich und wo will ich hin? Wieso soll das jemand anders für mich entscheiden? Es ist mein Leben, ich habe nur das eine. Andere geben Tipps und behaupten, alles besser zu wissen, leben lassen sie es doch mich. Wieso nicht gleich das tun, was ich will, wenn ich es sowieso selber tun muss? Dabei aber nie vergessen, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Glück hat und mein Weg nicht zwangsläufig durch das Gebiet des andern gehen muss. Glücklich sein, weil andere leiden kann man nur, wenn man die Augen verschliesst vor dem wirklichen Leben. Ich muss mein Leben nicht nach den Erwartungen anderer richten, kann aber auch nicht erwarten, dass sie mein Leben durch ihr Leid mittragen. Würde jeder so denken, entstände ein Miteinander von selbstbestimmten, das eigene Ich lebenden Menschen.

Friede? Mit sich und den anderen? Alles blosses Hirngespinst und Utopie? Nachtgedanken einer heillosen Idealistin?

Gier ist eine der Todsünden, sie wird als übersteigertes Streben nach Habenwollen, als Raffsucht bezeichnet. Sucht ist eine Krankheit, insofern müssten wir uns fragen: Ist unsere Gesellschaft wirklich krank? Einer Sucht verfallen, aus der sie nicht mehr herausfindet? Welche Therapie kann helfen? Abstinenz? Schicken wir sie einfach mal zu den AG – den Anonymen Gierigen, wo sie sich gegenseitig vorstellen und von Ihrem Streben erzählen können?

„Hallo, ich bin Karl. Ich habe schon Millionen, doch ich brauche mehr.“

Haben hat Sein ersetzt. Suchte man früher zu sein, denkt man nun, dieses sei nur über das Haben zu erreichen. Nicht mehr Sein oder Haben heisst es, sondern Sein durch Haben – vermeintlich. Und da niemand entdeckt, dass man nicht mehr als sein kann, will man immer noch mehr haben, um mehr zu sein. Doch mehr wovon? Wohlstandsbauch? Eher unsexy, wobei ab einem gewissen Haben ist das in gewissen Kreisen nicht mehr relevant, da fungiert das Haben als Kraft der Anziehung.

Fakt scheint zu sein: Haben macht nicht glücklich. Gemunkelt wird schon lange, dass zumindest Geld nicht glücklich macht, aber auch Haben insgesamt scheint es nicht zu tun. Denn wäre man glücklich, dann wäre man zufrieden, vor allem mit dem, was man hat. Doch man will mehr Haben. Man will krankhaft viel haben, verfällt einer Sucht, immer noch mehr haben zu wollen. Wie anders ist es zu erklären, dass gewisse Manager nach Millionensalären über Jahren noch goldene Fallschirme verlangen, im Wissen (und intelligent genug sind sie, sie müssen es wissen), dass das hohe Wellen schlagen wird? Das Wissen verleitet sie, zuerst alles abzustreiten, dann alles spenden zu wollen (wieso es dann überhaupt nehmen?) und am Schluss zu verzichten. Nicht etwa aus Grossmut, nein, weil fast keine andere Wahl blieb. Und weil sie wohl schon neue Wege zu neuem Haben vor sich sehen.

Wozu also das Haben? Es ist wohl der sicherste Wert, den man sieht. Das Sein wankt, es ist unsicher, man weiss nicht, wo sich orientieren, da zu viele Stimmen reden, wie es aussehen müsste. Eine innere, eine alte der Eltern, eine der Firma, eine von irgendwelchen Idealvorstellungen, eine weitere von Freunden, Umfeld, Feinden…wohin hören? Da scheint es einfacher, sich dem schnöden Haben zuzuwenden. Das hat man oder hat man nicht. Dass man das Sein trotzdem vermisst, nagt von tief drin nach aussen – immer neue Höhlen. Und jedes gefühlte Loch lässt die Sucht, mehr haben zu wollen, von Neuem grösser werden. Bloss nicht ins Loch fallen, es schnell zuschütten mit Haben. Daran kann man sich eine Weile halten, bis es nicht mehr reicht und neues Haben her muss. Um neue Löcher zu stopfen. Das Sein findet man so nie, wirkliche Freunde auch nicht. Aber immerhin gibt es Halt. Für kurz. Für einen selber. Rundherum fühlen viele Löcher im Bauch ob dieser Gier des Habenwollens. Doch darauf kann man keine Rücksicht nehmen. Man hat eigene Löcher zu stopfen.

Ich bin beeindruckbar. Spontan relativ leicht, mit etwas nachdenken weniger. Doch im ersten Moment sprudelt es über. Ich schwebe in solchen Momenten ziemlich hoch über dem Boden, schwärme, lache, rede wie ein Wasserfall. Ich bin leicht zu begeistern. Und ich kann das schlecht verbergen, da ich kein Schauspieler bin, immer authentisch und durchschaubar. Es sei denn, ich bin unsicher, dann werde ich zum Buch mit sieben Sigeln. Aber sonst… wer mich kennt, weiss, was abgeht. 

Wenn ich begeistert bin, sage ich ja. Spontan. ich bin dabei. Lasse mich vereinnahmen. Bin bereit zu geben. Viel. Schaue oft zu wenig hin, was ich dafür kriege. Vertraue, dass das Leben fair ist. Der Mensch hätte eine Grundsehnsucht nach Gerechtigkeit, hörte ich heute. Da die Welt ungerecht sei,  leide er beständig an dieser Diskrepanz und reagiere darauf. Spontan wäre es Rache. Durchdacht nähme er sich zurück. 

Ich bin alles andere als rachsüchtig. Wenn, dann geht die Rache gegen mich selber. Wie konnte ich so blöd sein? Wie konnte ich reinrennen? Und: Wie komme ich aus der Nummer raus? Aber von vornherein nein sagen? Das wäre nicht gegangen. Das hätte den anderen verletzt. Vor den Kopf gestossen. Nun täte es das wohl umso mehr. Kann ich? Muss ich? Es klang so gut. Klang so gross. Ich fühlte mich daneben vielleicht grad klein. Sah dort das Wissen, hier den Bedarf. Wollte gefallen. Angenommen sein. Wollte geben, wie immer. Vergass, dass ich auch brauche. Vertraute drauf, dass es schon komme. 

Wo liegt der Fehler? Zu wenig nachgedacht? Zu viel vertraut? Und was mache ich mit diesem Fehler? Ich kann mich zerfleischen, mich schelten. Aber ich kann auch hinsehen und etwas erkennen. Etwas, das wie alles in dieser Welt positive und negative Seiten hat. Ich brauche mich nicht zu verdammen und auch nicht mit mir zu hadern, aber ich kann etwas lernen. Für mich und für die Zukunft. Es ist schön, begeisterungsfähig zu sein. Nie ist der Himmel so blau und die die Welt so bunt wie in diesen Phasen. Wenn ich dabei bemerke, dass diese Welt nur so bunt bleibt, wenn ich darin mich selber bleibe und mich nicht aufgebe, kann mir nichts geschehen. Die Welt bleibt hell und schön. Vielleicht merke ich, dass es nicht meine Welt ist, doch ich kann mich an ihr freuen, mich freuen, dass es solche Welten gibt. Wenn ich mich verbiege oder gar aufgebe, um in die Welt zu passen, dann kann die Welt mit ihren Farben grell und erschlagend werden. 

Es passt nicht jeder in jede Welt. Und das ist gut so, denn es gibt viele Welten – für jeden eine passende. Sich zu wünschen, man wäre in einer anderen, ist immer frustrierend, denn dann wäre man nicht mehr man selber. Ab und an hadert man mit sich, weil man ist, wie man ist. Doch gibt es immer auch Gutes am Selbst. Und das möchte man im Gegenzug nicht missen. Deswegen ist es wohl besser, die unpassenden schönen bunten Welten erfreut zu sehen, aber in der eigenen wohnen zu bleiben. Im Wissen, dass die Schönheit auf Dauer nur in dieser erlebbar bleibt.

Die andern bunten Welten leuchten weiter, verlockend, strahlend. Der Lernprozess fürs eigene Leben besteht wohl darin, zu erkennen, welches die eigene Welt ist, in der man leben kann. Ab und an sich wünschend, dass man ausbrechen könnte und neue Welten erleben. Sich aber besinnend, dass man ist, wie man ist. Mit einer Prise Dankbarkeit für das Gute und einer Prise Nachsicht für das, womit man dann und wann hadert. 

Oft geben wir den anderen und ihren Gedanken über uns mehr Gewicht als unserem eigenen Glauben an uns.

Ich bin, wie ich bin. Wer das nicht hinnehmen will, soll es lassen und gehen. Ein starker und selbstbewusster Vorsatz. So gemeint, sicherlich, doch in der Umsetzung hapert es oft. Tief drin will man doch gefallen. Tief drin meldet sich das Kind in uns mit der Angst, alleine da zu stehen, wenn die anderen schlecht über einen denken. Man fürchtet, verlacht, verspottet, ausgestossen zu werden.

Früher hat man aus diesen Ängsten hinaus versucht, sich anzupassen. Man verhielt sich, wie man dachte, die anderen erwarten es von einem, man sagte oft, was gehört werden wollte. Man wurde oft auch so erzogen, wenn nicht explizit, so doch implizit. Irgendwann durchschaut man dieses Verhalten, sieht, dass man dabei selber oft auf der Strecke bleibt und die damit erhofften Vorteile nicht erzielt werden. Zumindest nicht zu einem Preis, den man zahlen will. Der Preis ist das eigene Selbst.

Man trifft den folgenschweren Entschluss: So nicht mehr. Ab heute bin ich ich. Und bleibe ich. Und gehe den Weg, den ICH gehen will. Nicht rücksichtslos, nicht über Leichen, aber auch nicht über mich selbst hinweg. Und man glaubt daran und will es auch, weil man die Mängel des zu sehr angepassten Wegs erkannt und für unpassend befunden hat. Eigentlich ist nun alles gut.

Eigentlich. Tief drin sitzt noch die Stimme, die ab und an ermahnt, dass man vielleicht doch nicht ganz so könnte, wie man gerade wollte. Da sitzt die Stimme, die bei einer Kritik einer anderen Person nicht erst hinterfragt, ob sie wirklich recht hat mit dem, was sie sagt und noch wichtiger, ob uns der Punkt überhaupt kümmert. Wir hören die Kritik, fühlen uns angegriffen und oft auch klein. Wir geben dieser Kritik eine Macht und eine Kraft, die uns bei genauerem Hinsehen selber stutzig macht. Umso stutziger, wenn die Kritik offensichtlich ins Leere greift, Unwahrheiten trifft oder schlicht daneben liegt. Irgendetwas nagt an uns. Was ist es?

Oft sind es die Muster von früher, die wir im Verstand zwar als überholt bewertet haben, die aber tief drin noch nachwirken. Wir wollen gefallen. Wir fürchten, alleine zu stehen. Fürchten, die Kritik der einen Person könnte auf andere übergreifen oder an die portiert werden und von da auf uns zurück fallen. Ohne dass diese die (fehlende) Wahrheit dahinter kennen. Oder vielleicht fühlen wir uns einfach auch nur ungerecht behandelt, ungerecht gesehen. Und das nagt. Trotz aller Vorsätze und allen Besserwissens.

Sich für die Sicht von aussen zu verschliessen wäre sicher kein guter Weg. Wahrheiten zeigen sich immer im Austausch, auch die Wahrheit über sich selber. Ein altes Sprichwort sagt: Vier Augen sehen mehr als zwei. Wie bei den meisten ist auch daran etwas dran. Oft verstricken wir uns in unseren eigenen Gedanken, sehen quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die Sicht von aussen kann helfen, wieder den Wald zu sehen, nebst all den Bäumen, die uns vorher verwirrten. Dabei ist aber nie sicher, ob sie wirklich auch den Wald im Blick hat, in dem wir stehen und ob der Wald zu dem Zeitpunkt überhaupt zählt und nicht doch nur ein Baum. Das können wir nur selber herausfinden, indem wir in uns hinein hören und ehrlich zu uns selber sind:

Wer bin ich?

Wie bin ich?

Hat der andere recht mit dem, was er sagt, auch wenn es schmerzt oder ist es eine Fehleinschätzung?

Wie will ich sein?

Kann ich das?

Was fehlt?

Hilft mir die Sicht des anderen, so zu werden?

Wenn uns die erst verletzende Sicht des anderen zu diesen Fragen leitet, haben wir für uns selber schon etwas gewonnen: Ein Blick ganz nach innen und ein Stück Bewusstsein für den Menschen, der wir sind. Und aus diesen Erkenntnissen formt sich ein Selbstbewusstsein, das von innen heraus zu sich zu stehen lehrt.

Wer sich nun am Ende glaubt und den Märchenschluss des „und so lebte sie fröhlich und glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ erhofft, der wird leider enttäuscht. Das ist erst der Anfang. Die Zeiten ändern sich, man selber ändert sich. Die Fragen bleiben immer aktuell. Das Selbstbewusstsein bleibt nur bestehen, wenn man mit sich selber in Beziehung bleibt, ab und an mal wieder nachfragt, achtsam hinschaut. Und wenn nötig von Neuem an sich arbeitet.

Austausch zwischen Frauen:

„Heute treffe ich Klaus.“

„Klaus ist nett, der gefiel mir immer.“

„Stört es dich, wenn ich Klaus treffe?“

(Und wie es mich stört, ich mag das nicht.) „Nein, kein Problem, mach nur, ist ja nicht mein Besitz!“

„Ich kann es wirklich lassen, er und das Treffen bedeuten mir nichts.“

„Nein, geh nur.“ (Du kannst doch selber merken, dass du das Treffen absagen solltest, muss ich drum betteln?)

 

Szenen einer Ehe:

„Ich gehe heute noch weg, ist das ok?“

(Eigentlich wäre ich froh, heute nicht alleine zu sein) „Ja, geh nur. Ich hätte zwar noch etwas besprechen wollen, das reicht aber morgen.“

„Bist du sicher? Ich kann auch hier bleiben.“

„Nein, geh nur, ist schon ok.“ (Du kannst doch selber merken, dass du bleiben sollst, muss ich betteln?)

„Ok, dann gehe ich, wir besprechen es morgen.“

 

Und während der eine tut, was er ankündigte und was ihm so geraten wurde, zürnt der andere, dass er es tut und nicht merkte, dass die Worte nicht ehrlich, der Wunsch ein anderer war. Hatte er zu wenig Feingefühl? Wusste er insgeheim, dass er nicht sollte, überhörte das aber und machte einfach, was er vorhatte? Log er sich vor, dass es ja ok sei, man die Erlaubnis eingeholt und verbal gekriegt hatte. 

Die Folge solcher Szenen sind meist verletzte Gefühle gefolgt von Vorwürfen gefolgt von Streit, im schlimmsten Fall Zerwürfnissen. Die Schuld wird dem zugeschoben, der getan hat, was nicht gewollt war. Weil er es tat. Weil er die eigenen Wünsche nicht erfüllte, von denen er gar nichts gewusst hatte. Die er vielleicht geahnt hatte, aber dann dachte, den Worten trauen zu können. Vielleicht ahnte er sogar, dass er denen nicht trauen konnte, dachte aber, dass es nicht so schlimm sei, er ja nichts böses tue. Doch die Falle schnappt zu. 

Wieso fällt es einem ab und an so schwer, zu den eigenen Wünschen zu stehen? Wohl, weil man sich keine Blösse geben will. Man möchte nicht bitten, nicht betteln. Man möchte stark erscheinen, über der Sache stehend. Was man im Vorfeld in Worten gut hinkriegt, im Nachhinein aber in Taten zurücknimmt. Und damit noch viel mehr die eigene Verletzlichkeit demonstriert. Doch das kümmert nicht. Man ist in Wut, in Rage, fühlt sich im Recht, sieht den anderen als Schuldigen für das eigene Leid, das eigentlich durch das Verneinen der eigenen Wünsche zustande kam. 

Eigentlich weiss man schon beim Verneinen der eigenen Wünsche, dass dieses Spiel nicht gut enden kann. Man kennt den Lauf der Dinge irgendwann. Und doch haut man immer wieder in dieselbe Kerbe. Kommt aus diesem Muster nicht raus, das aus verschiedenen Komponenten besteht:

  • Sich keine Blösse geben, über den Dingen stehen
  • Sich unterzuordnen und zu denken, die eigenen Wünsche wiegen weniger als die des anderen
  • Dem Denken, dass man eigentlich nicht richtig handelt, etwas zu verbieten
  • Selbstzweifeln generell
  • Ängsten
  • Frust
  • etc.

Der erste Schritt aus dem raus ist wohl, das Muster zu erkennen, hinzuschauen, was abläuft und zu sehen, was dabei heraus kommt. Sieger gibt es auf diesem Weg keine, verlieren tun am Schluss alle. Jeder auf seine Weise. Der zweite Schritt wäre wohl, sich selber ernst zu nehmen und sich zu trauen. Sich zu trauen zu seinen Wünschen zu stehen, zu seinen eigenen Bedürfnissen zu stehen und zu sehen, dass diese gleich viel wiegen wie die des Anderen. Dass man sie ausspricht heisst nicht, dass der andere danach genau danach handelt, aber er weiss, woran er ist, wirklich ist. Und kann das in seine Entscheidung miteinbeziehen. Selbst wenn er dagegen handelt, fühlt man sich besser, weil man sich selber ernst genommen hat, für sich selber einstand. Man machte die eigenen Wünsche nicht klein, versteckte sie nicht, sondern stand hin und sagte:

„Das bin ich, das will ich.“