Ab und an frage ich mich, in was für einer Welt wir leben. Man sieht wunderschöne junge Menschen strahlend in die Kamera lächeln, ihr wunderbar buntes und meist luxuriöses Leben präsentieren. Alles glänzt, alles ist perfekt. Und dann bringen sie sich um. Weil sie – wie man dann so liest – schon lange Depressionen gehabt hätten. Aber: Sie haben einen Schein aufrecht erhalten, der andere mitriss, es ihnen gleich zu tun. Und sie sind nachher am Druck zerbrochen. Die nächsten werden es unter Umständen auch tun.

Wir sind darauf geeicht, zu präsentieren, was wir alles haben, da wir nur wer sind, wenn wir was haben – und davon bitte möglichst viel. Mein Haus, mein Boot, mein Auto. Drunter geht nichts. Die erste Frage beim Kennenlernen ist, was man beruflich mache und ob das Einkommen gut sei. Oder aber es kommt ein Monolog, was alles vorhanden ist. Danach stockt das Gespräch. Man möchte natürlich bitte nicht drauf reduziert werden. Tut es aber selber meist.

Sein und haben – die Thematik ist nicht neu, Erich Fromm schrieb ein ganzes (wirklich lesenswertes) Buch darüber. Worauf gründen wir unser Selbst-Bewusstsein? Wie bewerten wir die anderen? Wie viel zählt der Mensch noch, der Kern unter dem Leistungsträger? Böse Stimmen erachten alle, die es nicht schaffen, als Leistungsschmarotzer. Sprich: Einer, der – wieso auch immer – nicht mehr kann, ist ein Parasit. Damit wird ihm die Würde abgesprochen, denn Würde liegt in der Fähigkeit, autark zu leben. Grundsätzlich würde das in einem Sozialstaat auch der, welcher darauf angewiesen ist… da er in einem System lebt, in welchem das so vorgesehen ist. Dafür sollten wir dankbar sein, denn es kann wirklich jeden treffen. Nur:

Stimmen werden lauter, die alle, welche dann wirklich darauf zurückgreifen müssen, degradieren. Im Grundgesetzt heisst es, die Würde des Menschen sei unanstastbar. In meinen Augen müsste man das durchsetzen. Und ahnden. Ich denke nicht, dass die unsere Demokratie und unser System gefährden, die – aus meist tragischen – Gründen darauf angewiesen sind, davon getragen zu werden. Wirklich gefährdend sind die, welche die Grundwerte mit Füssen treten. Und ja, es gibt Menschen, die das System anklagen. Aber es heisst schon im Rechtssystem „in dubio pro reo“ – da wäre es im sozialen Bereich nichts als billig…

Wir scheinen in einer Welt zu leben, in der Schein alles ist. Du musst gut aussehen, um was und wer zu sein. Daran zerbrechen viele. Wie schön wäre es, wieder sein zu können. Und zu wissen, dass es Hilfe gibt, wenn es mal nicht geht. Dass man nicht einen Schein bewahren muss, bis man nicht mehr kann… zu wissen, dass man Mensch sein kann mit Schwächen. Unter Menschen. Mit Empathie.

Ich war eine lange Zeit sehr aktiv in den sozialen Medien unterwegs. Vor allem auf Facebook. Das tat nicht immer gut. Ich bin ein Mensch, der hinschaut, tief geht. Das ist nicht immer gewünscht. Ich bin ein Mensch, dem alles sehr nahe geht, der sich Dinge zu Herzen nimmt. Darunter litt ich sehr. Ich durfte nicht einfach sagen, was ich fühle, ich musste es filtern, da es taxiert wurde. Und verurteilt. Ich merkte oft: Man sucht fast nach Fehlern bei andern und drückt den Daumen rein. Und: Mir gingen all die Schicksale nah, die ich las. Ich nahm Anteil. Und merkte: Viele produzieren sogar ihr so genanntes Leid medienwirksam. Es geht nicht um ein Miteinander, um Mitgefühl, es geht um Likes.

Ich habe mir dann eine Auszeit genommen bei Facebook. Das war für mich das grösste Haifischbecken. Instagram ist viel Schein, aber selten Angriff. Twitter ist kurz und knapp, man kann alles mit der Zeichenzahl begründen oder entschuldigen. Facebook ist gnadenlos. Da leben sie sich aus. Ich mochte Facebook lange. Aber ich merkte, es tat mir nicht gut. Drum diese Nachricht:

Ich war eine Woche raus aus FB. Man glaubt es kaum. Es ging gut. Und es fiel wohl gar nicht vielen auf. Das ist gut. Ich gehe nicht ganz raus aus FB, aber ich werde kürzer treten. Und: Da ich hier freiwillig und zum Spass bin, lösche ich in Zukunft alles, was mir nicht gut tut. Wer nun was von Filterbubble babbeln will, darf sich gerne löschen. Ich mag kontroverse Diskussionen, aber keine Oberlehrer (ich habe zum Glück einen Schulabschluss und meiner reicht mir). Ich mag Kunst, aber es ist nicht alles Kunst, was sich solche schimpft und die Freiheit hat da wie überall eine Grenze, nämlich die, wenn die Freiheit anderer begrenzt wird. Ich mag keine Rassisten, keine Diskriminierer, keine Menschenverachter und keine ach so Lustigen, die auf alles einen doofen Kommentar haben. Ich suche hier keinen Mann, keiner muss sich fragen, wo ich die Zeit für das hernehme, das zu tun, was ich tue, ich werde auch nicht offenlegen, was ich dabei verdiene und wieso.

Ach ja: Den Witz, ob ich aus meinen Yogastellungen wieder raus komme, den hörte ich schon einige Male. Er ist weder originell noch lustig. Ich steh nicht so auf Dummheit und plakative Witze. Wenn jemand meint, sagen zu müssen, dass das schmerzen müsse, muss ich gestehen, dass ich wohl im Leben vieles tat, das schmerzte, wie wohl jeder Mensch. Für ein Foto in den sozialen Medien würde ich keine Schmerzen eingehen. Wozu? Einige verbiegen sich, um die Erwartungen anderer oder des täglichen Lebens zu erfüllen, ich tue es auf der Matte. Ich könnte das andere nicht. Ich bin sehr dankbar, dass ich es nicht muss.

Wer sich nun fragt, wieso ich das alles schreibe? Es hat klar Gründe. Wie sagte schon Heidegger in seiner Schrift „Der Satz vom Grund“:

„Nichts ist ohne Grund“

Ich werde mir kein dickeres Fell zulegen (wurde mir oft geraten), ich stehe zu meinen Schwächen und Problemen (ich bin kein Einhorn, ich bin ein Mensch), ich muss mich hier nicht anpissen lassen – wozu? Dazu gibt es das Leben, das tut es schon gut. Man sollte sich daneben Räume schaffen, die gut tun.

Ich bin gespannt auf die Reaktionen. Aber: Sie sind eigentlich nicht wichtig. Menschen, die an mir als Menschen interessiert sind, die möchte ich nicht verlieren. Davon gibt es einige auf Facebook. Und: Sie mag sie als Menschen und nehme Anteil. Und das möchte ich weiter tun können. Der Rest hat sicher genug Plattformen, sich zu produzieren. Vermutlich geht es bei den sozialen Medien im Grunde darum. Ich suche Menschen. Und Menschlichkeit. Ich habe wenige Mittel, etwas in der Welt zu verändern. Ich kann nur im Kleinen anfangen.

Auf Facebook gibt es immer wieder diese Aufrufe: Teile dieses Bild, um deine Solidarität mit den Hungernden in Afrika zu demonstrieren. Setze dein Bild auf schwarz, um dich für Frauen, die Gewalt erlebt haben, eingesetzt haben. Teile diesen Beitrag, wenn du dich für die einsetzen willst, die Krebs haben.

Und wenn nicht? Bin ich ignorant und schuld an Hungersnöten, Gewalt und Krebs? Und ja, es steht nicht nur so da, es kommt gleich noch hinterher – so von oben herab quasi: Ich weiss, dass viele es nicht tun. Und nein, man will nicht ignorieren, man will ja ein guter Mensch sein, man kann nicht einfach wegschauen.

Nur: Wenn ich das teile: Sind dann alle Erkrankten wieder gesund? Haben alle Hungernden Essen? Hört die Gewalt auf? Hat bisher nicht funktioniert und geteilt wurde fleissig. Ich denke auch, dass man was tun muss, wenn man was ändern will, aber mit solchen Methoden? Mach, was ich fordere, sonst soll dich dein Gewissen plagen? Ein Teilen sind zwei Klicks… Damit lässt sich ein Gewissen beruhigen?

Vielleicht liegt genau da das Problem….

Daraus müsste man ne Reihe machen, es gibt so viele. Eine, die mir heute grad wieder unterkam….

Die Unpackings. Das ist, wenn jemand ein Paket kriegt und das mit der Welt teilen will… also lässt er die Kamera laufen und holt dann… so ganz spontan… das Paket ins Bild.

Leute, ich habe das Paket gekriegt. Lasst uns gemeinsam schauen, was drin ist.

Die Leute dürfen dann zuschauen, wie besagter Mensch an der Verpackung rumnestelt, es schliesslich geöffnet kriegt und den ach so tollen Inhalt präsentiert. Aber he:

Was kümmern mich Pakete anderer Menschen? Und: Ich habe noch nie was abgekriegt. Wie egoistisch ist das denn? Nur neidisch machen wollen? Ne… geht ja gar nicht. Und überhaupt: Wenn ich was brauche, bestelle ich es gerne selber. Und packe es dann mit viel Freude ohne Kamera aus.

#sachegits

In Barcelona fuhr einer in eine Menge. Verletzte, Tote wohl. Die Polizei spricht von Terror. Einmal mehr schlug der zu. Und immer kriegt er Aufmerksamkeit, wird in allen Medien breitgetreten, die Angst wird geschürt. Die Menschen fragen sich, was sie noch tun können, wo sie noch hin können. Und die Terroristen? Jubilieren. Ziel erreicht.

Nun ist der Mensch nicht dumm, er denkt sich: Wir dürfen denen keine Plattform bieten. Und so schreiben nun alle: Ich biete dem keine Plattform. Ich sage NICHTS zu Barcelona. Ich gebe denen keine Plattform. Und dann nutzen sie den Hashtag. Um ja gefunden zu werden in ihrer Botschaft.

Ja, man könnte nun sagen: So doof aber auch. Das wäre einfach. Aber so einfach ist es nicht. Terror macht Angst. Tote und Verletzte machen betroffen. Und man möchte nicht einfach wegschauen. Man möchte den Opfern die Ehre erweisen, möchte seinem Entsetzen Ausdruck geben. Man möchte nicht wegsehen und nicht als Ignorant gesehen werden. Aber um das zu erfüllen, muss man es thematisieren. Und: Jede Erwähnung ist Wasser auf die Mühlen derer, die das verursacht haben.

Unser System der öffentlichen Stellungsnahme hat sich verselbständigt. Man kann nicht das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Sprich: Was nicht öffentlich wahrgenommen werden kann, ist nicht passiert. Was öffentlich wahrgenommen werden kann, wird nach allen Seiten hin genutzt.

Da kommen wir nicht mehr raus. Es gilt, damit umzugehen. Noch sind wir weit davon entfernt. Und ja, vielleicht haben wir uns damit selber überfordert. Bislang konnten wir vieles verheimlichen. Auch vor uns selber. Nun existiert quasi nichts mehr, wenn es nicht von allen gesehen werden kann. Und alle sind verdammt viele. Wie mit all denen umgehen, wenn wir oft schon mit uns selber Mühe haben? Wir wollen eigentlich nur eines: Vor allen genügen.

Ich lese ja immer mal wieder Tipps und Tricks, wie man auf Social Media durchstartet. Einen verfolgte ich mal und eines meiner Bilder hatte plötzlich 600 Klicks, während der Rest sich bei knapp zwei Stellen tummelte. Und: ich schämte mich. Es war nicht echt. Ich überlegte – so wirklich – das Bild und damit alle Likes – zu löschen. Ich dachte dann, dass das Bild viel schneller Geschichte sei, als ich es löschen könnte – ich denke, ich hatte recht.

Ich höre immer wieder, man müsse eindeutig sein auf Kanälen im Social Media. Nur wenn man fassbar ist, wenn der Content erkennbar ist, wenn die Peergroup sich erkennt (man bemerke meine Kenntnis der Fachbegriffe), hätte man Erfolg.

Ich habe also ein zweites Profil auf Instagram eröffnet. Da stelle ich nun meine (auf fotografischen Anspruch ausgerichteten) Fotos rein. Die ich mag. Ich fotografiere gerne. Und ab und an auch gut (sage ich mal so ganz unbescheiden, wie ich es so wirklich selten fühlen würde – ich bin eher selbstkritisch). Nur: Seit da lösche ich immer mal wieder Bilder, weil ich schlicht falsch eingeloggt bin. (Nebenbemerkung: Meine Spracherkennung erkennt „eingeloggt“ nicht. Sie ist sowas von gestern. Wie ich wohl auch.)

Ja, ich bin Literatin, ich liebe Bücher. Aber mein Gott: Das Leben besteht nicht nur aus Buchstaben. Bei mir zwar sehr – lesend und schreibend. Aber: Es gibt noch mehr. Und bleibe ich nicht immer ich? Wenn jemand sich gestört fühlt durch ein Bild, das nicht ein Buch oder ein Zitat daraus bringt, dann soll das wohl so sein. Ich merke immer wieder: Ich kann mich nicht zweiteilen. ich bin ich. Und ich bin vielschichtig. Und alles, was ich bin, soll bei mir sein.

Damit bin ich wohl nicht so der Bringer auf Social Media. Aber: Ich bin ich. Und ich kann dazu stehen. Ich mag es nicht, mich nach aussen darzustellen. Das zählt zwar heute, ich kann wohl nicht mithalten. Den Preis dafür zahlen wohl viele. Wirklich gewinnen nur einige wenige. Aber ganz viel mehr leiden. ich bleibe mal, wie ich bin. Nicht so wirklich eindeutig. Eher so vielschichtig. Schon mit einer Linie. Und mit Können. Denn: Was ich nicht kann, das tu ich nicht. Von „mach doch mal“ halte ich wenig. Wenn man nicht tut, was einem liegt, wenn man nicht ist, was tief im Herzen liegt, wird man immer nur abarbeiten. Einige kriegen was aufs Konto, die meisten verlieren sich selbst.

Was ich ab und an bei FB so liebe? Menschen, die ein Wort hinschreiben. So ein vieldeutiges. Es können auch viele Worte sein, vieldeutige, die aber irgendwie nichts aussagen, nur was ganz diffus erahnen lassen. So Andeutungen, die keiner versteht. Vor allem keiner, der nichts weiss. Einige wissen vielleicht was. Die zeigen sich dann als Eingeweihte. Sie sind quasi die Insider des Mysteriums.

Fragt man nach, kommt:

Ich will nichts drüber sagen.

Ja mein Gott, ich wollte es gar nicht wissen. Hätte man nix gesagt, wäre keine Frage gekommen. Fragt man nicht, hiesse es, man interessiere sich nicht. Aber:, Wieso also muss man ein diffuses Wort hinschreiben? Was will man damit bezwecken?

Ich könnte jedes Mal kotzen. Und würde am liebsten entfreunden, blocken, durchatmen. Aber. Ich bewahre Contenance. Denke mir „da will sich wer wichtig machen“ und gehe weiter. Aber: Doof finde ich es….und ich verstehe es nicht. Was bringt das demjenigen? Ist das ein Gewinn? Fühlt man sich mysteriös? Man müsste ja denken, andere hätten kein Leben, die würden dann am Computer sitzen und sich die Kopfhaut blutig kratzen beim Versuch, das Rätsel zu lösen?! Sind sie so wichtig? Andere so klein – aus ihrer Sicht? Sympathisch finde ich das nicht.

Was ich noch dazu sagen möchte: Das Verhalten mag doof sein, es unterstützt aber auch noch eine Tendenz: Sich nicht mehr zu interessieren. Man liest Andeutungen, geht drüber weg. Vielleicht auch mal bei wem, dem es schlecht geht, der Hilfe bräuchte. Weil: Man wird durch diese selbstverliebten Mysteriumsbauer darauf trainiert, nicht nachzufragen, weil es schlicht nix bringt, als ein Ego noch mehr aufzubauen. Und DAS finde ich wirklich traurig.