Vom Speckvegetarier zum liberalen Käsefreund

„Mama, hat es da auch was drin, das nicht vegetarisch ist?“

Diese Frage stellte mir mein Sohn gestern beim Nachtessen. Auf dem Teller lag ein Gemüsecurry und Reis. Und es war wirklich lecker, was er auch sagte, aber eben: Es hatte kein Fleisch drin.

Vor kurzem verkündete ich vor versammelter Mannschaft: Ich mag kein Fleisch mehr essen. Ich war 20 Jahre Vegetarierin, begann dann vor einigen Jahren, dieses zu schätzen und auch zu geniessen, ass es in Mengen und war froh, diesen Genuss wieder zu haben. Der Genussfaktor hielt nicht lange, bald merkte ich, dass das im Essen, was am wenigsten schmeckte, das Fleisch war – einzige Ausnahme: Speck. Den liebte ich heiss – in allen Gerichten diente er als Ölersatz und Geschmackträger und -bringer. Auf Speck verzichten? Keine Chance.

Ich nannte mich Speckvegetarier und kochte aber weiter wie bisher – schliesslich bin ich umgeben von Fleischfressern. Zudem ist es bequem, in alten Kochmustern zu verharren. Doch je länger je mehr stimmt es für mich nicht mehr. Die Skandale in jüngster Zeit sind nur ein Punkt mehr dabei. So kam es zu meiner Verlautbarung vor Kurzem. Das schlechte Gewissen liess nicht auf sich warten, vor allem, als ich die grossen runden ungläubigen Augen des mir Gegenübersitzenden sah. Der neben diesem Sitzenden hatte einen ebensolchen offenen Mund.

„Mama, das geht nicht. All die leckeren Würste, dein Fleischkäse im Teig, all deine leckeren Rezepte…“

Sprachloses Nicken Seitens des andern Skeptikers unterstützte dieses Votum. Andere scheinen da abgebrühter, schrieb doch unlängst eine Journalistin ein Buch mit dem Titel Mami, ist das vegan? Das dazugehörige Video gibt es auch, selbst wenn es wenig preisgibt, wie ich meine Skeptiker überzeugen könnte. Und irgendwie widerstrebt es mir auch, andere für Dinge zu gewinnen, die ich will. Zwar finde ich die Skandale grausam, trotzdem ist es jedermanns eigene Sache, wie er sich ernähren will. Da ich sowieso schon nur frisch kaufe und koche, betraf mich bislang keiner der Skandale, ich bin da sehr bewusst. Und trotzdem: Ich für mich will mehr.

Noch greife ich beim Einkaufen gewohnt zum Fleisch, der Kühlschrank ist noch voll davon, die Tiefkühltruhe sowieso. Die Aufgabe wird sein, wie das an die beiden Fleischesser zu verteilen, und dabei selber meinen Weg zu gehen. Es wird kein radikaler Weg sein, denn es steckt nicht mal wirklich eine Ideologie dahinter. Als Gast esse ich noch immer, was ich vorgesetzt kriege. Und doch möchte ich für mich zurück zu einem fleischlosen Alltag. Vegan indes ginge nie. Milch, Joghurt, Sahne, Honig – kein Problem, können alle wegbleiben (ich vertrage sie eh alle nicht). Aber so ein leckerer rezenter Hartkäse – auf den würde ich nicht verzichten wollen.

Darf ich meine Familie zwingen, fleischlos zu leben, wenn sie das nicht wollen? Ich finde nicht. Genauso wenig können sie aber von mir erwarten, dass ich das Fleisch esse, nur weil sie es haben wollen. Da ich koche, werde ich es für sie weiter auf dem Speiseplan haben. Wir sind damit ein nicht konsequenter, liberaler Haushalt. Mir soll’s recht sein. Schliesslich will ich nicht die Welt verbessern, sondern für mich ein Stück Bewusstsein leben. Bewusstsein kann man nicht befehlen, man kann es nur leben – vielleicht findet jemand Geschmack dran. Das darf aber nicht das Ziel sein.

3 Comments

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  1. Aber es ist auch nicht verboten, es sich heimlich zu wünschen. 🙂 Mein Mann isst mittlerweile fast keine Wurst mehr, viel Käse eigentlich auch nicht. Von mir bekommt er 2 bis allerhöchstens 3 x kleine Fleischportionen (er will die selbst so klein) in der Woche im warmen Essen; sonst „muss“ er vegan mitessen, was mir einfällt und was ihm meistens schmeckt. Wünsche können gern geäußert werden, sie werden auch oft erfüllt. Aber nicht täglich separates Essenkochen, vegan schmeckt ja genau so prima. Sonst könnte er selbst kochen, aber das macht er nicht… 😉

    Fröhliche Grüße von Anemone

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    • Ich denke, da wird es bei uns wohl auch einpendeln. Immer Fleisch muss nicht sein, gar keines wollen sie nicht. Damit kann ich leben, sie auch, dann passt es ja. Vegan schaffe ich wohl nicht, wobei ich nah dran bin, dadurch, dass ich weder Milch trinke noch Joghurts esse. Nur beim Käse… da werde ich schwach 😉 Allerdings nur Hartkäse und nur wenig, ich vertrag nicht zu viel davon, da ich eigentlich eine Unverträglichkeit habe.

      Herzliche Grüsse zurück

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      • Ja, die LI war auch mein Auslöser. Bei mir gehts sehr gut ohne. 1 x hab ich in 8 Wochen ein Brot mit Käse verdrückt, ganz bewusst und mit Genuss. Ich vermisse das aber nicht weiter. Ehrlich gesagt denke ich, dass jedes EINZELNE vegane Essen ein Gewinn ist, und nicht, ob man /frau nun zu 100 % vegan isst oder sogar lebt, was noch mal ein ganz andrer Schritt wäre.

        Bis die Tage! Schau doch mal auf meinem Blog vorbei, wenn Du Lust hast.
        LGA

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