Was mich ab und an nervt im Leben – vor allem in den sozialen Medien? Man muss sich entscheiden. Esse ich Fleisch, sind die Veganer empört, überfluten mich mit Bildern von gequälten Tieren und fühlen sich ethisch moralisch korrekt. Esse ich keines, spotten die Fleischesser und finden sich witzig.

Ich kann also essen, was ich will, ich trete damit immer wem auf die Füsse… und werde aufgrund dessen ver-/beurteilt. Ich bin Unmensch oder Esoteriker, grausam oder lebensfremd.

Da die Religionen um Gott so langsam nicht mehr in sind – man führt da die verbohrten Sichten und das Verurteilen Andersgläubiger ins Feld, musste man eine neue Religion schaffen. Man fand sie in der Ernährung.

Achte also gut darauf, was du isst, es könnte dich Freundschaften kosten….

Schaut man Dokumentationen über Indien, sieht man, dass neben der Schönheit der Natur, der Vielfalt der Götter und der Buntheit der Traditionen vor allem eines vorherrscht: Missstände. Armut treibt Bauern in den Selbstmord, die hinterbliebenen Familien kommen mehr schlecht als recht über die Runden, Mädchen sind unwert, werden entweder gleich abgetrieben oder aber vernachlässigt und so dem Tod anheim gegeben. Kastensysteme sind noch heute vielerorts undurchdringbar, was vor allem für die unteren Kasten ein oft mehr als bedenkliches Leben bedeutet.

Aus diesen Land stammt der Yoga, der in unseren Breitengraden einen Höhenflug erlebt, der seinesgleichen wohl sucht. Ständig öffnen neue Studios ihre Türen, Shops an prominenter Lage mit teuren Yogakleidern, glänzenden Böden und ebensolchen Bildern an den Wänden laden gewillte Yogis ein, sich stilgemäss für die Yogastunde einzudecken. Die ganz ernsthaften Yogis üben nicht nur regelmässig auf der Matte, nein, sie sind schon weiter und belächeln die noch still übenden als Mattenturner. Denn: Yoga ist mehr, Yoga ist nicht nur Sport, es ist eine Philosophie. Mit Werten, Geboten und spirituellen Ansprüchen. Die werden gerne propagiert, jedem, der sie hören will – oder auch nicht – um die Ohren gehauen.

Von Yamas und Niyamas ist die Rede, das erste der ersten ist Ahimsa: Gewaltfreiheit. Das wird besonders gerne auf die Ernährung angewendet: Veganismus ist das einzig Wahre, alles andere übt Gewalt an Tieren aus und ist damit zu verdammen. Die Art und Weise, das den Ungläubigen zu vermitteln ist oft aggressiv und abwertend, vom Gedanken des Nicht-Wertens, der im Yoga ebenfalls sehr hoch angesiedelt ist, merkt man kaum mehr was. Man kann nun mit gutem Willen sagen, dass hier ein Wertekonflikt herrscht und die Gewaltlosigkeit das Nichtwerten übertrifft an Relevanz und drum aussticht. Ob die oft aggressive Art allerdings nicht auch eine Form von Gewalt ist? Das bleibe dahingestellt. Sie gehen so ja gegen Ignoranten vor, sagen sie, der Zweck heiligt wohl quasi die Mittel.

Nun geht, wer ein guter Yogi sein will, gerne zurück zu den Wurzeln. Er reist nach Indien. Mindestens einmal im Jahr, wenn möglich, gerne auch für länger. So mancher mag sich wohl fragen, wie sich das finanziert, doch das geht keinen was an, über Geld spricht man nicht, man hat es nur – auch in der Yogaszene, sonst würden die glänzenden Angebote nicht so ziehen. Oft wird es auch anstrengend verdient, durch Retreats an entlegenen Orten, Workshops rund um die Welt. Der moderne Yogi jettet um die Welt – gibt es eine ökologische Gewalt? Die darf man wohl nicht anführen, schliesslich muss der Mensch ja von etwas leben und wir wollen nicht werten. Aber zurück:

Der moderne Yogi sitzt nun also in Indien und will sich eine Zeit lang den Ursprüngen seiner Lebenswese widmen. Durch die sozialen Medien kann die Welt daran teilhaben und wird Zeuge der enthusiastischen Ausrufe. Es ist die Rede vom „Paradies“, Indien wird als „Wundervolle Heimat“ bezeichnet und alles ist wundervoll, erhaben. Ich sah noch nie Bilder von Obdachlosen, welche die Strassen säumen nachts, hörte nie etwas über die Missstände vor Ort. Dieselben Yogis, die hier also Menschen aggressiv angehen wegen ihrer Ignoranz Tieren gegenüber, propagieren ein Land, das Menschenrechte (und vor allem auch Frauenrechte) noch heute mit Füssen tritt, als Paradies. Als Heimat des Herzens.

Es gibt diese Situation vermutlich in vielen Gruppierungen und bei Menschen verschiedener Überzeugung. Vielleicht sollte man einfach mal die eigenen Werte überdenken und sich fragen, ob man sie wirklich konsequent anwendet… oder nur situativ, wie sie grad ins Bild passen.

Da sitzt man, stellt ganz unbedarft – es ist grad Trend, man macht mal mit – sein Essen online. Nie hätte man gedacht, was ein einfaches Essensfoto auslösen könnte.

Du isst Leichenteile….DU bist Schuld am Leid aller Tiere auf dieser Welt.

Man ist nicht ganz abgebrüht, nimmt sich Kritik zu Herzen. Man schaut all die grausamen (!!!) Videos an, die einem präsentiert werden. Man sieht kleine Küken, die lebendig in Abfallsäcke entsorgt, Schweine, die lebendigen Leibs ins kochende Wasser geworfen werden, Rinder, die kaum Platz zum Stehen haben und Ferkelchen, welche auf Gitterrosten zusammengepfercht dahin vegetieren. Und man denkt sich:

Was bin ich für ein Unmensch!!!

Man entschliesst sich aus vollem Herzen: Ich esse kein Fleisch mehr. Man stellt das nächste Bild online. Denkt: Nun ist alles gut. Weit gefehlt:

Die armen Milchkühe, die armen Kälbchen, die armen Bienen – du bist an ihrer Ausbeutung schuld.

Man merkt: Vegetarier zu sein war kein guter Anfang, das war schlicht nichts, noch immer verantwortet man das Leid weltweit. Man versucht sich noch mit Rechtfertigungen wie:

Das ist Biokäse –  von Biokühen auf Biohöfen -, die fröhlich durchs Gras hüpften…

Hilft nichts. Nur vegan geht. Nicht für mich. Zumindest nicht generell. Aber man stellt mal ein veganes Rezept ein und denkt: Nun ist alles gut. Weit gefehlt. Denn die Antwort ist:

Warte doch mit dem Rezept, bis die Tomaten von selber reif vom Strauch fallen

Ich bin nahe dran, mir ein dickes, fettes Steak in die Pfanne zu hauen und allen eine lange Nase zu zeigen – würde ich mich nicht ganz wohl fühlen mit meiner Ernährung. Was mir aber immer wieder auffällt:

Ernährung ist schlimmer als jede Religion. Nirgends predigen und missionieren so viele Menschen, welche die Wahrheit zu kennen glauben.

Dies ist bereits Björn Moschinskis zweites Kochbuch zur veganen Küche. Sein Erstling  Vegan kochen für alle stiess auf grosses Interesse. Nachdem sich das erste Buch an Kochanfänger und Neulinge in der veganen Küche richtete, konzentriert sich Moschinski  bei hier & jetzt vegan auf Regionalität und Saisonalität. Damit soll eine Küche gefördert werden, die auf Produkte baut, welche keine weiten Wege hinter sich haben und dann verzehrt werden, wenn sie nach dem Plan der Natur reif sind.

Ausserhalb der Saison unreif gepflücktes und künstlich nachgereiftes Obst und Gemüse können nie den Geschmack und die Qualität liefern, welche die Gemüse- und Obstbauern aus der Region durch kurze Lieferwege frisch und knackig auf die Teller der Konsumenten bringen.

In einer anschaulichen Tabelle sieht man, wenn welche Produkte erntereif sind und sich damit für die vorgeschlagene Küche eignen. Das Buch ist aufgeteilt auf die vier Jahreszeiten, innerhalb derer man von Salatkreationen über Vorspeisen, Hauptspeisen bis hin zu Desserts und Drinks alles findet, das man ohne tierische Produkte und mit einheimischen Produkten kochen kann.

Kirschmichel, Flammkuchen, Gedeckter Apfelkuchen, Bruschetta, selbstgemachte Pasta mit geschmortem Fenchel oder Steinpilzrisotto – all das und noch viel mehr findet sich in diesem Kochbuch. Die wirklich tollen Bilder werden begleitet von einer ausführlichen Zutatenliste und einer Kochanleitung, die auch für wenig kochbegabte Esser verständlich ist.

Das Buch ist nicht nur für Veganer geeignet. Es liefert auch tolle und kreative Ideen für experimentierfreudige Mischköstler. Das Buch kann somit als Einstieg in eine vegane Ernährungsweise genauso dienlich sein wie als Alternative zur sonstigen fleischbasierten Ernährung. Es liefert Ideen, welche durch die wirklich ansprechenden Bilder zum Nachmachen einladen.

Wer sich nicht gleich ans Kochen traut, kann sich Moschinskis Küche auch kochen lassen im Kopps, Moschinskis veganem Restaurant in Berlin Mitte.

Fazit:
Schön aufgemacht, tolle Bilder, verständliche Rezepte, appetitanregende Rezepte. Sehr empfehlenswert – auch für Nichtveganer.

Eindruck zum Autor

moschinskiveganAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: südwest Verlag, Random House Verlagsgruppe (2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

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„Mama, hat es da auch was drin, das nicht vegetarisch ist?“

Diese Frage stellte mir mein Sohn gestern beim Nachtessen. Auf dem Teller lag ein Gemüsecurry und Reis. Und es war wirklich lecker, was er auch sagte, aber eben: Es hatte kein Fleisch drin.

Vor kurzem verkündete ich vor versammelter Mannschaft: Ich mag kein Fleisch mehr essen. Ich war 20 Jahre Vegetarierin, begann dann vor einigen Jahren, dieses zu schätzen und auch zu geniessen, ass es in Mengen und war froh, diesen Genuss wieder zu haben. Der Genussfaktor hielt nicht lange, bald merkte ich, dass das im Essen, was am wenigsten schmeckte, das Fleisch war – einzige Ausnahme: Speck. Den liebte ich heiss – in allen Gerichten diente er als Ölersatz und Geschmackträger und -bringer. Auf Speck verzichten? Keine Chance.

Ich nannte mich Speckvegetarier und kochte aber weiter wie bisher – schliesslich bin ich umgeben von Fleischfressern. Zudem ist es bequem, in alten Kochmustern zu verharren. Doch je länger je mehr stimmt es für mich nicht mehr. Die Skandale in jüngster Zeit sind nur ein Punkt mehr dabei. So kam es zu meiner Verlautbarung vor Kurzem. Das schlechte Gewissen liess nicht auf sich warten, vor allem, als ich die grossen runden ungläubigen Augen des mir Gegenübersitzenden sah. Der neben diesem Sitzenden hatte einen ebensolchen offenen Mund.

„Mama, das geht nicht. All die leckeren Würste, dein Fleischkäse im Teig, all deine leckeren Rezepte…“

Sprachloses Nicken Seitens des andern Skeptikers unterstützte dieses Votum. Andere scheinen da abgebrühter, schrieb doch unlängst eine Journalistin ein Buch mit dem Titel Mami, ist das vegan? Das dazugehörige Video gibt es auch, selbst wenn es wenig preisgibt, wie ich meine Skeptiker überzeugen könnte. Und irgendwie widerstrebt es mir auch, andere für Dinge zu gewinnen, die ich will. Zwar finde ich die Skandale grausam, trotzdem ist es jedermanns eigene Sache, wie er sich ernähren will. Da ich sowieso schon nur frisch kaufe und koche, betraf mich bislang keiner der Skandale, ich bin da sehr bewusst. Und trotzdem: Ich für mich will mehr.

Noch greife ich beim Einkaufen gewohnt zum Fleisch, der Kühlschrank ist noch voll davon, die Tiefkühltruhe sowieso. Die Aufgabe wird sein, wie das an die beiden Fleischesser zu verteilen, und dabei selber meinen Weg zu gehen. Es wird kein radikaler Weg sein, denn es steckt nicht mal wirklich eine Ideologie dahinter. Als Gast esse ich noch immer, was ich vorgesetzt kriege. Und doch möchte ich für mich zurück zu einem fleischlosen Alltag. Vegan indes ginge nie. Milch, Joghurt, Sahne, Honig – kein Problem, können alle wegbleiben (ich vertrage sie eh alle nicht). Aber so ein leckerer rezenter Hartkäse – auf den würde ich nicht verzichten wollen.

Darf ich meine Familie zwingen, fleischlos zu leben, wenn sie das nicht wollen? Ich finde nicht. Genauso wenig können sie aber von mir erwarten, dass ich das Fleisch esse, nur weil sie es haben wollen. Da ich koche, werde ich es für sie weiter auf dem Speiseplan haben. Wir sind damit ein nicht konsequenter, liberaler Haushalt. Mir soll’s recht sein. Schliesslich will ich nicht die Welt verbessern, sondern für mich ein Stück Bewusstsein leben. Bewusstsein kann man nicht befehlen, man kann es nur leben – vielleicht findet jemand Geschmack dran. Das darf aber nicht das Ziel sein.