Das geschriebene Ich

Eine Annäherung an Auschwitz ist unmöglich, es sei denn, von Gott aus; Auschwitz ist eines jener grossen Menetekel, die in Gestalt eines schrecklichen Schlags auftreten, um den Menschen hellhörig zu machen – falls er hinhört. Statt dessen werden wissenschaftliche Motive vorgebracht, wird von der Banalität des Mordens geredet, was wie ein Gruss aus der Hölle klingt.

Imre Kertész beschreibt sein Nomadenleben zwischen den Metropolen, fühlt sich als Flüchtiger, nirgends zu Hause ausser im Schreiben und auch das scheint ihm abhanden zu kommen. Viele seiner Gedanken führen nach Auschwitz zurück, zeigen die Präsenz, die dieser Ort und seine Vergangenheit, noch immer haben. Die Vergangenheit entzieht sich seinem Verständnis, er kann sie nicht fassen, nicht einordnen, weiss nur, dass er sie nie los wird und sie sein Leben begleitet, bedrückt, oft unterdrückt.

Die Welt nicht verstehen, bloss weil sie unverständlich sei, ist Dilettantismus. Wir verstehen die Welt nicht, weil es hienieden nicht unsere Aufgabe ist.

Ich – ein anderer ist eine Suche nach der Identität. Imre Kertész reist gedanklich und real durch Zeit und Ort, reiht Erinnerungen, Erlebnisse, Situationen aneinander, versucht sich darin zu finden und bleibt sich doch immer fremd. Die einzig sicheren Merkmale sind sein Judentum, Auschwitz als Vergangenheit und das, was ihn dazu anhält, beides immer wieder zu thematisieren und damit sich selber neu zu finden: Das Schreiben.

Meine einzige Identität ist die des Schreibens. (Eine sich selbst schreibende Identität.)

 

Fazit:

Leicht zu lesen, schwer zu verarbeiten – psychologisch tief, menschlich offen bietet das Buch Einblicke in das Leben eines Menschen, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor

Imre Kertész
Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Anfang der 70er Jahre schrieb er seinen autobiographischen Roman eines Schicksalslosen, welcher  zunächst von den Verlagen abgelehnt und nach seiner Veröffentlichung 1975 jahrelang ignoriert wurde. Erst die Änderung der politischen Situation in Ungarn brachte die lange versagte Anerkennung.  2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von Imre Kertesz erschienen sind unter anderem Roman eines Schicksalslosen (1975), Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1989) und Ich ein anderer (1997).

KerteszIchAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Oktober 1999)
Übersetzung: Ilma Rakusa
ISBN-Nr.: 978-3499225734
Preis: EUR  7.50 / CHF 11.60

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Heute las ich die Schlagzeile, dass sich ein erfolgreicher Mann umgebracht haben soll. Sie hat mich erschüttert. Ich kannte ihn nicht, nicht mal namentlich. Und doch schaue ich immer und immer wieder sein Bild an. Ich suche nach Spuren. Suche nach einem Anzeichen, wieso sich ein solcher Mann das Leben nehmen könne. Sind das Falten, die von Ärger, Trauer, Wut, Überdruss, Verzweiflung zeugen, die seinen Mund, seine Augen umgeben? Ist das Lachen echt? Was sagen die Augen?

Ein Mann geht einen Weg ganz nach oben. er hat viel mehr zum leben als sicher 90% der Menschen weltweit. Er sieht gut aus. Er hat Familie. Ein Mann, ein Mensch, der es geschafft hat, würde man denken. Und man scheint falsch gedacht zu haben, denn er ist nicht mehr. Er hatte so viel mehr als so mancher oft zu träumen wagte, was fehlte noch? Wohin soll man streben, wenn selbst all das nicht reicht, leben zu wollen? Was ist Glück? Was sind wirkliche Ziele und Inhalte? Was heisst Leben überhaupt und wann ist es blosses Überleben und damit bald mal nur noch Plage?

Heute fuhr ich durch Zürich. Wohin ich schaute, sah ich Porsches, Mercedes, BMWs, Audis. Ab und an sicher auch eine andere Marke, aber die überwiegten stark. Es geht uns gut? Scheint so. Trotzdem heisst es, die Armut greife um sich in der Schweiz. Man sieht sie wohl noch nicht oder ist geblendet von all dem Reichtum, der sich so offensichtlich zeigt. Und viele der Armen schauen wohl auf die grossen Autos und denken sich, wie glücklich sie wären, hätten sie nur die Hälfte, gar nur einen Bruchteil dessen, was all diese Menschen haben, die in diesen Autos sitzen. Und dann liest man eine solche Schlagzeile. Und man fragt sich: Was nun? Woran noch glauben? Was ist wirklich wichtig im Leben?

Es wäre nun einfach, auf die ach so schönen inneren Werte und immateriellen Güter zu verweisen. Das wäre die Moralinkeule und allen Idealismus nur so mit der Kelle ausschöpfen. Das greift zu kurz, wie ich denke. Wer hungert, kann noch so viel Herz, Verstand, positive Beziehungen und was es noch so an immateriellen Gütern gibt haben. Er hat Hunger und Hunger trübt das Glück ganz massgeblich. Was also ist Glück? Wonach soll der Mensch noch streben? Geld allein scheint nicht glücklich zu machen, wirtschaftsferner Idealismus stopft das Hungerloch nicht und alles kann man, das Leben lehrt es einen meist unbarmherzig, nicht haben.

Es bliebe nur noch das schöne Wort „sei zufrieden mit dem, was du hast“. Und genau das scheint so unendlich schwer, dass man zu oft daran verzweifelt.

Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 im polnischen Wloclawek als Sohn einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden geboren, verlebte seine Schulzeit in Berlin, wo er auch seine Liebe zur Literatur entdeckte. Aufgrund seines Judentums blieb ihm ein Studium in Deutschland verwehrt, 1938 wurde er nach Warschau deportiert, wo er 1940 im Ghetto landete. Verschiedene glückliche Zufälle, seine Tätigkeit als Übersetzer im Judenrat und die Hilfe von mitfühlenden Menschen liessen ihn und seine Frau Teofila, welche er am Tag der Ghettoräumung geheiratet hatte, die Schrecken der Naziherrschaft überleben.

1944 begann Marcel Reich-Ranickis Arbeit für die polnische Geheimpolizei, in welcher er eine Karriere machte, die jäh mit seiner Entlassung aus derselben endete. Zuvor wurde er unter Verdacht des Verrats (was nur ein Vorwand gewesen zu sein scheint, um sein Judentum nicht explizit als Grund nennen zu müssen) inhaftiert und verhört. In den 50er Jahren führt der Weg von Marcel Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, wo er sich (unter anderem) als Literaturkritiker ganz seiner Liebe zur Literatur widmet.

Ein Leben als Ode an die Literatur. Literatur als Lebensinhalt, als Stütze, als Trost. Was mich beim Lesen des Buches so berührte, das als Grundlage dieses Filmes diente, war die Funktion der Literatur in Reich-Ranickis Leben, war das Aufzeigen der Funktion von Literatur in dieser Zeit generell. Das fällt im Film etwas mager aus. Wenige Szenen befassen sich mit der Literatur, die Hauptsache liegt auf dem Krieg, auf der Unterdrückung, auf der rohen Gewalt und auch auf den wohlwollenden Schicksalsweisungen, die das Leben Reich-Ranickis immer wieder retteten.

Wie hätten sie sich in der Situation verhalten?

Diese Frage, Marcel Reich-Ranicki stellt sie in einem Verhör bei seiner Inhaftierung, eröffnet eine grosse moralische Diskussion. Kann man aus heutiger Sicht verurteilen, wie sich die Menschen damals verhielten? Hätte man für ein zusätzliches Stück Brot nicht auch kooperiert? Die Verurteilung des Handelns der Menschen ist sicher einfach aus der sicheren Gegenwart und im Rückblick auf alles, was war. Auf der anderen Seite gibt es moralische Urteile und die lassen sich nicht einfach verbiegen, weil die Zeit es so fordert. Gerade das war es ja, was den Schrecken der Naziherrschaft ausmachte: Die Ausradierung der gängigen Moral zugunsten einer von oben diktierten, welche in der Folge auch wieder ausradiert wurde, um sie zu verurteilen. Ein zweifacher Bruch der Moral, welcher Moral als solches als unsicher, wankelmütig und willkürlich erscheinen liess.

Die Frage an sich ist, wie ich denke, nicht ehrlich zu beantworten, da man es schlicht nicht wissen kann, wenn man nicht in der Situation steckt.

Fazit:
Ein absolut sehenswerter Film, welcher aber weit hinter dem Buch zurück steht, welches mich wirklich sehr berührt hatte, als ich es las.

Ängste sind evolutionär gesehen Überlebenshelfer. Die Angst löst Reaktionen auf als solche erkannte Gefahren aus, was im Falle eines Raubtiers überlebenswichtig sein kann. Fehlte die Angst, würden wir uns unbedarft in gefährliche Situationen begeben und damit unser Leben aufs Spiel setzen oder gar verlieren.

Angst ist also durchaus sehr sinnvoll, auch wenn wir sie eigentlich nicht mögen. Sie steht auf der Liste der von uns als negativ wahrgenommenen Gefühle, weil wir nicht ihren Nutzen sehen, sondern nur das Gefühl als solches, welches unangenehm, beengend, niederdrückend erscheint. 

Angst kann aber durchaus auch negativ auf unser Leben wirken. Nicht immer sind wir in Gefahr, von einem Raubtier gefressen zu werden, nicht immer droht von überall Gefahr, wo wir sie sehen. Ab und an sehen wir Gefahren, wo keine sind, gründen unsere Ängste auf Vorstellungen, die von Ereignissen in unserem Umfeld, aus vergangenen Erfahrungen oder ähnlichen negativen Auslösern stammen. Diese Angst lähmt uns, ohne dass wir einen realen Grund ausserhalb unserer Vorstellung dafür haben. 

Angst und die Reaktion darauf sind unbewusste Vorgänge. Müsste man zuerst bewusst überlegen, was man tut, wäre es oft zu spät. Die Mechanismen laufen im Gehirn ab, ohne dass man es merkt. Leider tun sie das sowohl bei der gegründeten Angst wie auch bei der unbegründeten. Ich habe Panik vor Spinnen. Eine Nachbarin wusste das und als wir mal nachts vor dem Haus sprachen, sagte sie warnend, ich wolle mich nicht umdrehen, hinter mir sei eine grosse Spinne. Ich dachte, gewarnt zu sein, genügend Abstand zu haben, ich könnte also, so dachte ich, mich umdrehen und der Spinne quasi ins Auge sehen. Kaum umgedreht, die Spinne erblickt, entglitt mir ein dermassen gellender Schrei, dass wohl die ganze Nachbarschaft senkrecht im Bett stand. Ich hatte keine Chance, das zu unterdrücken. Diese Reaktion passierte auch schon in überfüllten Zügen und an anderen dafür peinlichen Orten. Mittlerweile nehme ich sie mit Humor und hatte damit mal meine wohl witzigste Zugfahrt überhaupt – ein ganzer Wagen lachte mit. 

Spinnenphobien, Höhenangst und Panik in engen Räumen kann man in den Griff kriegen, heisst es. Wie ist es mit anderen Ängsten? Solchen, die noch mehr psychischer Natur sind? Die Angst, unheilbar krank zu sein oder werden? Die Angst, den geliebten Menschen zu verlieren? Die Angst, die Stelle zu verlieren, nicht über die Runden zu kommen, ausgelacht zu werden, weil man ist, wie man ist oder tut, was man tut? Diese Angst kann auch vor den befürchteten Gefahren schützen, aber meist schützt sie auch vor ganz vielen schönen Momenten, die man nicht geniesst, weil man bereits die Angst im Hinterkopf hat und die Gedanken, womit dieses Glück zerstört werden könnte. 

Da sitzt man dann und denkt sich aus, was alles passieren könnte. Man sieht die Gefahren förmlich vor sich und kann kaum umhin, etwas anzuzweifeln, das in so vielen Farben und detailgetreu ausgemalt ist. Und klar, die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, besteht immer. Schlussendlich ist das Leben immer ein Risiko. Schon mein 10jähriger Sohn hat kürzlich die Weisheit „erfunden“: Man hat im Leben auf nichts eine Garantie, nicht mal auf das Leben selber.“

Die Frage ist, ob wir uns wirklich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen die momentan erlebte Wahrheit kaputt machen wollen, nur weil wir uns von unseren Ängsten leiten lassen. Klar haben sie eine Berechtigung, man will nicht blind ins Unglück rennen. Oft suchen wir die Unglück bringenden Details aber förmlich, statt darauf zu vertrauen, dass es auch gut kommen könnte. Und ab und an führen wir das Unglück fast herbei, indem wir es heraufbeschwören. Da vieles davon unbewusst abläuft in dem Moment, in dem es passiert, ist es wohl schwierig, sofort umzuschwenken und anders zu funktionieren. Veränderungen des Verhaltens passieren langsam. Sie basieren auf einem Lernprozess des Hirnes, welcher sich wiederum aus Lernprozessen durch Ereignisse und Umfeld speist. 

Schlussendlich hilft es wohl, genau hinzusehen, was wirklich ist, sich die positiven Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, statt immer nur der negativen wegen zu hadern. Und je positiver die Sicht, desto positiver fällt auch die Bewertung der Dinge aus. Nicht blind soll es geschehen, nicht naiv, aber realistisch und der Situation angepasst, nicht durch negative Bildmalerei geprägt. 

 

Am 31. Oktober 1912 in Wien geboren, emigrierte Jean Améry 1938 nach Belgien. Es war keine Flucht in die Freiheit, er wurde als feindlicher Ausländer verhaftet und in ein Lager gesteckt. Nach einer Flucht aus demselben ging er in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Folge war seine Verhaftung und das nächste Lager, in dem er gefoltert wurde.

Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen folgten. Wie soll man nach all dem weiterleben? Diese Frage stellte sich Jean Améry immer wieder. Sie prägte sein Werk, welches sich massgeblich mit der schwarzen Zeit hinter ihm und den Folgen für die kommende Zeit beschäftigte. Jean Améry litt zeitlebens unter seiner Vergangenheit. Zusätzlich schien er darunter zu leiden, dass keiner derer, die ihm solches Unecht angetan hatten, sich zu einer Entschuldigung bewegen konnte.

In vielen Essays brachte er das historische Unrecht zu Papier, moralisierte und theoretisierte und hatte damit grossen Erfolg. Daneben verfasste er das, was er seine Romanessays nannte – literarische Versuche, mit denen er auf harsche Ablehnung stiess, was ihn sehr schmerzte.

Imre Kertesz schrieb mit Blick auf Jean Améry:

Er überlebte Auschwitz; und wenn er sein Überleben überleben wollte, wenn er es mit Sinn, oder sagen wir besser: mit Inhalt versehen wollte, dann konnte und musste er als Schriftsteller die einzige Chance notgedrungen in der Selbstdokumentierung […] sehen.

Jean Améry wurde nicht müde, zu schreiben. Er schrieb gegen die eigene Verzweiflung an, schrieb gegen die gefühlte Ohnmacht an. Er kämpfte mit den Worten, welche nie dem entsprachen, was wirklich passierte. Elie Wiesel formulierte diese Problematik folgendermassen:

 Wie beschreibt man das Unsagbare? Wie stellt man es an, mit Anstand den Sturz der Menschen und den Untergang der Götter wieder aufleben zu lassen? Und dann, wie kann man sicher sein, dass die Worte, sobald sie zu Papier gebracht sind, nicht die Botschaft, deren Träger sie sind, verraten, entstellen?

Adorno verdeutlichte diesen Punkt noch weiter:

Die sogenannte künstlerische Gestaltung des nackten körperlichen Schmerzes der mit Gewehrkolben Niedergeknüppelten enthält, sei’s noch so entfernt, das Potential, Genuss herauszupressen. […] Durchs ästhetische Stilisationsprinzip […] erscheint das unausdenkliche Schicksal doch, als hätte es irgend Sinn gehabt; es wird verklärt, etwas von dem Grauen weggenommen; damit allein schon widerfährt den Opfern Unrecht.

Jean Améry lebte ein Leben als Opfer und wurde diesen Opferstatus nicht mehr los. Die einzige Möglichkeit des Überlebens war das Schreiben und beim Schreiben wurde er sich der eigenen Opferrolle immer wieder von Neuem bewusst.

Heute würde Jean Améry 100 Jahre alt. Er würde auf ein Leben voller Tragik, auf ein gefangenes Leben zurück schauen. Als er merkte, dass er nie mehr frei sein, die Vergangenheit sich immer in Ketten um ihn legen würde, befreite er sich selber mit einer Überdosis Schlaftabletten.

„Wer abspringt, ist nicht unbedingt dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen ‚gestört‘ oder ‚verstört‘. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muss wie von den Masern… Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.“

Der Mensch ist frei. Sein freier Wille ist es, das ihn von den Tieren abhebt. Er kann entscheiden, was er tut, kann wollen, kann wählen. Tiere können das in einem begrenzten Mass auch, aber nicht so ausgeprägt, wie der Mensch. So die Theorie bis vor kurzem. Es gab zwar Stimmen dagegen, die der Determinsten, die alles als vorgegeben sahen, sei es durch die Natur oder göttliche Fügung. Die Gegenspieler beharrten drauf: Der Mensch ist frei.

Ich kann also wählen, was ich will. Ich kann frei entscheiden, was ich tue und frisch fröhlich drauflos gehen. Freiheit ist, wenn keine Hindernisse da sind – äussere wie innere. Soweit so gut. Ich will also auf einen Berg steigen. Ich bin aber nicht schwindelfrei. Nun kann man sagen, ich will das gar nicht, wieso sollte ich das wollen, wenn ich doch die Höhe nicht mag? Ich könnte lesen wollen. Einen ganzen Roman. Er ist spannend. Ich will nicht aufhören. Eigentlich müsste ich arbeiten. Kann ich schwänzen. Das hat Konsequenzen vielleicht, aber das könnte ich so entscheiden. Irgendwann müsste ich mal was essen. Nun gut, Diät ist auch nicht schlecht, ich lese weiter. Ich sollte aufs Klo. Ich verklemme das. Unendlich geht das nicht. Wo ist mein freier Wille nun? Ich will doch lesen. Nicht aufs Klo gehen. Kinder lassen laufen, im Spiel versunken. Als Erwachsener? Könnte man… kann man nicht. Man könnte doch… man geht aufs Klo. War das Entscheid? Musste ich? War ich frei? Ich war wohl frei in der Wahl, wo ich es laufen lasse, aber dass ich es laufen lassen muss, das war erzwungen. Wo also ist diese Freiheit? Doch schlussendlich Triebe, die Motive sind, die antreiben, die Handlungen erzwingen?

Vielleicht ein Zusammenspiel von vielem? Natürliche Grundtriebe lassen sich nicht steuern, doch wie man damit umgeht, hat man in der Hand? Eine Teilfreiheit? Ein Jein? Das befriedigt nie. Man möchte ganz – besser als gar nicht, wobei das immer noch eine klare Linie wäre. Ein bisschen hier und bisschen da ist so lau, so fad. Das mag man nicht, es hat den langweiligen Anstrich des Unentschieden. Und doch ist es wohl am Ende das, was überlebt. Die Balance zwischen den Extremen, die Anpassung. Anpassung ist Überleben und das ist das höchste Ziel.

Das war es zumindest mal. Als man genug damit zu tun hatte, zu sehen, dass man überlebt, waren Themen wir Freiheit und Glück kaum je im Gespräch. Es ging um pure Notwendigkeiten. Lebensnotwendigkeiten. Wenn die gesichert sind, wendet man sich neuen Projekten zu. Die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist oder man einfach nur froh sein könnte, dass es einem so gut geht und man überlebt, ist wohl eine sehr ketzerische, die Antworten wie: „Das wäre Stillstand“ oder: „Wir wären nie so weit gekommen, wie wir sind“ aufs Tapet rufen würden.

Ja, vermutlich hätten wir einige Entdeckungen und Erfindungen nicht gemacht. Vermutlich wäre der Büchermarkt um einige theoretischen Werke ärmer. Sehr wahrscheinlich wären die Psychiater seltener und schlechter verdienend und die Menschheit vielleicht immer noch auf dem Plumpsklo. Was wäre schlimm daran? Wir wüssten ja gar nicht, dass es mehr gäbe, aber wir würden alle leben.