Ich mein‘ ja nur…

Mit Meinungen ist das so eine Sache. Jeder hat eine eigene und steht dahinter. Dabei sollte man die des anderen akzeptieren und gelten lassen. Das ist ein guter Ansatz und in der Meinungsäusserungsfreiheit steckt drin, dass auch jeder seine ganz frei äussern können muss. Prima. 

Nur: was gelten Meinungen, wenn jeder eine andere hat? Und jeder sagt dem andere, deine ist ganz prima, find‘ ich toll, dass du die hast. Und jeder denkt sich, dass die eigene aber besser ist. Das liegt in der Natur der Sache, sonst hätte er sie ja nicht. Nur sagen kann er es nicht, sonst wäre er ja intolerant und das geht ja gar nicht. Man übt sich in Toleranz und Offenheit, hört mit hochgezogener Augenbraue zu, nimmt den Finger nachdenkend an den Mund, schaut prüfend, sagt zögerlich „ja“ und dass das interessant klinge – und bleibt bei seiner Meinung. 

Das ist auch gut und recht, denn was wäre eine Meinung, würde sie jede Minute ändern, wie ein Fähnchen im Wind schwanken? Man würde verlacht, verachtet, man wäre der ohne eigene Meinung, der sich immer nach der gerade vorherrschenden richtete. Und das will man ja nicht. Man will ja wer sein und was gelten und eine Meinung haben. Und dazu stehen. Aber nie auf Kosten anderer. Nach aussen, im Innern denkt man natürlich, dass die alle mal einsehen könnten, dass die eigene eigentlich die wahre ist. Die einzig wahre Meinung. Eigentlich meint man nicht mehr, man weiss schon. Und sagt das auch dann und wann. Mit Feuer und mit Argumenten. Schliesslich hat man sie nicht nur einfach so, man hat sie erarbeitet. Man kämpft für sie und bringt sie dar, auf allen Wegen und mit allen Mitteln. Und besinnt sich dann an die Tugend des gelten Lassens, lenkt nach aussen ein. Bleibt nach innen stur. 

Manchmal geht man dann nach Hause und denkt nochmals nach und merkt, dass vielleicht doch was dran war an der anderen Meinung. Und denkt, dass man vielleicht doch was übersehen haben könnte. Nur mal so theoretisch, wäre ja möglich. Aber das kann man nicht zugeben, denn schliesslich ist da ein Gesicht und das will man nicht verlieren. Was dächten die anderen sonst. Wo man so vehement die eigene Meinung vertrat oder aber sicher durchschimmern liess. Man hat ja einen Ruf zu verlieren. Und selbst wenn nicht, man mag nun nicht hingehen und sagen, dass man sich täuschte. Und selbst wenn: was ist denn nun mit dieser eigenen Meinung? Was zählt die noch, wenn die ständig fällt und sich entwickelt? Wo kommen wir da hin und woran halten wir uns noch? 

12 Comments

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  1. Hat mir arg zu denken gegeben. Gerade. Aber ich denke, dass man eine Meinung haben kann und diese nicht mal ändern muss. Solange ich nur eine Meinung habe, tut das niemandem weh. Da stören mich auch andere Meinungen nicht.

    Das Problem beginnt dann, wenn es darum geht, mit andern eine Lösung für ein Problem zu suchen. Sei das in der Politik, in der Familie, im Beruf. Da habe ich auch überall eine Meinung, was die beste Lösung zu einem Problem ist. Und da muss ich in der Lage sein, Kompromisse einzugehen. Wissend, dass ich was gebe, dafür aber einen für mich wichtigen Punkt bekomme. Es ist dieser Bereich, die Problemlösung, wo unterschiedliche Meinungen zu Konflikten führen, wenn denn die Parteien nicht in der Lage sind, Kompromisse zu schliessen.

    Genau hier sehe ich eine Tendenz, die mir überhaupt nicht passt. Augenfällig in der Politik, aber festzustellen auch im beruflichen Leben, sogar privat. Wir polarisieren immmer mehr, ohne kompromissbereit zu sein.

    Eine subjektive, aber falsche Beobachtung von mir? Oder doch Tendenz in unserer Gesellschaft?

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    • Ich habe in meinem Leben schon viele Definitionen gehört. Eine war:
      „Wenn du 5 sagst, ich 10, ist 10 der Kompromiss, weil ich hätte auch 15 sagen können.“ Eine andere: „Bei einem Kompromiss gehen zwei leer aus, weil keiner kriegt, was er will und beide nur, was verhandelbar war. Glücklich ist damit keiner von beiden.“

      Zu einem Kompromiss gehören also Vertrauen (dass er nicht 25 sagt, um am Schluss bei seinen 10 zu landen) und ein Stück Selbstaufgabe, im Vertrauen (schon wieder), dass der andere das auch tut.

      Es ist kompliziert. Aber ohne Kompromisse geht es gar nicht. Das Absolute ist eine Utopie, sobals mehr als ein Mensch beteiligt ist. Und schon in sich selbst finden sich oft genug Differenzen.

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  2. Ich drück jetzt mal virtuell den «Like»-Button für Jürgs Kommentar. Schwierig finde ich es immer dann, wenn jemand seine Meinung als absolut richtig darstellt. Ich kann eine Meinung auch vertreten ohne einen solch absoluten Anspruch. Das wäre vermessen, wenn ich meine Meinung über diejenigen von jemand anderem stellen würde. Nur leider beobachte ich dasselbe wie Jürg: Der Absolutheitsanspruch steigt auf Kosten der Toleranz und Kompromissfähigkeit.

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  3. Gesellschaftliche Trends hält man nicht mal gerade so auf, das liegt auf der Hand. Ich denke, Umdenken beginnt immer im Kleinen, muss sich da bewähren und in den Köpfen festsetzen, um dann auf die grossen Zustände angewandt werden zu können, untermauert mit Argumenten und Beispielen des funktionierenden Zusammenlebens im Kleinen und durch die Einsicht in den Menschen und wie er eben ist – nicht sein sollte.

    Kompromisse sind in meinen Augen dann gut, wenn beide dahinter stehen können und keiner insgeheim denkt, dass er das gar nicht will, nun aber mal klein beigibt mit der Faust im Sack. Die Faust im Sack ist eine der gewaltigsten Waffen, da sie grösser wird und irgendwann rauskommt – und dann hat sich schon so viel angesammelt, dass es nur noch ein Handgemenge geben kann, wenn nicht ganz starke Gegenkräfte da sind. Kompromisse eingehen mit gutem Gefühl kann man wohl nur, wenn man sich wirklich bewusst wird, dass eben nicht wie oft propagiert alles möglich ist und das zu jedem Zeitpunkt. Und es erfordert eine Offenheit anderen Lösungen gegenüber, was nicht immer einfach ist, vor allem, wenn man seine eigene Meinung in dem Bereich als die einzig richtige, vielleicht sogar mit den richtigen Argumenten dafür empfindet. Je grösser das Problem ist, das eine Lösung erfordert, desto schwieriger wird es. Und bei Fragen, die nur ja oder nein zulassen, wird es ganz schwer.

    Die Patentlösung gibt es wohl kaum, eher ein sich Herantasten an Möglichkeiten, mit denen man leben kann. Und da braucht es die Ehrlichkeit nach innen und aussen – und ein wenig guten Willen. Oder ganz viel davon.

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  4. Mal ganz ehrlich: Meine Utopie ist ja eher noch die einer Gemeinschaft, z.B. die eines großen Bauernhofs, der jetzt nicht unbedingt intensiv bewirtschaftet werden muss, eher als Modell. Aber in dem man eben eine community bildet, in der viele Berufe, Berufungen und Generationen zusammenkommen und in einem solidarischen Austausch stehen. Ein Traum eben, auch wenn er nicht im Trend liegt.

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  5. Wenn Meinung zum Image wird, dann wird sie zum Problem.

    Einsichtsfähigkeit ist eine Tugend.

    Mancher Kompromiss stellt sich später als der bessere Weg heraus, weil er breiter ist und für viele Platz hat.

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    • Der Kompromiss beinhaltet sicher einiges, was vorher nicht in der eigenen Sicht war. Nur schon das ist eine Erweiterung des eigenen Horizonts. Und auch eine Möglichkeit, sich neuen Dingen zu stellen und sich damit anzufreunden. Das kann eine Chance sein.

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