Elke Schmitter: Frau Sartoris

Wir brauchten keine Beschäftigung, und ich weiss nicht mehr, wie die Zeit verging; ich erinnere mich an das Glück, aber ich weiss nicht mehr, wie es aussah.

Das Geschichte von Margarethe Sartoris ist die Geschichte einer einfachen Frau. Von der grossen Liebe enttäuscht begibt sie sich in eine bequeme Ehe, die im Grunde gut ist, innerlich aber nicht bewegt. Das Leben plätschert dahin, ein Kind wird geboren, kein geliebtes, aber für die Liebe ist die im Haus wohnende Schwiegermutter zuständig. Sie ist es überhaupt, die das Herz der Familie zu sein scheint.

Die Begenung mit Michael erweckt Margarethes eigenes Herz wieder zum Leben. Sie ist bereit, für diesen Mann alles hinter sich zu lassen, ein neues Leben zu beginnen. Dafür setzt sie alles auf eine Karte.

 […] ich wollte mich ihm so unentbehrlich machen, wie er längst für mich war.

Das Schicksal meint es wieder nicht gut, sie wird versetzt.

Ein gefühlvolles Buch ohne moralischen Zeigefinger, ohne Verurteilung. Die Geschichte einer Frau, die den Zugang zu ihren Gefühlen verloren hat und als sie ihn wieder findet, innerlich ganz stirbt. Erst die Wut und die Angst dringen wieder in ihre Gefühlswelt hinein und bringen sie zu einer Tat, welche sie selber wohl nicht für möglich gehalten hätte.

Elke Schnitter wechselt in teilweise sehr schnellem Tempo zwischen verschiedenen Zeiten und Handlungssträngen hin und her. Ab und an muss man zurück lesen, um zu merken, wo man sich gerade befindet. Durch den Wechsel von einer Geschichte zur nächsten bleiben immer wieder Fragen offen, die einen Spannungsbogen bilden, welcher das Buch überzieht. Man mag es kaum aus der Hand legen, möchte die Geheimnisse lüften, wird dabei auch mal überrascht.

Fazit:

Sprachlich schlicht und klar, inhaltlich tief und doch nicht abgründig, erzähltechnisch schön komponiert. Die Geschichte eines Lebens mit all seinen Schwierigkeiten und Entscheidungen. Prädikat absolut lesenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 159 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (November 2012)

Preis: EUR: 8.90 ; CHF 14.90

Elke Schmitter: Frau Sartoris, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2012.

 

Zu kaufen bei: Bild und Bild

6 Comments

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  1. So, nun endlich meine persönliche kleine Rezension:
    Stilistisch hat Schmitter außerordentliches Talent. Sie hat die Begabung, auch rein deskriptives nicht oberflächlich erscheinen zu lassen. Oft scheitern Autoren bei mir an der ersten Seite, die mich stilistisch nicht mitreisst. Gekonnt zeichnet Schmitter auch ein authentisches Bild eines deutschen Kleinstadtlebens in der Nachkriegszeit. Natürlich benutzt sie auch etablierte Stilmittel (siehe Zeitsprünge), aber das sehr professionell und passend. Wenn es nicht sicherlich die Absicht gewesen wäre, eine überschaubare Erzählung zu schreiben, könnte man ihr vorwerfen, sie hätte aus der Grundlage auch einen größeren detaillierteren Roman spinnen können. So wäre Ernst’s Perspektive bzw. die Perspektive aller wesentlich Beteiligten auch spannend gewesen. So bleiben die Nebencharaktere etwas blass, wenn man streng ist. Und manches bleibt unerklärlich, gewollt oder nicht. Wieso bricht Frau Sartoris nach ihrer jugendlichen Enttäuschung nicht aus. Intelligenz und Temperament hat sie ja dafür, in die weite Welt zu ziehen, mindestens in eine Großstadt? Warum kann sie keine enge Beziehung zu ihrer Tochter entwickeln? Das Talent zum glücklich sein hat sie offensichtlich nicht gepachtet. Anpassung, statt Auseinandersetzung lässt sie kühl erscheinen. Wie erklärt sich der Absturz ihrer Tochter? Sollen wir dem platten Klischee nachgeben, eine nicht genug geliebte Tochter stürzt sich ins Verderben. Hier lässt Schmitter Chancen aus. Aber das sind nur kleine, eher anspornend gemeinte Kritikpunkte, die nach mehr verlangen. Schmitter zeichnet unter den schwierigen Voraussetzungen der Ich-Perspektive ein mitreißendes Bild einer überdurchschnittlich begabten und schönen Frau, die zu schwach ist, sich zu emanzipieren.

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    • Danke für deine tolle und ausführliche Rezension des Buches. Ich sehe, wir sind in etwa zum selben Ergebnis gekommen. Das Buch hat Lücken, hat Potential für mehr, lässt Fragezeichen aufkommen, könnte ab und an Klischees bedienen und überzeugt trotz allem im Ganzen.

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