Angst

Ängste sind evolutionär gesehen Überlebenshelfer. Die Angst löst Reaktionen auf als solche erkannte Gefahren aus, was im Falle eines Raubtiers überlebenswichtig sein kann. Fehlte die Angst, würden wir uns unbedarft in gefährliche Situationen begeben und damit unser Leben aufs Spiel setzen oder gar verlieren.

Angst ist also durchaus sehr sinnvoll, auch wenn wir sie eigentlich nicht mögen. Sie steht auf der Liste der von uns als negativ wahrgenommenen Gefühle, weil wir nicht ihren Nutzen sehen, sondern nur das Gefühl als solches, welches unangenehm, beengend, niederdrückend erscheint. 

Angst kann aber durchaus auch negativ auf unser Leben wirken. Nicht immer sind wir in Gefahr, von einem Raubtier gefressen zu werden, nicht immer droht von überall Gefahr, wo wir sie sehen. Ab und an sehen wir Gefahren, wo keine sind, gründen unsere Ängste auf Vorstellungen, die von Ereignissen in unserem Umfeld, aus vergangenen Erfahrungen oder ähnlichen negativen Auslösern stammen. Diese Angst lähmt uns, ohne dass wir einen realen Grund ausserhalb unserer Vorstellung dafür haben. 

Angst und die Reaktion darauf sind unbewusste Vorgänge. Müsste man zuerst bewusst überlegen, was man tut, wäre es oft zu spät. Die Mechanismen laufen im Gehirn ab, ohne dass man es merkt. Leider tun sie das sowohl bei der gegründeten Angst wie auch bei der unbegründeten. Ich habe Panik vor Spinnen. Eine Nachbarin wusste das und als wir mal nachts vor dem Haus sprachen, sagte sie warnend, ich wolle mich nicht umdrehen, hinter mir sei eine grosse Spinne. Ich dachte, gewarnt zu sein, genügend Abstand zu haben, ich könnte also, so dachte ich, mich umdrehen und der Spinne quasi ins Auge sehen. Kaum umgedreht, die Spinne erblickt, entglitt mir ein dermassen gellender Schrei, dass wohl die ganze Nachbarschaft senkrecht im Bett stand. Ich hatte keine Chance, das zu unterdrücken. Diese Reaktion passierte auch schon in überfüllten Zügen und an anderen dafür peinlichen Orten. Mittlerweile nehme ich sie mit Humor und hatte damit mal meine wohl witzigste Zugfahrt überhaupt – ein ganzer Wagen lachte mit. 

Spinnenphobien, Höhenangst und Panik in engen Räumen kann man in den Griff kriegen, heisst es. Wie ist es mit anderen Ängsten? Solchen, die noch mehr psychischer Natur sind? Die Angst, unheilbar krank zu sein oder werden? Die Angst, den geliebten Menschen zu verlieren? Die Angst, die Stelle zu verlieren, nicht über die Runden zu kommen, ausgelacht zu werden, weil man ist, wie man ist oder tut, was man tut? Diese Angst kann auch vor den befürchteten Gefahren schützen, aber meist schützt sie auch vor ganz vielen schönen Momenten, die man nicht geniesst, weil man bereits die Angst im Hinterkopf hat und die Gedanken, womit dieses Glück zerstört werden könnte. 

Da sitzt man dann und denkt sich aus, was alles passieren könnte. Man sieht die Gefahren förmlich vor sich und kann kaum umhin, etwas anzuzweifeln, das in so vielen Farben und detailgetreu ausgemalt ist. Und klar, die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, besteht immer. Schlussendlich ist das Leben immer ein Risiko. Schon mein 10jähriger Sohn hat kürzlich die Weisheit „erfunden“: Man hat im Leben auf nichts eine Garantie, nicht mal auf das Leben selber.“

Die Frage ist, ob wir uns wirklich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen die momentan erlebte Wahrheit kaputt machen wollen, nur weil wir uns von unseren Ängsten leiten lassen. Klar haben sie eine Berechtigung, man will nicht blind ins Unglück rennen. Oft suchen wir die Unglück bringenden Details aber förmlich, statt darauf zu vertrauen, dass es auch gut kommen könnte. Und ab und an führen wir das Unglück fast herbei, indem wir es heraufbeschwören. Da vieles davon unbewusst abläuft in dem Moment, in dem es passiert, ist es wohl schwierig, sofort umzuschwenken und anders zu funktionieren. Veränderungen des Verhaltens passieren langsam. Sie basieren auf einem Lernprozess des Hirnes, welcher sich wiederum aus Lernprozessen durch Ereignisse und Umfeld speist. 

Schlussendlich hilft es wohl, genau hinzusehen, was wirklich ist, sich die positiven Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, statt immer nur der negativen wegen zu hadern. Und je positiver die Sicht, desto positiver fällt auch die Bewertung der Dinge aus. Nicht blind soll es geschehen, nicht naiv, aber realistisch und der Situation angepasst, nicht durch negative Bildmalerei geprägt. 

 

5 Kommentare zu „Angst

  1. Der Artikel passt auch zu mir. Ich habe Flugangst. Interessanterweise haben alle in meiner Familie Flugangst. Allerdings bin ich die einzige, die trotzdem noch fliegt. Das liegt daran, dass ich es so mache, wie in deinem letzten Absatz beschrieben: Wenn ich in dieses Flugzeug steige, komme ich am Ende an einem ganz tollen Ort an (ein schöner Badeort, am Mittelmeer oder in einer faszinierednen Stadt). Fliege ich nicht, würden mir all diese tollen Dinge entgehen. Meine Familie macht nur noch innerhalb Deutschlands Urlaub oder nimmt ewig lange Zugfahrten in Kauf. Das will ich nicht. Ich werde weiter fliegen und mich der Herausforderung stellen. Hinterher ist man dann immer so stolz auf sich selbst, sich wieder überwunden zu haben. Liebe Grüße

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    1. Hut ab, wie du dich deinen Ängsten stellst. Ich wünsche dir viele weitere schöne Erfahrungen, neue Ziele und erfolgreiche Flüge.

      Liebe Grüsse zu dir und danke für deinen persönlichen Kommentar.

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  2. Ich habe auf meinem Blog erst heute einen Artikel zum Thema „Ängste überwinden und trotzdem handeln“ veröffentlicht! Das Thema Angst fesselt mich, denn viel zu oft habe ich mich in der Vergangenheit von meinen Ängsten blockieren lassen. Im Artikel habe ich folgende 3 Erfolgsfaktoren erwähnt, die mir beim Überwinden von Ängsten halfen:

    1. Bewusstheit über die eigenen Gedanken und Gefühle
    2. Eine objektive Entscheidung
    3. Eine positive Grundeinstellung zum Leben

    Dadurch, dass ich meine Ängste in nichtigen Situationen überwunden habe, traue ich mir nun zu auch größere Hürden zu überwinden und schrecke nicht mehr so zurück. Außerdem gewöhnt sich mein Verstand möglicherweise eine Routine an, wie er mit emotionalen Reaktionen umgehen kann und leitet mich direkt zur entschlossenen Handlung, statt zum zögern und hadern.

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