Gleich und gleich oder Gegensätze – was zieht an? Und was hält?

Gegensätze ziehen sich an.

Gleich und gleich gesellt sich gern.

Was denn nun? Zwei Weisheiten, die sich widersprechen, so hat jeder die Begründung, wieso seine Beziehung hält, aber auch die, wieso sie in die Brüche ging. „Wir waren einfach zu verschieden!“ „Es wurde langweilig, weil wir uns nichts mehr zu sagen hatten, alles einschlief.“ „Wir streiten nie, darum sind wir so glücklich.“ „Es ist immer spannend und voller Leben bei uns.“

Gegensätze können sehr zermürbend sein. Wenn jedes Thema zum Streitpunkt wird, die beiden Streitenden wie Seilzieher an ihrer Seite des Seils ziehen, ihren Standpunkt verteidigen. Wenn Argumente gegen Argumente fliegen, wie Waffen, die darauf zielen, zu verletzen, ins Schwarze zu treffen, auszuhebeln, abzutöten. Zuerst die andern Argumente, irgendwann die Gefühle, irgendwann den Menschen (innerlich). Und am Schluss die Beziehung.

Aber auch das Paar, das tagein, tagaus friedlich lächelnd nickend nebeneinander sitzt wirkt nicht wirklich so, als ob man es wirklich sein möchte. Man sieht es und denkt: oh wow – wie zwei Wackeldackel auf dem Autoheck.

Aber was dann? Ich denke, es ist ein Mittelweg. Die Grundtendenzen müssen stimmen: Wo will ich hin im Leben, was sind die Dinge, die mir wichtig sind, worauf lege ich Wert, worauf kann ich verzichten. Diese Punkte sind nicht statisch, die können sich im Laufe des Lebens auch ändern. Da ist wichtig, im Gespräch zu bleiben, sich auszutauschen, mitzuhalten. Zusammen zu halten. Aber genau so wichtig finde ich Punkte, die eben nicht gleich sind. Sie müssen nicht mal als Gegensätze gesehen werden, die sich widersprechen, sondern können auch als Ergänzungen gesehen werden: Der ruhende Pol für den Unruhigen, der Rationale für den Stürmischen, der Geduldige für den Ungeduldige. Im ersten Moment nicht einfach zu ertragen. Der Ungeduldige möchte losrennen, alles sofort haben, nicht mehr warten und fühlt sich gebremst – sieht keinen Grund für die Bremse und tritt mal dagegen, auf dass sie sich löse. Der Geduldige fühlt sich überfahren, gedrängt, überrollt und bremst noch mehr – und schon nimmt das Übel seinen Lauf. Die Patentlösung gibt es wohl nicht, ausser Achtsamkeit. Bewusst hinzusehen, was abgeht, wo man selber steht, wo der andere. Genau hinzusehen, was wirklich dringend ist, was warten kann. Die Impulse zu erkennen, die einen handeln lassen, wie man es tut. Und wieso der andere handelt, wie er es tut.

Und dann sind da die kleinen Kontroversen im Alltag. Ich liebe sie. Ein Wort gibt das andere, man sucht Argumente, mit Spass, einem Augenzwinkern, verliert sich in Konzepten, Theorien, Ketten – löst sie wieder auf. Immer dabei ein Lächeln. Das Ergebnis ist unwichtig. Der Weg war schön. Und mit diesem Lächeln kann man auch mal nachgeben, denn man verliert nichts, sondern hat ein Lächeln gewonnen. Auch eine schöne Sache. Wenn aus einer Uneinigkeit ein Lächeln wird. Wenn aus einer Ungleichheit eine Bereicherung wird. Und man gemeinsam einen Weg findet. Der nicht so ist, wie man ihn gehen wollte, aber schön. Das Ziel ist vielleicht auch nicht das ursprünglich anvisierte – aber auch schön, da mit einem Lächeln erreicht. Und wer weiss – vielleicht lassen sich sogar Ziele erreichen, von denen man nie erwartet hätte, dass sie machbar sind, aber umso glücklicher ist, sie erreicht zu haben?

Wenn alles fliesst
und nichts mehr steht,
dann lass dich treiben,
gib dich hin.
Wenn alles aufgeht,
nichts verwehrt,
öffne die Tür,
lass alles zu.
Wenn Mauern brechen,
Steine fallen,
dann hab den Mut
und lass sie liegen.

Mit einen Lächeln im Innen wie im Aussen werden aus zweien einer, die Dualität hebt sich auf, um in einem Ganzen weiter zu leben. Denn es ist alles eins, wir machen nur zwei daraus, weil wir denken, dadurch das Eigene zu schützen, ohne zu sehen, dass wir es dadurch erst gefährden.


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2 Kommentare zu „Gleich und gleich oder Gegensätze – was zieht an? Und was hält?

  1. Wie nicht anders zu erwarten, plädiere ich dafür, dass von den beiden Einleitungsätzen beide stimmen. Beides stimmt – nur nicht zu 100%, denn dann wären beide falsch. 100% gleich würde bedeuten, wir brauchen uns nicht zu begegnen. Da wäre nichts Neues zu erfahren. 100% gegensätzlich würde Krieg bedeuten. Dann wäre es besser, wenn wir uns nie begegnen.
    Es muss wohl eine stabile gemeinsame Basis da sein, sonst hat es keinen Sinn. Es müssen aber auch Verschiedenheiten da sein, die bereichern, anregen, ergänzen. Das Verhältnis mag individuell verschieden sein.
    Aber am schönsten finde ich deine Argumente,
    1. dass das veränderlich ist. Man entwickelt sich ja, und man entwickelt sich höchstwahrscheinlich verschieden schnell und an verschiedenen Ecken. Das macht es dann immer wieder spannend.
    2. Kontroversen mit einem Lächeln auszutragen, finde ich besonders schön. Das Leben ist ernst genug, so dass man den Rest einfach spielerisch austragen kann, eben mit einem Lächeln. Und Ziele zu erreichen, die man gar nicht angestrebt hat, ist besonders interessant.
    Ich würde sogar sagen:
    3. Notfalls kann man Kontroversen sogar literarisch austragen. Auch spannend.
    Wichtig ist die Perspektive des (nicht Ich und/oder Du, sondern) Wir, des Ganzen, innerhalb dessen zwei Individualitäten (Unteilbare) mit-einander leben.
    Wieder einmal wunderschön und klar auf den Punkt gebracht, liebe Sandra! Aber das sind wir ja von dir gewohnt.

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