Scheissspiel

Der Titel – ich gebe es zu – ist nicht wirklich gewählt, schon gar nicht hochstehend und mit meinem Sohn hätte ich geschimpft, hätte er ihn verwendet. Die Welt ist böse und grausam und Mütter auch nicht immer konsequent.

Doch was ist das Scheissspiel? (ich gebe zu, immer, wenn es drei Konsonanten hintereinander hat, muss ich nachzählen, ob nun drei dastehen, sich nicht ein vierter dazubequemte oder gar einer vergessen ging – aber es passt 🙂 )

Die Liebe!!

Was es mit der Liebe auf sich hat? Das war die Antwort auf die Frage vor dem grammatikalischen Exkurs. Die Liebe verursacht dieses Scheissspiel. Wie ich drauf komme, wo ich sie doch über Blogseiten hinweg in den Himmel lobte und ersehnte und preiste und lobhudelte? Weil keine Macht und Kraft der Welt – und nach wie vor erachte ich die Liebe als grösste und schönste Kraft der Welt – so viel Leid, Schmerz und Verderben mit sich bringt wie diese eine. Unter dem Deckmantel keines Gefühles wurde so viel gelogen, betrogen, gemordet, hintergangen, verletzt. Kriege wurden geführt, vordergründig aus Liebe zu Gott, Allah, einem Herrscher, Morde wurden ausgeübt aus Verletzungen, Verlassenheit, Liebesentzug, Liebesverrat, Selbstmorde wurden begangen wegen unerwiderter Liebe, wegen Einsamkeit, Liebesmangel. Menschen werden benutzt im Namen einer falsch vorgeheuchelten Liebe, Menschen werden hintergangen, weil die vermeintliche Liebe plötzlich Flügel oder Beine kriegte, der Mensch aber in der Bequemlichkeit blieb, Menschen werden belogen, um ein Abenteuer zu kriegen, eine Kurzbefriedigung.

Der Mensch geht dahin und sucht sich, was er braucht. Ohne Rücksicht, ohne Mitgefühl, im Ich verwurzelt, diesem kleinen, machthungrigen, befriedigungssüchtigen Ich. Um zu kriegen, was er will, braucht er ein gutes Marketinginstrument und aus der Werbung weiss man: pack dein Opfer an der Stelle, an der es am verletzlichsten ist, weil dahinter das steht, was es am meisten  will, da, weil es darauf am besten  anspringt. Was also wäre besser geeignet als die Liebe? Jeder sucht sie, jeder braucht sie, jeder sehnt sich danach. Ein „ich liebe dich“ öffnet tausend Türen und Tore. Einmal durchgegangen lösen sich die Worte in Luft aus. Vielleicht sind Worte wirklich nicht die grosse Kraft, Gefühle sind es. Aber oft kommen sie in Worten daher, die man glauben muss, da man ohne Glauben kaum Vertrauen aufbaut. Und ohne Vertrauen ist keine Liebe lebbar. Dadurch, dass die Worte oft falsche Gefühle vorgaukeln, werden Worte immer unglaubwürdiger, anzweifelbarer und damit Gefühle immer mehr in Frage gestellt. Und so wird der einmal betrogene Mensch unsicherer und haltloser und fängt selber an, abzutasten, auszuloten, zu taktieren. Am Schluss bleibt: ein Spiel. Ein Scheissspiel. Aus dem nur Verletzte herausgehen werden. Die die spielen, werden nie glücklich werden. Der Reiz des Eroberns wird immer schneller abflachen und eine Leere zurück lassen. Die Spielfiguren werden von Mal zu mal mehr brechen, irgenwann zerbrechen und als Trümmer am Strassenrand liegen bleiben. Bis – ja bis – vielleicht eine wirkliche Liebe auftaucht, ein Licht am Ende des Tunnels, welches in einem selber sein kann, sein soll, manchmal von aussen erleuchtet werden muss, weil die Kraft, den Schalter zu drücken, fehlt.

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass das, was so ersehnt und grossartig und wunderschön ist, seine Schattenseiten hat. Was hoch trägt, lässt tief fallen, was hell leuchtet, lässt Dunkelheit zurück, wenn es fehlt. Was glücklich macht, lässt Unglück zurück, wenn es geht. Aber auch die Hoffnung: es kann wieder kommen. Und den Glauben: es gibt sie und sie ist wunderschön und lebenswert und echt und tragend. Drum steht in den Korinthern:

Am Ende bleiben Glaube Liebe Hoffnung – die grösste unter ihnen ist aber die Liebe (sinngemäss). Dann lasst uns hoffen (die die wollen beten) und glauben: die Liebe lebt. Sie wird sich irgendwann durchsetzen.


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7 Kommentare zu „Scheissspiel

  1. Wirklich grandios, liebe Sandra! Ja, ein Scheissspiel! Unter Falschspielern. Aber es geht auch anders. Und am Ende bleibt die Liebe.
    Man spielt, der Einsatz ist hoch, der Gewinn unter ferner liefen. Und dann kommt der Jackpot, den niemand erwartet hat. Wer rechnet schon mit dem Unwahrscheinlichsten?
    Alles Grosse trägt sein Gegenteil in sich. Damit umzugehen, ist schon ein Teil der Lösung. Die Phantasie kann beflügeln, die Wirklichkeit kann verwandeln.

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    1. Ich würde auch unterstreichen: es geht auch anders.
      Das mit dem „Vorgaukeln“ ist so eine Sache. Können sich aufgeklärte, analytische
      Menschen wirklich etwas vorgaukeln lassen. In Bezug „im Namen der Liebe wurden Kriege geführt“ glaube ich das nicht mehr. Im aufgeklärten Europa lassen wir uns nicht mehr vor so einen Karren spannen.
      Im persönlichen? Ich bin nicht solz darauf, diese Erfahrung nie gemacht zu haben. Aber ich weiß aus dem Freundeskreis, dass selbst das Vorgaukeln von Gefühlen offenbar ab und an stattfindet. Viel häufiger ist glaube ich aber die Ent-Täuschung nach einer gescheiterten Liebe. Mit Abstand kommt dann meistens doch die Einsicht, dass es eben nicht gepasst hat. Vielleicht auch das Verzeihen. Vielleicht ist die Frage auch sehr spannend, warum gehen Beziehungen überhaupt kaputt? Warum funktioniert etwas nicht mehr, was Jahre sehr gut funktionierte? Wo hört die Toleranz auf?
      Habt ihr Antworten?

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      1. Eine Mischung aus täuschen lassen und getäuscht werden? Vielleicht fällt wirklich der Schleier und man sieht, dass man eigentlich lange wusste, dass es nicht passt, es sich aber aus verschiedenen Gründen (Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Ankommen, Familie, heile Welt, …..) schön redete, die Missstände ignorierte.

        Hört die Toleranz auf oder das Bemühen, gemeinsame Wege zu finden? Hört das Rücksicht Nehmen auf oder werden die Ansprüche an diese Rücksicht grösser? Sind Menschen darauf ausgelegt, ein Leben zu teilen? Wenn ja: Was müssen sie mitbringen? Was müssen sie dulden? Wie viel muss man aushalten? Was ist genug?

        Solche Fragen bringen meist mehr Fragen als wirkliche (und vor allem allgemein gültige) Antworten, wie ich finde. Und doch stellt man sie sich dann und wann. Und hält sich an der Hoffnung (und ab und an an Vorbildern, die es vorleben), dass es gut gehen kann, dass es die Liebe gibt und dass sie schön sein kann. Weil: sie ist schön. Wenn man sie wahrhaftig erlebt und lebt.

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        1. Ich denke nicht, dass solche Fragen keine Antworten bringen. Wenn man Beziehungen eingeht, die nur so vor Problemen wimmeln, ist Bemühen um einen gemeinsamen Weg zwangsläufig müßig. Ich würde Liebe/Partnerschaft nicht von vornherein unter Toleranz, Bemühen, Rücksicht einordnen. Grundlage ist doch ein weites Feld an Übereinstimmungen!?
          Aber ich bin nicht auf eine Kontroverse aus.
          Zurück zu der grundlegenden Frage, die ich, wie gesagt, sehr spannend finde und auf die es durchaus antworten gibt: Warum gehen Beziehungen kaputt oder Warum halten sie?
          Eine simple Antwort ist: Es wurde (und wird teilweise noch immer) viel zu früh geheiratet. Etliche Ehen meiner Elterngeneration sind daran gescheitert, dass sich die Partner kaum kannten. Es heißt nicht umsonst und sehr weise: Drum prüfe, wer sich ewig bindet.
          Eine zweite, ebenfalls recht simple Antwort ist, dass in unserer heutigen Konsumgesellschaft viele nach neuen Reizen und Optimierung streben. Kompromisse, Rücksicht, Verantwortung sind out. Ich nenne es das „Til-Schweiger-Prinzip“. „Das war mir jetzt ein bisschen zu langweilig und ich habe ja genug andere Angebote/Alternativen. Natürlich bleiben ich und meine Fraue Freunde und ich sehe die Kinder, wenn ich Lust habe“. Vielleicht gibt es da heutzutage immernoch eine Inkongruenz zwischen Männern und Frauen? Die Soziologin Eva Illouz ist ja der Meinung, sogar mehr als zuvor. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/soziologin-illouz-macht-euren-kinderwunsch-nicht-von-liebe-abhaengig-a-790592.html

          So weit meine „simplen“ Antworten. Aber ich warte lieber auf eure besseren! 😉

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      2. Es muss wohl von Anfang an anders laufen, sonst wird es nicht anders. Nicht täuschen, auch nicht täuschen lassen. Offenheit, Ehrlichkeit, nichts zurückhalten, alles anpeilen. Liebe natürlich vorausgesetzt.
        Natürlich bleibt dann noch die Frage: Kann sich das irgendwann ändern? Es wird sich nicht schlagartig ändern, sondern schleichend. Und dem kann man vielleicht vorbeugen: durch Offenheit, Ehrlichkeit, nichts zurückhalten, alles anpeilen. Immer wieder. Anstrengend?

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  2. 🙂 Ja, das Gegenteil eines ‚texturierten Sch …Spiels …‘ DER ’neuralgische‘ Punkt und ‚Stolperstein‘ unseres Lebens … DAS Maß Aller ‚Dinge‘ …
    Da meine (heimliche) Passion dem Märchen gilt … seit ich Ich denken kann … bilde ich mir dazu gern eine Antwort ein, die ‚gewissermaßen‘ durch die Blaue Blume gesagt ist …
    Die Entscheidung der Seele, Hier& Jetzt zu sein, um genau diese Liebe (in Höhen und Tiefen) zu erfahren .. denn ohne jenen AmplitudenQuell wäre auch jegliche Form von Kunst, Poesie und Musik undenkbar … der Mensch als Homo Ludens … so ’spiel‘ (und hoff) ich weiter …
    in meiner (demiurgischen) Phantasie … Ein Wunderbarer SchlussSatz. lieber Robert, ein Satz wie ein ‚QuantenMärchen‘ ❤ 🙂
    Es ist überhaupt Wunderbar, lesen und sehen zu dürfen, wie ihr Euch – im besten Sinne – ergänzt, so 'schwingt' hier (und zwischen euch) auch wieder Quantenmechanisches mit … wie bspw. im folgenden Zitat …
    'Vielleicht sind Worte wirklich nicht die grosse Kraft, Gefühle sind es.' … sagt – meines Wissens – auch die Quantenlogik, da (nur) die 'emotionalen Gedanken' Entitäten schaffen …
    doch, da ich halt auch und vor ALllem ein 'Musikant' bin, möchte ich meinem 'Gundi' dazu das letzte Wort überlassen … 'ScheissSpiel' aus den 80ern … ❤ 🙂 (Leider ist die Qualität dieses alten OstSongs(!) buchstäblich 'grenzwertig' … die anderen beiden dienen da eher der 'Kontextualisierung') LG und eine Sonnigen Tag aus Berlin 🙂

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