Tagesgedanken: Gemeinsam für die Welt einstehen

Ich blicke jetzt auf einen Monat schlechtes Wetter zurück hier in Spanien. Einen Monat hat sich die Sonne kaum gezeigt, es war grau, windig, es regnete, von den Sandstürmen reden wir besser nicht, der Sand sitzt noch immer überall. Und ich frage mich, ob das einfach eine schlechte Wetterlage war, wie es mal passieren kann, oder ob das mit dem Klima zu tun hat, das aus den Fugen ist. Ich weiss es nicht. Die Frage ist, ob es wichtig ist, dass ich es weiss. Selbst das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass wir uns um das Klima kümmern sollten, dass wir dringend unseren Lebenswandel, unsere Ressourcenverschwendung, unser Sein auf dieser Welt überdenken müssten. Ich glaube, das ist allen klar, wir bestätigen es uns gegenseitig – und belassen es dann meist dabei. Wir sind ja nur klein, die Frage zu gross, machen können wir sowieso nichts. Zudem: Auf uns hört ja sowieso keiner.

Es ist eine Machtlosigkeit in der Welt, eine Hilflosigkeit und auch ein mangelndes Vertrauen in die Politik. Oft sprechen wir von denen da in der Politik, während wir uns als die hier sehen. Dazwischen ist ein grosser Graben, wir sehen wenig Verbindung. Das ist gerade für ein politisches System wie eine Demokratie natürlich eher schlecht, da diese von der Teilhabe der Bürger, welche sie ausmachen per Definition, leben würde. Ich mag in dem Zusammenhang Hannah Arendts Definition von Politik. Sie schiebt sie gerade nicht den Politikern zu, sondern sagt, dass Politik überall da betrieben wird, wo Menschen miteinander als Verschiedene über eine gemeinsame Welt diskutieren. In ihren Worten:

„Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Statt uns hinter unseren Meinungen zu verstecken, andere nicht zuzulassen und die Welt den Politikern zu überlassen, wäre es wünschenswert, die eigene Verantwortung wieder wahrzunehmen und im Wissen, dass jeder genauso betroffen ist von dieser Welt, mit anderen in den Dialog zu treten – gerade um auch andere Sichtweisen kennenzulernen. Nur aus verschiedenen Perspektiven lässt sich die Welt erfassen.

Wir leben in einer Welt, die eng vernetzt ist. Finanzmärkte hören nicht an Landesgrenzen auf, ebensowenig ist das Klima ein national beschränktes Problem. Diese Globalisierung bringt nicht nur eine grössere Weltreichweite mit sich, sie führt auch dazu, dass wir unsere Probleme global angehen müssen, sprich: Wir können ökonomische und ökologische Themen nicht mehr nur national abhandeln, wir müssen den globalen Dialog und eine gemeinsame Lösungsstrategie suchen.


Buchtipp: Ned O’Gorman: Politik für alle. Hannah Arendt lesen in unsicheren Zeiten, Nagel und Kimche, München 2021.

Tagesgedanken: Anfangen

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das sagte Hesse und es deckt sich oft nicht mit unserem Gefühl für den Montag. Vielleicht aber müssten wir ihn nicht als Ende des schönen Wochenendes sehen, sondern als Chance, etwas Neues zu beginnen? Ganz im Stil von Anais Nin, welche sagte:

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.“

Der Montag ist nicht an sich schlecht, wir sind es, die ihn so bewerten. Diese Art von Bewertung zeigt sich in verschiedenen Bereichen des Lebens, auch in Bezug auf eigene Fähigkeiten: Wie oft denken wir, etwas nicht zu können, trauen uns die Dinge nicht zu, malen schwarz und den Teufel an die Wand? Das ist die beste Methode, sich von vornherein den Mut und die Motivation zu nehmen, und wir beherrschen sie gut. Und wenn wir es nicht selbst tun, findet sich sicher einer da draussen, der von unseren Vorhaben, Plänen, Wünschen, Ideen hört und uns sagt: „Das geht nie, das ist nicht realisierbar!“ – Und wir fangen an zu zweifeln oder noch schlimmer: Wir glauben es unbesehen und hören auf, an unsere Ideen zu glauben und sie umzusetzen, oder schlimmer noch: Wir fangen erst gar nicht damit an.

Mark Twain sagte einst:

„Sie wussten nicht, dass es unmöglich war, also haben sie es getan.“

Wenn wir die Dinge nicht angehen, wissen wir nie, was daraus werden könnte. Natürlich lässt sich nicht jede realisieren und nicht aus allem wird ein Erfolg. So werden wir wohl kaum allein mit unseren Ideen oder auch Taten die Weltarmut beseitigen, aber vielleicht können wir dazu beitragen, dass das Thema präsenter wird und mehr dahingehend passiert? Auch werden wir die Klimakatastrophe nicht alleine abwenden, aber wir können unseren Beitrag dazu leisten. Es mag sein, dass wir mit unseren Ideen nicht die Welt retten, aber vielleicht gelingt uns, Teil einer Bewegung zu sein, die gemeinsam versucht, das Leid auf dieser Welt zu mindern. Und das wäre doch ein schöner Anfang.

Rezension: Torben Kuhlmann – Maulwurfstadt

Der Preis des Fortschritts

KuhlmannMaulwurfstadtAuf einer wunderschönen grünen Wiese ist ein Maulwurfhügel. Darunter wohnt ein Maulwurf in Frieden – allerdings nicht lange allein. Schon bald kommen weitere Maulwürfe, sie bauen neue Hügel auf der Wiese und unter der Erde ganze Städte. Und je mehr Zeit ins Land geht, desto weiter wird die Untergrundwelt ausgebaut. Aus der Idylle – oben wie unten – ist eine turbulente, lärmende und dicht besiedelte Welt geworden.

Torben Kuhlmann braucht nicht viele Worte, um die Geschichte zu erzählen, er lässt Bilder sprechen – und die sprechen nicht nur eine deutliche Sprache, sie bestechen durch ihre Farbwahl, ihren Ausdruck, ihre Sprache. Torben Kuhlmann ist es gelungen, sowohl in Farbe, Gesamtgestaltung wie auch Ausarbeitung jedes einzelnen Bildes die Stimmung der Geschichte einzufangen.

Maulwurfstadt ist ein Bilderbuch, das man gerne anschaut, bei dem man immer wieder neue Details entdeckt – gross und klein werden begeistert sein. Dass dabei ganz nebenbei noch sinnbildlich die Geschichte der Menschheit und die Besiedlung des Erdballs aufgegriffen werden, ist ein zusätzliches Plus. Torben Kuhlmanns Erzählkraft gelingt es auf schöne Weise, aufzuzeigen, dass Fortschritt nicht nur immer positive Effekte hat, sondern durchaus auch Dinge mit sich bringen kann, die man sich so nicht wünschte – und vielleicht auch gar nicht vorstellte am Anfang. Eine wunderbare Gesprächsgrundlage beim Anschauen des Buches.

Fazit:
Ein wunderbares Buch mit aussagekräftigen Bildern und einer Geschichte, die schön anzuschauen und zu erzählen ist sowie zu weiteren Überlegungen anregt. Sehr empfehlenswert – für gross und klein.

Zum Autor
Torben Kuhlmann
Torben Kuhlmann studierte Illustration und Kommunikationsdesign an der HAW Hamburg mit Schwerpunkt Buchillustration. Im Juni 2012 schloss er sein Studium mit dem Kinderbuch Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus ab. Maulwurfstadt ist Kuhlmanns zweites Bilderbuch bei NordSüd.

Angaben zum Buch:
KuhlmannMaulwurfstadtGebundene Ausgabe: 32 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (20. Januar 2015)
Empfohlenes Alter: 5 – 7 Jahre
ISBN-Nr.: 978-3314102745
Preis: EUR 14.99 / CHF 21.90

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jedem seine welt

meine welt ist
nicht glänzend
nicht ständig nur pink und gar
himmelblau strahlend

es gibt da die ganz
dunklen töne die
mitunter auch
das zepter einnehmen

es gibt da so diese
gar düsteren klänge
die statt in dur auch
moll halt verströmen

meine welt ist nicht
jeden tag glänzend
sie malt auch in matt und
dunkelblau – satt

das ist halt die welt die
die meine ich nenne
und wem’s nicht gefällt
der hat dann noch seine.

©Sandra Matteotti

Welt – quo vadis?

Vor einigen Monaten schaute alles nach USA und schimpfte lauthals. Wie konnten sie nur. Wie konnten sie nur so blöd sein, einen Menschen wie den an die Macht zu wählen. Nun war Wahl in Deutschland. Was passierte? Die AFD ergatterte 13% – so die aktuelle Hochrechnung, es könnte noch ein wenig schwanken.

Drittstärkste Partei? Echt jetzt? Während manche sich im Vorfeld übermässig über die Kanzlerin ausliessen (eine wirkliche Alternative gab es ja nicht), zog die AFD einfach vorbei…. Einmal mehr haben vielleicht pseudoplakative Scheingefechte verursacht, dass etwas Macht gewann, das niemals an selbige hätte gelangen dürfen.

Lernen wir was draus? Vermutlich nicht.

Ich bin leider nicht erstaunt, aber sehr besorgt. Wir leben keine Demokratie mehr. Die, welche gemässigt und menschenfreundlich denken, blockieren alle, die das nicht tun. Die, welche Ängste haben und ihre Pfründe schützen wollen, gehen so ungehemmt weiter. Wir lassen uns aus über kleinere oder grössere Übel, lassen dabei aber das grösste einfach mal durchmarschieren. Wir urteilen über die anderen, während wir selber genauso Mist bauen.

Wo soll es hinführen? Wir leben in einer Welt, in der sich die USA und Nordkorea Sandkastengefechte liefern, die leider nicht im Sandkasten ausgetragen werden, sondern globale Konsequenzen haben können. Wir sind soweit, dass ein Putin als Vernünftigster im Umzug erscheint. Nur schon das müsste einem zu Denken geben. Ein Machthaber, der jegliche Menschenrechte missachtet, der nicht Gleichgesinnte mit fadenscheinigen Begründungen aus dem Verkehr zieht – die Kette wäre unendlich länger – steht plötzlich da und man denkt: Wenigstens einer sieht, was passiert.

Ja, ich mache mir Sorgen. Wobei: Wenn dieser verrückte Nordkoreaner die Welt in die Luft sprengt – who cares? Alle Merkelgegner können aufatmen, sie ist nicht mehr relevant, die AFD ebensowenig, auch Trump ist Geschichte. Wir alle mit. Und wenn das doch zu radikal ist, sollte man vielleicht mal anfangen, die wirklichen Gefahren zu sehen und da anzusetzen. Merkel mag nicht optimal sein, aber die Probleme liegen tiefer. Da schwelen sie und untergraben alles, was wir mal unsere Werte nannten. Und das tut sie nun weiter. Merci, danke!

Gleiche unter Gleichen

Stell dir vor, es gäbe keine Länder mehr –
dass kann so schwer nicht sein.
Es gäbe nichts dafür zu töten oder sterben
und auch Religionen gäb es nicht.

Stell dir all die Menschen vor,
sie lebten in Frieden.

Da kannst nun sagen, ich sei ein Träumer,
doch: Ich bin nicht der einzige.
Und eines Tages bist du mit uns
und die Welt wird eine sein.

Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz
Ich frage mich, ob du0s kannst.
Kein Grund für Neid oder Hunter,
die Menschen wären Brüder.

Stell dir die Menschen vor,
sie teilten sich die Welt.

Du wirst sagen, ich sei ein Träumer,
doch ich bin nicht der einzige.
Ich hoffe, eines Tages bist du mit uns
und wir leben in einer Welt, die eine ist.

Das sang John Lennon. Imagine (Übersetzung S.M.). Ein wunderbares Lied mit einer Vision. Die Vision von einer Welt, in welcher alle Menschen miteinander leben – nicht gegeneinander. Die Vision von einer Welt, in welcher die Menschen teilen, nicht einander wegnehmen. Die Vision von einer Welt, in der Friede herrscht.

Unter den Linden
Die Blätter der Bäume fallen
Die herrlichen Linden entlang,
In allen Farben und Formen
Bestreut ist der reizende Gang.

Ihr Blätter und Bäume und Menschen,
Verschieden in Farbe so sehr:
Ein Windstoss weht alles zusammen,
Man merkt keinen Unterschied mehr!

Das hat Friederike Kempner (1882 – 1904) gedichtet. Im Zentrum steht der Gedanke, dass die Menschen im Kern alle gleich sind, sie sind alle Menschen. Würden wir Menschen das erkennen, wäre die Welt eine friedlichere. Dann würden die Menschen die Welt teilen und sich gegenseitig Sorge tragen – als Gleiche unter Gleichen.

Plakative Betroffenheit erwünscht

In Orlando schiesst einer in einer Bar um sich und tötet dutzende Menschen. Die Betroffenheit ist gross, der Täter wird analysiert, es kommen mehr und mehr Details ans Licht über sein Leben, seine Absichten, seine Psyche. Spekulationen über seine Motive werden gemacht. Sympathien zum IS? Antipathien gegen Homosexuelle (die Bar war ein Treffpunkt)? Die Suche wird wohl weiter gehen.

Als ob die Tat nicht schlimm genug wäre, liest man nun auf Facebook empörte Statements. Man hätte sich mit Paris identifiziert (Je suis Charlie), mit Brüssel (eingefärbte Avatar) – keiner sei nun schwul oder zeige seinen Avatar in Regenbogenfarben. Damit sei der ganze Kampf für Akzeptanz der Homosexualität dahin und jeder nicht Stellungbeziehende sei potentiell homophob. Und schlimmer: Jeder Homosexuelle dadurch ein Opfer. Irgendwie.

Ich erinnere mich noch gut an Paris und Brüssel. In der Tat war die Anteilnahme plakativ sichtbar. Das wurde aber auch bemängelt von verschiedenen Seiten. Es sei übertrieben, zu plakativ, zu oberflächlich, wenig durchdacht. Das Fehlen solcher Signale scheint nun aber zu ignorant, gar diskriminierend zu sein.

Was mir auffällt ist: Es passiert viel auf der Welt, das Angst macht. Man versucht, damit weiterzuleben, einen Weg zu finden, das Leben weiterzuleben und doch sind da die Taten, die erschüttern. Wenn man die Möglichkeit sieht, seinen Avatar bunt zu färben, denkt man vielleicht, dass man auch ein Zeichen setzen möchte. Man möchte sich bekennen und Stellung beziehen. Nur wird es so viel, man müsste täglich irgendwo Stellung beziehen. Die Welt ist gross und es passiert überall was. Alles beschäftigt, das eine vielleicht mehr, das andere weniger; die Gründe können vielfältig sein. Ob der Grad der Betroffenheit aber wirklich an den offensichtlichen und plakativen Facebookzeichen abzulesen ist, wage ich zu bezweifeln.

Wir sind Menschen in einer Welt, die im Umbruch ist. Der Umbruch zeigt sich oft beängstigend und gewaltsam. Jeder Mensch geht anders damit um, kalt lässt es wohl kaum einen – ganz tief. Von aussen dahin zu gehen und andere abzuurteilen, weil sie zu viel, zu wenig, falsch öffentlich agieren ob des Unheils, das auf der Welt passiert, erachte ich als wenig konstruktiv. Erstens ist das plakative Zeigen wenig aussagekräftig in Bezug auf die wirkliche Tiefe des Mitgefühls, zweitens geht es den Kritisierenden wohl meist eher um eigene Befindlichkeiten oder Profilierung, denn um wirkliche Sorge um die tatsächlichen Opfer und drittens sehe ich wenig Sinn darin, sich in den sozialen Medien mit Argumenten zu bekriegen, wenn man eigentlich den realen Krieg der einen gegen die anderen anprangern sollte/wollte.

Die Welt ist im Umbruch und was passiert, macht Angst. Wir könnten alle morgen da sein, wo irgendeiner einen Anschlag verüben möchte – aus welchen Gründen auch immer. Das Leben geht weiter, die Angst müssen wir irgendwie ausblenden. Wäre es da nicht schöner, wir würden das miteinander tun, statt Kleinkriege anzuzetteln? Wäre es nicht sinnvoller, der wirklichen Opfer zu gedenken – jeder auf seine Weise –, statt sich selber zum Opfer einer als falsch definierten Trauer zu erküren? Wäre es nicht ein guter Anfang, Toleranz und Akzeptanz zu leben, statt zu be- und zu verurteilen, was den eigenen Massstäben nicht genügt? Denn: Sind die eigenen Massstäbe wirklich die absolut richtigen? Für einen selber wohl schon, doch worauf gründen sie? Und ist nicht gerade die Absolut-Setzung eigener Masstäbe eines der grossen Übel auf dieser Welt?

Kalte Welt

Die Welt ist kalt,
die Welt lässt dich
erfrieren.
Bist du am Boden,
liegst du lang.
Achtlos gehen sie
an dir vorüber.
Kaum ein Blick
– und wenn:
Verächtlich.
Liegst du im Graben,
tritt man dich
– mit Füssen.
Man tritt auch gerne
nochmals nach
und gräbt dir dann
die Grube.
Keiner will Verlierer,
keiner will den Fall.
Augen zu,
Kopf in den Sand,
sonst spürte man
– das will man nicht:
Das könnte auch –
oh Gott bewahre –
ich sein.
Schnell verdrängt.

©Sandra Matteotti

Die Welt verstehen….

Ich bin so froh, gibt es heute Facebook. Hier wird mir die Welt erklärt. Menschen, die den Durchblick haben, erklären mir bei allem, wie die richtige Sicht der Dinge aussieht. Es sind meist die immer Gleichen, die zu wohl jedem Thema wissen, wie der Hase läuft, was richtig und was falsch ist. Ist man nicht auf ihrer Linie, kommentieren sie mit Spott und reichen dann Belehrungen nach. Das einzige Problem, das ich noch habe: Sie sind sich nicht immer einig in ihrer Verkündung der absoluten Wahrheit.

Wir haben ein düsteres Kapitel in der Geschichte hinter uns: Die Anschläge in Paris erschütterten wohl fast jeden. Die Betroffenheit war gross. Die Wahrheitsverkünder liefen zu Hochform auf. Die einen wussten, dass man nun jeden Moslem verbannen und verdammen müsse. Die anderen schimpften mit allen, die sich betroffen zeigten, weil diese in ihren Augen andere Opfer von anderen Terroranschlägen weniger betrauert hätten, und Dritte schimpften die ganze Solidaritätsbekundung überhaupt heuchlerisch.

Ich sitze hier und gebe zu: Ich verstehe diese Welt nicht mehr. Ich weiss nur, dass es eine Welt ist, wie ich sie mir nicht wünsche. Ich weiss nur, dass sich kein Mensch eine solche Welt wünschen würde. Es gibt einige, die diese Welt hier so geschaffen haben, es gibt andere, die dem Schaffen nichts entgegensetzten und die, welche sie schlicht erdulden. Alle haben sie Gründe. Ich kann mir die meisten wohl denken, verstehe sie rational, kann sie emotional nicht nachvollziehen und schon gar nicht teilen.

Wir sitzen also in dieser Welt. Alle. Statt dass sich die, welche sie so nicht haben wollen, zusammentun und gemeinsam für eine bessere Welt einstehen, bekämpfen sie sich gegenseitig, weil jeder für sich die Wahrheit gefressen haben will. Jeder will dem anderen erklären, wieso nur seine eigene, als Absolutum gesetzte Welt als die einzig richtige Sicht gelten kann. Und jeder, der so handelt, tut eigentlich zwei Dinge: Er ist 1) genauso absolutistisch wie die, welche tun, was er eigentlich nicht gut findet, und er macht 2) das kaputt, was die einzige Chance dagegen wäre: eine geeinte Gruppe von Menschlichkeit.

So lange sich jeder selber profilieren will, so lange jeder denkt, noch ein bisschen mehr verstanden zu haben und dadurch alles definieren zu können, was das menschliche Leben betrifft, so lange wird es so weiter gehen. Und ja: Ich denke, wir kommen aus der Nummer nicht raus. Jede Theorie scheitert an der Variable Mensch, möge sie noch so gut sein (die Theorie, bei der Variable Mensch bin ich mir nicht mehr so sicher).

Ohne Worte

Ich wollte so viel sagen,
wollte all das Leid beklagen.
Ich wollte diese Welt bedauern,
und den ganzen Hass betrauern.
Allein: Es fehlten mir die Worte,
und viel mehr: Was wär’n die richt’gen Orte?

 

Sollt’ ich also schweigen?
Tun das nicht die Feigen?
Was aber wollt’ ich sagen?
Bleibt mir mehr als nur noch Fragen?
Was gilt denn nun?
Was ist zu tun?

 

Während alle rufen, alle schreien,
wer die Bösen in dem Spiel grad seien,
gehen mir die Worte aus,
merke ich, die Luft ist raus,
und so sitz ich hier und frage,
wen kümmert, was ich sage?

 

Das Leben wird wohl weiter gehen,
alles werd’ ich nie verstehen.
Was ich kann, ist zu versuchen,
nicht nur andere verfluchen,
sondern hier in meinem Leben,
das mir Möglichste zu geben.

Neues aus der Politik: Rosa Wölkchen

Balthasar Glättli (Grüne) will Zweitwohnungen zu Flüchtlingsunterkünften machen… irgendwie mutet das ein wenig wie Zwangsenteignung an… die Bürgerlichen erfreuen dafür überraschend: Reiche sollen aus subventionierten Wohnungen ausziehen müssen. Besteht noch Hoffnung, dass die Mitte sich wieder findet und sich über kurz oder lang eine wählbare Politik herauskristallisiert? Eine, in der nicht nur polemisiert und mit heisser Luft gewedelt wird, in der nicht linksidealistische Kommunismusphantasien in rosa Wölkchen gepackt werden, sondern Menschen aufgrund ihrer Leistungskraft behandelt werden?

Vielleicht ist auch die Hoffnung ein rosa Wölkchen, aber ich glaub mal dran, denn: Zuletzt aber bleiben Glaube, Liebe Hoffnung. Zwar obsiegt im Spruch die Liebe, aber die Hoffnung folgt zugleich.

Die Tage der Dämonen

Es gibt so Tage, an denen will nichts gelingen. Und während du da sitzt und entweder gar nicht in die Gänge kommst oder aber probierst und probierst und alles versandet, zerrinnen die Stunden und die Selbstzweifel kommen. Wie böse Dämonen sitzen sie in deinem Hirn und sprechen zu dir:

„Was machst du da überhaupt?“
„Du kannst doch eh nichts!“
„Andere können alles viel besser!“

Das sind nur einige der schönen Dinge, die sie dir zuflüstern und du neigst dazu, ihnen zu glauben. Vor allem an solchen Tagen. Und du schimpfst mit dir und schiltst dich eine dumme Kuh, die irgendwelchen Träumen nachhängt, statt etwas Sinnvolles zu leisten. Andere retten die Welt, heilen Menschen, erforschen gerade das Weltall. Du sitzt hier und willst Kunst machen. Und du machst es nicht mal gut. Ok, das eine oder andere Stück gefällt dir ganz gut, aber im Ganzen ist keine Linie, ist kein Stil, ist keine Konstanz. Es sind Anfängerwerke von einem Anfänger, der nicht weiss, ob er je mehr sein wird als ein Anfänger – oder eben einer, der lange übte und doch nirgends hinkam.

Also aufgeben? Das geht nicht. Denn: Nie hast du etwas gehabt in deinem Leben, das dir mehr bedeutete, das dir mehr gab, mit dem du dich – ausgenommen an solchen Tagen – besser fühltest. Nie gelang es dir sonst, dich in etwas so zu verlieren und dich damit gut zu fühlen, wie jetzt.

Es bleibt also nur eines: Weiter machen. Im Wissen, dass immer wieder solche Tage kommen werden. Und wenn die Zweifel gar zu gross sind, hilft es, auf den Weg zurückzublicken, den du schon gegangen bist. Wo hast du angefangen, was hast du seit da erreicht? Und du wirst Fortschritte sehen und wirst sehen, was du alles schon gemacht hast – Tolles gemacht hast.

Ja, du bist vielleicht noch nicht da, wo du hinwillst und du weißt vielleicht nicht mal genau, wo das genau sein wird. Du weißt aber, dass es der Weg ist, den du gehen willst und du hast Vorstellungen vom Ziel – nicht immer gleich klar, aber sie sind da und sie fühlen sich schön und richtig an. Vielleicht ist heute einer der Tage, an denen gar nichts klar ist, an denen die Dämonen rufen, zanken, schimpfen, dich auch auslachen. Aber: Der Tag geht vorbei und ein nächster kommt.

Es gibt ein Zaubermittel gegen die Dämonen, die dir sagen wollen, dass du gar nicht kannst, was du tust: Tu es und sie werden schweigen.

Eigenes Universum

Ab und an denke ich, ich lebe in meinem eigenen Universum. Ich gehe durch den Tag, sehe viel, nehme alles wahr, denke mir meins dazu, und lasse es wieder ziehen, weil das Nächste da ist und meine Aufmerksamkeit fordert. Und die will ich ihm geben. Wobei, es ist nicht mal ein Wollen, es passiert einfach so.

Mir würde das nicht mal auffallen, würde ich nicht dann und wann mit Fragen konfrontiert wie: „Wie war das Wetter heute bei euch?“ „Stören die der Flugzeuglärm auch?“ „Wo geht denn hier die Sonne auf und unter?“ Und obwohl ich mich sicher über manchen Sonnenaufgang freute, Flugzeugbäuche bestaunte, schwitzte, fror oder vor dem Regen flüchtete – ich kann es nie sagen.

Ich würde das nun gerne so deuten, dass ich erleuchtet bin und es ganz und vollkommen schaffte, im Hier und Jetzt zu leben, den Ballast der Vergangenheit hinter mir zu lassen. Leider ist dem wohl nicht so, da

Dinge,
die mir wirklich
am Herzen liegen,
mich treffen,
in mir drehen,
nachhallen,
weiterdrehen,
sich winden,
nicht verschwinden.

Es sind eher die Geräusche des Alltags, mit denen wir überall und immer überflutet werden. Die fliessen durch mich hindurch. Sind schön (oder auch nicht) im Moment, dann vergessen.