meine welt ist
nicht glänzend
nicht ständig nur pink und gar
himmelblau strahlend

es gibt da die ganz
dunklen töne die
mitunter auch
das zepter einnehmen

es gibt da so diese
gar düsteren klänge
die statt in dur auch
moll halt verströmen

meine welt ist nicht
jeden tag glänzend
sie malt auch in matt und
dunkelblau – satt

das ist halt die welt die
die meine ich nenne
und wem’s nicht gefällt
der hat dann noch seine.

©Sandra Matteotti

Vor einigen Monaten schaute alles nach USA und schimpfte lauthals. Wie konnten sie nur. Wie konnten sie nur so blöd sein, einen Menschen wie den an die Macht zu wählen. Nun war Wahl in Deutschland. Was passierte? Die AFD ergatterte 13% – so die aktuelle Hochrechnung, es könnte noch ein wenig schwanken.

Drittstärkste Partei? Echt jetzt? Während manche sich im Vorfeld übermässig über die Kanzlerin ausliessen (eine wirkliche Alternative gab es ja nicht), zog die AFD einfach vorbei…. Einmal mehr haben vielleicht pseudoplakative Scheingefechte verursacht, dass etwas Macht gewann, das niemals an selbige hätte gelangen dürfen.

Lernen wir was draus? Vermutlich nicht.

Ich bin leider nicht erstaunt, aber sehr besorgt. Wir leben keine Demokratie mehr. Die, welche gemässigt und menschenfreundlich denken, blockieren alle, die das nicht tun. Die, welche Ängste haben und ihre Pfründe schützen wollen, gehen so ungehemmt weiter. Wir lassen uns aus über kleinere oder grössere Übel, lassen dabei aber das grösste einfach mal durchmarschieren. Wir urteilen über die anderen, während wir selber genauso Mist bauen.

Wo soll es hinführen? Wir leben in einer Welt, in der sich die USA und Nordkorea Sandkastengefechte liefern, die leider nicht im Sandkasten ausgetragen werden, sondern globale Konsequenzen haben können. Wir sind soweit, dass ein Putin als Vernünftigster im Umzug erscheint. Nur schon das müsste einem zu Denken geben. Ein Machthaber, der jegliche Menschenrechte missachtet, der nicht Gleichgesinnte mit fadenscheinigen Begründungen aus dem Verkehr zieht – die Kette wäre unendlich länger – steht plötzlich da und man denkt: Wenigstens einer sieht, was passiert.

Ja, ich mache mir Sorgen. Wobei: Wenn dieser verrückte Nordkoreaner die Welt in die Luft sprengt – who cares? Alle Merkelgegner können aufatmen, sie ist nicht mehr relevant, die AFD ebensowenig, auch Trump ist Geschichte. Wir alle mit. Und wenn das doch zu radikal ist, sollte man vielleicht mal anfangen, die wirklichen Gefahren zu sehen und da anzusetzen. Merkel mag nicht optimal sein, aber die Probleme liegen tiefer. Da schwelen sie und untergraben alles, was wir mal unsere Werte nannten. Und das tut sie nun weiter. Merci, danke!

Stell dir vor, es gäbe keine Länder mehr –
dass kann so schwer nicht sein.
Es gäbe nichts dafür zu töten oder sterben
und auch Religionen gäb es nicht.

Stell dir all die Menschen vor,
sie lebten in Frieden.

Da kannst nun sagen, ich sei ein Träumer,
doch: Ich bin nicht der einzige.
Und eines Tages bist du mit uns
und die Welt wird eine sein.

Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz
Ich frage mich, ob du0s kannst.
Kein Grund für Neid oder Hunter,
die Menschen wären Brüder.

Stell dir die Menschen vor,
sie teilten sich die Welt.

Du wirst sagen, ich sei ein Träumer,
doch ich bin nicht der einzige.
Ich hoffe, eines Tages bist du mit uns
und wir leben in einer Welt, die eine ist.

Das sang John Lennon. Imagine (Übersetzung S.M.). Ein wunderbares Lied mit einer Vision. Die Vision von einer Welt, in welcher alle Menschen miteinander leben – nicht gegeneinander. Die Vision von einer Welt, in welcher die Menschen teilen, nicht einander wegnehmen. Die Vision von einer Welt, in der Friede herrscht.

Unter den Linden
Die Blätter der Bäume fallen
Die herrlichen Linden entlang,
In allen Farben und Formen
Bestreut ist der reizende Gang.

Ihr Blätter und Bäume und Menschen,
Verschieden in Farbe so sehr:
Ein Windstoss weht alles zusammen,
Man merkt keinen Unterschied mehr!

Das hat Friederike Kempner (1882 – 1904) gedichtet. Im Zentrum steht der Gedanke, dass die Menschen im Kern alle gleich sind, sie sind alle Menschen. Würden wir Menschen das erkennen, wäre die Welt eine friedlichere. Dann würden die Menschen die Welt teilen und sich gegenseitig Sorge tragen – als Gleiche unter Gleichen.

In Orlando schiesst einer in einer Bar um sich und tötet dutzende Menschen. Die Betroffenheit ist gross, der Täter wird analysiert, es kommen mehr und mehr Details ans Licht über sein Leben, seine Absichten, seine Psyche. Spekulationen über seine Motive werden gemacht. Sympathien zum IS? Antipathien gegen Homosexuelle (die Bar war ein Treffpunkt)? Die Suche wird wohl weiter gehen.

Als ob die Tat nicht schlimm genug wäre, liest man nun auf Facebook empörte Statements. Man hätte sich mit Paris identifiziert (Je suis Charlie), mit Brüssel (eingefärbte Avatar) – keiner sei nun schwul oder zeige seinen Avatar in Regenbogenfarben. Damit sei der ganze Kampf für Akzeptanz der Homosexualität dahin und jeder nicht Stellungbeziehende sei potentiell homophob. Und schlimmer: Jeder Homosexuelle dadurch ein Opfer. Irgendwie.

Ich erinnere mich noch gut an Paris und Brüssel. In der Tat war die Anteilnahme plakativ sichtbar. Das wurde aber auch bemängelt von verschiedenen Seiten. Es sei übertrieben, zu plakativ, zu oberflächlich, wenig durchdacht. Das Fehlen solcher Signale scheint nun aber zu ignorant, gar diskriminierend zu sein.

Was mir auffällt ist: Es passiert viel auf der Welt, das Angst macht. Man versucht, damit weiterzuleben, einen Weg zu finden, das Leben weiterzuleben und doch sind da die Taten, die erschüttern. Wenn man die Möglichkeit sieht, seinen Avatar bunt zu färben, denkt man vielleicht, dass man auch ein Zeichen setzen möchte. Man möchte sich bekennen und Stellung beziehen. Nur wird es so viel, man müsste täglich irgendwo Stellung beziehen. Die Welt ist gross und es passiert überall was. Alles beschäftigt, das eine vielleicht mehr, das andere weniger; die Gründe können vielfältig sein. Ob der Grad der Betroffenheit aber wirklich an den offensichtlichen und plakativen Facebookzeichen abzulesen ist, wage ich zu bezweifeln.

Wir sind Menschen in einer Welt, die im Umbruch ist. Der Umbruch zeigt sich oft beängstigend und gewaltsam. Jeder Mensch geht anders damit um, kalt lässt es wohl kaum einen – ganz tief. Von aussen dahin zu gehen und andere abzuurteilen, weil sie zu viel, zu wenig, falsch öffentlich agieren ob des Unheils, das auf der Welt passiert, erachte ich als wenig konstruktiv. Erstens ist das plakative Zeigen wenig aussagekräftig in Bezug auf die wirkliche Tiefe des Mitgefühls, zweitens geht es den Kritisierenden wohl meist eher um eigene Befindlichkeiten oder Profilierung, denn um wirkliche Sorge um die tatsächlichen Opfer und drittens sehe ich wenig Sinn darin, sich in den sozialen Medien mit Argumenten zu bekriegen, wenn man eigentlich den realen Krieg der einen gegen die anderen anprangern sollte/wollte.

Die Welt ist im Umbruch und was passiert, macht Angst. Wir könnten alle morgen da sein, wo irgendeiner einen Anschlag verüben möchte – aus welchen Gründen auch immer. Das Leben geht weiter, die Angst müssen wir irgendwie ausblenden. Wäre es da nicht schöner, wir würden das miteinander tun, statt Kleinkriege anzuzetteln? Wäre es nicht sinnvoller, der wirklichen Opfer zu gedenken – jeder auf seine Weise –, statt sich selber zum Opfer einer als falsch definierten Trauer zu erküren? Wäre es nicht ein guter Anfang, Toleranz und Akzeptanz zu leben, statt zu be- und zu verurteilen, was den eigenen Massstäben nicht genügt? Denn: Sind die eigenen Massstäbe wirklich die absolut richtigen? Für einen selber wohl schon, doch worauf gründen sie? Und ist nicht gerade die Absolut-Setzung eigener Masstäbe eines der grossen Übel auf dieser Welt?

Die Welt ist kalt,
die Welt lässt dich
erfrieren.
Bist du am Boden,
liegst du lang.
Achtlos gehen sie
an dir vorüber.
Kaum ein Blick
– und wenn:
Verächtlich.
Liegst du im Graben,
tritt man dich
– mit Füssen.
Man tritt auch gerne
nochmals nach
und gräbt dir dann
die Grube.
Keiner will Verlierer,
keiner will den Fall.
Augen zu,
Kopf in den Sand,
sonst spürte man
– das will man nicht:
Das könnte auch –
oh Gott bewahre –
ich sein.
Schnell verdrängt.

©Sandra Matteotti