Künstler

Der Künstlerstatus ist seit jeher ein schwieriger. Er ist mit vielen Konnotationen belegt. Künstler werden verehrt – vor allem, wenn sie tot sind. Leben sie noch, begegnet man ihnen meist mit Skepsis (oder Verehrung, die aber genauso ausgrenzend ist wie die Skepsis). Nennt sich einer Künstler, schaut man genau hin, was er denn so macht und ob das taugt, ihn einen Künstler zu nennen. Messen tut man das meist daran, ob das Gemachte a) gefällt und b) verkäuflich ist oder gar c) schon verkauft wurde. Wenn dem nicht so ist, wackelt der Künstlerstuhl.

Wann ist ein Künstler ein ebensolcher? Wenn er beginnt, seiner Wahrnehmung der Welt einen Ausdruck zu geben? Wenn dieser Ausdruck schön ist? Oder erst, wenn er Geld bringt? Viele der heute ach so verehrten Künstler wären dann keine gewesen. Van Gogh? Ein armer Irrer – und mit ihm noch ganz viele andere. Oder wird man generell erst posthum Künstler? Picassos Ausspruch, dass in Museen nur Misserfolge hängen, da sie in ihrer Zeit blosser Regelverstoss und damit keine Kunst waren, würde das unterstützen (und zugleich den Unsinn deutlich machen).

Klar scheint, dass der Künstler irgendwie am Rande der Gesellschaft steht. Die anderen Bürger (die früher als Bürger dem Künstler gegenüber gestellt wurden und diesen somit aus der Gesellschaft verstossen haben begrifflich) massen sich an, Norm und Massstab zu sein – sie bestimmen über den Wert des Künstlers als Mensch und Teil der Gesellschaft sowie den Wert von dessen Werk. Das ist nicht per se schlimm, wenn es sich um das Werk dreht, beim Menschen liegt der Fall etwas anders, aber: Irgendwie scheint der Künstler nicht nur der verkommene Sohn der Gesellschaft zu sein, sondern auch einen Status zu vertreten, mit dem man gewisse Eigenschaften wie Abenteuer, Erfolg, (Selbst-)Entfaltung sowie auch Freiheit verbindet. Und diese neidet man. Die gesteht man nicht jedem gerne einfach so zu. Der selbsternannte Künstler hat sich also zu behaupten. Und zu rechtfertigen. Taugt er wirklich? Und alle anderen sind plötzlich Experten.

Was ist ein Künstler? Picasso nannte ihn einen „Sammelbehälter von Empfindungen“, der „schafft, weil er schaffen muss“. Künstler zu sein, ist keine Auszeichnung, auch nichts, das man sich aussucht, weil es irgendwie cool wäre. Es ist ein Schaffensdrang in einem drin, der einen immer wieder dazu antreibt, sich mit sich und der Welt auseinanderzusetzen und eine Ausdrucksform für diese Auseinandersetzung zu finden. Dass es nicht selbstgewählt ist, sieht man wohl daran, dass Künstler an ihrem Künstlerdasein auch festhalten, wenn dieses beschwerlich ist – was es für die meisten ist und war, liest man Biographien.

Ich gehe meinen Weg nun schon einige Jahre, bewege mich in verschiedenen Sparten der Kunst. Ich haderte immer wieder mit mir und mit der Welt, schalt mich, dass ich nicht einfach tue, was man eben so tut in dieser Welt, nämlich einer geregelten Arbeit nachgehen (einer, die auch von allen als solche gesehen wird, weil sie als solche in irgendeinem Reglement definiert ist). Jeder Versuch, meinen Schaffensdrang einzudämmen und gesellschaftlichen Idealen zu entsprechen, führte immer zum selben Ergebnis: Der noch grösseren Einsicht, was mein wirklicher Weg sein muss. Weil es keine Alternative gibt. Ich bin weder Picasso noch Goethe oder Kant, aber ich bin dankbar, meinen Weg gehen zu können und Menschen im Rücken zu haben, die ihn verstehen, ihn mit mir gehen, dabei immer auch hinter mir stehen. Kürzlich sagte mein Papa: „Du warst schon immer anders, aber du bist wunderbar so.“ Ich nehme das als Kompliment.

Schweigen ist Silber – Gold ist überbewertet

Ich habe etwas gelesen. Das kommt ja nicht so selten vor bei mir, dieses Mal war das Lesen schwierig (ok, auch das ist nicht so selten, ich bin wohl etwas heikel). Das Schwierige lag dieses Mal daran, dass ich immer Paroli bieten wollte (das ist übrigens auch das Hauptübel, wenn ich an Lesungen, Diskussionen, ähnlich Dozierendem bin). Zu jedem Satz hatte ich was zu sagen, zu allem ein Gegenwort. Lesen mit Gegenworten im Kopf ist schwierig, da die eigenen Worte ziemlich laut im Kopf rumoren, während die Augen über die Buchstaben fliegen.

Worum es ging? Was ein Mann denkt, wenn er schweigt. Die Welt hat es schwarz auf weiss publiziert.

Schon nach kurzem rief alles in mir: NEIN. Ich wäre froh um einen Mann, der nicht fragt, wie meine Arbeit war. Arbeit irgendwo da draussen in der Welt ist schon anstrengend genug: All die Menschen, all der Lärm. Der Weg dahin unter Menschen, all die Gedanken zu den Menschen, die durch meinen Kopf schwirren. Wenn ich dann – wieder mit Bus und mit vielen Menschen und vielen Gedanken – heim komme, will ich nur eines: RUHE. Ich mag nicht erzählen, mag keine Inquisition über alltägliche Arbeit – die mir notabene Spass macht, die beste aller Arbeiten überhaupt ist, keine Frage – und doch kein Paradies, da ja all das oben Beschriebene mit hineinspielt – und nun habe ich den Überblick über Bindestriche und Klammern und Einschübe verloren und wenn ich ihn nicht verloren hätte, würde ich es nicht zugeben, da ich mich dann als Thomas-Mann-Leser und Sprach-Enthusiasten outen würde, weshalb ich einfach mal – ))-,,, anfüge und weiter gehe…

Tage sind ja meist eher alltäglich. Zumindest meine. Und ich muss gestehen, dass ich froh drum bin, da das Leben – zumindest meines – genug Neues bereit hält, und ich das restliche Neue gerne selber bestimme. Und: Ich erzähle davon, wenn es erzählenswert ist, ich muss nicht ausgefragt werden.

Aber ich las weiter. Nicht lange, schon stiess ich auf das nächste Widerworte Provozierende: „Ganz der Vater“ war es überschrieben. Mein Papa erzählt immer, dass er ungern spricht, darum im Militär immer der Erste war, der telefonieren durfte, weil alle wussten: Er hält sich kurz. Nur: Immer, wenn ich zu Besuch bin, denke ich so innerlich, wie schön ruhig es zu Hause ist, da Papa erzählt und erzählt und erzählt – unter anderem jedes Mal die Geschichte vom Militär.

Ich lese nun nicht mehr weiter, da ich weiss, ich käme nicht weit, schon würde sich wieder ein „Aber“ regen. Und ich möchte heute keinen Roman mehr schreiben, denn eigentlich hatte ich ja beschlossen, überhaupt keinen mehr schreiben zu wollen, da ich schlicht nicht zum Romanschreiben geschaffen bin, sondern lieber mal kurz in die Welt rufe, was mir so durch den Kopf geht. Und das habe ich hiermit getan.

Nur: Durch den Kopf geht mir nun die Frage, ob ich nicht im Innersten eigentlich ein schweigsamer Mann sei… irgendwie finde ich mich darin wieder…

Das Leid der Welt

Wir sind vernetzt. Wir sehen das Leid der ganzen Welt. Sehen Elefantenbabies sterben bei der Geburt, sehen Menschen, die geköpft werden am anderen Ende der Welt. Wir hören von Menschen, die irgendwo sterben, an einem Ort, von dem wir noch nie gehört haben, den wir erst auf dem Globus suchen müssen. Und wir sind betroffen. Weinen. Wir möchten das nicht sehen, hören aber, wir dürfen nicht wegschauen. Wer wegschaut, ist feige. Der verschliesst seine Augen vor dem Leid der Welt. Ist ignorant. Fast schon arrogant.

So lesen wir Zeitungen, stöbern im Internet, schauen auf Facebook das Leid der Menschen an, wünschen uns eigentlich unbekannten Leuten alles Gute zum Geburtstag und kondolieren ebensolchen beim Tod ihrer Katze.

Wie heisst eigentlich die Katze der Nachbarin? Oder hat sie einen Hund? Oder einen Vogel? Im Käfig? Keine Ahnung. Dafür reicht die Zeit nicht. Vom Interesse ganz zu schweigen. Wir müssen uns mit dem Leid der ganzen Welt beschäftigen. Man muss schliesslich Anteil nehmen. Darf nicht ignorant sein und schon gar nicht arrogant scheinen.

Rezension: Andreas Izquierdo – Der Club der Traumtänzer

Was wirklich zählt im Leben

Gabor Schöning hat alles, was man sich wünschen kann im Leben: einen tollen Job, in dem er erfolgreich ist, ein luxuriöses Penthouse, er sieht gut aus, was er bei vielen Frauen gut einsetzen kann. Aalglatt geht er durch die Welt, die er nach seinen Wünschen gestaltet, mal mit Tricks, mal mit Schmeichelei, auch mit Geld.

Als er wieder einmal von einem unbeschwerten Abend nach Hause fährt, neben ihm seine Affäre, die gleichzeitig die Frau seines Chefs ist, verursacht er einen Unfall, bei dem eine Frau verletzt wird. Zuerst glaubt er, auch hier die Folgen von sich abwenden zu können, doch dann steht er plötzlich vor einem Ultimatum: Entweder er engagiert sich in einer Schule für lernbehinderte Kinder als Tanzlehrer oder seine Karriere ist beendet.

„Gabor, jetzt sehen Sie mich nicht so an. Da wird einem ja ganz schwer ums Herz. Aber ich habe nicht die Frau meines Chefs verführt und dabei einen unschuldigen Menschen über den Haufen gefahren. Das waren ganz allein Sie!“

Gabor war fassungslos. „Sie erpressen mich?!“

Kathrin schaute ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost. „Aber es ist doch nicht für mich, Gabor. Es ist für die Kinder! Denken Sie doch mal, was das für eine schöne Überraschung sein wird! Geht Ihnen da nicht das Herz auf?!“

„Nein!“

Gabor bleibt nichts übrig, als sich dieser Aufgabe zu stellen. Erst noch widerwillig, innerlich in Abwehrhaltung und äusserlich genervt, verbringt er seine Zeit mit den Kindern. Mit der Zeit bekommt Gabor immer mehr von den Geschichten dieser Kinder mit, sieht das Leben, das sie leben, womit sie kämpfen. Je tiefer Gabor Einblick in diese Geschichten erhält, desto mehr regt sich etwas in ihm, das er bislang nie bei sich gespürt hatte: ein Herz. Gabor fängt an, sich zu engagieren, fällt dabei mehr als einmal auf die Nase, gefährdet mehr und mehr seinen Job, sein Leben hat er schon lange aus den Angeln gehoben. Alles, was ihm mal wichtig war, zählt nicht mehr. Als dann einer seiner Schützlinge auch noch mit dem Tod ringt, gibt es kein Halten mehr, Gabor würde alles auf eine Karte setzen, ihm zu helfen.

Ich hatte niemals einen richtigen Freund, aber jetzt will ich welche haben, weil du mir gezeigt hast, was das bedeutet: Freundschaft.

Andreas Izquierdo ist mit Der Club der Traumtänzer eine wunderbar feinfühlige, tiefgründige Geschichte gelungen. Es ist eine Geschichte über die Welt von heute mit allen ihren Anforderungen an Menschen. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie unterschiedlich Menschen sein können, mit was Menschen in verschiedenen Situationen zu kämpfen haben. Ab und an ist dieses Bild sehr schwarz und weiss, die Botschaft eine sehr moralische, nie aber eine überhebliche. Aufgezeigt wird immer, dass bei allem, was man vorne sieht, viel dahinter steckt, das man zuerst kennen sollte, bevor man urteilt. Nicht alles, was glänzt, ist wirklich wertvoll. Auch Gabor muss das lernen, vor allem lernt er, sich auch seiner eigenen Geschichte zu stellen.

Das Buch fängt ein wenig schleppend an, braucht lange, um in Gang zu kommen, fesselt den Leser dann aber immer mehr und lässt ihn nicht mehr los. Es wird wohl kaum ein Auge trocken bleiben beim Lesen, kaum ein Herz unberührt.

Gerne würde ich es bei diesem Lobestaumel belassen, allerdings gibt es ein grosses Aber: Schon auf der ersten Seite fanden sich Fehler in Hülle und Fülle, die auch über das Buch hinweg nicht abnahmen. Könnte man bei Kommafehlern noch ein Auge zudrücken, wird es bei Fallfehlern schon schwieriger. Dass Figuren die Schreibweise ihres Namens ändern, ist mühselig, wenn ganze Wörter vergessen werden im Satz, macht das Lesen keine Freude mehr. Verwechslungen wie ‚das’ und ‚dass’ sowie ‚ward’ und ‚wart’ kamen noch dazu. Fehler in dieser Fülle schmälerten den Lesespass enorm, dass dies bei einem Verlag wie DuMont passiert, ist beschämend.

Hätte ich mir von dem Autoren nicht viel erhofft, hätte ich das Buch zur Seite gelegt. Ich hoffe, viele Leser tun es mir gleich und lesen das Buch, denn die Geschichte ist es wert!

 

Fazit:
Ein wundervoller, tiefgründiger, herzerwärmender Roman mit viel Gefühl, der grosse und schwere Themen anspricht, ohne damit zu erschlagen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Andreas Izquierdo
Andreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

Mehr zu Andreas Izquierdo in diesem Interview: Andreas Izquierdo – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
IzqierdoTraumtänzerBroschiert: 448 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (8. Oktober 2014)
ISBN-Nr.: 978-3832162634
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder onine u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Der Tag

Der Tag, an dem
die Welt versank,
gingen meine Lichter
aus.

Dunkel war’s
tief in mir drin,
Das Herz stand
still.

Ich sass nur da
und rührte nichts,
war wie erstarrt und
tot.

Und wollt’ es sein,
wollte nichts spür’n,
nichts denken
mehr.

Und sehnte mich,
nach tiefsten Tiefen,
ew’gem und nach sel’gem
Schlaf.

Welt der Papiere

Irgendjemand ist immer der Unterhund. Man redet gross über Gleichberechtigung, über gleiche Rechte für alle und wie man diese erreichen will. Erreicht man es schon in den viel besprochenen Fällen nie, so bleibt daneben immer wieder eine neue Gruppe Menschen, die durch alle Maschen fallen. Über diese richtet man von oben herab, weil sie nicht den Status haben, selber mitzurichten. Sie sind Menschen zweiter Klasse, sofern man ihnen überhaupt eine Klasse zugesteht, sie nicht nur einfach als zu behandelnde Ware abtut.

Eine dieser Klassen sind die Behinderten. Man diskutiert über Eingliederungsmassnahmen und missachtet dabei, dass sie genauso Menschen sind wie wir. Nur weil jemand im Rollstuhl sitzt, hat er sein Hirn nicht abgegeben. Nur weil einer geistig nicht mehr mitdenken kann, ist er nicht minderwertig, sondern hat Bedürfnisse, die er teilweise sogar formulieren kann, wenn man nur zuhören mag. Aber man mag gar nicht, man rechnet schon, wie viel kostbare Zeit da flöten ginge und diskutiert seinen Fall lieber vor x Gremien, vor denen man sich mit ach so tollen Vorschlägen profilieren kann, die zwar oft allesamt an den Bedürfnissen des davon Abhängigen vorbei gehen, aber gut klingen. Darauf kommt es an.

Und immer wieder ein gefundenes Fressen sind die Jenischen. Die Sans-Papiers. Die gehören eh nirgends hin. Die kann man rumschieben. Wo sie auftauchen, schickt man sie weg. Man will sie nicht haben. Befindet, was ihnen zusteht und was nicht und wie man sie wieder loswird. Dass sie auch Menschen sind, interessiert nicht. Ihnen fehlen die nötigen Papiere, damit sind sie nutz- und schutzlos. Nicht gewollt in dieser Welt, zumindest nicht in diesem Staat – und wohl in keinem anderen, was dann irgendwann wieder die Welt wäre.

Papiere sind es, die zählen. Hast du die richtigen, zählst du was, hast du sie nicht, bist du nichts. Sei es bei Tieren, die nur mit Stammbaum wertvoll sind, sei es bei Stellen, wo nur Diplome zählen, nicht wirklich Können. Alles steht auf Papieren. Du tust gut daran, dir eine Flut davon zuzulegen – für alle möglichen Notwendigkeiten eines. Dann gehst du auf Nummer sicher. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen dir nicht mehr auf die Hände und in die Augen schauen, sondern nur noch dein Dossier prüfen, um zu sehen, ob du passt. Partnersuche geschieht von ferne über Tasten, Bewerbungen werden via Analyse der vorhandenen Papiere entschieden (oder Vitamin B – was man mit Abstammungs- der Hinternwischpapieren gleichsetzen kann).

Und so schliesst sich der Kreis: Fehlen die nötigen Papiere, sind wir alle irgendwie behindert in dieser Welt. Es wird von irgendwo über uns entschieden und wir werden entweder ausgesiebt oder mit gut gemeinten (und für den Meinenden profitablen weil Ruhm bringenden) Massnahmen abgespeist.

Fair? Gerecht? Gibt es die beiden überhaupt? Ich denke nicht. Ich denke auch nicht, dass es erstrebenswert ist, eine gerechte oder faire Welt zu schaffen. Gerechtigkeit ist ein Kunstbegriff, Fairness ein Ideal. Das erste ist unerreichbar, das zweite anzustreben. Es reichte in meinen Augen schon, offen und ehrlich an die Dinge heranzugehen, hinzuschauen, wirkliche Lösungen finden zu wollen und den Menschen als Menschen mit seinen wirklichen Fähigkeiten und Talenten (aber auch Schwächen) und nicht als Summe seiner Papiere zu sehen. Ob man das je wollen wird?

Valeria Luiselli: Falsche Papiere

Sprachliches Erkunden der Welt

Aber vermutlich ist ein Mensch nur in zwei Räumen wirklich zu Hause: im Haus seiner Kindheit und im Grab. Alle anderen Orte, die wir bewohnen, sind bloss graue Fortsetzungen dieser ersten Wohnung, eine unbestimmte Abfolge von Mauern.

In diesen Kurzgeschichten durchstreift Valeria Luiselli die Welt, hinterfragt sie, lässt sie wirken. Es ist eine Reise durch die reale Welt, durch gedankliche Welten, Welten, die die Literatur bereitstellt und sprachliche Welten.

Sprachen zu lernen bedeutet, sich nach und nach darüber klar zu werden, dass wir über nichts irgendwas sagen können.

Falsche Papiere besticht durch Sprachschönheit, zahlreiche Literaturzitate, welche einerseits die Belesenheit der Autorin darlegen, die andererseits neue Ebenen in die Erzählungen einbauen, indem sie Verweise auf neue Geschichten bilden, die den Leser weiter führen, auf neue Welten verweisen. Luiselli hinterfragt das Offensichtliche, beleuchtet das hell da liegende und doch oft verkannte, reflektiert über das Leben, die Sprache, Friedhöfe, Reisen zu Fuss und per Fahrrad und vieles mehr. Schlussendlich stellen die Geschichten auch immer wieder eine Reise zur eigenen Identität dar. Wer bin ich, wie gehe ich durch die Welt und wie erfasse ich sie?

Man könnte sich durchaus vorstellen, dass jeder neue Eindruck ein weiteres Loch gräbt, die unförmige Materie ein wenig mehr verletzt, uns ein bisschen weiter leert. Geboren wurden angefüllt mit etwas – grauer Materie, Wasser, mit uns selbst -, und in uns allen findet Augenblick für Augenblick die langsame Alchimie der Erosion statt. Wir tragen auf dem Hals eine in Bildung begriffene Kaverne, Stücke, die Stückwerk sein werden.

Fazit:
Ein kurzes, sprachlich und literarisch schönes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York. Von ihr erschienen sind Die Schwerelosen, Falsche Papiere.

 

LusielliFalschePapiereAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (15. Januar 2014)
Übersetzung: Dagmar Ploetz, Nora Haller
ISBN-Nr.: 978-3888979361
Preis: EUR  16.95 / CHF 27.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

Das Leben

Die Zeit rast, manchmal schleicht sie. Alles hat seine Zeit, doch manchmal hat man keine. Die Zeit vergeht, ab und an steht sie auch still. Ab und an wünscht man sich, sie würde stehen bleiben, dann wieder verläuft sie im Sande. Die Zeit muss eine sadistische Natur sein, tut sie doch oft das, was man nicht möchte. Wenn sie vergehen soll, macht sie extra langsam, soll sie bleiben, verfliegt sie wie im Flug.

Und wie sie so vorbei geht, nimmt das Leben seinen Lauf. Manchmal nimmt man es auch in die Hände, packt es an. Das Leben kann pures Überleben sein, aber auch Lebensfreude beinhalten. Es kann eine Last sein oder Leichtigkeit beinhalten in seinem Sein. Niemand sagte, es sei leicht und es ist eines der härtesten und endet immer mit dem Tod.

Vermutlich ist es einfach Schicksal. Es ist vorbestimmt. Manchmal meint es das Schicksal nicht gut mit einem, dann wieder fordert man es heraus. Es gibt Menschen, die vertrauen drauf, andere erachten es als Zufall. Das Schicksal kann einem den liebsten Menschen nehmen oder aber Menschen zusammen führen und sie lieben sich; wenn das Schicksal will bis ans Lebensende.

Liebe ist eine Himmelsmacht. Sie ist das höchste der Gefühle, bringt aber auch den grössten Schmerz. Ohne Liebe ist alles nichts und nichts ist ohne Liebe. In der Liebe ist alles erlaubt, doch gilt im Krieg dasselbe. Liebe und Hass liegen nah beieinander. Man soll seinen Nächsten lieben, doch kann niemand in Frieden leben, wenn es dem Nächsten nicht gefällt. Alte Liebe rostet nicht, aber Liebe ist ein Jungbrunnen. Manches tut man um der Liebe zur Sache willen, doch sollte man Menschen Lieben. Geld oder Liebe?

Geld regiert die Welt. Geld ist Macht. Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt. Manche verdienen ein Schweinegeld, andere eine Heidengeld. Dinge können ein Vermögen kosten, aber manche Dinge sind nicht käuflich. Manche Dinge kriegt man für einen Appel und ein Ei, andere sind unbezahlbar. Es gibt Leute, die werfen das Geld auf die Strasse, andere nehmen es in die Hand, um es mit vollen Händen auszugeben. Geld stinkt nicht und nichts kostet die Welt. Zeit ist Geld.

Manchmal geht die Zeit aus. Und man hat vor lauter Geld scheffeln vergessen zu lieben, vergessen zu leben. Das wäre nicht Schicksal, denn das hätte man in der Hand.

Grosse und kleine Welten

Die Welt ist schlecht und sie ist laut. Alle denken, je lauter sie schreien, desto besser werden sie gehört. Die leisen Töne sichern ungehört ins Nirgendwo, fast als wären sie nie gesprochen worden. Pessimisten unken, dass das immer so war und immer so sein würde. Der Mensch ist träge und faul, er geht lieber mit der Masse, folgt dem, der am lautesten die Parolen verkündet, weil den die meisten hören und ihm auch folgen. So geht die Masse im Gleichschritt, unhinterfragt, unbedacht, unbewusst – wie Marionetten.

Dass die Welt so sein mag, die Geschichte das belegt, die Gegenwart es bestätigt, mag stimmen. Dahinzugehen und die ganze Welt und alle Menschen ändern zu wollen, wäre ein Anspruch, der mit dem Kampf gegen Windmühlen vergleichbar wäre. Was aber immer in unserer Macht liegt, ist im Kleinen anzufangen, bei sich selber und in seinem Umfeld. Es ist nie zu spät, hinzuhören, wie man selber agiert und hinzuhören, was andere sagen. Man kann auch genauer hinhören, wenn man nur leise Töne hört, sie annehmen, aufnehmen, hinterfragen. Man kann mit einem neuen Bewusstsein ans Leben und ans Miteinander gehen und damit den leisen Tönen und ihren Verkündern wieder eine Plattform bieten. Und dabei entwickelt man vielleicht auch ein Bewusstsein für sich selber und dafür, was man im Leben will, wie man dieses gestalten will und wem oder was man wirklich Platz einräumen will, was draussen bleiben soll.

Nicht immer hat der recht, der am lautesten ruft, oft ist er nur am besten gehört. Wenn man im Kleinen anfängt, auf den Inhalt zu hören statt sich der Bequemlichkeit anheimzugeben, kann man im eigenen Leben sicher einige Weichen umstellen – für sie und seine Nächsten. Glaubt man der Yogaphilosophie, dann wird sich dieses Verhalten auch verbreiten. Vielleicht nicht im Sauseschritt, aber in kleinen nachhaltigen Schritten. Bewusstsein zieht Bewusstsein nach sich, das Erfahren von Dingen im Umfeld setzt sich im Inneren nieder und verändert da die Strukturen des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens. Dass die Welt von heute auf morgen revolutioniert ist, wäre utopisch, aber wieso will man immer gleich die Welt ändern?

Meist ist der Anspruch, das Grosse anpacken zu wollen und alles zu lassen, wenn das nicht geht, eine Flucht vor der eigenen Verantwortlichkeit. Das unmögliche Grosse gibt einem die Rechtfertigung, das Kleine zu lassen. Man muss sich nicht drum kümmern, weil man belegen kann, dass es eh nichts bringen wird, die Welt dieselbe bleibt. Für die ganze Welt mag das (sicher kurz- und mittelfristig) so sein, für die kleine Welt stimmt das in meinen Augen nicht. Wir haben sehr viel in der Hand, wir müssen es nur wahrnehmen und uns dessen bewusst werden. Oft sind die vielen kleinen Schritte für das eigene Sein unendlich heilsam, weil sie eine neue Qualität bringen. Wo vorher Geschrei und Gleichschritt herrschte, könnten plötzlich leise Klänge und Eigenverantwortung stehen. Und damit könnte ein Weg sich öffnen, den man selber gewählt hat, statt ihn nur blind mitzugehen. Man muss nur den ersten Schritt machen.

Sibylle Berg – Nachgefragt

Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

Ich freue mich sehr, dass sich Sibylle Berg spontan bereit erklärt hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat dies auf ihre ganz eigene Art, durchdacht, authentisch, mit einer Prise Ironie, ab und an überraschend:

„Vielen Dank für das Leben“ ist ein sehr düsteres Buch und es handelt von der „schlechtesten aller Welten“. Was macht diese Welt so schlecht?

Es ist eigentlich positiv gedacht. Toto zeigt auf, wie man trotz all dem Furchtbaren, das einem Menschen im Leben passiert – und es passiert jedem –,sei es Verlust, Krankheit, Angst, etc., trotzdem glücklich sein kann.

Die Welt ist immer gleich schlecht, weil sie von Menschen bewohnt wird, die einerseits grossartig sein können, aber auch sehr gierig, bösartig, usw. Da sie ja vermutlich Zeitungen lesen, muss ich Ihnen das nicht erzählen.

Toto wird als Menschenwesen beschrieben, welches in keine Schublade passt, weder in Bezug auf sein/ihr Geschlecht noch in Bezug auf sein/ihr Verhalten. Was verbindet sie mit Toto?

Mich? Nichts, ausser einigen Haltungen und die Sicht auf die Welt.

Beim Lesen dieses Buches war ich oft entsetzt über all die Düsterheit und wusste doch, es steckt viel Wahres drin. Ist es nicht ab und an deprimierend, so genau hinzuschauen und auch noch drüber zu schreiben?

Nein, es macht mich nicht unglücklicher, als wenn ich nicht darüber schreiben würde.

Ist Sibylle Berg im Leben auch so düster oder ist die Welt des Schreibens der Gegenpol zu einem heiteren Gemüt?

Wenn sie unter düster hinsehen verstehen, dann ja. Als langweilige Person bin ich meist sehr zufrieden.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel Sibylle Berg steckt in diesem Buch? Woher nehmen sie ihre Ideen, wenn nicht aus ihrem Leben?

Ich nehme sie aus dem Leben, aber nicht unbedingt aus meiner Phantasie oder meinem eigenen Erlebten. Ich reise sehr viel, sehe sehr viel, beobachte, lese – und ich bin alt. Da bekommt man schon ein wenig vom Zustand der Welt mit.

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Wo und wann schreiben Sie? Planen und recherchieren sie vorgängig oder schreiben sie drauf los?

Ich habe eine Überschrift, ein Feld dass ich untersuchen will. Dann lese ich sehr viel Theoretisches dazu, Sachbücher, reise mitunter; und dann schreibe ich jeden Tag ab 8 bis 18 Uhr.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub oder sind sie immer auf Empfang? Wie schalten Sie ab?

Sehr selten, weil es ein schlecht bezahlter Beruf ist. Ich habe vielleicht 2 Wochen im Jahr, in denen ich nicht arbeiten muss.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich komme nicht mehr zum lesen.
Klaus Pohl ist im Moment einer meiner Lieblinge.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

 albern, freundlich, niedlich

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Ich sage ja

Ich bin beeindruckbar. Spontan relativ leicht, mit etwas nachdenken weniger. Doch im ersten Moment sprudelt es über. Ich schwebe in solchen Momenten ziemlich hoch über dem Boden, schwärme, lache, rede wie ein Wasserfall. Ich bin leicht zu begeistern. Und ich kann das schlecht verbergen, da ich kein Schauspieler bin, immer authentisch und durchschaubar. Es sei denn, ich bin unsicher, dann werde ich zum Buch mit sieben Sigeln. Aber sonst… wer mich kennt, weiss, was abgeht. 

Wenn ich begeistert bin, sage ich ja. Spontan. ich bin dabei. Lasse mich vereinnahmen. Bin bereit zu geben. Viel. Schaue oft zu wenig hin, was ich dafür kriege. Vertraue, dass das Leben fair ist. Der Mensch hätte eine Grundsehnsucht nach Gerechtigkeit, hörte ich heute. Da die Welt ungerecht sei,  leide er beständig an dieser Diskrepanz und reagiere darauf. Spontan wäre es Rache. Durchdacht nähme er sich zurück. 

Ich bin alles andere als rachsüchtig. Wenn, dann geht die Rache gegen mich selber. Wie konnte ich so blöd sein? Wie konnte ich reinrennen? Und: Wie komme ich aus der Nummer raus? Aber von vornherein nein sagen? Das wäre nicht gegangen. Das hätte den anderen verletzt. Vor den Kopf gestossen. Nun täte es das wohl umso mehr. Kann ich? Muss ich? Es klang so gut. Klang so gross. Ich fühlte mich daneben vielleicht grad klein. Sah dort das Wissen, hier den Bedarf. Wollte gefallen. Angenommen sein. Wollte geben, wie immer. Vergass, dass ich auch brauche. Vertraute drauf, dass es schon komme. 

Wo liegt der Fehler? Zu wenig nachgedacht? Zu viel vertraut? Und was mache ich mit diesem Fehler? Ich kann mich zerfleischen, mich schelten. Aber ich kann auch hinsehen und etwas erkennen. Etwas, das wie alles in dieser Welt positive und negative Seiten hat. Ich brauche mich nicht zu verdammen und auch nicht mit mir zu hadern, aber ich kann etwas lernen. Für mich und für die Zukunft. Es ist schön, begeisterungsfähig zu sein. Nie ist der Himmel so blau und die die Welt so bunt wie in diesen Phasen. Wenn ich dabei bemerke, dass diese Welt nur so bunt bleibt, wenn ich darin mich selber bleibe und mich nicht aufgebe, kann mir nichts geschehen. Die Welt bleibt hell und schön. Vielleicht merke ich, dass es nicht meine Welt ist, doch ich kann mich an ihr freuen, mich freuen, dass es solche Welten gibt. Wenn ich mich verbiege oder gar aufgebe, um in die Welt zu passen, dann kann die Welt mit ihren Farben grell und erschlagend werden. 

Es passt nicht jeder in jede Welt. Und das ist gut so, denn es gibt viele Welten – für jeden eine passende. Sich zu wünschen, man wäre in einer anderen, ist immer frustrierend, denn dann wäre man nicht mehr man selber. Ab und an hadert man mit sich, weil man ist, wie man ist. Doch gibt es immer auch Gutes am Selbst. Und das möchte man im Gegenzug nicht missen. Deswegen ist es wohl besser, die unpassenden schönen bunten Welten erfreut zu sehen, aber in der eigenen wohnen zu bleiben. Im Wissen, dass die Schönheit auf Dauer nur in dieser erlebbar bleibt.

Die andern bunten Welten leuchten weiter, verlockend, strahlend. Der Lernprozess fürs eigene Leben besteht wohl darin, zu erkennen, welches die eigene Welt ist, in der man leben kann. Ab und an sich wünschend, dass man ausbrechen könnte und neue Welten erleben. Sich aber besinnend, dass man ist, wie man ist. Mit einer Prise Dankbarkeit für das Gute und einer Prise Nachsicht für das, womit man dann und wann hadert. 

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Massstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant.

Der Anfang der Krankheit war unauffällig, drum wurde sie nicht erkannt und das Verhalten des Vaters nur als Eigenheit abgetan. Der Versuch, mit ihm „normal“ umzugehen, wurde zum Kraftakt, der alle an die Grenzen brachte. Die Diagnose Demenz war fast eine Erleichterung für die ganze Familie. Nun wusste man, womit man es zu tun hatte, man konnte aufhören, Dinge zu erwarten, die nicht mehr möglich waren. Man konnte lernen, mit dem Neuen umzugehen.

Arno Geiger beschreibt auf einfühlsame Weise den Weg seines Vaters durch die Demenz und was das für die ganze Familie bedeutete. Er zeichnet ein liebevolles Bild eines Vaters, der in einer anderen Welt lebt, von der bekannten vieles vergisst.

Der Umgang mit Kindern schärft den Blick für Fortschritte, der Umgang mit Demenzkranken den Blick für Verlust.

Lange Zeit ist die Pflege des Vaters zu Hause möglich, die ganze Familie und Pflegerinnen bemühen sich und organisieren sich. Der fortschreitende Abbau macht das immer schwerer, bis der Umzug in ein Heim unumgänglich ist. Oft wird ein solcher Weg mit dem Gefühl des Versagens verbunden. Man erachtet es als seine Pflicht, den geliebten Menschen zu Hause zu behalten. Der Schritt er weist sich für alle als Erleichterung. Die Familie kann aufatmen, sieht eine Last von den Schultern und kann sich nun befreiter dem kranken Menschen widmen, dieser fühlt sich durch die konstanten Abläufe im Heim aufgefangen und kommt zur Ruhe.

Mir gefällt es, dass die Menschen, die hier wohnen, aus der Leistungsgesellschaft befreit sind.

Das Buch springt zwischen den Zeiten hin und her, vermischt Erinnerungen aus der Kindheit Arno Geigers mit dem aktuellen Geschehen. Es ist nicht immer einfach, gleich zu wissen, in welcher Zeit man steckt, von wem die Rede ist. Vor allem am Anfang kommt es zu Wiederholungen, die für die Geschichte überflüssig scheinen, dann kommt die Geschichte in einen Fluss, der einen mitreisst.

Arno Geiger schafft es, sachlich und doch einfühlsam den Umgang mit Demenz zu beschreiben. Er zeigt Möglichkeiten auf, mit dieser Krankheit umzugehen, so dass alle ihre Würde behalten. Er zeigt auch die schönen Momente, die inmitten der Krankheit entstehen und zeichnet so ein umfassendes und liebevolles Bild.

Fazit:

Ein stilles und einfühlsames Buch. Ein Buch, das einen auf die Reise mitnimmt und die Liebe Arno Geigers zu seinem Vater zeigt. Ein Buch auch, das den Zugang zu einem Demenzkranken aufzeigt und für Verständnis wirbt. Absolut lesenswert.
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Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 189 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 2012)

Preis: EUR: 9.90 ; CHF 15.90

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012.

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Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Toto wurde übergeben. Das war sein Schicksal, er war so etwas wie das ungewollte Geschenk, das immer weitergereicht wird […]

Als zweigeschlechtliches Kind einer alkoholkranken Abgelöschten auf die Welt gekommen, findet sich Toto bald als ausgestossenes und ausgelachtes Nichts in einem Heim eines sozialistischen Staates wieder. Konfrontiert mit Härte und Kälte sowie dem Ausgeliefertsein an die Grausamkeiten des Lebens, stellt sich Toto ebendiesem Leben, das er nicht begreift. Er realisiert aber, dass im Zusammenleben mit Menschen Regeln und Gesetze herrschen, welche irgendjemand mal beschlossen hat, denen sich nun alle unterordnen , ohne nachzudenken.

Sie verfügen über dich, weil sie es so geschrieben haben, in ihren Märchenbüchern, damit sie sagen können: Es steht geschrieben, dass das Tier dem Menschen zu dienen habe und die Frau dem Mann, und das haben sich Männer ausgedacht, die gerne Fleisch fressen und Frauen prügeln, weil es ihnen hilft, mit diesem unwürdigen Leben zurechtzukommen […]

Toto eckt mit seinem immer freundlichen, immer sauberen, nichts Böses erwartenden und selber fühlenden Wesen an bei den Menschen, welche selber am Leben frustriert nur darauf aus sind, ihren Frust an anderen, schwächeren abzuladen. Er trifft auf eine Welt, welche vor Boshaftigkeit, Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit nur so strotzt. In seiner naiven, nichts wissenden Art sieht er die verschiedenen Gesellschaftssysteme des Sozialismus und des Kapitalismus sowie auch die Globalisierung in einer unverfälschten, aber auch hoffnungslosen Art. Freiheit gibt es nicht,  auf die eine oder andere Art ist jeder gefangen in einem System, welches nie dem Einzelnen dient, sondern sich selber zu erfüllen trachtet. Wenn sich einer diesem System nicht unterordnet, darüber oder daneben steht, ist er der Aussenseiter, welcher zu bekämpfen ist.

Der Weg Totos führt vom Nichts über die aufgezwungene Männlichkeit hin zur selbst gesuchten Weiblichkeit. Jede dieser Ausdrucksformen des eigenen Seins konfrontiert Toto mit neuen Problemen und Ungerechtigkeiten. Ein durch und durch trauriges Leben in einer durch und durch schrecklichen Welt.

 

Sibylle schaut hin. Sie ist unbarmherzig und durchdringend. Sie verschont nichts und schönt nichts. Sie beschreibt in einer klaren Sprache die Schwierigkeiten des Lebens in dieser Welt. Sie zeigt auf, wie die Schwierigkeiten wachsen, wenn man nicht in die vorgefertigten Schubladen passt. Trotz aller Düsterheit und Sachlichkeit entbehrt das Buch nicht einer gewissen Zärtlichkeit für die Protagonistin. Diese wird nicht blossgestellt, nicht zur Schau gestellt, sondern in ihren Schwierigkeiten dargestellt.

 

Fazit:
Ein schonungsloses Buch über eine durch und durch schlechte Welt. Das Leben in Freiheit wird als Illusion oder aber (Über-)Lebenskampf enttarnt.  Oft überzeichnet, gespickt mit Sarkasmus, Zynismus, Düsterheit trifft das Buch doch erschreckend zu in seiner Diagnose.

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 399 Seiten

Verlag: Hanser Verlag (30. Juli 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 21.90 / CHF 32.90

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