Die Erinnerung an den Verlust lebendig halten

Wann endet ein Leben, wenn das Herz nicht mehr schlägt oder wenn es sinnlos erscheint, dass es noch schlägt?

Neun Jahre ist es her, dass sich Irene das Leben nahm. Hinrich, zum stattlichen Heinrich fehlt ihm ein „e“, hat mit ihr die Liebe seines Lebens verloren. Er ruft sich ihren Geruch, ihr Wesen, jedes Detail von ihr ins Gedächtnis. Hinrich geht in sich, denkt über das Leben und den Tod nach, was die Liebe bedeutet und was, wenn man die Liebe des Lebens verloren hat.

Irene war die Liebe meines Lebens, jede Geste von ihr hatte Weltrang, aber was heisst das, jenseits dieser Worte? Heisst das, ohne sie gab es kein richtiges Leben mehr, oder heisst es, jede andere Liebe fiele dagegen ab?

Wie geht es nach dem Verlust der Liebe weiter? Hinrich lebt sein Leben weiter, da sind noch sein Enkel Malte und seine Tochter Noemi, da ist Zuzan, die sich jeden Monat um ihn kümmert. Auch die Erinnerungen an die Zeit mit einer früheren Geliebten brechen wieder auf. Immer aber bleibt eines im Zentrum: Irene. Und die Frage nach dem Warum. Und die Frage nach Verlust, nach Leben, Tod und danach, wann Liebe endet.

Bodo Kirchhoff schreibt mit Verlangen und Melancholie ein Buch über die Liebe und ein Buch über den Tod. Er erzählt die Geschichte eines Verlustes und wie danach ein Weiterleben möglich ist. Er lässt Hinrich als Ich-Erzähler über sein Leben und seine Erinnerungen sprechen, so dass wir dessen Gedanken direkt und ungefiltert von ihm selber erfahren. Als Leser tauchen wir so ein in die Erinnerungen an ein Leben mit Irene. Wir lernen die Frau, die Hinrichs Lebensliebe war, durch seinen Blick kennen.

Bodo Kirchhoff berührt viele Fragen mit seinem Roman. Es ist ein Roman über das Alter, über Verlust; er handelt von Verrat, Gefühlen, und Verpflichtung – auch über den Tod hinaus. Bodo Kirchhoff schreibt über all diese elementaren Themen in einer tiefgründigen, durchdachten Weise, in einer Sprache, die direkt aus Hinrich herauskommt, die seine Sprache ist, getränkt von seinen Gefühlen, von seinen Erinnerungen, von seinem Kampf zurück ins Leben und davon, diesem Leben noch einen Sinn abzugewinnen, ihn sich wieder zu erarbeiten. Der Roman hat gewisse Längen, die aber in Anbetracht der sonstigen Grossartigkeit vernachlässigbar sind.

Fazit:
Ein tiefgründiger, tiefgehender Roman um die elementaren Themen des Lebens. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Bodo Kirchdorff
Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Zuletzt erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt sein von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierter Roman Die Liebe in groben Zügen (2012).

 

Angaben zum Buch:
verlangen_und_melancholieGebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (1. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3627002091
Preis: EUR 24.90 / CHF 37.90

 

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zingarosamiraSamira Zingaro (1980) studierte Medien- und Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie war als Journalistin für verschiedene Printmedien tätig und arbeitet seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen.
Samira Zingaro hat mir im Zusammenhang mit ihrem Buch „Sorge dich nicht!“ – Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid einige Fragen beantwortet.

 

Suizid ist auch heute noch ein Tabuthema, was interessiert Sie daran?

Grundsätzlich wird das Thema heute weniger tabuisiert als noch vor ein paar Jahren. Mich persönlich interessiert unter anderem, wie es Angehörigen gelingt, nach einem solchen Todesfall in der Familie weiterzuleben.

Wieso wollten Sie dieses Buch schreiben? Hat es eine Vorgeschichte?

Ich habe selbst ein Geschwister durch Suizid verloren und stellte daraufhin fest, dass es kaum Literatur gibt zum Thema Geschwistertrauer, noch weniger zu hinterbliebenen Geschwistern nach Suizid.

Was ist an der Geschwisterperspektive besonders? Wieso wählten Sie diese Perspektive?

Eine Geschwisterbeziehung ist eine interessante Konstellation: Sie kann zu den längsten im Leben gehören. Sie kann, muss aber nicht immer harmonisch sein. Ich wählte unter anderem diese Perspektive, weil Geschwister durch die gemeinsame Kindheit meist ähnlich sozialisiert werden. Auch gehören sie der gleichen Generation an. Ein Suizid wirft viele Fragen auf, bezogen auf ein Geschwister etwa: Wie grenzt man sich als Bruder oder Schwester von dem Entscheid des Geschwisters ab? Wie verhält man sich gegenüber den trauernden Eltern? Rückt die eigene Trauer durch die Sorge um sie in den Hintergrund? Im Gegensatz zu den Eltern stehen die hinterbliebenen Geschwister oft mitten im Leben, wenn ein Suizid passiert.

War es schwierig Betroffene zu finden? Wie sind Sie bei der Suche vorgegangen?

Die Suche nach Betroffenen war nicht so schwierig, es gibt in unserer Gesellschaft unzählige Hinterbliebene nach Suizid. Ich habe die Protagonisten einerseits selbst gefunden, anderseits wurde sie mir auch von Bekannten vermittelt.

Fühlten Sie selber Hemmungen im Gespräch mit den Geschwistern? Mit welchen Schwierigkeiten sahen Sie sich konfrontiert?

Die grösste Herausforderung war es, die Geschwister davon zu überzeugen, so viel Persönliches über sich zu erzählen. Ich musste das Vertrauen gewinnen und immer wieder überprüfen, ob ich ihre Geschichte, ihre Erinnerungen, Gedanken und Gefühle auch richtig verstanden habe.

Sie führten die Gespräche mit den betroffenen Geschwistern teilweise über Jahre, wie erlebten Sie diese lange Zeit? War das Thema ständig präsent oder mussten Sie es zu jedem Gespräch neu heraufholen?

Die Gespräche über all diese Monate hinweg waren sehr bereichernd. Es ist klar, dass das Thema Suizid während der Treffen und im Schreibprozess sehr präsent war, da ich aber neben dem Schreiben noch beruflich eingespannt war, habe ich mich zwischendurch immer auch mit anderen Themen beschäftigt.

Hat sich Ihre eigene Sicht auf das Thema Suizid verändert durch diese Gespräche?

Vielleicht insofern, dass ich nun viel mehr über dieses Thema weiss.

Was erhoffen Sie sich durch das Buch? Was wollen Sie damit bewirken?

Die Geschichten im Buch sollen Mut machen, denn sie erzählen von Hinterbliebenen, die trotz dieses Schicksalsschlags nicht nur überleben, sondern weiterleben. Auch sollen die Porträts für mehr Verständnis sorgen, denn oft wissen Bekannte nicht, wie mit Trauernden umzugehen.

Haben Sie Reaktionen erhalten?

Ja, bis jetzt habe ich sehr viele positiven Rückmeldungen erhalten.

Ist die heutige Gesellschaft wirklich so aufgeklärt, wie wir gerne glauben oder stecken wir doch noch in stark verurteilenden Wertemassstäben fest?

Eine interessante Frage. Die unterschiedlichen Geschichten und Begegnungen zu Suizid zeigten mir, dass zu diesem Thema immer noch sehr viel Stigmata und rasch gefällte Urteile vorherrschen. Suizid wird zum Teil immer noch als Versagen gewertet – Versagen des Suizidenten, aber auch Versagen der Angehörigen.

Oft hört man, Suizid sei feige, einer Ihrer Interviewten meinte, er hätte seinem Bruder den Mut, den endgültigen Schritt zu gehen, nicht zugetraut. Was ist es denn nun? Feigheit oder Mut? Oder etwas Drittes?

Was Suizid für jemanden bedeutet, muss jeder für sich entscheiden. Für mich haben beide Wörter, Feigheit oder Mut, viel mit Bewertung zu tun und ich masse mir nicht an, einen solchen Schritt zu bewerten. Der Porträtierte brauchte das Wort Mut nicht im heroischen Sinne. Es braucht vielmehr Kraft, etwas zu tun, das mit dem Überlebenswillen, dem Urtrieb des Menschen, so gar nicht kompatibel ist. Warum sich jemand umbringt, kann nur der Suizident selbst für sich sagen.

Noch eine kritische thematische Frage: Es gibt ein Recht auf das eigene Leben – es ist, wie die Würde, unantastbar. Heisst das, dass auch ich selber mein Leben nicht antasten darf oder aber, dass mein Recht auf mein Leben auch das Recht auf dessen Ende beinhaltet?

Das ist eine philosophische, vielleicht auch religiöse Frage. Welche Haltung beim Thema Suizid jemand einnimmt, muss jeder für sich entscheiden. Wichtig erscheint mir aber zu erwähnen, dass jeder, der sich das Leben nimmt, immer auch Angehörige hinterlässt, die mit der grossen Belastung weiterleben müssen.

Was ist ihr persönliches Fazit zu diesem Thema und ihrem Buch?

Es ist wenig ergiebig, danach zu fragen, warum sich jemand das Leben genommen hat, auch wenn Angehörige die Frage oft lange quält.

Was würden Sie sich wünschen im Umgang mit diesem Thema?

Mehr Sensibilität, weniger Spekulationen.

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese ausführlichen Antworten!

Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid

Das Leben geht weiter – aber wie?

„Ich nehme mir jedes Jahr an ihrem Todestag frei, das weiss mittlerweile auch mein Arbeitgeber. Das ist mein Ritual, es ist mein Tag, es ist ihr Tag. Dann setze ich sie wieder auf den Olymp.“

Wenn sich jemand das Leben nimmt, bleiben Menschen zurück. Familie, Freunde, Bekannte. Vor allem auf Familien hat Suizid eine enorme Wirkung, er reisst eine Lücke in ein System, das sich nachher neu organisieren muss. Eltern und Geschwister müssen mit dem Verlust, ihrer Trauer und der Frage nach dem Warum, die oft von Schuldgefühlen begleitet ist, umgehen.

Samira Zingaro befasst sich in ihrem Buch „Sorge dich nicht!“ mit der Situation der Geschwister nach einem Suizid. Wie trauern sie, was geht in ihnen vor, wie geht ihr Leben nach so einem Verlust weiter?

„Hinterher ertrage ich es manchmal fast nicht, dass ich so naiv war und annahm, dass er einen Weg aus seiner Krise finden würde. Ich hätte nicht gedacht, dass er so weit gehen würde.“

Das Buch vereint verschiedene Porträts von Geschwistern, die nach den Suizid ihres Bruders oder ihrer Schwester ihr Leben weiter führen mussten. Zingaro traf diese Geschwister teilweise über einen längeren Zeitraum, sprach mit ihnen, hörte ihnen zu. Entstanden sind sieben Geschichten, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie zeigen, dass Trauer unterschiedlich ist und der Umgang mit dem Tod ebenso. Sie zeigen auch, dass Suizid auch heute noch ein Tabuthema ist, mit dem sich die Menschen schwer tun.
Abgerundet wird das Buch durch ein Interview mit Ebo Aebischer-Crettol, dem Pionier der Internet-Seelsorge, und dem Psychiater Thomas Reisch, seit Jahren zum Thema Suizid forschend, welche ihre Erfahrung mit dem Thema Suizid darlegen.

Fazit:
Sachlich, auf den Punkt gebracht. mit dem nötigen Feingefühl und viel Offenheit geht Zingaro ein sensibles Thema an. Empfehlenswerte Lektüre.

Zum Autor
Samira Zingaro (1980) studierte Medien- und Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie war als Journalistin für verschiedene Printmedien tätig und arbeitet seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier

ZingaroSorgeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 172 Seiten
Verlag: rüffer & rub Sachbuchverlag (11. Oktober 2013)
Preis: EUR 28.80 ; CHF 38.90

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Schon wieder ein Selbstmord in Kaderkreisen. Gibt es sie im Kader mehr als unten oder sind die unten einfach nicht Thema in der grossen Öffentlichkeit? Wäre er nicht in Kaderkreisen, wäre er untergegangen. Wenn sich die schon umbringen, die ganz oben sitzen, dafür oft auch berufliche Gründe angeben, wie muss es weiter unten ausschauen? Sieht man die Geschäftspolitik vieler (vor allem grosser) Firmen an, wundert einen nichts mehr. Der Obere hackt auf den Unteren. Wieso? Weil er es kann. Und weil es ihm helfen kann. Macht der Untere nicht mit, ist das kein Problem, es gibt genügend, die auf die Stelle warten. Das wird sogar offen so kommuniziert.

Wo bleibt da der Mensch?

Grosse Firmen haben Vorgaben. Die, welche ganz oben steht ist: Gewinnmaximierung. Das Problem bei derselben ist, dass sie zum Selbstläufer wird, der dem Goetheschen Besen des Zauberlehrlings gleicht.

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

War man gestern im Plus, muss man heute im höheren Plus sein. War das Plus heute höher, muss es morgen noch mehr steigen. Um das zu erreichen, ist jedes Mittel recht, man geht – möchte man heute sagen – über Leichen. Wortwörtlich, wie es scheint. Die Ausrede, sie seien aus freien Stücken gegangen, greift nicht wirklich.

Wo bleibt der Mensch?

Der Profit ist das eine, die Karriere der Oberen ist das andere. Einmal Blut geleckt, will man mehr. Ist man erst mal in der ersten Managerstufe, will man die nächste erklimmen. Man weiss, dass das umso besser geht, wenn man die Vorgaben der Firma erfüllt, skrupellos, knallhart. Man hält sich an Zahlen, opfert dafür Menschen. Man sieht sich selber als Opfer des Systems, man kann ja nicht anders, denn täte man es nicht selber, täte es ein anderer und der hätte dann den Stuhl, den man gerne selber hätte. Also macht man weiter. Vielleicht hat man sogar noch diese leise Stimme im Ohr, die sagt, dass das alles falsch ist. Doch schliesslich sitzt auch einer über einem, der genau dasselbe mit einem macht, tut man nicht, was er will. Und er will eben auch dasselbe. Weiterkommen um jeden Preis.

Das Perpetuum Mobile von Macht, Gewalt, Unterdrückung, Leid.  Es existiert immer und überall, es ist akzeptiert, weil es der anerkannte Weg der Karriere ist. Wer diese macht, ist angesehen, wer aussteigt, wird belacht. Wer hoch und höher steigt, sonnt sich im Ruhm, wer gleich bleibt oder gar absteigt, gehört nicht mehr dazu.

Wo bleibt der Mensch?

Um Menschen geht es dabei schon lange nicht mehr. So lange, bis man selber an dem Punkt steht und sich fragt: Was tue ich hier? Was muss ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Was kann ich noch ertragen? Und irgendwann lautet die Antwort: Ich kann nicht mehr. Nichts.

Lou kellnert mit grosser Freude in einem Café in dem kleinen Dorf, in dem sie geboren ist und noch heute zusammen mit ihren Eltern, ihrem demenzkranken Grossvater, ihrer Schwester und ihrem Neffen unter einem Dach lebt. Als das Café die Türen schliesst, braucht sie eine neue Arbeit, denn ohne ihr Einkommen könnte die Familie nicht auskommen. Das Einzige, was sie findet, ist die Pflege eines durch einen Unfall behinderten Mannes, dessen Gesellschafterin sie sein soll.

Eher widerwillig nimmt die diese Arbeit an, sieht sich bald mit einem mürrischen, sarkastischen und bösartigen Mann im Rollstuhl gegenüber, so dass sie am liebsten gleich künden möchte, was aber nicht möglich ist. Langsam tat das Eis zwischen den beiden.

Will und ich schienen einen Weg gefunden zu haben, miteinander umzugehen. Meist lief es darauf hinaus, dass er gemein zu mir war und ich es ihm manchmal heimzahlte.

Durch Zufall erfährt Lou, dass ihr Vertrag auf ein halbes Jahr begrenzt ist, weil Will danach in die Schweiz will, um da sein Leben, zu beenden. Von da an versucht Lou alles, ihm zu zeigen, dass das Leben auch im Rollstuhl lebenswert sein kann.

Ich starrte meinen Kalender an, den Stift immer noch in der Hand. Auf einmal vermittelte mir die mit Rechtecken bedruckte Fläche das Gefühl einer unglaublichen Verantwortung. Ich hatte hundertsiebzehn Tage, um Will Traynor davon zu überzeugen, dass es sich lohnte weiterzuleben.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, der die beiden einander näher bringt. Beide lernen sie voneinander und werden durch diese gemeinsame Zeit zu anderen Menschen.

Ein ganzes halbes Jahr erinnert sehr an den autobiographischen Roman von Philippe Pozzo di Borgo Le Second souffle (2001; auf Deutsch Ziemlich beste Freunde, 2012), welcher 2011 mit dem Titel Intouchables in die Kinos kam. Beide handeln von einem Mann, der durch einen Unfall im Rollstuhl landet, dadurch verschlossen und mürrisch wird und durch einen eher aussergewöhnlichen Gesellschafter zurück ins Leben findet, Spass daran hat. Im vorliegenden Buch ist es eine junge flippige Kellnerin, im Film ein dunkelhäutiger Exkrimineller. Neben vielen Gemeinsamkeiten gibt es aber durchaus auch Unterschiede, so dass es sich lohnt, dieses Buch trotzdem zu lesen.

Ein ganzes halbes Jahr ist leichte Unterhaltung, ist gut und leicht zu lesen, lässt einen dabei nicht mehr los, so dass man es kaum mehr aus der Hand legen will. Es weckt Gefühle, lässt einen nachdenken und eröffnet auch tiefer gehende Fragen, die man sich und dem Leben stellt. Die Geschichte trifft mitten ins Herz und setzt sich da fest. Man möchte schnell wissen, wie es ausgeht und fürchtet schon beim Lesen, dass es irgendwann zu Ende gehen könnte.

Fazit:
Ein ganzes halbes Jahr ist bewegend, mitreissend, feinfühlend und nachdenklich. Eine wunderschöne Geschichte auf einnehmende Weise erzählt. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Jojo Moyes
Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

MoyesHalbesJahrAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (21. März 2013)
Übersetzung: Karolina Fell
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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„Nichts ist dümmer und letzlich auch krimineller, als ein kaum angefangenes Leben wegzuwerfen, ohne auch nur zu ahnen, welche Überraschungen und spannenden Erlebnisse es für einen bereithält. Die Sterbezeit beginnt doch erst, wenn Neugierde und Lebenslust dauerhaft nachlassen, wenn der Überdruss unüberwindlich wird“, hörte er des Vaters Stimme von fern her flüstern.

Hat der Vater – in diesem Fall Thomas Mann, wie ihn Michael Degen in seinem Buch „Familienbande“ nach dem Selbstmordversuch seines jüngsten und ungeliebten Sohn Michael sprechen lässt – recht? Ist es dumm und (in einem moralischen Sinne) kriminell, sein Leben eigenständig zu beenden, bevor die Uhr abgelaufen ist? Oder gibt es eine Altersgrenze, welche besagt, dass man es vorher nicht dürfe, danach der Schritt aber akzeptabler wäre? 

In Thomas Manns Familie war Selbstmord keine Seltenheit. Seine beiden Schwestern haben sich umgebracht und zwei seiner Söhne gingen diesen Weg ebenfalls. Klaus wählte diesen Weg wohl aus Verzweiflung, weil trotz seines Talents nichts so gelang, wie er sich das wünschte, weil die Drogen kein Entrinnen zeigten, weil das Leben ihn von einer Enttäuschung in die nächste führte, immer den dominanten und erfolgreichen Vater im Nacken, aus dessen Schatten er nie kam. Michael Mann war erfolgreich.  Als Musiker und als Professor für Germanistik. Und doch beendete er sein Leben lange nach seiner schweren Zeit als ungeliebtes Kind zu Hause bei den Eltern. Konnte er sich nie von den Verletzungen lösen, die dieses kalte und lieblose Elternhaus bei ihm zurückliess?

Darf man einfach dahin gehen und sich umbringen? Hat man das Recht, das Leben, das einem geschenkt wurde, mutwillig zu beenden? Glaubt man an Gott, ist das Leben ein Gottesgeschenk. Sich dem zu entziehen wäre in dem Fall Undank gegen den grossen Schöpfer. Doch was ist, wenn man nicht an Gott glaubt? Wem schuldet man sein Leben? Den Eltern? Haben sie einen gefragt, ob man leben will? Sie haben das für einen bestimmt, wie so vieles mehr im Leben. Sie bestimmen die Religion, in die man hineingeboren wird und in welcher man die ersten Jahre des Lebens verbringt, bestimmen die Regeln, moralischen Grundsätze und Wertvorstellungen, die im familiären Haushalt gelten und zu befolgen sind. Sie sagen, was gut ist und was schlecht und sie prägen damit ganz massgeblich das Heranwachsen und die Entwicklung einer Persönlichkeit. Irgendwann wird man flügge und entscheidet selber. Man kann sein Leben selber in die Hand nehmen und trägt fortan die Verantwortung für sein Leben. Kann man sich aber wirklich ganz lösen? Von allem? Der Blick auf die Familie Mann scheint eine andere Sprache zu sprechen. 

Muss man leben, wenn man dieses Leben nun mal hat? Gibt es eine Pflicht zu leben? Es gibt ein Recht zu leben, dieses Recht ist ein Menschenrecht und niemand darf es einem nehmen. Aber eine Pflicht? Und wenn ich das Recht auf mein Leben habe, habe ich dann nicht auch das Recht auf meinen eigenen Tod? Darf ich nicht frei entscheiden, was ich mit diesem Leben anfangen will, ob ich es weiter führen oder aber beenden möchte? Bin ich kriminell und dumm, wenn ich beschliesse, dass das Leben nicht lebenswert ist für mich, zu hart, zu grausam, zu kalt? Vielleicht auch hoffnungslos?

Bin ich schwach, wenn ich den Weg in den Suizid gehe, weil ich mich feige vor den Herausforderungen des Lebens drücke oder bin ich  mutig, da ich den Weg in den Tod gehe, den Weg also, den die meisten Menschen so sehr fürchten? Welche Angst wäre grösser als die vor dem Tod? Und wenn einer ihn wählt gegen das Leben, wie schwer muss ihm dann dieses Leben gefallen sein?

Muss man jemanden retten, der nicht mehr leben will oder sollte man seinen Entscheid respektieren? Welche Gründe sind Grund genug für diesen Schritt, wo ist er akzeptabel? Nie? Immer? Mal so, mal so?

Suizid ist ein grosses Tabuthema. Er wird als feige, als schwach, als rücksichtslos, als egoistisch gesehen. Immer aber steckt viel Leid dahinter. Leid bei dem, der den Weg wählt. Wie verzweifelt muss er gewesen sein? Er sah sah nicht mehr genug Licht, das ihn hielt, das Dunkel erdrückte ihn. Er sah nicht mehr genug Sinn, fühlte sich nur noch hilflos, ausgeliefert, allein, überfordert. Das Leben war schlimmer als die gröste Angst des Menschen: der Tod.

Nach der Tat ist das Leid beim Umfeld. Im Raum stehen all die offenen Fragen: Hätten wir was tun können? Haben wir versagt? War es unsere Schuld? Haben wir nicht hingeschaut? Wie konnte er uns das antun? Was hat er aufgegeben? Wieso er? Er hatte doch so viel. Und man fängt an zu sehen, was er alles (in den eigenen Augen) hatte. Erfolg, Geld, Familie – all das, was einem selber erstrebenswert vorkommt legt man in die Waagschale des Lebens und sieht den Tod als sinnlos und unverständlich. Vergisst dabei aber, dass der Gegangene wohl eine andere Rechnung hatte. Dass ihm etwas (Lebens-)Wichtiges fehlte. Dass er ohne dieses Etwas das Leben nicht mehr lebbar empfand. Und sich zu einem Schluss entschloss. Für sich.

Ich denke, Selbstmord ist immer egoistisch. Das ist nicht negativ gemeint, sondern soll heissen, dass es nicht gegen jemanden anders gerichtet ist. Mit Selbstmord will man niemandem etwas heimzahlen, keine Rache üben. Es ist eine Tat an sich für sich. Man will sich selber erlösen aus etwas, das man selber nicht erträgt, nicht ertragen will und vermutlich nicht ertragen kann. Die Schuldfrage ist dabei müssig, es kommt wohl zu viel zusammen. Bei den Söhnen Thomas Manns ist man schnell dabei, die Kälte, Härte und Dominanz des Vaters als schuldig zu sehen. Die Söhne zerbrachen daran. Mag sein. War er schuld? Liest man seine Tagebücher, litt er genauso und konnte nicht ausbrechen, kanalisierte sein Leiden im Schreiben. Die Schuld ginge damit eine Generation zurück – der Selbstmord der Schwestern würde diese Schlussfolgerung unterstützen. Und vermutlich könnte man auf die Weise Glied für Glied zurück gehen und sehen, dass keiner aus seiner Haut konnte, jeder aber wohl die Möglichkeit hatte, mit dem Erlebten umzugehen. Die einen schafften es, für sich einen Weg im Leben zu finden, die anderen sahen nur den Tod. Und alle gingen ihren Weg.

Von aussen zu urteilen ist einfach. Man steckt nie drin. Fühlt nie das Leid. Fühlt nie den Schmerz. Schlussendlich hat jeder die Verantwortung für sein eigenes Leben. Man kann da sein für den anderen, kann helfen, unterstützen, lieben, die Hand bieten. Am Schluss wird man akzeptieren müssen, welchen weg er wählt. Im Leben oder ausserhalb.