Thommie Bayer – Nachgefragt

BayerThommieThommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Thommie Bayer hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und zu seinem neusten Roman Die kurzen und die langen Jahre zu beantworten:

 

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich war ein liebes, aber freches Kind, habe die Schule vor dem Abitur verlassen, Malerei studiert, Rockmusik gemacht und dann mit dreißig das Schreiben entdeckt. Ich habe meine große Liebe gefunden, bin seit fast dreißig Jahren mit ihr verheiratet und lebe seit ebenfalls fast dreißig Jahren am richtigen Ort.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Etwas anderes als Songtexte zu schreiben war lange ein Traum, gewagt habe ich es erst, als mein damaliges Leben in die Brüche ging.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich bin nicht der Typ, der zuerst lernt und dann loslegt, ich muss gleich loslegen und dann aus jedem Fehler, den ich mache, lernen. Die besonderen Bücher sind nie nur Handwerk, aber ohne Handwerk wären sie nichts.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich mache nur minimale Pläne und minimale Notizen – es fügt sich fast alles beim Schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Immer zuhause an meinem Schreibtisch. Unterwegs kann ich allenfalls überarbeiten, kontrollieren, korrigieren. Entstehen muss es zuhause.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich habe entweder immer Ferien oder nie, je nach Definition. Ich glaube, ich schalte nicht ab. Ich bin glücklich, wenn es läuft und halte aus, wenn es nicht läuft. Es schaltet sich sozusagen manchmal von selbst ab. Oder mich.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich glaube, es bedeutet für mich, aufmerksam zu sein, auf Menschen, auf Sprache, auf Motive, Haltungen, Entwicklungen, Selbsttäuschung, Demagogie, Rhetorik… Ich kämpfe mit der Angst, mich zu wiederholen, und freue mich, wenn die Leser immer wieder das Bündnis mit mir eingehen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe Glück gehabt. Es geht mir gut mit meinem Verlag, ich fühle mich dort gemocht und geschätzt und unterstützt. Natürlich will jeder Künstler mehr (Werbung, Lob, Vorschuss), aber die Verlage müssen existieren, und Aufmerksamsein heißt auch, die Interessen und Notwendigkeiten anderer zu kapieren.

Was ist in Ihren Worten das Thema von Die kurzen und die langen Jahre ?

Eine platonische Liebe. Verlust. Die Ankunft im eigenen Leben.

Sie zeichnen in dem Buch eine eher düstere Sicht der Liebe. Eigentlich jede Liebesgeschichte, wie sie im Buche steht, ist meilenweit entfernt. Ist die Liebe so düster?

Auch. Ja. Als Urlaub vom Leben wäre die Liebe missverstanden. Sie ist das Leben selbst, und das ist oft auch düster.

Ist eine der Figuren in dieser Geschichte je glücklich? Sylvie schreibt in einem ihrer Briefe, sie sei es ab und an gewesen. Wo aber sind die Glücksmomente im Buch?

Sie sind schon da, aber wir erfahren mehr von den Verlusten. Diese Verluste wären aber keine, wenn nicht das Glück verloren ginge.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Das weiß ich nicht. Ideen kommen. Zum Glück.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Thommie Bayer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Meine männlichen Hauptfiguren sind oft eine Art Mischwesen aus der ausgedachten Figur und mir selbst. Ich bevölkere mich mit denen und bevölkere sie mit mir.

„Das Leben ist eines der schrecklichsten und es endet meistens mit dem Tod“ oder „Das Leben ist eines der besten“ – was passt? Würden Sie sich als Optimisten oder Pessimisten sehen?

Trauriger Optimist. Oder skeptischer Optimist. Oder zufriedener Querulant.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Kunst darf zwar alles, auch die Menschheit erziehen oder belehren wollen, aber mich persönlich interessiert nur die Kunst, die einfach existieren will. Das Bild, das gemalt werden will, die Geschichte, die erzählt sein will, die Musik, die gehört werden will.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Seele. Sprache. Haltung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ohja. Die Liste wäre lang. Wobei das mit der Prägung wohl keine so große Rolle spielt, jedenfalls nicht mehr. Anfangs war das sicher Kurt Vonnegut, aber inzwischen bewundere ich viele Kollegen, eifere aber keinem mehr nach.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Keine Angst vor Freundlichkeit. Keine Angst vor Liebe. Keine langen Aufzählungen. Keine langen Beschreibungen. Kein fünfter Tipp.

Ich bedanke mich herzlich für diesen Einblick in Ihr Schreiben. Ich wüsste gerne, wer am Schluss die Tipps nochmals nachzählt.

Rezension: Joël Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Ohne Liebe ist alles nichts

Halten Sie die Liebe in Ehren, Marcus. Machen Sie sie zu Ihrer schönsten Errungenschaft, zu Ihrem einzigen Ziel. Nach den Menschen kommen andere Menschen. Nach den Büchern kommen andere Bücher. Nach dem Ruhm kommt anderer Ruhm. Nach dem Geld kommt anderes Geld. Aber nach der Liebe, Marcus, nach der Liebe bleibt nur das Salz der Tränen.

Eines Abends verschwindet Nola Kellergan spurlos. Ganz Aurora ist in Aufruhr, ganz Aurora beteiligt sich bei der Suche, aber Nola bleibt verschwunden. Nach einer ersten lähmenden Zeit der Angst, in der Familien ihre Kinder zuhause einschliessen, findet das Städtchen langsam wieder zur Normalität zurück, bis 30 Jahre später Nolas Leiche gefunden wird. Sie liegt im Garten des Mannes, der 30 Jahre vorher mit Nola just am Tag ihres Verschwindens weggehen wollte, um seine Liebe zu dem 15-jährigen Mädchen leben zu können: Harry Quebert, berühmter Schriftsteller, Professor und bislang hochangesehene Persönlichkeit.

Marcus Goldman ist Schriftsteller, erfolgreicher Schriftsteller mit nur einem Buch. Es will ihm nicht gelingen, ein zweites zu schreiben, obwohl ihm sein Verleger Strafe androht, wenn nicht bald eines erscheint. Die Schreibkrankheit hat Marcus im Griff. Eines Tages der Anruf von Harry. In seinem Garten wurde die Leiche von Nola Kellergan gefunden. Nola Kellergang war die Liebe in Harrys Lebens, nie hatte er nachher wieder geliebt. Sein ganzes Leben hatte er nur auf Nola gewartet. Nun war sie tot.

In meinem Leben gab es nur Harry und seltsamerweise stellte ich mir überhaupt nicht die Frage, ob er schuldig war oder nicht: Die Antwort hätte ohnehin nichts geändert. Das war ein komisches Gefühl. Ich glaube, ich hätte ihn lieber gehasst und ihm mit der ganzen Nation ins Gesicht gespuckt, das wäre einfacher gewesen. Stattdessen sagte ich mir nur: Er ist ein Mensch, und Menschen haben ihre Dämonen. Jeder von uns. Die Frage ist nur, wie viel man diesen Dämonen durchgehen lässt.

Marcus macht sich in Zusammenarbeit mit einem Polizisten auf die Suche nach dem wahren Mörder. Harry ist schnell entlastet, aber wer hat die kleine Nola Kellergan sonst umgebracht? Die Nachforschungen bringen nach und nach neue Details und Verstrickungen aus dem Jahr 1975 ans Tageslicht, die beiden Ermittler stossen auf immer mehr Unklarheiten und vor allem immer neue Verdächtige.

Joël Dicker lässt seinen Roman auf drei Zeitebenen spielen: Im Jahr 1975, als Nola Kellergan verschwand, in den Jahren 1998 – 2002, Marcus Goldmans Ausbildungsjahren, und im Jahr 2008, dem Jahr des Leichenfundes und der Ermittlungen. Trotz der drei Ebenen ist dem Leser immer klar, in welcher Zeit er sich befindet, und er spürt, wie sich langsam das Fadennetz zwischen den Zeiten verdichtet. Der Leser nimmt durch die unmittelbare Ich-Erzählung von Marcus Goldman an den Ermittlungen teil und will den Fall selber auflösen. Er leidet mit, er sucht mit, er zieht seine Schlüsse.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist eine packende Geschichte, die viel mehr als ein Krimi ist. Es ist die Geschichte über die Liebe, eine Geschichte übers Schreiben, eine Geschichte über die Wahrheit, die nicht immer ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. In einer gut lesbaren Sprache, mit plastischen Figuren und realistischen Schauplätzen zeichnet Dicker eine GescBildschirmfoto 2015-01-18 um 09.10.15hichte, die den Leser einsaugt und nicht mehr loslassen will. Je weiter das Buch fortschreitet, desto stärker wird aber der Zwiespalt: Einerseits will man nicht aufhören zu lesen, andererseits wird das Buch viel zu schnell fertig sein, wenn man keine Pause macht. Die Welt des Harry Quebert wieder zu verlassen ist ein Abschied, der eine Lücke hinterlässt.

Fazit:
Eines der besten Bücher seit langem. Plot, Sprache, Charaktere – Erzählkunst auf höchstem Niveau. Packend, unterhaltend, wunderbar. Absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Joël Dicker
Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben: Les Derniers Jours de nos Pères und La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert. Für Letzteren bekam er den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 und mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
DickerWahrheitGebundene Ausgabe: 736 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. August 2013)
Übersetzung: Carina von Enzenberg
ISBN-Nr.: 978-3492056007
Preis: EUR 22.99 / CHF 20.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Wer die Wahl hat…

Die Würde des Menschen besteht in seiner Wahl.

Dieser Satz von Max Frisch zierte lange Zeit das Haus neben dem, in welchem ich wohnte. Jeden Tag, wenn ich daran vorbei lief, las ich ihn aktiv und stimmte ihm innerlich zu. Der Satz wurde mittlerweile überstrichen und ich bin umgezogen, geblieben ist meine Liebe zu dem Satz und die tiefe Zustimmung.

Es ist mir wichtig, die Wahl zu haben. Die Freiheit, zu wählen, gehört für mich zu meinem Leben. Ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen. Dass der Weg nicht immer linear war, blieb nicht aus. Wird meine Wahl eingeschränkt, fühle ich mich aus meinem Leben vertrieben. Es ist, als ob jemand das Ruder in meinem Boot übernommen hätte und nun rudern will. Weil er wüsste, wo ich hin müsste. Nur: Selbst wenn ich es selber nicht wüsste, wie sollte es jemand anders besser wissen als ich?

Alles, was mich einengt, zwingt mich in die Flucht. Alles, was mich steuern will, lässt mich gegensteuern. Manche nennen es Trotz, ich nenne es Selbsterhaltungstrieb, da ich nur ich bin, wenn ich den Weg selber definiere. Sonst bin ich eine Marionette und das will ich nie sein.

Ich habe Ideale und auch Vorstellungen. Die mögen utopisch sein, nicht gesellschaftlichen Massstäben entsprechen, vielleicht auch idealistisch klingen. Aber ich will die umsetzen. Es zumindest versuchen. Wenn es nicht klappt oder nicht so toll ist, wie anfänglich vorgestellt, kein Problem, ich plane um. Aber nie, ohne es vorher versucht zu haben. Und von jedem Versuch bleibt etwas hängen. Jeder Versuch, auch einer, der nicht das anfangs anvisierte Ziel erreichte, brachte weiter. Schön war immer, wenn ich die Versuche selber abbrechen konnte, nicht abbrechen musste. Das war nie ein Versagen, es war ein Gewinn. Weil: Ich hatte die Wahl und ich habe sie getroffen. Frei.

Ich habe in meinem Leben einiges probiert. Vieles habe ich wieder aufgegeben, gewisse Dinge blieben. Was immer blieb, war das Schreiben. Dass ich es heute leben darf, liegt daran, dass ich nie an dieser Wahl zweifelte. Ab und an am Erfolg derselben, nie aber am Schreiben selber. Ich ohne Schreiben, das gab es nie und wird es nie geben. Die Inhalte sind nicht immer gleich, aber das Schreiben bleibt. Sollte ich mal nicht mehr schreiben, bin ich tot. Ich wünsche mir, mitten im Satz zu sterben. Dann hätte ich bis ganz am Schluss das getan, was ich tun will, immer tun wollte, was mein Leben ist.

Ich bin dankbar, die Wahl zu haben. Ich bin dankbar, sie immer gehabt zu haben. Das Leben war nicht immer einfach, was sicher auch ab und an an meiner Wahl lag. Immerhin: Ich habe sie frei getroffen, nach bestem Wissen und Gewissen, ab und an ein wenig unbedarft, manchmal vielleicht auch überstürzt oder aus Launen heraus, aber immer ich. Ich bin ich, wenn ich die Freiheit habe von und die Freiheit zu. So beschrieb mich heute eine wunderbare Frau. Und sie hat mich voll durchschaut.

Husch Josten – Nachgefragt

Husch Josten
josten_web_rechtsHusch Josten wurde 1969 in Köln geboren, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Debütroman In Sachen Joseph (2010) wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 erschien ihr zweiter Roman, Das Glück von Frau Pfeffer, 2013 die Kurzgeschichten Fragen Sie nach Fritz. Husch Josten lebt als Schriftstellerin in Köln.

Husch Josten hat mir ein paar Fragen zu ihrem Schreiben und ihrem neusten Buch Der tadellose Herr Taft beantwortet. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1969 in Köln geboren. Rheinländerin. In Paris und Köln studiert. In diesen Städten wie auch in London als Journalistin gearbeitet – und das sehr gerne. Dann der erste Roman – ein Glück.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte nie etwas anderes tun, was, aus heutiger Sicht, ein Geschenk ist: so früh zu wissen, was man wirklich machen möchte mit seinem Leben. Im Alter von sechs Jahren die erste Schreibmaschine zu Weihnachten: Eine blaue Plastikmaschine aus dem Spielwarenladen. Mit Farbband.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Durchs Lesen und Schreiben. Ich habe viel gelesen und immer geschrieben, geübt, probiert, experimentiert. Das Handwerk habe ich dann von der Pieke auf in der Lokalredaktion gelernt – vor allem durch einen Kollegen, Uli heißt er, der redigierte. Ihn rufe ich noch heute an, wenn es eine heikle, strittige Frage zur Grammatik gibt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich denke eine Geschichte von Anfang bis Ende. Dann recherchiere und notiere ich viel. Erst danach beginne ich zu schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Ich habe ein Büro, mein Schreibzimmer, wo ich außerhalb meines Zuhauses jeden Tag arbeite.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Beim Lesen, Feiern, Kochen, im Gespräch… Aber natürlich arbeitet es danach oder manchmal auch dabei, ganz unbemerkt, in mir weiter und ich denke schon wieder erste Sätze…

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Inspiration kann in jedem winzigen Detail stecken. Ehrlich: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Es passiert einfach.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Husch Josten steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist das alte, unlösbare Rätsel: Was ist wahr, was nicht, kann überhaupt etwas Geschriebenes nicht wahr sein? Mit Sicherheit kann ich sagen, dass manche Themen, über die ich schreibe, mich schon lange vorher bewegt haben und in der einen oder anderen Gestalt immer wieder vor mir aufgetaucht sind.

Was ist in Ihren Augen die Botschaft von Der tadellose Herr Taft?

Ich habe keine Botschaft, das ist für mich nicht die Aufgabe der Literatur. Ich erzähle seine Geschichte.

Ist die heutige Welt gedankenlos, dass sie Themen kaufen muss, über die sie sich Gedanken machen kann?

Auf jeden Fall glaube ich, dass uns viele Gedanken nur streifen und wir sie schnell weglegen, insbesondere dann, wenn sie unbequem sind, schwierig.

Verkaufte Taft vielleicht Themen, weil er sich selber nicht mehr darum kümmern konnte nach Veronikas Weggang? Verlegte er damit quasi nach Aussen, was er im Innern verloren hatte?

Möglicherweise. Das hängt davon ab, wer die Geschichte in welcher Verfassung liest. Jeder Leser findet in Daniel Taft etwas anderes, er ist eine Projektionsfläche. Mit seinen Ideenkarten findet er jedenfalls die ihm wichtige Gelegenheit, “von sich Reden zu machen”.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Schriftsteller tragen Verantwortung, natürlich, aber das muss nicht notwendig eine politische sein. Dass sie aber hinsehen, beobachten, benennen – in anderer Sprache und Form als es die Journalisten tagtäglich tun – das liegt ihrer Arbeit meines Erachtens bestenfalls zugrunde.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine gute Geschichte und eine schöne, besondere Sprache.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Das sind vor allem zwei: Thomas Mann und Philip Roth. Aber ich lese auch sehr gern Maeve Brennan, Thomas Bernhard, John Cheever, Saul Bellow, Ingeborg Bachmann…

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Mir fallen nur zwei ein, die mir aber wesentlich erscheinen: Es ernst meinen und anfangen.

Hans Rath – Nachgefragt

©Alexander Hörbe
©Alexander Hörbe

Hans Rath studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie in Bonn. Er lebt mit seiner Familie in Berlin, wo er unter anderem als Drehbuchautor tätig ist. Mit der Romantrilogie Man tut, was man kann, Da muss man durch und Was will man mehr hat Rath sich eine große Fangemeinde geschaffen. Zwei der Bücher wurden bereits fürs Kino verfilmt. Sein Roman Und Gott sprach: Wir müssen reden! ist ebenfalls ein Bestseller.

Hans Rath hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin in einer niederrheinischen Kleinstadt aufgewachsen und hätte dort nach dem Abitur eine Banklehre machen sollen. Zum Glück konnte ich mich diesem Plan meines Vaters durch ein Philosophiestudium entziehen. Das hat mich aber auch erst auf Umwegen dazu geführt, es als freier Autor zu versuchen. Heute lebe ich mit meiner Familie in Berlin.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

In der Tat wollte ich schon immer Autor werden. Wie zuvor angedeutet, hat mich aber niemand dazu ermutigt, es zu versuchen. Deshalb brauchte es einige Jahre, bis ich es dann doch riskiert habe.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Das kommt sehr auf den Einzelfall an. Handwerk ist in der Tat nicht ganz unwichtig, und es kann einem viel Zeit ersparen, es zu erlernen, statt es sich durch Ausprobieren anzueignen. Mein Weg war geprägt von dem Prinzip Versuch und Irrtum. Ich habe deshalb sehr viel geschrieben, darunter zwei komplette Romane, bevor mein erstes Buch veröffentlicht wurde. Aber auch diese Routineübung hat etwas für sich.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere sehr viel. Leider ergibt sich meistens beim Schreiben, dass ich nichts davon verwenden kann. Ich plane meine Bücher außerdem, allerdings nicht zu detailliert, denn sonst würde ich mich beim Schreiben langweilen. Der Weg ist also vorgezeichnet, aber vieles ergibt sich auch auf der Reise.

Wann und wo schreiben Sie?

Vorzugsweise Zuhause und tagsüber. Wenn ich es vermeiden kann, verzichte ich auf Wochenendschichten. Leider gelingt mir das nicht immer. Nachtschichten mag ich überhaupt nicht. Früher war das anders, aber inzwischen bin ich wahrscheinlich einfach zu alt für solche Anstrengungen – ich merke übrigens, dass das inzwischen auch für Partys und ähnliches gilt.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Das ist nicht ganz einfach. Ich muss mich schon anstrengen, abzuschalten. Meine Frau und mein Sohn helfen mir dabei. Die fordern schlicht Zeit mit mir ein. Ich werde also glücklicherweise zum Entspannen gezwungen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich bin in der glücklichen Lage, mit meinen Traumjob ein gutes Leben zu führen. Manchmal ist das sehr anstrengend, oft lassen sich Dinge nicht so planen, wie man es sich wünscht und hin und wieder ist der Druck, den jeder Job mit sich bringt, auch in einem Traumjob deutlich spürbar. Aber am Ende des Tages möchte ich definitiv mit niemandem tauschen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

Ich müsste Ihnen jetzt ein Loblied auf den Rowohlt-Verlag im allgemeinen und das Rowohlt-Imprint „Wunderlich“ im besonderen singen, da ich mich dort bestens betreut und aufgehoben fühle. Die Probleme der Branche sehe ich natürlich, dennoch halte ich nicht viel davon, ständig das System für alle möglichen Missstände verantwortlich zu machen. Ich persönlich versuche, meine Energie anders einzusetzen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Keine Ahnung. Ich habe keine Rituale, um meine inneren Quellen anzuzapfen, falls Sie das meinen. Allerdings gibt es auch fast nichts, was mich nicht interessiert. Vielleicht bringt es mich auf Ideen, wenn ich nicht gezielt nach Ihnen suche.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hans Rath steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich glaube, dass ein Autor alle seine Figuren auf irgendeine Art mögen sollte. Deshalb habe ich Verbindungen zu allen Charakteren und keine spezielle Identifiaktionsfigur. Was den autobiographischen Anteil betrifft, so ist dass einerseits von Buch zu Buch verschieden und andererseits schwierig in Zahlen auszudrücken. Vom Gefühl her würde ich aber sagen, Fiktion und Realität halten sich insgesamt in etwa die Waage.

Ihr letztes Buch handelte von Gott, nun kam mit Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch der Teufel ins Spiel. Was macht diese beiden Figuren spannend?

Gott und der Teufel stehen für den ältesten Konflikt der Menschheitsgeschichte. Und obwohl die Welt täglich komplizierter und undurchschaubarer wird, scheint das simple Prinzip von Gut und Böse sich nicht abzunutzen. Im Gegenteil. Ich stelle fest, das, sich schwierige Strukturen am Ende oft als simpler Dualismus entpuppen.

Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch ist eine moderne Form der Faustsage. Was reizte Sie an dem Stoff?

Ich finde, wenn man den Fernseher einschaltet, wird man schneller von der Existenz des Teufels überzeugt, als von der Gegenwart Gottes. Außerdem scheint auf den entfesselten Märkten nur wenig zu existieren, das nicht käuflich ist. Die Frage nach dem Teufel und der Käuflichkeit der Seele liegt also nahe. Der moderne Mensch hält sich gern für unbestechlich und autark, im Grunde sind aber nur die Methoden der Verführung subtiler geworden.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Nicht zwangsläufig. Ich glaube, jeder Autor hat eine politische Verantwortung, aber die muss sich nicht darin äußern, dass man sich ständig zum Weltgeschehen meldet. Ich finde es im Gegenteil manchmal schwierig, wenn man den Eindruck gewinnt, dass bei manchen Autoren die politische Haltung zu einem Teil des Marketings geworden ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Och, nicht viel. Hinreißende Charaktere, eine grandiose Story, ein perfektes Erzähltempo, stilistische Brillanz und ein fantastischer Humor reichen schon.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Sehr viele, obendrein müsste ich noch eine Menge Filme aufzählen. Allerdings kann ich kein für mich ultimativ wichtigstes Kunstwerk nennen. Ich finde, es sind Momente, die Bücher oder Filme für einen persönlich wichtig machen. Deshalb tue ich mich auch immer schwer mit Hitlisten. Vielleicht soviel: Ich mochte den neuen Don Winslow, „Missing New York“ und halte viel von David Nicholls, weiß aber noch nicht, ob sein neuestes Buch auf meinem Nachtisch landen wird. Und wenn ich demnächst ins Kino gehe, dann wegen Liam Neeson oder wegen Denzel Washington.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich gebe angehenden Schriftstellern nur sehr ungern Tipps, weil es dafür Verlage, Agenten oder auch Schreibseminare gibt. Aber soviel: Wenn man schreiben will, dann ist es das Wichtigste, das auch zu tun. Ich kenne nicht wenige Leute, die von ihren Buchideen schwärmen, aber noch nie eine Zeile der betreffenden Story zu Papier gebracht haben. Deshalb ist das meiner Ansicht nach die wichtigste Regel: Wer wirklich schreiben will, der muss schlicht damit anfangen. Alles weitere wird sich dann finden.

Herzlichen Dank für diesen humorvollen, persönlichen und informativen Einblick!

Rolf von Siebenthal – Nachgefragt

Rolf_von_SiebenthalRolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen sind die beiden Kriminalromane Schachzug (2013) und Höllenfeuer (2014).

Rolf von Siebenthal hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinen Romanen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich habe Jahrgang 61 und bin ausgebildeter Sprachlehrer, arbeitete lange bei einer Tageszeitung und ein paar Jahre im Bundesamt für Verkehr. Heute bin ich selbstständiger Journalist und Texter.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Das Schreiben fällt mir ziemlich leicht, Schriftsteller wollte ich nie werden. Auch heute noch betrachte ich mich eher als Journalist denn als Autor.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

In den 14 Jahren bei einer Tageszeitung habe ich meinen Schreibstil ständig verbessern können. Doch mit dem ersten Krimi tat ich mich schwer. Deswegen habe ich tatsächlich einen einwöchigen Schreibkurs in Norddeutschland besucht. Dort haben mir erfahrene Kursleiter geholfen, meine Stärken und Schwächen zu erkennen. Für mich hat sich das sehr gelohnt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bei „Schachzug“ probierte ich vieles aus, änderte, korrigierte, löschte – und fluchte. Bei „Höllenfeuer“ hatte ich von Anfang an einen ziemlich genauen Plot, an den ich mich dann auch hielt. Das ist für mich die bessere Variante.

Wann und wo schreiben Sie?

Früh am Morgen, der Ort spielt keine Rolle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich kann einen Text zur Seite legen und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Wenn ich aber am Schreiben bin, kreisen die Gedanken ständig um die Geschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Journalist passt besser zu mir als Schriftsteller. Schreiben ist für mich ein Hobby, keine Berufung. Am Anfang hat mir das Krimischreiben keinen grossen Spass gemacht, meine Texte waren miserabel. Es hat zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich meinen Stil gefunden hatte. Doch noch immer betrachte ich mich als Lehrling. Mit der Erfahrung nimmt auch die Freude zu.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe eine Agentin in Berlin. Für mich ist sie ein Glücksfall, weil sie mir die Suche nach einem Verlag und die anschliessenden Verhandlungen abgenommen hat. Leider kann sie nichts daran ändern, dass sich mit Büchern kaum Geld verdienen lässt.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Mein deutscher Verlag gibt sogenannte „Regionalkrimis“ heraus. Er schätzt es sehr, wenn die Schweiz in meinen Texten klar zum Vorschein kommt. Von deutschen Lesern höre ich das ebenfalls. Ansonsten könnten meine Geschichten aber überall spielen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Häufig verstecken sich Geschichten in Gemeindeblättern, Vereinsheften, Anzeigern. Ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Dann stelle ich mir immer die Frage: Was wäre, wenn? Ein Beispiel: Kürzlich hat der Gemeindepräsident von Wintersingen (BL) bei Grabungen in seinem Garten Knochen gefunden. Später stellte sich heraus, dass sie von einem jungen Mann stammen, der vor über 100 Jahren starb. Aber was wäre, wenn die Knochen nur 10 oder 20 Jahre alt wären?

Am Anfang von „Höllenfeuer“ standen die Serien, die alle Zeitungen in der Sommerflaute bringen. Ein beliebtes Thema sind jeweils „Ungelöste Kriminalfälle“.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Rolf von Siebenthal steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Nein, ich identifizeire mich nicht mit den Figuren. Beim Journalisten Bollag spielt meine Berufserfahrung natürlich eine Rolle. Ich weiss aber nicht in jeder Situation, wie er reagieren würde. Das ist immer eine Annäherung und gilt auch für die anderen Figuren. Froh bin ich über Rückmeldungen von Testlesern, die eine Figur möglicherweise anders einschätzen.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist das, was ich selber gerne lese.

Ihr Krimi Höllenfeuer bewegt sich zwischen politischen und privaten Themen, vereint komplizierte Liebesgeschichten und Geschäftsbeziehungen, verknüpft alte und neue Fälle. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen, am Knüpfen solcher komplexer Netze?

Beschreibungen von Menschen, Landschaften, Mittagessen etc. sind nicht meine Stärke. Meine Krimis leben vom Plot, es muss viel passieren. Deswegen stecke ich viel Zeit in die Planung. Danach fällt mit das Schreiben viel leichter.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Wenn sich ein Autor äussern will, finde ich es in Ordnung. Aber hört ihm auch jemand zu?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo, Spannung, interressante Charaktere und eine abwechslungsreiche Geschichte.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mir gefallen angelsächsische Autoren wie Michael Connelly oder Ian Rankin gut. Die haben Tempo, gute Plots und eine schöne Sprache.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Viel lesen und schreiben, die eigenen Stärken und Schwächen suchen, Texte den Stärken und Schwächen anpassen, Kritik nicht persönlich nehmen. Und nur schreiben, was man selber gerne lesen möchte.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Schreibübung – 2. Teil

Einfach drauf losschreiben hiess es. So gehe diese Schreibübung. Sie muss es ja wissen schliesslich hat sie schon 18 Romane geschrieben, ich keinen. Was masse ich es mir also an, ihren Rat zu hinterfragen, wie ich ja immer alles hinterfrage und dabei zu hören kriege, ich solle damit aufhören, alles zu hinterfragen, da dies erstens mühsam sei für die anderen und ich mich dabei selber blockiere. Zudem sei das Leben viel einfacher, wenn man sich nicht immer hinterfrage, sondern einfach mal lebe.

Einfach mal leben. Ja, das wäre schön. Doch um einfach mal zu leben, müsste man ja wissen, was es heisst zu leben, wie dieses einfach mal leben aussehen müsste. Erst dann könnte man es ja tun. Aber vermutlich gibt es Menschen, die leben einfach drauf los, wie die besagte Schreiblehrerin meinte, wir sollten drauflos schreiben. Und die, die einfach leben, haben also wohl ein Leben, wie diese Schreiblehrerin einen Roman hat, ich habe keines – und auch keinen Roman. Schreiben scheint wie leben zu sein. Dabei behauptete ich immer, mein Schreiben sei mein Leben. Wie aber kann mein Schreiben mein Leben sein, wenn ich nichts (zumindest nichts langes, sonstiges schreib ich ja ständig) schreibe und auch nicht lebe? Vielleicht ist mein Nichtschreiben mein Nichtleben und schreiben und leben unterliegen mathematischen Grundzügen, so dass Minus plus Minus Plus ergeben und damit die beiden „Nicht“ zu streichen sind und daraus Schreiben = Leben entsteht. Das ganze Leben ist kein Spiel, das ganze Leben ist pure Mathematik. Und das Schreiben auch. Nun ist aber bei der Mathematik auch nicht gleich das Ergebnis da und ich kann auch nicht wahllos und gedankenlos, ohne Plan, Formel und Vorwissen, Zahlen aneinanderreihen, um ein Ergebnis zu kriegen. Wäre dem so, wäre ich ein verkanntes Mathegenie, denn das hätte ich perfekt gekonnt. Wobei ich ja gestehen muss, dass ich Mathe mochte, weil sie so schön logisch war, ich sie verstand und damit klar kam. Viel besser eigentlich als mit dem Leben. Oder dem Schreiben. Wieso also bin ich nicht Mathematiker geworden? Ich hätte meiner Lebtage lang Zahlen aneinander reihen können, nicht wahllos, sondern mit System. Hätte mich mit logischen Abfolgen beschäftigt und nicht mit so undurchdringlichen, abgehobenen, undefinierbaren Dingen wie dem Leben und dem Schreiben. Damit wäre ich klar gekommen. Da hätte mir auch keiner gesagt: Mach einfach mal, lass das Denken sein, schreib einfach, was dir grad in den Sinn kommt. Zwei und zwei darf auch mal fünf ergeben. Kein Ding. Niemand weiss es so genau. Das wäre schön gewesen. Aber nein. Ich habe es nicht gemacht. Wäre ja zu einfach gewesen und ich ging noch nie den einfachen Weg.

Ich merke grad, ich hätte mal einen Absatz machen müssen. Das hätte den Text lesbarer gemacht. Da ich aber – auch das eine Vorgabe der Übung – nicht korrigieren darf lass ich es nun stehen. Ich habe aber die groben Tippfehler, ich gebe es zu, immer wieder verbessert, da es sonst zu peinlich wäre nur schon für meinen inneren Kritiker, geschweige denn vor einem etwaigen Leser – doch wer wollte das überhaupt lesen, ist es doch nur so ein gedankenloses Schreiben einer Schreibtante über ihr Schreiben – oder eben Nichtschreiben – und ihr Leben – oder eben Nichtleben –, die durch zwei „Nicht“ doch wieder „Doch“ werden und sich dadurch als Mathematik entlarven, obwohl sie jeglicher mathematischen Einfachheit und Logik widersprechen – sehr zum Leidwesen der armen Schreiberin, die sich so sehr nach Klarheit, Sicherheit und allem schönen Einfachen sehnte.

Ich merke grad so beim Schreiben, dass meine Sätze doch sehr lang sind. Da ich nicht nur nicht (diese beiden nicht heben sich nicht auf, da sie anderen Umständen zugehören – also sie sind nicht schwanger, aber… ach, egal) korrigieren darf, sondern auch nicht nochmals lesen, was ich geschrieben habe, sind lange Sätze enorm ungünstig, da ich plötzlich nicht mehr sicher bin, ob ich nun wirklich schon ein Prädikat im Satz hatte oder das erst am Schluss bringen wollte, ob ich das Subjekt noch richtig im Kopf habe oder ganz wo anders begonnen habe, als ich nun ende. Nun denn, sei’s drum, wird schon stimmen und wenn nicht hat es vielleicht der eventuell vorhandene Leser auch nicht gemerkt und liest fröhlich (oder schon verzweifelt?) weiter, was denn nun noch so kommt.

Die tägliche Übung soll 20 Minuten betragen. Ich habe mittlerweile… oh, ich habe nun vergessen, ob ich um Viertel nach begonnen habe oder aber später, auf alle Fälle scheine ich so gegen 10 Minuten zu haben. Fehlen also noch 10. Wem es bis hier schon zu viel wurde, der sollte besser zu lesen aufhören, denn ich kann nicht garantieren, dass das noch besser wird, da ich ja nicht vorgängig einen Plot, einen Ablauf schreiben durfte. Das hat mich, als mir das die Schreiblehrerin sagte, sehr erstaunt, habe ich doch viel Zeit darauf verwendet, Schreibprozesse anderer (nicht dass ich einer wäre) Schriftsteller zu analysieren (ich habe ja sogar drüber geschrieben – das aber klar strukturiert, wie ich es mag), und kam immer zu dem Ergebnis: Die planen sehr genau, was sie schreiben. Meistens jedenfalls. Thomas Mann hat Monate, teilweise Jahre damit verbracht, Recherche zu betreiben, Figuren zu entwerfen, Schauplätze, Geschichten zu strukturieren, auszumalen, vorzuzeichnen.

Vorzeichnen müsste man vor dem Ausmalen. Normalerweise würde ich das nun umdrehen, aber ich darf ja nicht. Ich habe mal alle meine Interviews mit Autoren durchgelesen, denen ich ja allen die Frage gestellt habe, wie sie denn schreiben. Meine Schreibautorin, die ich auch interviewt hatte, hat schon im Interview ihre Methode verraten. Ich hätte es wissen müssen. Praktisch alle anderen machen es anders. Ok, nicht ganz alle. Nun könnte ich ja einfach sagen, ach, pfeif drauf, wenn andere recherchieren, dann kann ich auch, sie macht es anders, ich bin anders als sie, ergo: Ich mach, was ich will. Punkt. Nur: Sie hat schon Romane geschrieben, ich nicht. Zudem schreibe ich meinen Blog nach genau dem Prinzip, das sie propagiert. Ich denke nicht nach, ich schreibe. Mir kommt eine Idee, ein Thema in den Sinn und ich schreibe drauf los. Das scheint also durchaus meine Schreibmethode zu sein. Aber damit schreibe ich immer nur kurze Texte, so ein Roman sollte ja irgendwo hin führen. Der sollte auf dem Weg dahin nicht einfach nur im Kreis drehen wie nun auch dieser Text schon wieder.

Über mir ist eine Linie grün unterstrichen. Es scheint also passiert zu sein. Ich möchte nachlesen, was ich falsch gemacht habe, doch ich darf nicht. Ich möchte es korrigieren, aber ich kann nicht, weil ich es nicht nochmals lesen darf, und ich könnte auch nicht, wenn ich es wüsste, weil ich es ja nicht darf.

Wieso bin ich eigentlich so folgsam? Mein Papa meinte doch immer, ich mache eh immer das Gegenteil davon, was man mir rät. Also müsste ich doch nun frisch fröhlich in die Recherche stürzen und ihr eine lange Nase zeigen. Aber nein, ich schreibe seit nunmehr 15 Minuten wohl (noch 5 Minuten wollen geschrieben sein) wild auf meiner Tastatur rum, sehe schwarze Zeichen auf dem weissen Blatt erscheinen, sehe nun eine rote Linie unter einem Wort, was bedeutet, dass ich wohl was falsch geschrieben habe. Vielleicht ist es wieder nur die doofe Autokorrektur, die mein Schweizer ss in ein ß verwandeln will, was ich aber nicht tun will, weil ich ja Schweizerin bin und bleibe, auch wenn meine Korrektur das nicht mag. Das ist wie mit dem Akzent beim Reden. Ich könnte den wohl wegkriegen, aber irgendwie ist mir gar nicht danach. Wozu denn? Damit mich keiner mehr als Schweizer erkennt? Ist das erstrebenswert? Sooo schlimm sind wir ja auch nicht. Gut, diese fast schon penetrant erscheinenden Schweizer Akzente, die man ab und an im Fernsehen bei unseren Politikern hört, die müssen auch nicht sein, da halte ich es mit Paracelsus: Alles mit Massen – wobei ich schon auch masslos sein kann bei Dingen, die ich wirklich will, weil ich sie will, und von denen ich viel will, weil sie so toll und wollenswert sind.

Das Wort wollenswert scheint es nicht zu geben. Es ist rot unterstrichen. Schade eigentlich, es gefällt mir. Ich lasse es stehen – haha, Witz gewesen, ich dürfte es ja gar nicht ändern. Aber ich würde es auch sonst stehen lassen, denn es ist ein wollenswertes Wort, das es ausdrückt, was es darstellt. Das Gewollte ist wert, gewollt zu werden, da es eben so ist, wie es ist und damit wertvoll genug, es zu wollen. Der Wille zu wollen ist damit nicht mehr zu hinterfragen und da ich sonst alles hinterfrage, könnte man sagen, dass alles, was wollenswert ist, eben dem Hinterfragen entkommt, weil es sich durch seine Wollenswertigkeit dem Hinterfragen entzieht.

Da ich also weiss, dass ich schreiben will, da ich das schreiben als wertvoll erachte für mich und mein Leben, das ich als ein schreibendes Leben erachte und will, ist das Schreiben für mich wollenswert und damit könnte ich aufhören, es zu hinterfragen. Mensch, ich habe mich grad selbst ausgetrickst. Worüber schreibe ich denn nun morgen, wenn ich das nun geklärt habe? Ist das der Punkt, an dem das Leben und all seine Fragen geklärt sind und ich wie der Held im Märchen glücklich bis ans Lebensende da sitze und schreibe? Ok, nein, das wird nicht so sein, denn ich weiss nun erst, dass ich schreiben will und das nicht mehr hinterfragen muss (ok, wusste ich auch schon vorher), aber wie weiss ich immer noch nicht. Hat sie nun recht? Oder nicht? Ich merke grad, ich habe zu oft „nun“ geschrieben. Wieso kommt mir das ausgerechnet jetzt in den Sinn?

Ich bin ein schreibender Mensch

Angeregt durch die Schweizer Autorin Milena Moser machte ich heute eine Schreibübung. 45 Minuten schreiben ohne nachzudenken, ohne Korrektur, ohne Plan, Konzept oder anderen leitenden Vorstellungen. Das Resultat war folgendes (immer noch unkorrigiert – die Korrektorin in mir schreit laut -, immer noch unlektoriert – die Lektorin in mir sieht viel Verbesserungswürdiges):

 

Der Wecker, also eigentlich das iPhone, fing zu singen an. Eigentlich war es nicht mal das iPhone, sondern Shirley Bassey, die Suddenly sang. Und genau so suddenly war ich wach, zumindest in der Vorstufe von wach, in der ich mich jeden Morgen fragte, ob ich mich nicht einfach nochmals umdrehen könnte, weiter schlafen. Ich machte mir diese Gedanken täglich und wusste immer schon beim Denken, dass ich beim letzten Wort des Gedankens aufstehen würde und den Tag starten. Im immer selben Morgentrott würde ich ins Bad laufen – wobei laufen noch sehr übertrieben war, schlurfen träfe es besser und mangels wirklich wachem Blick war es wohl sogar eher ein Tasten.

Jeder Tag war gleich. Nach der Badroutine folgte der Gang zur Kaffeemaschine, mit einem Kaffee ginge ich weiter, setzte mich mit Buch, Notizbuch oder Computer (wenigstens da schien eine kleine Variation möglich) hin und fing zu lesen oder schreiben an.

Das klingt nach Klage, ist es aber nicht, ich will es so. Gefragt nach meinem Wunschleben, wäre es genau das: schreiben, lesen, schreiben, lesen. Und doch überkommt mich immer wieder der Zweifel, ob das wirklich alles sein könne. Ich schimpfe mit mir, dass das kein normales Leben sei, man doch etwas Anständiges, etwas Sinnvolles tun müsse, wie Leben retten, in Kriegsgebiete gehen und den armen Kindern helfen. Ich las nicht mal die Zeitung, um zu wissen, was mit diesen armen Kindern passierte. Ich war nicht informiert über den Gang der Welt.

Am Schlimmsten waren die Selbstzweifel, wenn ich gefragt wurde, was ich denn täte. „Schreiben.“ Der Blick darauf war immer derselbe, gefolgt von Schweigen, dann von der Frage: „Kann man davon leben?“ Ich hasse die Frage nach meinen Tun, weil alle daraus ableiten, wer ich bin. Und ich bin niemand, wenn ich nichts tue, wovon denken, dass ich es tun sollte, weil man schliesslich täte, was sie als tunwert erachten.

Letzthin fragte mich wieder jemand, ob ich davon leben könne und ich antwortete nur, dass ich bislang nicht verhungert sei, er mir aber gerne ein Fresspaket schicken könne, wenn er sich sorge. Darauf war Stille. Es kam noch ein halbherziger Versuch seinerseits, man könne ja mal essen gehen, worauf ich keine Lust hatte, was ich aber nicht sagte, nagte doch in mir die nach aussen abgeschmetterte Frage: „Was machst du?“

Dabei interessiert kaum je, was man wirklich tut oder gerne tut, meist nur, womit man Geld verdient und davon bitte viel, da man nur damit jemand ist in dieser Welt. Es gibt zwar immer mehr Gegenbewegungen, die auf Sein statt Haben setzten. Von Revolution und Umdenken ist die Rede. Die Parolen werden in die Welt geschrien, als ob die Lautstärke für mehr Wahrheit stünde.

Vielleicht hatten ja alle recht. Suddenly kam mir diese Eingebung. Ich sollte etwas Richtiges tun, etwas Weltbewegendes. Ich könnte nochmals studieren, dieses Mal etwas sinnvolles, nicht brotlose Kunst, bei der mich jeder fragt, was man damit mal anfangen könnte, was ich denn mal sein möchte, wenn ich denn endlich mal fertig sei mit dem Studium. So ein Studium, das taugt, Juristerei zum Beispiel. Später würde ich als Anwalt all die armen Menschen vertreten, denen Unrecht geschehen ist, wobei die, wenn sie arm sind, nicht zahlen könnten. Wovon sollte ich dann leben? Vermutlich würde mich das dann aber keiner mehr fragen. Zudem wollte ich gar nicht mehr studieren, eigentlich war ich doch einfach nur so unsäglich müde von allem. Müde vom ständigen mich fragen, was ich überhaupt tun soll, damit ich die Fragen beantworten könnte danach, was ich denn täte, ohne ständig zu denken, dass die nun denken, was ich eigentlich täte und mir dabei dächte, dass das gar nicht – so wirklich überhaupt nicht – ginge, was ich tat. Das tat man nicht, schon gar nicht als Beruf.

Die Gedanken waren nicht wirklich dazu gut, wacher zu werden, und ich verfluchte Shirley Bassey, dass sie mich in den Tag gesungen hatte. Ich verfluchte mich, dass ich sie nicht einfach mal ignorieren konnte, und ich verfluchte die Welt, die mir solche Fragen stellte, auf die ich keine Antworten hatte, zumindest keine, die sie hörten wollte, keine, die mich in ihren Augen cool machten, zu einem Gewinner.

Ich war immer noch müde, aber es half nichts, ich musste nun starten als die, die ich war, mit dem, was ich tat, weil es das einzige war, was ich tun konnte. Ich klappte den Computer auf, das weisse Blatte leuchtete mir schon erwartungsvoll entgegen, es schrie förmlich: „Beschreib mich!“ Und ich fing zu schreiben an:

 

[…hier stand ein Text einer Romanidee, die ich wirklich noch verfolge, drum löschte ich die hier nun… man darf gespannt sein, vielleicht gibt es das mal als Buch…who knows 😉]

 

Und ich wollte schreiben? Wenn mir nur solcher Mist in den Sinn kommt? Das ging ja wirklich nicht. Ich sollte doch mal ernsthaft über die Bücher und überlegen, was es sonst noch gäbe. Ich könnte zur Polizei – Freund und Helfer werden. Vielleicht erhielte ich da auch Ideen für einen Krimi. Oder ich ginge nach Afrika und hälfe (was ist eigentlich der Konjunktiv von helfen? Hülfe? Nein, hälfe, wobei das alles fürchterlich klingt, aber es muss wohl nicht schön klingen, es muss nur korrekt sein. Ich war mir immer noch nicht sicher). Vielleicht lernte ich in Afrika auch endlich den Mann meiner Träume kennen und suddenly wäre mein Leben aus den Angeln gehoben und aus der ideenlosen Schreibtante wäre eine Menschenretterin mit Traummann an ihrer Seite geworden. Ich könnte über die Geschichte ein Buch schreiben und es würde verfilmt mit Julia Roberts in der Hauptrolle. Nicht, dass ich so aussehe wie sie, aber wenn ich schon träume….

 

Tagebuch

Mädchenträume,
Jugendschäume,
Liebesfrust
und Überdruss.
Herzensfreud
und Zauderei,
Lebensfluss
und Hindernis,
alles findet
seinen Platz,
alles fliesst
in einen Guss.

Lebenslettern
schwarz auf weiss,
Abbild dessen,
was geschieht,
Ahnung bloss,
was wünschenswert.
Unzensiert,
da ungehört.
hemmt die Furcht,
in Stein zu hau’n.
Denn was steht,
das scheint real.

Volker Weidermann: Max Frisch

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Michael Herzig – Nachgefragt

Michael Herzig

herzigmichaelMichael Herzig wird1965 in Bern geboren. Nach der Matur arbeitet er als Musikjournalist und Schallplattenverkäufer, träumt von einem Leben als Rockstar – ein Traum, der nicht in Erfüllung geht. 1998 bis 2014 arbeitet Michael Herzig im Sozialbereich und leitet u.a. niederschwellige, sozialmedizinische Einrichtungen für Drogen- und Alkoholabhängige, psychisch Kranke, Langzeitarbeitslose und Sexarbeiterinnen. 2007 veröffentlicht Michael Herzig seinen ersten Kriminalroman, danach folgen Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften sowie weitere Krimis. Für Töte deinen Nächsten erhält er die mit 10’000 Franken dotierte Zürcher Auszeichnung für herausragende literarische Neuerscheinungen. Im Grafit Verlag Dortmund sind von Michael Herzig bislang vier Romane mit der ebenso eigenwilligen wie leidenschaftlichen Stadtpolizistin Johanna di Napoli erschienen: Saubere Wäsche (2007), Die Stunde der Töchter (2009), Töte deinen Nächsten (2012), Frauen hassen (2014). Michael Herzig lebt in Zürich.

Michael Herzig hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin jemand mit vielen Interessen und arbeite sowohl gerne strukturiert betriebswirtschaftlich als auch kreativ chaotisch. Darum gehe ich diversen Beschäftigungen nach.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit Schreiben habe ich als Teenager begonnen. Damals habe ich vor allem amerikanische und französische Autoren der fünfziger bis siebziger Jahre verschlungen, die Beat Generation und die Existentialisten beispielsweise. Zusammen mit Punkrock hat mich das animiert, düstere und gewalttätige Kurzgeschichten zu schreiben. Einige dieser Texte habe ich 20 Jahre später in meine Krimis eingebaut.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

So simpel es klingt: mein Deutschlehrer war eine wichtige Motivationsquelle. Nach der Schule habe ich journalistische Erfahrung gesammelt und später in einer Weiterbildung die PR-Schreibe erlernt. Nur kreatives Schreiben habe ich nie gelernt. Mein Rezept: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich beginne strukturiert und höre chaotisch auf. Am Anfang steht eine Idee, anschliessend folgen in einem iterativen Prozess Recherche, Figuren und Plot. Beim Schreiben kommen mir dann meistens bessere Ideen, weshalb ich dreiviertel der Vorbereitung wieder über den Haufen werfe.

Wann und wo schreiben Sie?

Am liebsten unter einem Baum in einem blumigen Garten. Aber es geht auch im Zug oder in einem Wartezimmer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wie andere auch: mit Lesen, Musik, gutem Essen, Liebe oder was auch immer.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Für mich ist Autor kein Status, an dem ich hänge. Ich schreibe, weil ich den kreativen Prozess liebe. Das Drum und Dran interessiert mich weniger. Aber stehe ich natürlich vor demselben Berg, wie alle anderen auch.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe vor allem mit dem Grafit Verlag in Dortmund zu tun, der mir keinen Grund gibt, zu jammern. Aber ich kriege schon mit, wie die Verlage kämpfen. Das Geschäft wird in den nächsten Jahren noch härter werden.

Sie wohnen in der Schweiz, ihre Romane spielen hauptsächlich an Schweizer Schauplätzen (mit Einsätzen im Ausland), die Figuren sind Schweizer. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Es ist ein kleiner Markt, in dem nur extrem wenige Autorinnen und Autoren vom Schreiben leben können. Darum bin ich froh, dass ich einen deutschen Verlag habe. In der Liga, in der ich spiele, würde ich sonst ausserhalb der Schweiz kaum wahrgenommen, vielleicht nicht einmal ausserhalb Zürichs.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lasse mich von gesellschaftlichen und politischen Themen leiten, z.B. habe ich in „Töte deinen Nächsten“ die schweizerische Deutschenfeindlichkeit in einen Krimiplot gepackt und in der Kurzgeschichte „Tschingg“ die italienische Immigration in die Innerschweiz der Siebzigerjahre. Schreiben ist meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, bloss für die Galerie mache ich das nicht.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Herzig steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist immer eine Frage der Selbstreflexion. Aus der Verarbeitung eigener Erfahrungen ist schon manches spannende Buch entstanden. Fehlende Distanz des Autoren oder der Autorin zu sich selbst endet in narzisstischer Selbstdarstellung, was selten interessant ist und häufig bloss peinlich.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist ein soziologisches Interesse: Wenn Verbrechen geschehen, funktionieren die Gesellschaft schlecht. Diese Disfunktionalitäten sind spannend und die kann man mit Krimis wunderbar ausleuchten.

Frauen hassen spielt in der Rockerszene, des weiteren sind sie sehr nah an ihren Figuren dran – diese nehmen einen grossen Platz ein im Buch -, schildern die Atmosphäre im Polizeidienst. Wie recherchieren sie in den einzelnen Umfeldern?

Die Polizei kenne ich aus eigener beruflichen Erfahrung, andere Milieus recherchiere ich vor allem über Videos im Internet und wenn möglich über teilnehmende Beobachtung. Da ich sehr visuell funktioniere, bevorzuge ich Filme als Informationsquelle einem Buch oder Artikel. Nur bei den Rockern war das anders, da war ein wichtiger Teil meiner Recherche die Lektüre eines amerikanischen Ermittlers, der die Hells Angels unterwandert hat.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jede öffentliche Äusserung ist letztlich politisch. Die Frage ist bloss, wie bewusst ein Autor oder eine Autorin sich dessen ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo und Esprit. Wenn die Form überzeugt, finde ich die Geschichte zwar nicht irrelevant, aber doch weniger wichtig.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ian Rankin, A.L. Kennedy, Sarah Gran, Cormac McCarthy, Charles Bukowski, Friedrich Glauser

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sorry, da muss ich passen. Ich bin selbst noch viel zu unerfahren, als dass ich anderen Tipps geben kann. Höchstens: Leidenschaft muss der Antrieb sein und Herzblut das Benzin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Peter Beck – Nachgefragt

Peter Beck

BeckPeterPeter Beck wurde 1966 geboren und studierte in Bern Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Er trägt im Judo den schwarzen Gürtel, war Geschäftsleitungsmitglied eines Großunternehmens und in mehreren Verwaltungsräten. Heute ist Peter Beck sein eigener Chef und unterstützt Organisationen bei der Gestaltung der Unternehmenskultur.

Mehr zu Peter Beck unter www.peter-beck.net

Peter Beck hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinem Roman Söldner des Geldes zu beantworten.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Meine Biographie ist ziemlich langweilig. Auf die Welt gekommen bin ich 1966 in Bern und soweit ich mich erinnern kann, hatte ich eine glückliche Kindheit.

Dann studierte ich Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Dort lernte ich auch meine Lebenspartnerin kennen. Anschliessend arbeitete ich für ein grosses Unternehmen, war dort in der Geschäftsleitung und in mehreren Verwaltungsräten.

Heute geniesse ich es, mein eigener Chef zu sein. Wir unterstützten Organisationen bei der Gestaltung und Weiterentwicklung ihrer Unternehmenskultur.

Daneben versuche ich regelmässig Sport zu machen und in spannenden Ländern zu reisen. Die meisten Handlungsorte meines ersten Thrillers Söldner des Geldes habe ich selber bereist.

 

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schreiben tue ich schon seit der Kindheit gerne und es ist mir eigentlich immer leicht gefallen. Söldner des Geldes war ein persönliches Projekt, das ich zwischen meiner Anstellung und meiner Selbständigkeit umsetzen konnte. Solche Gelegenheiten muss man packen.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich hatte immer gute Lehrer, aber zu einem Schreibkurs bin ich bis jetzt nicht gekommen. Für mich ist Schreiben tatsächlich vor allem Handwerk. Mit jedem Satz schlägt man einen Nagel ein. Anfangs hat man einen rohen Entwurf, überarbeitet diesen immer wieder und macht den Satz, den Text mit jedem Schritt ein bisschen besser. Hoffentlich!

 

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Der Weg beim Schreiben ist bei mir sicher nicht linear, sondern ziemlich verschlungen. Der Geist ist schliesslich frei.

Für Söldner des Geldes hatte ich die grobe Idee und einige Schlüsselszenen im Kopf. Dann habe ich angefangen die Geschichte abzuarbeiten, hier ein wenig ausgeschmückt, dort eine falsche Spur gelegt, schweren Herzen ein paar Kapitel gestrichen.

Die knapp 500 Seiten des Thrillers habe ich dann mehrmals vollständig durchgeknetet. Am schwierigsten war das Streichen liebgewordener aber unnötiger Stellen. Mein oberstes Gebot war und ist die Spannung für den Leser hoch zu halten, schliesslich bezahlt er für die Lektüre.

 

Wann und wo schreiben Sie?

Am besten schreibt es sich für mich am Morgen an meinem Pult. Dann ist es ruhig, der Kopf noch frei, und ich kann der Fantasie freien Lauf lassen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Abschalten tue ich am besten beim Sport oder in der Badewanne. Aber natürlich halte ich die Augen und Ohren immer offen und sammle Eindrücke, Ideen, Satzfetzen. So tauchen einige meiner Erfahrungen in Söldner des Geldes wieder auf. Für einen Thrillerautor liegen die Nuggets praktisch auf der Strasse, man muss nur hinschauen.

 

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist einfach ein schönes Gefühl, Söldner des Geldes in so vielen Buchhandlungen und Bibliotheken zu sehen. Zum Glück bin ich nicht nur Thrillerautor, sondern auch Partner, Sohn, Sportler, Firmeninhaber, Reisender, etc. Ich darf zum Glück ganz verschiedene Projekte machen. Der Autor in mir hätte gerne mehr Zeit, muss sich aber öfters gedulden.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritische und anklagende Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Der etablierte Emons-Verlag in Köln, der meinen Thriller verlegt hat, arbeitet sehr professionell, ist aber auch ein sehr persönlicher Verlag. So bekomme ich zum Beispiel auf Fragen per e-Mail innert Kürze eine Antwort. Und bei den Diskussionen um die Titelei (Cover, Titel, Rückseite) wurde ich immer mit einbezogen. Ich bin Emons jedenfalls sehr dankbar für die Unterstützung.

 

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben in Ihrem Roman Söldner des Geldes über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Söldner des Geldes ist in erster Linie ein internationaler Thriller und spielt – neben den Schauplätzen in der Schweiz – auch in Ägypten, Norwegen und Amerika. Persönlich bin ich glücklich Schweizer zu sein. Aber als frischer, deutschsprachiger Autor spielt die Nationalität keine grosse Rolle. Meine Verkaufszahlen zeigen, dass sich Söldner des Geldes auch in Deutschland und Österreich verkauft. Und ich hoffe, dass es bald auch eine Englische und Französische Übersetzung gibt. Auch bin ich Mitglied der Amerikanischen ITW (International Thriller Writer Association) und des Syndikates, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. So lese ich Ende Mai in Nürnberg an der Criminale, dem grössten Krimifestival Europas, aus Söldner des Geldes.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Exzellente Frage, aber unmöglich zu beantworten, denn ich weiss nicht, wo meine Ideen letztendlich her kommen. Ich versuche mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und schnappe überall Sachen auf. Es ist wie ein grosses Puzzle, das sich in meinem Kopf zusammensetzt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Peter Beck steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Auch das weiss ich nicht genau. Sicher sind meine Erfahrungen in Söldner des Geldes eingeflossen: Orte, an denen ich war. Bei den Kampfszenen habe ich von meinen Erfahrungen als Judoka gezehrt. Und wahrscheinlich steckt in allen Figuren auch ein bisschen von mir. Aber ich gestalte meine Charaktere in erste Linie nach dramaturgischen Gesichtspunkten. Bestenfalls lehne ich mich an real existierende Personen an, mische diese miteinander, bis es für die Geschichte stimmt.

 

Wieso schreiben Sie Thriller? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Tatsächlich schreibe ich, was ich gerne selber lese: Rasante und intelligente Unterhaltung zum Abschalten in der Badewanne oder am Strand. Es ging mir beim Schreiben von Söldner des Geldes nie darum, irgend etwas auszuleben. Ich will einfach spannende Thriller schreiben und meine Leser damit so gut wie möglich unterhalten.

 

Ihr Thriller bewegt sich in der Wirtschaftswelt, thematisiert das Bankenwesen, Datenspionage und internationale Intrigen. Was reizt Sie an dieser Thematik?

Tom Winter, der Held von Söldner des Geldes ist Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank. Ich wollte eine unverbrauchte Hauptfigur, nicht irgendeinen schlapphütigen Inspektor oder einen versoffenen Privatdetektiv.

Winters Bank hat Kunden auf der ganzen Welt. Als Autor kann ich ihn deshalb überall hin schicken. Das macht Spass. Da ist Tom Winter fast so frei wie Jack Reacher, der Held von Lee Child. Die Themen „Geld“, „NSA“, etc. leiteten sich dann fast automatisch daraus ab. Und praktischerweise gibt es in der Finanzwelt ja viele Bösewichte.

 

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jeder Mensch hat eine politische Verantwortung. Wir stimmen nicht nur an der Urne, sondern täglich zum Beispiel bei der Wahl der eingekauften Produkte oder unseres Verkehrsmittels ab. Davon sind Autoren natürlich nicht ausgenommen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine spannende Geschichte und faszinierende Figuren. Ein gutes Buch muss mich packen und schwingt auch nach dem Fertiglesen noch nach. Aber zum Glück gibt es dafür keine Formel.

 

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich kann mich an die „Rote Zora“ und die Serie „Drei Fragezeichen“ erinnern. In der Primarschule hatte ich eine tolle Bibliothekarin, Frau Zürcher, die mich mit Stoff versorgte.

Als Jugendlicher habe ich dann alle Maigrets von Simenon verschlungen. Bei den Thrillern ist le Carré mein Lieblingsautor. Der lebte übrigens selber einmal in Bern und hat einige Szenen hier angesiedelt.

Dann habe ich natürlich all die üblichen Verdächtigen gelesen: Lee Child, John Grisham, Ian Rankin, Denise Mina oder Mark Gimenez und Stuart MacBride. Aber auch die Nordländer inspirieren mich: Mankell, Stieg Larsson, Adler Olsen und Jo Nesbo. Ich lese viel auf Englisch aber mit Söldner des Geldes kann man einmal einen Schweizer Thriller im Original lesen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich bin kein Fan von Listen oder Ratgebern, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber ich kann sagen, was mir geholfen hat:

Erstens: Just do it! Die Idee, das Bild, der Dialog nützt im Kopf wenig und muss aufs Papier. Am Anfang ist es nie perfekt, aber es ist ein Anfang.

Zweitens: Nicht aufgeben! Ein Buch zu schreiben ist – ausser man ist ein Genie – zu 99% Schweiss, harte Arbeit und nur zu 1% Inspiration.

Drittens: Gut zuhören! Ich habe Söldner des Geldes vielen Testlesern gegeben und sie um ehrliches und hartes Feedback gebeten. Das war nicht immer leicht, aber hat mir geholfen, den Thriller besser, dichter, rasanter zu machen.

Viertens: Habe Spass! Ein schöner Satz, ein cooler Spruch, ein gelungener Cliffhanger macht Spass und erfüllt mich mit Stolz – und motiviert mich dran zu bleiben (siehe oben…;-)

Fünftes: Vertraue auf Dein Glück! Es gibt tausende von Autoren und letztendlich braucht es immer eine rechte Portion Glück. Es gibt einen abgewandelten Bibelspruch, der einen wahren Kern hat: „Gott gib mir Kaffee, um die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und Wein, um das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann…“

Ich möchte mich bei Peter Beck für diese ausführlichen und interessanten Antworten bedanken, die einen  tollen Einblick in sein Schreiben sowie in sein Leben gewähren!

Imre Kertész: Ich – ein anderer

Das geschriebene Ich

Eine Annäherung an Auschwitz ist unmöglich, es sei denn, von Gott aus; Auschwitz ist eines jener grossen Menetekel, die in Gestalt eines schrecklichen Schlags auftreten, um den Menschen hellhörig zu machen – falls er hinhört. Statt dessen werden wissenschaftliche Motive vorgebracht, wird von der Banalität des Mordens geredet, was wie ein Gruss aus der Hölle klingt.

Imre Kertész beschreibt sein Nomadenleben zwischen den Metropolen, fühlt sich als Flüchtiger, nirgends zu Hause ausser im Schreiben und auch das scheint ihm abhanden zu kommen. Viele seiner Gedanken führen nach Auschwitz zurück, zeigen die Präsenz, die dieser Ort und seine Vergangenheit, noch immer haben. Die Vergangenheit entzieht sich seinem Verständnis, er kann sie nicht fassen, nicht einordnen, weiss nur, dass er sie nie los wird und sie sein Leben begleitet, bedrückt, oft unterdrückt.

Die Welt nicht verstehen, bloss weil sie unverständlich sei, ist Dilettantismus. Wir verstehen die Welt nicht, weil es hienieden nicht unsere Aufgabe ist.

Ich – ein anderer ist eine Suche nach der Identität. Imre Kertész reist gedanklich und real durch Zeit und Ort, reiht Erinnerungen, Erlebnisse, Situationen aneinander, versucht sich darin zu finden und bleibt sich doch immer fremd. Die einzig sicheren Merkmale sind sein Judentum, Auschwitz als Vergangenheit und das, was ihn dazu anhält, beides immer wieder zu thematisieren und damit sich selber neu zu finden: Das Schreiben.

Meine einzige Identität ist die des Schreibens. (Eine sich selbst schreibende Identität.)

 

Fazit:

Leicht zu lesen, schwer zu verarbeiten – psychologisch tief, menschlich offen bietet das Buch Einblicke in das Leben eines Menschen, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor

Imre Kertész
Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Anfang der 70er Jahre schrieb er seinen autobiographischen Roman eines Schicksalslosen, welcher  zunächst von den Verlagen abgelehnt und nach seiner Veröffentlichung 1975 jahrelang ignoriert wurde. Erst die Änderung der politischen Situation in Ungarn brachte die lange versagte Anerkennung.  2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von Imre Kertesz erschienen sind unter anderem Roman eines Schicksalslosen (1975), Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1989) und Ich ein anderer (1997).

KerteszIchAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Oktober 1999)
Übersetzung: Ilma Rakusa
ISBN-Nr.: 978-3499225734
Preis: EUR  7.50 / CHF 11.60

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Philipp Probst – Nachgefragt

PProbstPhilipp Probst
Philipp Probst ist ein Schweizer Schriftsteller, Buschauffeur, Journalist, LKW-Fahrer – und noch einiges mehr. Bereits früh begann er zu schreiben, die ersten Geschichten entstanden während des Schulunterrichts. Im Alter von 16 und 17 Jahren schrieb er zwei Drehbücher, welcher auf Super-8 gleich selber verfilmte: Den Krimi Der Lebensretter und den Teenagerfilm Hoffnung, welcher zugleich Abschlussarbeit der Rudolf-Steiner-Schule war. Mit diesem Film gewann er in den 80er Jahren den zweiten Preis der Schweizer Jugendfilmtage. Nach einem kurzen Abstecher in den Buchhandel landete Philipp Probst im Journalismus, arbeitete für diverse Redaktionen und Medien und schrieb schliesslich 1994 sein erstes Buch Ich, der Millionenbetrüger Dr. Alder, welches 2009 unter dem Titel Der Fürsorger verfilmt wurde.  Von ihm erschienen sind daneben unter anderem Der Storykiller, Die Boulevard-Ratten und diverse Kurzkrimis .

 
Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin ein kreativer und tüchtiger Mensch mit Ecken und Kanten – und vielen Schwächen. Die Biographie würde ich als unterhaltenden Roman erzählen, gäbe eine nette Ferienlektüre.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe wegen dem Basler Autor Hans-Peter Hammel, alias –minu. Seine Geschichten in der Zeitung fand ich toll. Zuerst wurde ich allerdings Journalist und Lastwagenfahrer. Auf dem LKW habe ich dann angefangen, meinen ersten Roman zu schreiben. Die langen Fahrten auf der Autobahn haben mich inspiriert.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Schreiben zu lernen ist eine harte Ausbildung. Wichtig ist, einen guten Mentor oder Textchef zu haben. Dann ist es learning by doing. Und aus Fehlern lernen. Kritisch sein. Mutig. Grundsätzlich kann man Schreiben lernen. Talent hilft natürlich, doch das Wichtigste ist die Disziplin.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich schreibe einfach drauf los und versuche, so wenig wie möglich korrigieren zu müssen. Die Phantasie soll arbeiten!

Wann und wo schreiben Sie?

Meistens zu Hause am Esstisch. Aber unterwegs geht auch. Eigentlich völlig egal wo, es geht sogar auf dem Smartphone.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich schlafe.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Die Freude ist, den Leserinnen und Lesern Freude zu bereiten. Als Autor zähle ich mich zur Unterhaltungsbranche. Ich stehe also nicht nur im Wettbewerb mit anderen Autoren, sondern auch mit Kino, TV, Internet und Games. Ein Buch zu schreiben macht Spass, es zu verkaufen ist pickelharte Arbeit.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da die Spielregeln der freien Marktwirtschaft gelten, gibt es wenig zu jammern. Ein Buch ist ein Produkt, das es zu vermarkten gilt. Ende.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Kommt darauf an, ob man sich als Autor im Buchmarkt oder in der Literaturszene bewegt. Die Literaturszene hat etwas Elitäres und zählt auf staatliche Förderung. Wer da rein kommt, darf sich „von“ nennen, wird eingeladen und kann sich in den anderen subventionierten Literaturszenen des deutschsprachigen Raums bewegen. Alle anderen Schriftsteller kämpfen im Buchmarkt, also in der freien Marktwirtschaft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Geschichte entsteht beim Schreiben. Am Anfang ist einfach eine Idee, die man im Leben aufschnappt. Ich lasse meinen Figuren und deren Handlungen grossen Freiraum: Manchmal machen sie das, was ich von ihnen erwarte, ab und zu überlisten sie mich aber auch. Dazu kommen plötzlich ganz neue Ideen, dann kommt die Geschichte halt anders heraus. Das ist aber egal, Hauptsache sie ist spannend und unterhaltend.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Philipp Probst steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich bestehen meine Figuren aus mir. Aber nicht nur. Da werden noch andere Menschen drin verpackt. Da die Geschichten für mich realistisch sein müssen, könnte ich sie selbst auch erleben. Viele Szenen in meinen Büchern habe ich auch erlebt. Allerdings ist das kein Verarbeitungsprozess, sondern die Möglichkeit, etwas hautnah zu erzählen. Da werde ich dann wieder zum Reporter.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich fühle mich wohler mit dem Ausdruck Thriller. Nein, es geht nicht darum, das „Böse in mir“ auszuleben. Es geht nur darum, dass in einer Geschichte ja irgendetwas passieren muss. Sonst ist es keine Geschichte oder eben eine langweilige. Wenn ich lese, will ich eine Geschichte erleben. Das gilt auch beim Schreiben. Toll finde ich aber auch Liebesromane.

Ruhm, Ehre, Moral, ethische Prinzipien – deswegen wird in Ihren Krimis gemordet. Strebt (heute?) nicht jeder danach? Steckt in jedem Menschen ein Mörder, der über Leichen ginge, um das ihm höchste Ziel zu erreichen?

Nein. Viele Menschen sind zufrieden, sich im Mittelmass der Gesellschaft zu bewegen. Das bewundere ich.

Sie haben verschiedene interaktive Kurzkrimis realisiert, kürzlich haben Sie einen Fortsetzungskrimi für das Onlinemagazin buchmagazin.ch nach 35 Folgen beendet, bei welchem Sie Inputs von Lesern annehmen und damit die Geschichte weiter gesponnen haben. Was reizt Sie an diesem Vorgehen? Wie kamen Sie auf die Idee, solche Projekte in Angriff zu nehmen?

Das sind äusserst sportliche Projekte, die viel Phantasie und Disziplin abverlangen. Das Tolle daran ist, dass mit den neuen Medien viele neue Möglichkeiten entstanden sind, die im Buchmarkt und noch mehr in der Literaturszene überhaupt keine Anwendung finden. Heute kann man als Kunde beinahe jedes Produkt online mitgestalten – warum sollte man da nicht auch auf seine Lektüre Einfluss nehmen dürfen? Zudem sind solche Projekte Werbung für mich als Autor und meine Bücher. Eines meiner besten Projekte war ein SMS-Roman für eine Freundin. Brutal hart. Aber einfach toll. Hätte ich genügend Interessenten – ich würde einen Roman per SMS/WhatsApp liefern. Jeden Tag ein Stück …

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Aber er kann und darf und soll seine Meinung äussern. Da er aber heute praktisch gar nicht mehr nach seiner Meinung gefragt wird, muss er sich auch nicht damit beschäftigen. Da Medien ebenfalls nach den Regeln der freien Marktwirtschaft funktionieren, werden Prominente zu allem Möglichen befragt werden. Und falls es ein Schriftsteller zum Bestsellerautor schafft, trifft es automatisch auch ihn. Meistens allerdings zu Themen wie: „Kaufen Sie lieber im Coop oder in der Migros ein?“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend sein. Jeder Schriftsteller bekommt bei mir die Chance von 50 Seiten. Falls ich dann nicht mitfiebere, bin ich weg!

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ja, aber das sind so viele … Immerhin war ich mal Buchhändlerlehrling.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Schreibe mal 100 000 Zeichen, die einen Sinn ergeben, innert weniger Tage. Falls du dich schwer tust damit, mache was anderes in deiner Freizeit.
  • Schreibe einem Freund oder einer Freundin einen Monat lang einen Fortsetzungsroman per SMS. Damit testest du deine Phantasie.
  • Treibe Sport oder schaff dir einen Hund an. So lernst du Disziplin.
  • Betrachte die Schreiberei als Hobby. Auch eine Modelleisenbahn ist toll!
  • Werde auf irgendeine Weise TV-Promi. Denn nur wer dich kennt, wird dein Buch kaufen.

Ich bedanke mich herzlich für diese Antworten!

Zoë Beck – Nachgefragt

©Victoria Tomaschko
©Victoria Tomaschko

Zoë Beck
Schon mit 3 Jahren begann die 1975 geborene Zoë Beck Klavier zu spielen, hatte mit ihrem Spiel Auftritte und gewann Auszeichnungen bei Wettbewerben. Nach dem Abitur folgte das Studium der deutschen und englischen Literaturwissenschaft, welches mit einer Magisterarbeit zu Elisabeth George abgeschlossen wurde. Nach dem Studium arbeitete Zoë Beck als Lektorin, TV-Producerin, Dramaturgin und Autorin in verschiedenen Bereichen. Zoë Beck lebt als freie Autorin, Übersetzerin und Redakteurin in Berlin. Von Zoë Beck erschienen ist unter anderem Wenn es dämmert (2008), Das alte Kind (2010), Der frühe Tod (2011), Das zerbrochene Fenster (2012).

Zoë Beck gewährt mit ihren Antworten einen spontanen und sehr authentischen Einblick in ihren Schreiballtag und die (Hinter-)Gründe, wieso sie tut, was sie tut.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich heiße Zoë Beck und wurde 1975 irgendwo in Mittelhessen geboren. Damals kannte man mich noch unter einem anderen Namen. Mit drei warf ich mich ans Klavier, mit fünf wäre ich am liebsten ausgewandert, und irgendwann bin ich dort auch weg, allerdings im Zickzack und ohne festes Ziel. Ich habe Literatur studiert, am Theater, beim Film, in Verlagen, beim Radio und für Zeitungen gearbeitet, und jetzt schreibe ich Bücher.

Ist Zoë Beck Ihr Pseudonym? Wenn ja, was hat sie dazu bewegt, eines anzunehmen?

Das ist mein Name. Ich habe noch ein geschlossenes Pseudonym, zu eben diesem Zweck – dass es geschlossen bleibt und niemand weiß, wer dahintersteckt. Aber Zoë, das bin ich. Ich habe damals einen anderen Namen angenommen, weil ich beispielsweise den ursprünglichen noch nie wirklich mochte und mich irgendwie auch mit diesem Namen in einem Kontext sah, in dem künstlerisches Schaffen weder gewünscht noch gewürdigt wurde. Außerdem wollte ich etwas anderes als zuvor schreiben, da brauchte ich einen Neustart. Auf vielen Gebieten. Hinzu kam, dass die Entscheidung in einen Zeitraum fiel, in dem ich sehr krank war und nicht wusste, wie es weitergehen würde. Zoë heißt übrigens Leben. Das passte dann irgendwie alles.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Nein, ich wollte nicht Schriftstellerin werden. Pianistin, ja, aber sonst wäre mir nicht so viel eingefallen. Es war eher Zufall. Eine Freundin arbeitete für eine Literaturagentur und fragte mich, ob ich nicht mal ein Buch schreiben wollte. Ich hatte zu der Zeit viel Erfahrung im Bereich Stoffentwicklung, Dramaturgie, Drehbuch und hätte nie gedacht, dass es funktioniert. Aber ein paar Wochen später war meine Leseprobe fertig, und ich bekam einen Vertrag über drei Bücher.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich lerne immer noch. Es ist vor allem Handwerk. Wie beim Klavierspielen. Wie bei den meisten anderen Berufen. Es heißt ja immer: Bis zu einem gewissen Grad kann man alles lernen, der Rest ist Begabung oder Talent. Die einen lernen es nie, die anderen sehr schnell. An der Uni hatte ich Creative Writing-Kurse, aber weniger, weil ich damals schon vorgehabt hätte zu schreiben, sondern wirklich einfach so. Klang gut, fand ich, und der Kurs lag zu einer bequemen Zeit, außerdem war die Frau, die es unterrichtete, nett. Als ich beim Film war, habe ich oft Drehbuchkurse belegt, aber auch das nicht, weil ich Schreiben lernen wollte, sondern um mich zu informieren, schließlich sollte ich Stoffe entwickeln und Drehbücher bearbeiten. Ich fand, da sollte ich auch ein wenig mehr darüber wissen, wie ein Drehbuch überhaupt geschrieben wird. Ich glaube, durch die praktische Arbeit an Filmstoffen, durch die Arbeit am Theater, durch viel Lesen habe ich eine Menge gelernt, und ich lerne wie gesagt immer noch.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Vorbereitung ist sehr wichtig. Recherche, Notizen, eine Outline schreiben – sehr, sehr wichtig. Natürlich ändert sich dann beim Schreiben immer noch etwas, manchmal sogar die ganze Geschichte. Aber ich muss wissen, was ich erzählen will. Wessen Geschichte ist es, und warum soll ich sie erzählen?

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe meist zu Hause, wobei das „zu Hause“ nicht mein eingetragener Wohnsitz sein muss. Manchmal miete ich mich für ein paar Wochen oder Monate wo ein. Im Café oder so kann ich nicht schreiben. Ich bin Nachtarbeiterin. Da kann ich am besten denken. Und ich muss allein sein.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein, Feierabend, Ferien, nein. Phasen, in denen ich was anderes mache, ja. Aber abschalten? Wovon denn?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Oh, das ist aber eine schwierige Frage. Autorin sein ist eine Freude und ein Kampf und Glückssache und vor allem ein Knochenjob. Das will natürlich jetzt wieder keiner hören. Ist aber so, jedenfalls, wenn man es ernst nimmt. Sich ständig selbst hinterfragen, ständig am Stil arbeiten, ständig bewusstmachen, in welchem – auch und besonders gesellschaftlichen – Bezugssystem man steht, was man ausdrücken will. Ich schreibe ja nicht aus dem luftleeren Raum oder für ein ideelles Vakuum. Kämpfen muss ich jeden Tag an allen Fronten: gegen die eigene Nachlässigkeit oder Faulheit, gegen alles, was mich runterzieht und dazu bringen könnte zu sagen: ich schmeiß den Kram einfach hin, gegen Gemecker von Leuten, die es lieber hätten, dass ich mehr/weniger Blut/Sex/Gewalt/Leichen reinschreibe, gegen Vorwürfe, ich sei zu politisch/zu feministisch/zu lakonisch oder von allem einfach zu wenig. Der größte Kampf ist es, auf meinem Weg zu bleiben. (Oder ihn zu finden?) Die Freude, damit das nicht vergessen geht: die Freiheit, das zu tun, was mir Spaß macht.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ entsteht eine Geschichte wohl nicht, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Aber dann hat es vorher schon lange in einem gearbeitet … Drei Dinge finde ich wichtig: Welche Figur will ich erzählen, welches Thema hat sie, und wo geschieht es? Von dort ausgehend entwickle ich die Geschichte. Was sich manchmal in der Tat „plötzlich“ ergibt ist, dass man weiß: Dies ist der richtige Ort, an dem die Geschichte stattfindet. Oder: Jetzt weiß ich endlich mehr über meine Figur. Nur so als Beispiele.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Da kann jede nur für sich selbst sprechen. Ich persönlich schätze die Zusammenarbeit mit einem Verlag/einem Team sehr. Aber warum soll nicht jemand sagen: Ich hab meine eigene Lektorin, jemanden fürs Cover, etc. etc., also probiere ich es jetzt selbst. Der Publikationsweg sagt nicht zwingend aus, ob eine Geschichte gut oder nicht gut ist. Es gibt in beiden Bereichen entsetzlich schlechte Geschichten. Und richtig gute. Da müsste man eher mal definieren, was nun eine gute Geschichte ausmacht. Ich muss allerdings sagen, dass für mich ein ordentliches Lektorat und Korrektorat dazugehört. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik finde ich den LeserInnen gegenüber zumindest höflich. Eine funktionierende Dramaturgie tut jeder Geschichte gut. Am Stil zu arbeiten ist auch nicht verkehrt. Für vieles davon kann ein Verlag sorgen. Oder man sucht sich Menschen, die einem dabei helfen, die nicht verlagsgebunden sind.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ja, viele Figuren haben irgendeinen Teil von mir oder von Menschen, die ich kenne.

Sie haben 2012 den von der Autorenvereinigung DeLiA zum besten Liebesroman gekürten Roman Für immer und ledig geschrieben, hauptsächlich liest man von Ihnen aber Krimis. Wieso Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Nein, das ist wahrscheinlich auch so ein Klischee wie der Gedanke, dass alles irgendwie autobiographisch und damit sozusagen selbst erlebt sein muss. Ich schreibe schon über Themen, die mich beschäftigen, und bringe sie in Geschichtenform. Was das „Böse“ angeht, gibt es doch im wahren Leben um einen herum genug „Böses“, das eben nicht unterdrückt wird, so dass man es im Roman oder in einer Kurzgeschichte verarbeiten kann. Man müsste auch erst einmal das „Böse“ definieren. Da denke ich immer an Stephen King und so, und der schreibt ja keine Krimis. Oder ist damit das „Böse“ gemeint, das den Serienkiller dazu bringt, ein Serienkiller zu sein? Das wäre dann ein psychologischer Ansatz … Hm. Für meine Geschichten eignen sich da eher gesellschaftliche Schieflagen, Ungerechtigkeiten, Ungeheuerlichkeiten, Missstände. Die sind mir böse genug.

Sie spielen Klavier (sogar mit Auszeichnungen), haben studiert (als Stipendiatin), schreiben Drehbücher, sind als Filmproduzentin tätig, übersetzen, schreiben selber Kurzgeschichten, Krimis, Thriller – gibt es etwas, das sie nicht können oder gelingt einfach alles, was sie anpacken? Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Mir gelingt eine ganze Menge nicht. Deshalb konzentriere ich mich lieber ausführlich auf das, was halbwegs klappt J Ich langweile mich nicht gerne, und ich habe keine zeitaufwändigen Hobbys. Ich mache einfach den ganzen Tag das, was ich gerne mache.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut geschrieben sein.

Sie haben Ihre Magisterarbeit über Elisabeth George geschrieben. War es schwierig, die Professoren von einer Krimiautorin zu überzeugen? Wieso gerade Elisabeth George?

Der Professor hatte Kriminalliteratur als Forschungsgebiet, von daher war es eher umgekehrt – er hat mich an das Thema herangeführt. Elizabeth George bot sich damals an, sie stand durch ihre Verbindung von Krimi einerseits und Adeligensoap andererseits in einer bestimmten Tradition, die sie weiterentwickelt hat. Sich diesen Weg anzusehen, fand ich interessant: Was hat sich getan auf dem Weg vom einsamen Detektiv hin zum Ermittlerteam mit den ganzen privaten Problemen? Das war das Thema meiner Arbeit. Klingt heute schon wieder schrecklich überholt.

Gibt es sonst Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Elizabeth George lese ich gar nicht mehr. J Irgendwo gibt es Listen von mir, für die ich meine fünf, sieben, zehn Lieblingsirgendwas nennen sollte. Aber das ändert sich ja über die Jahre. Was gut ist. Sonst würde man ja irgendwo stehenbleiben.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Lesen, lesen, lesen.

Lesen. Aber auf keinen Fall Bücher, bei denen man denkt: Das kann ich aber auch. Sondern nur Bücher, bei denen man denkt: Verdammt, das schaff ich nie, so gut zu schreiben.

Immer misstrauisch sich selbst gegenüber bleiben. Nicht alles, was man formuliert und erdacht hat, ist es wert, veröffentlicht zu werden. Es gibt Mülleimer. Die sollte man nutzen.

Am Stil arbeiten. Und zwar am eigenen. Es dauert eine Weile, ihn zu finden. Er versteckt sich gern hinter dem, was viele Menschen irrigerweise für guten Stil halten. (Elmore Leonard hatte ein paar gute Tipps, übrigens.)

Jeden Tag üben.

Ich bedanke mich für dieses Interview!