Primo Levi: Ist das ein Mensch?

»Nicht um neue Anschuldigungen vorzubringen, habe ich dieses Buch geschrieben, sondern als Dokument für das Studium einiger zentraler Aspekte des menschlichen Seelenlebens.«

Inhalt
Primo Levi wird aus dem Durchgangslager Fossoli in einem überfüllten Zug ins KZ Auschwitz deportiert, wo er die Nummer 174 517 erhält – eine Offenlegung seiner Ankunft sowie das Zeichen dafür, dass bis zu seinem Ankommen schon einige sterben mussten, bot das Lager doch nur Platz für einige zehntausend Häftlinge.

«Mensch ist, wer tötet, wer Unrecht zufügt oder erleidet. Kein Mensch higegen ist, wer darauf wartet, daß sein Nachbar endlich stirbt, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, kein Mensch ist jener, der noch im Todeskampf beständig sein Jawohl murmelt. Und unauslöschlicher als die Tätowierungen auf dem Unterarm ist den Überlebenden die Erinnerung an die Zeit, in der sie keine Menschen waren, ins Gedächtnis eingebrannt.»

Schnell lernt er die Gegebenheiten des Lagerlebens kennen, vermeidet in der Folge das Stellen von Fragen und weiss, was über Leben und Tod im Lager entscheidet.

Als Deutschland von fremden Mächten besetzt wird, soll das Lager evakuiert werden, um noch brauchbare Arbeitskräfte andernorts einzusetzen. Die Evakuierung soll zu einem Todesmarsch werden, überlebt haben nur die Häftlinge, welche nicht evakuiert werden konnten – darunter Primo Levi, welcher gerade an Scharlach leidet und sich in der Krankenstation befindet. Am 27. Januar 1945 werden die zurückbleibenden Häftlinge durch die Sowjets befreit.

Bedeutung
Primo Levi schrieb dieses Buch zwischen 1945 und 1947. Er nannte es seine Pflicht, zu schreiben, damit er Zeugnis ablegen könne für die, welche dies nicht mehr können. So beschrieb er das Lagerleben möglichst sachlich und ohne grosse Emotionen, um ein möglichst klares Bild zu liefern – das mag auch sein Naturell als Naturwissenschaftler sein. Er beschrieb, was die Häftlinge erleben mussten, schrieb von Kälte, Schlafentzug, Hunger und fehlenden Hygienemöglichkeiten.

Primo Levi wollte sich mit diesem Buch nicht rächen, es ging ihm mehr um eine innere Befreiung und darum, den menschlichen Geist zu beleuchten. Dafür war eine möglichst rationale Analyse nötig. Gerade diese Sachlichkeit wurde ihm oft vorgeworfen, zumindest aber in Frage gestellt. Gerade aber diese Sachlichkeit befördert das Gefühl der Bedrückung beim Lesen, sieht man sich doch mit den eigenen Emotionen Situationen gegenüber, welche einer, der diese durchlitten hat, ohne eigene Befindlichkeiten erzählt und den Leser so mit den eigenen Empfindungen alleine lässt. Das ermöglicht dem Leser, ein eigenes Urteil zu bilden, sich nicht blind auf ein Fremdurteil zu verlassen, es gibt dem Leser Raum für sein eigenes Entsetzen, er übernimmt nicht einfach das beschriebene Entsetzen.

Persönlicher Bezug
Ich habe dieses Buch als erstes im Zuge meiner Dissertation zum Themenbereich «Historische Wahrheit und historische Gerechtigkeit» gelesen. Ich wollte erfahren, wie die Erfahrungen von Verfolgten, von Opfern des nationalsozialistischen Regimes, die Identität dieser Opfer prägte. Daraus – neben anderem – leitete ich die Notwendigkeit einer Strafnorm für Völkermordleugnung ab, indem ich argumentierte, dass eine Leugnung des Völkermords einer zweiten Tötung gleichkäme, weil man den Opfern ihren Opferstatus und damit eine die persönliche Identität begründende Tatsache abspräche.

Das Buch hat mich aufgewühlt, liess mich mehrfach leer schlucken. Wie Menschen fähig sind, sich so etwas auszudenken und durchzuführen, hing als grosses Fragezeichen in der Luft. Primo Levi ist es mit seiner sachlichen Erzählung gelungen, die Schrecken einer Zeit plastisch werden zu lassen. Die Wirkung beim Lesen blieb nicht aus, sie war teilweise als körperlicher Druck spürbar, welcher mir den Atem nahm.

«Ist das ein Mensch?» sollte jeder gelesen haben. Das Kapitel in unserer Geschichte sollte nie in Vergessenheit geraten, weil es zu schrecklich ist und weil «der Mensch» noch immer ist, wie er damals war – und damit potentiell auch zu weiteren solchen Taten fähig, wenn wir uns nicht vorsehen. Gerade jetzt, in einer Zeit, in welcher die letzten Überlebenden langsam sterben, brauchen wir Zeugnisse, die diese Geschichte weitertragen.

Primo Levi
Primo Levi, am 31. Juli 1919 in Turin geboren, studierte Chemie. 1944 wurde er als Jude und Mitglied der Resistenza verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er überlebte und kehrte in einer endlosen Odyssee nach Italien zurück, wo er bis 1977 in der chemischen Industrie arbeitete. Danach war er freier Schriftsteller. Er starb durch Selbstmord am 11. April 1987 in Turin.

Angaben zum Buch
Verlag: dtv Literatur (1. Juli 2010)
Umfang: 176 Seiten
Übersetzung aus dem Italienischen: Heinz Riedt
ISBN: 978-3-423-12395-2

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder direkt beim Verlag: DTV

Stefan Zweig: Die Schachnovelle

Inhalt
1940 fährt ein Schiff von New York nach Buenos Aires. Auf ihm befindet sich unter anderem auch der Schacheltmeister Czentovic. Als ihn einige Mitreisende erkennen, fordern sie ihn zu einer Schachpartie heraus, die er mühelos bestreitet, was er seine Gegner überheblich spüren lässt, bis sich ein Fremder einmischt und die eigentlich entschiedene Partie zu einem Remis führen kann – dies, obwohl der Fremde behauptet, 25 Jahre kein Schachbrett mehr gesehen zu haben. Es wird eine neue Partie festgelegt, dieses Mal nur zwischen Czentovic und Dr. B., wie der Fremde heisst. Dr. B. besteht darauf, dass er nur noch eine Partie spielen will, sich dann nie mehr an ein Schachbrett setzen möchte.

Die Geschichte hinter diesem Ansinnen ist eine grausame: Als Gefangener der Gestapo war er über Monate in Einzelhaft, weil man von ihm geheime Informationen erhalten zu hoffte. Es gab keine Ablenkung, er sass allein mit einem kargen Mobiliar in einem Zimmer, wurde jeden Tag für kurze Zeit zum Verhör abgeholt.

«Und immer um mich nur der Tisch, der Schrank, das Bett, die Tapete, das Fenster, keine Ablenkung, kein Buch, keine Zeitung, kein fremdes Gesicht, kein Bleistift, um etwas zu notieren, kein Zündholz, um damit zu spielen, nichts, nichts, nichts.»

Als er eines Tages ein Buch fand, hoffte er erst auf Lektüre, merkte dann aber, dass es nur ein Schachbuch war. Doch damit schaffte er es, sich die Zeit zu vertreiben, indem er die Partien auswendig lernte. Als dies irgendwann langweilig wurde, begann er, im Kopf gegen sich selber zu spielen, er spaltete sich also auf in weiss und schwarz und überlegte für beide Farben die passenden Strategien, von denen die andere Farbe ja nichts wissen durfte. Es blieb nicht aus, dass seine Psyche noch mehr litt, er sich auch in seiner Persönlichkeit spaltete, nicht mehr schlafen konnte, sich zermürbte. Bis er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Der behandelnde Arzt konnte eine Freilassung von Dr. B. erwirken, riet diesem aber, nie mehr Schach zu spielen, wolle er seine Gesundheit behalten.

Bei der nächsten Schachpartie will sich Czentovic keine Blösse geben, er plant jeden Zug genau und braucht dazu ausreichend Zeit, was Dr. B. zunehmend nervös macht. Dr. B. gewinnt. Czentovic fordert ihn zu einer weiteren Partie auf, Dr. B. stimmt zu, wird während der Partie immer nervöser, erregter. Er fängt an, in den langen Pausen durch Czentovics Überlegen im Kopf andere Partien zu spielen, worauf er im aktuellen Spiel einen falschen Zug macht. Er beginnt, wirres Zeug zu reden, kann aber im letzten Moment noch zur Räson gebracht werden und er verlässt den Tisch mit einer Entschuldigung, nicht ohne zu verkünden, dass dies seine letzte Schachpartie gewesen sei. Die anderen bleiben verwirrt zurück.

Erläuterungen
«Die Schachnovelle» wird von einem Ich-Erzähler erzählt, dessen Person weder namentlich noch sonst irgendwie bekannt wird. Es gelingt Zweig aber, die übrigen Charaktere durch ihr Verhalten und die nötigen Hintergrundinformationen plastisch werden zu lassen,  so dass sie authentisch und glaubwürdig wirken. Der Schauplatz ist wenig beschrieben, er spielt an sich keine grosse Rolle, nur insofern, als die Schifffahrt auf Stefan Zweigs eigene Geschichte hinweist und in sich die Vertreibung aus der Heimat trägt.

Stefan Zweig ist ein tiefgründiges Buch über die Gräuel des Terror-Regimes der Nationalsozialisten und die Narben, welche diese bei den Opfern hinterlassen haben, gelungen. Er schrieb dieses Buch 1941 im Exil in Brasilien, es ist sein letztes Werk, bevor er sich 1942 mit seiner Frau das Leben nimmt. Das Buch weist insofern autobiographische Züge, als Zweig selber unter dem Terrorregime gelitten hat, wenn auch nicht durch gezielte Folter wie im Buch beschrieben. Allerdings empfand er das, was er als Pazifist und Jude unter dem nationalsozialistischen Regime erleben musste, nicht direkt als Folter, aber doch als Verlust der Menschenwürde. Er schrieb darüber in seinem Buch «Die Welt von Gestern»:

«Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren, Erklärungen bei jeder Reise, […] wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, […] wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert […].»

Zu Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

Rezension: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

„Ich stosse ins Innere vor und sehe ein Bild klar vor mir: wie unser Leben beim Tod unserer Eltern an einer Weiche ankommt, falsch abbiegt und wir seitdem ein anderes, falsches Leben führen. Ein nicht korrigierbarer Fehler im System.“

Als die Eltern von Jules und seinen Geschwistern sterben, kommen die drei getrennt in ein Heim. Die vorher so enge Beziehung wird lockerer, sie werden sich fremder. Und doch ist da ein Band, das sie immer zusammenhält – vor allem auch in schwierigen Zeiten. Das Leben nimmt für jeden von Ihnen seinen Lauf, führt sie auf Wege, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die wohl doch alle dem frühen Verlust der Eltern geschuldet sind.

Benedict Wells schafft es, von der ersten Seite an eine Spannung aufzubauen, die er durch die Geschichte hindurch aufrecht erhalten kann. Immer wieder steht etwas im Raum, das erst noch geschehen wird, von dem man als Leser aber noch nicht weiss, was es ist. «Vom Ende der Einsamkeit» lebt von wirklich authentischen, fassbaren Charakteren, von den Beziehungen dazwischen und von einer eingängigen Sprache, die durch die Geschichte führt.

Mein persönlicher Leseeindruck:
Jules hat mich in seinen Bann gezogen, ich ging mit ihm durch sein Leben, dachte mit ihm seine Gedanken, habe das Gefühl, ihn so verinnerlicht zu haben, dass ich mittlebte. Es war ein wirkliches Eintauchen in eine Geschichte über die Vergangenheit und ihre Spuren in der Gegenwart, die Geschichte von drei Geschwistern, welche schon jung ihre Eltern verloren haben, und die von dem Moment an mit den Folgen dieses Verlusts umgehen musste. Es war die Geschichte von drei Menschen, die versuchten, diese Vergangenheit loszuwerden, ihr zu trotzen, um dann nur noch tiefer davon geprägt zu sein. Das alles passierte wohl anfangs im Unterbewussten, schwelte da, brach langsam und immer schneller was ihr Leben in Bahnen lenkte, aus denen auszubrechen schwer scheint. Was anfangs noch im Unterbewussten schwelte, brach dann mit grosser Wucht aus. Und es forderte den bewussten Umgang damit. Als Leser war ich immer mittendrin.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Buch über die Liebe, über Vertrauen, über die Erinnerung und den Umgang damit. Es ist ein Buch über den Zusammenhalt, den Wert der Familie und Prägungen, die die Vergangenheit in uns hinterlässt. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, ein tiefgründiges Buch, ohne schwermütig zu sein oder machen, kein Buch der lauten Töne, sondern der feinen Nuancen.

Fazit
Eine erzählerische Meisterleistung, welche einen von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman, ›Vom Ende der Einsamkeit‹, stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 37 Sprachen veröffentlicht. Nach Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 13. Edition (26. September 2018)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257244441

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Claude Anet: Ariane: Liebe am Nachmittag

Ariane ist eine junge, intelligente Frau, der die Männer zu Füssen liegen, was sie für sich zu nutzen weiss. Als sie auf Konstantin trifft, verabreden die beiden, dass dies eine Beziehung auf Zeit werden solle, zumal Konstantin schon verlobt ist. Von Liebe soll nicht die Rede sein, blosser Spass und eine gute Zeit sind das Ziel. Doch meistens kommt es anders als man denkt, Gefühle lassen sich selten mit Regeln beschränken. 

Der Roman spielt in Russland, erinnert vom Ton her an die Romane Tolstois. Es ist flüssig geschrieben, die Protagonistin ist stimmig und authentisch gezeichnet, die restlichen Figuren bleiben eher blass und im Hintergrund, sind quasi nur Staffage für den Auftritt der wichtigen Heldin. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil, es widerspiegelt ganz das Naturell der Protagonistin, welche sich oft selber genauso zu sehen scheint: Als Mittelpunkt, um den sich die anderen quasi wie Personal scharen.

So unsympathisch das klingen mag, doch es ist nicht alles, nicht das gesamte Bild. Manchmal scheint es, dass hinter dieser ach so coolen Fassade eine sensible Seele steckt, dass diese aber geschützt werden soll. Zudem will Ariane für Ihre Ziele und Ideale kämpfen, sie will ihr Leben in die Hand nehmen und erreichen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Das zeigt sich auch im Studium an, das sie gegen alle Widrigkeiten und in den Weg gelegte Steine durchsetzt und durchzieht. Dafür ist sie auch bereit, die sich ihr bietenden Möglichkeiten zu nutzen, auf Menschen (mehrheitlich Männer) zurückzugreifen, die ihr dabei helfen können.

«Ariane: Liebe am Nachmittag» ist unterhaltsam und flüssig geschrieben und ebenso zu lesen, die perfekte Sommerlektüre für die, welche keine schwere Kost und doch keinen zu seichten Roman mögen.

Fazit:
Eine stimmig erzählte Geschichte mit einer authentischen Protagonistin, flüssig zu lesen und alles in allem sehr zu empfehlen.

Zum Autor:
CLAUDE ANET, eigentlich Jean Schopfer, geboren 1868 in Morges (Schweiz). Er studierte an der Sorbonne und an der École du Louvre und arbeitete als Reporter u. a. für Le Temps und Le Petit Parisien. 1892 wurde er französischer Tennismeister. Als Korrespondent des Journal wurde er 1917 Augenzeuge der Russischen Revolution in Sankt Petersburg. Neben Reiseliteratur und Theaterstücken veröffentlichte Anet mehrere Romane, darunter Ariane, jeune fille russe (1920), der für den Prix Goncourt nominiert und u. a. von Billy Wilder mit Audrey Hepburn verfilmt wurde. Claude Anet starb 1931 in Paris.

KRISTIAN WACHINGER, geboren 1956, gelernter Buchhändler, studierte Germanistik und Romanistik in München, Nantes und Hamburg und arbeitete drei Jahrzehnte als Verlagslektor. Er übersetzte Werke u. a. von Giacomo Casanova, Prosper Mérimée, Georges Simenon und Laurent Binet.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Dörlemann; 1. Edition (27. Januar 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3038200789
  • Originaltitel ‏ : ‎ Ariane
  • Übersetzung: Kristian Wachinger

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Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand

«Noch einmal dachte ich über unsere Begegnung nach. Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über alles stellt, Herz und Güre der moralischen Pflicht opfert, während die andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiss, ohne dass Missverständnisse aufkommen. «

Armand, ein pensionierter Philosophiedozent, fährt im Bus nach Hause, als der mit plötzlichem Ruck hält und Armand fast hinfällt. Ein junge Frau hilft ihm und begleitet ihn nach Hause. Obwohl die beiden 50 Jahre trennen, ihre Leben und Lebenseinstellungen nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet sie etwas: Sie sind beide einsam, ohne Familie, ohne Sinn und Ziel im Leben. Für beide soll diese Begegnung eine Befreiung werden, ein Tor zu Einsichten über das eigene Leben und die eigenen Versäumnisse, und zum Öffner zu mehr Lebensfreude – ein Start in eine neue Lebensetappe.

Ein kurzes Buch mit viel Tiefe, mit grossen Themen, mit einer berührenden Wärme und Menschlichkeit. Die Geschichte zweier Menschen, die so unterschiedlich sie auch sind, einander ans Herz wachsen und den Weg gemeinsam gehen auf der Suche nach Verbindung, auf der Suche nach dem, was beiden im Leben so sehr fehlt: Liebe und Familie.

Auf wenigen Seiten entwickelt Françoise Dorner eine zutiefst menschliche Welt, es gelingt ihr, die beiden Charaktere stimmig, authentisch und mit Tiefe zu gestalten. Obwohl es um viele eigentlich schwierige Themen geht wie Tod, Einsamkeit, den Verlust der Familie, das Alter und die Suche nach dem Sinn, wird das Buch nie schwer, nie psychologisierend.

«Die heitere Kraft derer, die begriffen haben, dass selbsterobertes Glück die einzige gültige Antwort auf das anfängliche Unglück ist.»

«Die letzte Liebe des Monsieur Armand» ist eine Geschichte darüber, worauf es im Leben ankommt, es ist eine Geschichte über die Liebe, das Leben, das Glück und darüber, wie es zu finden ist. Eine Geschichte, die zeigt, dass nur, wer sich frei macht von den Erwartungen anderer und sich traut, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, das Leben gewinnt.

Fazit:
Die Geschichte zweier Menschen, die trotz vieler Gegensätze zueinander finden. Ein Buch über die Liebe, über das Glück, ein wunderbares Buch, das uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Über die Autorin
Françoise Dorner, geboren 1949 in Paris, ist Schauspielerin gewesen und hat fürs Theater geschrieben. Sie hat nicht nur in ›Flic Story‹ mitgespielt an der Seite von Alain Delon und Jean-Louis Trintignant, sondern auch in ›Maigret und der Weihnachtsmann‹. Als Drehbuchautorin hat sie ›Eine Frau nach Maß‹ und ›Die Sekretärin des Weihnachtsmanns‹ (mit Marianne Sägebrecht) verfasst. Sie erhielt den Theaterpreis der Académie française und 2004 den Goncourt du Premier Roman für ihren von der Kritik in Frankreich wie in den USA gelobten Erstling ›La fille du rang derrière‹, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Heute widmet sie sich ganz dem Schreiben und lebt in Paris.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber : Diogenes; 6. Edition (25. November 2008)
  • Sprache : Deutsch
  • Taschenbuch : 144 Seiten
  • ISBN-13 : 978-3257239034
  • Originaltitel : La douceur assassine
  • Übersetzung Christel Gersch

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Bücher 21- Mai

Die letzten Monate stand an dieser Stelle ein Überblick über alle gelesenen (und abgebrochenen) Bücher des Monats. Ich habe auch diesen Monat damit begonnen, diesen zu schreiben, kam über die Tage und Wochen doch auf 12 gelesene Bücher und drei abgebrochene – dann hörte ich auf, weiterzuschreiben. Im Laufe dieses Monats hat sich meine Leseverhalten stark verändert, da zunehmend neue Projekte dazukamen, die viel Fach- und spezifische Literatur erfordern. Die Zeit für vollständige Rezensionen und viele Bücher nebenher fehlt dadurch leider und das effektiv gelesene ist wohl wenig spannend für andere.

Nun möchte ich diese Bücherrückblicke doch nicht ganz streichen und habe mir überlegt, wie ich das machen könnte. Hier die Lösung:

Ich werde weiter ein paar Bücher vorstellen, die ich gelesen habe, diese auch kurz beschreiben und die bibliographischen Angaben hinterlassen, so dass sie für Interessierte schnell auffindbar sind. Dieser kleine Rückblick wird grossenteils ausführliche Rezensionen ersetzen. Zudem möchte ich fortan ab und zu Bücherempfehlungen reinstellen von Büchern, die mir aus irgendwelchen Gründen in die Hände oder in den Sinn kamen. Und ab und an gibt es sicher auch mal wieder eine Rezension.

Ich hoffe, das wird ein für mich und euch schöner Weg sein, denn ganz ohne Bücher und Gespräche über Bücher soll und kann es hier nicht weitergehen für mich. Der heutige Rückblick ist noch ziemlich ähnlich wie die letzten, es fehlen einfach die zu spezifischen Bücher drauf.

Gelesene Bücher

  • Ingeborg Bachmann: Undine geht (Erzählung)
    Undine sinniert über die Welt, welche eine Welt von Ungeheuern ist, eine Welt von Männern namens Hans, die die Welt und auch sie beherrschen. Doch einige sind anders, einen Hans liebt sie sogar. Und doch wird sie nicht glücklich mit dieser Liebe.
  • Doris Dörrie: Die Welt auf dem Teller
    In ihrem Buch „Die Welt auf dem Teller“ nimmt uns Doris Dörrie mit auf eine Reise durch die Welt des Essens. Wir haben auf unserem Leseteller ein Arrangement von kurzweiligen Lesehäppchen für den kleinen Lesehunger zwischendurch.
  • Irmgard Keun: Nach Mitternacht
  • Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein
    Ein wunderbares kleines Buch. Was sie hier im politischen Raum aufzeichnet, lässt sich auch gut auf das Miteinander im engen Rahmen runterbrechen. Was also ist Freiheit für Hannah Arendt?

„Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen, von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen möglich.“

«Er war meine grosse Liebe» – Das sagte Ingeborg Bachmann über Paul Celan. Und doch war die Liebe nicht lebbar auf Dauer, kam es immer wieder zu Brüchen und auch Abbrüchen. Helmut Böttiger beleuchtet die Geschichte der beiden Königskinder, die nicht zueinander finden konnten, er zeigt auf die gegenseitigen Verweise in Leben und Werk und verortet die Beziehung im Lebensumfeld der beiden Literaten.

  • Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie in Bruchstücken
    Wer war Ingeborg Bachmann? Dieser Frage geht Ina Hartwig nach und zeigt das Leben dieser faszinierenden Frau in kleinen Puzzlestücken, die sich irgendwie zu keinem ganzen Bild zusammenfügen, aber trotzdem tief blicken lassen. Wir werden mit einer Frau voller Geheimnisse konfrontiert, einer Frau, die verschiedene Seiten in sich trug und diese je nach Bedarf ans Licht holte. Und bei all dem bleibt das Gefühl zurück, dass tief drin ganz viel dunkel war und auch im Dunkeln bleiben sollte. Bachmann war eine Meisterin des Vertuschens, des Versteckens, des Geheimhaltens. 
  • Peter von Matt: Liebesverrat
    Wo gelebt wird, wird geliebt und oft auch verraten. Peter von Matt streift auf die ihm eigene, kompetente, humorvolle und scharfsichtige Art durch die Bücher von Antike bis heute und Erzählt von den Liebenden und den Gehörnten, von den Verrätern und den Enttäuschten.
  • Stephen Fry Feigen, die fusseln. Entfessle den Dichter in dir
    Stephen Fry ist hier ein sehr unterhaltsames Buch gelungen, das einerseits fundiert in die Theorie der Gedichtanalyse einleitet, andererseits dazu auffordert, selber zu Papier und Stift zu greifen und das Gelernte umzusetzen.
  • Hilde Domin: Dichterin des Dennoch
    Das Porträt einer Dichterin, die im Leben viel erlebt hat und in der grössten Not das Schreiben angefangen hat. Ilka Scheidgen beleuchtet das Leben und Schaffen der unermüdlich für die Lyrik einstehenden Hilde Domin auf eine persönliche Weise. Ab und an wird die Geschichte etwas verklärt, aber das tut dem Buch keinen Abbruch, zumal nicht ersichtlich ist, ob das nicht sogar Hilde Domins Wunsch gewesen ist.

Abgebrochene Bücher

  • Ingrid Noll: Kein Feuer kann brennen so heiss
    Die Geschichte handelt von der nicht wirklich attraktiven, aber doch sehr patenten Altenpflegerin Lorina, welche bei einer alten Dame ihre Dienste verrichtet. Mit im Spiel sind auch noch ein am Erbe interessierter Grossneffe der Arbeitgeberin, ein Techtelmechteln gegenüber nicht abgeneigter Masseur und ein kleiner Pudel. Es wird sicher wieder ein paar beiläufige Todesfälle geben, wie das bei Ingrid Noll so üblich ist, allerdings zieht sich das Buch unglaublich in die Länge mit ganz viel Anfangsgeplauder. Irgendwann ging mir der Leseatem aus…
  • Kent Haruf: Kostbare Tage
    Nachdem ich Unsere Seelen bei Nacht sehr liebte, freute ich mich sehr auf das Buch, doch es hat mich nicht gepackt. Der Anfang versprach noch eine menschlich warme Geschichte, doch dann wurde es zu einer Aneinanderreihung einzelner Episoden, bei der es mir nicht möglich war, in die Geschichte hineinzufinden.
  • Max Küng: Fremde Freunde
    Drei Paare, die sich nur von den Elternabenden ihrer Kinder kennen, verbringen gemeinsame Ferien in einem Haus in Frankreich. Der Roman fängt locker, flockig an mit vielen geplauderten Oberflächlichkeiten, die Sprache ist leicht und flapsig, die Sprüche teilweise ebenso. Und: Es passiert nichts, was man als Handlung bezeichnen könnte. Mir fehlte der Atem, bis zu den versprochenen tieferen Stellen vorzudringen, zumal willkürlich aufgeschlagene Textpassagen den Eingangston weiterführten.

Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles

„Sie verbrachten nur sechs Wochen gemeinsam in Wien, (…) Aber diese sechs Wochen sind der rätselhafte Kern ihrer Beziehung, ihr privater Mythos und der Quell unzähliger späterer Zuschreibungen.

Beim ersten Treffen im Mai 1948 war Ingeborg Bachmann knapp 22, Paul Celan siebenundzwanzig. Ingeborg Bachmann war in der Literaturszene noch nicht mit eigenen Werken bekannt, Paul Celan war schon weiter, war es ihm doch gelungen, in kurzer Zeit in der literarischen Szene Wiens Fuss zu fassen. Schon wenige Tage nach dem ersten Treffen schwärmte Ingeborg Bachmann in Briefen von dem „bekannten Lyriker“, welcher ein Auge auf sie geworfen habe. Sechs Wochen später reiste Paul Celan weiter nach Paris und liess nicht nur Wien, sondern auch Ingeborg Bachmann hinter sich.

Helmut Böttiger erzählt die Liebesgeschichte von „zwei Königskindern, die nicht zueinander finden konnten“. Obwohl von Anfang an eine Anziehung da war, sie auch zeitlebens nicht wirklich voneinander loskamen, war ein Zusammenleben als Paar nicht möglich. Die Gründe dafür sind wohl vielfältig: Anfangs stand Paul Celans Opferrolle im Zweiten Weltkrieg und Ingeborg Bachmanns Herkunft als Tätertochter im Raum, Unsicherheiten auf verschiedenen Ebenen machten alles sicher nicht einfacher.

„Vielleicht täusche ich mich, vielleicht ist es so, dass wir einander gerade da ausweichen, wo wir einander so gerne begegnen möchten, vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. (Paul Celan)

Dazu trafen hier zwei sehr sensible Menschen aufeinander, welche sich beide der Kunst verschrieben haben, und diese an oberste Stelle stellten. Die jeweilige Identifikation mit dieser Kunst machte jede kritische Äusserung zu dieser zu einem persönlichen Angriff.

„Ich liebe dich und ich will dich nicht lieben.“ (Ingeborg Bachmann)

Wirklich getroffen haben sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan nicht oft. Nach der ersten Begegnung am 16. Mai 1948 und den Wochen in Wien sahen sie sich erst zwischen Oktober und Dezember 1950 wieder in Paris, sie übten das Zusammenleben, welches aber nicht klappt und beide frustriert zurück lässt. Ein nächstes Wiedersehen erfolgt Februar/März 51. Waren zwischen diesen Treffen noch sporadisch Briefe geflossen, kam es dann zu einem langen Schweigen.

„Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst.“ (Paul Celan)

Erst im Oktober 1957 kam es zu einem erneuten Treffen – und Paul Celan, mittlerweile verheiratet und Vater, verliebte sich vorbehaltslos in Ingeborg Bachmann und wollte alles aufgeben für ein Leben zusammen. Dieses Mal machte Ingeborg Bachmann den Rückzieher – sie wollte keine Ehe und Familie auseinander reissen.

„Ich habe oft nachgedacht, ‚Corona‘ ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks wo alles Marmor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht ‚Zeit‘. Ich hungre nach etwas, das ich nicht bekommen werde, alles ist falsch und schal, müde und verbraucht, ehe es gebraucht wurde.“

Wenn sie sich auch nicht oft sahen, sogar die Briefe zeitweise ausblieben, sie verloren sich nie wirklich, hielten gegenseitige Bezüge in ihren Werken aufrecht, webten so ein Band weiter, das sie aneinander knüpfte.

Am 2. Juli 1958 kam es zum definitiven Ende mit Paul Celan, am 3. Juli startete die Beziehung mit Max Frisch – und damit ein neues, ins Dunkle führendes Kapitel für Ingeborg Bachmann. Nicht nur stand die Beziehung immer unter dem Schatten Paul Celans, auch waren die unterschiedlichen Naturelle und Ingeborg Bachmanns Bestreben, verschiedene Lebensbereiche komplett voneinander zu trennen, einer Beziehung nicht förderlich. Als sich Max Frisch wegen einer anderen von ihr trennte, sah Ingeborg Bachmann dies als grösste Niederlage ihres Lebens. Ihre schon da angeschlagene Gesundheit leidet weiter, die psychischen Probleme häufen sich.

Es gelingt Helmut Böttiger, das Leben zweier Lyriker zu beschreiben, aufzuzeigen, wo sie sich kreuzten, wie sie sich gegenseitig beeinflussten. Nicht nur verortet er die beiden Menschen in ihrer Zeit, zeigt die gegenseitigen Lebensbezüge auf, er weist auch auf die Spuren in den beiden Werken hin. Dadurch entsteht ein umfassendes Bild einer nicht lebbaren Liebe, die so tief war, dass beide trotz der Unmöglichkeit des Zusammenseins nie voneinander loskamen.

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
                                                                Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Fazit:
Eine echte, wirkliche Leseempfehlung für alle, die an Ingeborg Bachmann und Paul Celan, an ihrem Leben und Werk interessiert sind. Eine absolute Leseempfehlung.

Über den Autor
Helmut Böttiger, geboren 1956, ist einer der renommiertesten Literaturkritiker des Landes. Nach Studium und Promotion war er als Literaturredakteur u.a. bei der Frankfurter Rundschau tätig. Seit 2002 lebt er als freier Autor und Kritiker in Berlin und veröffentlichte u.a. »Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« (2004) und »Celan am Meer« (2006). Er war Kurator der Ausstellung »Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland« (2009) und Verfasser des Begleitbuchs. 1996 erhielt er den Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik, 2012 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Für sein zuletzt veröffentlichtes Buch »Die Gruppe 47« wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2013 ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt; 2. Edition (28. August 2017)
ISBN-13 : 978-3570554166
Preis: EUR  15 / CHF 23.90

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Ingeborg Bachmann: Undine geht

«Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!

Ihr Ungeheuer mit dem Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.»

Undine sinniert über die Welt, welche eine Welt von Ungeheuern ist, eine Welt von Männern namens Hans, die die Welt und auch sie beherrschen. Doch einige sind anders, einen Hans liebt sie sogar. Und doch wird sie nicht glücklich mit dieser Liebe.

«Mein Gedächtnis ist unmenschlich. An alles habe ich denken müssen, an jeden Verrat und jede Niedrigkeit.»

Sie erinnert sich an all das Leid, das ihr passiert ist, all die Schmach. Und geht schliesslich ins Wasser. Und damit aus der Welt der Männer, aus der Welt überhaupt.

«Beinah verstummt,
beinahe noch
den Ruf
hörend.

Komm. Nur einmal.
Komm.»

Doch: Ist sie wirklich ganz gegangen? Ist da nicht noch ein Blick zurück, eine Hoffnung, die Möglichkeit eines neuen Versuchs?

«Verräter! Wenn euch nichts mehr half, dann half die Schmähung. Dann wusstet ihr plötzlich, was euch an mir verdächtig war, Wasser und Schleier und was sich nicht festlegen lässt. Dann war ich plötzlich eine Gefahr, die ihr noch rechtzeitig erkanntet, und verwünscht war ich und bereut war alles im Handumdrehen.»

«Undine geht» ist die letzte Erzählung in Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr», einem Zyklus von sieben Erzählungen, welcher im Jahr 1961 erschienen ist. Thema der Erzählung ist das herrschende Patriarchat, eine Männerwelt, welche sowohl Frauen wie Männern klare Rollen zuteilt. Während die Frau domestiziert wird, verkörpert der Mann das rationale Prinzip, steht mit diesem der Natur gegenüber und damit auch Undine, diesem nicht fassbaren Wasserwesen, welches für den nach Erklärungen und Sicherheit strebenden Mann eine Gefahr darstellt.

Bachmann greift mit Undine auf einen der (halbgöttlichen) Elementargeister (Bewohner der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft) der mittelalterlichen Welt zurück. Dort besitzt das Wasserwesen ein menschliches Aussehen, sie ist ein jungfräulicher Wassergeist. Um eine unsterbliche Seele zu erlangen bedarf es der Vermählung mit einem Mann (so will es der christliche Glaube damaliger Zeit). Ingeborg Bachmann holt dieses Wesen in die Gegenwart und lässt es mit der bürgerlichen Welt abrechnen, mit dem gestörten Verhältnis zwischen den Geschlechtern, bei dem die Frau durch monsterhafte Männer unterdrückt werden («Ihr Monster mit den festen und unruhigen Händen»).

«Alles hast du mit den Worten und Sätzen gemacht, hast dich verständigt mit ihnen oder hast sie gewandelt, hast etwas neu benannt…»

Auch die Sprache, eines von Ingeborg Bachmanns immer wiederkehrenden Themen, ist zentral. Sprache, die den Menschen als solchen eigentlich ausmacht, verkümmert mehr und mehr, es bleiben Belanglosigkeiten, Floskeln im Privaten, im Politischen, im öffentlichen Raum wird sie instrumentalisiert um Macht und Herrschaft (des Manns) zu zementieren. Durch das Spiel mit der Wahrheit, das Spiel mit Worten und ihren Doppeldeutigkeiten zementiert sich die Vorherschafft der Einen, Eingeweihten, gegenüber den Andern. Ingeborg Bachmann hinterfragt allgemein die Kommunikation zwischen den Menschen, und sieht ein Verkümmern, sowohl in der Sprache wie auch im Sein.  

Immer wieder wurde Ingeborg Bachmann darauf angesprochen, ob Undine eine autobiographische Darstellung sei. Sie antwortete darauf in einem Interview:

„Sie ist meinetwegen ein Selbstbekenntnis. Nur glaube ich, dass es darüber schon genug Missverständnisse gibt. Denn die Leser und auch die Hörer identifizieren ja sofort – die Erzählung ist ja in der Ich-Form geschrieben – dieses Ich mit dem Autor. Das ist keineswegs so. Die Undine ist keine Frau, auch kein Lebewesen, sondern, um es mit Büchner zu sagen, ‚die Kunst, ach die Kunst‘. Und der Autor, in dem Fall ich, ist auf der anderen Seite zu suchen, also unter denen, die Hans genannt werden.“ (Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden)

Wie so oft in Ingeborg Bachmanns ist das Werk nicht vom Leben zu trennen. Die Verletzungen der Frau durch den Mann sind erlebt, die Enttäuschung und ab und an auch Verzweiflung an unglücklichen Beziehungen ist tief gefühlt, die Hoffnung, doch noch Liebe zu finden, stirbt nie. Undine ist zerrissen zwischen dem Zwang, zu lieben, und der Flucht vor der Liebe, in welcher sie doch nur Verletzungen sieht. Und Einsamkeit.

Fazit:
Eine Abrechnung mit dem Patriarchat in Ingeborg Bachmanns ganz eigenem, prägnanten und doch lyrischen und sinnlichen Ton. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Matthias Jügler: Die Verlassenen

«Schliesslich kam Grossmutter aus dem Wohnzimmer. Sie verlor kein Wort über Vaters Abwesenheit, stattdessen hielt sie eine Tüte Bonbons in der Hand…zum Trost, wie sie sagte. Als ich sie nun sah, die Tüte in der Hand, mitleidig ihr Blick, da begriff ich, dass Vater nicht wiederkommen würde. Ich fing an zu weinen. Viel lieber wollte ich wütend sein, auf Vater, so wütend, wie ich es am Vormittag gewesen war. Aber es klappte nicht.»

Johannes hat schon früh seine Mutter verloren. Als auch noch sein Vater von einem Tag verschwindet, bleibt er bei der Grossmutter zurück. Mit ihm bleiben viele offene Fragen, über die aber nie gesprochen werden kann. Auf diesem unsicheren Boden wächst er zu einem melancholischen, an vielem zweifelnden Mann heran, sucht seinen Platz im Leben und kann sich doch nicht frei einlassen.

„Dann entdeckte ich den Brief, und kaum dass ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass dies der eine Moment war, der alles änderte, nicht nur meine Zukunft, sondern vor allem meine Vergangenheit, beziehungsweise das, was ich dafür gehalten hatte.“

Als er eine Kiste mit Briefen findet, in welcher auch einer an seinen Vater adressiert ist, sieht er plötzlich einen Weg, doch noch zu Antworten zu kommen. Dazu macht er sich auf nach Norwegen, wo er immer tiefere Einsichten in seine Kindheit in der DDR und das, was damals ablief bekommt.

Matthias Jügler erzählt die Geschichte eines Jungen, Johannes, aus dessen Sicht und es gelingt ihm dabei, das Erzählte in Sprache und Denken authentisch und dem Alter entsprechend zu halten. Trotz der tragischen und Johannes erschütternden Umstände verfällt die Erzählung nie in eine zu melancholische Stimmung, das Beibehalten einer Sachlichkeit und Distanz sind die dem Verhalten von Johannes entsprechend Form. Sie bringen es aber auch mit sich, dass es nicht möglich ist, dem Protagonisten und seinem Fühlen wirklich nahe zu kommen. Man bleibt als Leser der Betrachter von aussen, so wie es wohl im wirklichen Leben bei einem Treffen mit Johannes auch gewesen wäre.

So begleitet man Johannes durch seine Kindheit, Jugend hinein ins Erwachsenenalter, sieht ihn eine Familie gründen, doch etwas bleibt immer präsent: Die Erinnerung an die Vergangenheit, die Ungewissheit, was wirklich war damals und die Unsicherheit im Leben und in seinem Sein, die daraus entstanden ist. Das Finden des Briefes erscheint da wie ein Weckruf aus einem Schlafzustand. Endlich schreitet er zur Tat, endlich zeigt er den Willen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

„Die Verlassenen“ ist ein Buch ohne grosse Ereignisse, ohne laute Töne, ohne eindringliche Bilder. Leise und sanft fliesst die Erzählung dahin und nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Ungewisse. Was dann ans Licht kommt, hätte man zwar bei dem Setting erahnen können, und doch liegt es nicht so offen da, dass das Weiterlesen sich erübrigen würde.

Eine durch und durch gelungene Erzählung, in welcher der Autor es versteht, Inhalt und Form in ein stimmiges Ganzes zu verweben und den Leser durch eine unterschwellige Melancholie zu berühren, die nie zu abgrundtief wird, dass sie bedrückt.

Fazit:
Ein Buch der leisen Töne, die Lebensgeschichte eines Jungen, der zu früh von den nächsten Menschen verlassen wird, dabei das Vertrauen verliert, und erst zu sich selber findet, als er sein Leben selber in die Hand nimmt und Antworten auf seine offenen Fragen sucht. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
4***/5 – vier von fünf Sternen

Zum Autor
Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle/Saale, studierte Skandinavistik und Kunstgeschichte in Greifswald sowie Oslo und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman »Raubfischen« (2015) erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen. Er lebt mit seiner Familie in Leipzig, wo er auch als freier Lektor arbeitet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (1. März 2021)
ISBN: 978-3328601616
Preis: EUR 18 / CHF 27.90
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Dr. med. Mirriam Prieß: Die Kraft des Dialogs

«Leben ist Beziehung. […] Gelingen unsere Beziehungen, gelingt unser Leben.»

Wir alle streben nach Glück, wir alle wollen ein Leben führen, das wir als gelungenes Leben, als Leben, das für uns selber lebenswert erscheint, bezeichnen können. Nach Mirriam Prieß ist ein Leben dann ein gelingendes Leben, wenn wir erfüllte Beziehungen führen können, sei das in der Familie, in der Partnerschaft, bei der Arbeit und vor allem auch zu uns selber.

„Jede Beziehung, die wir führen, verlangt eine aktive Gestaltung und Zutun durch uns selbst. Vertrauen oder das Gefühl des Zuhauseseins – beides „fällt nicht vom Himmel“. Damit beides entstehen und wachsen kann und unsere Beziehungen gelingen, brauchen wir den Dialog.

Grundlegend für eine gelingende Beziehung sieht Mirriam Prieß den Dialog. Damit dieser gelingen kann, ist es wichtig, dass im sogenannten Dialogdreieck aus Du, Ich und Wir ein Gleichgewicht herrscht, keine der drei Partien dominiert, sondern alle den gleichen Stellenwert haben. Nur wenn mein Ich auf einem sicheren Fundament steht, kann ich dieses einem Du entgegenhalten. Nur wenn das Du seinen Platz hat, steht es dem Ich auf Augenhöhe gegenüber. Und nur wenn sowohl Ich als auch Du das Wir gleichermassen schätzen und beachten wie sowohl sich selber als auch das Gegenüber, entsteht ein Gleichgewicht, aus diesem heraus ein gelingender Dialog möglich ist und damit die Basis für eine gelingende Beziehung gelegt werden kann.

Wichtige Eigenschaften, die es braucht für einen gelingenden Dialog sind Interesse am anderen, Offenheit für dessen Ansichten und Meinungen, Empathie als ein Mit- und Hineinfühlen, Augenhöhe und Respekt, sowie Wertschätzung und Liebe.

Mirriam Prieß erläutert auf fundierte und gut lesbare Weise das Dialogprinzip, welches sie als grundlegend für ein erfülltes Beziehungsleben und damit für ein gelingendes Leben erachtet. Sie gibt dem Leser immer wieder Übungen an die Hand, mit denen dieser prüfen kann, wo er im Moment steht und wie er an einzelnen Punkten arbeiten kann. Zusätzlich führt Mirriam Prieß Beispiele aus der Praxis an, um an konkreten Fällen zu demonstrieren, wie sich eine fehlende Dialogstruktur auswirken kann und womit Verbesserungen herbeigeführt werden können.

Würde man die vielen Beispiele weglassen, schmölze das Buch wohl auf einen Drittel. Nun mag es durchaus Leser geben, die gerade die Beispiele wichtig finden für ein besseres Verständnis und das Gefühl, nicht blosser Theorie gegenüberzusitzen. Die Menge an Beispielen kann aber auch langatmig und eher den Informationsfluss behindernd wirken.

Das Thema ist alles andere als neu, alle von Mirriam Prieß vorgebrachten Theorien und Argumente finden sich in einer ganzen Flut von Literatur (ganz prominent sicher Martin Buber), auch auf Denkzeiten erschienen schon Artikel (Echte Dialoge, Achtsame Kommunikation: Was ist ein philosophischer Dialog, etc.), aber es ist gut lesbar aufbereitet und für jemanden, der noch nie etwas zu dem Thema gelesen hat, durchaus informativ.

Fazit:
Ein gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch zur Praxis des Dialogs, welcher, so die Hypothese des Buches, Voraussetzung für eine gelingende Beziehung und damit für ein erfülltes Leben ist. Empfehlenswert!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Dr. med. Mirriam Prieß hat an der Universität Hamburg Medizin mit anschließender Promotion im Fachbereich Psychosomatik studiert. Sie war als Ärztin 8 Jahre in einer psychosomatischen Fachklinik tätig und unter anderem für die Behandlungsschwerpunkte Ängste, Depressionen und Burnout verantwortlich. Seit 2005 übernimmt sie beratende Tätigkeiten in der Wirtschaft mit Einzelcoaching von Führungskräften im Bereich Konflikt- und Stressmanagement. Ihre 2019 gegründete Stiftung „Dialogstark!“ hat sich dem Ziel verpflichtet, die Dialogfähigkeit von jungen Menschen zwischen 17 und 25 zu fördern.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240
Verlag: Südwest Verlag (1. März 2021)
ISBN: 978-3517099620
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds

«Zu oft hatte sie nur Urlaub im Leben anderer Menschen gemacht, zu oft waren sie gegangen, als es schwierig wurde, zu oft hatte sich Ellen wie ein Kugelschreiber aus einem Hotelzimmer gefühlt, den man irrtümlich einsteckt. […] Ellens Herz lechzte nach Heimat.»

In ihrer Kindheit zieht Ellen mit ihrer Mutter einige Male um, irgendwann auch auf die Halligen, wo sie von Anfang an das Gefühl hat, angekommen, zu Hause zu sein. Leider bleiben sie und ihre Mutter auch da nicht lange. Als Ellen nach über 20 Jahren auf die Halligen zurückkehrt, hofft sie, die Heimat wieder zu finden, die sie als Kind verlassen musste. Sie hofft ebenfalls, mit Liske, welche damals für ein paar Monate wie eine Schwester war, wieder an dem Punkt weiter zu machen, an dem sie damals aufhörten. Liske ist wenig erfreut über ihr Kommen, und auch die Integration in die Gemeinde ist nicht einfach. Doch Ellen will an ihrem Traum festhalten.

„Was, wenn mir das Leben eines Halligbauern nicht genügte? Was, wenn die Hallig zu klein für einen wie mich war? Der Tod des Vaters war gleichsam der erste Schritt auf dem Weg in ein anderes Leben, mit dem Tod der Mutter kam ein zweiter hinzu, und am Ende dieses Weges stand Pastor Danjel. Ein Mann, der mein Lehrer sein wollte, mein Wissen mehren, einen Menschen aus mir machen. Ich wer gerne auf ihn zugelaufen. Doch da war noch Hendrik.“

Arjen Martenson wächst mit seinem Bruder Hendrik auf den Halligen auf, bis zuerst der Vater, dann die Mutter stirbt. Ein Pfarrer kümmert sich um ihn, will ihn mitnehmen nach Husum und ihm eine Ausbildung ermöglichen. Arjen zweifelt, sieht sich in der Verantwortung für seinen Bruder. Schliesslich stimmt er zu. Später kehrt Arjen mit seiner Frau, der Pastorentochter, als Lehrer zurück nach Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Er muss erleben, dass sein Bruder ihm übel nimmt, dass er ihn als Kind zurückgelassen hat, nichts mit ihm zu tun haben will.

Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten. Mehr noch aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.

Zwar gibt es durchaus eine Verbindung zwischen den Erzählsträngen, doch käme jede der beiden Geschichten auch unabhängig von der anderen aus, so dass sich der Zweck dieses Vorgehens mit der Verknüpfung zweier Erzählebenen nicht ganz erschliesst. Die beiden Geschichten wechseln sich kapitelweise ab, es ist immer klar ersichtlich, in welcher Geschichte man sich gerade befindet, was das Lesen einfach macht. Dadurch, dass man nie wirklich tief in einen Strang hineinkommt, fällt auch der Wechsel nicht schwer. Doch bleibt ein unbefriedigendes Gefühl zurück.

Unterm Strich lässt sich sagen, dass es Klara Jahn gelungen ist, die Stimmung eines Ortes einzufangen und bildhaft zu beschrieben. Menschen, die einen Zugang zu dieser Landschaft haben, werden sich im Buch sicher heimisch fühlen. Die Figuren lassen es leider nicht zu, sich mit ihnen in einer Weise zu identifizieren, um auf diese Weise in die Geschichten hineinzufinden. So bleiben beide auch eher Beschreibungen von Lebensumständen, denen man als Leser von aussen zuschaut.

Fazit:
Das Leben auf den Halligen anhand von zwei Lebensgeschichten erzählt – Bildhaft beschriebenes Setting mit eher blassen Figuren. Für Leser, welche die Gegend mögen, eine gut lesbare und sicher interessante Geschichte!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Klara Jahn ist das Pseudonym einer bekannten Bestsellerautorin. Die Historikerin liebt es, große Geschichten zu erzählen und dabei tief in die Geschichte der Orte und Menschen einzutauchen. Dabei lässt sie sich von ihrer Liebe zur Natur und ihrer Faszination für raue Landschaften leiten. Bei Heyne wagt sie sich zum ersten Mal in den deutschen Norden vor, dessen herbe Schönheit sie seit Jahren begeistert. Die gebürtige Österreicherin und Mutter einer Tochter lebt seit 2001 in Frankfurt am Main.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400
Verlag: Heyne Verlag (8. März 2021)
ISBN: 978-3453273139
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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Thommie Bayer: Das Glück meiner Mutter

«Ich wollte nicht mehr. Das immer gleiche Spiel von Anziehung und Abwehr, Verschmelzung und Selbsterhalt schien mir aus der neu gewonnenen Distanz auf einmal öde und vorhersehbar, alles lief auf Abnutzung und Missverstehen hinaus, als könne es Liebe zwischen zwei Menschen nur in Phasen geben, nach deren Ablauf man sich die eigene Ernüchterung so lange nicht eingestand, bis ein äusseres Ereignis, eine neue Verliebtheit, ein Job in einer anderen Stadt oder ein irreversibel verletzender Streit für klare Verhältnisse sorgte.“

Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina.

„Wenn das Auge immer neue Bilder erfasst, kommt Luft ins Gehirn und die inneren Regale werden abgestaubt.“

Italien erscheint ihm als Paradies, das Freisein von Verpflichtungen und die Abgeschiedenheit von anderen Menschen eröffnet ihm die Möglichkeit, sein bisheriges Leben und seine eigene Rolle darin zu beleuchten – bis eines Nachts eine nackte Frau in seinem Pool schwimmt, die seine Aufmerksamkeit weckt. Zuerst beobachtet er sie nur fasziniert aus dem Versteckten, in bald darauf folgenden Gesprächen findet Philip Dorn weitere Antworten auf seine höchstpersönlichen Fragen.

Thommie Bayer legt uns eine warmherzige Geschichte vor, welche ohne grosse Höhen und Tiefen in ihren Bann zieht und das Herz erwärmt. Der Protagonist eröffnet durch sein eigenes Nachdenken – erzählt in einem inneren Monolog – Denkräume, in welche auch der Leser eintreten kann. Er lässt die verschiedenen Etappen seines Lebens Revue passieren, sinniert über seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem seiner Mutter, über verpasste Gelegenheiten, Hoffnungen, Erwartungen und auch das Glück.

„Das muss das Alter sein, dachte ich, wenn dir auf einmal klar wird, dass das Beste, was dir passieren kann, die Aussicht ist, dass alles so bleibt, wie es ist, dass dich keine Krankheit niederwirft, niemand an dir ein Verbrechen verübt, Siechtum und Tod dich möglichst lange nicht erwischen – wird Zeit, zu begreifen, dass du glücklich bist.“

„Das Glück meiner Mutter“ ist ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Es ist der Versuch, herauszufinden, was Glück ist und die Frage danach, ob die anderen Menschen im eigenen Umfeld glücklich gewesen sind – und ob und wie man selber dazu beitragen oder im Weg stehen kann.

Die Geschichte ist vielleicht etwas einfach gestrickt, gewisse Dinge, liegen, wenn auch nicht ausgesprochen, in greifbarer Nähe, sind eventuell auch etwas zu konstruiert, doch tut dies dem Gefühl, das dieses Buch beim Lesen hinterlässt, keinen Abbruch. Es ist ein wunderbares Buch, das leider viel zu schnell endet, einen aber auch dann noch nicht gleich loslässt.

Fazit:
Lebenserinnerungen in eine Reise verpackt, ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Ein wunderbares Buch und eine grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er begann, Drehbücher und später Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück, Die kurzen und die langen Jahre sowie Weisser Zug nach Süden.

Ein Interview mit dem Autoren findet sich HIER

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224
Verlag: Piper; 1. Edition (15. März 2021)
ISBN: 978-3492057264
Preis: EUR 22 / CHF 29.90

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Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)

„Angaben zur Person sind immer das, was mit der Person am wenigsten zu tun hat.“

Diese Überzeugung Ingeborg Bachmanns und das damit einhergehende vornehmliche Schweigen über die privaten Hintergründe machen es für einen Biografen nicht leicht, ein Leben zu erkunden und zu präsentieren. Die über die Jahre erschienen Briefwechsel mögen das ein wenig erleichtert haben (die waren bei Erscheinen dieser Biografie aber noch nicht öffentlich bekannt), doch bleibt ein Rest Distanz immer da, weil Ingeborg Bachmann diese auch zu den sogar engen Freunden oft wahrte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Person Ingrid Bachmann mit vielen Mythen umgeben und schwer fassbar erscheint. Joachim Höll hat sich dieser Aufgabe trotzdem angenommen und gut gemeistert.

Die vorliegende Biografie beleuchtet Ingeborg Bachmanns Kindheit und Jahre des Aufwachsens, ihre Verbundenheiten und Beziehungen dieser Jahre. Diese sind es auch, welche in ihr Werk immer wieder einziehen, dieses ausfüllen. Die späten Jahre sind im Werk praktisch inexistent, sie werden gelebt, in ihnen wird auf eine Weise auch ums (Über-)Leben gekämpft, aber sie werden nicht zum Stoff, und wenn, dann nur durch die Prägung der frühen Jahre.

Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs-  Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss.

Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Fazit:
Ein Blick auf das Leben und Schaffen der grossartigen Ingeborg Bachmann, mit viel Hintergrundwissen und Gespür für die verschlossene Autorin geschrieben und auf wunderbare Weise gelesen. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Joachim Höll (1966) studierte an der Freien Universität Berlin Germanistik und Lateinamerikanistik und promovierte über Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann. Schon während des Studiums verfasste er Essays, Kritiken und literaturwissenschaftliche Bücher. Von ihm erschienen sind Biografien zu Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann und Oskar Lafontaine. Er lebt in Berlin und arbeitet aktuell an einem grossen Romanprojekt.

Angaben zum Buch:
Hörbuch: 2 Stunden und 25 Minuten
Verlag: Random House Audio, Deutschland
Sprecher: Sophie Rois

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Charles Lewinsky: Sind Sie das? Eine Spurensuche

„Es wäre schön, wenn sich aus der gesammelten Konterbande ein Selbstbild zusammensetzte, in dem ich Dinge über mich entdecken kann, die mir vorher gar nicht bewusst waren. […] Nur eines soll es auf keinen Fall werden: eine Autobiographie.“

Den Auslöser zu diesem Buch stammt aus einer Lesung, als ein Zuhörer Charles Lewinsky fragte, ob er selber der pädophile Protagonist aus einer Geschichte sei. Diese Frage konnte er verneinen, doch in ihm wirkte die Frage weiter, wie viel von ihm selber in all seinen Büchern steckt. Eine Autobiografie sollte es aber nicht werden – aus guten Gründen:

„Das eine oder andere meiner Bücher mag vielleicht interessant sein – mein Leben ist es nicht […] Mit der bahnbrechenden Erkenntnis: „Am liebsten sass er abends neben seiner Frau auf dem Sofa“ stürmt kein Biograph die Bestsellerlisten.“

Das Stürmen der Bestsellerlisten war aber auch kein Grund für dieses Buch, denn es gab keine anvisierte Leserschaft ausser seinen drei Enkeln, denen er das Buch als Erinnerung an ihren Grossvater hinterlassen wollte.

„Mir scheint bei der Neubegegnung mit den eigenen Büchern, dass solche Zitate aus dem eigenen Leben mir immer wieder unbewusst dazu gedient haben, Erlebnisse, die ich lieber vergessen hätte, in die Quarantäne eines literarischen Textes einzusperren und damit zu neutralisieren.“

Charles Lewinsky hangelt sich entlang seiner Bücher anhand von Zitaten durch sein Leben, erzählt von den Inspirationsquellen, die Einzug hielten in sein Schreiben. Er geht dabei nicht zimperlich mit sich selber um, erzählt auch von den eigenen Verfehlungen und Missgeschicken. Aber er weist auch nochmals in aller Deutlichkeit Absichten und Gründe für einzelne Werke.

Mattscheibe war meine persönliche Abrechnung mit der Welt der Fernsehunterhaltung. Ich wollte die Dinge, die ich dort erlebt und beobachtet hatte, übertreiben und verzerren, um damit die ganze Lächerlichkeit dieses Gewerbes in parodistischer Weise sichtbar werden zu lassen. Ich fürchte, es ist mir nicht gelungen. Es gibt Dinge im Fernsehprogramm, die kann man nicht parodieren, weil sie es selber schon tun.“

Entstanden ist so ein Buch voller Erinnerungen, das sowohl durch das Erzählte wie auch die Sprache das Bild eines Menschen voller Humor, Ironie, Selbstreflexion und klarem Blick lebendig werden lässt.

Fazit:
Ein Schriftsteller sucht anhand seiner Bücher nach seinem eigenen Leben und erzählt auf humorvolle und lebendige Weise in Erinnerungen davon. Sehr empfehlenswert!

Bewertung:
4****/5 – vier von fünf Sternen

Zum Autor
Charles Lewinsky, 1946 in Zürich geboren, ist seit 1980 freier Schriftsteller. International berühmt wurde er mit seinem Roman ›Melnitz‹. Er gewann zahlreiche Preise, darunter den französischen Prix du meilleur livre étranger. Sein jüngster Roman ›Der Halbbart‹ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sein Werk erscheint in 14 Sprachen. Charles Lewinsky lebt im Sommer in Vereux (Frankreich) und im Winter in Zürich.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 284 Seiten
Verlag: Diogenes; 1. Edition (24. März 2021)
ISBN-Nr.: 978-3257071115
Preis: EUR  24 / CHF 36.90

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Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt

„Du bist die Älteste, die die Familie erhalten muss. Du bist schuld, wenn wir hungern müssen. Du hast mit zwölf Jahren die Schule abbrechen müssen, um uns sechs zu erhalten: mich, dich, Valentina, Yolanda, Gioconda und den kleinen Benvenuto.“

Tina wächst als zweitältestes Kind einer armen Familie in Undine heran. Als ihr Vater mit der ältesten Tochter nach Amerika auswandert, ist es an ihr, die Familie zu ernähren. Das Geld ist knapp, in Tina wächst die Hoffnung, bald auch nach Amerika gehen und mehr aus ihrem Lebe machen zu können.

„Jedes Mal, wenn ich ein Buch lese, werde ich ein anderer Mensch. Nicht ganz, sondern ein wenig. Ich weiss, das klingt banal für deine Ohren. Aber wenn ich lese, verändere ich mich. Nach jedem Buch habe ich etwas dazugewonnen. Und jeder, der liest, tut das.“

Marie wächst behütet in Fürth auf als Tochter eines jüdischen Buchhändlers. Schon früh ist klar, dass ihre Geschwister studieren können, sie die Buchhandlung übernehmen muss. Marie möchte lieber studieren, sie möchte Ärztin werden und in die Welt reisen, um Menschen zu helfen. Auch wenn es nicht ihr Wunschweg ist, gibt sie sich mit vollem Einsatz in ihre Aufgabe, und über die Jahre werden Bücher immer wichtiger in ihrem Leben, je schwieriger die Zeiten werden, desto wichtiger.

„Als sie das Buch zuklappt, fragt sie sich, ob es nicht vernünftig ist, in die Welt der Bücher zu fliehen? Ist denn die Welt da draussen wirklicher als die Welt der Bücher? Wertvoller? Erhaltenswerter? Ist die Welt der Bücher nicht eine notwendige, ja lebensrettende Zuflucht in diesen Zeiten?“

Diese beiden unterschiedlichen Frauen landen schliesslich beide in Amerika, ihre Wege kreuzen sich immer mal wieder, wenn auch nicht bewusst. Es sind zwei Frauenleben, welche verschiedener nicht sein könnten, und die doch viele Parallelen aufweisen. Beiden Frauen ist Mut und Kampfgeist gegeben, für ihre Sache einzustehen, einen Weg zu finden, weiter zu machen. Beide Frauen müssen kämpfen und geben nicht auf. Tina wird zur kommunistischen Revolutionärin, setzt sich für ihre Mission mit dem Einsatz ihres Lebens ein, Marie setzt sich für ihre Überzeugung, dass Kunst wichtiger als Politik sein soll und darum bewahrenswert ist, ein, gegen das feindliche Naziregime, trotz finanzieller Nöte und Steinen im Weg.

Felix Kucher verbindet in seinem Buch „Sie haben mich nicht gekriegt“ zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet er zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren.

Die gewählte Form ist einerseits geschickt, da sich auf diese Weise die Lebensentwürfe nebeneinander entwickeln, Parallelen und Unterschiede offen da liegen. Auf der anderen Seite erschweren die schnellen Wechsel ein wirkliches Eintauchen in das je einzelne Schicksal. Manchmal ist auch nicht gleich ersichtlich, in welchem Leben man sich gerade lesend befindet, so dass der Lesefluss unterbrochen wird. Ein wirkliches hineinlesen und hineinleben wird darum immer wieder gestört, so dass die Figuren, obwohl sie authentisch gezeichnet sind, doch auf Distanz bleiben.

Der Roman weist viele Längen auf, welche der dem Fortgang der Geschichte nicht dienen, sondern diesen eher unterbrechen und langatmig werden lassen werden. Zwar mögen die vielen Liebschaften von Tina Modotti durchaus ihre Gesinnung in Sachen freier Liebe sowie ihre Suche nach Bestätigung wiederspiegeln, doch wären ein paar ausgewählte Beispiele im Sinne von pars pro toto nicht nur genügend, sondern gar der Geschichte zuträglich gewesen.  

Trotzdem ist Felix Kucher ein guter Roman gelungen, der anhand von zwei unterschiedlichen Lebenswegen die Stimmung einer Zeit wiedergibt. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist einerseits Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann. Durch die vielen politischen Hintergrundinformationen, welche gut recherchiert und auf eine stimmige und nicht zu dominierende oder gar belehrende Weise eingebaut sind, wird der Roman aber auch zu einem Abbild einer Zeit, welche ihrer Grausamkeit wegen nie vergessen werden sollte. Dazu trägt der Roman bei.  

Fazit:
Zwei Biografien auf geschickte Weise miteinander verknüpft, ein Zeitzeugnis erzählt durch die Lebensentwürfe zweier mutiger und kämpferischer Frauen. Empfehlenswert!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zum Autor
Felix Kucher, geboren 1965 in Klagenfurt, studierte Klassische Philologie, Theologie und Philosophie in Graz, Bologna und Klagenfurt. Er lebt und arbeitet in Klagenfurt und Wien. Im Picus Verlag erschienen seine Romane »Malcontenta« und »Kamnik« (2018). 2021 erschien sein neuer Roman »Sie haben mich nicht gekriegt«.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 512 Seiten
Verlag: Picus Verlag; 1. Edition (24. Februar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3711721044
Preis: EUR  26 / CHF 36.90

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