Atelier: Selbsterkenntnis

Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes Erkennen. Denn er mißt nach eignem Maß Sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur Das Leben lehret jeden was er sei.
Johann Wolfgang von Goethe

Wer bin ich, wenn ich alleine bin? Kann ich mir auf die Schliche kommen? Goethe meint, man brauche den anderen, um es zu tun. Auch Martin Buber schlägt in die Kerbe, wenn er sagt, dass das Ich eines Du bedürfe, um sich entwickeln zu können. Viele andere gingen den gegenteiligen Weg. Sie zogen sich in einsame Wälder oder in die Berge zurück oder sie gingen auf Wanderung. Auch in der Meditation geht man den Weg nach innen. Man lässt nach und nach alles im Aussen los, um die innerste Essenz zu fühlen, das, was bleibt, wenn der Rest weg ist.

Was ist denn nun der richtige Weg? Ich halte es da wie auch sonst gerne im Leben: Das Eine tun, das andere nicht lassen. Ich denke, nur in einer gesunden Mischung von Miteinander und alleinigem Reflektieren findet man schlussendlich wirklich das, was man dann als Ich erkennt. In welchem Verhältnis das stattfindet, wie die Einkehr aussieht, unterscheidet sich wohl von Mensch zu Mensch. Bei mir ist es sicher das kreative Tun, das mich immer wieder mehr zu mir bringt, das mir die Augen öffnet, mich sprichwörtlich sehend macht. Wie ist es bei dir?

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Wer bin ich?

*Erkenne dich selbst.» Orakel von Delphi

Das ist wohl eines der bekanntesten philosophischen Zitate und zugleich eine Aufgabe an jeden einzelnen. Die Selbsterkenntnis, so ist man sich sicher, führt zu einem gelingenden, weil selbstbestimmten Leben aus den eigenen Bedürfnissen heraus.

Stimmt das? Sind wir als die, welche wir sind, wirklich so selbstbestimmt? Wie viel Anteil haben wir an uns, wenn wir einfach unbewusst in den Tag hineinleben? Was ist mit Genen, Prägungen, Mustern, sozialen Einflüssen…. ? Sie haben in Tat und Wahrheit einen grossen Einfluss auf uns. Umso mehr also gilt es, in sich zu gehen, zu forschen, herauszufinden, wo denn nun dieses Ich wirklich ist und wie es aussieht, was es will.

Ist das so? Vielleicht wäre es besser, hinzusitzen und sich zu fragen: Wer will ich sein? Und dann daran gehen, sich zu dem zu machen, der man sein will. Wie sagte schon George Bernhard Shaw:

«Life isn’t about finding yourself. Life is about creating yourself.»

Vielleicht sind wir wie ein Klumpen Ton, den wir nun nach unseren Wünschen gestalten können. Vielleicht ist es erfüllender, statt Archäologe auf der Suche nach verschütteten Eigenschaften mehr Schöpfer seines eigenen Ichs zu sein. Ein Versuch ist es wert!

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Blick in die Zukunft

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…“ Rilke

Als ich kürzlich mein Skizzenbuch durchblätterte – es füllt sich im Sauseschritt, so dass ich heute für eine Nachschubbeschaffung ausziehen muss -, merkte ich, in wie kurzer Zeit ich mich und meine Bildsprache (Motive, Medien, Ausdruck) weiterentwickelt habe. Immer wieder erinnerte ich mich an einzelne Phasen, an damalige Gefühle, Intentionen – und ja: Ab und zu auch das Gefühl:

Das ist es, nun habe ich es.

Immer wieder ging es weiter.

Es sind sicher nicht alle Skizzen und Zeichnungen eine Meisterleistung. Einiges funktionierte schlicht nicht, wie ich mir das ausgedacht hatte, bei anderem sind die Proportionen und andere Stilmittel aus dem Lot. Und doch macht es Freude, jede einzelne Skizze auf dem Weg zum Heute anzuschauen. Ich habe kurz überlegt, die Skizzenbuchpraxis ganz aufzugeben, da ich schlicht zu sehr im Buch und zu wenig auf grösseren und losen Formaten arbeite, doch diese Erfahrung hat das revidiert. Ich bleibe dabei, allerdings wirklich nur noch für die Studien und Versuche, danach geht es raus in die freie Welt – sprich: Papier und Leinwände.

Ich bin heute an einem ganz anderen Ort als damals, als ich dieses Porträt zeichnete. Trotzdem mag ich es nach wie vor noch sehr und kann mir gut vorstellen, auch wieder solche zu machen – am liebsten vor Ort in einem Café oder anderen Orten mit vielen Menschen. Manchmal, wenn mir vor Ort die Möglichkeit fehlt, mache ich ein Foto und zeichne dann zu Hause. Nicht ganz dasselbe, aber immer noch viel Spass, da durch das Zeichnen die Erinnerung an den Moment auch wieder wach wird.

Fast scheint mir, er blickt in die Zukunft. Was er wohl da sieht?

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Ich bin ich

„Ich bin ich, und hoffe, es immer mehr zu werden.“ Paula Moderson-Becker

Das schrieb Paula Moderson-Becker im Jahre 1906 an Rainer Maria Rilke. Dieses Ich war es, das sie immer wieder erforschte. Das „Erkenne dich selbst“, welches seit dem Orakel von Delphi den Menschen immer wieder antreibt, war ihr grosses Anliegen. Sie war sich dabei bewusst, dass dieses Ich immer auch eingebunden ist in ein grosses Ganzes, dass es Teil von etwas ist und von dem geprägt. So war die Selbsterforschung immer auch ein Erforschen der Rolle der Frau in der Gesellschaft, in der Familie, in der Beziehung – und ja, von sich selbst als Künstlerin und als Frau an sich.

Als ich vor langer Zeit mein Philosophiestudium begann, stand diese Frage, welche auch eine der grössten und zentralsten der Philosophie ist, im Zentrum meines Forschens: Was ist der Mensch und was kann er sein. Sicherlich auch geprägt durch meine eigene Geschichte ergründete ich die Frage des Ichs in der Welt, in der Mit- und Umwelt. Was ist sein Platz, wer ist der Einzelne und wie setzt er sich in Beziehung oder wird in diese gesetzt. Dass ich nun zeichnend und malend auch an diesen Punkt gekommen bin, erstaunt so gesehen wenig – selbst wenn ich es anfangs nicht gedacht und schon gar nicht geplant hatte.

Irgendwo las ich mal, dass Kunst immer auch eine Selbsterforschung ist. Da scheint was dran zu sein. Wobei: Ist nicht das wach gelebte Leben an sich eine?

Habt einen schönen Tag.

(im Bild: eine Skizze aus meiner neuen Reihe mit Porträts, Aquarellstift auf Papier)

Werkstattgespräche – Ivar Leon Menger

Ivar Leon Menger, 1973 in Darmstadt geboren, ist Schriftsteller, Diplom-Designer, Werbetexter, Hörspielautor und Regisseur. Bekannt wurde er durch seine erfolgreichen Audible-Hörspielserien Ghostbox und Monster 1983, für die er 2023 mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. 2022 erschien sein Thrillerdebüt Als das Böse kam, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und für den französischen Krimipreis 2025 nominiert ist, ein Jahr darauf sein zweiter Thriller Angst. Sein dritter Roman Finster ist SPIEGEL-Bestseller.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Meine Biografie ist eine Achterbahnfahrt, die für einen Roman taugen könnte. Nach dem Abitur habe ich Grafikdesign studiert und dabei meine Liebe für den Film entdeckt. Da mein Vater mir kein zweites Studium finanzieren wollte, habe ich fünf Jahre als Werbetexter gearbeitet, um Schreiben zu lernen. In dieser Zeit habe ich meinen ersten Kurzfilm gedreht, der auf der Berlinale ausgezeichnet wurde. Daraufhin habe ich meinen sicheren Job gekündigt und in einer Videothek gejobbt und an meinem nächsten Kurzfilm gearbeitet. Dieser Film hat glücklicherweise einen Regie-Award bei ProSieben gewonnen und ich durfte einen 20:15 Uhr Film mit Bjarne Mädel drehen. Dafür bin ich extra nach Berlin gezogen. Doch zwei Wochen vor Drehbeginn haben sich die Produktionsfirma und der Sender zerstritten und das Projekt ist gestorben. Ich wusste nicht weiter. Ein befreundeter Synchronsprecher, Jan-David Rönfeldt, hat daraufhin aus meinem Episodendrehbuch «Der Prinzessin», das ich kurz zuvor geschrieben hatte, ein Hörspiel produziert. Für die Rolle des Stalkers habe ich Jens Wawrczeck gewonnen, der bei der Hörspielreihe «Die drei ???» Peter Shaw spielt. Jens hat mich dann wiederum als Autor bei Sony/Europa empfohlen und so kam ich zum Hörspiel. Und dort blieb ich über fünfzehn Jahre lang. Im Jahr 2021 habe ich dann meinen Debütroman „Als das Böse kam“ geschrieben und wechselte in den Literaturbereich.
Das ist jetzt ein etwas längerer Text geworden, und doch ist es nur die Kurzversion.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich habe schon immer Geschichten erfunden und erzählt. Es begann in meiner Kindheit, wenn Freunde bei mir übernachtet haben. Dann habe ich mir gruselige Märchen ausgedacht und sie im Dunkeln erzählt. Einmal hat sich ein Freund so sehr gefürchtet, dass er von seinen Eltern wieder abgeholt werden wollte. Da wusste ich, das sollte ich beruflich machen.

Es heisst, Ideen liegen auf der Strasse, doch nicht jeder sieht dasselbe, interessiert sich für dasselbe. Wo findest du generell deine Ideen?

Meine Ideen finde ich tatsächlich im Alltag. Gespräche am Nachbartisch, in der Tageszeitung oder erlebte Situationen mit meiner Familie, in denen ich mich frage: Was wäre, wenn jetzt die Tür aufgehen würde und dann …

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Wenn ich eine Idee für einen besonderen Twist, ein ungewöhnliches Ende oder die Ausgangssituation für den ersten Akt habe, dann fange ich an zu schreiben. Ich mache mir keinen Plan. Ich bin kein Plotter, sondern schreibe, was aus meinem Bauch, Herz und Kopf kommt. Erst ab dem dritten Akt mache ich mir Gedanken, wie ich alle Fäden zusammen- und zu einem überraschenden Ende bringe.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe auf einer elektrischen Schreibmaschine. Meiner geliebten Hemingwrite. Die hilft mir, in den Flow zu kommen und nicht ständig während des Schreibprozesses zu editieren. Danach überarbeite ich den Text kapitelweise auf dem MacBook, mit der Software Papyrus.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Ich glaube, du würdest dem zustimmen?

Tatsächlich kann ich kaum bis gar nicht im Zug oder in Cafés schreiben. Ich mag es nicht, wenn mir jemand beim Arbeiten zusieht. Ich brauche einen kleinen Raum für mich selbst. Manchmal schreibe ich mit absoluter Stille, manchmal auch mit Film- oder klassischer Musik.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ich habe tatsächlich keinen strengen Tagesablauf. Morgens schreibe ich jedoch am liebsten. Aber nicht täglich. Es kommt vor, dass ich vier Tage lang Pause mache und nicht an der Schreibmaschine sitze, weil andere Projekte Vorrang haben. Wie zum Beispiel eine längere Buchhandelsreise oder eine Hörspielproduktion. Ich komme aber immer wieder in meine Texte rein, sogar wenn ich sechs Wochen lang nicht daran geschrieben habe. Ich vertraue in die geistige Welt, in meine Musen, die mich beim Schreiben unterstützen.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Meine Freuden als Schriftsteller sind definitiv, dass ich schreiben kann, wann und wo ich möchte. Ich brauche nichts anderes als meine Schreibmaschine. Das ist wahres Glück.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Ich schalte niemals ab. Zumindest nicht unbewusst. Überall wittere ich eine Geschichte, ein Kapitel oder eine Szene – halte Augen und Ohren offen. Aber das ist ja das Schöne an unserer Berufung.

Dein Weg führte vom Design-Studium über die Werbung (Vaters Fussstapfen?) hin zu Hörspielen. Dann kamen erste Bücher. Was treibt dich immer weiter? Und: Wohin geht es nun?

Im Literaturbetrieb gefällt es mir ausserordentlich gut. Hier fühle ich mich zuhause, angekommen. Wenn es nach mir geht, möchte den Rest meines Lebens nur noch Romane schreiben.

Was reizt dich am Genre Krimi/Thriller?

Die Überraschung. Das «Angst machen». Scheinbar ist das ein Teil meiner DNA, wie bei Katzen das Jagen.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Ich bin kein Freund der Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur. Aber ich kann verstehen, dass es für den Buchhandel einfacher ist. Schließlich wird in der Musik genauso verfahren. Am Ende findet jedes Buch seine Leserschaft.

Dein neustes Buch „Finster“ ist eine Anlehnung an die Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am helllichten Tag“ (die ich sehr liebe). Was hat dich dazu gebracht, diesen Stoff neu aufzugreifen?

Mich hat der Film als Jugendlicher sehr fasziniert. Besonders Gerd Fröbe als Antagonist. Erst später kam auch die Faszination zu Dürrenmatts weiteren Werken, die ich ebenfalls sehr liebe. Ich wollte das Gefühl, das ich damals beim Filmsehen hatte, in meine eigene Vision des Grauens umsetzen. Es ist meine Art der Verbeugung vor Dürrenmatt.

Dein Buch spielt 1986, eine Zeit, in der auch in der Schweiz immer wieder Kinder verschwanden. Wann und wie kann dir die Idee, deinen Thriller in der Zeit spielen zu lassen?

Da ich 1986 selbst dreizehn Jahre alt war, konnte ich mich gut in die Zeit von Tschernobyl, der Popmusik und dem kalten Krieg einfühlen – aus Kindersicht.

Ein weiteres Thema des Buches ist die Liebe zwischen Stahl und Geli. Liebe im Alter – in unserem Alter meistens noch nicht erste Priorität der Themen. Wieso doch?

Die Liebesgeschichte zwischen Stahl und Geli habe ich bewusst und mit Freude geschrieben, um meiner Leserschaft zu zeigen, dass Liebe nicht irgendwann aufhört. Nur weil man älter ist. Ich habe die beiden sehr in mein Herz geschlossen. Sind sie nicht süß?

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in den einzelnen Figuren?

Es gibt tatsächlich ein Kapitel in diesem Buch, das ich selbst als Kind erlebt habe. Eine schlimme Erfahrung. Es war mir ein Anliegen, sie durch dieses Buch zu verewigen.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Ein Leben ohne Geschichten ist für mich nicht denkbar. Ich habe so viele Ideen, und täglich kommen neue dazu, so viele Bücher kann ich gar nicht schreiben.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Ich lege Wert auf Geschichten, die mich unterhalten. Die mich miträtseln lassen, so sehr, dass ich den ganzen Tag an das Buch denken muss und mich darauf freue, es endlich weiterzulesen. Es gibt aber auch Bücher, die ich hauptsächlich wegen ihres Stils sehr gerne lese. Dazu gehören die Werke von Martin Suter und Daniela Krien.

Wenn du fünf Bücher nennen müsstest, die in deinem Leben eine Bedeutung haben oder die du anderen empfehlen möchtest, welche wären es?

An allerster Stelle kommt „Das Parfüm“ von Patrick Süskind, von dem ich verschiedene Originalausgaben sammle. Mein großes Vorbild, durch das ich mich jahrelang nicht getraut habe, selbst zu schreiben. Weil ich dachte, so einen wundervollen Stil wirst du niemals entwickeln. Bis mir klar wurde, ich habe eine eigene Stimme. Darüber hinaus empfehle ich alle Bücher von Jason Starr, „Ein perfekter Freund“ von Martin Suter, aber auch „Melody“, „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ von Daniela Krien und Shirley Jackson „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“.

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Mein Ratschlag ist der, den ich selbst bei meinem Debütroman angewendet habe: Schreibe jeden Tag eine Seite. Nur eine Seite, das kann man im Alltag gut einrichten. Und in einem Jahr hast du 365 Seiten – einen fertigen Roman.

Werkstattgespräche – T. M. Logan

T.M. Logan wurde in Berkshire als Sohn eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Er war Wissenschaftsreporter bei der Daily Mail und arbeitete anschließend in der Hochschulkommunikation. Seit 2017 lebt T.M. Logan vom Schreiben – und das sehr erfolgreich: Mit seinen Thrillern hat er ein ums andere Mal Bestseller geschrieben und in England bereits ein Millionenpublikum begeistert. Auf Deutsch von ihm erschienen sind u.a. «Trust me», «The Parents», «The Catch», «Holiday». Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt, darunter Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch und Koreanisch. Der Autor lebt mit seiner Familie in Nottinghamshire.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Ich bin 53 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern (eine Tochter, 24, und einen Sohn, 21). Acht Jahre lang war ich Journalist und habe danach im Kommunikationsteam einer Universität gearbeitet, bis 2017 mein erster Roman veröffentlicht wurde – seitdem habe ich jedes Jahr ein Buch geschrieben und nun acht Bücher in Großbritannien veröffentlicht. Ich lebe in Nottingham, in der Nähe von dem Ort, an dem meine Frau Sally aufgewachsen ist.

Du bist als Sohn eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter aufgewachsen. Hat dich dies in einer Weise beeinflusst? Durch unterschiedliche Kulturen oder Sprachen?

Meine Mutter Vera wurde in Leipzig geboren und ist in Köln aufgewachsen, bevor sie 1963 nach England zog, um meinen Vater zu heiraten. In meiner Kindheit habe ich oft mit meiner Familie Deutschland besucht, um Verwandte und Freunde zu sehen. Dadurch fühle ich mich sehr europäisch. Dass ich als Kind zu Hause Deutsch hörte, half mir zu erkennen, dass es viele verschiedene Arten gibt, eine Geschichte zu erzählen, und das neben den Erzähltraditionen, mit denen ich in Großbritannien aufgewachsen bin, viele andere Erzähltraditionen existieren.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich schreibe, weil ich es liebe! Schreiben war schon immer etwas, das ich tun wollte, seit meiner Teenagerzeit. Schreiben hat mich in die Welt des Journalismus gezogen. In meinen Dreißigern wurde mir klar, dass das Schreiben eines Buches ein weiteres Maß an Engagement erfordern würde. Ich war entschlossen herauszufinden, ob ich es schaffen könnte. Ich setzte mir das Ziel, jeden Tag 45 Minuten bis eine Stunde zu schreiben, vielleicht kamen dabei jeweils nur 300-400 Wörter heraus. Ich wollte sehen, ob ich das durchziehen könnte, bis ich ein vollständiges Buch habe.

Es heisst, Ideen liegen auf der Strasse, doch nicht jeder sieht dasselbe, interessiert sich für dasselbe. Wo findest du generell deine Ideen?

Oft finde ich die erste Inspiration im Alltag. Zum Beispiel kam die Idee für The Parents einfach von einer der Nächte, in denen ich darauf wartete, dass mein Sohn von einem Abend mit seinen Freunden nach Hause kam. Es war nach Mitternacht, und ich lag im Bett und fragte mich, wo er war und wann er zurückkommen würde – dann begann ich zu überlegen, was ich tun würde, wenn er in Schwierigkeiten oder in ein Verbrechen verwickelt worden wäre. Holiday wurde durch die jährliche Reise meiner Frau mit drei ihrer besten Freundinnen inspiriert. Die Inspiration für The Catch kam ursprünglich durch den Freund meiner Tochter, sie war damals noch ein Teenager.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich plane gerne einen Teil der Geschichte und habe eine gute Übersicht, bevor ich anfange. Ich verbringe 4-6 Wochen damit, den Plan, den Hauptbogen der Geschichte, einige der wichtigen Ereignisse und Wendepunkte auf dem Weg auszuarbeiten. Beim Schreiben beginnen dann die Charaktere oft, sich zu behaupten, und verändern dadurch Aspekte der Geschichte auf eine Weise, die ich ursprünglich nicht geplant hatte.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich plane zuerst auf Papier, mit Bleistift in einem Notizbuch. Aber dann wechsle ich zum Computer, um die Geschichte selbst zu schreiben – ich benutze ein Programm namens Scrivener, das hilft, die gesamte Form der Geschichte zu sehen. Ich konvertiere es in Word, bevor ich es an meinen Lektor schicke, und gehe dann alle Bearbeitungen in Word durch.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Ich glaube, du würdest dem zustimmen?

Es kann schwierig sein, Zeit zum Schreiben zu finden. Das war besonders der Fall, als ich in einem Vollzeitjob arbeitete und meine Kinder noch kleiner waren: Es gab fast immer Unterbrechungen im Laufe des Tages. Ich habe einfach versucht, jeden Tag mindestens 45 Minuten zum Schreiben zu finden – manchmal spät am Abend oder früh morgens, bevor meine Kinder aufwachten, wenn es weniger Ablenkungen gab.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ich versuche, an Wochentagen von 8 Uhr morgens bis zum Mittag zu schreiben, und nutze den Nachmittag für administrative Aufgaben, E-Mails, soziale Medien, meine Website usw. Auch zum Lesen! Aber generell arbeitet mein kreatives Gehirn besser am Morgen, also versuche ich, diese Zeit dem Schreiben zu widmen. Ich weiß, dass diese vier Schreibstunden am Morgen der wichtigste Teil meines Arbeitstages sind – alles andere ist zweitrangig.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Etwas aus dem Nichts zu erschaffen, ist das größte Vergnügen und Privileg des Schreibens. Menschen und Geschichten zum Leben zu erwecken, ist mein Lieblingsteil des Prozesses. Allerdings kann das Bearbeiten manchmal eine Herausforderung sein, aber es ist ein notwendiger und wichtiger Teil des Prozesses – auch wenn es sich anfühlt, als würde man die Geschichte auseinandernehmen und Stück für Stück wieder zusammenfügen.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Ich habe normalerweise an den Wochenenden frei und mache Urlaub mit meiner Frau und manchmal mit Freunden. Zum Abschalten lese ich, ob Belletristik oder Sachbücher, höre Podcasts und Hörbücher, schaue eine Serie im Fernsehen (ich genieße gerade Ted Lasso und Slow Horses) oder spiele Tennis.

Du hast als Wissenschaftsreporter gearbeitet, bevor du zum Schreiben von Büchern übergingst. Wieso hast du dich für Thriller entschieden?

Ich schreibe das, was ich selbst gerne lese, und deshalb habe ich mich für Thriller entschieden. Es ist mein Lieblingsgenre und das schon seit meinen Zwanzigern.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Wir haben eine ähnliche Trennung im Vereinigten Königreich! Aber es stört mich nicht allzu sehr. Es gibt hier eine gewisse Arroganz gegenüber Unterhaltungsliteratur oder Massenmarkt-Büchern, aber ich ignoriere das meistens. Vielfalt ist eine gute Sache und ich mag es, dass es Bücher für jeden Geschmack und jede Vorliebe gibt – meine Romane sind nur ein Teil davon.

In deinem Buch „The Parents“ schreibst du über das wohl Schlimmste, was Eltern passieren kann: Ihr Kind verschwindet. Dabei belässt du es aber nicht, sondern das Kind taucht wieder auf, steht nun aber unter Verdacht, eine grausame Tat begangen zu haben. Wie bist du auf dieses Thema gekommen? Was fasziniert dich daran?

Mich interessieren immer die Grauzonen, die zwischen richtig und falsch, zwischen weiss und schwarz liegen. Weiss und Schwarz sind nicht so interessant, es gibt keine Nuancen, keinen Zweifel. Aber wenn man sich irgendwo dazwischen befindet, ist das aus meiner Sicht als Leser und Schriftsteller viel faszinierender. Wir alle lieben unsere Kinder, aber wie weit würden wir gehen, um sie zu schützen, wenn sie etwas Schreckliches getan haben oder wir den Verdacht haben, dass sie es getan haben?

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in den einzelnen Figuren?

Es gibt in vielen meiner Charaktere Teile von mir. Sicherlich in den Protagonisten der Geschichten. Ich greife auch auf meine eigenen Kinder und deren Erfahrungen zurück, manchmal auf die Eigenschaften meiner Frau und anderer Menschen, die ich kenne.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Ich liebe es, neue Geschichten zu erschaffen, und ich sehe nicht, dass ich so bald damit aufhören werde. Ich werde immer das Bedürfnis haben, etwas zu schreiben, was auch immer es ist. Ich denke, es wird immer einen Teil von mir geben, der eine neue Geschichte erschaffen will, der die Charaktere treffen und herausfinden möchte, wie alles endet.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Wenn ich lese, können es verschiedene Dinge sein – ein Charakter, der auf den Seiten zum Leben erwacht, ein großartiger Aufhänger, eine unerwartete Wendung, fesselnde Dialoge oder einfach eine schnelllebige Geschichte, mit der ich mich auf irgendeine Weise identifizieren kann. Ich mag es, all diese Elemente in meinen eigenen Romanen zu haben.

Wenn du fünf Bücher nennen müsstest, die in deinem Leben eine Bedeutung haben oder die du anderen empfehlen möchtest, welche wären es?

  • A Simple Plan von Scott Smith
  • Tell No-One von Harlan Coben
  • The Silence of the Lambs von Thomas Harris
  • On Writing von Stephen King
  • Into the Woods von John Yorke

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Lies viel und nimm so viel wie möglich auch aus anderen Medien auf. Sei ein Schwamm, der alles aufsaugt. Schreibe das Buch, das du selbst gerne lesen würdest. Versuche, dir jeden Tag ein bisschen Zeit dafür freizuhalten, denn Schreiben ist wie Laufen, eine Sprache zu lernen oder jede andere neue Fähigkeit zu erwerben: Du wirst durch regelmäßiges Üben besser. Leider gibt es wirklich keine Abkürzungen!

Herzlichen Dank Tim, dass du dir die Zeit für diese wunderbaren Antworten genommen hast!

Ich hebe mein Glas auf Mascha Kaléko

«Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.»

Der Auszug aus diesem Gedicht fasst in wenigen Worten zusammen, was das Leben für Mascha Kaléko war: Ein ständiges Aufbrechen, Weiterziehen, nie ein Ankommen, Zuhause-Sein. Sie war eine Fremde zeitlebens, seit sie als kleines Mädchen den Ort ihrer Geburt verlassen musste.

In einem Leben ohne Halt und Hafen sucht man sich oft einen Begleiter. Der Kalékos war wohl die Melancholie. Sie steckt in vielen ihren Versen, dringt aus ihren Zeilen und versteckt sich mitunter dazwischen, im nicht Gesagten, nur Durscheinenden. Doch hatte sie noch einen zweiten Begleiter: den Humor. Sie ist wohl das perfekte Beispiel für dieses Trotzdem: sie lachte trotzdem, auch wenn ihr das Leben oft keinen Grund dazu gab.

«Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?»

Die Liebe hat sie gefunden. Eine grosse. Ein Sohn war ihr beschert, sie liebte auch ihn. Der Sohn wurde ihr früh genommen, der Mann etwas später. Mascha ist müde, doch sie rappelt sich nochmals auf, zäh und mutig, wie sie ist. Reist durch Europa, besucht ihre alte Heimat Berlin, überlegt, zurückzukehren. Sie stirbt vor der Umsetzung dieser Pläne und hinterlässt uns die wunderbarsten Gedichte, die ich nur ans Herz legen kann.

Habt einen schönen Tag!

Ich hebe mein Glas auf Thomas Mann

Heute kommt es zu einer der schwersten Glaserhebungen überhaupt. Er hat Geburtstag. Der Schriftsteller, dessen Leben ich über Monate quasi mitgelebt habe. Ich habe seine Musik gehört, mit seinen Zipperlein gelitten, seine Schreibmüdigkeiten und -freuden ich nachempfunden. Ich habe alles von ihm (bis auf ein Werk) und unglaublich viel über ihn gelesen, gehört, gesehen. Man könnte es Liebe nennen. Er ist hinlänglich bekannt. Nur schon meine Regale sind gut mit ihm gefüllt, aber da wäre noch so viel mehr. Und so dachte ich, ich schreibe ein paar Dinge über meine Beziehung zu ihm, statt einfach seine Biografie aufzuschreiben:

1.    Ich liebe Bücher, behandle sie (ausser den Notizen und Markierungen) sehr sorgfältig. Es gab ein Buch, das ich völlig entnervt in die Ecke pfefferte – nur um ihm besorgt nachzurennen und zu schauen, ob es noch heil ist. Es war. 

2.    Ich ertrage es nicht, wenn ich etwas Negatives über ihn lese. Oft ist es so unfair, wie ich finde. Dann gehe ich sofort in den Verteidigungsmodus über.

3.    Als ein Professor mal meinte, man müsse in einem seiner Bücher nicht alles lesen, es sei etwas ausschweifend und könne überblättert werden, war ich empört. Ich habe die Passagen damals dann doch überblättert. 

4.    Ich lief mit einem seiner Werke als Hörbuch auf den Ohren durch halb Chicago. Deswegen erinnert mich der Roman, der eigentlich für eine deutsche Stadt steht, heute noch an Chicago.  

5.    Manchmal denke ich, noch mehr als seine grossartige Literatur fasziniert mich seine Person. 

6.    Ich verdanke ihm den wohl wundervollsten Schreibprozess einer Masterarbeit, den ich mir vorstellen könnte. Und das Gefühl, was Leidenschaft fürs Schreiben ist.

7.    Mein liebstes Werk von ihm wird kaum je genannt, wenn es um seine Bücher geht. 

Heute würde Thomas Mann 149 Jahre alt. Ich hebe mein Glas auf ihn!

100 Jahre ohne Franz Kafka

«Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.»

Heute vor 100 Jahren starb Franz Kafka. Es waren ihm nur 40 Jahre vergönnt gewesen, 40 Jahre, in denen er an vielem gelitten und vor allem eines geliebt hat: Das Schreiben.

Die Etappen seines Lebens aufzuzählen, würde wenig von dem Menschen aufzeigen, der er war. Ganz erfassen kann man ihn wohl sowieso kaum. Wie viele Versuche sind schon unternommen worden, ganze Regalbretter biegen sich durch unter der Last der Deutungen. Am ehesten findet man ihn vermutlich in seinen Schriften, denn in ihnen liegt sein Herzblut. Da hat er die geheimen Windungen seines Denkens und Fühlens auszudrücken versucht, indem er sie in abstruse Geschichten verpackte, die bei Lichte betrachtet nicht an den Haaren herbeigezogen sind, sondern die Absurdität des Lebens, wie er es sah, abbilden.

Er hat sogar ein Wort geprägt: Kafkaesk. So nennt man eine Situation, in welcher der Mensch sich in einer bedrohlich erscheinenden Lage hilflos ausgeliefert fühlt. Von Solchen Situationen handeln seine Werke: Sei es als Josef K., der einfach verhaftet wird, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, sei es als Landvermesser, der den Vorschriften der Verwaltung des Schlosses ausgeliefert ist, sei es als Gregor Samsa, der eines Morgens als Käfer im Bett aufwacht.

Immer wieder schreibt er vom Suchen und vom Hadern, etwas, das ihm wohl aus dem eigenen Leben vertraut war. Er haderte mit dem Vater, dem er einen Brief schrieb, aber auch mit der Liebe. Zwar verliebte und verlobte er sich, zeigte sich dann aber doch eher zögerlich und entschied sich am Schluss dagegen und für das Schreiben. Bis es fast zu spät war. Ein Jahr Liebe war ihm noch vergönnt, leider schon von seiner Krankheit gezeichnet. Mir gefällt der Gedanke, dass er nach diesem kurzen Leben das Glück doch noch kennenlernte. Die Liebe sehen und sterben.

Ich hebe mein Glas auf Max Frisch

„Dass es ein unsagbares Glück ist, leben zu dürfen, und dass wohl nirgends die Leere sein kann, wo dies Gefühl auch nur einmal wirklich errungen worden ist, dies Gefühl der Gnade und des Dankes.»

Zu spät, aber von Herzen hebe ich mein Glas auf Max Frisch, der gestern 113 Jahre alt geworden wäre. Ich habe mich immer wieder mit ihm als Menschen, mit seiner Biografie und Interviews beschäftigt, habe seine Fragebögen beantwortet, bin in sein Werk eingetaucht. Ich mag ihn, er ist mir in seinem Denken, in seiner Art, die Dinge anzugehen, sie zu hinterfragen, nah. 

Er war kein Heiliger, was ihm oft zum Vorwurf gemacht wurde. Vor allem die Beziehung zu Ingeborg Bachmann wurde ihm zu Lasten gelegt, war sie durch ihr Leiden und ihren mysteriösen Tod später ein vermeintlich offensichtliches Opfer. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, wie so oft. Sein Satz, der auch zum Titel des Briefwechsels wurde, hat viel Wahres:«Wir haben es nicht gut gemacht.»
Was er gut gemacht hat, sind seine Werke, die ich immer wieder lesen kann und immer wieder Neues finde, das mich begeistert. Frei nach Gretchen: Wie haltet ihr’s mit Max Frisch?
Habt einen schönen Tag!

Mehr zu Max Frisch:

138 Jahre Gottfried Benn (*2. Mai 1886)

„Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.“

Ich hebe mein Glas auf Gottfried Benn, er würde heute 138 Jahre alt.

„Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren u. Spritzen u. Quacksalbern u. abends so müde sein, dass man heulen könnte. […] Sinnlosigkeit des Daseins in Reinkultur und Aussichtslosigkeit der privaten Existenz in Konzentration.“

Es klingt nicht so, als ob Gottfried Benn gerne Arzt gewesen wäre. Mehr Freude bereiteten ihm seine erotischen Abenteuer, von denen er trotz nicht weniger Abweichungen vom Bild eines Adonis zahlreiche genoss, und sein Schreiben. Für dieses waren seine medizinischen Kenntnisse und Erfahrungen eine wahre Fundgrube, wühlte er doch auch in seinen Gedichten nur zu gerne in den menschlichen Eingeweiden und liess Körperteile und menschliche Absonderlichkeiten zu Poesie werden. 

Aber er konnte auch anders:

«Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.»

Habt einen schönen Tag!

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HIER ein älterer Beitrag zu Gottfried Benn.

150 Jahre Karl Kraus (28. April 1874)

Ich hebe mein Glas auf Karl Kraus, er würde heute 150 Jahre alt.

«Das Übel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht.“

Karl Kraus sicher kein einfacher Zeitgenosse, mit seinem kritischen Geist und seiner polemischen Art eckt er immer wieder an. Er ist einer, der mit seiner Meinung nicht hinterm Zaun hält, sondern immer wieder Mittel und Wege findet, den Finger in die Wunde des Systems zu stecken. Er will die Wahrheit hinter all den Lügen aufdecken, mit denen die Gesellschaft und die Politik den schönen Schein zu wahren versuchen. In dieser Rolle hängen ihm die Anhänger an den Lippen und die Gegner schimpfen ihn einen verbitterten Misanthropen. 

«Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, dass in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.“

Karl Kraus’ Waffe ist die Sprache und die setzt er bewusst und klar ein. Er verachtet die allgemein üblichen und nachlässigen Wendungen, sieht in ihnen den Ursprung für viele Missstände in der Welt. Sprache sollte nach Kraus ein Medium des Denkens, sie sollte kritisch betrachtet und sorgsam gewählt sein. So hielt er es in seinem Schreiben, das nie nur lose dahingesagte Texte, sondern messerscharf kombinierte Sätze sind. 

Habt einen schönen Tag!

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Ich hebe mein Glas auf: Virginia Woolf

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„Mein Tagebuch soll sein wie eine Reisetasche, in die ich ungeprüft allen Krimskrams hineinwerfe. Wenn ich später nachsehe, ist das Durcheinander wie von Geisterhand geordnet, gesintert zu einem Ganzen, so fest und unnahbar wie ein Kunstwerk – aber so transparent, daß das Licht des Lebens durchscheint.“

Heute vor 83 Jahren starb Virginia Woolf nach einem bewegten und produktivenLeben. Von Kind an musste sie sich mit Schicksalsschlägen und anderen Widrigkeiten umgehen, welchen die sensible Psyche des empfindsamen Mädchens nicht standhielten. Virginia wuchs in einem Haus auf, in welchem Schriftsteller und Künstler verkehrten. Schon bald war ihr klar: Sie will auch Schriftstellerin werden. Dieses Ziel verfolgte sie fortan konsequent, wurde sich bald bewusst, dass dieser Weg für eine Frau ungleich schwerer war als für einen Mann. Überhaupt stellte sie die ungleichen Massstäbe immer wieder fest, die an die beiden Geschlechter angesetzt wurden. Sie thematisierte dieses Problem immer wieder:

„Viele erfolgreiche Männer haben keine sichtbare Qualifikation, ausser der, keine Frau zu sein.“

Die Schwierigkeiten, mit denen sich eine schreibende Frau konfrontiert sieht, sind auch Thema ihres Essays „A Room of One’s Own“, aus welchem der berühmte Satz (der mir so aus dem Herzen spricht) stammt:

„Eine Frau braucht Geld und ein eigenes Zimmer, wenn sie Literatur schreiben will.“

Trotz fehlender Liebe heiratetVirginia Woolf, der Umstand, dass Leonard Woolf sie liebte, reichte ihr und gab ihr wohl, trotz widerstreitender Gefühle, Halt und sogar so etwas wie zeitweises Glück. Die beiden lebten fortan gemeinsam für die Literatur, sowohl als Schreibende als auch als Verleger. Virginia Woolf hinterlässt ein reiches Werk mit grossen Romanen, die die Psyche des Menschen ergründen wollen und dazu verschiedene Techniken (Montagetechnik, inneren Monolog, experimentelle Ansätze) verwenden. Auch ihre Tagebücher und Essays sind sehr zu empfehlen, sie überzeugen durch die Tiefe der Gedanken wie auch die Schönheit der Sprache.

Ich hebe mein Glas auf diese wunderbare Künstlerin!

Ich hebe mein Glas auf Peter Bichsel

„Mich hat eigentlich immer nur die Sprache interessiert.“

Das sagte Peter Bichsel in einem Interview über sein Schreiben. Damit wollte er ausdrücken, dass er lieber das Leben lebte, wie es war, statt es als Fundgribe für sein Schreiben zu nehmen. Dieses Leben, von dem er selbst sagte, es sei ein so langweiliges gewesen, dass es zu keiner Biografie tauge, jährt sich heute zum 89. Mal. Ich hebe mein Glas auf diesen wunderbaren Schriftsteller, der uns mit vielen wunderbaren kleinen Geschichten bereichert hat.