Sophie Schönberger: Zumutung Demokratie

Ein Essay

Inhalt

«Die ‘Herrschaft des Volkes’ setzt voraus, dass sich so etwas wie ein ‘Volk’ im Sinne einer demokratischen Gemeinschaft erst einmal konstituiert und als Kollektiv begreift.»

Eine Demokratie braucht, um wirklich gelebt zu sein, Gemeinschaft. Diese bedarf der Bereitschaft des Einzelnen, sich mit anderen zu verbinden und diese zu bilden. Es geht darum, den anderen als Verschiedenen und doch Gleichen zu akzeptieren und durch eine offene Kommunikation einen Gemeinsinn herauszubilden, der für alle verbindlich ist, auch wenn nicht alle derselben Meinung sind.

Diese Bereitschaft fehlt in der letzten Zeit, die Konfliktfähigkeit hat abgenommen und die Akzeptanz für andere Meinungen schwindet. Wie kam es dazu, dass das Vertrauen in den Staat mehr und mehr schwindet, und was können wir dagegen tun? Wie stark darf der Staat eingreifen in die Kommunikationsmöglichkeiten und -inhalte der Bürger, wo ist die Grenze der Freiheit des Einzelnen im Hinblick auf ein funktionierendes Miteinander?

Diesen und anderen Fragen geht der vorliegende Essay nach.  

Gedanken zum Buch

«Die Hölle sind die Anderen.»

Das wusste schon Sartre und es hat sich bis heute nicht geändert, im Gegenteil. Die anderen, die man nicht versteht, führen dazu, dass es eine Zumutung darstellt, mit ihnen zusammen zu leben. Dieses Nicht-Verständnis führt zu Abgrenzungen, zu Ausgrenzungen, zu Blasenbildungen und Meinungspolaritäten. Dies wird umso mehr verstärkt durch die aktuelle Zeit, in welcher persönliche Begegnungen immer mehr den digitalen weichen.

„Demokratie braucht Gemeinschaft.“

Um da Abhilfe zu schaffen, bedarf es der persönlichen Begegnung. In sozialen (Kommunikations-)Räumen, die den Anderen erfahrbar und dadurch vertrauter machen, entsteht ein besseres Gefühl für die Pluralität und doch Gleichheit der verschiedenen Mitglieder der Demokratie. Aus diesem Verständnis heraus kann sich die Gemeinschaft bilden und entwickelt einen Sinn für gemeinsame Interessen und Ziele für das Zusammenleben.

„Denn die elementaren Mindeststandards des Miteinanderredens, die das Strafrecht vorgibt, müssen auch in Zeiten des Medienwandels effektiv durchgesetzt werden, damit die Kommunikation in der demokratischen Gemeinschaft funktionieren kann. Diese Aufgabe muss der Staat auch als Mittel der Demokratiesicherung selbst wahrnehmen.“

Der Staat hat sich zu lange zurückgehalten bei der Einmischung in die kommunikativen Möglichkeiten und Auswüchse der digitalen Medien. Dadurch ist eine Kommunikationskultur entstanden, in welcher Blasenbildung, Meinungsmanipulation und Aggression sich ausbreiten konnte. Die notwendige Verantwortung für Eingriffe in diese den demokratischen Prozess gefährdenden Auswüchse überliess der Staat bislang zu stark privaten Akteuren. Die Sicherung der Demokratie verlangt aber eine staatliche Regulierung durch klare und rechtlich verbindliche Vorschriften, denn sie sind auch das demokratische Mittel und damit die Sicherung der Demokratiesicherung.

Fazit
Ein wichtiges Buch darüber, was Demokratie bedeutet, woran es heute mangelt und was man dagegen unternehmen kann. Ein Aufruf für mehr Akzeptanz, demokratieförderliche Kommunikation und wirkliche Begegnung.

Angaben zur Autorin
Sophie Schönberger ist Professorin für Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ko-Direktorin des Instituts für Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 189 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406800085

Keine Demokratie ohne Dialog

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Das hört man in der heutigen Zeit häufig und meistens werden als Grund dafür Corona und die deswegen vom Staat verhängten Massnahmen ins Feld geführt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses die Gründe für die Spaltung sind oder aber sie dieselbe, schon dagewesene, deutlich machten. Neu, davon bin ich überzeugt, ist diese Spaltung nicht, denn Spaltungen gab es immer, sowohl strukturell (arm-reich, das Patriarchat mit der Unterdrückung der Frau, etc.) wie auch in den Gesinnungen der Mitglieder der Gesellschaft. Sie teilen diese immer in zwei Lager: Dafür und dagegen.

Ich bin schon lange der Meinung, dass unser Verhalten einer Demokratie nicht würdig ist, dass wir mit unserer Art des Zusammenlebens die Demokratie gefährden und ad absurdum führen. Wenn man sich anschaut, was Demokratie bedeutet, ergibt sich folgende kurze Definition:

„Als demokratisch im weitesten Sinne bezeichnet man daher heute Machtverhältnisse, in denen Staatstätigkeiten (…) vom Volk durch die Wahl von Vertretern (Repräsentanten) und Vertreterkörperschaften ausgeübt wird, die auf mannigfache Weise (…) zustande kommen und verschieden zusammengesetzt sind. […] Demokratisch nennt man ferner innere Meinungsbildungsprozesse und Beschlussverfahren in Organisationen und Verbänden, zu welchen (analog zur demokratischen Staats- und Gemeindeverfassung) alle Mitglieder chancengleich Zugang haben und in denen sie gleichberechtigt mitwirken können.“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Nun gibt es verschiedene Formen der Demokratie, welche ich hier nicht weiter behandeln möchte. Relevant für mein Thema hier ist nur noch, dass in einer Demokratie freie Menschen frei wählen können und bei solchen Wahlen das sogenannte Mehrheitsprinzip zum Tragen kommt. Das heisst: Bei demokratischen Entscheidungen gilt, was von der Mehrheit der Wählenden (verfassungskonform) bestimmt wird. Dass dies nicht immer befriedigend ist für die Minderheit, die den Entscheid mittragen muss, liegt auf der Hand. Was aber wäre die Alternative? In meinen Augen keine, welche die Vorzüge einer Demokratie behält und etwaige Problematiken beseitigen könnte.

«Die Majorität hat viele Herzen, aber ein Herz hat sie nicht.» Otto von Bismarck

Zentral für eine funktionierende Demokratie ist in meinen Augen ein funktionierender Austausch zwischen denen, welche die Entscheidungsgewalt haben. Nur so kann es gelingen, eine Lösung für Probleme zu erhalten, welche für die grösstmögliche Mehrheit stimmt und für die kleinstmögliche Minderheit trotz allem tragbar ist.

«Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen.» Benjamin Franklin

Im Wissen darum, dass die überstimmte Minderheit die gefällten Entscheidungen mittragen muss, und in Anbetracht dessen, dass wir auch teilweise über Dinge entscheiden, die gerade die Minderheiten betreffen, ist es wichtig bei solchen Entscheidungen, dass die Minderheiten mit ihren Anliegen mitbedacht werden.

„Man ist gewöhnlich immer desto weniger republikanisch gesinnt, je höher der Rang ist, den man in der Welt bekleidet.» Georg Christoph Lichtenberg

Das Wissen um und das Ausnutzen der eigenen Übermacht ohne Rücksicht und Solidarität sind einer (als sozial verstandenen) Demokratie nicht angemessen. Da fangen die Probleme an, daran krankt in der heutigen Zeit die Demokratie:

Die Fronten sind verhärtet. Es scheint, als ob Menschen nicht mehr an einem Diskurs interessiert sind, als ob Dialektik ein vergessenes Gut und stures Beharren auf der je eigenen Sicht das einzige Anliegen ist. Andere Meinungen werden nicht mehr gehört, sie werden mit eigenen Argumenten in Grund und Boden gestampft. Nützt das nichts, wird der Anders-Denkende als Idiot bezeichnet und bevorzugt zum Schweigen gebracht – in den Sozialen Medien dadurch, dass man ihn ignoriert oder blockiert.

Ausgehend von meiner Hypothese, dass ohne Austausch keine (gelebte und gelingende) Demokratie möglich ist, bedeutet dies den Tod derselben. Wir müssen aber nicht mal in die Politik gehen, obwohl die Staatsform natürlich eine Sicherung der persönlichen Interessen einer Gesellschaft ausdrücken soll (im Idealfall) und damit natürlich relevant ist für den einzelnen Menschen. Schon die Gesellschaft ist eine grosse Gruppe, die oft zu abstrakt klingt. Wir leben darin, aber was ist sie konkret? Schauen wir uns also das Problem im kleineren Rahmen an: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders denken? Hören wir uns an, was sie zu sagen haben, wie sie zu ihrer Meinung kommen? Können wir ihre Meinung auch einmal stehen lassen und akzeptieren, dass wir in gewissen Punkten nicht einer Meinung sind? Oder stimmt für uns ein Miteinander nur, wenn einer den anderen überzeugt hat (bevorzugt wir den Anderen)? Die Vehemenz, mit welcher heute Diskussionen ausgefochten (die Kriegsmetaphorik ist bewusst gewählt) werden, besorgt mich.

«Die Demokratie ist die edelste Form, in der eine Nation zugrundegehen kann.» Heimito von Doderer

Was mich ebenso besorgt, ist, dass in solchen Diskussionen nicht nur nicht genau hingehört wird, sondern die Gegenargumente oft auch aus dem Zusammenhang gerissen, falsch wiedergegeben werden und der sie Äussernde durch solche Fehlzuschreibungen verunglimpft wird. Es ist gut und wichtig, eine Meinung zu haben, und eine Meinung muss auch vertreten werden, schliesslich steckt eine Überzeugung dahinter. Was ich aber vermisse, ist die Einsicht, dass wohl keiner allein in jedem Fall immer die ganze Wahrheit sieht oder alles wissen kann. Wer glaubt, Wahrheit erkenne man nur von einem (dem eigenen) Standpunkt heraus, muss auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist – oder hat er die Krümmung gesehen von da, wo er steht? Hinzuhören, wie man etwas auch noch anders sehen kann, oder wie es von einer anderen Warte aus gesehen wird, kann helfen, den eigenen Blick zu weiten. Das kann dazu führen, dass man merkt, dass die eigene Sicht richtig war, weil man im Gedanken des Anderen einen Denkfehler findet, es kann dazu führen, die eigene Sicht zu revidieren oder anzupassen, weil man merkt, dass man etwas nicht bedacht hat, oder es kann zu einer gemeinsamen neuen Meinung führen, welche mehr ist als nur die Summe ihrer Teile, sondern ein ganzheitlicherer Blick auf eine Welt, die so komplex ist, dass einer allein sie kaum je wird erfassen können.

Wenn wir das nun auf die Demokratie anwenden und darauf, wie Menschen, die diese gestalten sollen, agieren müssten, komme ich zu dem Schluss: Es wird uns nur gemeinsam gelingen, die Welt so zu schaffen, dass sie für all die, welche sie bewohnen müssen, eine gute Welt ist, in welcher jeder sich nach seinen Fähigkeiten als Gleichberechtigter entwickeln kann und die Chance hat, zu partizipieren. Dazu bedarf es eines offenen Dialogs unter als gleichwertig Anerkannten, die man als mit sich verbunden sieht, weil sie wie man selber auch, in eine Welt geworfen wurden, die sie sich nicht ausgesucht haben, in welcher sie nun aber ein gelingendes Leben leben möchten.

Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Inhalt

«Für den Menschen heisst Leben…’unter Menschen weilen’ (inter homines esse) und Sterben soviel wie ‘aufhören unter Menschen zu weilen’ (desinere inter homines esse).

In ihrem Werk «Vita activa oder Vom tätigen Leben befasst sich Hannah Arendt mit den menschlichen Grundtätigkeiten, damit, was Menschen tun, wenn sie leben. Sie unterteilt diese in drei Kategorien: Das Arbeiten (alles, was für den Lebenserhalt notwendig ist), das Herstellen (das Schaffen von überdauernden Gütern) und das Handeln (den Umgang von Menschen miteinander, das Tun und Sprechen zum Zwecke der Gestaltung der gemeinsamen Welt). Während Arbeiten und Herstellen notwendig sind für das Leben und Überleben in dieser Welt, ist Handeln das, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht. Es ist das tätige In-der-Welt-Sein als viele Menschen (Pluralität), durch welches sich das jeweilige Wer des einzelnen Menschen offenbart und sich gleichzeitig in das Wir einfügt.

Weitere Betrachtungen

«Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, dass er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unerrechenbar in die Welt bricht.»

Wir Menschen neigen dazu, das Leben als Kausalkette zu sehen. Dinge passieren, so denken wir, weil wir sie so geplant haben, weil aus dem vorher zwangsläufig dies oder jenes hervorgehen könnte. Kommt es anders, sind wir erstaunt, um dann eine neue Erklärung zu finden, wieso es so kam. Kierkegaard sagte dazu, dass sich das Leben immer nur rückwärts erklärt, aber vorwärts gelebt werden muss. 

Nun ist es nicht so, dass wir dem Leben willkürlich ausgeliefert sind, keine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten haben, sondern uns in die Dinge fügen müssen, wie sie sich darbieten. Es hilft aber, ein kleines bisschen Demut zu bewahren, wenn Dinge gelingen, denn sie hätten durchaus auch misslingen können – das gilt für uns selbst wie auch für andere. Nicht jeder, der im Leben nicht auf der Sonnenseite steht, hat dies selbst verschuldet, es ist nicht nur Dummheit, Faulheit oder mangelnder Wille, wenn Menschen durch die gesellschaftlichen Maschen fallen, sondern oft das Leben, das Menschen mit Schicksalen bedenkt, welche diese weder erwarten noch bewältigen konnten.

Dies im Blick, ist es an uns, dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft so aufgebaut ist, dass sie für diese Menschen Halt bietet, dass sie schaut, dass keiner durch die Maschen fällt, dass das Grundanliegen ist, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Wir haben nur diese eine Welt und wir können sie gemeinsam gestalten – was würde unser Leben für einen Sinn ergeben ohne sie?

«Jede menschliche Tätigkeit spielt in einer Umgebung von Dingen und Menschen; in ihr ist sie lokalisiert und ohne sie verlöre sie jeden Sinn. Diese umgebende Welt wiederum, in die ein jeder hineingeboren ist, verdankt wesentlich dem Menschen ihre Existenz…»

Hannah Arendt kritisiert die Verherrlichung der Arbeit, während das politische Handeln, welches erst eigentlich den Menschen und sein Leben in der Welt ausmacht, vernachlässigt wird. Sie betont die Notwendigkeit des Miteinandersprechens, da nur durch dieses die Möglichkeit besteht, die Welt zu gestalten.

Sie weist auf die Gefahren der modernen Massengesellschaften hin, in welchen nicht mehr Menschen miteinander sprechen, sondern die statt eines Jemands von Niemanden beherrscht werden, welche sich hinter bürokratischen Abläufen verstecken und damit jeglicher Verantwortung entgehen.

«Wo immer es um die Relevanz der Sprache geht, kommt Politik notwendigerweise ins Spiel; denn Menschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind.»

Indem Menschen einen öffentlichen Raum schaffen, in welchem sie gemeinsam über die geteilte Welt sprechen, betreiben sie Politik und nur insofern sind sie frei.

Fazit
Ein umfassendes, scharfsinniges und tiefgründiges Buch über das menschliche Tun und was es heisst, ein verantwortungsvoller und politisch aktiver Mensch zu sein.

Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Flüchtlinge – was ist wirkliche Hilfe?

Kürzlich las ich einen Artikel über die Schwierigkeiten von Flüchtlingen und wie wir als Land deren Menschen- und Grundrechte mit Füssen treten. Nicht nur sind die Unterkünfte oft bedenklich, fehlt es doch an Privatsphäre bei oft längerdauernden Kollektivunterkünften. Zudem: es gibt Rayonverbote, welche die Bewegungsfreiheit einschränken, sie dürfen teilweise öffentliche Einrichtungen wie Freibäder besuchen. Abgewiesene Flüchtlinge müssen zweimal täglich einen Antrag für Nothilfe stellen – und diese reicht kaum zum Überleben, von Leben ganz zu schweigen, vor allem mit Kindern. Und so weiter. 

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“ (Hannah Arendt)

Die Thematik ist nicht neu, ich mache mir immer wieder Gedanken dazu, und ich überlegte, ob ich dazu schreiben soll, mich in irgendeiner (mehrheitlich schriftlichen) Form engagieren soll. Da kamen sie, die Gegenargumente: Das bringt nichts, damit ist keinem Flüchtling geholfen. Die sitzen noch immer in ihren Notunterkünften, haben nichts zu essen. Hilfe wäre nur, wenn ich einen oder zwei privat bei mir aufnähme. 

Meine erste Reaktion war ein spontanes innerliches Nein, da ich an die Macht und Kraft des Wortes glaube, da ich überzeugt bin, dass gewisse Dinge auch gedacht und gesagt werden müssen, um ein Bewusstsein zu schaffen, so dass sich Menschen (und immer mehr Menschen, es gibt grosse Widerstände) für eine Verbesserung der Situation einsetzen. Doch dann schwankte ich. Gab innerlich meinen Plan auf. Und war betrübt. 

Aber nein! Wenn ich einen Flüchtling aufnehme, ist KEIN Problem gelöst, nicht mal langfristig das dieses einen Flüchtlings. Wenn sich nicht unsere politischen Strukturen ändern, der grundsätzliche Umgang mit Flüchtling menschenwürdiger wird, sind das gut gemeinte Hilfsangebote für den Moment – aber dann? Flüchtlinge sind oft mehrere Jahre da. Ich denke nicht, dass es wirklich angemessen ist, diese so lange in einem Privatzimmer unterzubringen. Auch die Probleme des alltäglichen Lebens, des Berufsverbots, der schikanös anmutenden Formalitäten wäre damit nicht gelöst. 

In einer Stadt am Bodensee hat man, um die Situation mit den ankommenden Ukrainern zu bewältigen, zwei Stellen eingerichtet, die sich um die Flüchtlinge kümmern und alles organisieren sollen. Das ist grossartig, nur fehlt den beiden die Entscheidungskompetenz und so können sie wenig mehr tun, als auf notwendige Formulare hinweisen. Andernorts wurden Gelder bewilligt für Kost und Logis, nur fliessen diese nicht. Wieder andernorts weiss man nicht genau, was passiert, wenn die Menschen ärztliche Hilfe oder Medikamente brauchen. Alle sind guten Willens, alle nicken verständnisvoll mit dem Kopf und jede Stelle schiebt es einer anderen zu, welche zuständig wäre.

Solange es Nationalstaaten gibt, wird es Kriege geben. Solange es Kriege gibt, die von Nationalstaaten gegen andere geführt werden, wird es Menschen geben, die fliehen müssen. In Anbetracht dessen sollten wir uns um strukturelle, politische, rechtliche Lösungen kümmern, die genau festlegen, was passiert, wenn ein Mensch, der aus einem anderen Land fliehen musste, hinmuss, so dass diesem Menschen von Anfang an ein menschenwürdiges Leben möglich ist. Natürlich kann man mit Übergangslösungen arbeiten, aber auch die müssen klar definiert und menschenwürdig sein.

Menschen, die fliehen mussten, sind nicht Menschen zweiter Klasse, sie brauchen keine Almosen, sie sollen nicht Bittsteller sein müssen, sie sollen nicht auf gut Glück auf die Hilfe Einzelner, die zufällig kommen oder eben auch ausbleiben kann, hoffen müssen. Sie sollten nicht Opfer eines nicht auf sie vorbereiteten Systems werden, sondern sich als Menschen mit einem «Recht, Rechte zu haben», wie Hannah Arendt sagte, fühlen. Weil ihnen das zusteht. Als Menschen, als gleichwertige Mitglieder der Menschheit, die schlicht weniger Glück hatten, damit aber nicht weniger wert sind.

Und so komme ich zum Schluss: Es gibt viele Arten von Engagement und jeder sollte tun, was er am besten kann – das gemeinsame Ziel im Blick. Aber DAS ist wichtig. Die einen suchen nach Lösungen mit Blick auf die ethischen, praktischen und menschlichen Probleme, die anderen können Lösungen in Rechte und Strukturen umsetzen, die dritten können alles ausführen. Nur so werden wir in Zukunft auf eine ethisch vertretbare Weise damit umgehen können, Menschen als Menschen bei uns aufzunehmen, die ihre Heimat verloren haben.

Tagesgedanken: Gemeinsam für die Welt einstehen

Ich blicke jetzt auf einen Monat schlechtes Wetter zurück hier in Spanien. Einen Monat hat sich die Sonne kaum gezeigt, es war grau, windig, es regnete, von den Sandstürmen reden wir besser nicht, der Sand sitzt noch immer überall. Und ich frage mich, ob das einfach eine schlechte Wetterlage war, wie es mal passieren kann, oder ob das mit dem Klima zu tun hat, das aus den Fugen ist. Ich weiss es nicht. Die Frage ist, ob es wichtig ist, dass ich es weiss. Selbst das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass wir uns um das Klima kümmern sollten, dass wir dringend unseren Lebenswandel, unsere Ressourcenverschwendung, unser Sein auf dieser Welt überdenken müssten. Ich glaube, das ist allen klar, wir bestätigen es uns gegenseitig – und belassen es dann meist dabei. Wir sind ja nur klein, die Frage zu gross, machen können wir sowieso nichts. Zudem: Auf uns hört ja sowieso keiner.

Es ist eine Machtlosigkeit in der Welt, eine Hilflosigkeit und auch ein mangelndes Vertrauen in die Politik. Oft sprechen wir von denen da in der Politik, während wir uns als die hier sehen. Dazwischen ist ein grosser Graben, wir sehen wenig Verbindung. Das ist gerade für ein politisches System wie eine Demokratie natürlich eher schlecht, da diese von der Teilhabe der Bürger, welche sie ausmachen per Definition, leben würde. Ich mag in dem Zusammenhang Hannah Arendts Definition von Politik. Sie schiebt sie gerade nicht den Politikern zu, sondern sagt, dass Politik überall da betrieben wird, wo Menschen miteinander als Verschiedene über eine gemeinsame Welt diskutieren. In ihren Worten:

„Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Statt uns hinter unseren Meinungen zu verstecken, andere nicht zuzulassen und die Welt den Politikern zu überlassen, wäre es wünschenswert, die eigene Verantwortung wieder wahrzunehmen und im Wissen, dass jeder genauso betroffen ist von dieser Welt, mit anderen in den Dialog zu treten – gerade um auch andere Sichtweisen kennenzulernen. Nur aus verschiedenen Perspektiven lässt sich die Welt erfassen.

Wir leben in einer Welt, die eng vernetzt ist. Finanzmärkte hören nicht an Landesgrenzen auf, ebensowenig ist das Klima ein national beschränktes Problem. Diese Globalisierung bringt nicht nur eine grössere Weltreichweite mit sich, sie führt auch dazu, dass wir unsere Probleme global angehen müssen, sprich: Wir können ökonomische und ökologische Themen nicht mehr nur national abhandeln, wir müssen den globalen Dialog und eine gemeinsame Lösungsstrategie suchen.


Buchtipp: Ned O’Gorman: Politik für alle. Hannah Arendt lesen in unsicheren Zeiten, Nagel und Kimche, München 2021.

Die beste aller möglichen Welten

Hier in Spanien gibt es in den Felsen der Hügel Höhlen. In diesen Höhlen wohnen Menschen, die sonst kein Zuhause haben in der Welt. Gestern erzählte mir jemand von einem jungen Mann aus Dänemark, der in einer solchen Höhle lebt. Er spricht ein wenig Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, hält sich mit einigen Gelegenheitsjobs soweit über Wasser, dass er nicht verhungert. Seine Schuhe haben Löcher, so dass die Zehen rausschauen. Alles, was er hat, trägt er bei sich – es ist wenig.

Vor dem Einkaufszentrum, in welchem ich hier meine Lebensmittel einkaufe, sitzt seit Jahren Tag für Tag ein Mann in ausgeleierter Kleidung, mit verfilzten Haaren. Bei ihm sind seine zwei Hunde. Er sitzt da bei den Einkaufswagen, hilft ab und zu, wenn jemand Hilfe benötigt, spielt ansonsten auf dem Handy. Wir grüssen uns immer freundlich, wir kennen uns und wissen doch nichts voneinander.

Ich frage mich immer wieder, wie es soweit kommen kann. „In unseren Breitengraden wird jedem geholfen, da muss keiner so enden.“ Das hörte ich grad gestern wieder. Und ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass einer von den Menschen hier in den Höhlen sich als Lebensziel gesetzt hat, da zu landen. Als ich davon anfing, dass es möglich sein muss, unsere Wirtschaft so zu verändern, dass wirklich allen geholfen ist, wurde ich als naive Philosophin hingestellt. Nun ja, ich sage nicht, dass es einfach ist, aber ich bin überzeugt, dass es theoretisch möglich sein müsste. Ich bilde mir nicht ein, dass ich diese Lösung als einzige finden würde, aber darüber nachdenken möchte ich. Zumal ich denke, dass der erste Schritt in eine bessere Welt das wachsende Bewusstsein ist, das geweckt werden muss. Nicht nur in Bezug auf die Armut in der Welt, sondern auch in Bezug auf unsere ökologischen Probleme, die dringend einer Lösung bedürfen, wollen wir unsere Welt nicht an die Wand fahren. Die Lösungen müssen nachhaltiger sein als einfach Benzin durch ebenso schädliche Autobatterien zu ersetzen. Es reicht nicht, Oberflächenkorrekturen vorzunehmen, wir müssen in die Tiefe steigen:

Was hat welche Wirkung, was brauchen wir, welche Mittel haben wir, das zu erreichen und wie setzen wir es um. Ich möchte daran glauben, dass ich nicht einfach eine naive Philosophin bin, sondern dass es gelingen kann, die Welt zu einer zu machen, in der wir alle ein gutes Leben leben können. Auch die nachfolgenden Generationen.

Als ich gestern meine Hoffnungen für eine bessere Welt mit weniger Armut äusserte, kamen doch auch Reaktionen, dass diese utopisch sei – weil schon so lange nicht realisiert. Ich frage mich: Was ist die Alternative? Die Welt dem Abgrund geweiht zu sehen und schon mal vorsorglich reinzuspringen? Das möchte ich nicht glauben. Ich habe mich bislang im Leben nicht als Optimisten gesehen, wobei ich wohl auch kein Pessimist bin – und doch möchte ich mich hier zur optimistischen Seite zählen, frei nach dem Spruch von Theo Lingen:

„Lieber ein enttäuschter Optimist, als ein Pessimist, der recht hat.“

Wir leben in einer Welt mit verschiedenen Ungleichgewichten: arm – reich, Frau – Mann, Schwarze – Weisse, Mensch – Natur, Staat – Wirtschaft. Im Vergleich zu früher haben wir in verschiedenen Punkten Verbesserungen erreicht (das Patriarchat ist rechtlich abgeschafft, in den Köpfen muss noch einiges gehen, Rassismus ist mehr ins Bewusstsein gerückt, etc. ), was Hoffnung auf mehr macht, in anderen Punkten wurde es eher schlimmer (die Ausbeutung der Natur schreitet voran), in meinen Augen aber nicht hoffnungslos. Was sicher ist: Um Veränderungen zu bewirken, bedarf es eines Umdenkens. Wir müssen weg von der Mentalität, dass der Staat unsere Bedürfnisse befriedigen muss, hin zu einem Denken für mehr Gemeinwohl. Weg aus der egozentrierten Selbstoptimierungshaltung hin zu mehr Gemeinsinn. Wir müssen hinsehen und erkennen, welchen Beitrag wir selber leisten. Und wir müssen bereit sein, etwas zu verändern, auch wenn wir selber dadurch Einschränkungen erleben. Wir haben das Glück, in einer Demokratie zu leben, was die wohl einzige Staatsform ist, die Möglichkeiten bietet, gemeinsam Probleme zu bewältigen. Dazu müssen wir uns aber auch einbringen und in den Dialog treten.

Martha Nussbaum: Königreich der Angst

Gedanken zur aktuellen politischen Krise

Inhalt

„Wenn Menschen Angst voreinander und vor einer unbekannten Zukunft haben, führt dies leicht dazu, dass ein Sündenbock gesucht wird, dass Rachefantasien und ein giftiger Neid auf die Bessergestellten (seien es die Wahlsieger oder die sozial und wirtschaftlich Mächtigeren aufkommen.“

Wir leben aktuell in einer Welt, durch die ein tiefer Riss geht. Die gesellschaftliche Spaltung zeigt sich in verschiedenen Bereichen, sie vergrössert sich in den Verhältnissen von arm und reich, aber auch in den verschiedenen Gesinnungen der Menschen. Menschen bilden Gruppen und stellen sich gegen andere Gruppen, man befeuert sich gegenseitig innerhalb der eigenen Gruppe, der Dialog mit der anders denkenden fällt aus. Das Gefühl eines Miteinanders im Grossen ist schon lange Geschichte und die Gräben werden immer tiefer.

Wie kam es dazu? Was hat dazu geführt, dass sich Menschen immer mehr voneinander entfernen und entfremden? Martha Nussbaum geht diesem Problem auf den Grund und kommt zum Schluss, dass politische Vorgänge immer auf Emotionen gründen, allen voran rangiert die Angst. Menschen sehen sich durch die zunehmende Globalisierung immer machtloser und kleiner, sie fürchten um ihren Platz in der Welt. Aus Angst heraus suchen sie Schuldige für diese Gefühle und finden sie auch: Andere Rassen, Geschlechter, Religionen, etc.

Wir müssen diese Mechanismen erkennen, damit wir sie aus der Welt schaffen und wieder zusammenwachsen können. Martha Nussbaums Buch ist ein guter Weg dahin.

Weitere Betrachtungen

„Die Schuldzuweisung gibt uns eine Strategie an die Hand: Jetzt werde ich meinen Willen mit Toben und Lärmen durchsetzen. Doch sie drückt auch ein ihr zugrunde liegendes Bild von der Welt aus: Die Welt sollte uns geben, was wir verlangen. Wenn Menschen das nicht tun, sind sie böse.“

Niemand ist gerne machtlos, man möchte etwas tun, man möchte sich die eigene Welt sichern und sich in der Welt, in der man lebt, zu Hause fühlen. Aus dieser Hilflosigkeit und Angst heraus begehren wir auf, wir nutzen soziale Medien und die Kraft der Gruppe, um unseren Unmut kundzutun. Wir fühlen uns in der Gruppe stark und gehen gegen die Sündenböcke los. Und bei dem Unterfangen erwarten wir, dass der Staat hinter uns steht. Er soll uns die Welt bereiten, die wir uns wünschen. Tut er das nicht, unterstellen wir ihm falsche Interessen und Prioritäten.

In dieser Haltung zeigt sich eines deutlich: Der Mensch sieht sich als Konsument in einer Welt, die für ihn wie ein Markt funktionieren soll. Während laut Forderungen zur Befriedigung der eigenen Interessen gestellt werden, schwindet die aktive Teilhabe an politischen Vorgängen immer mehr.

„In allen Gesellschaften werden Gruppen von Menschen marginalisiert und als zweitrangig behandelt… Im Gegensatz dazu ist in modernen Demokratien die. öffentliche Norm in der Regel eine des gleichen Respekts und der gleichen Berücksichtigung. Wenn es zur Herabstufung einer Gruppe kommt, verletzt dies die eigenen Gerechtigkeitsnormen der Gesellschaft.“

Die Demokratie ist die Staatsform, in der die Macht beim Volk liegt, sprich, das Volk hat es durch seine Teilhabe in der Hand, die Umstände im Sinne der eigenen Werte zu gestalten. Die Verfassung ist Ausdruck dieser Werte, die Umsetzung kann durchgesetzt werden. Dazu bedarf es aber der aktiven Teilhabe durch staatliche Rechtsmittel, lauter Protest und innerstaatliche Grabenkämpfe sind da wenig hilfreich.

Wir müssen aufpassen, denn:

„Die Demokratie kann zerbrechen, wenn wir der Angst nachgeben.“

Persönlicher Bezug

„Sokratisches Denken ist eine Praxis der Hoffnung, weil es eine Welt des Zuhörens, der leisen Stimmen und des gemeinsamen Respekts vor der Vernunft schafft.“

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir wieder miteinander reden und gemeinsam für die gute Sache kämpfen. Ich wünsche mir eine Welt, in der nicht der recht hat, welcher am lautesten schreit, sondern wir durch das Zusammentragen von verschiedenen Stimmen eine gemeinsame Lösung finden. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir einander wieder zuhören, voneinander lernen, aneinander wachsen. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir uns nicht immer weiter voneinander entfernen, sondern wieder mehr zusammenwachsen.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Angst und deren gefährlichen Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Mit ihrem umfangreichen Werk hat sie mehrere Literaturpreise und über sechzig wissenschaftliche Ehrengrade erhalten und gilt als eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart.

Angaben zum Buch
Herausgeber: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (14. Januar 2019)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Übersetzung: Manfred Weltecke
ISBN-Nr.: 978-3806238754

Die Welt nach Corona – oder: Es bleibt, wie es war

„Wenn ich auf Twitter so lese, wer wen Corona zum Tod vorwerfen würde und dabei lächeln… die Welt wird auch nach Corona keine friedlichere sein… die Menschen haben NICHTS begriffen“

Das schrieb ich heute auf Twitter. Und nein, es fiel mir nicht leicht, nur: Es ist meine persönliche (leider) und fachliche (ebenfalls leider) Meinung. Ja, es gibt in der heutigen Zeit viel sich zeigende Solidarität. Wenn man aber genau hinschaut, kommt sie meist von Menschen, die vorher schon auf einem sehr mitmenschlichen und solidarischen Weg unterwegs waren. Vielleicht noch mehr im Versteckten, vielleicht auch wenig gelebt, nur gedacht – aber vorhanden. Es ist wunderbar zu sehen, wie plötzlich Menschen sich um Nachbarn kümmern, wie im Netz Angebote entstehen von Künstlern (sicher auch anderen, das ist die Szene, die ich am besten kenne), die Kurse, Tutorials und Ideen gratis bereit stellen, damit aus dem Leben geworfene und mit neuen Situationen konfrontierte Menschen ein Angebot haben, damit umzugehen. WUNDERBAR!

Es gibt aber auch andere. Die nun ihr Angebot (das wohl vorher nicht so optimal lief) inflationär bewerben und mit Prozenten locken. Ich sage nicht, dass das nicht legitim ist, es ist immer noch ein gangbarer und sauberer Weg – schlussendlich müssen wir alle überleben. Aber es gibt auch die noch anderen. Die, welche sehen, was alles zu holen wäre durch die Krise. Mieterlässe, Zuschüsse, Unterstützung – und die Möglichkeit, da wo sie selber Geld zahlen müssten, einzusparen. Und selbst wenn sie selber keine Einbussen haben, setzen sie andere auf Mindestlohn oder entlassen ganz, schnorren bei den anderen um Erlässe, Zinsen und Unterstützung. Ohne Not, einfach, weil es geht.

Wir können gut applaudieren, weil Krankenschwestern gute Dienste leisten. Im Moment sind wir uns auch sicher, dass Coiffeure einen guten Dienst leisten. NUR: Wenn das alles vorbei ist: Wollen wir dann höhere Prämien zahlen, damit Krankenschwestern einen besseren Lohn erhalten? (Und nein, ich bin nicht so naiv, dass ich denke, dass die höheren Prämien denen zugute käme, nur: Selbst wenn es so wäre, würden wir es nicht zahlen wollen – und viele auch nicht können).

Ich lese auf Twitter immer mal wieder: Ach, wenn die und der durch Corona sterben würde, wäre das ein gelöstes Problem. Und ich denke bei mir: Ich mag nicht mit jedem auf einer Welle schwimmen, das tue ich wohl langfristig und auf die ganze Welle betrachtet mit quasi keinem, nur: Ich würde KEINEM den Tod wünschen. Nicht mal im Spass! Und so lange das so ist und sogar auf so viel Zustimmung und Applaus stösst, sehe ich keine Änderung in Sicht. Es bleibt der oben, der oben sein kann, dazu sind ihm alle Mittel recht. Auch der Tod derer, die nicht in seinem Sinne handeln. Frei nach Macchiavelli: Der Zweck heiligt alle Mittel.

Nun kann man sagen: Das sind nur Worte, das ist nur Spiel und Spass – nur: Am Anfang war das Wort – oder: Die latente Wahrheit der Sprache: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Jeder Witz gründet auf einer Wahrheit – gäbe es die nicht, würde man den Witz gar nicht verstehen.

Die Demokratie hat sich ausgelebt

In einem eher links orientierten (so stand es in den Medien) Cafe wurden zwei Politiker einer eher rechts ausgerichteten Partei attackiert von Linksextremen. Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Anhänger einer Gesinnung gehen dahin und gehen mit Gewalt gegen die vor, welche anderer Meinung sind. Weil sie denken, sie seien im Recht mit ihrer Meinung und diese die einzig Wahre.

Das ist nicht demokratisch!

Demokratie beruht immer auf einem Konsens. Im weitesten Sinne. Um die grösstmögliche Schnittmenge der Meinungen zu erreichen bedarf es des Dialogs. Wir brauchen keine Arena-Diskussionen, in welchen alle möglichst den anderen mit Argumenten totschlagen wollen. SO funktionieren auch andere Podiumsdiskussionen. Es wird mehr gegen den Mann geschossen, als zu verstehen versucht, was er denkt und wieso. Es wird wenig nachgedacht und gemeinsam reflektiert, sondern schlicht nur die eigenen, für sich in Stein gemeisselten Argumente um sich geschossen. Oft mit süffisantem Unterton und ebensolchem abwertendem Grinsen im Gesicht.

Oft scheint es gar nicht so sehr um die Sache zu gehen und vielmehr darum, erstens sich selber, zweitens die eigene Partei ins Rampenlicht zu rücken. Sind es wirkliche Überzeugungen? Wenn es diese wären, könnte man sich doch ruhig die Argumente anderer anhören. Und sie sogar überdenken. Was hätte man zu verlieren? Aber nein. Man will sich bestätigt sehen. Koste es, was es wolle. Schliesslich macht der Karriere, der am lautesten propagiert und von den Meisten gehört wird.

Und ganz oft… ist all das nur ein Alibi, um das auszuleben, was tief drin brodelt. Gerade bei solchen Attacken. Da steckt wenig Überlegung dahinter, denn diese wäre so überlegt, nicht über die Tat zu Wort zu kommen. Das ist der eigene Frust am eigenen – oft wohl versauten – Leben, der Neid auf die, welche ihres nicht versaut haben, der dann in Ausbrüchen ihren Ausdruck findet. Und so lässt sich eine Demokratie schlicht nicht leben.

Schon Platon fand die Demokratie zum Scheitern verurteilt. Kant sah ein miteinander Entscheiden für eine friedliche Gemeinschaft dann als sinnvoll, wenn die Gruppe nicht zu gross ist. Doch irgendwann geht es schlicht nicht. Platon plädierte für einen Philosophenkönig. Einer, der ohne eigene Interessen das Gemeinwohl im Auge und die nötigen Schritte dazu im Blick hätte. Doch: Wo finden?

Demokratie ist eine wunderbare Sache. Nur funktioniert sie nur miteinander. Und zwar in einem Miteinander, in welchem alle mit allen sprechen. Ein Miteinander, in dem man nicht all die entfreundet auf Facebook, die nicht der gleichen Meinung sind, ein Miteinander, in welchem man den anders Denkenden keinen Wein über den Kopf giesst. Ein Miteinander, in dem man sich für den anderen, seine Meinung, seine Gefühle, die dazu geführt haben, interessiert.

Es wäre wunderbar, kämen wir wieder dahin. Dazu bräuchten wir aber eine entsprechende Bildung. Eine, die Kinder aufruft, zu sich und ihrer Meinung zu stehen, nicht irgendwelchen Dogmen zu folgen, die irgendwer mal aufgestellt hat. Eine, die Kinder dazu aufruft, auch anderen zuzuhören, aber immer im Wissen, dass auch ihnen zugehört wird. Eine Bildung, die Kinder autonom werden lässt, dabei auch auch immer den Wert des Dialogs aufzeigt. Indem eben nicht der Lehrer sagt, alle folgen. Aus solchen Schülern, die blind Lehrern folgen, werden Bürger, die blind Politikern folgen. Sie haben in der Schule gelernt: Folge ich nicht, bin ich auf der Abschussliste. Und da sollte ich tunlichst nicht hin.

Und so schwimmt jeder im gerade förderlichen Strom. Und wir lassen die Demokratie vor die Hunde gehen.

Schweizers Sicht auf Österreich (2019)

Er war einmal Kanzler,
er war es nur kurz,
so hiess er ja auch,
doch das ist nun schnurz.

Er ging bald ganz schnell,
so knapp nach nur kurz,
es war nicht sehr lang,
es war schlicht nur kurz.

Was nun nur noch zählt,
ob lang oder kurz,
ist was nun denn wird;
wohl wieder nur kurz?

Ob dieses Mal lang,
oder wieder nur kurz,
man wird es wohl sehn,
es ist eigentlich schnurz.

Ein Kommen und Geh’n,
und keiner versteht’s,
man tut, was man soll,
es kommt, wie es muss.

©Sandra Matteotti

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wir haben gerade einen 1. Mai hinter uns. Tag der Arbeit, Kampftag der Arbeiter, an dem sie für ihre Reche einstehen. Ins Leben gerufen 1889, durchlief er mehrere Stationen durch die Zeit. Heute ist er mehrheitlich dafür bekannt, dass Ausschreitungen stattfinden, irgendwelche Chaoten Veranstaltungen stören, Dinge zerstören, Unruhe stiften. Konkrete Sachthemen stehen zwar auf der Agenda, schaffen es aber kaum ins mehrheitliche Bewusstsein, das wird mit Medienmeldungen über Ausschreitungen gespeist.

Dieses Jahr stach mir eine ins Auge: Ein Journalist der Weltwoche wurde von einer Gruppe Linksautonomer angegangen. Mehrfach. Nun ist die Weltwoche sicher ein sehr polarisierendes Blatt (man möchte fast fragen, welchem Blatt heutzutage die Gesinnung nicht gleich schon offen zu Gesichte steht….), nur: Erklärt oder entschuldigt das was?

Ich glaube kaum, dass einer derer, die da Pflastersteine werfen und Dinge zerstören, nur eine leise Ahnung der Geschichte des Tages haben. Ich glaube weiter nicht, dass es ihnen um irgendwas geht, als nur darum, Krawall zu machen, Aufmerksamkeit für sich und nicht für eine Sache zu erregen.

Der Tag der Arbeit wäre dazu da, aufmerksam zu machen für die, die arbeiten. Wie schrieb schon Victor Adler in der Arbeiter Zeitung 1890:

„Er ist sehr schön, der 1. Mai, und die Tausende von Bourgeois und Kleinbürgern werden es den Hunderttausenden von Proletariern gewiss gerne vergönnen, sich auch einmal das berühmte Erwachen der Natur, das alle Dichter preisen und wovon der Fabrikszwängling so wenig bemerkt, in der Nähe zu besehen.“

Nur weiss man schlicht nichts mehr davon. Es geht schon lange nicht mehr um die Sache, es geht um eigene Aufmerksamkeit. Was sich da „Linke“ nennt, hat mit Politik wenig zu tun, es ist eine Selbstdarstellung eigener Mängel, es arten einige wenige aus, weil sie selber es nirgends hin kriegten und nun die Gesellschaft dafür anklagen wollen. Oder vielleicht ist schon das zu hoch gegriffen: Sie brauchen schlicht ein Ventil, ihrem Frust ein Tor zu bieten.

Ich sage nicht, dass ich es nicht verstehe – im Kern. Wir leben in einer Welt, in der ganz viele auf der Strecke bleiben, noch mehr ausgesaugt werden, bis sie in einem Burnout enden. Wir leben in einer Welt, die auf Profit gepolt ist, den Menschen über die Klippe springen lässt – wenn es dem Profit dient.

Nur: Hier stehen Werte auf dem Spiel. Wir haben nur die eine Chance, uns auf diese zu berufen. Das Leben ist logischerweise kein Wunschkonzert, und ja, es ist mitunter hart. Und ja, man hätte es gerne ab und an anders, nur: Man müsste dann auch was tun. Autos in Flammen setzen reicht da nicht, man brauchte einen Plan. Es sind nie nur die anderen die Bösen, man selber kann auch was bewirken. Das klappt schlicht nur, wenn man sich nicht nur als Opfer des Systems sieht.

Ich mag unser System, wie es ist, auch nicht. Und ja, ich sehe auch Handlungsbedarf. Nun aber in blindem Aktionismus die Rechte zu zerstören, die gerade wichtig wären, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ich wünschte mir da mehr Nachdenken, mehr Tiefe, mehr Substanz.

Wir werden vielleicht nicht das Ideal schaffen, aber wir können definieren, wo wir hin wollen. Und den Weg dann Schritt für Schritt in Angriff nehmen. Dafür müssen wir aber offen bleiben. Und im Dialog. Entwicklung findet nie im eigenen, eng umzäumten Universum statt, sie braucht die Inspiration von aussen.

Schubladendenken….

Ich habe mich heute durch Pinterest gesucht. Ich mag die Plattform als Ideenlieferant in verschiedenen Bereichen – all meinen vielfältigen (Fotografie, Essen, Wein, Interior Design, Literatur….) halt. Heute war der Schwerpunkt auf den Rezepten.

Mir wurde schon beim Hinschauen ganz schwummrig:

Vegan, glutenfrei, Low Carb, Low Fat, proteinreich…

Danach teilt man heute Essen ein. Nicht natürlich, saisonal oder gar – Gott behüte: Schmeckt fantastisch.

Wir Menschen scheinen Labels zu brauchen, denen wir uns dann selber zuordnen. Im Leben sind wir erst mal unser Beruf, dann haben wir noch private Rollen als Mutter, Ehefrau, Geliebte oder Single inne… wir sind kaum je Mensch, schon gar nicht geniessender. Noch weniger das Leben geniessender.

Wir leben dieses Leben und suchen uns unsere passenden Schubladen, in die wir uns dann stecken – oft auch stecken lassen. Und da machen wir es uns dann bequem und verteidigen die Wände der Schubladen. Kann ja nicht sein, dass es eine Welt ausserhalb der Schublade gibt. Wo kämen wir da hin? Das wäre Lotterleben ohne Grenzen. Und: Wir wüssten nicht mehr, mit wem wir noch sprechen und mit wem nicht, denn:

Das könnten wir nun genau bestimmen. Alle mit gleichem Schubladendenken sind die Guten, die mit fremdem lehnen wir ab. Vehement. Oft mit Hashtag, das macht man heute so. Beispiel aus einem anderen Bereich:

#wirsindmehr

Dabei kümmert die Frage nicht, wer genau „wir“ ist und wer dann „die anderen“. Es geht auch nicht drum, differenziert hinzuschauen. Kritik mag man schon gar nicht, schliesslich meint man es gut. Und findet: Wir müssen nun hinstehen. Mauern bilden, Stellung beziehen und ausgrenzen. Alle, die nicht denken wir wir, sind draussen. Woraus eigentlich? Und worin sind wir? Und was machen „wir“ (wer auch immer das ist) da genau, ausser einen Hashtag befüttern?

Bei „füttern“ fällt mir ein, dass da ja was war. Ich wollte was essen. Nur:

Ich habe auf alles mal wieder keine Antwort, ich stelle nur Fragen. Davon mal wieder gar viele:
Wer bin ich?
Was will ich?
Wer sind wir?
Wofür stehen wir genau ein?
Was tun wir dafür?
Wer sind die anderen?
Und: Was essen wir heute?

Welt – quo vadis?

Vor einigen Monaten schaute alles nach USA und schimpfte lauthals. Wie konnten sie nur. Wie konnten sie nur so blöd sein, einen Menschen wie den an die Macht zu wählen. Nun war Wahl in Deutschland. Was passierte? Die AFD ergatterte 13% – so die aktuelle Hochrechnung, es könnte noch ein wenig schwanken.

Drittstärkste Partei? Echt jetzt? Während manche sich im Vorfeld übermässig über die Kanzlerin ausliessen (eine wirkliche Alternative gab es ja nicht), zog die AFD einfach vorbei…. Einmal mehr haben vielleicht pseudoplakative Scheingefechte verursacht, dass etwas Macht gewann, das niemals an selbige hätte gelangen dürfen.

Lernen wir was draus? Vermutlich nicht.

Ich bin leider nicht erstaunt, aber sehr besorgt. Wir leben keine Demokratie mehr. Die, welche gemässigt und menschenfreundlich denken, blockieren alle, die das nicht tun. Die, welche Ängste haben und ihre Pfründe schützen wollen, gehen so ungehemmt weiter. Wir lassen uns aus über kleinere oder grössere Übel, lassen dabei aber das grösste einfach mal durchmarschieren. Wir urteilen über die anderen, während wir selber genauso Mist bauen.

Wo soll es hinführen? Wir leben in einer Welt, in der sich die USA und Nordkorea Sandkastengefechte liefern, die leider nicht im Sandkasten ausgetragen werden, sondern globale Konsequenzen haben können. Wir sind soweit, dass ein Putin als Vernünftigster im Umzug erscheint. Nur schon das müsste einem zu Denken geben. Ein Machthaber, der jegliche Menschenrechte missachtet, der nicht Gleichgesinnte mit fadenscheinigen Begründungen aus dem Verkehr zieht – die Kette wäre unendlich länger – steht plötzlich da und man denkt: Wenigstens einer sieht, was passiert.

Ja, ich mache mir Sorgen. Wobei: Wenn dieser verrückte Nordkoreaner die Welt in die Luft sprengt – who cares? Alle Merkelgegner können aufatmen, sie ist nicht mehr relevant, die AFD ebensowenig, auch Trump ist Geschichte. Wir alle mit. Und wenn das doch zu radikal ist, sollte man vielleicht mal anfangen, die wirklichen Gefahren zu sehen und da anzusetzen. Merkel mag nicht optimal sein, aber die Probleme liegen tiefer. Da schwelen sie und untergraben alles, was wir mal unsere Werte nannten. Und das tut sie nun weiter. Merci, danke!

Zur Wahl in Deutschland

Ich wage es nun mal: Ich sah grad Frau Merkel unter Kindern. So menschlich, so echt. Ich mag sie. Geb ich zu. Könnte ich wählen…. Ja, ihre Partei wäre nicht meine. Aber sie als Mensch schon.

Seien wir mal ehrlich: Wenn ich zählen müsste, was über Angela Merkel geschrieben wird, zieht man mehrheitlich über ihre Handgeste her. Das Zweite sind die Haare, dann kommen die Kleider. Was macht sie konkret falsch? Ja, die Lage ist heikel. Sie ist aber nie überstürzt. Und nein, sie schweigt sich nicht aus, sie schiesst nur nicht rein. Und dann steht sie hin und gibt ihre Haltung preis. Das tut sie klar, das tut sie menschlich. Sie ist damit ihrer Partei oft nicht ganz genehm. Aber sie ist human.

Ich bin kein politischer Mensch. Und ich kann in Deutschland nicht wählen. Aber könnte ich, wäre es für mich klar. Wenn ich die leeren Worthülsen eines Herrn Schulz höre, verspricht das keine wirkliche Alternative zu sein.

Und für alle Rundumnörgler: Wie war das noch? Ein so grosses Land wie USA hat nur die zwei Figuren zur Auswahl? Die Wahl war alles andere als positiv. Ich sage nicht, dass Schulz so schlimm wäre wie Trump (schlimmer geht immer), aber so uninspiriert, so unfundiert… das geht ja wirklich echt nicht.

Ich habe das nun einmal getan, ich tue es nie mehr. Aber es kam grad so über mich.