Schattenkrieger

Gestern Nacht kämpfte ich gegen den Schlaf für einen Film gegen Apartheid. Heute schrieb ich gegen Hitler. Dann schrieb ich gegen die katholische Kirche und die Verdeckungspolitik bei Missbrauchsfällen, eingestehend, dass ich grundsätzlich ein Befürworter der Kirchen war, aber solche Misstände nicht mehr decken möchte. Dann schrieb ich zu einem unserer Bundesräte, welcher Steuerflüchtlinge an den Pranger stellte, selber aber die Lücken im Gesetz nutzte. Ja, ich habe ihn gedeckt, denn: Er hat nach geltendem Gesetz gehandelt, wenn auch für das Land nachteilig. Wer würde anders handeln? Würde wirklich jemand da draussen dahingehen und sagen: Ok, ich müsste diese Steuern nicht zahlen, aber ich hau die einfach oben drauf. Weil es so schön wäre für andere?!?

So gehen wir alle durch die Welt und jeder zeigt auf den anderen und findet, er selber wäre grad noch so ok, aber der – DER!!!!! – wäre daneben.

Wann denken wir wirklich an die anderen, wann an uns? Ist es nicht einfacher, an die anderen zu denken, wenn man selber nicht den Preis zahlt? Es ist verdammt einfach, vom bequemen Sofa aus zu politisieren. Da kann man sie alle anklagen, alle handeln daneben. Man selber wüsste es besser. Nur ist man nicht dort. Drum steht man auch nie in der Schusslinie. Man schiesst nur selber mal raus. Ohne Konsequenzen.

Heute hat man es noch einfacher. Früher musste man auf den Marktplatz oder an den Stammtisch. Man musste dem Gegner in die Augen schauen. Heute schriebt man. Hinter dem Bildschirm. Die anderen sehen einen nicht. Man ist viel ungehemmter. Man kann sagen, was gut ist. Man muss es selber nicht leben.

Hätte man mal bei Hitler…

Immer wieder lese oder höre ich in Diskussionen:

Hätte man mal unter Hitler… dann….

Man kann hier nun einsetzen, was man will, unterm Strich bleibt immer nur:

Das Argument „Hitler“ macht nicht das, was man sagt, stärker, sondern es relativiert, was unter Hitler passiert ist…

In Diskussionen geht es um konkrete Situationen mit konkreten Umständen. Sind beide schlimm, sucht man – weil wohl die Vergleiche und plakativen Argumente ausgehen – nach Worten… und findet immer nur: Hitler. Schlimmer geht nimmer und drum müsste DAS das totschlagende Argument sein. Und man klopft sich innerlich auf die Schulter, weil man es brachte. Das kann schliesslich keiner verneinen, das war schlimm.

  • Ja, es ist doof, wenn man heute wegschaut. Und es ist doof, wenn man nicht Stellung bezieht, wenn Unrecht geschieht.
  • Und es ist doof, wenn man Demonstrationen in Hamburg ausarten lässt, wenn man Politker machen lässt, wenn sie nicht so entscheiden oder handeln, wie man es möchte.
  • Es ist doof, wenn man nicht wählen geht.
  • Es ist doof, wenn man nicht hin steht und sagt: Was in der Türkei abgeht, ist gefährlich, und nicht hinschaut, was Donald Trump macht.
  • Es ist doof, wenn man Putin nicht hinterfragt und auch doof, wenn man von brennenden Flüchtlingsheimen einfach so liest und zur Tagesordnung übergeht. ABER:

Hitler hat damit nichts, aber auch GAR NICHTS zu tun. Weil:

Das Argument „Hitler“ macht nicht das, was man sagt, stärker, sondern es relativiert, was unter Hitler passiert ist…

Und das darf nicht sein!

Zukunftsplanung

Wie immer bei Facebook – das Leben ist aktuell, Meinungen werden geteilt.

Meine Timeline grad so:
A: Bitte seid für erneuerbare Energien, bitte stimmt für Energie 2050, damit unsere Tiere und wir weiter leben können

In Opposition:

B: Bitte stimmt dagegen, sonst sterben Vögel und andere in den und durch die Windräder(n)…

Der einfachste Weg wäre, zu sagen: Tot sind sie eh… Aber: Schön wäre, Argumente zu kriegen, die ehrlich sind und nicht nur der eigenen Sache dienen. Aber das ist wohl zuviel verlangt. Drum funktioniert heute eine Demokratie nicht mehr. Die gefärbten Infos überfluten, wirklich ehrliche Argumentation muss man sich mühsam suchen. Wer tut das schon? Man kriegt den Rest ja frei Haus. Das ist nicht neu. So läuft es. Das wissen die, welche plakativ streuen. Darin liegt die Gefahr. Nicht nur bei der Energie. Da wohl fast am wenigsten. Obwohl es um Lebensgrundlagen geht…

Trump – oder: Die Welt demaskiert sich

Trump ist im Amt. So ganz offiziell. Und wer auf Facebook oder Twitter ist, kann das nicht mehr ignorieren, denn kaum ein Beitrag dreht sich nicht um ihn. Man könnte nun jubeln und denken, dass die Welt politisch engagiert ist, nur: Das ist sie nicht. Man ergiesst sich in Spott und Häme, ach so witzige Bilder verstopfen den Nachrichtenfluss. Man übt sich als Psychologe und analysiert Bilder des gähnenden oder desinteressierten Sohnes. Man motzt über den Tanz der beiden Trumps und findet ihn hölzern – ich frage mich innerlich, wer der ach so überheblichen Journalisten ein Tanz-As ist?!?

Trump ist für ganz viele nicht die erste Wahl. Verständlich. Aber es ist nun auch mal wieder gut. Es wäre schön, die Welt würde aus ihrer Toddler-Trotz-Phase erwachen und sich mal wieder erwachsen benehmen. Das hiesse, fundiert zu diskutieren, was passiert, statt blonde Strubbelbüschel auf Dinge zu photoshoppen und Trump drunter zu schreiben. Das hiesse, den armen Jungen mal Pubertierenden sein zu lassen und zu sehen, was der Papa in dem Augenblick tut. Das hiesse, vom hohen Ross runterzusteigen, selber in den Spiegel zu schauen, eventuell zum Coiffeur zu gehen und dann nochmal hinzuschauen. Was ist. Und darauf zu reagieren. Sachlich. Nicht persönlich.

Was ist an Herrn Trump so wichtig? Seine Frisur, das Verhalten des Sohnes, die Kleidung oder Ehe-Motivation der Frau? Wichtig ist doch, was er wirklich macht. Das wäre Munition genug. Wieso können wir uns nicht endlich darauf konzentrieren? Und alle, die das nicht verstehen, sich gar nicht wirklich dafür interessieren oder Politik zu kompliziert finden, könnten einfach wieder Katzen-Videos posten. Die Social-Media-Welt wäre eine unglaublich schönere.

Und die, welche wirklich politisch interessiert sind, sollen sich doch bitte auf die Politik beschränken. Wen beruft er in die entsprechenden Ämter? Was sind seine Amtshandlungen und wo führen sie hin? Woran erinnert uns, was er tut? Was kann man tun?

Die eigene Sicht aufs Universum

Holy Shit (-storm)

Ein Philosoph schreibt einen Gastartikel. Auf einer prominenten Seite. Er gibt sich plakativ und aneckend, degradiert und diffamiert, allerdings nie wirklich juristisch verfänglich. Er befindet, dass die Linken und Grünen Gutmenschen seien und eigentlich krank. Man solle es unterlassen, mit ihnen zu diskutieren. Es wäre sinnfrei. Das klingt wenig nett und schon gar nicht sachlich, es klingt viel mehr populistisch und abwertend. Zudem ist die Unterstellung einer Krankheit und damit einhergehender Unfähigkeit zu diskutieren beleidigend (was grundsätzlich justiziabel wäre).

Bei vielen ging nun die Hutschnur hoch, ehe sie wohl den Artikel zu Ende gelesen haben. Ich verstehe es. Es war nicht nett. Es war nicht fair. Es war auch nicht nötig. Aber vielleicht hatte er Gründe? Man könnte es unter dem Motto „in dubio pro reo“ mal annehmen und weiterlesen. Vielleicht war alles nur dazu gedacht, Aufmerksamkeit zu wecken, Aufmerksamkeit auch für die, welche in den gängigen Medien meist untergehen? All die, welche Ängste haben, sich ungehört fühlen und dann reagieren. Auf eine Weise, die weder konstruktiv noch sinnvoll ist? Die nur Ängste schüren, weil sie selber in ihren Ängsten ertrinken? Und ja, einige Probleme sind wirklich aktuell und wir haben keine Lösung. Wir haben nur unseren ethischen Anspruch und sehen uns einer Realität gegenüber, die Angst macht durch Bedrohungen, die wir so bislang nicht wahrgenommen haben – so unmittelbar.

So weit will man aber nicht denken. Der Artikel wird gelöscht, man entschuldigt sich – allerdings ist es schon zu spät. Es rollt der Kopf es Blogchefs.

Von all dem hatte ich wenig gehört. Bis heute. Da las ich, dass jemand entsetzt war, dass 15 ihrer FB-Freunde mit dem Autor des Artikels befreundet seien – alles „sonst eigentlich intelligente Menschen“. Namen wolle sie keine nennen, sie wolle ja „niemanden an den Pranger stellen“, frage sich aber, ob wir „nur Freundesammler wären“. Ich fühlte mich angegriffen. Noch mehr, als dann eine „persönliche Nachricht“ kam.
Es ist ein Dilemma. Guter Stil war der Artikel des Philosophen nicht. Andersdenkende als krank zu bezeichnen, ist gar billig. Man wertet ab und entbindet sich selber der (stichhaltigen) Argumentation. Krankheit erklärt ja irgendwie alles.

Ich finde das Internet und Facebook insbesondere schwierig für politische Diskussionen. Likes und gleichgeschaltete Köpfe – darum geht es. Wer nicht passt, wird gekickt, wer einen Gekickten beherbergt, ist verdächtig. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man muss sich bekennen. Zum einen oder zum anderen Lager. Da gibt es Fronten, alles, was vor den Mauern steht, wird eliminiert. Gnadenlos.

Niemand darf Freunde haben, die anders denken, als man selber. Niemand darf Menschen hinter den Gedanken sehen – es geht nur immer um die Politik. Und da wird nicht diskutiert. Ob das viel durchdachter ist als der Artikel des besagten Philosophen?

Ich rede mit allen Menschen. Ich teile kaum je alle Meinungen, das muss ich auch nicht. Ich habe oft Menschen erlebt, die absolut toll, liebenswürdig, hilfsbereit waren, die aber politisch ganz weit weg von mir sind. Ich habe sie auf FB und rolle oft die Augen und frage mich: Muss ich die nun entfreunden, weil das gegen FB-Gesetze verstösst? Menschen, die da waren für mich, die ich kenne, die Herz haben. Aber sie denken auf eine Weise, die ich nicht teile – politisch. Und die, ich weiss es, auch viele engagierte andere nicht teilen, die mir politisch näher wären.

Was suche ich auf Facebook? Ich suche Menschen, die ich mag, Menschen, die ich interessant finde. Ich suche neue Anregungen, neue Gedankengänge. Ich hoffe auf einen Austausch, der mir Facetten zeigt, die ich selber nicht sah.

Wer nur im eigenen Universum kreist, schaut nie über den Tellerrand hinaus.

Menschen sind vielschichtig, es ist nicht wie im Krimi, wo die Guten und die Schlechten sich gegenüber stehen. Ich sehe zuerst den Menschen. Dann seine Facetten. Einige gefallen, andere nicht. Und beides sag ich ihm. Wenn wir dann beide noch können miteinander, finde ich das gut. Jeder weiss vom anderen, wo er steht, ab und an krallt man sich die unliebsamen Themen und disputiert, dann wieder hält man sich an die Gemeinsamkeiten. Ist das falsch? Darf ich wirklich nur in einem Lager sitzen? Welches wäre es? Politik ist eines, dann gäbe es noch Religion. Kultur. Musikgeschmack. Interessen. Man versucht ja schon, einen Menschen zu heiraten, der in allen Bereichen übereinstimmt, die Scheidungsraten zeigen, wie realistisch das ist. Kann das wirklich das Kriterium sein für den persönlichen Umgang?

Einbürgerung der dritten Generation – ein Streitthema

Aktuell spaltet ein Thema die Nation (die Schweiz, um genau zu sein). Sollen Menschen, die in dritter Generation in der Schweiz leben, eine vereinfachte Einbürgerung erhalten? Man halte sich das mal plastisch vor Augen:

Ernesto wandert in die Schweiz ein, ist hier Saisonarbeiter. Er heiratet, kriegt ein Kind: Ein Secondo. Wir nennen ihn Paolo. Paolo tut, was er eben tut, wir wollen das mal nicht weiter ausführen, und kriegt ein Kind: Enrico. Enrico ist die dritte Generation. Er soll nun die erleichterte Einbürgerung erhalten. Das liegt eigentlich auf der Hand, denn:

Enrico hat nie was von Italien gesehen, schon sein Vater kam hier auf die Welt (wurde wohl nie eingebürgert, man könnte sich nun fragen, wieso, tut man aber nicht). Aber: Enrico ist hier aufgewachsen (wie sein Vater), er kennt nichts anderes (ausser dem, was er zuhause erlebt).

Was ich mich frage: Was hat Enrico, was Paolo nicht hatte? Wieso wurde Paolo nicht eingebürgert? Er lebte schliesslich sein ganzes Leben hier und kriegte hier ein Kind. Was sind sachliche Gründe für die Erleichterung bei einem Menschen, der in der dritten Generation hier ist, gegenüber einem, der als Secondo hier war?

Menschen sind vielschichtig. Eine der Schichten wird sicher durch die Herkunft und durch die Kultur geprägt. Eine andere durch den Umgang. Ganz vieles ist… irgendwie diffus. Gerade in den Jahren der Pubertät. Da zählen Peergroups. Auf die haben Eltern kaum mehr Einfluss.

Wir versuchen nun aber, aus der Einbürgerungsfrage eine Rechenaufgabe zu machen. Gesetz ist immer Abstraktion, das ist mir klar. Nur so kann eine Norm haften, die auf den Allgemeinfall angewendet werden können muss. Nur: Ob man das an Generationen festmachen kann? Ich bezweifle.

Wir leben in der Schweiz in einem Land, das seine Grundsätze und Normen hat. Wir haben Gesetze und leben in einem Rechtsstaat. Dasselbe gilt für viele andere Länder rund um uns. Wäre nicht das einzig relevante Kriterium, dass sich einer, der hier sein will, an diese Normen, Grundsätze und Regeln hält? Geht es wirklich um eine Generationenfrage? Ist der Nachkömmling eines schwerkriminellen Secondos besser geeignet als ein dankbarer Flüchtling in erster Generation?

Ich bin nach wie vor der Meinung. Wer Hilfe braucht, soll kommen dürfen und soll Hilfe erhalten. Immer! Wer unsere Rechte missachtet, war der Hilfe wohl nicht wert. Der soll auch wieder gehen, um denen Platz zu schaffen, die sie suchen und annehmen. Das aber an Generationen festzumachen und es zu einem mathematischen Problem verkommen zu lassen, widerstrebt einem Philosophen wie mir.

Wir müssen helfen. Alle, denen es gut geht, stehen in der Pflicht. Das gebührt der Menschlichkeit. Wer diese ausnutzt, ist sie nicht wert. Für den Rest müssen wir einstehen. Denn: Wir haben schwarze Schafe auch in den eigenen Reihen, wir können die anderen nicht härter angehen. Mensch ist Mensch – egal, woher er kommt.

Andere Meinung? Weg damit!

Ich lese immer wieder auf Facebook, dass Menschen aufräumen. Damit meinen sie nicht ihre Wohnung oder ihren Arbeitsplatz, nein, sie sprechen von den Freundschaftslisten. Sie räumen also Menschen auf – oder aus, eliminieren sie aus dem Blickfeld. Grad heute las ich noch den Endkommentar nach einer solchen Aktion: Nun ist es wieder sauber. Man hat also eine Säuberungsaktion durchgeführt. Alle die, welche nicht gleich denken, welche eine andere politische Meinung vertreten, wurden eliminiert.

Ich verstehe den Impuls. Man hat eine Überzeugung und steht dafür ein. Gerade wenn die andere Meinung einem grundsätzlich – und nicht nur ein bisschen – falsch vorkommt, kann es schwer sein, sich damit auseinanderzusetzen. Nur: Wo soll das hinführen? Demokratie lebt doch davon, dass verschiedene Meinungen diskutiert werden und man eine Lösung sucht, für welche die Mehrheit einstehen kann. Wenn jeder nur noch in seinem Kreis diskutiert, die anderen von Ferne aburteilt und ausschaltet, verkommen Diskussionen zum gegenseitigen Schulterklopfen und es findet kein Austausch mehr statt.

Die politische Stimmung der letzten Zeit hat in den meisten westlichen Ländern Unruhe heraufgebracht. Die Länder stimmen immer mehr rechtsgerichtet, die linken Kreise fühlen sich an die Vergangenheit erinnert und schlagen Alarm. Reden wollen sie nicht miteinander. Für die rechten Wähler sind die linken Idealisten, Gutmenschen und blauäugige Idioten, die linken schimpfen die rechten als Nazis, fremdenfeindlich und dumm. Alle, welche gewisse Parteien wählen, kippt man aus der Liste. Alle, welche Flüchtlinge willkommen heissen, beschimpft man und gibt ihnen Mitschuld an allem Bösen, was passiert auf der Welt, seien es Morde, Terroranschläge oder anderes Angsteinflössendes.

Es wird über Mauern diskutiert, welche um die Länder gebaut werden sollen, und man merkt nicht, dass man sie schon im Land selber errichtet hat. Ich befürchte, dass wir genau damit mehr anrichten als zum Guten wenden. Früher hatte man den Dorfplatz. Da wurde politisiert. Die Menschen trafen sich und diskutierten. Klar gab es auch damals unterschiedliche Meinungen und nicht jeder war dem anderen genehm – nicht als Mensch und nicht mit seiner Ausrichtung. Und doch schaute man sich in die Augen und diskutierte. Je kleiner der Ort, desto direkter die Auseinandersetzung – und auch die Notwendigkeit, eine Lösung zu finden, wie man gemeinsam weitermachen kann, denn gerade in kleinen Orten ist man voneinander abhängig – war es zumindest früher noch mehr als wohl heute.

Die Städte sind grösser worden, die Politik anonymer. Social Media setzt dem eine Stufe drauf. Dorfplätze werden kaum mehr genutzt, man tippt in die Tasten, schickt ab und löscht, was nicht passt. Menschen und Meinungen. Wir müssten wieder lernen, miteinander zu reden. Wir müssten lernen, miteinander zu streiten und gemeinsam Wege zu finden. Ja, nicht alle passen allen. Aber so lange wir uns nicht die Mühe machen, den anderen mit seiner Meinung zu verstehen, fehlt uns ganz viel in der Diskussion. Wir müssen nachher seine Meinung nicht teilen, aber wir kennen seine Gründe dafür. Und vielleicht ergibt sich aus den Gründen ein Weg. Vielleicht sieht man auch Verbindendes statt nur Trennendes.

Schlussendlich sitzen wir alle im selben Boot. Was passiert auf dieser Welt, betrifft uns alle. Und es kann uns mehr und mehr auch noch viel unmittelbarer treffen. Das macht Angst und mit Ängsten gehen Menschen unterschiedlich um. Wäre es da nicht besser, wir würden uns gemeinsam diesen Ängsten stellen, statt Mauern zu bauen und dann hinter der Mauer sitzend gegen die ausserhalb der eigenen Mauer zu schiessen? Ist das nicht genau das, was wir eigentlich nicht wollen?

Wie wir unsere Welt an die Wand fahren

Ich bin ja bei Facebook. Ab und an frage ich mich selber, wieso. Aber nun denn. Jüngst lese ich fast nur noch Stimmen gegen Trump. Ach was, es sind keine Stimmen, es sind ganze Chöre. Es sind Jammergesänge. Man könnte Nabucco neu vertonen. Es wäre gewaltig. Die Chöre entspringen dem Frust. Die Singenden kriegten nicht, was sie wollten. Nun jammern sie. Wozu? Hilft das was?

Kaum! Es sind schlicht Parolen, die nun plakativ ins Auditorium geworfen werden. Was soll das helfen? Und wem? Wo ist da IRGENDETWAS Konstruktives? Es ist schlichtes Jammern aufgrund gemachter Aussagen des Herrn Trump, die zwar dumm und doof und unter aller Sau waren, aber damit nur ein Spiegel des Wahlkampfes, der hier geführt wurde. Den hat er nicht alleine geführt. Und schon wieder wird man mich als Trump-Befürworter lesen. Meine erste Reaktion nach seiner Wahl war „holy shit“ – und ich bleibe dabei. Ihre [Clintons – Anmerkung der Redaktion] Wahl wäre aber nicht viel gewinnbringender gewesen. Ich sah ihn immer plastisch als Kandidaten (die Medien sahen das wohl anders und hatten nur Spott und Häme sowie vorgedruckte Siegesartikel für Clinton in der Hand). Der Mechanismus hat ihm in die Hände gespielt. Vielleicht sollte man sich mal echt hinterfragen, was man überhaupt tut?! Einfach einen Kandidaten als Nonsens abzutun, weil er so unter allem ist (aber genau die Ängste und Sorgen derer anspricht, die offensichtlich zur Urne gehen. Der Rest polemisiert ja offensichtlich lieber mit grossen Worten auf FB oder hinterher auf der Strasse), führt offensichtlich in die Irre. Wir können was draus lernen und vor allem begreifen, was Demokratie wirklich wäre: Einen Diskurs zu führen, der alle zu Wort kommen lässt und nicht von oben herab diktieren will, was nun gut und schlecht ist – oder wir werden noch ganz oft solchen Wahlen gegenüber stehen.

Es ist verdammt einfach, nun Trump den Schwarzen Peter zuzuschieben (und ich sage es nochmals: Ich mag ihn nicht, er ist nicht mein Wunschpräsident). Das führt uns einfach schlicht nirgends hin.

Aktuell ist die Demokratie mehr als gefährdet. Daran sind weder Trump noch die AfD schuld. Das ist dem Umstand geschuldet, dass wir das, was eine Demokratie ausmacht, verlernt haben: den offenen Diskurs. Früher ging man hin, sprach miteinander, zoffte auch. Man traf sich auf dem Markt, im Wirtshaus, man setzte sich auseinander. Heute sitzt jeder zuhause, liest sich in den sozialen Medien und bei Gratiszeitungen was an, schart die um sich, die gleicher Meinung sind, degradiert die anderen. Man ruft übers Netz zum Aufstand auf und es treffen sich Menschen, die sich nicht kennen, aber virtuell befeuern.

So fahren wir alle unsere Welt an die Wand. Dazu brauchen wir keinen Donald.

Männliche und weibliche Skandale

Ein Aushängeschild einer christlichen Partei wird zum vierten Mal Vater. Daran ist per se nichts auszusetzen, nur: Die Mutter ist nicht seine Frau, sondern ein einmaliger (?) Ausrutscher. Da hat es der gute Mann mit der christlichen Nächstenliebe etwas zu wörtlich genommen, möchte man spotten – wäre das Ganze nicht so traurig und das in vielerlei Hinsicht.

Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, das sei seine Privatangelegenheit, hätte weder mit seiner Politik was zu tun, noch hätte es uns was anzugehen. Dem möchte ich entgegenhalten, dass es nunmal an mich herangetragen wurde durch die Medien und ich mir dadurch natürlich meine Gedanken dazu mache. Ist so ein Mensch tragbar? Politiker sollten ja gewisse Werte vertreten, sollten für etwas stehen, man sollte ihnen trauen können. Kann man das, wenn es einer auf einer so elementaren Ebene an Ehrlichkeit und Integrität fehlen lässt?

Könnte man hier das Argument „Er ist auch nur ein Mensch/Mann“ gelten lassen? Dass Seitensprünge keine Seltenheit sind, ist Fakt, das müssen wir nicht wegdiskutieren. Eigentlich möchte ich den moralischen Zeigefinger gar nicht so sehr bemühen, aber er regt sich, weswegen ich dieses Feld verlasse und mich einem anderen zuwende. Der Politiker bezeichnet das Ganze als „grossen Fehler“. Da wächst nun also ein Kind heran, dass irgendwann mal lesen kann, dass es sein Dasein einem grossen Fehler verdankt. Eine solche Äusserung öffentlich finde ich mehr als bedenklich, sie ist menschlich dumm und unbedacht. Sie ist für das heranwachsende Leben ein Stempel, den es irgendwann mal an sich entdecken wird – und er wird sich kaum wegwischen lassen. Aber es geht noch weiter. Seiner Frau beichtete er alles erst kurz vor der Geburt. Sie will nun zu ihm stehen. Und er will für das Kind sorgen, er hätte sogar die Vaterschaft anerkannt und die finanzielle Unterstützung geregelt. Wenn man das so liest, klingt es fast so, als ob man nun applaudieren müsste ob der Weitsichtigkeit und Gutherzigkeit des edlen Mannes – dabei hat er nur das Mindeste getan, was man in einer solchen Situation überhaupt verlangen kann. Aber die Medien klopfen ihm fast auf die Schultern, indem sie es eben nicht anprangern, nur so quasi sachlich berichten.

Man denke mal ein paar Monate zurück. Da wurde ein Tunnel eröffnet und eine Frau trug einen Mantel, der nicht ganz vorteilhaft erschien. Wie haben die Medien gezetert und geschrien. Wie haben sie sich über ihren Kleidergeschmack lustig gemacht, sie durch den Kakao gezogen. Dann wurde auch noch über den (viel zu hohen – wovon zahlt sie das? Von zu hoch angesetzten Geldern, die den Steuerzahler schröpfen???) Preis geschimpft. Ein Skandal, könnte man denken, den sich diese Politikerin erlaubt hat. Wie viel besser macht es da dieser Politiker (notabene derselben Partei), der einfach mal fremdgeht, alle belügt, hintergeht und dann auch noch einen grossen Fehler produziert. Immerhin bereut er es ja.

Ein Hoch auf die Freiheit, oder: Wieso das Burkaverbot nichts damit zu tun hat

Ein Thema ist in aller Munde: Das Burkaverbot. Stimmen werden laut, es müsste dringend umgesetzt werden, denn als Zeichen der Unterdrückung – als solches werden Burkas hingestellt – seien Burkas nicht mit unseren westlichen Werten vereinbar. Auf welche Werte beruft man sich genau? Mehrheitlich wohl auf zwei: Die Gleichstellung von Mann und Frau (im Sinne von „alle Menschen sind gleich und keiner dem anderen Untertan) und auf die Freiheit (die der Frau wird als eingeschränkt betrachtet).

Für unsere Breitengrade ist das Bild einer von Kopf bis Fuss verhüllten Frau in der Tat eher fremd und der Gedanke, sich freiwillig so zu kleiden, erscheint abwegig. Und: Was wir uns nicht vorstellen können, das kann es nicht geben, woraus folgt: Nie und nimmer tragen diese Frauen das freiwillig, die müssen quasi gezwungen werden dazu. Wer aber zwingt? Als Täter steht schnell der Mann auf dem Tapet, dieser stützt sich auf den Koran, ergo haben wir die zwei Hauptverdächtigen: Religion und Männer. Und die armen Frauen sind die Opfer im Umzug, die sich von beiden unterbuttern lassen. Mit dieser Argumentation spricht man den Frauen jegliche Kompetenz, selber zu denken ab. Es kann nicht sein, dass sie selber den Koran so auslegen und sich für diese Kleidung entscheiden. Es kann auch nicht sein, dass sie für sich in dieser Art Kleidung etwas sehen, das ihnen entspricht. Es muss Unterdrückung sein, denn sonst würden sie mit hochhackigen Schuhen und knappem Mini durch die Gegend laufen.

Ich möchte nicht verneinen, dass es Länder gibt, die sehr patriarchalisch aufgebaut sind, in denen Frauen kaum einen oder keinen Stellenwert haben. Es gibt viele Länder, in denen noch heute Buben die Krone der Schöpfung, Mädchen der vernachlässigbare Abschaum sind, den man genau so behandelt. Dies sind aber bei weitem nicht nur Länder, in denen die Burka an der Tagesordnung ist. Ich möchte aber auch nicht verneinen, dass es Männer gibt, die ihre Frauen in Burkas zwingen. Idioten, die ihre Frauen unterdrücken, gibt es auf der ganzen Welt, die brauchen dazu auch keine Burka. Sie können sich auch an einem zu kurzem Rock, an einem zu grossen Dekolleté, an zu vielen Kilos auf den Rippen oder einem schlecht geführten Haushalt stören und entsprechend reagieren. Wollen wir das auch verbieten? Bloss: Wie erkennt man es auf der Strasse?

Was bei der ganzen Diskussion um das Burkaverbot auffällt, ist, dass es nicht um die Burka an sich geht, sondern nur darum, sie auf unseren Strassen, in unseren Ländern zu verbieten. Was die Frauen dann zu Hause machen, ist egal, das kümmert wenig. Vielleicht so ein bisschen, aber nicht wirklich sehr. Geht es also bei der ganzen Diskussion wirklich um die Rechte der Frau oder aber mehr um unsere eigenen Befindlichkeiten? Ist es nicht viel mehr so, dass uns der Anblick von so viel fremder Kultur so verstört, dass wir uns mit uns selber nicht mehr wohl fühlen? Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um? Was fordert das von uns und wie reagieren wir darauf? All diesen Fragen können wir entgehen, wenn wir das Fremde einfach verbannen. Dann haben wir wieder unsere schöne kleine Welt, die wir kennen und in der wir uns wohl fühlen.

Um der Freiheit willen eine Kleidung zu verbieten, ist in etwa so, wie das Wasser aus dem Swimmingpool zu lassen, wenn man schwimmen gehen will.

Wer sich selber eine Grube gräbt

Da geht eine Schweizer Bundesrätin an ein Konzert. Ein Rockkonzert auch noch. Und wäre das nicht schlimm genug, ist sie auch noch in einer christlichen Partei. Wo man doch weiss, dass diese Rocker hart und gottlos und überhaupt ganz böse Buben sind. Und wer denkt, damit sei der Zenit der Unmöglichkeit bereits erreicht, dem sei gesagt:

Schlimmer geht immer!

Besagte Bundesrätin erdreistete sich, sich Hörner aufzusetzen – Teufelshörner. Die christliche Partei, deren Aushängeschild die gute Frau ist, geht in Schnappatmung über. Das geht gar nicht. Das ist. Indiskutabel. Ein Verstoss. Eine Schande.

Und während das Foto der Bundesrätin, fröhlich lachend mit knallroten Teufelshörnern Sympathien ohne Ende einfuhr (ohne es darauf abgesehen zu haben, sondern einfach den Moment lebend), gräbt sich die Partei selber die Grube der Ewiggestrigen.

Rezension: Ursula Fricker – Lügen von gestern und heute

 

Sie hatte ihn kaum gekannt, wie man einen Fremden kennt, dem man vertraut, weil man ihn nicht kennt. Bis es fast zu spät war, hatte sie überlegt, ob sie nicht besser zu hause bliebe, ob es nicht reichte, wenn sie an ihn dächte, und als es schon fast zu spät war, ging sie doch noch los.

Beba lebt in einem trostlosen Land unter trostlosen Menschen. Trostlose Menschen sind auch hoffnungslose Menschen und oft zeigen sie kaum Gefühle – wohl aus Selbstschutz. Für Beba war das nicht genug, sie wollte mehr vom Leben und Stefan versprach es ihr, er lädt sie in sein Land ein. Als Beba da ankommt, holt Stefan sie nicht ab, sie ist allein. Sie hat Glück, wird aufgefangen, nun arbeitet sie als Prostituierte. Und sie träumt davon, Musikerin zu sein, spart alles Geld, das sie nicht zu ihrer Familie schickt, um die zu unterstützen, für ein Klavier.

Isa fühlte sich angestarrt, gemustert, taxiert. […] An der Kleidung, dachte Isa, sieht man, wer was ist – am liebsten hätte sie sich das Zeug vom Leib gerissen.

Isa ist in einem gutbürgerlichen Haus aufgewachsen, behütet von interessierten Eltern. Das wirft sie diesen nun vor. Sie will ausbrechen, will etwas bewegen. Die Flüchtlinge kommen ihr gerade recht, da kann sie zeigen, was in ihr steckt. Sie kämpft mit allen Mitteln, weiss ab und an nicht, ob der Kampf ihrer Selbstbehauptung oder den Flüchtlingen gilt, aber das ist gar nicht wichtig. Sie hat einen Plan. Alle, die diesen nicht teilen, die ihr denken nicht teilen, haben keine Ahnung. Sie wird ihnen zeigen, was richtig ist.

Es war bizarr. Hier wurde verhandelt, was in einem Rechtsstaat eigentlich unverhandelbar sein sollte: das gleiche Recht für alle. […] war er einfach nur müde? Gleichzeitig entdeckte Otten in sich ein lange vergessenes ehrliches Gefühl der Verantwortung für diese Stadt, für die Menschen in ihr. Sol sollte es sein, so war es aber fast nie.

Otten ist verantwortlich für die harte Politik gegen die Flüchtlinge. Er steht unter Beschuss, nicht nur öffentlich und in der Politik, jemand hat es auf ihn persönlich abgesehen, bedroht sein Haus, bedroht damit sein Leben und das seiner Familie. Früher ist er auf der anderen Seite gestanden, hat gegen die Obrigkeit gekämpft, hatte Ideale. Wo sind sie heute? Ist er ein anderer geworden oder macht er nur, was getan werden muss, weil es schlicht keine andere Lösung gibt?

Drei Leben im Heute, die alle eine Vergangenheit haben. Die Herkunft prägt, sie lässt keinen los. Tief drin legt sie die Fäden und lässt die Menschen bis heute immer wieder zurückdenken, ihren Weg reflektieren, ihr Heute analysieren. So werden diese Menschen erfahrbar, verständlich in ihrem Tun. Sie haben Träume, Wünsche, sie lieben und leben und zahlen alle einen Preis für dieses Leben.

Ursula Fricker ist es gelungen, die gerade sehr aktuelle Flüchtlingsthematik literarisch so zu verarbeiten, dass man sie aus verschiedenen Blickpunkten betrachtet. Sie tut das wenig emotional, sehr objektiv, nie deskriptiv, sondern immer literarisch. Sie webt die Geschichten von verschiedenen Menschen mit unsichtbaren Fäden zusammen, lässt aus drei Geschichten eine werden. Als Leser taucht man in alle diese Welten ein, versteht sie, auch wenn man nicht immer teilt, was die jeweiligen Protagonisten denken oder tun.

Lügen von gestern und heute ist ein Buch über Politik, ein Buch über die Liebe, ein Buch auch über Herkunft und was sie aus einem Menschen macht, wie sie ihn beeinflusst. Es ist ein Buch, das in einer teilweise eigentümlichen Sprache geschrieben ist, indem die Syntax aus der Norm fällt, Sätze teilweise abrupt aufhören oder aber über die beschriebenen Inhalte hinausgehen, indem der Punkt fehlt, einfach ein Komma steht. Es ist ein Buch über Menschen, das in die Tiefe geht, psychologisch ist, ohne zu psychologisieren. Das Buch zeigt Missstände auf, ohne den belehrenden Zeigefinger zu heben. Es ist ein grossartiges Buch!

Fazit
Ein tiefgründiges, nachdenkliches, psychologisches, philosophisches, politisches und menschliches Buch – und noch viel mehr. Ein Buch, das einen in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Ursula Fricker, 1965 in Schaffhausen geboren, studierte Sozialarbeit in Bern, arbeitete in einem Heim für geistig behinderte Menschen und in der Theaterpädagogik. Neben journalistischen Texten veröffentlichte sie bislang drei Romane. Ihr Debütroman, ‚Fliehende Wasser‘, erschien 2004 und wurde mit dem Einzelwerkspreis der Schweizerischen Schillerstiftung und mit einem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet. Es folgten 2009 ‚Das letzte Bild“ und 2012 ‚Außer sich‘, nominiert für den Schweizer Buchpreis im selben Jahr.

Angaben zum Buch:
FrickerLügenGebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (22. April 2016)
ISBN-Nr.: 978-3423280730
Preis: 21.99 Euro /28.90 CHF

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Parteiverbot in einer Demokratie?

In Deutschland entscheidet heute ein Gericht, ob die NPD weiterhin als Partei zugelassen ist oder ob man sie verbieten soll. Grundsätzlich ist die Parteifreiheit ein wesentliches Element einer freien demokratischen Grundordnung. Bedingung ist, dass sie in sich demokratisch organisiert ist. Der Staat darf – ebenso grundsätzlich – keine inhaltlichen Vorgaben oder Einschränkungen machen.

Die NPD positioniert sich sehr weit rechts aussen, ihr Gedankengut erinnert in vielen Punkten an düstere Zeiten der Geschichte. Reicht das, um einen Grundpfeiler einer liberalen Demokratie zu ignorieren?

Die Parteifreiheit wurde ursprünglich eingerichtet, um Vorkommnisse wie im Dritten Reich zu vermeiden. Nie mehr sollte vom Staat vorgegeben werden können, was Menschen zu denken haben. Nie mehr sollte der Staat das Monopol auf eine Meinung haben. Diese Freiheit soll nun beschnitten werden, um genau diese Vorkommnisse nicht nochmals zu ermöglichen.

Was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, darf nie mehr passieren. Es ist richtig und wichtig, dass Staaten Verantwortung übernehmen, dass sie Stellung beziehen und klar zeigen: So nicht, nicht nochmals! Es ist Wichtig, Gesetze zu errichten, die Vorstösse, welche Leib und Leben von Menschen aufgrund einiger ihrer Eigenschaften bedrohen, sanktionieren. Rassismus, Diskriminierung, Volksverhetzung und Aufruf zu diesen Handlungen sollten streng geahndet werden.

Die Frage, die sich – philosophisch – trotzdem stellt: Darf man grundlegende Rechte einer Demokratie negieren? Heiligt der Zweck die Mittel? Schwächt man damit nicht die Demokratie und gibt den Entrechteten neue Argumente in die Hand? Sind die Aussagen und Parolen in einer regulären Partei gesammelt und ausgesprochen nicht besser fass- und behandelbar als nachher in geheimen Verbünden und unter Verschwörer-Deckmantel? Denn: Man wird doch nicht glauben, dass nach Auflösung der Partei die Gesinnung gestorben ist? Sie wird weiterleben und das mit noch mehr Wut im Bauch. Und: Wut ist immer gefährlich.

Demokratie war gestern

Der Kanton Aargau will eine Busse über die, welche nichts in die Urne werfen bei Abstimmungen und Wahlen. Der Aufschrei lässt nicht auf sich warten. Das sei keine Lösung, heisst es. In mir geht die Popcorn-Maschine der Gedanken in Betrieb:

Wer kann sich aufregen ausser denen, die nicht stimmen gehen? Die anderen würde das ja nicht kümmern….

Mein Einwand, dass Demokratie heisse, sich zu beteiligen, dass nicht immer viele nach Wahlen und Abstimmungen jammern können, dass das Ergebnis falsch sei, wenn der Grossteil der Bevölkerung gar nicht an der Urne war, kommt gleich, stösst nicht auf offene Ohren, Klar:

Kann man Demokratie erzwingen?

Mein Argument, dass Geld hilft, Demokratie zu leben, da Geldbussen mehr schmerzen als Demokratie lockt, führt zu folgendem Einwand:

Die Gezwungenen könnten einfach leere Stimmzettel einwerfen oder aber aus Jux und Frust Mist ankreuzen….

Und an dem Punkt frage ich mich:

Ist, wenn man so denkt, Demokratie nicht längst als gescheitert zu sehen?

Was kümmert die Busse einen, der eh stimmen geht? Und wieso nehmen so viele Menschen ihr Recht auf Mitbestimmung nicht wahr? Dass sie vielleicht nicht gewinnen könnten? Wenn dem so wäre, müssten wir SOFORT die Diktatur als einzig mögliche politische Form sehen. Überall sonst muss irgendwer mitentscheiden… und das will man ja offensichtlich nicht, solange es freiwillig ist, und gezwungen werden will man auch nicht.

Mehr als ein Glimmstengel!

Helmut Schmidt ist tot. Gestorben mit 96 Jahren. Er war einer der ganz Grossen und einer der Guten. Das sieht man in der Betroffenheit, die sein Tod hervorruft. Alle schreiben, er sei ein Grosser, alle zollen ihm ihre Achtung. Man sieht eine grosse Achtung, eine grosse Betroffenheit. Aber…

Was überall überwiegt, sind Anspielungen aufs Rauchen. In gewissen Medien sieht man nur ein Rauchwölkchen neben den Daten, in anderen Karikaturen, in deren Mittelpunkt das Rauchen steht. Einige (die immer gleichen) Zitate liest man auch, aber auch hier überwiegen die, welche den Glimmstengel zum Thema haben.

HelmutSchmidtHelmut Schmidt war bekennender Raucher. Hat ihm sein Zigarettenkonsum den Ruhm und die Achtung eingebracht, die er hatte? Wohl kaum. Es waren seine politische und menschliche Haltung, es waren seine Grösse, sein Mut, sein Einsatz für das, was ihm gut und richtig erschien. Damit traf er die Menschen, damit überzeugte er sie. Dass er es aus eigener Überzeugung heraus tat und nicht aus purem Opportunismus (dazu hätte er andere Haltungen einnehmen müssen dann und wann), machte ihn zu einer Ausnahmeerscheinung im heutigen Politdschungel und zu einem Menschen, den man mit gutem Gewissen verehren konnte.

Dann stirbt dieser grossartige Mensch und ganz viele finden sich ach so witzig, ach so kreativ, ach so innovativ, die Zigarette in den Mittelpunkt zu stellen. War sie wirklich alles, was ihn ausmachte? Was bewegt Menschen, andere Menschen auf etwas zu reduzieren, das niemals massgeblich war für ihren Stellenwert in der Gesellschaft? Ist das nicht im Grunde eine Herabwürdigung? Worauf gründet das? Neid? Mir fiele nichts anderes ein. Schade! Aber begreiflich. Er war ein ganz Grosser. Einer, der mit klarem Verstand und gutem Herzen agierte. Möge er in Frieden ruhen.