Ben Ansell: Warum Politik so oft versagt

Und warum das besser wird, wenn wir unseren Egoismus überwinden

«Damit die Demokratie funktioniert, müssen wir lernen, uns auseinanderzusetzen und miteinander zu diskutieren, damit wir herausfinden, wo wir übereinstimmen, und sicherstellen, dass die Verlierer nicht zu ewigen Verlierern werden.»

Ben Ansells „Warum Politik so oft versagt“ ist ein Buch, das einen zentralen Irrtum moderner politischer Erwartungen freilegt: dass Politik vor allem an mangelndem Willen, falschen Akteuren oder schlechter Umsetzung scheitert. Ansell widerspricht dieser Intuition entschieden. Sein Argument ist radikaler und vor allem unbequemer: Politik scheitert oft gerade dort, wo sie rational, legitim und im Interesse vieler handelt. Das Scheitern liegt nicht am Rand, sondern im Kern politischer Ordnungen selbst.

Ausgehend von fünf grundlegenden Politikfeldern – Demokratie, Gleichheit, Solidarität, Sicherheit und Wohlstand – entfaltet Ansell eine systematische Analyse politischer Dilemmata. Diese sind nicht zufällig, sondern strukturell angelegt. In jedem dieser Bereiche stehen legitime Ziele in einem Spannungsverhältnis, das sich nicht einfach auflösen lässt. Demokratie etwa verspricht kollektive Selbstbestimmung, kennt aber keinen einheitlichen „Volkswillen“. Gleichheit ist politisch gewollt, kollidiert jedoch mit individuellen Freiheitsrechten und ökonomischen Anreizen. Solidarität setzt Vertrauen und Nähe voraus, stößt aber in anonymen, pluralen Gesellschaften an Grenzen. Sicherheit verlangt Kontrolle, die wiederum Freiheit einschränkt. Und Wohlstand schließlich basiert auf Kooperation – scheitert aber regelmäßig am kurzfristigen Eigeninteresse der Beteiligten.

Was Ansell hier leistet, ist im Kern eine politökonomische Entzauberung. In der Tradition rationaler Entscheidungstheorie zeigt er, wie individuelles, nutzenorientiertes Verhalten kollektive Ergebnisse hervorbringt, die niemand eigentlich will. Das klassische Gefangenendilemma wird dabei zur Grundfigur des Politischen: Kooperation wäre für alle besser, ist aber für den Einzelnen riskant. Diese Logik durchzieht seine Analyse – vom Klimawandel über Steuerpolitik bis hin zur internationalen Sicherheit.

«Sämtliche Fallen wurden durch den Konflikt zwischen individuellen Interessen und unseren kollektiven Zielen ausgelöst.»

Besonders überzeugend ist dabei die Diagnose der Demokratie. Ansell macht deutlich, dass demokratische Systeme nicht daran scheitern, dass Menschen „falsch“ wählen, sondern dass kollektive Präferenzen grundsätzlich schwer aggregierbar sind. Der Brexit dient hier als paradigmatisches Beispiel: eine klare Entscheidung ohne klare Vorstellung ihrer Konsequenzen. Demokratie produziert Entscheidungen, aber nicht notwendig kohärente oder langfristig tragfähige Lösungen. Dass sie dennoch stabil bleiben kann, erklärt Ansell mit der moderierenden Wirkung politischer Mittepositionen – eine Stabilität, die jedoch angesichts zunehmender Polarisierung brüchig wird.

Auch im Bereich der Ungleichheit zeigt sich diese strukturelle Perspektive. Obwohl ökonomische Ungleichheit wächst und Mehrheiten theoretisch Umverteilung unterstützen könnten, verhindern institutionelle Rahmenbedingungen und individuelle Anreizstrukturen entsprechende politische Maßnahmen. Rechtliche Gleichheit schützt Eigentum – und damit auch Ungleichheit. Versuche der Korrektur stoßen auf reale (Kapitalflucht) wie imaginierte (Angst um das Eigenheim) Widerstände. Politik erscheint hier weniger als Instrument der Gerechtigkeit denn als Austragungsort widersprüchlicher Interessenlagen.

Stärken des Buches liegen zweifellos in seiner Klarheit und Systematik. Ansell gelingt es, komplexe theoretische Zusammenhänge verständlich darzustellen, ohne sie zu simplifizieren. Die Verbindung von historischer Anekdote, empirischem Beispiel und theoretischer Reflexion verleiht dem Buch eine narrative Dynamik, die über eine rein akademische Abhandlung hinausgeht. Zugleich bleibt seine Analyse nüchtern: Es gibt keine einfachen Lösungen, keine politischen Heilsversprechen.

Gerade darin liegt jedoch auch eine gewisse Schwäche. Ansells Perspektive ist stark von einem rational-choice geprägten Menschenbild bestimmt. Politik erscheint primär als Aggregation individueller Interessen, weniger als Raum von Sinn, Urteilskraft oder gemeinsamer Weltgestaltung. Fragen nach politischer Bildung, nach öffentlicher Deliberation im emphatischen Sinn oder nach der Fähigkeit, über Eigeninteressen hinaus zu urteilen, bleiben unterbelichtet. Seine vorgeschlagenen Auswege – Bürgerräte, institutionelle Reformen, internationale Kooperation – sind plausibel, bleiben aber im Rahmen eben jener Logiken, deren Grenzen er zuvor aufgezeigt hat.

So hinterlässt das Buch einen ambivalenten Eindruck: Es klärt auf, ohne zu erlösen. Es schärft den Blick für die strukturellen Bedingungen politischen Handelns, nimmt aber zugleich die Hoffnung auf einfache Verbesserbarkeit. Genau darin liegt seine eigentliche Stärke. Ansell zwingt dazu, Politik nicht moralisch zu überfordern. Wer von ihr erwartet, klare, widerspruchsfreie Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme zu liefern, wird zwangsläufig enttäuscht.

«Nur wenn wir lernen, die eigene Meinung überzeugend zu formulieren und andere zu tolerieren, werden wir jemals in der Lage sein, Konsens zu erreichen.»

„Warum Politik so oft versagt“ ist damit kein Buch der politischen Resignation, sondern eines der realistischen Nüchternheit. Es zeigt, dass politisches Scheitern kein Betriebsunfall ist, sondern Ausdruck der Bedingungen, unter denen Politik überhaupt stattfindet. Wer das versteht, wird vorsichtiger urteilen – und vielleicht gerade deshalb politisch klüger handeln.

Demokratie lernt man nicht – man übt sie

Demokratie gilt gemeinhin als jene politische Ordnung, die dem Menschen am ehesten entspricht: Sie ermöglicht Freiheit, fordert Verantwortung ein und eröffnet Räume, in denen Menschen als Handelnde wirksam werden können. In ihr ist der Mensch nicht Objekt von Herrschaft, sondern Subjekt gemeinsamen Gestaltens. Und doch zeigt sich – historisch wie gegenwärtig –, dass Demokratie keineswegs ein natürlicher Zustand ist, der sich von selbst einstellt, sobald äußere Zwänge fallen. Im Gegenteil: Sie ist eine anspruchsvolle Praxis. Eine Zumutung.

Diese Zumutung liegt darin, dass Demokratie mehr verlangt als bloße Zustimmung zu einem Prinzip. Der Mensch ist ein Wesen mit Bedürfnissen und sozialen Prägungen. Ihnen folgt er instinktiv. Nicht selten resultieren daraus auch Anpassung und Gehorsam, weil dies von Kind an konditioniert ist. Eine Demokratie aber verlangt Urteilskraft, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, die Bereitschaft, Differenz auszuhalten, und nicht zuletzt die Disziplin, eigene Interessen im Lichte eines Gemeinwohls zu reflektieren. All dies ist dem Menschen nicht nur nicht einfach gegeben, es widerspricht oft dem spontanen Verhalten. Die Forderungen der Demokratie, Selbstständigkeit im Denken und Mitverantwortung im Handeln, sind Fähigkeiten, die erlernt werden müssen.

Augenscheinlich wird das bei Gesellschaften nach Transitions to democracy, dem Übergang von autoritären zu demokratischen Systemen. Wo Menschen über lange Zeit daran gewöhnt waren, dass Entscheidungen für sie getroffen wurden, entsteht mit der neu gewonnenen Freiheit nicht selten eine Überforderung. Die Erwartung, sich selbst ein Urteil bilden zu müssen, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv einzubringen, trifft auf mangelnde Erfahrung. Freiheit wird dann nicht als Möglichkeit, sondern als Last erfahren, ein Phänomen, das bereits Erich Fromm in seiner Analyse der „Furcht vor der Freiheit“ beschrieben hat. In dieser Situation erscheint die Rückkehr zu klaren Hierarchien und autoritativer Führung für viele verlockend.

Dieser Befund betrifft nicht nur junge Demokratien. Auch etablierte demokratische Gesellschaften sind keineswegs immun gegen Gefühle der Überforderung und der Sehnsucht nach einfacher Klarheit (auch durch Führung). Der entscheidende Unterschied liegt oft nur darin, dass die mangelnde demokratische Praxis weniger bewusst oder sichtbar ist. Man verlässt sich darauf, dass Institutionen funktionieren, dass Verfahren greifen und „das System“ trägt. Demokratie wird zur Selbstverständlichkeit erklärt, als Selbstläufer gedacht und gerade dadurch verlernt.

Demokratisches Handeln entsteht dort, wo Menschen sich als wirksam erleben, wo sie Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen sie tragen. Demokratisches Handeln bedeutet immer auch, Konflikte auszutragen, ohne dass eine übergeordnete Instanz diese sofort auflöst. Es gibt keine einfachen Lösungen, sondern nur bessere oder schlechtere Gründe. In diesem Sinne ist Demokratie weniger ein System als eine Praxisform, eine Weise, in der Welt zu sein und mit anderen zu handeln. Das entspricht auch der Definition Hannah Arendts, für die Politik wesentlich im gemeinsamen Handeln und Sprechen unter Gleichen besteht.

In Anbetracht dessen, dass Menschen mit dem Eintreten in die gesetzliche Mündigkeit auch in der Pflicht stehen, demokratisch zu agieren, liegt es auf der Hand, dass der Lernprozess schon im Kindesalter anfangen müsste. Da wäre das Bildungswesen gefragt.

Schule versteht sich bis heute überwiegend als Ort der Wissensvermittlung, nicht als Raum politischer Praxis. Demokratie erscheint im Lehrplan maximal neben anderen Fächern als Gegenstand, als etwas, das definiert, erklärt und bei einer Prüfung abgefragt werden kann. Dadurch ist ausser vielleicht einer guten Note nichts gewonnen, denn es bleibt beim theoretischen Wissen. Was fehlt, ist die Erfahrung von Demokratie als gelebter Form des Zusammenhandelns. Dabei wäre gerade die Schule ein Ort, an dem diese Fähigkeiten praktisch erprobt werden können.

Folgt man Aristoteles, sollte Bildung das Ziel haben, Schüler zu vernünftigen und tugendhaften (im ethischen, politischen und im Sinne der lebensnotwendigen und dem Zusammenleben dienlichen Fähigkeiten) wachsen zu lassen. Es sollte also nicht nur darum gehen, Wissen zu vermitteln, sondern Haltung und Charakter auszubilden. Davon sind wir weit entfernt. Wer über Jahre hinweg in einem System lernt, das auf Instruktion, Kontrolle und Bewertung durch Autorität basiert, internalisiert genau diese Logik: Es gibt eine richtige Antwort, die von oben kommt; es gilt, Erwartungen zu erfüllen, eigenes Denken ist sekundär gegenüber Anpassung an diese. Ein solcher Erfahrungsraum steht im Widerspruch zu dem, was Demokratie verlangt. Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, muss Schule anders gedacht werden.

Ein demokratisches Bildungssystem würde nicht primär auf Frontalunterricht setzen, sondern Kindern zutrauen, selbstorganisiert zu lernen. Lernen beschränkte sich so nicht auf die Rezeption vorgegebener Inhalte, sondern wäre ein Prozess des Erkundens, Fragens und Aushandelns. Die Lehrperson wäre nicht primär Wissensvermittlerin, sondern Begleiterin eines Prozesses, in dem Schülerinnen und Schüler eigenständig Themen erschließen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.

Das bedeutet nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil: Selbstorganisiertes Lernen stellt hohe Anforderungen: Es verlangt Struktur, Reflexion und die Fähigkeit, sich selbst zu führen. Dabei sind die Kinder nicht allein, sondern werden begleitet, wo und wie sie es brauchen. Wer so gelernt hat, sich Wissen anzueignen, Positionen zu begründen und mit anderen Lösungen zu entwickeln, wird das auch später als Bürgerin oder Bürger tun. Genau diese Fähigkeiten sind es, die in einer Demokratie zentral sind.

Unterricht so gedacht eröffnet Erfahrungsräume, in denen zentrale demokratische Kompetenzen eingeübt werden:
– das Formulieren und Begründen eigener Positionen,
– das Zuhören und Verstehen anderer Perspektiven,
– das Aushandeln gemeinsamer Lösungen,
– das Tragen von Verantwortung für Entscheidungen.

Diese Kompetenzen entstehen nicht durch Belehrung, sondern durch Praxis.

Die Absage an den Frontalunterricht ist daher keine didaktische Mode, sondern eine politische Notwendigkeit. Ein Bildungssystem, das auf einseitige Wissensvermittlung setzt, produziert tendenziell Menschen, die auf Anleitung warten. Ein Bildungssystem hingegen, das auf Selbsttätigkeit und Mitgestaltung setzt, fördert Menschen, die sich als Teil eines gemeinsamen politischen Raums verstehen.

Demokratie beginnt nicht an der Wahlurne. Sie beginnt im Klassenzimmer. Wenn wir wollen, dass Menschen die Zumutung der Freiheit annehmen, dass sie bereit sind, Verantwortung zu tragen, Unsicherheit auszuhalten und sich aktiv in das Gemeinwesen einzubringen, dann müssen wir ihnen frühzeitig die Möglichkeit geben, genau dies praktisch zu üben, immer im Wissen: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist eine kulturelle Leistung und muss wie jede solche gelernt und gepflegt werden. Die Schule ist dafür nicht nur ein möglicher Ort, sie ist der entscheidende.

Ungarn nach Orbán: Hoffnung ist kein Zustand, sondern eine Aufgabe

Die Abwahl von Viktor Orbán markiert einen politischen Einschnitt, der in Europa lange für kaum möglich gehalten wurde. Über Jahre hinweg hatte sich in Ungarn ein System verfestigt, das durch schrittweise Aushöhlung rechtsstaatlicher Strukturen auszeichnete. Wahlen fanden statt – doch ihre Bedingungen waren zunehmend verzerrt. Dass es nun dennoch zu einem Machtwechsel gekommen ist, verweist auf eine Grenze politischer Steuerung: Selbst konsolidierte Machtapparate sind nicht unangreifbar, wenn gesellschaftliche Zustimmung erodiert.

Diese Wahl ist zunächst ein politisches Signal. Sie zeigt, dass auch in sogenannten „illiberalen Demokratien“ die demokratische Substanz nicht vollständig zerstört ist. Es gibt einen Punkt, an dem sich gesellschaftliche Unzufriedenheit trotz institutioneller Hürden, medialer Dominanz und strategischer Eingriffe in das Wahlsystem artikuliert. In diesem Sinne ist die Abwahl Orbáns weniger ein Wunder als ein Ausdruck politischer Sättigung: Ein grosser Teil der Bevölkerung hat entschieden, dass die bestehende Ordnung ihre Legitimität verloren hat.

Aus diesem Signal vorschnell eine demokratische Erneuerung abzuleiten, gliche einer Illusion. Politische Systeme verschwinden nicht mit einer Wahl, noch immer existieren ihre. vorgeprägten Bereiche wie Institutionen, Personalstrukturen und informelle Netzwerke. In Ungarn bedeutet das konkret: Schlüsselpositionen in Verwaltung, Justiz, Medien und staatsnahen Stiftungen sind weiterhin mit Akteuren besetzt, die dem alten Machtgefüge verpflichtet sind. Diese Kontinuität wirkt wie ein strukturelles Trägheitsmoment, sie kann Reformen verlangsamen, umdeuten oder blockieren.

Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre. Demokratischer Wandel ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein prozessuales Geschehen. Wahlen eröffnen Möglichkeiten, sie garantieren keine Ergebnisse. Die neue Regierung wird sich nicht nur politisch, sondern auch institutionell bewähren müssen: durch den Wiederaufbau unabhängiger Kontrollinstanzen, durch die Stärkung der Gewaltenteilung sowie durch die Sicherung medialer Pluralität.

Dabei geht es um mehr als um technische Reformen. Es geht um die Rekonstruktion dessen, was man als demokratische Praxis bezeichnen kann: die Fähigkeit einer Gesellschaft, Konflikte öffentlich auszutragen, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und politische Entscheidungen als gemeinsames Projekt zu begreifen. Demokratie ist in diesem Sinne keine stabile Ordnung, sondern eine fortlaufende Tätigkeit, ein „Gestalten“, das von Regierung und Bevölkerung gleichermaßen getragen werden muss.

Gerade hier liegt eine oft unterschätzte Schwierigkeit. Nach Jahren der politischen Polarisierung und der gezielten Schwächung öffentlicher Diskurse ist das Vertrauen in Institutionen und Verfahren häufig beschädigt. Eine neue Regierung kann dieses Vertrauen nicht verordnen. Sie kann lediglich Bedingungen schaffen, unter denen es sich langsam wieder bilden kann. Transparenz, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, die eigene Macht tatsächlich zu begrenzen, sind dafür zentrale Voraussetzungen.

Gleichzeitig ist auch die Bevölkerung gefordert. Wer eine zu autoritäre Ordnung abwählt, entscheidet sich nicht automatisch für eine lebendige Demokratie. Diese entsteht erst dort, wo Bürgerinnen und Bürger sich als politisch wirksam begreifen und die Bereitschaft zeigen, sich einzubringen. Die Erwartung, dass „die da oben“ nun alles richten, wäre nichts anderes als die Fortsetzung jener Passivität, die illiberale Systeme begünstigt.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die gegenwärtige Situation Ungarns. Die Abwahl Orbáns eröffnet einen Möglichkeitsraum – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Hoffnung ist berechtigt, solange sie nicht mit Erwartung verwechselt wird. Denn Demokratie entsteht nicht aus einem Akt der Entscheidung, sondern aus der dauerhaften Bereitschaft, diese Entscheidung immer wieder einzulösen.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung dieses Moments: nicht in der Gewissheit eines besseren Zustands, sondern in der Wiedergewinnung einer offenen Zukunft. Eine Zukunft, die gestaltet werden kann, aber gestaltet werden muss.

Die neue Form der Unfreiheit

Technologie, Manipulation und die Erosion des Politischen

«Der Imperativ der Transparenz lässt Informationen frei zirkulieren. Wirklich frei sind nicht die Menschen, sondern die Informationen… Die Menschen sind in Informationen gefangen. Sie legen sich selbst Fesseln an, indem sie kommunizieren und Informationen produzieren.» Byung Chul Han

Totalitäre Regime sind historisch durch ein klares Merkmal gekennzeichnet: Sie entziehen dem Menschen systematisch seine Freiheit. Meinungsäußerung, Presse, Wissenschaft und Bildung werden kontrolliert, Abweichung sanktioniert, Konformität erzwungen. Die Macht operiert offen durch Zwang und Gewalt. Wer sich nicht fügt, wird unterdrückt, weil: unsichtbar gemacht.

Das ist nicht neu, es ist vielfach erforscht, leider ohne wirklich sichtbare Umsetzung. Trotzdem stellt uns die gegenwärtige Situation vor eine noch subtilere, schwerer zu fassende Herausforderung. Die klassische Form der Unterdrückung scheint in vielen westlichen Demokratien überwunden. An ihre Stelle tritt jedoch ein Mechanismus, der weniger durch Verbot als durch Lenkung funktioniert. Es ist weniger Gewalt, als viel mehr Gestaltung von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Entscheidung.

Diese Entwicklung lässt sich als eine Transformation von Macht beschreiben: von der repressiven zur strukturellen, von der sichtbaren zur unsichtbaren. Während totalitäre Systeme den Menschen zwingen, sich systemkonform zu verhalten, erzeugen digitale Technologien zunehmend Bedingungen, unter denen Menschen freiwillig in einer Weise handeln, die fremden Interessen dient, ohne sich dessen bewusst zu sein. Hier liegt die eigentliche Brisanz.

Von der Herrschaft durch Zwang zur Herrschaft durch Steuerung

Die klassischen Analysen totalitärer Systeme, etwa bei Hannah Arendt, betonen die Bedeutung von Ideologie und Terror. Ideologie liefert die scheinbar geschlossene Welterklärung, Terror sorgt für deren Durchsetzung. Beide zusammen erzeugen eine Realität, in der alternatives Denken nahezu unmöglich wird.

Die digitale Gegenwart benötigt keinen Terror mehr, um Wirkung zu entfalten. Ihre Stärke liegt in der Gestaltung von Möglichkeitsräumen. Algorithmen bestimmen, was sichtbar wird und was nicht, welche Themen dominieren und welche verschwinden, welche Emotionen verstärkt und welche gedämpft werden. Dadurch entsteht eine Form von „sanfter Lenkung“, die nicht als solche erkannt wird.

Der entscheidende Unterschied, welcher zugleich zum Verhängnis wird:
Der Mensch glaubt, frei zu entscheiden, nur dass die Bedingungen seiner Entscheidung bereits vorstrukturiert sind.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit als Machtinstrument

Früher war schnell klar: Es geht um den Profit (fast möchte man sagen, zum Glück nur darum).  Es mag noch so scheinen, doch ist der Profit nicht mehr als Ziel, heute geht es um Herrschaft. Die ökonomischen Interessen mögen immer noch bedient werden, doch sind Profitmaximierung, Marktanteile, Wachstum nur noch nette Beigabe. Große Technologieunternehmen verfügen nicht nur über Kapital, sondern über Daten, Infrastruktur und damit über Einfluss auf Wahrnehmung selbst. Diese Macht ist qualitativ neu, weil mit ihr ganz neue Wirkweisen einhergehen:

  • Sie wirkt präventiv, nicht repressiv
  • Sie formt Präferenzen, statt sie nur zu bedienen
  • Sie operiert individualisiert, nicht massenhaft uniform

Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt diese Entwicklung als Übergang von der Disziplinargesellschaft zur „Psychopolitik“. Das Verhalten der Menschen wird nicht mehr durch äußere Zwänge und Verbote, sondern durch innere Steuerung und Optimierung, bestimmt. Dadurch wird er zum „freiwilligen“ Akteur innerhalb eines Systems, das seine Handlungen antizipiert und lenkt.

Die Unsichtbarkeit der Manipulation

«Überwachung schleicht sich in Form von Convenience in den Alltag ein.» Byung Chul Han

Die eigentliche Gefahr liegt nicht allein in der Existenz dieser Mechanismen, sondern in ihrer Unsichtbarkeit. Ein totalitäres Regime kann erkannt werden (auch wenn es oft durch Ignoranz und Gedankenlosigkeit ausgeblendet wird), denn Zensur ist sichtbar, Gewalt erfahrbar und Unterdrückung benennbar. Digitale Manipulation hingegen entzieht sich der Wahrnehmung: Informationen erscheinen als „neutral“, sind aber selektiert, Meinungen wirken individuell, sind aber verstärkt oder abgeschwächt. Unsere Urteile und Entscheidungen, die wir auf deren Grundlage machen, fühlen sich autonom an, sind aber beeinflusst

Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Wir wähnen uns frei, obwohl die Steuerung immer stärker in unsere Gedanken und Entscheidungsfindungen eingreift.

Politische Konsequenzen: Die Gefährdung von Demokratie und Rechtsstaat

Demokratie beruht auf der Annahme mündiger Bürgerinnen und Bürger, die sich eine eigene Meinung bilden, unterschiedliche Perspektiven abwägen und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen. Der Rechtsstaat setzt voraus, dass diese Entscheidungen nicht manipulativ verzerrt sind. Wird jedoch die Grundlage der Meinungsbildung selbst beeinflusst, gerät dieses Fundament ins Wanken. Konkrete Folgen sind bereits sichtbar: Durch die algorithmische Verstärkung extremer Positionen kommt es immer mehr zu Polarisierungen. Zudem führen die isolierten Informationsräume zu einer immer grösseren Fragmentierung der Öffentlichkeit. Wie die jüngere Vergangenheit zeigt, geht der Einfluss aber noch weiter, indem sogar Wahlen und andere politische Prozesse gezielt manipuliert werden.

Die Gefahr besteht nicht nur in einzelnen Eingriffen, sondern in einer strukturellen Verschiebung: Politik wird nicht mehr primär im öffentlichen Raum ausgehandelt, sondern in unsichtbaren digitalen Architekturen vorgeprägt.

Die Rückgewinnung des Politischen

Die zentrale Frage lautet daher:

Wie kann unter diesen Bedingungen Freiheit erhalten werden?

Hier greifen technische Regulierungen, so nötig und wichtig sie sind, weniger als eine kulturelle und geistige Haltung. Es braucht eine Wiedergewinnung dessen, was man mit Immanuel Kant als „Selbstdenken“ bezeichnen könnte: die Fähigkeit, sich nicht bloß leiten zu lassen, sondern sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das setzt aber voraus, dass wir zuerst ein Bewusstsein für die Mechanismen digitaler Steuerung entwickeln und scheinbar neutralen Informationsquellen mit einer kritischen begegnen. Zudem ist die aktive Teilnahme am öffentlichen Diskurs jenseits algorithmischer Filter zentral für unabhängige politische Meinungsbildung. Diese fordert einiges, vor allem aber die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, denn eigenes Denken bedeutet immer auch, ohne Garantie zu urteilen.

Fazit: Die leise Verschiebung der Freiheit

Wir stehen nicht am Beginn eines neuen Totalitarismus im klassischen Sinne. Die Formen der Macht haben sich verändert. Gerade darin liegt ihre Gefährlichkeit. Zwar ist es wichtig und lehrreich, die Ursachen und Mechanismen anhand früherer Beispiele zu studieren, aber wir müssen neue Bewältigungsstrategien für die heutigen Gefahren und Angriffe auf die Demokratie und damit unsere Freiheit finden. Diese ist nicht mehr durch offenen Zwang bedroht, sondern durch eine schleichende Aushöhlung. Wir stehen nicht mehr an Verboten an, sondern werden gelenkt. Wir unterstehen keiner sichtbaren Herrschaft mehr, sondern bewegen uns in unsichtbaren Strukturen. Die Herausforderung unserer Zeit besteht darin, diese Verschiebung zu erkennen, bevor sie unumkehrbar wird.

Freiheit geht selten plötzlich verloren. Sie verschwindet, Schritt für Schritt. Immer dann, wo Menschen aufhören, selbst zu denken.

Macht ohne Kontrolle – Zur Transformation geopolitischer Ordnung

Der gegenwärtige Waffenstillstand zwischen den Vereinigten Staaten und Iran lässt sich nur unzureichend als temporäre Deeskalation beschreiben. Er verweist vielmehr auf eine strukturelle Transformation von Macht.

Im klassischen Verständnis internationaler Politik – Macht als Fähigkeit, das Verhalten anderer zu bestimmen – zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Trotz militärischer Überlegenheit gelingt es den Vereinigten Staaten nicht mehr, die Dynamik des Konflikts zu kontrollieren. Iran hingegen operiert erfolgreich unterhalb der Schwelle klassischer Dominanz, nämlich durch die gezielte Erzeugung von Unsicherheit. Diese Verschiebung lässt sich als Übergang von kontrollbasierter zu kontingenzbasierter Macht begreifen.

Kontrolle bedeutete historisch die Stabilisierung von Ordnungen: sichere Handelswege, garantierte Ressourcenflüsse, berechenbare Rahmenbedingungen. Genau darin lag – und liegt – ein zentraler Pfeiler amerikanischer Hegemonie. Doch in hochvernetzten Systemen verändert sich die Logik. Es ist nicht mehr notwendig, Systeme zu beherrschen, es genügt, ihre Verwundbarkeit sichtbar zu machen. Die Straße von Hormus ist hierfür paradigmatisch. Ihre tatsächliche Blockade ist nicht erforderlich. Die Möglichkeit ihrer Störung erzeugt bereits systemische Effekte: Preisbewegungen, politische Anpassungen, strategische Neuorientierungen. Dies löst erstens Unsicherheit aus und diese wird zweitens selbst zu einer Form von Steuerung.

Nach Hannah Arendt entsteht Macht nicht primär aus Gewalt, sondern aus der Fähigkeit, Wirklichkeit gemeinsam zu strukturieren. Wo jedoch die gemeinsame Welt brüchig wird, weil Erwartbarkeit durch Kontingenz ersetzt wird, verschiebt sich auch die Form der Macht. Sie wird indirekter, diffuser, dadurch aber nicht weniger wirksam.

Das deckt sich auch mit der Sicht Richard Sennetts, welcher aufzeigte, dass moderne Ordnungen zunehmend von Instabilität und offener Struktur geprägt sind. In solchen Konstellationen entsteht Einfluss nicht mehr durch starre Kontrolle, sondern durch die Fähigkeit, mit Ungewissheit zu operieren, oder sie gezielt zu erzeugen.

Für die Vereinigten Staaten ergibt sich daraus ein doppelter Verlust: nicht nur steht der Glaube an ihre Fähigkeit auf dem Spiel, auch der ihre Verlässlichkeit ist am Wanken. Die Garantie stabiler Ordnungen, welche zentral ist für ihre Rolle im internationalen System, wird fragil. Und mit dieser Fragilität beginnt ein Prozess gradueller Entkopplung: Verbündete wenden sich ab, reduzieren Abhängigkeiten, verschieben Loyalitäten.

Diese Dynamik entspricht dem, was Byung-Chul Han als Struktur moderner Gesellschaften beschreibt: Vereinzelung, Fragmentierung und der Verlust stabiler Bezugsrahmen. Übertragen auf die Geopolitik bedeutet das: Ordnung zerfällt nicht abrupt, sondern löst sich schrittweise auf in eine Vielzahl taktischer Anpassungen.

Machtverlust erscheint hier nicht als Bruch, sondern als Drift.

Zusätzlich verschärft die angewandte Eskalationsrhetorik das Problem. Drohungen gegenüber ziviler Infrastruktur erhöhen nicht die Steuerungsfähigkeit, sondern unterminieren die normative Grundlage von Führung. Vertrauen – und damit Einfluss – lässt sich nicht erzwingen. Auch hier gilt eine Einsicht, die sich aus der politischen Theorie des 20. Jahrhunderts speist: Gewalt kann Macht zerstören, aber sie kann sie nicht ersetzen.

Die innenpolitischen Folgen solcher Konstellationen sind historisch bekannt. Strategische Erfolglosigkeit erzeugt keine unmittelbare Krise, sondern eine anhaltende Erosion politischer Autorität. Außenpolitische Unbestimmtheit übersetzt sich in innenpolitische Fragilität. Der Waffenstillstand suspendiert diese Dynamik nicht. Er legt sie offen.

Was sichtbar wird, ist eine veränderte Struktur geopolitischer Ordnung: eine Ordnung, in der nicht mehr die Fähigkeit zur Kontrolle entscheidend ist, sondern die Fähigkeit, Kontingenz zu erzeugen. In einer solchen Ordnung wird jede Eskalation riskanter, weil ihre Folgen nicht mehr kontrollierbar sind. Der Raum politischen Handelns verengt sich paradoxerweise gerade dort, wo mehr Mittel zur Verfügung stehen.

Der Waffenstillstand ist daher kein Ende.
Er ist ein Symptom. Und möglicherweise der Beginn einer Konfliktform, deren wesentliches Merkmal gerade darin besteht, dass sie sich der klassischen Kontrolle entzieht.

Denkzeiten: Empathie als politische Tugend

«Politik handelt vom Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.» Hannah Arendt

Die Gegenwart ist geprägt von einer eigentümlichen Zuspitzung. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen verlaufen zunehmend entlang verhärteter Fronten, Differenzen werden nicht mehr als Ausdruck pluraler Perspektiven verstanden, sondern als Gegensätze, die einander ausschließen. Wo früher Streit als produktiver Bestandteil des Politischen gelten konnte, dominiert heute nicht selten die Logik der Abgrenzung: Man positioniert sich, grenzt sich ab, weist zurück. Aus Dissens wird Distanz, aus Distanz nicht selten Ablehnung. Und manchmal ist das noch nicht mal das Ende, es geht weiter bis hin zu Formen offenen Hasses.

Diese Entwicklung ist kein bloßes Oberflächenphänomen. Sie verweist auf eine tiefliegende Erosion jener Bedingungen, die ein Zusammenleben in Verschiedenheit ermöglichen. Denn das Politische lebt davon, dass Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen, Erfahrungen und Interessen in einer gemeinsamen Welt stehen. Wird diese gemeinsame Welt fragil, zerfällt auch die Grundlage, auf der Konflikte überhaupt noch ausgetragen werden können.

Ein zentraler Faktor in diesem Zusammenhang ist das Schwinden öffentlicher Räume. Gemeint sind damit nicht nur physische Orte, sondern soziale und politische Konstellationen, in denen Menschen einander begegnen können, ohne bereits durch Zugehörigkeiten, Milieus oder digitale Filter voneinander getrennt zu sein. Solche Räume ermöglichen es, andere nicht nur als Träger von Positionen wahrzunehmen, sondern als Personen, die aus konkreten Lebenszusammenhängen heraus sprechen und handeln.

Hannah Arendt hat diesen Raum als Erscheinungsraum beschrieben: als Ort, an dem Menschen sowohl in ihrer Gleichheit als Handelnde, als auch in ihrer Verschiedenheit als Einzelne sichtbar werden. Öffentlichkeit ist in diesem Sinne keine bloße Bühne für vorgefertigte Meinungen, sondern ein Erfahrungsraum, in dem sich zeigt, dass andere die Welt anders sehen. Wo Begegnung jedoch ausbleibt, werden Differenzen nicht mehr erfahren, sondern lediglich behauptet. Die Perspektive des anderen wird nicht mehr nachvollzogen, sondern vorab bewertet. Urteile entstehen, ohne dass zuvor ein ernsthafter Versuch des Verstehens unternommen worden wäre. In dieser Verkürzung liegt eine wesentliche Quelle jener Verhärtungen, die das politische Klima vielerorts prägen.

An dieser Stelle gewinnt die Fähigkeit der Empathie ihre zentrale Bedeutung. Empathie ist mehr als Mitgefühl, sie ist mehr als zu sagen: «Ich fühle mich dir» oder noch mehr: «Ich fühle dich», wie es irgendwann modern wurde. Empathie bezeichnet die Fähigkeit, sich in die Perspektive eines anderen zu versetzen und zu erfassen, wie sich die Welt aus dessen Sicht darstellt. Sie ist damit keine bloß emotionale Disposition, sondern eine Form der Perspektivenarbeit, die es erlaubt, die eigene Sichtweise zu relativieren und andere in die eigene Urteilsbildung einzubeziehen.

Bereits Immanuel Kant hat diese Bewegung als „erweiterte Denkungsart“ beschrieben: die Fähigkeit, an der Stelle jedes anderen zu denken. Für Kant ist das eine Bedingung der Urteilskraft, ohne bleibt das Urteil partikular und verfehlt den Anspruch auf Allgemeinheit. Auch bei Hannah Arendt findet sich diese Einsicht wieder, wenn sie betont, dass Urteilen nur im Horizont einer pluralen Welt möglich ist, in der unterschiedliche Perspektiven präsent sind.

Empathie erfüllt in diesem Zusammenhang eine doppelte Funktion: Zum einen wirkt sie der Tendenz entgegen, andere vorschnell entlang der eigenen Maßstäbe zu bewerten. Sie eröffnet die Möglichkeit, Differenz als Ausdruck unterschiedlicher Erfahrungszusammenhänge zu begreifen. Zum anderen trägt sie dazu bei, die gemeinsame Welt überhaupt aufrechtzuerhalten. Denn diese Welt entsteht nicht aus Übereinstimmung, sondern aus der Fähigkeit, Verschiedenheit zu vermitteln, ohne sie aufzuheben.

Allerdings ist Empathie keine rein individuelle Leistung. Sie ist auf Bedingungen angewiesen, die sie ermöglichen. Ohne öffentliche Räume, in denen Menschen einander begegnen, bleibt Empathie abstrakt oder reduziert sich auf wohlwollende Vorstellungen ohne reale Grundlage. Erst die konkrete Erfahrung des Anderen – seine Stimme, seine Präsenz, seine Andersheit – schafft den Anlass und die Notwendigkeit, die eigene Perspektive zu überschreiten.

Das bedeutet nicht, dass Empathie Konflikte auflöst oder immer zu Konsens führt, im Gegenteil: Eine lebendige politische Ordnung wird immer von Spannungen durchzogen sein. Empathie zielt nicht auf Harmonie, sondern auf ein Verstehen, das dem Urteil vorausgeht. Sie sorgt dafür, dass Differenzen nicht unmittelbar in Feindschaft umschlagen, sondern als Teil einer gemeinsamen Welt bearbeitet werden können.

In einer Zeit, in der Polarisierung zur dominanten Form politischer Auseinandersetzung zu werden droht, ist diese Fähigkeit von grundlegender Bedeutung. Wo das Verstehen vor dem Urteilen verschwindet, verliert das Politische seinen Raum. Empathie eröffnet die Möglichkeit, diesen Raum zu erhalten nicht, indem sie Unterschiede einebnet, sondern indem sie sie verstehbar macht.

Das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft verlangt daher mehr als Regeln und Institutionen. Es verlangt eine Praxis der Perspektivenübernahme, die den anderen nicht vorschnell festlegt, sondern ihn zunächst als Träger einer eigenen, sinnhaften Weltsicht anerkennt. Empathie ist der erste Schritt in diese Richtung und vielleicht die entscheidende Voraussetzung dafür, dass aus Gegnerschaft nicht Feindschaft wird.

Hannah Arendt: Über Palästina

«Unmittelbar vor den Grenzen des Staates Israel gibt es rund eine Million Menschen, die aus ihren Häusern, von ihren Bauernhöfen und Arbeitsplätzen vertrieben wurden. Sie leben hauptsächlich von den Almosen einer provisorischen und unzureichend finanzierten UN-Organisation in erzwungener Untätigkeit, Frustration und Verbitterung, mehr als ein Drittel davon in Flüchtlingslagern.»

Es geht weiter:

«Doch nicht nur der Frieden im Nahen Osten ist gefährdet. Die ganze Welt lebt im Schatten einer nuklearen Katastrophe.»

und kommt zum Schluss:

«Eine Lösung dieses Problems ist (natürlich unter anderem) für die Sicherheit der ganzen Welt nötig.»

Wenn man bedenkt, dass Hannah Arendt diesen Text 1958 geschrieben hat, und dann auf die Welt heute schaut, zeigt sich, wie wenig sich zum Guten getan hat (im Gegenteil) und wie aktuell Hannah Arendt auch heute noch ist. Ihre Analyse der Problemstellung ist konzis und differenziert. Sie beleuchtet die Situation aller Beteiligter und weist auf die grössten Herausforderungen hin. Sie bleibt dabei aber nicht bei der blossen Theorie und Analyse und Theorie stehen, sie denkt auch über eine mögliche Lösung nach.

«Das gegenwärtige Problem kann nicht gelöst werden, indem man über die relative Legitimität von Eroberungsansprüchen von vor dreitausend, tausend oder zehn Jahren diskutiert… Die einzigen Ansprüche, die uns an dieser Stelle interessieren, sind die Rechte der Flüchtlinge auf ein würdevolles und normales Leben, sowie die Rechte des Nahen Ostens und der ganzen Welt auf ein höheres Mass an Sicherheit für alle Menschen.»

Hannah Arendt präsentiert in der Folge einen Plan mit 23 Punkten, der zu einer Lösung führen soll. Er gewährleistet, dass keine Nation das Gefühl hat, bedroht zu sein, gibt den Flüchtlingen ein Zuhause zurück und soll den Frieden im Nahen Osten gewährleisten. Wichtig dabei ist Hannah Arendt, wie es ihrer Philosophie eigen ist, der Dialog zwischen den Beteiligten. Es soll keine Lösung am Tisch gezeichnet und über das Ganze gestülpt, sondern in einem Miteinander soll eine solche geschaffen werden.

Wer weiss, wie die Lage im Nahen Osten aussähe, hätte man Hannah Arendts Punkten damals Gehör geschenkt. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Was Hannah Arendt schreibt, könnte auch heute noch zu einer Lösung beitragen – wenn nur die Beteiligten und Betroffenen ein Interesse daran hätten.

Das Buch hat mit betroffen und nachdenklich zurückgelassen. Und es hat mir einmal mehr gezeigt, was für eine grossartige Denkerin Hannah Arendt war. Ich kann die Lektüre nur empfehlen.

Politisches: Gemeinsam können wir etwas bewirken

«Man kann die Welt nicht alleine ändern. Jene, die diesen Weg beschreiten, tun das, indem sie sich organisieren und zusammenarbeiten. Die intellektuelle Selbstverteidigung, die ich meine, findet stets in einem sozialpolitischen Kontext statt, der für positive Veränderungen absolut notwendig ist.» Noam Chomsky

Schaut man auf totalitäre Systeme, fällt unter anderem etwas auf: Es wird versucht, Verbindungen zu vermeiden, den Menschen zu isolieren. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Einzelne Menschen sind besser steuer- und manipulierbar als Gruppen. Durch die Verbindung mit anderen gewinnt der Einzelne mehr Kraft und damit auch mehr Macht, die dem Herrschaftsregime entgegenschlagen könnte. Dies gilt es zu vermeiden.

Es ist umso erstaunlicher, wenn man sieht, wie sehr der heutige Mensch nach Individualität und Vereinzelung strebt. Andreas Reckwitz hat das in seinem Buch «Die Gesellschaft der Singularitäten» schön beschrieben. Menschen sind mit sich und den eigenen Belangen beschäftigt, sie kümmern sich wenig um die der anderen. Dass so Synergien nicht genutzt werden, liegt auf der Hand. Dass wir uns so unserer eigenen Wirkkraft berauben, ist die traurige Folge.

Wir sehen uns in einer Welt, welche einige Gefahren für uns und unser Leben bereithält. Neben Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen sind auch die Klimaveränderungen und ein möglicher Atomkrieg zu nennen. Das sind Gefahren und Probleme, die uns alle betreffen, weil wir alle daran beteiligt und viele davon betroffen sind. Um Lösungen zu finden und Gefahren abzuwenden, wäre es dringend nötig, die eigenen Verantwortlichkeiten zu sehen und gemeinsam nach gangbaren Wegen zur Lösung zu suchen.

Es ist an die Zeit, dass der Westen seine überhebliche Dominanz aufgibt und sich der Fehler bewusst wird, die zu den aktuellen globalen Krisen beigetragen haben. Aktuell versuchen wir noch immer, die Konsequenzen, die sich aus diesen ergaben, sprichwörtlich an der Grenze abzuwenden, indem teilweise fragwürdige Abkommen mit anderen Staaten getroffen werden, die sich des Problems annehmen. Dies alles geschieht auf Kosten der Ärmsten dieser Welt, auf Kosten derer, die die Leidtragenden vergangener und gegenwärtiger wirtschaftsgetriebener Machenschaften sind.

«Die menschliche Natur macht es möglich, zum Heiligen oder zum Sünder zu werden. Jeder von uns hat diese Kapazitäten in sich… Bezüglich der Machbarkeit von gerechteren und sozialen Institutionen kann man sich im Vorhinein nie ganz sicher sein. Man muss einfach immer wieder versuchen, neue Maßstäbe zu setzen und das zu tun, was im Bereich des Möglichen liegt.»

Es ist Zeit, hinzusehen, zusammenzustehen, Veränderungen zu denken und diese umzusetzen. Mensch sein heisst auch, Verantwortung übernehmen. Es heisst, sich für das Richtige zu entscheiden, sprich, für eine gerechtere Welt für alle.

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Buchtipps dazu:

Noam Chomsky (im Gespräch mit Emran Feroz): Kampf oder Untergang! Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018.

Der große Denker unserer Zeit über die Gefahren der Klimakrise und eines Atomkrieges, über die manipulative Macht von Massen- und sozialen Medien, über die selbstgemachte Zerstörung unserer Welt. Er behandelt die Notwendigkeiten einer neuen Form von Bildung, die zu mündigen, kritischen Menschen führen ebenso wie die Hoffnung, die im Menschsein und dessen Fähigkeiten begründet ist. Wir tragen gute und schlechte Seiten in uns, wir haben die Wahl, welche wir stärken und wie wir sie einsetzen.

Das Buch umfasst viele der zentralen Themen Chomskys in konzentrierter Form. Wer sich weiter vertiefen möchte, dem seien die umfassenderen Bücher ans Herz gelegt, z. B.:

Noam Chomsky, Mary Waterstone: Konsequenzen des Kapitalismus. Der lange Weg von der Unzufriedenheit zum Widerstand, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2022.

Chomsky und Waterstone decken die Probleme und Grausamkeiten des gegenwärtigen kapitalistischen Systems und der Politik, die sich diesem Kapitalismus unterworfen hat, auf und diskutieren Möglichkeiten für eine gerechtere Welt. Dabei setzen sie auf die Eigenmächtigkeit der Menschen, welche die Möglichkeit hätten, eine Veränderung zu bewirken – wenn sie diese in die Hand nähmen.

Und:

Noam Chomsky, Edward S. Herman: Die Konsensfabrik. Die politische Ökonomie der Massenmedien, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2023.

Medien vertreten oft die Meinung, die der politischen Herrschaftsmeinung folgt. Damit lenken sie – oft unbewusst für diese – die Leser in eben diese Richtung, machen sie zu folgsamen Gehorchenden vorherrschender Doktrinen. Treibende Kraft hinter allem sind oft profitorientierte, ökonomische Interessen, selten wirklich soziale Werte oder gar gerechte Umstände für die, welche derer bedürften. Chomsky und Herman liefern eine differenzierte und sachliche Analyse der Mechanismen der gängigen Medienlandschaft, sie zeigen die Kriterien, nach welchen Themen gewählt werden, und die Mittel, wie sie präsentiert werden, um so die Meinungsbildung zu steuern.

Gedankensplitter: Eigene blinde Flecke

«Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.» Roger Willemsen

Immer wieder lese oder höre ich von diesem «Gender-Seich». Kürzlich wurde ich gefragt, was ich denn davon halte, von diesem «Gender-Seich», die Hoffnung, dass ich mit ihm einen Empörungschor bilden würde, stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Auch Argumente wie:

«Wir haben wahrlich genügend Krisen, wir sollten uns nicht mit solchen Gender-Idiotien rumschlagen müssen.»

Oder:

«Langsam machen mich diese woken Identitätspolitischen und Gender-Propagierer richtig aggressiv.»

Und ja, aggressiv ist das Klima der Diskussionen. Es geht schon lange nicht mehr um die Sache, wie mir scheint, es geht darum, recht zu haben, weil man die Wahrheit kennt, weil man weiss, wie es richtig läuft, und vor allem bei den Gegnern: Weil man es schon immer so gemacht hat und es doch klar ist, dass dies gut war.

Und es wird argumentiert, dass wenn man N* sage, meine man es niedlich, wenn man die männliche Form verwende, seien natürlich alle mitgemeint, nur ein Idiot kenne das generische Maskulinum nicht[1], wenn man finde, Kopftuch-Frauen gehören nicht in unser Land, verteidig man nur die häuslichen Sitten und Gebräuche.

Die Argumentation, man brauche all diese Diskussionen nicht, sondern sie lenken nur von den wirklichen Problemen wie dem des Klimas ab, ist, wie ich denke, eine typische Vermeidungsargumentation aus einer Position, die es sich leisten kann.

Wir haben viele Probleme aktuell und ich denke, wir können sie nur gemeinsam angehen, da sie sich gegenseitig befruchten und wiederum so wirken. Diskriminierungen auf verschiedenen Ebenen und aus verschiedenen Gründen sind sicher nicht einfach Kleinigkeiten, wenn man zur Gruppe der Unterdrückten gehört. Die Diskussion über das Gendern könnte man sich sparen, wenn nicht so viele teilweise aggressiv dagegen kämpfen würden (dann wäre auch eine gemässigtere Form als diese teilweise wirklich schwierigen Auswüchse) möglich. Wir könnten uns ebenso Diskussionen über Antisemitismus, Rassismus, Klassismus, soziale Ungerechtigkeiten auf lokaler und globaler Ebene sparen – wenn wir endlich hinsehen würden und gemeinsam für eine Welt kämpfen, die eine gemeinsame wird.

Aber: Wir sind nicht da. Menschen werden unterdrückt, Frauen sind in vielen Bereichen in einer benachteiligten Position und sind zu wenig gehört und gesehen. Migrant*Innen, Schwarze, Juden, Transsexuelle und viele nicht der weissen, westlichen Norm entsprechende Menschen werden diskriminiert und ausgeschlossen. Und solange das so ist, müssen wir darüber reden und dafür kämpfen, dass es ändern. Weil wir es ihnen und uns wert sind, weil es in der Verantwortung derer liegt, die es können, weil sie all die Privilegien haben, die anderen verschlossen sind.


[1] Das erinnert mich an die Frau Ende des 19. Jahrhunderts, welche vor Gericht ging, weil sie nicht zum Studium zugelassen wurde. Ihre Klage, die sich auf das Recht jedes Menschen auf Bildungszugang berief, wurde abgewiesen mit der Begründung, es sei klar, dass damit nur Männer gemeint seien. So viel zum generischen Maskulinum.

Politisches: Woher der Rutsch nach rechts?

In vielen Ländern ist ein bedenklicher Rutsch nach rechts festzustellen. Parteien spielen plötzlich vorne mit, die Erinnerungen an düstere Kapitel unserer Geschichte wach werden lassen. Woher kommt dieser Gesinnungswandel bei einem mittlerweile grossen Teil der Bevölkerung?

Didier Eribon hat dies in seinem Buch «Rückkehr nach Reims» aufgrund autobiographischer Erlebnisse thematisiert. Waren sein Vater und das ganze Arbeiterumfeld früher Links-Wähler und Kommunisten, haben sie ein paar Jahre später den rechten Parteien zugejubelt. Das weckte beim Soziologen die Frage nach dem Warum:

«Wie konnte es dazu kommen, dass man in derselben Familie wenig später rechte oder rechtsextreme Parteien wählte und dies sogar manchmal als die «natürliche» Wahl empfand?»

Eine erste Begründung fand er nach dem Eintritt von Mitterrand in die Regierung:

«…nach dem Sieg der Linken… setzten im Volk bald Ernüchterung und Verdrossenheit gegenüber der politischen Klasse ein. Man fühlte sich von den Gewählten vernachlässigt.»

Die Bürger fühlten sich nicht mehr angesprochen, sie fühlten sich vernachlässigt und erneut zu Opfern des Systems gestempelten:

«Die Politiker sind alle gleich. Ob links oder rechts, die Rechnung zahlen immer dieselben»

Dies lag auch daran, dass sich die thematischen Inhalte drastisch verändert hatten:

«Die Idee der Unterdrückung, einer strukturierenden Polarität zwischen Herrschenden und Beherrschten verschwand aus dem Diskurs der offiziellen Linken und wurde durch eine neutralisierende Vorstellung des Gesellschaftsvertrags ersetzt, in dessen Rahmen «gleichberechtigte» Individuen (gleich? Was für ein obszöner Witz) auf die Artikulation von Partikularinteressen zu verzichten (das heisst zu schweigen und sich von den Regierenden nach deren Gusto regieren zu lassen) hätten.»

Und weiter:

«Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden, sie nahmen gegenüber der Welt nun einen Regierungsstandpunkt ein und wiesen den Standpunkt der Regierten verächtlich von sich…»

Eine neue Hierarchie zeigte sich:

…»liess man sich bestenfalls dazu herab, diejenigen, die gestern noch «unterdrückt» und «beherrscht» gewesen waren und politisch «gekämpft» hatten, als «Ausgeschlossene» darzustellen, als «Opfer» von Armut, Prekarisierung und Ausgrenzung» und somit als passive und stumme potenzielle Empfänger technokratischer Hilfsmassnahmen.»

Geschrieben 2009 über die Zeit in den 70er und 80er Jahren in Frankreich, und heute aktuell wie nie. Wieso also kommt es zu einem Rutsch nach rechts? Wieso laufen ehemals Linke zu rechten Parteien über?

Weil die Linken ihre Ursprünge verleugnen und sich gegen die, für die sie früher einstanden, mit denen sie sich solidarisch zeigten, stellen. Weil sie sich von ihnen entfernen, ihre Sprache nicht mehr sprechen, ihre Themen nicht mehr vertreten, stattdessen mit Inhalten um sich werfen, die im akademischen Zirkus erdacht und nicht im Leben erlitten werden. Und die vormaligen Linken und Wähler der Linken verstehen die Welt nicht mehr, in die diese entschwunden sind, fühlen sich zurückgelassen, verraten, ungehalten – und das werden sie. Und sie suchen einen Ort, wo sie ihre Themen vertreten sehen, wo sie das Gefühl haben, es gehe um sie.

Um es (zugegeben etwas plakativ und verkürzt) zusammenzufassen

«Dem, der kein Brot hat, ist es egal, ob es der oder die Brot heisst, er möchte satt werden.»

Und es scheint, als ob das auf der linkenAgenda kaum mehr einen Stellenrang hat.

Politisches: Ideologie als neues Opium 

«Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich das zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.» (Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker)

Von allen Seiten hört man die Rufe: Wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft, unsere Demokratie geht kaputt, wir richten sie zugrunde. Und ja, sie haben recht. Menschen driften mehr und mehr auseinander, die haltgebenden Strukturen von früher (Religion, Vereine, Gemeinde, etc.) verlieren an Wert und Achtung und die Menschen damit an Orientierung. Freischwebend in einem Meer von „alles ist möglich, bloß sich auf nichts festlegen“ driften wir umher und suchen unseren Platz. Wir schließen uns Gruppen an, inhalieren deren Meinungsprogramm und richten uns damit in Blasen ein, die aus Gleich-Meinenden bestehen. Von denen draußen, von den anderen wollen wir nichts hören und nichts sehen – geschweige denn, mit ihnen in Kontakt kommen.

Ideologien schießen wie Pilze aus den Böden, nisten sich in Menschen ein und veranlassen diese, sie zu verteidigen. Mit allen Mitteln, denn alle erheben für sich den universalen Anspruch, die einzig richtige zu sein. Gut und böse, richtig und falsch sind fein säuberlich getrennt in weiß und schwarz, die Graustufen sind eliminiert, ein Sowohl-Als-Auch ist ausgeschlossen. Ideologien sind die Religion unserer Zeit, wir schlagen uns dafür die Köpfe ein.

Und dann stehen wir da und sehen betroffen die Welt, die all das nicht mehr trägt und in welcher wir uns nicht wohl fühlen. Weil sie unmenschlich geworden ist, weil sie dem Einzelnen keinen eigenen Platz mehr zugesteht, wenn dieser sich nicht den Werten und Normen einer Deutungshoheit unterwirft. Und jeder versucht, für sich die richtige Gruppe zu finden, mit der er gegen die anderen wenigstens siegt. Wenigstens Sieger sein, wenn man sich schon nicht zuhause fühlt.  

Wann werden wir endlich einsehen, dass es nur zusammen geht? Wann merken wir, dass nicht jede Gruppe gegen die andere kämpfen, sondern alle miteinander für eine gemeinsame Welt einstehen müssten? Vermutlich nie.

Das klingt alles zu pessimistisch? Übertrieben? Mag sein, doch ich bin überzeugt: Wenn es übertrieben scheint heute, so ist es das nicht mehr lange. Wenn wir nicht einlenken. Und umdenken.

Politisches: Demokratie muss gelernt und gelebt werden

«Je mehr wir miteinander streiten, desto weniger müssen wir uns empören.» Jörg Sommer

Wir sitzen zuhause vor unseren Bildschirmen, klicken uns durch die sozialen Medien, applaudieren bei denen, deren Meinung wir vertreten, blockieren die, welche uns nicht genehm sind. Idioten sind das, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Wir klagen auf den Staat, der uns Freiheiten streicht, uns ausnimmt, nichts tut für uns, vor allem nicht das, was wir wollen. Wir fühlen uns nicht gesehen und gehört und denken, dass «die da oben» sowieso machen, was sie wollen. Am Sonntag schlafen wir gerne aus, zu Wahlen oder Abstimmungen gehen wir bevorzugt nicht, was zählt schon unsere Stimme. Und wenn dann das Ergebnis nicht in unserem Sinne ist, fühlen wir uns bestätigt.

«Nur die Demokratie kann uns frei machen, weil wir nur in der Demokratie Urheber der Mächte sind, die uns regieren.» Wendy Brown

Wir sind vom Bürger zum Konsumenten geworden, streben nach mehr Geld, Freiheit und Wunscherfüllung, wir sehen den Staat in der Pflicht, zu liefern, ohne dass wir etwas dafür tun. Dass dies nicht der Sinn von Demokratie ist, liegt auf der Hand, dass diese so nicht funktioniert, ist nicht fraglich. Solange wir nicht wissen, dass wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben, solange wir unsere Aufgabe der Selbstbestimmung und der Teilhabe an politischen Entscheiden nicht ernst nehmen, so lange sind wir Mittäter bei der Zerstörung unserer Demokratie und damit des Staatssystems, das von allen zur Verfügung stehenden doch das sinnvollste wäre.

«Demokratie […] ist eine Form kollektiver Selbstbestimmung, die alle Bürgerinnen und Bürger als gleiche und freie anerkennt. Mit anderen Worten: Demokratie basiert und realisiert Freiheit, Gleichheit und kollektive Selbstbestimmung. Sie ist also Prozess und Ergebnis.» Julian Nida-Rümelin


Was also tun? Wir müssen nicht mal schnell die Welt retten, aber wir sollten damit anfangen, die Demokratie zu retten, indem wir uns wieder als Bürger im Sinne von Citoyen verstehen. Das heisst, wir müssen wieder lernen, aktiv das Gemeinwesen mitzugestalten als Gleiche unter Gleichen und in Anerkennung der Verschiedenheit eines jeden. Oder wie Jean-Jacques Rousseau sich ausdrückte:

„Der Citoyen ist ein höchst politisches Wesen, das nicht sein individuelles Interesse, sondern das gemeinsame Interesse ausdrückt. Dieses gemeinsame Interesse beschränkt sich nicht auf die Summe der einzelnen Willensäußerungen, sondern geht über sie hinaus.“

Nun kommt man nicht einfach als Demokrat zur Welt, Demokratie will gelernt werden und das von klein an. Nur wenn erfährt, was es heisst, als Einzelner Teil eines Ganzen zu sein, mitzubestimmen und mitzugestalten, wird diese Fähigkeiten genügend einüben, um sie dann auch im Hinblick auf das politische Geschehen einzusetzen, so dass wir als pluralistische Gesellschaft unseren Staat und das Zusammenleben darin aktiv gestalten.

Wir müssen demokratische Schulen schaffen, Schulen, die Kindern gerecht werden, in denen sie aktiv beteiligt werden und bei der Umsetzung erfahren, was es heisst, Entscheidungen zu treffen, und die Konsequenzen zu tragen. Sie müssen lernen, Teil eines Ganzen zu sein und als je einzelner in seiner Einzigartigkeit anerkannt sein. Wir müssen Schulen schaffen, die wirklich bilden, nämlich Menschen bilden, die in der Welt, in die sie hineinwachsen, bestehen können, und die sich in dieser als Selbstwirksam erfahren.

Buchtipp:

Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet
Wie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.

Zum Autor und Mitwirkenden
Julian Nida-Rümelin lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im berufsbegleitenden Masterstudiengang Philosophie – Politik – Wirtschaft, als Honorarprofessor an der Humboldt Universität Berlin und als Gastprofessor an ausländischen Hochschulen. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften, und Direktor am Bayerischen Institut für digitale Transformation. Er ist Vorstand der Parmenides Foundation. Julian Nida-Rümelin publiziert regelmäßig Zeitungsartikel, Bücher und wissenschaftliche Aufsätze und hält Vorträge in Unternehmen und Verbänden.

Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Sein Buch „Ein Jahr zum Vergessen – Wie wir die drohende Bildungskatastrophe nach Corona verhindern können“ versteht sich als pädagogischer Weckruf, der nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie in den Blick nimmt, sondern grundsätzlich für eine Weiterentwicklung des Schulsystems entlang humanistischer Grundsätze und empirischer Forschungsergebnisse plädiert.

Angaben zum Buch:
Nida-Rümelin, Julian/ Zierer, Klaus: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet, Hirzel Verlag, Stuttgart 2023.

Politisches: Wir müssen reden!

Kürzlich sprach ich mit einem Freund über das Thema «Klassismus», weil ich gerade ein Buch darüber lese. Als ich von den Erkenntnissen erzählte, die ich bislang hatte, kam sofort: «Das ist ja alles bekannt, was nun?» Und ich merkte, wie mich das verletzte. Ich merkte, wie mit einer solchen Aussage eine Thematik schon fast abgehakt ist, die zwar in den offensichtlichen Teilen wirklich bekannt ist, in den subtilen strukturellen Prägungen aber als normal läuft und tagtäglich praktiziert wird, ohne Thema zu sein. Und wenn etwas nicht Thema ist, immer wieder, fehlt die Sprache der Benennung, vor allem bei den Betroffenen. 

Betroffene erleben dann, wie Zeitungen über die «faulen Arbeitslosen» berichten, wie in den Medien Stereotypen direkt «vom Brennpunkt» plakatiert werden, wie in Schulen die einen schon früh aussortiert werden, weil in ihnen kein Potential gesehen wird und man keine unnötige Liebesmüh verschwenden will. Dass die Eltern der anderen in einem solchen System sich vehement gegen Gesamtschulen aussprechen (alle Volksentscheide in D sprechen die Sprache), liegt auf der Hand, sehen sie doch in den so gesehen Schwachen eine Bremse für ihre ach so aussichtsreichen Kinder. Erhebungen in den verschiedenen Bereichen (Politik, Schule, Journalismus, etc.) zeichnen ein deutliches Bild: Herkunft entscheidet. Die Betroffenen aus sozial schwachen Familien, Migranten – sie alle sind untervertreten und von vielem (auch Wissen um Aufstiegschancen, Möglichkeiten, nützlichen Verbindungen…) ausgeschlossen. 

Nein, es ist nicht alles bekannt. Und vor allem nicht allen. Klassismus ist ein Thema, das wir dringend auf der Agenda haben müssen. Menschen werden diskriminiert und ihrer Chancen und Möglichkeiten beraubt, ihre wirklichen Fähigkeiten zu entdecken und zu verwirklichen. Also reden wir darüber! Immer wieder. Und ja: Suchen wir nach Lösungen und setzen sie um. Utopien brauchen wir, ein Schwanken zwischen Realität und Wunsch, dem die Machbarkeit doch eingeschrieben ist.

Buchempfehlung:

Francis Seek, Brigitte Theißl (Hg.) Solidarisch gegen Klassismus. Organisieren, intervenieren, umverteilen, Unrast Verlag, Münster 2023.

Lesemonat Juli 2023

Der Juli begann im warmen, sonnigen Spanien, ging dann bald in der zuerst warmen, sonnigen, dann kühleren und verregneten Schweiz weiter. Es war ein Monat voller Emotionen, tiefer Gedanken, grosser Lebensfragen und neuer Erkenntnisse. Ich habe mich vier Wochen ziemlich zurückgezogen, habe innerlich und äusserlich aufgeräumt, mich in die Lese- und Schreibarbeit gestürzt, und es wirklich genossen, die Zeit mit mir für mich zu gestalten. Ich bin mir aber bewusst, dass ich dies in der wunderbar privilegierten Position mache, Menschen im Leben zu haben, die da sind, die einen Rahmen und ein Beziehungsgefüge geben, in dem ich aufgehoben bin. Der August steht vor der Tür und damit zieht auch der Alltag wieder ein – und auch das wird wieder schön sein.

Mein Lesemonat war sehr philosophisch-politisch, also ganz so, wie es mir gefällt. Es war teilweise sehr schwere Kost drunter, die so manche Rauchwolke aus dem Hirn aufsteigen liess, aber insgesamt war es ein bereichernder Monat. Ich habe mit Charles Taylor die Quellen des Selbst erforscht, bin dem Ursprung dieses Konstrukts nachgegangen, um nachher mit Franz Wuketits zu fragen, wie viel Moral überhaupt menschlich ist und wie diese zustande kommt. Ich habe mich mit dem Bösen beschäftigt und mit der Freiheit, habe mich des Wertes der Menschenrechte nochmals versichert, die in den Geschlechter- und epistemischen Ungerechtigkeiten sicher oft tangiert werden, habe mich mit Demokratie und der notwendigen Pluralität in dieser befasst, damit, wo und wie wir fremd sein können und andere zu Fremden machen. Und ich bin mit Julian Nida-Rümelin einig gewesen, dass all das in der Schule gelernt und gelebt werden sollte, so dass das letzte Buch eigentlich komplett hätte markiert werden können.

So kann es weitergehen.

Was waren eure Lesehighlights im Juli?

Hier die komplette Leseliste:

Charles Taylor: Die Quellen des SelbstEin Blick auf die Entwicklung der menschlichen Moral und ihren Bezug zum Selbst (-bild) des Menschen. Wie hat sich die Identität des Menschen entwickelt, worauf gründet seine Auffassung dessen, was es heisst, ein handelndes Wesen zu sein. Sehr ausführlich, sehr tief in der Philosophiegeschichte verankert, ab und zu geht der rote Faden gefühlt verloren und es bleibt am Schluss das Gefühl, was nun damit anzufangen sei. Aber: ein Grundlagenwerk, das die verschiedenen philosophischen Standpunkte kompetent zusammenführt. 4
Franz Wuketits: Wie viel Moral verträgt der MenschEine Studie zur Moral, welche nie universal und absolut ist, sondern immer konstruiert von Menschen in bestimmten Gruppen, getrieben von egoistischen Wünschen. Verabsolutierung von Moral zusammen mit Macht wird gefährlich. Viel Geplauder, viel Populismus, einige gute Gedanken, aber mehrheitlich nichts Neues. 3
Bettina Stagneth: Böses DenkenMit Kant und Hannah Arendt auf der Suche nach der Moral, sie zwischen dem radikalen Bösen und der Banalität desselben einpendeln, für eigenes Denken plädieren und Moral als Gefühl der inneren Stimmigkeit sehen, als Hoffnung auf eine bessere Welt, indem wir als aufgeklärte Menschen unseren eigenen Verstand gebrauchen und nicht blinden Gehorsam an den Tag legen. Gute Gedanken in einem Buch über ein spannendes Thema, und doch wurde ich nicht warm damit. Der Sprachstil war zu plauderhaft. 3
Gerhart Baum: FreiheitEin kluges, kleines Buch darüber, was Freiheit bedeutet und was sie von uns fordert. Freiheit ist dem Menschen als Sehnsucht eingeschrieben, wir müssen an einer Welt arbeiten, welche diese möglich macht, eine Welt, in der unsere Werte unser Handeln leiten zugunsten von mehr Gleichheit und Teilhabe, von freiem Leben für alle. Freiheit ist auch eine Verantwortung, nämlich die Missstände zu sehen und dazu beizutragen, sie zu beheben. 5
Gerhart Baum: MenschenrechteEin Blick auf die Menschenrechte, auf ihre Geschichte, auf ihre Notwendigkeit, auf ihre Probleme, und darauf, wie wir für eine bessere Zukunft für die Menschenrechte einstehen müssen. Menschenrechte sind immer Einmischung, aber diese ist notwendig, im die Menschenwürde zu bewahren – für alle. Viele Berichte aus Baums eigener Erfahrung aus seiner Arbeit für die Menschenrechte, aktuelle Analysen. Ab und zu dringt die Parteipolitik durch, aber nie dominant. 4
Scherger, Abramowski, etc.: Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und FamilieEine Festschrift für Karin Gottschall mit diversen Aufsätzen zum Thema der Geschlechterungleichheiten. Beleuchtet werden institutionelle, arbeitsmarktstechnische und familiäre Umstände und die jeweiligen Geschlechterverhältnisse. Die Aufsätze sind qualitativ sehr unterschiedlich, von in Wissenschaftssprache verpackten Alltagsweisheiten hin zu analytisch interessanten Erkenntnissen ist alles dabei3
Wendy Brown: Wir sind jetzt alle Demokraten… (in: Demokratie? Eine Debatte)Ist Demokratie zu einer symbolbeladenen leeren Hülse verkommen, in die jeder seine Hoffnungen  stecken kann? Ein Blick auf das Kranken unserer Demokratien, dessen Gründe und die offene Frage: Ist Demokratie wirklich (noch) die richtige Staatsform? Es gilt, genau hinzusehen, was wir wollen, können und was für eine wirkliche Demokratie nötig wäre. 5
Michel Friedman: FremdEine Vergangenheitsbewältigung in Bruchstücken, formal fast lyrisch anmutend, doch es sind mehr Worte. Es sind Fetzen, die sich Zeile für Zeile zu Gefühlen und Bildern formen. Man darf es nicht einfach schnell lesen, sonst lenkt die Form zu sehr vom Inhalt ab. Man muss es langsam, am besten laut (noch besser vorlesen lassen), lesen – und fühlen. Dann berührt es. Tief in der Seele, es bewegt und macht nachdenklich. Und sprachlos.  5
Hadija Haruna-Oelker: Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denkenEin Buch darüber, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die keine Anderen mehr kennt, sondern durch mehr Offenheit, durch die Anerkennung von Menschen in ihrer Diversität, durch gegenseitige Solidarität und Unterstützung ein Verbündetsein von Menschen mit all ihren Verschiedenheiten anstrebt. Dazu bedarf es der Bereitschaft, zuzuhören, Vorurteile, auch eigene, zu entdecken und zu verlernen, um ein neues Miteinander zu lernen. 5
Eva Lohmann: Das leise Platzen unserer TräumeEin Paar, das sich auseinander gelebt hat, er geht schon lange fremd. Doch trennen können sie sich nicht. Eine alleinerziehende Mutter, die Geliebte, denkt an die Frau, deren Mann in ihrem Bett liegt, spricht mit ihr in Gedanken. Lesend gerät man immer tiefer in die Geschichte hinein, denkt mit, fühlt mit, ist gefangen, kann nicht loslassen. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag.5
Miranda Fricker: Epistemische UngerechtigkeitBei Ungerechtigkeit dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. 3
Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidetWie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.     5+

Klimakrise: Heiligt der Zweck die Mittel oder schaden diese eher der Sache?

Es ist fünf vor Zwölf. Heisst es. Klimakrise. Heisst es. Wir machen unsere Welt kaputt. Wir, das sind die Alten, die, welche schon da waren und den Schlamassel angerichtet haben. Angeklagt werden wir von der jungen Generation. Zu Recht. Sie gehen dafür nicht auf die Strasse, sie kleben sich drauf. Sie zerstechen Pneus, zünden Autos an, bewerfen Bilder mit Kartoffelstock. Und sie kriegen Aufmerksamkeit. Die Medien werden nicht müde, davon zu reden. Die problembewussten Bürger loben das politische Engagement, die Gegner fluchen und verstehen nicht, wie man diese Aktionen gutheissen kann.

«Immerhin kriegen sie Aufmerksamkeit.»

Das ist das Argument, dass dann oft ins Feld geführt wird. Das Engagement mit medienwirksamen Aktionen fällt auf. Und auffallen will man, schliesslich will man die Welt retten.

Die Welt ist in der Tat in einem desolaten Zustand. Wir haben sie benutzt, wir haben sie ausgebeutet, wir lebten, als gäbe es kein Morgen. Weil wir so weit nicht dachten. Und wenn wir daran dachten, hiess es, es sei fünf vor zwölf, wir waren alle entsetzt und machten weiter wie bisher – oder noch schlimmer: Seit über dreissig Jahren ist es nun fünf vor zwölf. Man solle weniger verbrauchen, weniger fliegen, weniger auf Wasser und Strassen verkehren. Die Flieger wurden grösser und mehr, die Schiffe ebenso, die Autoproduktion machte Kosmetik – teilweise mit energiesparenderen Modellen, teilweise nur auf dem Papier.

Haben sie also recht, unsere jungen Klimakleber, wie man sie gerne etwas abschätzig nennt? Ich würde mit einem bestimmten «Jein» antworten. Wir haben es zu weit getrieben, unser Leben in der westlichen Welt kostet zu viele zu viel: Menschen in anderen Ländern, Tiere, die Natur. Aber: Sind das wirklich die Massnahmen, die helfen? Einerseits ist es gut und wertvoll, wenn Demokratie gelebt wird, was immer auch Widerspruch bedeutet. Nur stellt sich die Frage der Mittel. Wären Mittel, die auf positive Weise auf die Missstände hinweisen, nicht sachdienlicher, weil sie weniger Opposition wegen plakativer Aktionen, die man mit wirklich sachlichen Mitteln verurteilen könnte, hervorrufen würden? Zum Beispiel ein Aufruf zum «Tag des Müllsammelns» – diese Massen anschaulich demonstriert wären auch eindrücklich. Dies nur ein Beispiel. Man hätte mit so einer Aktion gleichzeitig auch etwas Gutes getan.

Solche Vorschläge treffen meist auf das Argument, dass damit wenig Aufmerksamkeit generiert würde, sicher weniger als die aktuellen Aktionen. Das mag stimmen. Nur: Was genau bewirken die aktuellen Aktionen? Sie halten Medien, Polizei, Justiz und eventuell Politik in Trab, welche darüber berichten, für Ordnung sorgen, Sanktionen überlegen und Massnahmen gegen die Akteure diskutieren. Die Welt pfeift derweil weiter aus dem letzten Loch. Berechnet man, was all die Aufräumarbeiten und Reparaturen der beschädigten Dinge kosten (an Geld und Ressourcen jeglicher Art), sieht die Bilanz düster aus.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit als hohes Gut gewertet wird. Likes, Sternchen, Herzchen – je mehr du hast, desto besser bist du. Und dann giltst du was und machst es quasi richtig. Was in den sozialen Medien stimmen mag, verliert leider in einem gelebten, demokratischen Leben, in welchem es darum geht, miteinander in Frieden in einer Welt, die dieses Leben trägt, auszukommen. Da geht es um die Sache. Um Handlung.

Ein kleines Beispiel, wie Klimarettung konkret im Kleinen aussehen könnte:

Sebastião Salgado, ein berühmter Fotograf, wuchs auf einem fruchtbaren Bauernhof auf. Er zog in die Welt, die Eltern wurden alt, der Hof war verlassen, die Erde trocknete aus. Es hörte auf, zu regnen, es war eine unfruchtbare Öde. Salgado zog wieder hin, fing an, Bäume zu pflanzen. Von Hand. Mit seiner Frau, dann mit Helfern. Immer mehr Bäume. Es fing wieder an zu regnen. Das Klima änderte sich. Nachzuschauen ist das im wunderbaren Film «Das Salz dieser Erde».

Wir können nicht alle Bäume pflanzen. Aber wir können etwas bewirken. Auch mit guten und legitimen Mitteln. Diese würden auf mehr Zustimmung auch für die Sache stossen und sicher den einen oder anderen mitbewegen, selbst etwas zu tun. Wir können allein nie die Welt retten. Aber wir können einen Anfang machen. Im Guten. Für die Sache und nicht für blosse Aufmerksamkeit.