10. April

„Freu dich, Herz am Heute, das Morgen lasse ruh’n, und mit gleichgültigem Lächeln mildre was dich kränkt; vollkommen Beglücktes gibt es nirgend auf Erden.“ (Horaz)

Wie oft gehen wir durch den Tag, denken dabei an einen Streit von gestern, eine Erledigung von Morgen und merken gar nicht, dass das Heute ungesehen an uns vorbei zieht. Statt in Ruhe unseren Kaffee zu trinken und ihn zu geniessen, weil wir ihn auch wirklich schmecken, machen wir innerlich eine Liste, was morgen alles zu tun ist. Oder weil wir uns in Gedanken an die Vergangenheit verlieren.

Es mag nicht alles immer eitel Sonnenschein sein, trotzdem gibt es immer Schönes in der Welt. Wir können nicht nur blind in den Tag hineinleben, ab und an ist auch Planung nötig.: Aber es gibt etwas, das wir geniessen können, wenn wir genau hinschauen und uns auch mal die Zeit nehmen und geben, es zu tun. Gestern ist vorbei, Morgen kommt noch schnell genug, was heute zählt ist das Heute. Das ist das einzige, was wir wirklich geniessen können, denn das Morgen ist noch nicht da. Und sollte es dann da sein, ergeht es ihm womöglich wie dem Heute heute, wenn wir nicht aufpassen.

Sei mutig, wild und wunderbar

„Sobald du dich für etwas entscheidest, kommt das Universum zusammen, um es Realität werden zu lassen.“ Ralph Waldo Emerson

Wenn wir uns dafür entscheiden, etwas zu tun, geschieht es oft, dass wir plötzlich überall Dinge erleben, die dem in die Hand spielen: Wir treffen auf gleichgesinnte Menschen, lesen plötzlich etwas, das hilft, kriegen von unerwarteter Seite Unterstützung. Als ob sich das Universum verschworen hätte, uns bei unserem Vorhaben zu helfen.

Wenn also wieder einmal eine Entscheidung ansteht, wir noch zweifeln: Wieso nicht drauf vertrauen, dass das Universum schon zur Stelle sein wird, wenn wir unser Vorhaben wirklich anpacken?

Wie heisst es doch so schön:

Den Mutigen gehört die Welt.

Drum: Sei mutig, wild und wunderbar – und die Welt ist auf deiner Seite!

9. April

„Die Gesundheit des Leibes und die Beruhigtheit der Seele ist die Erfüllung eines seligen Lebens.“ (Epikur)

Wir kennen es alle: Kaum schmerzt ein Zahn, der Kopf oder der Bauch, geht alle Aufmerksamkeit dahin und die Ruhe ist es ebenfalls: Dahin. Wir leiden, überlegen, was wir tun können, damit die Schmerzen aufhören, bemitleiden uns ein wenig vielleicht. Die Gedanken rasen hin und her, kommen nicht zur Ruhe. Ebenso ist es, wenn etwas unsere Seele plagt. Wir befinden uns im Strudel der Gedanken und davon ausgelösten Gefühlen. Weit weg vom inneren Frieden.

Was wir also tun können, wollen wir diesen finden: Darauf achten, bei möglichst guter Gesundheit zu bleiben (und diese auch zu schätzen, wenn wir sie haben) und immer wieder den Geist zur Ruhe bringen. Kleine Oasen der Achtsamkeit und des Innehaltens können schon ausreichen, wir müssen uns die Zeit dazu nur nehmen. Eine gute Methode kann ein Wecker sein, der in gewissen Abständen klingelt und uns daran erinnert, dass es Zeit ist, kurz ruhig durchzuatmen.

Ich schaffe mir meine Welt

oder: Heute wird ein schöner Tag

Wenn wir durchs Leben gehen, nehmen wir uns wahr als den Mittelpunkt all unseren Seins und Denkens. Alles, was wir sehen, ist um uns, bei allem, was wir tun oder gedenken zu tun, denken wir uns als den, der es tut. Und, alles, was wir erleben, erleben wir, weil die Welt ist, wie sie ist, und sie als solche auf uns einwirkt.

Wenn uns jemand fragt „Wer bist du?“, nennen wir unseren Namen, den Beruf, unser Muttersein oder die Nationalität. Wir zählen Eigenschaften auf und Besitztümer, Wohnorte und Rollen. Wir definieren uns anhand von Kategorien und Merkmalen, die wir uns zuschreiben, von denen wir denken, sie entsprechen uns, sie machen uns gar aus. Ich bin das. Ich bin so.

Im Buddhismus lernen wir, dass dem nicht so ist. Erstens sind wir viel mehr, als wir denken zu sein. Unser Körper, das, was wir unser Leben und unser Ich nennen, sind nur die äusseren Merkmale von etwas viel Grösseren, das tief in uns ist. Und: Die Welt um uns, ist nicht einfach, wie sie ist. Sie wirkt nicht einfach als etwas absolut Feststehendes auf uns ein. Wir selber erschaffen die Welt um uns erst.

Wir sind, was wir denken.
Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken.
Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.

(Buddha)

Die Art, wie wir uns fühlen, die Art, wie wir die Welt ansehen, so wirkt sie auf uns zurück. Unvorstellbar? Aber: Die Erkenntnis ist wahrlich nicht neu, wir müssen nicht mal in den Osten reisen, sondern können auch in unseren Breitengraden in der Zeit zurückgehen. Schon Immanuel Kant sagte, dass die Gegenstände in der Welt nur als Reflex des Menschen auf diese erscheinen. Er sah die Wahrnehmung als Mischung von Sinneseindrücken und inneren Zuständen. Die Welt erscheint uns dabei immer so, wie WIR sie wahrnehmen. Kleist packte das in anschauliche Worte:

Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr — und alles Bestreben, ein Eigenthum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich —[1]

Wie wir die Welt sehen, hängt also von uns selber ab. Daraus nun zu schliessen, dass man dann nur eine rosarote Brille anziehen müsste und alles nur noch schön und ohne Schmerz sei, wäre zu kurz gegriffen. Schade, aber nicht schlimm, denn: Es bleibt ganz viel Gutes bestehen.

Wir können nicht alles steuern, was passiert auf dieser Welt. Ganz vieles, das nicht schön ist, das Schmerzen bereitet, können wir nicht ändern. Was wir aber ändern können, ist unsere Sicht auf die Dinge. Wir messen ihnen den Wert zu. Wir geben ihnen den Platz in unserem Leben. Es liegt an uns, woran wir uns reiben, worüber wir uns aufregen, was uns den Schlaf raubt, weil wir es immer und immer wieder im Kopf drehen. Wir haben es in der Hand, wie wir auf die Welt reagieren. Wir haben es auch in der Hand, ob wir nur die Müllablagerungen, grimmige Menschen und die zerzauste Frisur am Morgen im Spiegel sehen, oder aber die Blumen am Strassenrand, das Lächeln eines Kindes und das fröhliche Schwänzeln unseres Hundes. Je nachdem, wem oder was wir unsere Aufmerksamkeit schenken, wird das Fazit unseres Tages anders ausfallen.

Vielleicht beschliessen wir einfach mal schon am Morgen, dass es ein guter Tag wird? Vielleicht gehen wir mit offenen Augen durch den Tag und sagen uns innerlich immer, wenn etwas Schönes passiert:

Das ist schön.

Und vielleicht setzen wir uns am Abend mit einer Tasse Tee hin, lassen den Tag vor dem inneren Auge nochmals ablaufen und rufen uns all die schönen Dinge wieder ins Gemüt. Und vielleicht können wir uns dann sagen:

Das war ein schöner Tag.

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[1] in einem Brief an seine Verlobte, Wilhelmine von Zenge

8. April

„Was ohne Ruhepausen geschieht, ist nicht von Dauer.“ (Ovid)

Wenn man im Sport Muskeln aufbauen will, muss man ein gezieltes Training einhalten, zu welchem auch die nötigen Pausen gehören, damit die Muskeln regenerieren können. Hält man die nicht ein, frisst sich der Muskel quasi selber auf, weil ihm die Energie von aussen fehlt für den Aufbau, er also Energie aus sich selber holt.

Ressourcen sind immer beschränkt. Es gilt, sie zu nutzen und immer darauf zu achten, sie auch wieder aufzufüllen. Denn: Woher soll Energie kommen, wenn alle aufgebraucht ist? Immer mal wieder Innezuhalten, Kraft zu tanken, ist keine verlorene Zeit, sondern der Schlüssel zum Erfolg.

Franz M. Wuketits: Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion

Die Grundthese dieses Buches lautet: Die Vorstellung vom freien Willen ist eine Illusion. Aber Illusionen sind durchaus nützlich. Sie können als Resultate der Evolution durch natürliche Auslese gedeutet werden und haben ihren Sinn im Dienste des Überlebens.

Seit Jahrhunderten grenzt sich der Mensch vom Tier durch seinen freien Willen ab. Schwinden die Grenzen und Unterscheidungskriterien immer mehr, so bleibt der Glaube an den freien Willen, der dem Menschen eigen ist, beharrlich bestehen. Die biologischen und vor allem die neurologischen Erkenntnisse der letzten Jahre sprechen eine andere Sprache. Experimente zeigen auf, dass einer Handlung ein Willensakt vorausgeht und diesem wiederum das Bereitschaftspotenzial.

Ist der Mensch nur eine Verkettung von Synapsen? Alles Handeln gesteuert von Hormonen, Genen und biologisch dem Überleben geschuldeten Veranlagungen? Kann man gar nicht frei wählen, was man will, sondern gründet Wollen immer auf Erfahrungen, Ereignissen, Veranlagungen, Zwängen? Und wenn ja, was wäre mit den Begriffen von Schuld und Sühne? Wer hätte die Verantwortung für Unrecht? Wären Gesetze überholt, da keiner anders tun kann, als er tut?

Wuketits kommt zu diesem Schluss, er führt menschliches Verhalten und Handeln auf biologische Ursachen zurück, da alles schlussendlich Ausdruck der Biologie ist und alles nur durch die natürliche Auslese besteht. Da der Mensch aber ein soziales Wesen ist, gilt es, das Miteinander zu regeln und den einzelnen Menschen vor den anderen zu schützen. Aus diesem Grund bedarf es der Gesetze und Normen, die nicht mehr Strafe und Rache darstellen sollen, sondern Schutzcharakter haben. Akzeptiert werden sie von den Amoralischen deswegen, da sie diesen Schutz für sich selber auch wollen. Trotz biologischer Prägung ist der Mensch fähig, moralisch und unmoralisch zu handeln, kann eine Sicht von Moral entwickeln.

Doch auch wenn unser Wille nicht frei ist – wovon wir nunmehr ausgehen dürfen -, werden wir keineswegs von jeder Verantwortung entbunden. Als soziale Lebewesen bleiben wir mit der Fähigkeit zu moralischem und unmoralischem Handeln ausgestattet.

Nur danach handeln kann er nicht frei – nach der von Wuketits vertretenen Meinung –, er ist quasi biologisch und evolutionär getrieben.

Die gute Nachricht ist, dass der Mensch lernfähig ist und sich ändern kann. Dieses Lernen basiert wohl wieder auf Erfahrungen, die dann das nächste Verhalten mit steuern. Die Aussicht auf Strafe reicht aber, so Wuketits, nicht aus, um den Menschen zu verändern. Begründet wird dies mit dem Blick auf Länder mit Todesstrafe, welche die Verbrecher nicht von ihren Taten abhält.

Der freie Wille ist also blosse Illusion. Als solche ist er aber, so Wuketits, durchaus nützlich, da er den Menschen antreibt, ihm ein gutes Gefühl gibt. Zudem hätte diese Illusion nicht überlebt, wäre sie nicht zum Überleben brauchbar – so die evolutionäre Begründung.

Neben dem freien Willen ist auch das Ich eine Illusion. Eine bloss funktionale Realität des Gehirns. Irgendetwas handelt aber unbestritten, ob frei oder unfrei. Eine Materie setzt sich im Handeln in Bewegung. Diese Materie ist mit einem Gehirn (auch Materie) ausgestattet, in welchem ein Bewusstsein sitzt, das wahrnimmt, was um die Materie vorgeht und auch teilweise, was in der Materie vorgeht. Dieses Ganze von Materie und Bewusstsein (mitsamt sämtlicher genetischen, hormonellen, evolutionär überlebenden Prägungen) nennen wir Ich. Dies alles als Illusion und quasi nicht existent zu sehen, führte zu der Frage: Was lebt, wenn alles Illusion ist? Was genau ist daran die Illusion? Sind das alles nicht nur sprachliche Spitzfindigkeiten, die schlussendlich auf das eigentliche Leben wenig Einfluss haben?

Ein informatives Buch, gut lesbar geschrieben, breit abgestützt und inhaltlich begründet. Wuketits Werk bringt das menschliche Selbstverständnis ins Wanken und lässt Fragen nach Schuld, Moral und Recht aufkommen. Die Begründungen in diesem Bereich sind zu flach, zu wenig fundiert und damit philosophisch unhaltbar. Die Basis für eine weitergehende philosophische Diskussion ist damit aber gelegt, die Fragen „Was ist ein Mensch? Wie soll er handeln? Was ist Schuld? Wer trägt die Verantwortung?“ liegen neu zur Beantwortung bereit. Staats- und Rechtsphilosophie sowie Ethik sind gefordert, Stellung zu beziehen.

Fazit:

Einige Hypothesen stehen unbegründet, gewisse Schlussfolgerungen sind zu wenig abgestützt, trotzdem erscheint der Autor kompetent und belesen. Er argumentiert schlüssig und verweist auf die für seine These notwendigen Erkenntnisse in verschiedenen Wissenschaftsgebieten. Absolut lesenswert – wenn auch verwirrend (was am Thema, nicht am Buch liegt).

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 181 Seiten

Verlag: S. Hirzel Verlag

Preis: EUR 24.80 / CHF 35.90

Franz M. Wuketits: Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2008.

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Erziehung heute – oder: Gegen die menschliche Natur

Wenn Kinder zur Welt kommen, herrscht landläufig Einigkeit darüber, dass diese erzogen werden müssen – schliesslich sollen sie Mitglieder einer Gesellschaft werden und sich darin auch bewegen können. Erziehung geht immer von der menschlichen Natur aus, vom Verständnis davon, wie diese ist, und wird dann verstanden als die Möglichkeit, Menschen in einer bestimmten Art und Weise zu formen, um sie dadurch zu sozialisieren.

Es liegt auf der Hand, dass man, um den Menschen in einer ihm in seinen Anlagen entsprechenden Weise zu erziehen, von einer Frage ausgehen muss, die zugleich die wohl zentralste in der Philosophie ist:

Was ist der Mensch?

Nun driften schon die Ansichten darüber, was der Mensch von seiner Natur her sei, auseinander. Die Bandbreite reicht vom in seinen Anlagen bösen Wesen (Homo homini lupus est) über die neutrale Sicht (tabula rasa) bis hin zum in den Grundzügen guten Menschen. Nimmt man nun noch die kulturell unterschiedlichen Ansichten dazu, wie ein sozialisierter und in die jeweilige Kultur und Gesellschaft passender Mensch zu sein hat, verwundert es nicht, dass man sich mit einer grossen Bandbreite an möglichen Erziehungsmodellen konfrontiert sieht.

Betrachtet man die heutige Gesellschaft, scheint der Mensch ein Rad in einer Maschine zu sein, ein Leistungserbringer in einer immer mehr fordernden Maschinerie. Er wird von aussen danach beurteilt, wie gut seine Leistungen sind, wie stark er sich in die für ihn vorgesehene Struktur einpassen kann. Es liegt auf der Hand, dass der Mensch selber sein Selbstbild auch davon abhängig macht, zumal Menschen immer auch von der Bestätigung von aussen abhängig sind in ihrem Selbstbild.

Immanuel Kant stellte einst folgende Maxime auf:

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“*

Diese Maxime erfüllen wir in unserer heutigen Gesellschaft und den von ihr geprägten Blick auf die Natur des Menschen definitiv nicht. Das ist nicht neu. Die Tendenz, den Menschen und seine Natur und damit die in ihm angelegten Möglichkeiten nach den Bedürfnissen der Gesellschaft zu definieren, auf welche der Mensch durch Erziehung ausgerichtet werden sollte, liegt auf der Hand. Durch die sich immer wieder wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnisse änderte dadurch auch die Ansicht über die Natur des Menschen.

Nun sind Lebewesen zwar in der Tat anpassungsfähig, dadurch sichern sie ihren Fortbestand in sich verändernden Umgebungen, allerdings ist diese Anpassungsfähigkeit nicht beliebig und schon gar nicht durch äusserlichen, der wahren Natur entgegenlaufenden Zwang zu bewirken. Gewisse Faktoren der menschlichen Natur sind unveränderlich, so zum Beispiel die notwendige Befriedigung bestimmter körperlicher Bedürfnisse oder der Bedarf an zwischenmenschlichen Beziehungen zur Vermeidung der seelischen Vereinsamung. Daraus resultiert ein Menschenbild, das zwar in gewissen Belangen durchaus formbar ist durch äussere Faktoren, das aber der Rücksicht auf die in der menschlichen Natur angelegten unveränderlichen Anlagen bedarf.**

Lebendige Systeme streben immer danach, sich zu vervollkommnen, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen. Der Mensch bildet da keine Ausnahme. Dies sieht man schon bei kleinen Kindern, die zuerst nur auf dem Rücken liegen, schon bald aber ihre Möglichkeiten ausbauen wollen, um sich fortzubewegen. Was auf einer körperlichen Ebene so deutlich sichtbar ist, passiert auch auf der von aussen weniger sichtbaren geistigen Ebene. So gesehen kann man also davon ausgehen, dass der Mensch (dazu)lernen will, dass Lernen in seinen Anlagen steckt, man ihn nicht erst dazu erziehen muss.

Das sieht die heutige Schule anders. Sie will Kinder dazu bringen, das für sie Wichtige und (vermeintlich) Richtige zu lernen. Das tut sie mit der menschlichen Natur nicht angemessenen Strukturen und Mitteln. Sie füllt kleine Kinderköpfe mit Wissen nach in Lehrplänen festgehaltenem Umfang auf, will etwas nicht rein, wird das Kind abgestuft, es genügt den Anforderungen offensichtlich nicht. Es sind nicht mehr kindliche Neugier und Wissbegier gefragt, sondern Kinder werden konditioniert und in repressive Strukturen eingeschlossen, was die menschliche Entfaltung behindert, wenn nicht gar verhindert.

Nun gibt es durchaus Kinder, die mit diesen Methoden umgehen können, die (dadurch oder trotzdem) zu gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen. Viele Kinder bleiben dabei aber auf der Strecke. Während einige zwar noch die Leistungen erbringen, dabei aber psychisch leiden, fallen andere ganz durch die Maschen und werden zu so genannten Schulversagern. Betrachtet man die Menge an therapierten Kindern, spricht diese Zahl eine deutliche Sprache. Wenn bereits Kinder verhaltensgestört, enttäuscht, unzugänglich, depressiv sind, spricht dies dafür, dass Kindern etwas angetan wird. Betrachtet man des Weiteren die zunehmenden psychischen Erkrankungen im Erwachsenen-Alter (bis hin zur Selbstmordrate auch bei so genannt erfolgreichen Managern), wird noch offensichtlicher, dass etwas falsch läuft.

Ein Umdenken ist dringend nötig. Kinder werden frei und mit vielen Möglichkeiten und Anlagen geboren. Es gilt, sie in der Entfaltung dieser Möglichkeiten und Anlagen zu begleiten, sie mit ihrer Neugier ernst zu nehmen und diese zu befeuern. Es gilt als Schule und vor allem für Lehrer, mit Kindern in Beziehung zu treten und Fähigkeiten und Werte zu fördern, statt reine Wissensvermittler zu bleiben. Wir wissen nicht, welches Wissen in der Welt von morgen gefragt ist, zu schnell entwickelt sich alles. Was immer gefragt bleiben wird, sind Fähigkeiten und Werte. Es geht darum, Menschen lernfreudig zu erhalten, ihre Fähigkeiten zur Empathie, Kooperation, Freude und Liebe zu empfinden zu stärken. Es geht darum, das Gefühl für die eigene Identität und Individualität zu stärken, da nur ein starkes Individuum auch ein starkes Mitglied eines Miteinanders (und damit einer Gesellschaft) ist.

Auf diese Weise haben wir eine Chance, Kinder gesund aufwachsen zu sehen, haben wir eine Chance, dass aus diesen gesunden Kindern gesunde (und dadurch auch leistungsfähige) Mitglieder der Gesellschaft werden. Leistung ist dann etwas, das jeder von sich aus erbringen will qua seines Menschseins, denn im Menschsein ist Tätigsein angelegt, nicht etwas, das durch Zwang und Unterdrückung von aussen auferlegt wird.

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* Vgl. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
**Vgl. dazu Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit

7. April

„Man muß bisweilen fünf gerade sein lassen.“ (Deutsches Sprichwort)

Es gibt so Tage, da wachsen die Listen der zu erledigenden Dinge in den Himmel. Wir stehen davor und denken: Wie soll ich das nur alles schaffen. Und ja, vielleicht ist nicht alles zu schaffen, vor allem nicht alles an einem Tag. Und wenn wir dann etwas nicht geschafft haben, gehen wir mit uns ins Gericht.

Aber: Statt zu verzweifeln oder hinterher zu schimpfen, hilft es, Prioritäten zu setzen:

  • Was duldet keinen Aufschub?
  • Was kann auch noch morgen erledigt werden?
  • Was kann ich delegieren?
  • Was ist eigentlich generell überflüssig und könnte gestrichen werden?
    • Muss die Wohnung wirklich auf Hochglanz poliert sein oder reicht sauber auch?
    • Müssen auch Unterhosen gebügelt werden, damit man im Falle eines Unfalls einen guten Eindruck macht?

Und dann heisst es: Nichts wie los mit gutem Mut und Zuversicht.

Achtsame Kommunikation: Was ist ein philosophischer Dialog?

„Das grösste Problem in der Kommunikation ist die Illusion, sie hätte stattgefunden.“ (George Bernhard Shaw)

Wir reden den ganzen Tag viel und oft aneinander vorbei. Achtsame Kommunikation kann Beziehungen retten, das Verhältnis am Arbeitsplatz angenehmer und damit auch die Arbeit produktiver machen, das Leben mit sich allein und im Miteinander friedlicher gestalten.

Oft nutzen wir Gespräche nur zum Informationsaustausch. Ich habe etwas zu sagen, der andere soll es hören. Und meist bin ich davon überzeugt, dass meine Meinung, meine Information richtig ist. Ich will den anderen davon überzeugen. Dieser aber geht mit derselben Haltung daran. Er hat seine Meinung, die hält er entgegen. Im besten Fall teilen wir eine Meinung und nicken uns wohlwollend zu.

Wie viel ist uns entgangen. Wir haben nichts über den anderen erfahren, nichts über uns selber, keine neue Sicht dazugewonnen – wir stehen noch immer am selben Punkt wie vorher, es flossen nur ein paar Worte hin und her.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Er erfordert aber auch mehr. Ein wirklicher Dialog bedingt, dass wir einander begegnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir lassen uns auf den anderen ein als der, welcher er ist. Wir nehmen ihn ernst und wissen uns selber auch ernst genommen. Wir sind offen dafür, was er zu sagen hat, setzen ihm nicht gleich unsere Sicht entgegen. Wir sind offen für seine Botschaft, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Beide kommentieren oder werten wir nicht gleich. Wir nehmen beides wahr. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen.

Ein wirklicher Dialog hilft, unsere doch sehr begrenzte Sicht zu erweitern. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Sicht – auf sich und auf die Welt. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert. Erst durch den anderen können wir überhaupt auch etwas über uns selber erfahren, denn: Die blindesten Flecken haben wir bei uns selber. Andere zeigen sie uns auf – weil wir durch sie uns selber besser wahrnehmen. Wir brauchen andere Menschen, ohne sie wären wir nichts, ganz sicher nicht lebensfähig.

Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Dinge:

  • die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
    • Begegnung auf Augenhöhe
    • die Bereitschaft, sich selber einzubringen
    • Authentizität in Wort und Gefühl
    • direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
    • Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
    • Wirkliches Zuhören
    • Gegenseitiger Respekt
    • Offenheit
    • Verantwortung übernehmen
    • Gegenseitiges Lernen
    • Mitgefühl

Nur wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen, als Mensch zu Mensch, wenn wir aktiv zuhören und präsent sind, offen bleiben gegenüber anderen Sichtweisen und Meinungen und nicht nur auf vorgefertigte Meinungen und Muster zurückgreifen, kann achtsame Kommunikation entstehen.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Wir sind offen für die Botschaft des anderen, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert.

Achtsame Kommunikation wird etwas verändern. Bei allen Beteiligten.

Zum Angebot: Achtsame Kommunikation

6. April

„Wir werden alles unserem Nutzen Widerstrebende, das uns begegnet, mit Gleichmut ertragen, wenn wir uns bewußt sind, daß wir unsere Pflicht erfüllt haben, und daß das Vermögen, welches wir haben, sich nicht soweit erstreckt, daß wir es hätten vermeiden können, und daß wir nur ein Teil der Natur sind, deren Ordnung wir folgen.“ (Baruch de Spinoza)

Wenn wir vor einer Aufgabe stehen, die knifflig erscheint, kommen schnell auch mal Ängste auf: „Was, wenn ich es nicht schaffe?“, „Bin ich gut genug?“ Und wir malen uns aus, wie wir durch Prüfungen fallen, uns blamieren bei einem Vortrag, eine gestellte Aufgabe nicht bewältigen und vielleicht sogar ausgelacht werden.

Nur: Wir sind Menschen mit Stärken und Schwächen. Wenn wir eine Aufgabe angehen, kann sie gelingen oder misslingen, das liegt in der Natur der Sache. Ein Misslingen ist aber kein Scheitern, denn das wäre es erst, würden wir die Aufgabe meiden aus Angst, sie nicht zu meistern. Wenn wir also alles tun, was wir können, um uns einer Aufgabe zu stellen, ist das genug. Egal, wie es dann rauskommt. Wir haben uns nichts vorzuwerfen und jeder, der darüber lachen würde, wäre es nicht wert, dass wir ihn ernst nehmen.

Wir sind nicht perfekt und müssen es nicht sein. Wenn wir tun, was wir tun können, reicht das. Es ist genug.

Die Wut loslassen

„Wenn du deinen Hass und deinen Zorn schürst, verbrennst du dich selbst.“ Thich Nhat Hanh

Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, kann es gut sein, dass ich wütend werde, dass ich mich wehren will. Die Wut brodelt richtig in mir und ich ertappe mich dabei, wie ich mir innerlich immer wieder vorsage, wie ungerecht das ist, dass ich dagegen vorgehen will, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen kann. Nur: Wenn ich ganz achtsam hinschaue, was mache ich damit eigentlich wirklich?

Das Unrecht ist passiert. Das ist unschön. Indem ich mir das aber nun ständig wieder vor Augen führe und darüber innerlich schimpfe, halte ich es am Leben, befeuere es wohl sogar noch. Statt dass es mir besser geht, geht es mir immer noch schlechter, ich werde noch wütender. Ich leide also nicht nur unter dem Unrecht, sondern auch noch unter meiner Haltung diesem gegenüber.

Das Unrecht ist passiert, ich kann es nicht ändern. Ich kann aber meine Haltung dazu ändern und akzeptieren, dass es passiert ist, wie so vieles anderes auch passiert. Ich kann mich darin üben, es auch wieder aus den Gedanken loszulassen, statt es ständig weiter zu tragen und damit meine Wut zu schüren.

Und: Wenn ich doch etwas daran ändern kann, sollte ich es besser sachlich und in angemessenem Stil tun, nicht im Affekt aus einer Wut heraus. Wut ist nicht nur schlecht, sie kann auch Positives bewirken, indem sie Energien frei setzt. Allerdings sollte sie nicht immer tiefer gehen, sondern erkannt und dann auch wieder losgelassen. Es lebt sich friedlicher ohne Wut im Bauch.

Wenn du nächstes Mal wütend wirst: Achte mal, wie die Wut sich im Körper anfühlt. Wo sitzt die Wut im Körper? Wie fühlt sich der Atem an? Und vielleicht atmest du dann ganz bewusst in die Wut hinein, in den Körper hinein. Und lässt sie los.

5. April

„Lerne loslassen, das ist der Schlüssel zum Glück.“ (Buddha)

Prüfung verhauen, vom Freund verlassen worden, ins Fettnäpfchen getreten, einen dummen Fehler gemacht – wer hat es nicht schon erlebt und sich danach in Gedanken gewälzt und gedreht und im Selbstmitleid gebadet oder sich mit Selbstvorwürfen beschossen? Wozu? Was passiert ist, war der erste Pfeil, der uns traf und schmerzte, wir schiessen nun den zweiten hinterher und treffen uns damit erneut, indem wir das Leiden weiterziehen.

Was passiert ist, ist passiert, das können wir nicht mehr ändern. Wir können analysieren, wie es dazu kam, und für die Zukunft was lernen. Aber dann gibt es nur noch eines, was wir tun können: Loslassen und weiter gehen.

Was tut mir gut?

Ich habe da dieses Problem. Ich studiere hin, studiere her, das Problem ist da und ich sehe keinen Weg hinaus. Tag und Nacht zermartere ich mir mein Hirn: Was könnte ich tun, das Problem zu bewältigen? Wie ich es drehe und wende: Ich sehe keine Möglichkeit. Es bleibt bestehen.

Das Problem hat eine Geschichte erhalten, ich habe sie ihm gegeben. Indem ich meine ganzen Gedanken um das Problem kreisen liess, wurde es zu meinem Leben.

Nur: Mein Leben besteht noch aus viel mehr. Wieso nicht das Ganze betrachten und das Problem dann da einordnen? Als Teil des Ganzen, aber niemals alles.

Manchmal hilft es, aufzuschreiben, was alles gut ist im Leben. Das Problem auf die eine Seite der Tabelle, auf die andere Seite all die guten Dinge. Auch die – und vor allem die – welche wir gerne als selbstverständlich sehen: Dach über dem Kopf, gutgesinnte Menschen, etc.

Damit ist das Problem nicht bewältigt, es besteht weiter. Mit der Kraft des Guten im Leben und der richtigen Relation des Problems können wir dieses nun genauer anschauen und schriftlich analysieren:

  • Wie genau lautet das Problem?
  • Was für einen Einfluss hat es auf mein Leben?
  • Was wäre, wenn das Problem nicht lösbar wäre? Im schlimmsten Fall?
  • Wie fühle ich mich bei dem Gedanken?
  • Kann ich das Problem in Teilprobleme aufteilen, die leichter zu lösen sind’
  • Wenn sich das Problem nicht lösen lässt: Kann ich mich vom Problem lösen?
  • Was wäre ein Alternativleben, in dem das Problem keines wäre?
  • Kann ich das realisieren?
  • Was brauche ich dazu?
  • Wo kriege ich es?

Vielleicht sieht man keine Lösung. Trotz all der Fragen überzeugt keine Antwort. Dann gibt es noch die letzte Frage:

  • Was tut mir gut?

Wir haben gesehen, dass das Problem da ist, sich im Moment nicht lösen lässt. Wir haben aber auch gesehen, dass das Problem nur ein Teil ist. Neben diesem Teil existiert noch ganz viel – vieles, wofür wir dankbar sein können. Wieso also nicht das ganz bewusst ausbauen?

  • Was hat mir in der Vergangenheit gut getan? Was davon kann ich wiederholen?
  • Wer tut mir gut? Kann ich diese Menschen mehr um mich haben?
  • Wie kann ich mir selber etwas Gutes tun?

Ab und an verabschieden sich Probleme klammheimlich, wenn wir uns auf die guten Dinge konzentrieren im Leben. Und selbst wenn sie bleiben, haben sie ihren Stellenwert zurück: Sie sind ein Teil, aber nicht das Ganze.

4. April

„Wir müssen die Dinge, die in unserer Macht stehen, möglichst gut einrichten, alles andere aber so nehmen, wie es kommt.“ (Epiktet)

Der Dalai Lama wurde einmal gefragt, wie er es schafft, trotz allem, was er erlebt hat, immer freundlich und zufrieden zu wirken. Seine Antwort war, dass er das Geschehene nicht hätte ändern können, aus dem Leid der Vertreibung und des Exils aber auch Chancen und Möglichkeiten gewachsen seien, die ihn dankbar sein lassen. Er lächelte dabei.

Nun sind wir nicht alle der Dalai Lama und mitunter sind Dinge, die nicht so laufen, wie wir sie gerne hätten, schwer zu ertragen. Und doch hilft es vielleicht im Ärger über etwas nicht Gewolltes innezuhalten und sich zu fragen, ob man etwas daran ändern könnte. Wenn nicht, haben wir zwei Möglichkeiten: Wir ärgern uns weiter oder wir lächeln. Es ist erwiesen, dass man sich, wenn man lächelt, besser fühlt. Wir haben die Wahl, welche der zwei Möglichkeiten wir wählen.

3. April

“ Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Reinhold Niebuhr)

Es ist eine Tatsache, dass wir nicht alles im Leben in der Hand haben. Ganz viel entzieht sich unserer Kontrolle, beruht auf Zufällen oder ist von etwas abhängig, das ausserhalb unserer Macht liegt. Wenn wir uns nun über diese Dinge aufregen und uns daran aufreiben, passiert nur eines: Wir ärgern uns, ändern aber nichts am Grund für den Ärger.

Es gibt aber durchaus Dinge, die wir selber in der Hand haben. Da dann einfach abwartend zu sitzen und zu hoffen, dass sich alles zum Guten wendet, wäre mehr als schade. Dinge zu verändern ist nicht immer nur einfach, Gewohnheiten wiegen mitunter schwer, und doch: Es wäre schade, es nicht zu tun, da wir damit das Steuer unseres Lebens aus der Hand geben und auf etwas verzichten, das wir insgeheim (wir würden uns sonst nicht ärgern) wollen.

Es ist nicht immer einfach, zwischen beiden zu unterscheiden, aber was sicher ist: Der Ärger an sich bringt wenig. Entweder gilt es, sich in die Situation zu schicken und das Beste draus zu machen, oder aber die Ärmel hochzukrempeln und das Leben anzupacken.