22. Mai

„Auf alles, was der Mensch vornimmt, muß er seine ungeteilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten.“ Novalis

Geht es dir auch so, dass du ab und an tausend Dinge aufs Mal machst, ganz vieles mal schnell nebenher erledigst? Das mag bei einigen Routinedingen gut funktionieren, auch wenn es Studien gibt, dass man gar nicht effizienter ist, wenn man die Dinge gleichzeitig statt hintereinander macht (und ob es einem wirklich gut tut, ist die andere Frage).

Wenn du aber ein Ziel hast, etwas wirklich willst, musst du es mit ganzem Engagement und voller Aufmerksamkeit verfolgen. Was man nur halbherzig verfolgt, kommt meist auch genau so raus: halbpatzig. Es ist einerseits ein Ausdruck deines Wunsches, etwas zu erreichen, wenn du dich diesem voll widmest. Andererseits gibst du dem Wunsch erst durch deinen Einsatz auch den Wert, von dem du behauptest, dass er ihn hat für dich.

Wenn du also ein Ziel hast, setze deine ganze Energie in dessen Verfolgung. Nur so gibst du wirklich alles, was du kannst, um es zu erreichen.

21. Mai

„Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum ersten Male wirklich sieht.“ (Christian Morgenstern)

Ist es dir auch schon einmal passiert, dass du durch eine Strasse gingst und plötzlich ein Haus sahst, das dir vorher noch nie aufgefallen ist? Oft laufen wir mit Scheuklappen durch die Gegend, sind entweder in Gedanken versunken, ins Gespräch vertieft oder – wie so oft – mit den Augen auf den Handy-Bildschirm geheftet. Dabei wäre da draussen eine ganze vielfältige und bunte Welt, die nur gesehen werden möchte. Und die neue Inspirationen und auch Freuden bringen könnte – wenn man sie sähe.

Vielleicht beim nächsten Gang durch die alltäglichen Strassen die Augen besondern offen halten, um all das zu sehen, was uns vielleicht sonst entgangen ist?

20. Mai

„Man muss viel gelernt haben, um über das, was man nicht weiss, fragen zu können.“ (Jean-Jacques Rousseau)

Sokrates ist bekannt für seinen Ausspruch, dass er wisse, dass er nichts weiss. Dieser Spruch könnte wie Koketterie anmuten, wenn man bedenkt, dass er als weisester Mensch galt damals. Und gerade der Mensch hat eine Dialogform gepflegt, die mehrheitlich aus Fragen bestand. Im Gespräch ging er auf den anderen ein und hinterfragte immer wieder festgefahrene Annahmen.

„Ist das wirklich so?“

Wie oft versteigen wir uns in unsere eigenen Meinungen, setzen sie als sakrosankt und lassen nicht mehr dran rütteln? Wie oft geraten wir deswegen sogar in Streitdiskussionen und fühlen uns schlussendlich schlecht, weil die Diskussion lief, wie sie lief, oder weil wir merken mussten, dass so manches Festgefahrene doch nicht der Wahrheit letzter Schluss war?

Alles zu wissen (oder es zu glauben) ist kein Zeichen wirklicher Weisheit. Die Offenheit, Dinge in Frage zu stellen, mitunter auch sich selber, zeugt von einer Grösse gepaart mit Demut. Die erreicht man nur, wenn man aus den Erfahrungen lernt – allem voran: Es gibt die eine Wahrheit nicht, die Wirklichkeit lässt sich von verschiedenen Seiten betrachten, und erst durch Fragen lernt man andere, einem nicht sichtbare, kennen.

19. Mai

„Es wiederholt sich alles Bedeutende im großen Weltgange, der Achtsame bemerkt es überall.“ Johann Wolfgang von Goethe

Hast du auch schon einmal gedacht: „Ach nein, nicht schon wieder?“ Dir ist etwas passiert, was du eigentlich vermeiden, oder du hast dich auf eine Weise verhalten, wie du es nie mehr tun wolltest. Und doch liefst du wieder in die gleiche Situation hinein.

Menschen haben oft Punkte, die bei ihnen eine automatische Reaktion auslösen. Sobald der Punkt getroffen ist, läuft das Programm ab. Und oft blickt man dann im Nachhinein zurück und denkt, dass das nicht nötig gewesen wäre, dass man vieles hätte vermeiden können, hätte man nur genauer hingesehen.

Der erste Schritt zur Besserung ist sicher, die eigenen, solches auslösenden Punkte (auch Triggerpunkte) zu kennen. Wenn man sich bewusst ist, worauf man unbedacht reagiert, kann man in Zukunft besser darauf achten. Und wenn dann ein Punkt getroffen wird, gelingt es vielleicht auch (und: die Übung macht den Meister), bewusster und angemessener darauf zu reagieren.

Das mag nun zwar für den Weltenlauf nichts Bedeutendes sein, kann aber im eigenen Leben viel Bedeutung haben, weil sich dieses dadurch entspannter gestaltet.

18. Mai

„Der gegenwärtige Moment ist voller Freude und Glück.“ (Thich Nhat Hanh)

Achtsam durchs Leben gehen, bedeutet, jedem Augenblick die volle Aufmerksamkeit zu geben. Meist sind wir ja in Gedanken ganz wo anders, denken über Vergangenes nach oder planen die Zukunft. Was, wenn wir ab und an einfach mal alles loslassen und hinschauen, was genau jetzt ist?

Was sehe ich?
Was rieche ich?
Was höre ich?
Was spüre ich?

Die Blume am Strassenrand hätten wir vielleicht fast übersehen, den Geruch der Orangenblüten am Baum nicht wahrgenommen und den Gesang des Vogels auf dem Ast nicht gehört. Wie viel Freude kann aus solchen Alltäglichkeiten wachsen?

17. Mai

„Wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“ (Arthur Schopenhauer)

Nach einem schönen Tag kommt es oft vor, dass ich abends beim Nachtessen sitze und an den Tag zurück denke. Ich denke an all die schönen Momente, an die Freuden, die er mir brachte. Und dann kommt ein Gefühl der Dankbarkeit auf und nicht selten spreche ich es dann auch aus:

„Heute war ein schöner Tag!“

Damit ist das Schöne nochmals ganz präsent und das nach so einem Tag sowieso schon gute Gefühl verstärkt sich noch. Und auch wenn nicht alle Tage so schön sind, kann es helfen, die schönen bewusst wahrzunehmen. Die Dankbarkeit für das Gute hilft oft in schwereren Zeiten, die nötige Kraft, sie gut zu meistern, und auch Hoffnung auf wieder bessere Zeiten aufrecht zu erhalten.

16. Mai

„Achtsamkeit schenkt uns Überblick, Ausgeglichenheit und Freiheit.“ (Jack Kornfield)

Ist es dir auch schon einmal passiert, dass du dich über etwas aufgeregt hast und dann plötzlich alles schief lief? Du stolpertest über die eigenen Beine, liesst ein Glas fallen, stiessest mit jemandem zusammen, hast den Bus verpasst… frei nach dem alten Gesetz: „Ein Unglück kommt selten allein.“

Nur: Sind das alles Unglücke? Sind es nicht eher Unachtsamkeiten? Waren wir nicht in Gedanken so sehr mit unserem Ärger beschäftigt, dass wir nicht mehr wahrnahmen, was um uns passiert, dass wir die Dinge nur noch achtlos erledigten?

Auch wenn dich mal Dinge beschäftigen: Lass sie da, wo sie hingehören. Wenn du jetzt etwas ändern kannst, ändere es und mach dann weiter. Wenn du jetzt nichts tun kannst, richte deine Achtsamkeit wieder auf das, was aktuell präsent ist. Dann bewahrst du den Überblick über das, was ist, stolperst nicht von einem vermeintlichen Unglück zum nächsten, so dass du dich immer noch mehr ärgerst, sondern kannst dir zum Überblick auch noch die Ausgeglichenheit wieder zurückerobern oder aber gar bewahren.

Und: Indem du das zur Seite schiebst, was im Moment nicht an der Reihe ist, bist du frei für all die Dinge, auf die du hier und jetzt einen Einfluss hast.

15. Mai

„Warum uns das Plötzliche oft überrascht? …Weil uns das Allmähliche entging.“ Otto Weiß

Wer hat nicht schon einen guten Freund, dessen Beziehung gerade in Brüche ging, klagen hören, dass er es nicht hätte kommen sehen? Und wer fiel dabei nicht auch schon selber aus allen Wolken und dachte, dass das wirklich nicht abzusehen war? All die kleinen Blicke, die spitzigen Bemerkungen, die leisen Unzufriedenheiten gingen unter. Und aus dem Nichts quasi kommt der Bruch.

Wenn du mit deinem Partner sprichst, hörst du ihm wirklich zu? Wenn ihr das gemeinsame Leben plant, habt ihr wirklich beide eine Stimme? Bist du zufrieden mit deinem Leben? Ist es dein Partner? Was weisst du eigentlich über euch beide? Wann hast du das letzte Mal genau in dich gehört? Und ihm zu?

Veränderungen kommen oft schleichend und werden uns so oft nicht bewusst. Das geschieht einerseits aus unserem Eingespanntsein in die Hektik des Alltags, aber auch, weil wir gar nicht genau hinschauen wollen: Es könnte uns nicht gefallen, was wir sehen, so dass wir lieber in der Illusion verharren, dass alles gut ist. Bis sie sich nicht mehr aufrecht erhalten lässt.

Nur: Früh genug hingeschaut, hätte man noch vielleicht einiges noch in der Hand gehabt, irgendwann ist es zu spät.

Achtsames Zuhören

„How do I listen to others? As if everyone were my Master speaking to me his cherished last words.

How do I listen to you? As if you were the Alpha and Omega of all sound.“
(Hafiz)

Wie hören wir anderen Menschen zu? Geben wir ihnen wirklich unsere volle Aufmerksamkeit oder suchen wir nur nach Stichworten, um unsere eigenen Meinungen kundzutun?

Erst wenn wir einem anderen aufmerksam und achtsam zuhören, wirklich wissen und verstehen wollen, was er uns zu sagen hat, erst dann ist eine wirkliche Beziehung möglich.

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Wie soll ich anderen zuhören? Als ob sie mein Meister wären, der zu mir seine letzten geschätzten Worte spräche.

Wie soll ich dir zuhören? Als ob du das Alpha und Omega von allem Klang wärst.

14. Mai

„Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.“ Henri Matisse

Wenn es uns nicht gut geht, neigen wir oft dazu, die Dinge nur schwarz zu sehen. Plötzlich erscheint alles in düsterem Licht, die Welt um uns wird dunkel. Nur: Die Welt hat sich nicht verändert, sie ist noch immer so, wie sie vorher war. Sahen wir sie in lichten Stunden hell oder in dunklen düster: Es ist nicht die Welt, die sich änderte, es ist unser Blick auf sie.

Wenn also wieder mal alles düster erscheint, kann es helfen, sich daran zu erinnern, was alles da war, als sie noch hell war. Und sich dann bewusst zu werden, dass das alles noch da ist, wir es nur sehen müssen. Und oft kann es helfen, einfach mal mit offenen Augen durch die Strassen zu gehen und die Blumen am Wegesrand zu bewundern. Und schon sieht die Welt ein wenig bunter aus.

13. Mai

„Ein Mensch ohne Aufmerksamkeit ist gar nicht geschickt, in der Welt zu leben.“ Philip Stanhope, 4. Earl of Chesterfield

Wer ist nicht schon über eine Schwelle gestolpert oder hat etwas fallen gelassen? Wir nennen sie die kleinen Missgeschicke des Alltags, tun sie mit einem Lachen ab und leben weiter wie bisher – es sei denn, es passiert ein schwerer Unfall aus so einem Missgeschick heraus.

Worauf aber gründen diese Missgeschicke? Sie sind die Folgen unserer Unachtsamkeit: Wir laufen durch die Welt und beachten sie nicht, weil wir im Geist ganz woanders sind. Wir sehen weder die Schwellen unter unseren Füssen noch die Pfosten vor unseren Köpfen. Wer schon Menschen mit ihren Handies durch die Strassen laufen sah, wird sich darüber nicht wundern.

Wieso aber denken wir, geistig immer wo anders sein zu müssen als wir sind? Wenn wir einen Ausflug machen, teilen wir das auf Facebook Freunden mit, sind also eigentlich im Geiste bei denen. Wieder zu Hause denken wir an den Ausflug zurück, trauern ihm nach, weil er schon vorbei ist. Und so leben wir eigentlich nie wirklich im Hier und Jetzt, sondern befinden uns ständig an verschiedenen Orten körperlich und geistig.

Wie wäre es, das genau heute mal zu ändern?

12. Mai

„Wie viele Freuden werden zertreten, weil die Menschen meist nur in die Höhe gucken und, was zu ihren Füßen liegt, nicht achten.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

„Dream big“ – Egal ob Werbung, Lebensratgeber oder Lebenscoachs, alle rufen zum gleichen auf: Denke gross, wünsche viel, strebe nach mehr und Höherem. Und ja, wir sind dafür empfänglich, wollen wir doch selber das ganz grosse Glück. Was wir dabei oft übersehen, sind die kleinen Freuden. Sie, die eigentlich das Leben ausmachen und die diesem so viel Schönheit geben können.

Es spricht nichts gegen hohe Ziele, sie können beflügeln. Wenn wir aber nur nach dem Hohen und Grossen streben, bleibt uns vieles verwehrt. All die kleinen Alltagsfreuden werden untergehen in deren Schatten. Und sind es nicht oft die kleinen Dinge, welche die grössten Freuden mit sich bringen?

Menschen, gefragt, wie sie ihren letzten Tag verbringen wollten, wüssten sie, dass der Tod wartet, wünschen sich oft einen ganz normalen Tag inmitten ihrer Freunde. Nichts Grosses, nichts Spektakuläres, einfach leben. Das könnten wir jeden Tag tun und uns daran freuen. Heute wäre ein guter Tag dazu.

11. Mai

„Wenn im Garten ein Baum krank ist, musst du dich um ihn kümmern. Übersieh dabei aber nicht all die gesunden Bäume.“ (Thich Nhat Hanh)

Ist es dir auch schon passiert, dass du einen schönen Tag hattest, dann passierte etwas und du hast dich nur noch darüber geärgert? Der ganze restliche Tag ist plötzlich verblasst, dein ganzes Denken drehte nur noch um dieses eine Erlebnis. Oder du hattest ein Problem und dachtest nur noch in Problemen. Kein fröhlicher Gedanke kam in deinen Kopf, da du damit beschäftigt warst, diesen wegen des Problems zu zerbrechen.

Wir neigen dazu, dem Negativen mehr Raum zu geben als dem Positiven. Das liegt wohl zum Teil daran, dass wir da Handlungsbedarf sehen. Zum anderen sind unsere Emotionen ungleich stärker bei Belastendem und Emotionen ziehen immer die Aufmerksamkeit auf sich. Dabei verpassen wir oft das Schöne, das auch noch da ist. Wir blenden all unsere guten Eigenschaften aus, weil das Problem drückt – dabei könnten gerade die dabei helfen, Lösungen zu finden. Wir vergessen das Schöne des Tages wegen eines unschönen Moments – dabei könnte gerade aus den schönen Momenten Kraft geschöpft werden für die weniger schönen.

Wenn dein Kopf wieder einmal um Negatives kreist, frage dich ganz bewusst: Ist da auch noch Positives? Und ich bin sicher, es findet sich ganz viel.

Lernen als Bedürfnis – mit Haltung zum Gelingen

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

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* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Marthe Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

10. Mai

„Viele gehen durch die Gassen, und nur wenige schauen zu den Sternen auf.“ (Oscar Wilde)

Wenn wir Probleme haben, neigen wir dazu, nur noch dieses Problem zu sehen. Unsere Gedanken drehen sich, rauben uns oft den Schlaf. Und indem die Welt so geprägt von diesen Problemen ist, erscheint sie uns dunkel, wir fühlen uns wie in einem tiefen Tal oder einer engen dunklen Gasse – im schlimmsten Fall gar Sackgasse.

Doch: Über jedem noch so tiefen Tal, über jeder noch so dunklen Gasse hängt ein Himmel. Tagsüber scheint die Sonne, nachts funkeln Sterne. Es gibt also Licht im Dunkel, wir müssen es nur sehen.

Wenn wieder einmal alles dunkel erscheint, schau, wohin du schaust. Vielleicht ändert nur schon eine Änderung der Blickrichtung deinen Eindruck.