Ich und die Anderen

Kürzlich erinnerte ich mich daran, wie ich mal in Spanien war und tat, was ich immer tue: Lesen und Schreiben. Ich sass in meinem Zimmer, meine Bücher um mich, tauchte ein und fühlte mich wohl in der Welt. Ich stiess damit auf grosses Unverständnis: Wie kann man nur in Spanien sein und nicht an der Sonne liegen, baden, einfach nichts tun? Ich ertappte mich dabei, wie ich mich schlecht fühlte, unverstanden, anders, nicht passend – nicht in Ordnung. Es machte mich traurig. ich versuchte mich zu rechtfertigen, versuchte Gründe zu finden, die anerkannt und schlüssig klingen, Gründe, die in der normalen Welt, aus welcher ich mich durch diese Bemerkung geworfen fühlte, verstanden werden könnten. Und irgendwie machte mich das noch trauriger, weil ich mich dadurch so klein fühlte, dass ich mich verteidigen zu müssen glaubte. 

Ich und die Anderen. Ein Konstrukt, über das ich in letzter Zeit oft nachdenke. Im Singular ist es einfach: Der Andere ist der Andere, weil er nicht ich ist. Sobald es aber mehrere sind auf beiden Seiten, kommt ein neues Element dazu: Um als Gruppe zu bestehen und sich von anderen Gruppen zu unterscheiden, reicht nicht mehr nur die individuelle Existenz, sondern es gibt verbindende Elemente, die eine Gruppe ausmachen. Daraus entsteht in der Folge ein Wir-Gefühl, das die eigene Gruppe von der anderen abgrenzt. Man setzt diese Gruppen bestimmenden Eigenschaften in Kontrast zu denen der anderen Gruppe, meist in einer Form der Hierarchie: Wir sind besser als ihr. An diesem Punkt wird aus dem «Anders» ein «Schlechteres», weil die Anderen der eigenen Norm nicht entsprechen, ihr unterlegen sind. 

Jeder Mensch lebt in einer Welt mit anderen und bildet mit diesen Gemeinschaften. Kein Mensch kann sich völlig aus der sozialen Umgebung herausnehmen. Würde man versuchen, durch totale Einkehr und unter Ausschluss der Welt, sich selber finden zu wollen, wäre das eigentlich ein Gang ins Leere, da wir als Menschen immer Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft sind, die uns prägt und die wir wieder prägen. Daraus folgt, dass wir die Anderen brauchen, um Ich zu sein. Es folgt weiter, dass die Anderen nur in unseren Augen die Anderen sind, in Ihren sind sie ihr eigenes Ich und wir die Anderen. Daraus, dass jedes Ich immer auch ein Anderer ist, stellt sich die Frage der Macht des Einen über den Anderen. Eine Vormachtstellung kann es nur geben, wenn sich einer diese zuspricht. Mit welchem Recht?

Nun passieren diese Dinge natürlich meist unbewusst, sie sind unter anderem auch Resultat der Gesellschaft und deren prägenden Werte und Normen. Indem wir in dieser Gesellschaft leben, nehmen wir diese Werte und Normen in uns auf, stellen uns dazu und verhalten uns entsprechend. Gibt es nun in einer Gesellschaft höher bewertete Eigenschaften und Merkmale, so sind die Menschen, welche diese aufweisen, in einer machtvolleren Stellung als andere, denen diese fehlen. An der Stelle fängt die Abwertung des anderen an, worauf Diskriminierung folgt. Aufgrund von vordefinierten Massstäben kommt es also zum Ausschluss derer, die über weniger Privilegien aufgrund von (sachlich gesehen willkürlich) festgelegten Eigenschaften verfügen.  

Wollen wir Diskriminierung jedwelcher Form den Kampf ansagen, gilt es, das Ich als gleichwertig zu sehen wie den Anderen, im Wissen, dass er genauso ein Ich ist wie ich, ich genauso ein Anderer wie er. Die Einsicht, dass die Andersartigkeit nur eine Vielfalt von Möglichkeiten aber keine Hierarchie darstellt, hilft, (strukturelle und individuelle) Abwertungen zu vermeiden, da sie als willkürliche Handlungsweisen, die keinem realen und sachlich gültigen Massstab entsprechen, enttarnt wurden. Das Bewusstsein all dessen ist der erste Schritt. Der zweite ist, die gesellschaftlichen Strukturen daraufhin zu analysieren, wo sie diese Hierarchien befeuern und zu sehen, was wir aktiv dagegen tun können – als Einzelne und als Gemeinschaft.

Juliane Frisse: Feminismus

Inhalt

«Feminismus (von lateinisch ‘femina für Frau):
umfasst als Oberbegriff alle politischen, geistigen, gesellschaftlichen und akademischen Strömungen, die sich kritisch mit Geschlechterordnungen auseinandersetzen und die für die Gleichberechtigung der Frau sowie gegen Feminismus eintreten.»

Zwar würde ich die Definition etwas anders schreiben, den Begriff «Frau» durch einen weiteren, die ganze Menschheit in all ihren Ausprägungen inkludieren wollen, aber er bringt doch gut zur Geltung, worum es geht – in diesem Buch und beim Feminismus.

Juliane Frisse hat eine gut verständliche und leicht lesbare, dabei trotzdem fundierte und aufschlussreiche Einführung in ein noch heute aktuelles Thema geschrieben. Neben der Klärung einschlägiger Begriffe stellt sie Feministinnen und Frauenrechtlerinnen vor, richtet den Blick auf die einzelnen Geschlechter und die jeweiligen Zuschreibungen, aus welchen (unter anderem) Rechte, Pflichten und Stellung resultieren und richtet den Blick auf verschiedene Themen im privaten wie öffentlichen Leben: Quoten, Liebe und Sexualität, Gewalt, und mehr.

Das Buch richtet sich an ein jugendliches Zielpublikum, ist aber auch für Erwachsene durchaus ein Gewinn.

Weitere Betrachtungen

«Denn dass unsere und andere Kulturen zwischen verschiedenen Geschlechtern unterscheiden – oft zwischen genau zwei Geschlechtern, Männern und Frauen -, beeinflusst viele Dinge: wie wir als Menschen leben, wie wir handeln, wer Macht hat und wer nicht.»

Der Begriff ‘Feminismus’ legt es nahe, dass es dabei um die Frau geht. Ihre Anliegen sollen behandelt werden, Missstände in der Gesellschaft, die sie betreffen, beseitigt werden. Dabei ist, auch darauf weist das Buch gut hin, zu sagen, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern deren viele. Sie unterscheiden sich in der Ausgangslage, indem sie Geschlechterzuschreibungen anders sehen, und auch im Hinblick auf die Ziele und die Methoden, die zu erreichen. Nun ist aber das biologische Geschlecht nicht der einzige Grund, weswegen es zu Diskriminierungen kommen kann, es ist darf folgendes nicht vergessen werden

«…, dass Menschen aus vielen Gründen Benachteiligung erfahren, nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern beispielsweise auch wegen ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion. »

Auch mit der Intersektionalität, der Begriff für die Betrachtung verschiedener Gründe für Diskriminierung, befasst sich das Buch. Daneben werden Begriffe wie Patriarchat, Bodyshaming, Rape Culture, Queer und einige mehr ausführlich behandelt und in einem Glossar am Schluss des Buches nochmals kurz definiert. Die verwendeten Quellen werden im Anhang aufgeführt und bieten so die Möglichkeit der Überprüfung oder auch der vertiefenden Lektüre. Ein wirklich informatives Buch für eine solide Einführung in ein aktuelles und wichtiges Thema.

Persönlicher Bezug

«Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.»

Was so offensichtlich klingt, ist es in Tat und Wahrheit nicht und vor allem noch nicht lange. War früher in Büchern vom Menschen die Rede, waren Männer gemeint, meist wurde sogar das noch mehr eingegrenzt und es waren nur freie und weisse impliziert. Es gab zu allen Zeiten Frauen, die sich dagegen auflehnten, manchmal konnten sich einzelne auch durchsetzen, doch in der Gesellschaft verfestigte sich nach und nach eine Struktur der männlichen Dominanz, die sich in alle Bereiche des täglichen Lebens ausbreitete. Das zu ändern ist das Hauptanliegen des Feminismus: Eine Gesellschaft aus gleichwertigen und gleich freien Menschen zu schaffen, denen die gleichen Chancen und Möglichkeiten offenstehen, sich ihr Leben einzurichten und zu leben – unabhängig vom Geschlecht, von der Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sonstigen individuellen oder auch kollektiven Zuschreibungen. 

Ich habe lange nicht gemerkt, wie sehr mich das Thema betrifft – auf persönlicher wie auch auf sachlicher Ebene. War Gerechtigkeit schon immer ein Thema, das mir am Herzen lag (im Leben und in der Forschung), so habe ich Missstände unserer Gesellschaft am eigenen Leib erfahren müssen durch die Jahre hindurch. Ich bereue, mich dem Thema nicht früher angenommen zu haben, denke aber: Besser jetzt als nie!

Fazit
Eine Einführung ein immer noch aktuelles Thema, gut lesbar, informativ und aufschlussreich. Nicht nur für junge Menschen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Juliane Frisse hat in Berlin Soziologie und Politikwissenschaft studiert und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. Seit September 2017 ist sie Redakteurin bei ZEIT ONLINE. Davor hat sie beim Bayerischen Rundfunk, bei jetzt.de und beim DUMMY VERLAG gearbeitet, zuletzt als redaktionelle Leitung für fluter.de. Für ein Radiofeature über das Frauenbild im Film wurde sie mit dem Juliane Bartel Medienpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Carlsen; 4. Edition (22. März 2019)
Taschenbuch: 208 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3551317445

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Sprache und Haltung

In einer Woche ist Weihnachten und ich kann es irgendwie noch gar nicht ganz fassen, dass das so sein wird. Ich bin kein Weihnachtsfan, vielleicht, weil Weihnachten für mich mit wenig Geschichten, wenig Erinnerungen, wenig positiven Gefühlen verbunden ist. Ich erinnere mich nicht an die Feste, weiss nicht mehr, wie wir zusammensassen, ob und wie ich mich freute über etwas. Ich erinnere mich an nichts und somit verbinde ich nichts mit Weihnachten. Die Gründe dafür können vielfältig sein, vermutlich ist es eher ein Verdrängen als ein Vergessen, schlussendlich ist es irrelevant – es ist, wie es ist. Heute kommt noch etwas dazu bei Weihnachten: Es ist irgendwie ein „Von-allem-Zuviel“: Zu viele Geschenke, zu viele Termine, zu viel Hektik… und zu wenig Ruhe, Musse, wirkliche Besinnlichkeit, die man der Zeit doch immer auf die Fahnen schreiben will. 

Eigentlich komisch, dass ich dann kürzlich sagte, das sei wie Weihnachten, als mir was wirklich Gutes widerfuhr. Ich hatte Zeit und Musse, wirklich lange in einer Buchhandlung zu sein, mich durch Regale und Bücher zu bewegen, zu stöbern, zu versinken. Am Schluss lief ich mit einer wunderbar gefüllten Tasche und ganz viel Vorfreude auf das Leseerlebnis hinaus. Ich kann mich nicht daran erinnern, an Weihnachten früher so ein Gefühl gehabt zu haben. Vielleicht ist es das Gefühl, das ich gerne gehabt hätte. Aber noch eher ist es einfach eine spontane Sprachwendung ohne tiefere Wort-Bedeutung.

Vor nicht langer Zeit kam es zu Diskussionen, weil ein süsses schokoladeüberzogenes Schaumgebäck seinen Namen ändern sollte. Nachdem das N-Wort schon lange nicht mehr adäquat war, sollte es nun auch dem M-Wort an den Kragen gehen. Die Begründung dafür war einfach: Das Wort verletzt die Gefühle von Menschen mit schwarzer Hautfarbe, sie fühlen sich dadurch herabgesetzt und beleidigt. Man könnte meinen, dass so eine Begriffsänderung eine Bagatelle sei, dass es nicht wirklich wichtig wäre, wie das Ding heisst, solange es schmeckt. Weit gefehlt. Das habe man immer so genannt. Das habe nichts mit den sich verletzt fühlenden Menschen zu tun. Die sollen sich mal nicht so anstellen, zumal man ja nichts gegen sie habe, dies nur ein Wort sei. Aber das wollte man sich nicht nehmen lassen. Schliesslich, so die Argumentation, denke man sich ja nichts dabei. Und vermutlich ist gerade das das Problem.

Wir verwenden Sprache oft auf eine unbewusste Weise. Wir hängen an alltagssprachlichen Gewohnheiten, ohne wirklich hinzuschauen. Dass es da nicht ausbleibt, dass Begriffe unbedacht verwendet werden, liegt auf der Hand. Das hat bei einer Redewendung wie eingangs erwähnt wenig Konsequenzen, kann aber in anderen Fällen schwerwiegendere Folgen haben: Dann nämlich, wenn man Menschen durch verletzende Ausdrücke und Zuschreibungen abwertet und diskriminiert. Das sind Menschen, die sich ihre Identität(en) nicht ausgesucht haben, die damit geboren wurden und nun damit leben. Sie wünschen sich in ihrem So-Sein genauso angenommen zu sein wie alle anderen. Sie möchten als gleichwertige Menschen unter Menschen leben können, ohne Angst zu laufen, in ihrer Würde und ihrem Sein angegriffen zu werden.

Wird das alles zum Thema, hört man die immer gleichen Argumente: Es ist nicht böse gemeint, das sagte man immer so, man wolle sich den Mund nicht verbieten lassen. Mir stellen sich dabei zwei Fragen:

  1. Ist ein offensichtlich unangebrachtes Wort so viel Wert und so wichtig, dass es egal ist, wenn damit ein Mensch (eine ganze Gruppe von Menschen) verletzt, abgewertet und sogar entwürdigt wird?
  2. Ist Sprache nicht auch etwas Prägendes? Was ich sage, prägt mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln.

Wenn ich davon ausgehe, dass Sprache nicht nur einen Einfluss auf das Befinden des anderen hat, sondern auch auf mich als Sprechenden eine Wirkung ausübt, ist es umso wichtiger, mir dessen bewusst zu sein, was ich sage. Die Wahl der Worte, der bewusste Einsatz derselben kann mein Denken ändern und damit auch meine Haltung. Selbst wenn ich vordergründig wirklich nichts gegen Menschen habe, die ich mit einer unbedachten Sprache abwerte, würde in der Weigerung, diese zu ändern, sobald ich auf die Verletzung dieser Menschen durch mein Sprechen erfahre, ein latenter Angriff und eine Herabsetzung ihres Seins und Fühlens stecken. Und dann wäre es umso wichtiger, wirklich hinzusehen und etwas zu ändern. Die angemessene Sprache ist ein erster Schritt dahin.

Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen

Inhalt

«Erschöpfung ist kein individuelles Schicksal, sondern Ausdruck eines kollektiven Leidens, das auch gesellschaftliche und nicht zuletzt ökonomische Ursachen hat.»

Frauen haben in der heutigen Zeit so viele Möglichkeiten, wie wohl nie zuvor. Sie waren wohl auch noch nie so vielen Erwartungen ausgesetzt wie heute, und müssen gleichzeitig noch immer mit Benachteiligungen leben, die keiner rationalen Grundlage, sondern nur einer über Jahrzehnte gewachsenen Struktur geschuldet sind. Noch immer verdienen Frauen weniger, erwartet man von ihnen die Sorge um die Mitmenschen, oft auch als Gratisarbeit, sollen sie am besten gefällig, nett anzuschauen und möglichst angepasst sein.

Das stille sich Hineinfügen in die immer noch vorhandenen Ungerechtigkeiten aber auch der Kampf, etwas zu ändern, kosten Kraft, Kraft, die nicht unendlich vorhanden ist und die mehr und mehr ausgeht und Frauen in die Erschöpfung treibt.

Franziska Schutzbach schaut genau hin, thematisiert die Missstände, belegt sie mit eindeutigen Zahlen und zeigt so den dringenden Handlungsbedarf, der auch heute noch herrscht.

Weitere Betrachtungen

«Eine feministische Arbeit gegen die Erschöpfung ist eine Arbeit an Beziehungen. Wenn Menschen ihre Sehnsucht nach Bezogenheit und ihre Bedürftigkeit nach Umsorgung ernst nehmen, wenn sie zueinander in Beziehung stehen, können sie sich einander verletzlich zeigen – und auch erschöpft. Wenn Menschen in Beziehung stehen, können sie ohne Angst verschieden sein.»

Wir haben es noch nicht geschafft, Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht. Bücher wie dieses können dabei helfen, die Augen zu öffnen für die Missstände, die noch immer herrschen. Dass dies nicht das Anliegen eines Einzelnen sein kann, liegt auf der Hand. Wir leben in einer Welt, in welcher sich ein System über Jahrzehnte herausgebildet hat. Es liegen klare Rollenbilder vor, wie Frauen (und Männer) zu sein haben und wie sie behandelt werden (dürfen, wie die landläufige Meinung zu sein scheint). Es reicht nicht, wenn eine Einzelne in einer persönlichen Situation einfach reagiert, es bedarf des gemeinsamen Kampfs gegen diese Missstände, denn sonst wird sich nie etwas im Grossen ändern, sonst werden sich das System und dessen immanente Struktur nie zu einem Besseren verändern.

«Im Nachhinein wird ausgeklammert, welche Radikalität notwendig war, damit sich überhaupt etwas verändert, und dass Frauen für ebendiese Radikalität angegriffen und gehasst wurden.»

Franziska Schutzbach zeigt auf, wie Frauen in vielen Belangen des täglichen Lebens in ihren Ressourcen ausgenutzt, wie sie kulturell und sozial benachteiligt und in ihren Rechten beschnitten werden. Zwar haben wir durch den langen Weg der Frauenbewegungen schon einiges erreicht, aber wir sind noch nicht am Ziel. Dass es kein einfacher Weg war, zeigt die Geschichte, er wird auch jetzt nicht leichter werden, da die Privilegierten ungern auf ihre (unverdienten) Privilegien verzichten wollen und alles dransetzen, sich diese zu bewahren.

Franziska Schutzbach ist eine fundierte, gut recherchierte und informative Arbeit gelungen. Die Autorin verweist auf aufschlussreiche Studien und Schriften namhafter Theoretikerinnen und präsentiert die Ergebnisse auf eine gut lesbare und verständliche Weise. Entstanden ist so ein Buch, das zum Nachdenken und Weiterdenken und hoffentlich auch zur Tat anregt.

Persönlicher Bezug

«Wer sich öffentlich für feministische Anliegen ausspricht, sexistische Strukturen kritisiert und Fehlverhalten anspricht, ist mehr als nur Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt. Diese massiven Widerstände sind erschöpfend.»

Es war und ist nicht einfach, sich Feministin zu nennen, da man dann sofort in eine Ecke gedrängt und oft angefeindet wird. Die Reaktionen, die von Ignoranz über Belächeln bis hin zum Angriff und zur Beleidigung reichen, zeigen deutlich, wie viel noch im Argen liegt, denn wenn etwas so heftig abgelehnt und bekämpft wird, dann hat man in ein Wespennest gestochen, einen Missstand entdeckt. Es wird nichts bleiben, als weiterzumachen, Feminismus als wichtige Aufgabe und aktives Tun zu sehen, um den Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaft weiterzugehen. Ich hoffe, dass gerade auch Frauen merken, dass sie nur gemeinsam Erfolg haben werden, dass nur gelebte Solidarität und ein aktives Miteinander helfen, so eingefahrene Strukturen zu verändern. Leider mangelt es gerade daran oft.

Fazit
Ein wichtiges Buch über ein aktuelles Thema, das zum Nachdenken anregt. Ein Aufruf, weiterzukämpfen für eine gerechte Welt, in welcher Menschen nicht ihres Geschlechts wegen benachteiligt sind. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Droemer HC (1. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
ISBN: 978-3426278588

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Alois Prinz: Das Leben der Simone de Beauvoir

Inhalt

«Mit der Geburt beginnt für sie das ‘Drama eines jeden Existierenden’. Dieses Drama besteht darin, dass jedes Kind hineingeboren oder, existenzialistisch ausgedrückt, ‘geworfen’ wird in eine Welt, die ohne sein Zutun entstanden ist und die voller Erwartungen und Vorherbestimmungen ist. Gleichzeitig hat es einen natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und eigene Bedürfnisse und Wünsche auszubilden. Das führt zu einem Konflikt, der schon in den ersten Kinderjahren zu spüren ist und der sich in späteren Jahren zu Kämpfen um die eigene Identität steigern kann.»

Simone de Beauvoir wuchs in einem konservativen Haus voller Vorschriften und Verbote auf, in welchem klar geregelt ist, wie man sich zu verhalten hat, vor allem, wenn man ein Mädchen ist. Passt sich die junge Simone mehr und mehr an, wird zur gehorsamen, strebsamen Tochter, fühlt sie sich in dieser Rolle schon bald immer eingeengter und ein Wunsch wächst heran: Sie will frei sein.

«…Freiheit ist für sie ein Faktum. Jeder Mensch findet sich als freier Mensch vor. Für das Kind ist diese Freiheit noch verborgen, weil Eltern und Erzieher über es bestimmen und es noch keine Verantwortung kennt. Spätestens der junge Erwachsene muss sich dieser Freiheit stellen. Frei sein bedeutet zu erkennen, dass es keine absoluten Werte gibt, auch keinen Gott. Es bedeutet, dass das Leben keinen Sinn hat, sondern dass jeder Einzelne seinem Leben einen Sinn geben muss.»

Das Thema der Freiheit wird sie denn auch ein Leben lang begleiten. Daneben weiss sie auch bald, dass sie schreiben will, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und unabhängig führen möchte.

Ihr Weg führt über ein Studium der Philosophie hin zum Lehrerberuf, auf diesem Weg begegnet sie Sartre, mit dem sie das Leben lang in einer für die Aussenwelt merkwürdigen und darum immer wieder mit neuen Etiketten bedachten Beziehung lebt. Neben Sartre säumen viele Freunde und Freundinnen, Liebschaften und Lebensbegleiter ihren Weg. Sie setzt sich ein für das, was ihr wichtig ist, sie schreibt unermüdlich, sie reist viel, sie hinterfragt sich und die Welt, sie lebt das Leben, das ihr vorschwebt und macht aus dem, was sie in dieses Leben mitbringt das, was sie daraus machen will und kann. Damit lebt sie ihren eigenen existenzialistischen Gedanken, nämlich den, dass ein Mensch mit Voraussetzungen in diese Welt kommt und es in seiner Verantwortung liegt, was er daraus – und damit aus sich – macht.

Simone de Beauvoir sieht sich als Literatin, nicht als Philosophin. Das ist keine Abwertung für sie, wie es oft gelesen wurde, denn sie sieht in der Literatur die Möglichkeit, Dinge nicht abstrakt und theoretisch zu erörtern, sondern sie in die Lebenserfahrungen von Menschen einzubauen durch die Geschichten, die sie erzählt. Das tut sie aber auf eine so tiefgründige und kluge Art, dass les- und spürbar ist, was das Thema dahinter ist. Neben ihren Romanen ist Simone de Beauvoir auch Verfasserin einer Unzahl von Essays, Reiseberichten, eines Theaterstücks und mehr.

Weitere Betrachtungen
Alois Prinz erzählt das Leben von Simone de Beauvoir auf eine zutiefst menschliche, tiefgründige und lebendige Weise. Er stellt ihr Leben in den Zusammenhang der Zeit, erzählt von ihren Erfahrungen in dieser, von ihren Beziehungen, von ihren Sorgen, Nöten, Selbstzweifeln. Er zeichnet das Bild einer intelligenten, spannenden, sich ständig hinterfragenden, das Leben liebenden und lebenden Frau, welche mit Neugier und Ehrgeiz versucht, das beste Ich aus sich zu machen, zu dem sie fähig ist.

Simone de Beauvoir ist eine Frau, die ihr Menschsein ernst nimmt und die Aufgabe, die dies an sie stellt, aktiv angeht. Sie versucht, ihre (menschlichen und moralischen) Ansprüche umzusetzen, um als verantwortungsbewusste, selbstbestimmte, interessierte, engagierte und vor allem freie Frau das zu tun, was sie tun will: Schreiben.

Alois Prinz schafft es, dieses durchaus ungewöhnliche Leben ohne Sensationslust, Auf- oder Abwertungen, und moralischen Zeigefinger auf eine gut lesbare, kompetente Weise zu erzählen. Entstanden ist das Porträt einer Frau, welche einen für sich einnimmt. Es gelingt Prinz ebenfalls, die Beziehung zu Sartre darzustellen, ohne den oft vorherrschenden Stimmen, Schubladisierungen und Verurteilungen zu folgen.

Persönliche Bemerkungen
Simone de Beauvoir fasziniert mich, seit ich mich intensiver mit ihr befasse, immer mehr. Sie ist für mich eine Frau, die versucht, für sich und ihre Meinung einzustehen, dabei auch in Kauf nimmt, dass ihr Weg nicht immer nur leicht ist. Sie ist eine Frau, die von Unsicherheiten geprägt ist, trotzdem versucht, sich treu zu bleiben und die eigenen Ansprüche ans Leben zu verwirklichen. Wenn dieser Weg in die Irre geht, sie nicht die ist, die sie sein will, vertuscht sie das nicht, sondern steht hin und gesteht die eigenen Fehler ein. Mir gefällt ihre Sicht der Dinge, dass wir zwar ins Leben geworfen sind, das wir nicht aussuchten, dass wir es aber in der Hand haben, etwas daraus zu machen. Sie hat das nicht nur theoretisch beschrieben, sondern selber gelebt. Sie ist eine Frau mit vielen Widersprüchen. Und sie ist nicht zuletzt eine Frau mit einem grossen Herzen, eine tiefgründige Denkerin, eine fleissige Schreiberin.

Fazit:
Eine menschliche, tiefgründige, kompetente und Einsichten gewährende Biografie, der ein offener Blick auf eine tiefgründige und inspirierende Denkerin und Frau zugrunde liegt. Sehr empfehlenswert.

Alois Prinz
Alois Prinz, 1958 geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und lebt heute mit seiner Familie in Kirchheim bei München. Er veröffentlichte Biografien über Hermann Hesse, Ulrike Meinhof, Franz Kafka, Dietrich Bonhoeffer und andere. 2012 erschien sein Buch Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt, das sich über 130.000 Mal verkaufte.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 303 Seiten
Verlag: ‎ Insel Verlag; Originalausgabe Edition (10. Oktober 2021)
ISBN: 978-3458179412

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Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben

Inhalt

«Die Geschichte meines Lebens selbst ist eine Art Problemfall, und ich muss den Menschen keine Lösungen geben, und die Menschen haben kein Recht darauf, von mir Lösungen zu erwarten. Eben in diesem Rahmen hat mir gelegentlich meine vermeintliche Berühmtheit, oder kurz gesagt die Aufmerksamkeit der Menschen, Sorge bereitet. Es gibt eine gewisse Erwartungshaltung, die ich etwas beschränkt finde und die mich einengt, weil sie mich in irgendeinem feministischen Betonblock fixieren will.»
(Simone de Beauvoir)

Simone de Beauvoir wuchs in einem konservativen Haus voller Vorschriften und Verbote auf, in welchem Körperlichkeit dem Laster gleichgesetzt wurde und mögliche Freundinnen der strengen Prüfung bedurften, um sich mit ihnen treffen zu dürfen. Simone de Beavoir bezeichnete das Milieu in Ein sanfter Tod selbst als «provinzielle Wohlanständigkeit und klösterliche Moral». Trotzdem sah sie ihre Kindheit als glückliche an, fühlte sich in ihrer Familie behütet und sicher (sie bezeichnete es als «unbedingte Sicherheit»), fürchtete dann und wann den Fall aus dieser Kindheit, wenn sie eine «Ausgestossene der Kindheit» würde. Neben Schutz und Geborgenheit bot das Elternhaus aber noch etwas: Den Zugang zur Literatur, den der Vater förderte und Simone de Beauvoir mit grosser Neugier nutzte und liebte.

Schön früh machte sich Simone de Beauvoir tiefgründige Gedanken darüber, was ein gutes Leben sei, wie wichtig Freiheit in einem solchen ist und was Liebe in Bezug auf beide bedeutet. Man findet in ihren Tagebüchern von damals schon viele Ideen, die später bei ihr und vor allem auch Sartre auftauchen. Dies ist insofern interessant, als es immer wieder Stimmen gab, die Beauvoir als Profiteurin von Sartre bezeichneten, ihr gar unterstellten, nie eigenständig gedacht und nur seine Gedanken übernommen zu haben. Weder das noch das auch ab und an behauptete Gegenteil, dass Sartre der Profiteur gewesen sei, ist richtig. Die beiden Namen sind durch ihre Geschichte, ihren Liebespakt sowie den lebenslangen intensiven Austausch so intensiv verbunden und verwoben, dass sich kaum genau eruieren lässt, wer wo wieviel Einfluss auf den anderen hatte.

«Warum sollte es Freiheit auf Kosten der Liebe geben? Oder Liebe auf Kosten der Freiheit?

Neben Sartre gab es andere Freunde und Freundinnen, geistig und sexuell. Das Konzept der kontingenten Liebe, das Sartre und Beauvoir für sich bestimmten, dass sie sich notwendige Lebensbegleiter sind, andere daneben als mögliche zufällige Platz haben, hat immer wieder für Aufsehen gesorgt. Simone de Beauvoir war sich am Ende ihres Lebens selbst nicht mehr sicher, ob sie mit diesem Lebensmodell nicht zu viele Menschen ausgenutzt und leiden lassen haben.

«Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.»

Bekannt wurde Simone de Beauvoir vor allem durch ihr Buch «Das andere Geschlecht», in welchem sie die Rolle der Frau und ihren Platz in der Welt beschreibt. Sie vertritt die Meinung, dass nicht die Biologie ausschlaggebend ist, wie Frauen wahrgenommen und behandelt werden, sondern soziale und kulturelle Situation. Simone de Beauvoir hat aber noch viel mehr geschrieben, hat sich mit Themen wie dem Alter, der Liebe, dem Tod und vor allem immer wieder der Freiheit befasst. Sie hat erfolgreich Romane, Essays, Theaterstücke und autobiographische Schriften verfasst und sich auch politisch engagiert.

Zwar war Beauvoir bekannt, aber trotzdem blieben immer Stimmen laut, die sie zurücksetzten hinter Sartre, die ihr Eigenständigkeit im Denken und Sein vorwarfen. Die unkonventionelle Lebens- und Liebesweise spülte noch zusätzlich auf die Mühlen der abschätzigen Zuschreibungen. Dies alles und noch einiges mehr beleuchtet Kate Kirkpatrick in dieser Biografie, der ersten nach der Veröffentlichung verschiedener Briefwechsel und frühen Tagebücher de Beauvoirs.

Weitere Betrachtungen

«Es ist nicht die Aufgabe des Biografen, zu urteilen, sondern ein Leben möglichst objektiv darzustellen, damit der Leser sich ein Urteil bilden kann.»
(Kate Kirkpatrick in einem Interview)

Kate Kirkpatrick ist es gelungen, Leben und Werk einer komplexen Persönlichkeit, wie Simone de Beauvoir es war, auf eine klare, sachliche und sehr ausgewogene, kompetente Weise zu beschreiben. Sie dazu auf eine Vielzahl von Quellen Zugriff genommen, was auch erlaubt hat, die Widersprüche in Simone de Beauvoirs Leben und Denken einerseits, in deren Darstellung desselben andererseits aufzuzeigen.

«Ein gelebtes Leben kann nicht durch seine Nacherzählung wiederaufleben. Doch von aussen betrachtet, sollten wir nicht vergessen, mit welcher Kraft sie kämpfte, um sie selbst zu werden.»
(Kate Kirkpatrick)

Die vorliegende Biografie gibt einen Blick frei auf eine intelligente, selbstreflexive, in sich immer auch wieder zweifelnde und selbstkritische Frau, die ihren Weg durchs Leben sucht, indem sie versucht, das zu sein, was sie sein kann und will, ihren eigenen Maximen treu zu sein. Dass dies nicht immer gelungen ist, merkte Simone de Beauvoir selber und legte es sich auch zu Lasten.

In der ersten Hälfte sind die verschiedenen (mehrheitlich sexuellen) Beziehungen de Beauvoirs sehr grosses Thema, in der zweiten Hälfte nehmen die politischen Rahmenbedingungen einen grossen Platz ein. Beides hätte durchaus gekürzt werden können. Ab und an wäre ein genauerer Blick auf Simone de Beauvoirs Denken wünschenswert gewesen, nahm doch Sartres dagegen einen relativ grossen Raum ein. Trotz allem ist Kate Kirkpatrick eine informative, tiefe und auch neue Einsichten gewährende Biografie gelungen, die hoffentlich schafft, den Blick auf Simone de Beauvoir zu schärfen, mit landläufigen Vorurteilen auf- und ihr den Stellenwert einzuräumen, der ihr gebührt.

Fazit:
Eine kompetente, informative und neue Einsichten gewährende Biografie, die einen neuen Blick auf eine tiefgründige und inspirierende Denkerin und Frau ermöglicht. Sehr empfehlenswert.

Kate Kirkpatrick
Kate Kirkpatrick, Dr. phil., war Dozentin für Philosophie an der University of Hertfordshire und Dozentin für Theologie am St Peter’s College, University of Oxford. Seit 2018 ist sie als Dozentin am King’s College in London. Zuletzt veröffentlichte sie bei Bloomsbury Sartre and Theology (2017).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch; 1. Edition (30. September 2021)
Übersetzung: Erica Fischer und Christine Richter-Nilsson
ISBN: 978-3492318488

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Friedrich Nietzsche (15.10.1844 – 25.8.1900)

Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken (einem Dorf im heutigen Sachsen-Anhalt) als Sohn eines Pfarrers geboren. Er war ein guter Schüler, dichtete und komponierte neben dem Schulunterricht, und studierte später klassische Philologie und evangelische Theologie in Bonn. Er wechselte nach Leipzig, weil ihn die Zustände in Bonn nicht überzeugten. In der Zeit wurde er auch auf den Philosophen Schopenhauer aufmerksam, der ihn sehr prägen sollte. Es folgte 1869 eine ausserordentliche Professur in Basel, die er aber aus gesundheitlichen Gründen 1975 wieder aufgeben musste.

Es folgen verschiedene Publikationen, ab 1979 reiste Nietzsche als freier Philosoph viel, auf der Suche nach für seine Gesundheit geeigneten klimatischen Bedingungen. Er war ein freier Geist, einer, der sein Denken ungern in Regelwerke passte, weswegen seine Einordung schwer fällt. War er Philosoph? Wissenschaftler? Künstler? Wohl eine Mischung aus allem. Oft formte er seine zentralen Gedanken in seinen Werke in Gedichte (überhaupt existieren von ihm rund 700 Gedichte, etwas, was wenig bekannt ist). Seine Werke erinnern oft an literarische Prosa. Es ging ihm darum, dem Ganzen die Schwere zu nehmen, eine Leichtigkeit hineinzubringen, welche nicht von Worten erschlagen wird.

Eine prägende Begegnung im Bereich war für Nietzsche Richard Wagner, den er sehr verehrte. Musik war die grosse Liebe des Friedrich Nietzsche, die Musik schenkte ihm die Augenblicke der Empfindung. Sie sollte andauern, erst durch sie fühlte er sich am Leben, im Leben zu Hause. Von ihm stammt auch der folgende Ausspruch:

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.»

In der Musik sah er eine Verwandtschaft mit dem Werden und Vergehen des Lebens, wellengleich. Dies wollte er auch mit seiner Philosophie in Worten einfangen, versuchte durch sie ebenso Lebensgrundlage zu schaffen, wie er diese in der Musik fand – es wollte nicht gelingen. 

Nietzsche entschied sich für einen eigenen Weg, was oft auch ein einsamer Weg ist. Die sozialen Beziehungen schwanden mehr und mehr, zerstörerische Phantasien nahmen zu, der Wahnsinn ergriff ihn immer stärker. Die psychischen Probleme hinderten ihn zunehmend am Arbeiten. Die letzten zehn Jahre verbrachte er als Pflegefall. Friedrich Nietzsche wurde nur gerade 55 Jahre alt, er starb am 25. August 1900, sein Werk aber ist unsterblich.

Lebensregeln

Das Leben gern zu leben,
musst du darüber steh’n!
Drum lerne dich erheben!
Drum lerne – abwärts seh’n!

***

Den edelsten der Triebe
veredle mit Bedachtung:
zu jedem Kilo Liebe
nimm ein Gran Verachtung

Joke J. Hermsen: Rosa und Hannah: Das Blatt wenden

Sie waren zwei Vordenkerinnen, zwei, die für ihre Gedanken einstanden, nie müde wurden, für die richtige und wichtige Sache zu kämpfen. Rosa Luxemburg bezahlte das mit ihrem Leben, Hannah Arendt musste oft Kritik einstecken, einmal so viel, dass sich Freunde abwandten und sie sogar Morddrohungen bekam (nach ihrem Buch über Eichmann). Und doch liessen sie nicht ab von dem, was Hannah Arendt einst «Denken ohne Geländer» nannte.

Beide kritisierten sie die Konsumgesellschaft, das gedankenlose Partizipieren am Leben ohne wirklich politisch relevant zu werden. Joke J. Hermsen verbindet die Gedanken der beiden Denkerinnen immer wieder mit der politischen Lage in Frankreich und den Niederlanden, zeigt daran auf, wie zeitgemäss diese auch heute noch sind. Die hier so zusammengetragenen Gedanken sind sicher nicht neu, die Passagen über die aktuelle Situation etwas gar umfassend für dieses schmale Büchlein, und doch ist es die Lektüre durchaus wert, sei es nur schon, sich gewisse Gedanken wieder zu vergegenwärtigen und dadurch bewusst zu werden.

So stellte Hannah Arendt zum Beispiel fest, dass die Welt finster werde, wenn die Menschen keine gemeinsame Verantwortlichkeit mehr spüren, jeder nur noch seine eigenen Belange sähe und der Politik so misstraue, dass er sich abwendet. Sie hatte das 1968 in ihrem Buch «Menschen in finsteren Zeiten» geschrieben). Oder aber Rosa Luxemburg befand in Anbetracht der Schieflage der Welt, dass es vor allem wichtig sei, Mensch zu bleiben, was heisse: fest, klar und heiter – heiter trotz allem. Die Welt mag ab und an undurchsichtig sein, das Leben beschwerlich – die Heiterkeit kann vieles besser machen. Trotzdem. Da haben wir dieses „Trotzdem“, das wir bei Viktor Frankl finden oder das „Dennoch“ bei Hilde Domin.

Bei Rosa Luxemburg dominierte immer die Hoffnung über alles, auf sie setzte sie. Hannah Arendt setzte auf die Liebe und auf die Verantwortung, denn nur Kraft der beiden, davon war sie überzeugt, könne man die Selbstsucht, das oberste Primat des Kapitalismus, überwinden, und frei, das heisst, wirklich Mensch werden.

Abgerundet wird das schmale Bändchen mit Briefen von Rosa Luxemburg, die durch ihre Poetik, ihre grosse Liebe zur Literatur, Musik und auch Natur beeindrucken.

Zum Autor
Joke J. Hermsen, geboren 1961 in Middenmeer, studierte Literatur und Philosophie in Amsterdam und Paris. In ihrer Doktorarbeit befasste sie sich mit Lou Andreas-Salomé und Ingeborg Bachmann. Für ihre Romane und Essays erhielt sie viele Preise. Ihr Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Fazit
Ein wunderbares, wichtige Gedanken grosser Denkerinnen aufgreifendes Büchlein, das zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch
Herausgeber: Wagenbach, K (4. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
ISBN-13: 978-3803113580

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH

#abcdeslesens – N wie Friedrich Nietzsche

Musik war die grosse Liebe des Friedrich Nietzsche, die Musik schenkte ihm die Augenblicke der Empfindung. Sie sollte andauern, erst durch sie fühlte er sich am Leben, im Leben zu Hause. Von ihm stammt auch der folgende Ausspruch:

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.»

In der Musik sah er eine Verwandtschaft mit dem Werden und Vergehen des Lebens, wellengleich. Dies wollte er auch mit seiner Philosophie in Worten einfangen, versuchte durch sie ebenso Lebensgrundlage zu schaffen, wie er diese in der Musik fand – es wollte nicht gelingen. Dass Nietzsche auch dichtete, ist weniger bekannt, obwohl doch rund 700 Gedichte von ihm existieren. Es ist gar kein langer Weg von der Musik zur Lyrik, ist die Lyrik doch der Musik verwandt auf eine Weise. Nicht nur ist die Lyrik oft Grundlage für wundervolle Vertonungen, ein Gedicht trägt auch oft eine Melodie und einen Rhythmus in sich. Das Verhältnis von Musik und Sprache zeigt sich in folgendem Gedicht von Nietzsche deutlich:

An der Brücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmerung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hört Jemand ihr zu?…

Während von fern ein Gesang ertönt, schwingt die Seele, selber ein Saitenspiel, mit, sie singt ihr «Gondellied».

In vielen seiner Schriften hat Nietzsche die zentralen Gedanken als Gedichte oder Lieder geformt. Es ging ihm darum, dem Ganzen die Schwere zu nehmen, eine Leichtigkeit hineinzubringen, welche nicht von Worten erschlagen wird. Ein Beispiel dafür findet sich im Zarathustra:

Das trunkene Lied

Eins!
Oh Mensch! Gib acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
«Ich schlief, ich schlief -,
Vier!
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Fünf!
Die Welt ist tief,
Sechs!
Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
Tief ist ihr Weh -,
Acht!
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
«Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!»
Zwölf!»

Gustav Mahler hat dieses Gedicht als vierten Satz in seiner Dritten Sinfonie vertont.

Friedrich Nietzsche provozierte immer wieder. Er liebte es, Systeme aufzubrechen, Grenzen zu überschreiten, aufzubrechen in neue Gedanken. Er durchleuchtete geltende Werte, beerdigte Ideologien, tötete Gott. Damit nahm er dem Menschen den Halt im Aussen, es ging darum, die Eigenverantwortung hochzuhalten. In allem war Nietzsche allerdings nie eindeutig, sondern viel mehr voller Widersprüche, schwer fassbar, kaum einzuordnen – ein Pendler zwischen den Welten der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, ein eigenwilliger Individualist.

Entschluss

Will weise sein, weil’s mir gefällt,
und nicht auf fremden Ruf.
Ich lobe Gott, weil Gott die Welt
so dumm als möglich schuf.

Und wenn ich selber meine Bahn
so krumm als möglich lauf’ –
der Weiseste fing damit an,
der Narr – hört damit auf.

Zu glauben, dass Nietzsche diesen doch immer einsameren Weg ohne Probleme ging, wäre allerdings falsch, er litt selber unter seinen vielen Spaltungen.

Pinie und Blitz

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
und sprech’ ich – niemand spricht mit mir.

Zu einsam wuchs ich und zu hoch –
ich warte: worauf wart’ ich doch?

Zu nah’ ist mir der Wolken Sitz, –
ich warte auf den ersten Blitz.

Die sozialen Beziehungen schwanden mehr und mehr, zerstörerische Phantasien nahmen zu, der Wahnsinn ergriff ihn immer stärker. Die psychischen Probleme hinderten ihn immer mehr am Arbeiten, die letzten zehn Jahre verbrachte er als Pflegefall. Friedrich Nietzsche wurde nur gerade 55 Jahre alt, sein Werk aber ist unsterblich.

Lebensregeln

Das Leben gern zu leben,
musst du darüber steh’n!
Drum lerne dich erheben!
Drum lerne – abwärts seh’n!

***

Den edelsten der Triebe
veredle mit Bedachtung:
zu jedem Kilo Liebe
nimm ein Gran Verachtung

Simone de Beauvoir: «Ich möchte vom Leben alles»

Das schrieb Simone de Beauvoir dem Schriftsteller Nelson Algren, einer ihrer Zufallslieben, wie Sartre und sie die Beziehungen nannten, die sie nebenher hatten. Und sie fährt fort:

«Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein. Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig zornig.»

Eine Frau, die weiss, was sie will, und die es nicht beim Träumen belassen möchte. Sie wollte es bekommen und tat alles, was dafür nötig war, auch wenn sie wusste, dass andere darunter litten (zum Beispiel auch die Zufallslieben, die im Stellenwert immer hinter Sartre standen).

„Mein Unternehmen war mein Leben selbst.“

Eine interessante Aussage, verweist sie doch auf das Leben zurück als Zentrum, nicht auf das Streben im Aussen, dem so viele nachrennen, um da ihren Erfolg zu suchen. Simone de Beauvoir wollte in diesem Leben vor allem eines: Eigenständig bleiben, sie brauchte ihren Raum und ihre Zeit für sich. In Jean Paul Sartre fand sie den perfekten Partner dafür. Die beiden sollten ein Leben lang verbunden bleiben, endlose Diskussionen führen über Themen wie den freien Willen, die Rechte des Menschen, Verantwortung und mehr zu diskutieren. Daneben war aber auch immer wieder die Art ihrer Beziehung offen Thema: Es war eine offene, mit einem Pakt besiegelte Beziehung, in welcher jeder seine Freiräume haben konnte, sie aber immer miteinander darüber sprachen. Und das taten sie in aller Offenheit, wie Briefe bezeugen. Es war aber auch eine Beziehung auf Augenhöhe, in welcher beide auf das Urteil des anderen vertrauten und bauten. 

Von aussen wurde Simone de Beauvoir oft als „Anhängsel“ Sartres gesehen, dem war nicht so. Sartre achtete de Beauvoir und ihr Werk, etwas, womit sie ansonsten in der damals von Männern dominierten Welt kämpfte, wurde sie doch von männlichen Kollegen oft nicht ernst genommen. Vermutlich konnten diese schlicht mit ihren Themen wenig anfangen, da sie nicht für Freiheiten kämpfen mussten und an den Innenwelten von Frauen wenig interessiert waren – zumindest nicht auf geistiger Ebene. 

Es sind die Rollenbilder, die wir übernehmen, die uns im kulturellen Raum als Frau definieren, es sind die Zuschreibungen, die unseren Platz in der Welt bestimmen, keine biologische Anlage.

„Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Beziehung auf sich; sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen.“

und weiter: 

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.* Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt.“

Simone de Beauvoir sah nur einen Weg, dies zu ändern: Es selber in die Hand zu nehmen:

«Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.»

Was so lange geübt und eingetrichtert wurde, was sich als Haltung etabliert hat, lässt sich nicht im Alleingang ändern. Kultur ist ein kollektives Gut, was alle betrifft, kann nur getragen werden, wenn es alle tragen.

«Da ich nicht denke, dass die Frau von Natur aus dem Manne unterlegen ist, denke ich auch nicht, dass sie ihm von Natur aus überlegen ist.»

Insofern sind alle gefordert, da eine Veränderung zu erreichen, in einem konstruktiven Miteinander unter Gleichgestellten auf Augenhöhe. So ist ein schönes Zitat zum Abschluss vielleicht dieses:

«Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.»

Niemand ist eine Insel, wir alle wollen zur Welt gehören. Schön, wenn wir das in unserem eigenen So-Sein als Ich tun können.

____

*DIes wohl der Kernsatz aus „Das andere Geschlecht“

5 Inspirationen – Woche 18

Es war eine nachdenkliche Woche, eine Woche mit viel Einkehr, mich Hinterfragen. Das sind nicht immer einfache Wochen, oft aber sehr bereichernde, da ich am Schluss meinem Motto gemäss (Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen) finde, eine neue Stufe erreicht zu haben, gewachsen zu sein, indem ich mich tiefer ergründet habe. Nun freue ich mich aber auf ein erholsames Wochenende, hoffe auf wenig Fragen, viel Ruhe und Genuss.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche stiess ich auf den Ausspruch „Freiheit ist nur innerhalb von Grenzen möglich“. Und ich stimmte dem spontan zu, wusste aber bei näherem Nachdenken nicht gleich, wieso. Kurz darauf stand eine Entscheidung an. Ich hörte, ich hätte freie Hand, es sei alles gut. Und irgendwie… wäre das ja die totale Freiheit. Und doch: Ich fühlte mich nicht frei, ich fühlte mich irgendwo verloren. Da die Entscheidung nicht nur mich beträfe, wollte ich sie für alle stimmig machen. Und sah mich nun in der Pflicht, das selber in der Waagschale zu wägen. Die Aussage, das müsste ich nicht, half wenig, denn MEIN Bedürfnis war, dass es gemeinsam entschieden und für alle gut wäre. So gut halt möglich. Insofern war diese grenzenlose Freiheit mehr Haltlosigkeit denn freiheitliches Glücksgefühl. Der Mensch ist immer nur innerhalb von Grenzen Mensch, da er als soziales Wesen Freiheiten nur bis zu den Freiheiten des nächsten ausreizen darf. Das ist wohl irgendwo tief in uns, da auch so wichtig, um ein Miteinander überhaupt friedlich lebbar zu machen. Dies mein aktueller Stand der Überlegungen. Was denkt ihr?
  • Ich bin im Moment an einem grossen Projekt, da noch ganz am Anfang. Als generell vielseitig interessierter Mensch, mag ich Einschränkungen kaum, in der Vergangenheit scheiterte einiges daran, weil mir zu viel fehlte. Ich überlegte mir dann, wie ich die Offenheit behalten kann und doch an meinem Projekt dran bleiben kann. Und ich fand Nebenprojekte, die alle kurz waren und mir so eine gewisse Bandbreite ermöglichten. Das beruhigte mich, ich musste mich nicht beschränken, nichts Interessantes aufgeben. Und merkte plötzlich: Das eigentliche Projekt zieht mich so an, dass ich mich fast dazu zwingen muss, die anderen Projekte zu verfolgen. Mein Schluss für mich ist: Wenn etwas wirklich meins ist, reicht es. Wenn ich das noch nicht gefunden habe, kann aber die Vielfalt durchaus wertvoll sein. Und es muss ja auch nichts in Stein gemeisselt sein. Sollte mich die Freude an etwas nebenher anspringen, kann ich ihr durchaus nachgeben. Oft ergibt sich durch solche Nebenprojekte sogar noch etwas für das Hauptprojekt. Das habe ich bei früheren grossen Projekten oft erlebt. Wie ist das bei euch? Gerne etwas, das richtig, oder aber lieber viele kleine Dinge und Abwechslung im Tun?
  • Ich stiess auf Gottfried Benns Gedicht „Wer allein ist“:

Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.

Trächtig ist er jeder Schichtung
denkerisch erfüllt und aufgespart,
mächtig ist er der Vernichtung
allem Menschlichen, das nährt und paart.

Ohne Rührung sieht er, wie die Erde
eine andere ward, als ihm begann,
nicht mehr Stirb und nicht mehr Werde:
formstill sieht ihn die Vollendung an.

Es hat mich sehr berührt. Benn zeigt den Einzelnen in seinem Alleinsein, wie er auf sich selber zurückgeworfen wird. Er hat keinen, mit dem er sich über die Welt austauschen kann, insofern ist all sein Erkennen ein Geheimnis, es bleibt bei ihm. Alles, was bewegt, was anregt und anrührt, stellt sich ein, da es nicht teilbar ist und dadurch wird er ein stiller Beobachter – ohne Bewertung, ohne Zuschreibung von Bedeutung. Das wäre zu einem Teil das Ideal des Buddhismus, das nicht bewerten, das nur beobachten dessen, was ist. Doch fangen wir damit wohl an, sobald wir einen haben, mit dem wir uns austauschen können. Ansonsten könnten wir uns nicht gegenseitig verorten.

  • Vor meinem Fenster stehen Kirschenbäume. Noch vor kurzem waren sie wunderbar in rosa Blüte gewandet. Fast möchte ich sagen «über Nacht» waren die Blüten alle weg, die Bäume standen grün vor mir. Ich spürte ein Bedauern. Vergessen war, dass die Bäume noch vor nicht allzu langer Zeit ganz kahl waren. Vergessen war auch, dass es ohne das Verblühen keine Früchte gäbe. Für einen Moment war da nur Bedauern. Bis ich merkte, dass auch dieses Grün wunderschön ist. Und: Nicht nur hat alles seinen Sinn und Zweck, durch das Festhalten an Zuständen verpassen wir oft, was Neues Gutes bringen könnte.
  • Als ich kürzlich mal mit dem Auto unterwegs war, spielten sie am Radio die Mondscheinsonate. Und irgendwie hat mich diese Musik berührt, fast kam es mir vor, als schwebe mein Auto durch die Gegend, getragen durch die Musik. Und drum möchte ich dieses Stück mit euch teilen – hier gespielt vom wunderbaren Igor Levit, von dem übrigens gerade eine Biografie erschienen ist:

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 16

Schon wieder ist eine Woche um, zwar verändert sich in meinem Leben ja selten viel, da ich darum bemüht bin, es möglichst gleichförmig zu halten – und aktuell ist auch wenig drüber hinaus möglich. Das Highlight der Woche war sicher, dass meine Mutter in meine Nähe zog. Wir waren über Jahrzehnte lokal weit gestreut, der Kontakt war eher wenig. Ich freue mich auf hoffentlich noch ganz viele wunderbare gemeinsame Zeiten. Ansonsten bin ich dankbar für alles, was gut ist, stosse ab und zu an eigene Grenzen, nehme sie wahr, hadere weiter und versöhne mich. Leben halt.  

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche wurde mir etwas bewusst, das ich zwar schon wusste, das ich mir aber wohl immer wieder neu vor Augen führen muss: Ich bin in meiner Art des Seins wohl eher eigen. Ich bin ein Mensch, der viel Zeit für sich, für seine Projekte braucht, ein Mensch, der schnell an Grenzen stösst, wenn zu viele Menschen etwas wollen oder schlicht da sind, wenn zu viele Termine in der Agenda stehen. Für andere Menschen mag das anders sein, doch hilft mir das nichts. Ich bin, wie ich bin. Es tat mir gut, in einem Podcast eine Schriftstellerin sagen zu hören:

„Mir ging es in dieser Coronazeit sehr gut, endlich hatte ich Ruhe, endlich wollte keiner mehr was von mir, endlich musste ich das Haus nicht mehr verlassen.“

Und auch sie hat sich diese Pandemie nicht gewünscht, auch sie hatte grosses Mitgefühl für all diejenigen, die auf ganz verschiedenen Ebenen leiden darunter. Aber sie empfand für sich selber so. Und das tue ich auch. Ich nenne diese Erkenntnis „Mut, ich selber zu sein und dazu zu stehen“.

  •  Ich hörte den Podcast „Hotel Matze“, dieses Mal mit dem Philosophen Markus Gabriel zur Frage, wie Philosophen über die Zeit nachdenken. Es ging darin um Themen wie die Schere zwischen Arm und Reich und was man dagegen tun könnte, um das Aufräumen mit Feindbildern durch eine klarere Sicht auf sich selber, um das Lernen und den Umgang mit Fehlern – und vieles mehr. Ein schönes Zitat aus dem Podcast:


Moralischer Fortschritt geschieht dann, wenn wir neue Erkenntnisse darüber gewinnen, was wir tun und was wir lassen sollten.“

Und noch ein Podcast hat mich diese Woche inspiriert und bewegt, da er ein Thema behandelt, das mir auch am Herzen liegt: Der Bücher-Podcast der FAZ zum Buch «Lesen macht stark». (Die Rezension zum Buch wird noch folgen). Darin wurde das Thema «Leseförderung» angesprochen, ein Feld, in dem ich mich auch noch mehr engagieren möchte. Wenn man weiss, dass (in Deutschland – in der Schweiz sind die Zahlen wohl ähnlich und sie stammen von vor Corona… eventuell gab es da noch eine Verschiebung) 18% der Kinder in der 4. Klasse nicht sinnentnehmend lesen können (sie kennen zwar die Buchstaben, verstehen aber den Sinn dessen, was sie lesen nicht), dass es in der 1. Sekundarstufe schon 21% sind und insgesamt 1/3 der nichtgymnasialen Abgänger ebenso strukturelle Analphabeten sind, dann zeigt sich da ein Handlungsbedarf. Dabei denke ich nicht an Lesezwang oder ähnliche Unsinnigkeiten, sondern daran, Kindern Freude am Lesen zu vermitteln durch das Einbinden von Lesen in gemeinsame Erlebnisse. Und so einiges mehr. (Mehr würde diesen Rahmen sprengen, aber auch darüber werde ich noch genauer schreiben).

  • Prokrastination ist etwas, das ich fast in Perfektion beherrsche. Ich setze mich am Morgen – eigentlich guten Mutes – an meinen Schreibtisch und verzettle mich dann völlig. Lese meine Mails, statt mit meiner Arbeit zu beginnen, bleibe bei einem hängen, dieses führt zum nächsten, und so finde ich mich schon bald dabei kreuz und quer durchs Netz zu lesen, durchaus spannende und interessante Artikel, aber halt nicht das, was ich mir vorgenommen habe. Ab und an geschieht das unbewusst, ab und an schiebe ich wirklich bewusst auf, weil ich irgendwie eine Ladehemmung habe. Die Frustration über das Liegengebliebene ist verständlicherweise gross, zumal es eigentlich Herzensprojekte sind, die ich aufschiebe. Diese Woche war ich wieder einmal dabei und sagte dann „stopp“. Und ich „zwang mich, alles auszuschalten und mich an meine Arbeit zu setzen. Und siehe da. Sobald ich angefangen hatte, lief es wie von selber, es machte Spass, ich kam voran und war danach richtig erfüllt. Ab und an muss man seinen eigenen inneren Schweinehund in die Schranken weisen – das ist im Moment schwierig, danach aber so bereichernd.
  • Kürzlich machte ich mir Sorgen um einen lieben Menschen. Da ich mir das nicht anmerken lassen wollte, überspielte ich diese Sorge mit gut gemeinten (kennt ihr den Ausspruch *gut gemeint ist der kleine Bruder von scheisse gemacht“ oder habe ich den erfunden? Ist zumindest meine Überzeugung) Sprüchen, die Fürsorge zeigen sollten, aber wohl davon ziemlich weit entfernt waren. Nicht, weil ich diese nicht haben wollte, im Gegenteil, aber ich wollte dem Betroffenen nicht mit meiner besorgten Haltung zur Last fallen. Und ich habe wohl genau damit alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Weil: Ich war nicht mehr verständlich. Zumindest nicht für einen Menschen, der hinsieht, mich kennt, „mit dem Herzen sieht“. Ich wäre es wohl auch für den Rest nicht gewesen, was bleibt: Sich verstellen bringt wenig – und wenn, dann nur bei Menschen, die eigentlich nicht zählen sollten, da sie so weit weg sind, dass weder sie mich noch ich sie betreffe. So wirklich.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück

„Aber uns vereint als aufgeklärte Gesellschaft dann doch die eine Sache: Wir können nie letztgültig wissen, was richtig und was falsch ist, absolute Urteile über die Welt gibt es nicht.“

Der Ethikrat tagt, mit dabei Sachverständige des Rechts, der Medizin und der Theologie sowie Richard Gärtner, um dessen Fall es geht, und sein Anwalt. Nachdem Gärtners Frau nach vielen gemeinsamen Jahren gestorben ist, erhofft er sich von seiner Augenärztin (auch sie vor Ort) Hilfe zum Suizid. Mit nun 78 Jahren, noch gesund, möchte er nicht mehr in einer Welt leben, in der seine Frau nicht mehr ist.

Die Frage, die sich stellt: Darf er wirklich frei entscheiden über seinen Tod und ist es ethisch vertretbar, dass ein Arzt ihm dabei hilft? Wir haben von Gesetzes wegen ein Recht auf unser Leben, doch beinhaltet dieses auch rein recht auf einen selbstbestimmten Tod?

„Wir können bedauern, wenn ein Mensch sterben will. Wir dürfen natürlich alles versuchen, ihn umzustimmen. Aber wenn uns das nicht gelingt, ist seine freie Entscheidung zu respektieren.“

Selbstbestimmung ist eine Grundvoraussetzung für Würde, nur ein selbstbestimmtes Leben ist eines, das würdig gelebt wird. Dazu kommt, das es keine Pflicht zu leben gibt, nur ein Recht. Nur: Ist das wirklich so? Haben wir nicht zumindest moralische Pflichten als soziale Wesen?

„Wir leben in einer Gemeinschaft, in Familien, in Freundeskreisen, in einem Staat. Jeder, der in einer Gemeinschaft lebt, hat auch eine Verantwortung für sie. Wir wissen heute, dass ein Selbstmord viele Menschen schwer belastet – Kinder, Enkel, Freunde, Arbeitskollegen. […] 60’000 leidende Hinterbliebene jedes Jahr. Ein Drittel davon entwickelt selbst psychische Störungen.“

Ferdinand von Schirach beleuchtet in seinem Buch „Gott“ die Frage, wem das Leben gehört, von verschiedenen Standpunkten, wobei er für jeden davon überzeugende Argumente liefert. Jeder Sachverständige wird nach seiner Meinung befragt und diese wird in der Folge hinterfragt. Fast fühlt man sich an die Sokratischen Dialoge erinnert, in welchen auch Meinungen durch Fragen ins Wanken oder gar Einstürzen gebracht werden. Es gelingt Ferdinand von Schirach, den Leser in dieses Nachdenken und Hinterfragen hineinzuziehen, so dass das Lesen zu einem quasi interaktiven Prozess wird.

Entstanden ist ein sehr philosophisches, tiefgründiges, durchdachtes, die grossen Themen des Lebens ansprechendes Buch, welches trotz der Komplexität der Thematik gut lesbar und verständlich ist. Ergänzt wird das Theaterstück durch drei Essays, welche das Thema Suizid nochmals aus religiöser und kultureller, ethischer und rechtlicher Perspektive beleuchten.

Fazit:
Ein philosophisch wertvolles, tiefgründiges und zum Hinterfragen eigener Meinungen anregendes Buch zum Thema Suizid und Beihilfe zu ebendiesem. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet als Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Die Erzählungsbände »Verbrechen«, »Schuld« und »Strafe« sowie die Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück »Terror« zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm sein persönlichstes Buch »Kaffee und Zigaretten«, das Theaterstück »Gott« sowie der Band »Trotzdem« (mit Alexander Kluge).

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Originalausgabe Edition (14. September 2020)
ISBN-Nr.: 978-3630876290
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

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Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker

Eine Utopie für die digitale Gesellschaft


„Dieses Buch möchte einen Beitrag dazu leisten, aus dem Fatalismus des unweigerlichen Werdens aus- und zu einem Optimismus des Wollens und Gestaltens aufzubrechen. Es möchte helfen, ein Bild einer guten Zukunft zu malen.“


Unsere Welt ist in einem schnellen Wandel und manchmal scheint es, alle schauen gespannt zu. Es gibt verschiedene Lager der Zuschauer, die, welche die Entwicklungen als Fortschritt hochjubeln, und die, welche auf Ängsten gegründete Horrorszenarien an die Wand malen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die fortschreitende Digitalisierung unser Leben stark verändern wird, dass wir uns in vielen Lebensbereichen mit neuen Umständen auseinandersetzen müssen. Berufe werden wegfallen, neue werden kommen, wie die genau aussehen, steht noch in den Sternen, was aber sicher ist: Diese Veränderungen werden sich sicher nicht zugunsten von den jetzt schon sozial Schwachen auswirken, die Schere zwischen Arm und Reich wird sich vergrössern, wenn wir nicht dagegen steuern und in einer humanen Weise auf die neuen Möglichkeiten reagieren.


„Die Digitalisierung wird bereits von allen Volkswirtschaften als Macht anerkannt. Und es ist hohe Zeit zu zeigen, wo die Weichen liegen, die wir jetzt richtig stellen müssen, damit sie sich in einen Segen und nicht in einen Fluch verwandelt. Denn die Zukunft KOMMT nicht! […] die Zkunft wird von uns GEMACHT! Und die Frage ist nicht: Wie WERDEN wir leben? Sondern: Wie WOLLEN wir leben?“


Richard David Precht zeichnet ein sehr realistisches Bild der aktuellen Situation, der vierten industriellen Revolution, welche in vollem Gange mit noch offenem Ausgang ist. Er ruft dazu auf, sich nicht hinter Fortschrittglauben und Ängsten zu verstecken, sondern aktiv die Idee einer wünschenswerten Welt zu schaffen, in welcher Maschinen nicht zur Optimierung oder zum Ersatz von Menschen werden, sondern diese unterstützen.

Er weist weiter auf die Chancen der Digitalisierung hin, welche es dem Menschen ermöglichen könnte, vom Arbeiten im Lohnhamsterrad zu einem selbstbestimmteren und erfüllteren Leben zu kommen, was allerdings nur mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu verwirklichen wäre, da gerade die wegfallenden Berufe in vormaligen Ausbildungsberufen ein würdevolles Leben ansonsten verunmöglichen würden. Precht nennt seine Lösungsansätze selber eine Utopie, beklagt aber den negativen Klang, den dieses Wort heute hat. Wenn wir den Begriff der Utopie als das sehen, was wir uns wünschen würden, könnten wir es uns aufs Papier schreiben und damit anfangen, das Leben und dessen Bedingungen und Umstände so zu gestalten, dass aus der Utopie die nächste Wirklichkeit wird.

„Jäger, Hirten, Kritiker“ greift ein aktuelles Thema auf und vermittelt auf gut lesbare und verständliche Weise Hintergründe und Aussichten. Die Sprache ist ab und zu etwas gar plakativ und flapsig, die Ausführungen zu umfassend, doch die Grundbotschaft ist eine durchaus gute und bedenkenswerte.

Fazit:
Ein gut lesbares Buch über ein aktuell brennendes Thema, bei dem weniger mehr gewesen wäre, das aber viele bedenkenswerten Ansätze für den Umgang mit einer noch unsicheren Zukunft vermittelt.

Zum Autor:
Richard David Precht wird 1964 in Solingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promoviert 1994 in Germanistik mit der Dissertation Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Precht arbeitet fünf Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in einem kognitionspsychologischen Forschungsprojekt, hält danach Vorträge und Vorlesungsreihen an unterschiedlichen Universitäten und Kongressen und wird 2011 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, 2012 Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Essays, moderiert seit 2012 die Sendung „Precht“ im ZDF. Von ihm erschienen sind unter anderem Wer bin ich – und wenn ja, wieviele? (2007), Liebe . Ein unordentliches Gefühl (2010), Die Kunst, kein Egoist zu sein (2010), Warum gibt es alles und nicht nichts (2011), Anna, die Schule und der liebe Gott (2013).


Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag; Originalausgabe Edition (23. April 2018)
ISBN-Nr: 978-3442315017
Preis: EUR 20; CHF 29.90

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5 Inspirationen – Woche 5

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert? Fast hätte ich es verpasst, ich wusste zwar irgendwie immer mal wieder, dass Freitag ist, aber ich war in diversen Gedanken und Aufgaben gefangen… bis es gerade eben ausploppte… die Inspirationen. Ich sammle sie zum Glück durch die Woche, hier sind sie:

  • Der Artikel „Wieso du darüber schreiben solltest, was du liest“ hat mich diese Woche dazu angeregt, selber eine Liste meiner Bücher, die ich 2021 lese, zu machen. Ich schreibe zwar schon über die einzelnen Bücher und mache das auch gerne, da es mich dazu anregt, das Buch nochmals für mich vor Augen zu führen, aber ich finde die Idee, alle Bücher mal aufgelistet zu sehen, um meine Lesereise zu sehen, schön. Hier findet ihr die Seite, wo ich das fortan tun werde: Bücher 2021
  • Der Podcast „Gin and Talk“ mit Doris Dörrie hat mich diese Woche inspiriert. Wer mich ein wenig kennt, weiss wohl mittlerweile, dass ich diese Frau generell sehr spannend, inspirierend und toll finde in ihrer frischen, humorvollen, mitreissenden Art. Ein Stelle aus dem Podcast hat mich speziell angesprochen: Doris Dörrie braucht immer wieder Momente, in denen sie einfach da liegt und nichts tut. Ohne diese gehe es auch nicht mit dem Schreiben, mit der Inspiration. Und oft denke sie dann, sie sei faul. Dass sie das nicht ist, darauf deuten doch 26 Bücher und 33 Filme, die sie bis heute auf die Beine gestellt hat. Mir zeigt das, dass ich mir durchaus auch mal ruhige Momente gönnen darf. ich fühle mich oft wie unter Strom, denke immer noch zu wenig gemacht zu haben. Nicht umsonst heisst es wohl „In der Ruhe liegt die Kraft“.
  • Noch ein weiterer Podcast hat mich diese Woche inspiriert: Ildiko von Kürthis „Frauenstimmen“ mit Maria Furtwängler. Es ging um Themen wie den eigenen Umgang mit Erwartungen anderer, um die Tendenz, den Schwerpunkt auf Schwächen zu legen, die man ausmerzen will, statt die eigenen (und die anderer Menschen) Stärken zu fördern sowie auch um Maria Furtwänglers Engagement für den Feminismus, für eine Welt, in der Menschen gleichberechtigt miteinander leben können. Für diese Belange setzt sich ihre Malisa Stiftung ein https://malisastiftung.org/Für mich nahm ich zwei Dinge mit: Dass gerade wir Frauen, die ian vielen Belangen das Privileg haben, uns für eine gleichberechtigtes Leben für uns selber einzusetzen, in der Pflicht sind, solidarisch zu sein und denen eine Stimme zu geben, die das nicht können. Das zweite war Maria Furtwänglers Erzählung, wie sie früher immer als kühle Blonde betitelt wurde, was sie immer bestreiten wollte, bis sie merkte, dass sie anderen nicht die Sicht nehmen kann, die sie von einem haben wollen. Jeder Versuch dazu ist verlorene Energie.
  • Das Buch von Anselm Grün: Das kleine Buch vom guten Leben
    Eigentlich hängt ganz viel von uns selber ab: Worauf richten wir unser Augenmerk? Wie verhalten wir uns zu dem, was passiert? Wir können nicht alles ändern, aber wir können entscheiden, wie wir dazu stehen. Das fällt nicht immer leicht, oft sind wir zu geprägt, sitzen unbewussten Mustern auf. Aber es gibt kleine Mittel, es gibt Werte, die wir uns auf die Fahne schreiben können. Und vielleicht wird das Leben etwas bunter: Was ist gut aktuell? Gibt es etwas, wofür ich dankbar sein kann? Was macht mir Freude? Kann ich mehr davon in mein Leben bringen? Bin ich grosszügig? Liebe ich? Das Buch ist ein Kleinod – ich kann es nur empfehlen.
  • Eine Dokumentation im Schweizer Fernsehen. Die gesellschaftliche Schere zwischen arm und reich. Und ja, sie stimmte nachdenklich. Die Schweiz ist ein reiches Land im internationalen Vergleich. Und doch gibt es Familien, die am Ende des Monats für Tage kein Geld mehr haben. Trotz drei Jobs. Ich habe vor einiger Zeit das „Handbuch Armut Schweiz“ der Caritas lektoriert und kannte viele Studien und Zahlen. Auch die gefährdeten Gruppen, zu der ich durchaus gehöre. Ich hörte heute einen Podcast mit Ferdinand Schirach, der sich um Recht und Gerechtigkeit drehte. Und – es ist nicht neu – das ist nicht dasselbe. Nach unserem Recht sollte für alle gesorgt sein. In Tat und Wahrheit fallen Menschen durch die Maschen – aus verschiedenen Gründen. Was wäre gerecht? Mir kam ein privates Netz in den Sinn. Aus Dankbarkeit etwas zurückgeben. Im Wissen, es verdient zu haben als Mensch, etwas annehmen dürfen.
    Ich möchte den Staat nicht abschaffen, er ist gut und wichtig und er muss das Allgemeine regeln, alles andere wäre nicht machbar. Er differenziert schon so gut es geht. Bietet ein mögliches Höchstmass an Sicherheit. Den Rest müssten wohl Menschen machen. Eine Utopie? Vielleicht.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!