Wilhelm Schmid: Glück

Was kann dieses Buch dazu bringen, dass Sie Ihr Glück finden können? Einen Moment des Nachdenkens, sonst nichts. Eine kleine Atempause inmitten der Glückshysterie, die um sich greift.

Der erste Satz im Buch Wilhelm Schmids über das Glück mildert zum Glück die doch eher überheblich anmutende Botschaft des Untertitels, dass das dünne Büchlein alles beinhaltet, was man über das Glück wissen muss. Das Buch will zum Nachdenken anregen und es geht der Frage nach, was Glück eigentlich ist. Die Antwort ist, dass es keine verbindliche Definition von Glück gibt, dass jeder für sich selber festlegen muss, was Glück für ihn bedeutet.

Viele Menschen sind plötzlich so verrückt nach Glück, dass zu befürchten ist, sie könnten sich unglücklich machen, nur weil sie glauben, ohne Glück nicht mehr leben zu können.

Wilhelm Schmid stellt fest, dass es nicht nur ein Glück gibt, sondern mehrere. Zu unterscheiden sind nach Wilhelm Schmid Zufallsglück, Wohlfühlglück, Glück der Fülle und Glück des Unglücks. Allen gemeinsam ist, dass der Mensch nach ihnen trachtet, dass er das Glück als höchstes Gut erachtet, das er erreichen und halten möchte. Wirklich dauerhaft ist dabei nur das Glück der Fülle, da es auch die negativen Seiten des Lebens beinhaltet. Trotzdem kommt Wilhelm Schmid zum Schluss, dass Glück nicht das Wichtigste im Leben ist, dass hinter dem Streben nach Glück die Suche nach Sinn steht.

Der zweite Teil des Buches befasst sich denn auch mit dem Sinn und den Sinnen. Sinn ergibt sich da, wo ein Zusammenhang besteht, er beginnt mit der Sinnlichkeit, der sinnlichen Erfahrung der Welt. Im Zeitalter der Technologisierung setzte ein Verfall der Sinne ein, was ein Verschwinden vom Sinn, vom Zusammenhang des Selbst mit der Welt zur Folge hatte.  Aus dieser Sinnleere heraus begann – so Schmid – das Streben nach Glück.

Schmid sieht die Lösung darin, Beziehungen zu knüpfen, so dass wieder Zusammenhänge entstehen. Neben vielen Möglichkeiten nennt er als herausragende die Beziehung zur Unendlichkeit, die Beziehung zur Natur und zur Religion. Wie auch immer der Glaube an eine das eigene Leben und die eigene Endlichkeit überragende Unendlichkeit aussieht, so eröffnet er neue Dimensionen und eine neue Fülle, welche der eigenen Existenz Sinn und Geborgenheit vermitteln können – so die Theorie Wilhelm Schmids.

Das kleine Büchlein regt wirklich ab und an zum Nachdenken an, birgt ein paar gute Sätze, welche spontane Zustimmung beim Lesen entlocken. Alles, was man über das Glück wissen muss, findet man darin kaum, dazu geht das Buch weder tief noch weit genug.

Persönlicher Bezug
Vor einiger Zeit hörte ich den Spruch, dass das Unglück wertvoll sei, denn wenn wir alle immer nur glücklich gewesen wären, sässen wir heute noch auf Bäumen und würden uns gegenseitig lausen. Erst das Unglück, das Gefühl, dass in unserem Leben etwas fehlt, mit dem wir glücklicher sein könnten, treibt uns an. Und doch: Was rational so vernünftig klingt, reicht emotional nicht ganz aus. Wir gehen nun doch nicht dahin und wünschen uns Unglück, um weiter zu kommen. Was aber hat es mit diesem Glück auf sich, dass wir es alle haben wollen?

Folgt man Nietzsche, braucht es ein Warum zum Leben, dann sei fast jedes Wie tragbar. Viktor Frankl hat diesen Gedanken auch formuliert. Damit würden beide auch dem Sinn die Hauptrolle in unserem Leben zuordnen: Das, was unserem Leben Sinn verleiht, macht es für uns lebenswert. Das Glück ist dann ab und an vielleicht ein Sahnehäubchen obendrauf, aber wohl kaum das, worauf das gelingende Leben sich stützen kann.

Ich schätze Wilhelm Schmids Bücher sehr, weil er darin immer wieder lebenspraktische Themen aufgreift, die gut lesbar und doch fundiert behandelt.

Fazit:

Das Glück wird man mit diesem Buch nicht finden, aber ein paar gute Gedanken zum Thema Glück und zum eigenen Verhalten. Kurz und prägnant, lesbar und unterhaltsam.

Bild

Angaben zum Buch:

Ringbuch: 80 Seiten

Verlag: Insel Verlag

Preis: EUR: 7 ; CHF 11.90

Wilhelm Schmid: Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist, Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007.

Kate Manne: Down Girl

Die Logik der Misogynie

Inhalt

„Konstitutiv betrachtet, umfasst Misogynie in einem gesellschaftlichen Milieu die feindseligen Kräfte, a) mit denen eine (grössere oder kleinere) Gruppe von Frauen und Mädchen konfrontiert ist, eben weil sie Frauen und Mädchen…sind; undb) die zur Kontrolle und Durchsetzung einer patriarchalischen Ordnung dienen und sich in Verbindung mit anderen, sich überschneidenden Herrschafts- und Benachteiligungssystemen äussern…“

Kate Manne legt mit analytischer Klarheit und anhand von vielen Beispielen eine Studie über Misogynie, ihre Ursprünge, ihre Ausprägungen und ihre Auswirkungen vor. Sie zeigt deren Verankerung in Gesellschaft und Politik, beschreibt das ihr zugrundeliegende Frauenbild und die Mittel, mit welchen Misogynie betrieben wird. Neben einer klaren Begriffsanalyse, in welcher auch die Abgrenzung zum Sexismus definiert wird, behandelt die Philosophin verschiedene Probleme beim Umgang mit der Misogynie, sie schreibt von der Bedrohung von Frauen, von der Verharmlosung und Ignoranz gegenüber Taten und Tätern, vom Misstrauen gegenüber Opfern und damit einhergehenden weiteren Herabsetzungen derselben.

Weitere Betrachtungen

„Somit dient Misogynie dazu, vor dem Hintergrund anderer sich überschneidender Systeme von Unterdrückung, Verwundbarkeit, Dominanz und Benachteiligung sowie unterschiedlicher materieller Ressourcen, fördernder beziehungsweise hemmender Gesellschaftsstrukturen, Institutionen, bürokratischer Mechanismen usw. die Unterwerfung der Frauen durchzusetzen und zu überwachen und männliche Herrschaft aufrecht zu erhalten.“

Misogynie ist nicht einfach ein jeweils einzelner Fall von Herabsetzung oder Beleidigung, sie ist ein strukturelles Mittel, eine Eigenschaft gesellschaftlicher Verhältnisse, um Frauen in patriarchischen Gesellschaften zu unterdrücken.

„Ich beschreibe Misogynie als System feindlicher Kräfte, das im Grossen und Ganzen aus Sicht der patriarchalischen Ideologie insofern sinnvoll ist, als es die patriarchalische Ordnung wirkungsvoll durchsetzt und kontrolliert.“

Die Problematik liegt also dabei darin, dass das System, welches die Misogynie hervorbringt und pflegt, auch das System ist, vor welchem man Fälle davon behandeln würde. Es sind Polizisten und Richter aus ebendem System, welche darüber entscheiden, ob ein Fall von Misogynie geahndet werden muss. Dass dabei die Entscheidung oft negativ ausfällt, scheint auf der Hand zu liegen, auf alle Fälle sprechen die entsprechenden Fälle eine dementsprechende Sprache.

„Wenn unsere Loyalität dem Vergewaltiger gilt, fügen wir den Verletzungen, die er seinen Opfern beigebracht hat, noch eine tiefgreifende moralische Kränkung hinzu.“

Viele Vergewaltigungen kommen nicht zur Anzeige aus Angst des Opfers vor dem, was es dabei durchmachen müsste. Doch auch viele zur Anzeige gebrachten Fälle gehen straffrei aus, wobei die angeführten Gründe dafür vielfältig sind und im Schlimmsten Fall sogar dem Opfer zugeschrieben werden (zu kurzer Rock, zu anzügliches Verhalten, etc.). Dass dabei nicht nur ein Verbrechen ungesühnt bleibt, sondern auch ein Opfer zum zweiten Mal zum Opfer gemacht wird, wird ignoriert.

Opfer von Misogynie nicht ernst zu nehmen, sie als Lügner abzustempeln oder ihnen mangelnde Widerstandsfähigkeit vorzuwerfen, stellt nicht nur eine weitere Abqualifizierung einer schon zum Opfer gemachten Frau dar, dieses Verhalten dient der Verstärkung der Misogynie und entspringt denselben Mechanismen, denen auch diese selber entspringt: Einem patriarchalischen Weltbild, einer Ideologie, welche sich durch solche Verhaltensweisen ausdrückt und selber am Leben lässt. Es gilt, diese Strukturen und Verhaltensweisen aufzudecken, anzuprangern und auszurotten. Es darf nicht sein, dass sich ein so frauenverachtendes und diese herabsetzendes Verhalten immer weiter in die DNA unserer Gesellschaft einfrisst und diese auf eine Weise prägt, welche gefährlich ist für die, welche unterdrückt werden, weil es deren körperliche und seelische Integrität bedroht.

Kate Manne hat sich in diesem Buch einem wichtigen und aktuellen Thema angenommen, das bislang in der Literatur zu kurz kam. Sie hat – wohl um einer besseren Anschaulichkeit willen, diverse (teilweise willkürlich gewählt wirkende) Beispiele angefügt, welche sie in einer seitenlangen Ausführlichkeit darlegt und auf die sie im Laufe des Buches auch immer wieder zurück kommt. Dieses Vorgehen stört den Lesefluss dessen, dem es um eine reine konzise Beschreibung des Begriffes geht, es macht das Lesen anstrengend und dehnt es unnötig aus. Das Buch weist einen wissenschaftlichen Duktus auf, hält diesen Schein dann aber formal nicht wirklich ein. Zudem stellt Kate Manne viele Fragen und Vermutungen in den Raum, bleibt aber oft die Antworten schuldig. Trotz allem ist das Buch empfehlenswert, wenn auch nicht frei von Mängeln.

Persönlicher Bezug

„Daraus folgt, dass wir Grund haben, kritisch zu sein und an unseren Instinkten zu zweifeln, wenn wir den Eindruck haben, eine Frau „spiele das Opfer“, ziehe die Gender-Karte oder sei allzu dramatisch… Ihr Verhalten mag nicht deshalb herausstechen, weil wir es nicht gewöhnt sind, dass Frauen in diesen Zusammenhängen das ihnen Zustehende einfordern.“

Misogynie kann auch im Kleinen gefunden werden, in so genannt witzigen, eigentlich aber abwertenden Bemerkungen. Frauen werden oft dazu erzogen, still zu sein, Dinge hinzunehmen, nicht zu laut aufzubegehren. Werden sie dann beleidigt und klagen das lautstark an, werden sie schnell belächelt und gar verspottet, man hört Aussagen wie „nun hab’ dich doch nicht so!“, „das war doch nur witzig gemeint“ und dergleichen mehr. Und ja, man fühlt sich als Frau dann humorlos und fragt sich, ob man wirklich übertreibt.

Witze, die Menschen herabsetzen, sind nicht lustig. Sie sind beleidigend und unnötig. Humor ist eine Tugend und das Leben ist schöner damit, dies gilt aber nur, wenn die Witze nicht dazu dienen, Hierarchien zu schaffen, den einen über den anderen zu stellen. Witze sollten nie verletzen, sie sollten nie herabsetzen. Tun sie das, sind es keine Witze und das muss gesagt werden dürfen. Wer das nicht begreift, hat nicht nur ein Humor-Problem, sondern auch eines im respektvollen Umgang mit Menschen. Dies dem Frieden zu liebe zu ignorieren, mag eine lange eingeübte Verhaltensweise sein, aber keine, welche auf lange Frist jemandem dient. Schon gar nicht dem Herabgesetzten.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, sehr (zu?) umfangreiches Buch über den Begriff der Misogynie, deren Ursprünge und Auswüchse. Empfehlenswert.

Autorin
Kate Manne ist Assistant Professor of Philosophy an der Cornell University, außerdem schreibt sie für die New York Times, Times Literary Supplement, Newsweek und The Huffington Post. Für ihre Forschung wurde sie u.a. mit dem General Sir John Monash Award ausgezeichnet, der herausragende australische Wissenschaftler*innen fördert. Ihr Buch Down Girl wurde von Times Higher Education und der Washington Post zu einem der besten Bücher des Jahres 2017 gekürt.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 1. Edition (20. Juli 2020)
Taschenbuch: 512 SeitenISBN-Nr.: 978-3518299197

Kein Privileg auf Rassismus

Kürzlich sagte Whoopi Goldberg in einer TV-Show, beim Holocaust sei es nicht um Rasse gegangen, sondern um die Unmenschlichkeit von Menschen gegen Menschen.

«The Holocaust isn’t about race. It’s about men’s inhumanity to men. These are two white groups of people. The minute you turn it into ‹race›, it goes down this alley. Let’s talk about what it is, it is about how people treat each other. It is a problem.»*

Diese Aussage ist in zweierlei Hinsicht problematisch: Man könnte sie als Verharmlosung des Holocaust auffassen, was auch so passiert ist. Dass sich Goldberg von dieser Sicht distanzierte, spielte dabei keine Rolle mehr. Und ja: Eine Verharmlosung oder eine Negierung des Holocausts ist ein moralisches Verbrechen und sollte – dies meine Meinung, die ich auch in meiner Dissertation vertreten habe – auch rechtlich bestraft werden. Völkermordleugnung (Verharmlosung qualifiziert als solche) stellt ein zweites Verbrechen gegen die Opfer dar, weil diese in einem Punkt, der ihre Persönlichkeit so nachhaltig prägte, verleugnet und damit (ein zweites Mal) ausgelöscht werden. Aber: Das steckt in Goldbergs Aussage nicht drin. Goldberg zweifelt nicht die Schwere und Grausamkeit des Holocausts an, sie kritisiert den Umstand, dass man als Beweggrund Rassismus sehe, da die Opfer ja weiss waren.

In Amerika ist es in der Tat so, dass Rassismus hauptsächlich an der Hautfarbe festgemacht wird und das grundsätzlich so, dass weisse Menschen immer die Rassisten, schwarze die Opfer sind. Rassismus gegen Weisse gibt es nicht, weil Rassismus strukturell sei und die Unterdrückung der Schwarzen Geschichte hätte. Dies die Begründung einer Meinung, die mittlerweile auch in Europa vermehrt vertreten wird. Wenn man diese Hypothese (und mehr ist es nicht) bestätigt, liegt Whoopi Goldberg mit ihrer Aussage richtig.

Wenn man einen Blick in die Geschichte wagt, wird es komplizierter. Ursprünglich stammt der Begriff der Rasse aus der Biologie und bezeichnet da (sehr umstritten) eine Gruppe, welche aufgrund willkürlich gewählter Kriterien Ähnlichkeiten aufweisen. Später hat man den Begriff angepasst und nur noch auf Unterarten von Arten angewendet, bis man ihn in der Biologie aus der Tierwelt gestrichen hat. Dass man nun bei Menschen immer noch von Rassen sprechen will, ist fragwürdig. Gerade wenn es darum geht, Rassismus zu eliminieren, wäre es sinnvoll, Rassengrenzen aufzulösen. Indem nun aber Schwarze sich dermassen von Weissen abgrenzen, zementieren sie den Rassenbegriff selber und schreiben sich in der jüngeren Diskussion den Opferstatus mit auf den Leib.

Es ist unbestritten, dass Menschen ohne weisse Hautfarbe, je dunklhäutiger desto mehr, über Jahrhunderte Opfer von Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt worden sind, man denke an die Sklaverei, an das Apartheid-System, Kolonialisierungen. Auch innerhalb von Ländern wurde Hautfarbe oft als Kriterium für den Status in der Gesellschaft gesehen, man denke nur an das Kastensystem in Indien (allerdings ist auch das durch Weisse ausgelöst worden bei der arischen Eroberung Indiens und dessen Kolonialisierung).
Aus dem hier gesagten stellen sich folgende Fragen:

  1. Ist es sinnvoll, überhaupt noch mit dem Begriff Rasse zu argumentieren und kann man ihn auf ein Merkmal, nämlich die Hautfarbe, reduzieren?
  2. Ist der Rückgriff auf ein biologisches Merkmal wirklich sinnvoll, wenn man die Diskussion mit der um Sexismus vergleicht, bei der nicht mal mehr das Geschlecht biologisch erklärt werden soll (unabhängig aller optischen Merkmale)?

Zu Punkt 1: Rassismus ist eine eher pseudowissenschaftliche Analogie auf die Biologie, welche den Status eines Menschen aus dessen Erbgut ableiten will, um daraus eine quasi gottgegebene Ordnung und die eigene Überlegenheit zu propagieren. Kriterien sind dabei neben der Hautfarbe auch die Religion, die Sprache und die Kultur. Wenn wir noch einmal einen Blick in die Geschichte wagen, gab es verschiedene Stufen des Rassismus. Zählten im Mittelalter mehrheitlich mythisch und religiös geprägte Kriterien dazu, Rassismus zu begründen, rückten zur Zeit der Aufklärung biologische wie die Hautfarbe ins Zentrum. Ein Zitat des grossen Toleranz-Philosophen Voltaire:

„Die Rasse der Neger** ist eine von der unsrigen völlig verschiedene Menschenart, wie die der Spaniels sich von der der Windhunde unterscheidet […] Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach anders geartet ist als die unsrige, sie ist ihr weit unterlegen.“***

Im 18. Jahrhundert bildete sich in der Tat ein biologisch geprägter Rassismus heraus, in welchem optische Kriterien mit geistigen und anderen individuellen Fähigkeiten verknüpft wurden. Seit da ist zum Glück viel passiert. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass es keine wissenschaftliche Basis für rassische Unterscheidungen gibt, die Unesco deklarierte die Einteilung in Rassen als beliebig und den Rassenbegriff als nichtig und damit abzulehnen. Viele Kämpfe gegen Rassismus, viele Bewegungen für gleiche Rechte, viele weitere Massnahmen zur Bewusstseinsbildung haben seit da dazu geführt, dass Rassismus a) thematisiert, b) mehrheitlich abgelehnt und c) wo nicht erfolgreich, gesetzlich verfolgt wird. Es ist immer noch viel zu tun, aber es ist auch schon viel getan.

Wer kann nun aber Rassismus erfahren? In Bezug auf die Situation in gewissen Quartieren in Amerika kam der Begriff des umgekehrten Rassismus auf. Weisse konnten sich kaum in von schwarzen dominierte Quartiere wagen, da sie mit Gewalt rechnen mussten. Betrachtet man die heutige Diskussion, wird der Begriff des umgekehrten Rassismus von Schwarzen abgelehnt mit der Begründung, Rassismus sei immer strukturell und aus der Geschichte heraus nur auf Schwarze anzuwenden. Ein weisser Mensch ist daher per se durch seine Hautfarbe Rassist. Mehr noch: Äussert er sich gegen Rassismus, ist das einem Übergriff gleichzusetzen, ist er betrübt über einen rassistischen Vorfall, sind das „White tears“ oder „white fragility“, sprich, der Weisse will sich nur profilieren und dem Schwarzen seinen Opferstatus dadurch absprechen, indem er sich von diesem trösten lässt als Quasi-Opfer.

Das ist der Punkt, an dem ich denke, wir leben in einem Irrenhaus. Da kämpfen wir so lange gegen Rassenbegriffe, Klassenbegriffe, sexistische Begriffe und Übergriffe, Geschlechterrollen und mehr – und dann gehen einige dahin und errichten all die Begriffe wieder und schiessen wild um sich. Sie zementieren ihre eigene Opferrolle, stigmatisieren Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und Gefühle, verbieten die freie Meinungsäusserung aus der Überzeugung heraus, nur ihre eigene Erfahrung tauge als Basis einer Meinung. Das macht mich wütend. Nicht weil es mich trifft, nein, weil es der Sache nicht dient, sondern schaden. Wir streiten nun über solchen Mist, statt gemeinsam die noch vorherrschenden Missstände anzugehen. Wo ist das, was bell hooks Sisterhood nannte? Oder Audre Lorde? Schreibt man sich die nur gerne als Flaggenfiguren auf die eigene Flagge und kocht dann doch ein anderes Süppchen?

Ich möchte hier anfügen: Nein, ich weiss nicht, wie es sich anfühlt, Opfer rassistischer Handlungen aufgrund schwarzer Hautfarbe zu sein. Andere Diskriminierungen kenne ich, diese nicht. Ich weiss nicht, wie sich ein anderer Mensch fühlt (im Sinne von Thomas Nagels „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“), aber ich habe vielleicht genug Empathie, eine Ahnung zu haben davon. Oder anders: Wer kann überhaupt wissen, wie sich ein anderer fühlt?

Nehmen wir an, eine Frau (Anna) verliert ihr Kind. Kann eine Nicht-Mutter erahnen, was in Anna vorgeht? Wohl kaum vollumfänglich, aber doch ansatzweise dadurch, dass sie weiss, wie sich grosses Leid anfühlt. Kann es eine weisse Mutter besser, wenn Anna weiss war? Kann es eine schwarze gleich gut wie eine weisse? Kann es ein weisser Mann besser als eine schwarze Frau oder ein schwarzer Mann? Ich weiss es nicht, ich war weder je schwarz noch war ich je das, was man landläufig einen Mann nennt. Sie alle können es aber genauso wenig wie ich. Qua unseres Menschseins fühlen wir uns ein – darauf hoffe ich im Allgemeinen, Entartungen (und ich zähle fehlende Empathie dazu) gibt es immer, doch sollte man daran nicht die die gesamte Menschheit aufhängen.

Damit sind wir bei Punkt 2: Wenn wir schon das Geschlecht nicht mehr biologisch definieren, wo doch dabei durchaus mehr biologische Kriterien vorhanden sind als bei der ominösen Rasse, wäre es an der Zeit, den Rasse-Begriff endgültig in die Tonne zu treten. Das heisst nicht, dass es keinen Rassismus mehr gibt, das heisst nicht, dass es nicht noch viel zu tun gibt und wir mit offenen Augen und Herzen und wachem Bewusstsein in der Welt sein sollen. Aber es wäre Zeit, dies endlich gemeinsam zu tun und nicht ständig neue Fronten zu bilden durch Opfer- und Täterzuschreibungen.

Um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen: Goldbergs Aussage war unangebracht, unnötig und missverständlich (insofern, als man es schon so verstehen könnte, dass es schlimmer gewesen wäre, wenn es tatsächlich um Rasse gegangen wäre – was sie aber nicht gesagt hat und auch bestreitet, gemeint zu haben), aber sie war Teil eines aktuellen Diskurses, in welchem Rasse auf ein Kriterium, nämlich das der Hautfarbe festgelegt ist. Den Holocaust hat sie damit nicht verharmlost, aber ein Thema ans Licht gebracht, das auf den Tisch muss: Rasse ist etwas, das es nicht mehr geben sollte als Argument. Für keinen. Wir müssen lernen als Gesellschaft, Rassismus auszumerzen, wir sollten lernen als Einzelne die je eigene Verantwortung zu übernehmen für unser Verhalten und unseren Beitrag zu Verhalten, welches rassistisch motiviert ist.

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*https://www.watson.ch/!400387301?utm_medium=social-user&utm_source=social_app&utm_source=daily&utm_medium=email&utm_campaign=20220202
**Ich bleibe hier bewusst beim Original-Wort, weil ich die Streichung desselben als kontraproduktiv, den Diskurs um die Gründe der Verwendung als wertvoll erachte für ein wachsendes Bewusstsein.
***Léon Poliakov /Christian Delacampagne /Patrick Girard, Rassismus. Über Fremdenfeindlichkeit und Rassenwahn, Luchterhand-Literaturverlag, Hamburg 1992, ISBN 3-630-71061-1, S. 77.

Rahel Jaeggi: Entfremdung

Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems

Inhalt

„Entfremdung bedeutet Indifferenz und Entzweiung, Machtlosigkeit und Beziehungslosigkeit sich selbst und einer als gleichgültig und fremd erfahrenen Welt gegenüber. Entfremdung ist das Unvermögen, sich zu anderen Menschen, zu Dingen, zu gesellschaftlichen Institutionen und damit auch – so die Grundintention des Entfremdungsmotivs – zu sich selbst in Beziehung zu setzen.“

Rahel Jaeggi widmet sich einem alten Begriff aus der Soziologie und holt ihn ins Heute. Sie definiert ihn als Beziehung der Beziehungslosigkeit, als ein Verhältnis zu etwas, das einem eigentlich wichtig ist, zu dem man aber den Bezug verloren hat. Entfremdet ist also jeder, welcher zu jemandem oder etwas, zu dem er in einer Beziehung steht, die Beziehung verloren hat. Sie analysiert, wie dieses Gefühl der Entfremdung zustande kommt und was es für Auswirkungen auf den Menschen hat.

Weitere Betrachtungen

„Eine entfremdete Welt präsentiert sich dem Individuum als sinn- und bedeutungslos, erstarrt oder verarmt, als eine Welt, die nicht ‚die seine‘ ist, in der es nicht ‚zu Hause‘ ist oder auf die es keinen Einfluss nehmen kann.“

Jeder Mensch befand sich wohl schon mal in einer Situation, in der er sich fremd fühlte, sei es, weil er sich in einem fremden Umfeld befand oder aber sich zu Dingen gezwungen sah, die ihm nicht entsprachen. Manchmal manövriert man sich auch selbst in diese Situationen, weil sich Dinge plötzlich verselbständigen und an einen Ort führen, an welchen man nie gelangen wollte. Dann stellt sich das Gefühl ein, fehl am Platz zu sein, nicht im eigenen Leben verankert zu sein. Wenn dieses Gefühl anhaltend ist, führt das zu einer Entfremdung, die krank machen kann. ALs Menschen und damit als soziale Wesen sind wir darauf angewiesen, mit unserer Umwelt in einer Beziehung zu stehen, dies umso mehr, als wir uns nur durch diese Beziehung als ein Selbst erfahren.

„Das entfremdete Subjekt wird sich selbst zum Fremden, es erfährt sich nicht mehr als ‚aktiv wirksames Subjekt‘, sondern als passives Objekt.“

Eine Welt, der wir uns ausgeliefert fühlen, die mit uns nichts zu tun zu haben schein, weil wir uns in ihr nicht wiederfinden und auch nicht tätig wirksam sein können, bedeutet nicht nur eine krankende Beziehung zur Welt, sondern auch zu uns selber. Wenn wir uns nur durch die Beziehung zu anderen Menschen und Dingen als ein Selbst erfahren, fällt auch die Beziehung zu uns selber weg, wenn die Beziehungen nach aussen fehlen.

„Das Selbst […] ist ein handelndes und weltliches Selbst, eines, das sich immer schon handelnd in der Welt vorfindet und aus dieser nicht herauszulösen ist. […] Eingelassen in die Welt, existiert das ‚Selbst‘ nicht in einem abgeschlossenen ‚inneren‘ Raum, in dem es sich in Isolation von der äusseren Welt vorfinden liesse.“

Schon Hannah Arendt bestimmte in „Vita Activa“ das Sein als ein Tätigsein. Der Mensch ist Mensch insofern er etwas tut. Es reicht nicht, einfach nur in einer Welt zu sitzen, wir wollen in dieser auch etwas tun, etwas bewirken, das Gefühl des selbst Gestaltens zu haben. Das Verhältnis Welt – Selbst ist kein eindimensionales, in welchem die Welt das Selbst gestaltet, sondern das Selbst gestaltet die Welt als Teil davon auch mit. Es ist ein gegenseitiges Durchdringen, welches aber nur geschehen kann, wenn ich als Selbst auch an der Welt partizipieren kann. Das bedarf einerseits der eigenen Offenheit und Aufgeschlossenheit der Welt gegenüber, andererseits aber auch die Möglichkeit, an der Welt und am Weltgeschehen teilhaben zu können, weil ich als akzeptierter Teil davon in ihr lebe.

„Das Selbst ist ein Verhältnis, es entsteht nicht selbstgenügsam ‚aus sich heraus‘, sondern ist grundlegend relational verfasst. Als ‚Beziehendes von Beziehungen‘ konstituiert es sich in und durch die Beziehungen, die es zu den Anderen und Anderem hat, und ‚ist‘ nicht ausserhalb dieser Beziehungen. Auch wenn es sich vereinzelt, vereinzelt es as diesen heraus.“

Persönlicher Bezug

„Wir sind, was wir tun und womit wir uns identifizieren.“

Ich war immer ein sehr selbstbestimmter Mensch, ein Mensch, welche so leben wollte, wie er es für sich vorstellte. Ich hatte von klein an Ziele für mein Leben, die ich unbedingt erreichen wollte und wofür ich alles tat, das nötig war. Ich hatte dafür das Glück, mehrheitlich in einer Welt zu sein, die mir die Möglichkeit bot, dies zu tun. Ich hatte Zugang zu Schulen, das Recht, zu studieren, ich durfte meine Zukunft selber planen und wurde nicht von Eltern oder Institutionen in eine Richtung gezwungen. Ich lebte also in einer Welt, welche ich als die meine wahrnahm, eine, in der ich selbstwirksam meine Ziele erreichen und mich verwirklichen konnte als das Ich, das ich sein wollte.

Es ist in unserer westlichen Welt noch nicht lange so, dass all das so möglich ist, es bedurfte vieler Kämpfe, Rechte zu bekommen. In ganz vielen Teilen der Welt ist es das bis heute noch nicht möglich, da haben Mädchen keinen Zugang zu Schulen, da können Frauen keinen Beruf wählen, da haben Menschen, welche in eine bestimmte Klasse hineingeboren wurden, keine Chance, aus der je wieder herauszukommen.
«Entfremdung behindert ein Leben in Freiheit. Erst dann nämlich, wenn wir unser Leben in einem anspruchsvollen Sinn als unser ‚eigenes‘ erfahren können, sind wir frei.»
Und: Es ist auch bei uns nicht für alle möglich, weil nicht alle im gleichen Masse frei sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, weil es Menschen gibt, die aufgrund irgendwelcher Zuschreibungen unterdrückt und ausgeschlossen werden von Möglichkeiten und Chancen. Für sie ist die Welt nicht ihre Welt, sondern es ist eine Welt, die sie ausschliesst. Das verschliesst nicht nur die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen, es lässt den Einzelnen auch mit Verletzungen zurück, weil er zu der Welt, in der er leben muss, nicht gehört. Im Wissen darum sollten wir die Welt so öffnen, dass alle ihren Platz dahin haben, dass alle, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Ausrichtung als selbstbestimmte und autonome Menschen leben können und einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Zugang zu Möglichkeiten und Chancen haben.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Entfremdung, über die Beziehungslosigkeit des Einzelnen zu sich und der Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 2. Edition (8. August 2016)
Taschenbuch: 337 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3518297858

Carolin Emcke: Ja heisst ja und…

Ein Monolog

Inhalt

«Ich schreibe, als ob ich murmeln würde: leise, mehr vor mich hin als schon an andere gerichtet. Es ist eher ein Nachdenken mit der Tastatur. Schreibend denkt es sich genauer.»

Die #MeToo-Debatte hat ein Thema zum Gespräch gemacht, das vorher totgeschwiegen wurde: Sexuelle Gewalt. Wie werden Machtstellungen missbraucht, um Menschen auszunutzen? Wo kommt diese Gewalt her und wie können wir die zugrundeliegenden Strukturen entlarven und aufbrechen? Wie können wir unsere Welt zu einer sichereren für alle machen, zu einer, in welcher wir gleichberechtigt miteinander leben?

Carolin Emcke nimmt sich diesen Fragen an, obwohl sie schon am Anfang weiss, dass es schwer sein wird, abschliessende Antworten zu finden. Anhand von persönlichen Erlebnissen und Analysen der Gesellschaft, versucht sie die komplexen Verhältnisse von Macht, Gewalt, Sexualität und Lust zu durchdringen. Entstanden ist ein Monolog, der zum Dialog mit dem Leser aufruft.

Weitere Betrachtungen

«Um etwas kritisieren zu können, muss man es sich vorstellen können und wollen. Um sich etwas vorstellen zu können, muss man es benennen können. Wenn Gewalt abstrakt bleibt, wenn es für sie keine konkreten Begriffe und Beschreibungen gibt, bleibt sie
unvorstellbar,
unwahrscheinlich,
unantastbar.»

Viele Themen werden todgeschwiegen, als denke man, sie existieren nicht, wenn man nicht darüber spricht. Dazu kommt, dass Themen wie Sexualität und sexueller Missbrauch mit Scham und oft auch Schuld behaftet wird. Das ist bei der einvernehmlich gelebten Sexualität schon schade, aber bei sexueller Gewalt ist es verheerend. Wenn Opfer von Missbrauchserfahrungen zum Schweigen verdammt sind, weil sie nicht wissen, wie und mit wem sie über ihre Erfahrung reden können, wenn sie keine Worte dafür haben, was passiert ist, keine Sprache, die Tat und Leid abbilden, bleiben sie damit allein, ungesehen, verletzt.

«Ist ahnungslos, wer erwartet, nicht gedemütigt zu werden?
Ist selbst schuld, wer erwartet, nicht belästigt zu werden?»

Zur Sprachlosigkeit kommt die Angst: Wenn Opfer von sexueller Gewalt befürchten müssen, dass ihnen nicht geglaubt wird, man sie selber oft zum (Mit-)Schuldigen macht, werden sie es sich zweimal überlegen, ob sie das tun sollen, da sie dadurch quasi einen zweiten Missbrauch erleben würden. Sexuelle Gewalt ist nie die Schuld des Opfers, egal, ob dieses einen kurzen Rock trug, sich in düsteren Etablissements aufhielt (zumal der häufigste Missbrauch im Freundes- und Familienkreis vorkommt) oder dergleichen. Sexueller Missbrauch ist ein Unrecht, ist eine begangene Tat von einem Täter, welcher allein die Schuld daran trägt. Solange dieses nicht endlich in allen Köpfen angekommen ist, werden Opfer sich zusätzlich zur Tat auch noch mit Schuld- und Schamgefühlen quälen.

«Ohne die Fähigkeit und Möglichkeit des Nachdenkens jenseits der eigenen Bedürfnisse, jenseits der eigenen Gruppe, Klasse, Lebensform, ohne das Entwickeln von Begriffen und Vergleichen zwischen unterschiedlichen Erfahrungen kann keine Gerechtigkeit, keine Anerkennung, keine Freiheit gedacht werden.»

Bei verschiedenen Diskriminierungsformen, sei es Sexismus, Rassismus oder die Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts, gibt es immer wieder Stimme, die finden, dass Ihnen nie etwas passiert sei. Das ist toll, nur hilft es denen, denen es passierte, nicht. Auch Vorschläge, man solle weniger empfindlich sein, sich halt wehren, alles nicht so eng sehen, gehen am Ziel vorbei, da ein strukturelles Unrecht ein Unrecht bleibt und nicht durch ein dickes Fell im Einzelfall zu beheben ist. Ob es wünschenswert ist, immer auf der Hut und im Abwehrmodus zu sein, weil es normal scheint, angegriffen zu werden, stellt sich als weitere Frage – ich denke nein. Wollen wir wirklich eine Welt, in der Gerechtigkeit und Freiheit Werte sind, die gelebt werden, brauchen wir den Blick aufs Grosse Ganze, über den eigenen Tellerrand hinaus. Wir brauchen die Empathie, uns in das Leid der Opfer von Diskriminierung hineinzufühlen und die Bereitschaft, Missstände verstehen zu wollen.

Persönlicher Bezug

«Ob wir nachhaltig etwas verändern, wird nicht zuletzt davon abhängig, ob Männer auch als Verbündete wahrgenommen und angesprochen werden…ob wir nachhaltig etwas verändern, wird auch davon abhängen, ob wir das Wir… immer wieder erweitern, damit sich mehr Menschen mit den unterschiedlichen Erfahrungen angesprochen fühlen.»

Ich mag keine Fronten, keine Grenzen – und doch sieht man sie, erlebt man sie immer wieder im Leben. Sobald du anders bist, sprich, von anderen als anders definiert wirst, womit sie sich implizit als Norm setzen, bist du auf der Gegenseite. Unser Weltbild ist so aufgebaut, das geht bis zu den weisen Griechen zurück und zieht sich durch die ganze (Philosophie)Geschichte. Zu denken, dass wir da einfach mal ausbrechen können, ist wohl eine Illusion. Und doch denke ich oft, es wäre der einzige Weg hin zu einem Miteinander, bei welchem ich immer denke: «Gemeinsam sind wir stark.» Wenn wir die Welt verändern wollen, die eine gemeinsame Welt sein soll (manchmal kommt es mir so vor, als ob jeder denkt, einer anderen Welt anzugehören, weswegen er sich locker abgrenzen kann), sollten wir unsere Kräfte bündeln.

Ich sehr heute oft das Gegenteil: Gruppierungen, die sich hohe Ziele wie Gerechtigkeit, Antirassismus, Antiklassismus, Antisemitismus, Sexismus, und mehr auf die Fahnen schreiben, schiessen locker gegen andere, obwohl eigentlich klar ist, dass alles zusammenhängt, dass all die Formen des Unrechts gegen Menschen ähnlichen Ursachen geschuldet sind und Menschen auch oft kumuliert treffen.

In der östlichen Philosophie herrscht das Bild, dass wir alle eins sind, dass alles miteinander verbunden ist, vor. Ein Bild ist, dass wir die Welt durch den Atem in uns aufnehmen und uns an die Welt abgeben. Ich mag dieses Bild. Nun ist es nicht so, dass alle Asiaten durch diese Philosophie friedliche Menschen wären, aber es kümmert sich ja auch nicht jeder um Philosophie im Alltag. Manchmal wäre es wünschenswert.

Fazit
Ein mitreissender, tiefgründiger, intelligenter Monolog über Gewalt und Missbrauch sowie unseren Umgang damit. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard. Sie promovierte über den Begriff »kollektiver Identitäten«.
Von 1998 bis 2013 bereiste Carolin Emcke weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. 2003/2004 war sie als Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University.
Sie ist freie Publizistin und engagiert sich immer wieder mit künstlerischen Projekten und Interventionen, u.a. die Thementage »Krieg erzählen« am Haus der Kulturen der Welt. Seit über zehn Jahren organisiert und moderiert Carolin Emcke die monatliche Diskussionsreihe »Streitraum« an der Schaubühne Berlin. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus, dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei S. Fischer erschienen ›Von den Kriegen. Briefe an Freunde‹, ›Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF‹, ›Wie wir begehren‹, ›Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit‹ sowie ›Gegen den Hass‹.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ ‎ S. FISCHER; 3. Edition (22. Mai 2019)
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3103974621

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Mann oder Frau oder was?

Es gab mal eine Zeit, da war die Welt noch in Ordnung. Männer hatten das Sagen und Frauen das Nachsehen. Während die grossen Männer in der grossen weiten Welt Geschäfte trieben und ihre Macht genossen, pflegten die Frauen zu Hause, was es zu pflegen gab, haushalteten, waren brav und unauffällig, fragten nett um Erlaubnis, wenn sie was wollten (was ihnen nicht zustand eigentlich, aber sie konnten es ja versuchen), und liessen den guten Mann Chef sein. Plötzlich begehrten einige auf. Sie fanden, das sei so nicht rechtens, sie wären auch Menschen und hätten auch das Recht, als solche mit Freiheiten und Möglichkeiten zu leben. Frauenbewegungen kämpften dafür, ungern gesehen von den Männern (und patriarchats-treuen Frauen), die auch gleich auf dem Platz standen und die kämpfenden Frauen verunglimpften. Mannsweiber seien sie. Hässlich. Primitive Phantasien, was man mit ihnen machen könnte oder müsste, um sie wieder zur Vernunft zu bringen, kursierten.

Nun denn, sie wurden nicht zur Vernunft gebracht, sondern setzten sich für ihre Rechte ein, von welchen sie auch einige umsetzten. In drei Wellen überfluteten sie die Welt mit ihren Forderungen, in drei Wellen kämpften sie immer wieder neu um Rechte wie den Zugang zu Bildung, das Wahlrecht, das Recht am eigenen Körper, Gleichberechtigung am Arbeitsplatz und vieles mehr. Sie kämpften erfolgreich, aber sicher noch nicht zu Ende.

Irgendwie war die Welt immer noch in Ordnung. Es gab Frauen und Männer und ein paar, die aus der Reihe tanzten – aber mein Gott, Spinner gibt es ja immer. Doch dann kamen die daher und befanden, dass sie nicht mehr die Spinner sein wollten, dass sie eine Berechtigung hätten, so zu sein, wie sie waren und damit als vollwertige Menschen anerkannt werden wollten. Mein Gott, wenn jeder will, wie er grad lustig ist, wo kämen wir da hin? Wie konnten die es wagen, an einem so sakrosankten Weltbild zu rütteln, das doch jedem einigermassen vernünftigen Mensch einleuchten müsste?

Müsste es wirklich? Simone de Beauvoir schrieb in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ den berühmt gewordenen Satz:

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht.“

Sie meint damit, dass man zwar mit einem biologischen Geschlecht auf die Welt kommt, danach aber durch die Sozialisation mit Erwartungen und Zuschreibungen bedacht wird, welche aus einem das machen, was in der Gesellschaft als Frau bezeichnet wird. Damit einher gehen Rollenbilder, Verhaltensweisen und Möglichkeiten. Eigenschaften werden als weiblich definiert, andere als männlich, es ist gefordert, dass die jeweiligen Kinder die passenden an den Tag legen. Tun sie das nicht, stören sie das System und das wird ungern gesehen und teilweise auch mit harten Mitteln bestraft.

Erich Fromm schrieb in seinem Klassiker „Die Kunst des Liebens“, ein Mensch sei nur dann in sich ganz, wenn er sowohl die männliche wie die weibliche Polarität in sich lebe. Jeder Mensch, so Fromm, trägt also alles in sich selber und kann dem auch Ausdruck geben. Ganz sind wir erst, wenn wir nicht alles auf einer Seite suchen, sondern uns auf der ganzen Bandbreite der Möglichkeiten ausleben. So gesehen wäre jeder Mensch eine Ansammlung von Eigenschaften, die sich zwischen diesen Polen bewegen. Damit ergäbe sich kein duales Menschenbild, sondern ein pluralistisches. Und dem sollten wir, wie ich finde, Rechnung tragen.

Nun ist aber die Gesellschaft dahin gegangen und hat gefordert, dass eine Hälfte Mensch nur noch den einen Pol beackere, die andere den anderen. Und die Gesellschaft hat auch noch bestimmt, welcher Pol höher zu bewerten und damit zu stellen sei: Der männliche. Zurück blieben halbe Wesen, die sich gegenüberstanden und in obere und untere eingeteilt waren. Ein gelingendes Leben ist so schon schwierig, ein gelingendes Miteinander als Freie unmöglich. Unterdrückung musste sein, sonst wäre das Konstrukt auseinander gebrochen. Und so leben wir in einer Gesellschaft, die diese über Jahrzehnte eingerichtet und behauptet hat, die so tief in unseren Köpfen verankert ist, dass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie wie natürlich gegeben abläuft.

Frauen wollten sich das nicht gefallen lassen, sie gingen auf die Barrikaden, fingen zu kämpfen an. Sie kämpften für Zugang zu Schule und Studium, das Recht, arbeiten zu gehen, zu wählen und über ihren Körper selber entscheiden zu dürfen. Sie setzten sich ein für gerechtere Arbeitsbedingungen und gleichberechtigte Möglichkeiten und Bezahlungen. Sie erreichten viel, aber es ist auch noch viel zu tun. Während in einigen Köpfen noch die Wahnvorstellung herumgeistert, das sei ein Kampf von Frauen gegen Männer, ist vielen klar, dass es ein gemeinsamer Kampf gegen ein ungerechtes System sein soll, das beide in Rollenmuster presst, welche ihnen nicht wirklich entsprechen.

Leider klingen viele Mittel, mit denen man Ungleichheiten beseitigen will, in der Tat mehr nach einem Kampf als nach einer gemeinsamen Strategie. Die Einführung einer Quote zum Beispiel vermittelt vielen, dass hier (männliche) Köpfe rollen müssen, um neuen Platz zu schaffen, oder aber dass Männer fortan weniger Chancen haben als Frauen, die bevorzugt behandelt würden. Die Zahlen in Firmen sprechen nach wie vor eine deutlich andere Sprache. Und doch bleibt die Frage, ob die Quote die richtige Massnahme ist, zumal sie einfach eine neue Grenze eröffnet, über die sich dann streiten lässt. Denken wir zurück an den Anfang, haben wir ja nun mindestens drei Geschlechter, die es zu berücksichtigen gilt. Dazu kommt, wie es mit Menschen mit Behinderung oder solchen mit Migrationshintergrund ist? Was ist mit Hautfarbe und sexueller Orientierung? Vielleicht wären auch Veganer und Fleischfresser noch zu berücksichtigen? Was sind also aussagekräftige Argumente für die Besetzung einer Stelle und wie wollen wir fortan unsere Firmen (und andere Formen der in irgendeiner Form gemeinschaftlichen Teilhabe) zusammenstellen?

In meinen Augen gibt es nur eine Lösung: Es gilt, endlich zu dem Bewusstsein zu kommen, dass das Verbindende von allen das Menschsein ist. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch Anteile von allem hat, dass er aus verschiedenen Eigenschaften zusammengesetzt ist, die sich auf einer Bandbreite zwischen zwei Polen bewegen, die aktuell gesellschaftlich konnotiert sind, eigentlich aber nur als gegensätzlich und ohne Bewertung festzustellen sind, würde all das irrelevant. Das gilt auch für Hautfarben, von denen es unzählige Schattierungen und Farbausprägungen gibt, sowie weiteren Kriterien. So kämen wir zu einem Menschenbild, das alle umfasst, zu einer Gesellschaft, in welcher jeder frei mit Goethe denken könnte:

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Das einzige Problem, das ich nun noch sehe, ist das der eigenen Identifikation. Was bin ich denn nun? Frau? Mann? Beides? Nichts von alledem? Reicht „Ich“?

Aufgewacht

Ich bin aufgewacht.* Ich schwanke zwischen «endlich» und «erst». Eine Trauer hat sich in mir ausgebreitet, als ich merkte, was ich verpasst habe, wo ich nicht hingeschaut habe, was an mir vorbeizog oder was ich sogar aktiv verneinte, ablehnte. Wie tief waren die Muster, die Prägungen, wie stark verankert die Erwartungshaltungen von Kindheit an. Ich war in ihnen gefangen – für fast 50 Jahre. Der einzige Trost, der sich mir bot, war, dass ich noch 30 bis 40 Jahre haben könnte, es anders zu machen. Besser zu machen – besser für mich, nicht um irgendwelche Normen zu erfüllen wie bislang.

 Ich habe mich lange gegen den Feminismus gewehrt, mich davon distanziert. Ich bin keine Feministin, sagte ich, ich bin ein Antifeminist. Ich lachte mit den Männern mit, welche Sprüche über die hässlichen Feministinnen machte, fand Männer durch die sehr vehementen Forderungen oft benachteiligt und selbst bald unter Druck. Ich sah nicht ein, welche abstrusen Sprachregelungen noch gefordert werden müssten, schlussendlich käme es auf die Haltung dahinter und nicht auf ein paar die Sprache verhunzende Sternchen an. Ich fand es widersinnig, Bücher zu lesen, die von Frauen geschrieben werden, zählt doch der Inhalt, nicht das Geschlecht des Autors. Ich hatte Argumente. Und ich überzeugte vordergründig vor allem mich selber.

Blicke ich auf mein Leben zurück, wäre Feminismus durchaus ein Thema, das mich hätte beschäftigen müssen. Ich glaube, es wäre mir viel im Leben erspart geblieben. Als ich mich im vergangenen Jahr erst langsam, dann immer intensiver mit Frauenbiografien, später mit Büchern, die Frauen in verschiedenen Bereichen betreffen, auseinandersetzte, stiess ich auf ganz viele Aha-Momente. Ich erkannte mich so oft wieder in einem Leiden, in einer Eigenart, die ich vorher dachte, alleine zu haben. Ich sah Muster und Prägungen, denen ich selber verfallen war und erlebte Kämpfe, die ich entweder versucht oder gleich vermieden habe.

Ich habe beschlossen, dieses Thema weiter zu verfolgen. Einerseits, weil ich der Überzeugung bin, dass es noch lange nicht ausgestanden ist, für die Rechte der Frau einzustehen, andererseits aus einem ureigenen Bedürfnis heraus, den Rest meines Lebens befreiter ich sein zu können als ich das bislang tat aufgrund ganz vieler Mechanismen im Aussen und auch solcher, die ich von da verinnerlicht habe. Ich spüre aber sogleich bei diesem Vorsatz, dass er mir auch Angst macht, weil die alten Muster halt noch da sind: Was werden die anderen sagen? Werden sie mich noch mögen, wenn ich plötzlich einen anderen Weg gehe, einen, der mir mehr entspricht, mich aber vielleicht auch unbequemer macht? Und werde ich die Kraft haben, für diesen Weg einzustehen, wenn Gegenwind aufkommt, wie er ja oft aufkommt – ich blies ab und zu in die gleiche Richtung.

Sei es, wie es wolle, es führt kein Weg daran vorbei, denn: Das ist mein Weg und ich werde ihn gehen – in der Hoffnung, dass die, welche mir lieb und teuer sind, mich dabei begleiten. Vielleicht nicht immer gleicher Meinung, vielleicht auch mit Fragezeichen und Verständnisschwierigkeiten, aber immerhin mit der nötigen Toleranz, ihn als meinen Weg zu akzeptieren, und der nötigen Zugewandtheit und uneigennützigen Unterstützung, die ich wohl ab und zu brauchen werde.

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*Ich habe diesen Artikel schon an anderer Stelle publiziert, wollte ihn aber in diesen Blog holen, um meine Texte an einem Ort zu haben

Die Schöne und das Biest (aka der alte Weisse Mann)

Als ich begann, mich mit dem Feminismus und den damit zusammenhängenden Themen zu beschäftigen, merkte ich, dass mich das Thema packte, inspirierte und ausfüllte. Ich las, was ich in die Hände kriegte und stiess dabei natürlich auch immer wieder auf Widersprüche – mehr noch: Auf gegenseitige Anfeindungen. Die jungen Feministinnen schimpfen auf die älteren, die schwarzen auf die weissen, die Frauen auf die Männer und diese zurück (zumindest auf die Feministinnen). Einige meinen, man könne nur darüber schreiben, was man selber erfahren hat, andere kritisieren, wenn man ein Thema nicht behandelt (aus mangelnder eigener Erfahrung oder einer anders lautenden Fragestellung). Es kommt so ein bisschen das Gefühl auf: Wenn du nicht alle Weltprobleme mit einem Schlag lösen kannst, lass es ganz bleiben.

Ich frage mich, wie man eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt erreichen will, wenn man selbst das Gegenteil lebt, wenn man selbst statt miteinander nur in Frontenkriegen, Auf- und Abwertungen agiert? Als Pierre Bourdieu das Buch „Die männliche Herrschaft“* schrieb, wurde ihm von Feministinnen vorgeworfen, dass er sich als Mann feministischen Themen zuwandte. Wie konnte es ein „alter weisser Mann“ (gut, den Begriff hatten sie damals wohl nicht, aber heute würde es so klingen) wagen, einen feministischen Blick auf die Welt zu wagen und somit diese zu erklären? Dass sein Blick durchaus gut und tief und schlüssig war, stand nicht zur Diskussion. Dass dieser klare, intelligente Mensch der eigentlichen Sache diente, indem er Aufmerksamkeit darauf lenkte, die Notwendigkeit propagierte, wurde ignoriert. Man wollte sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. So jedenfalls wirkt es, zumal es keine andere sachliche Erklärung gibt.

Einmal mehr frage ich mich: Sollte man nicht, statt gegeneinander zu kämpfen, sich zusammenschliessen und jeder seinen Beitrag zu einem Ganzen leisten? Können wir es uns leisten, auszusieben, wen wir genehm finden in unserem „Kampf“ und wer da keinen Platz hat? Vor allem: Geht es bei all dem wirklich um die Sache oder nicht doch auch um die eigene Profilierung als Experte?

Nachdem Bourdieu die Missstände der gesellschaftlichen Strukturen herausgearbeitet hat, kommt er zum Schluss, dass eine schlagartige Veränderung wohl nicht möglich ist, sondern diese fortwährender Arbeit bedürfe. Man müsse wegkommen von Kälte und Gewalt, hin zur Liebe und ihren Wundern:

„das Wunder der Gewaltlosigkeit, das durch die Herstellung von Beziehungen ermöglicht wird, die auf völliger Reziprozität beruhen und Hingabe und Selbstüberantwortung erlauben; das der gegenseitigen Anerkennung, die es gestattet, sich, wie Sartre sagt, „in seinem Dasein gerechtfertigt“, gerade in seinen kontingentesten oder negativsten Besonderheiten angenommen zu fühlen…“

Wenn wir dahin kommen, dann ist die Welt eine bessere. Davon bin ich überzeugt. Und ich bin genauso überzeugt, dass es machbar ist und eigentlich der Wunsch von vielen. Natürlich stehen Ängste da. Jeder fürchtet auch um seine Privilegien. Aber viele wären froh um Entlastung von Erwartungen. Männer wie Frauen. Und Rollenmustern, die erfüllt werden müssen. Männer wie Frauen. Und der eigenen Unsicherheit, wie man denn zu sein habe. Männer wie Frauen.

Wenn da ein alter weisser Mann kommt und mithelfen will, sollte man ihn mit lautem „Herzlich willkommen“ begrüssen und mit ihm diskutieren. Ihn auszuschliessen, nur weil er eben grad keine Frau, nicht schwarz, nicht schwul und erst noch heterosexuell ist, fände ich nicht nur höchst bedenklich, sondern schlicht daneben. Schlussendlich wollen wir ja genau das nicht: Menschen ausschliessen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, Religion, Herkunft, sexuellen Ausrichtung. Und ja: Auch ein weisser Mensch kann Rassismus erfahren, sowie ein Mann Opfer von Sexismus sein kann. Es mag nicht die Mehrheit sein, aber jeder einzelne Fall ist einer zuviel.


*Angaben zum Buch:

Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft
Pierre Bourdieu entwickelt das Bild einer Gesellschaft, in welcher die männliche Dominanz in ökonomischer, wirtschaftlicher wie auch gesellschaftlicher Sicht eine symbolische Herrschaft darstellt. Die dadurch gesteuerte Sicht unterwirft die Frau und zwingt sie in vordefinierte Rollen. Bourdieu plädiert für eine soziale Revolution mit dem Ziel, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzugestalten und der Frau ihre rechtmässige Position als gleichberechtigter Mensch einzuräumen.

Zum Autor:
Pierre Bourdieu, am 1. August 1930 in Denguin (Pyrénées Atlantiques) geboren, besuchte dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nachdem er die Eliteschule der École Normale Supérieure durchlaufen hatte, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des lettres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Es folgten diverse Lehraufträge, Forschungsaufenthalte und Lehrstühle sowie vielzählige Publikationen und Auszeichnungen. Pierre Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris.

Hannah Arendt: Denken ohne Geländer

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Das vorliegende Buch beinhaltet zentrale Texte aus Hannah Arendts Schriften sowie Auszüge aus Briefen zu Themen, die Hannah Arendt bewegten und ihre Auseinandersetzung damit zeigen. Das Buch bietet damit eine Einführung in zentrale Gedankengänge, offenbart die klare Strukturiertheit von Hannah Arendts Denken und ihre Genauigkeit bei der Analyse von Zusammenhängen und Verwendung von Begriffen.

Denken ohne Geländer ist in fünf Teile gegliedert, von denen der erste die Philosophie allgemein behandelt. Es werden Fragen behandelt wie wo wir sind, wenn wir denken, was Denken überhaupt ist und wie es mit der Sprache zusammenhängt.

„Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“ – weil Denken Lebendigsein ist, so wie Arbeiten Leben ist.

Arbeiten – Denken – Lieben sind die drei Modi des schieren Lebens, aus denen nie eine Welt entstehen kann und die daher eigentlich welt-feindlich, anti-politisch sind.

Der zweite Teil ist Arendts politischem Denken gewidmet. Der historische Sinn des Politischen liegt, so Arendt, in der Freiheit. Der Staat als Gewaltmonopol ist dazu legitimiert, dieses zu nutzen um dieselbe für seine Bürger zu gewähren – als ein Nicht-beherrscht-Werden und Nicht-Herrschen. In der Gegenwart stellt sich allerdings eher die Frage, ob Politik überhaupt noch Sinn ergebe, was den Erfahrungen von Totalitarismus und Terror geschuldet sei. Die Auseinandersetzung mit den Begriffen Macht, Stärke, Gewalt, Kraft und Terror zeigen Arendts Wertlegung auf präzise Begrifflichkeiten.

Nirgends tritt das selbstzerstörerische Element, das dem Sieg der Gewalt über die Macht innewohnt, schärfer zutage als in der Terrorherrschaft, über deren unheimliche Erfolge und schliessliches Scheitern wir vielleicht besser Bescheid wissen als irgendeine Zeit vor uns. Terror und Gewalt sind nicht dasselbe. Die Terrorherrschaft löst eine Gewaltherrschaft ab, und zwar in den, wie wir wissen, nicht seltenen Fällen, in denen die Gewalt nach Vernichtung aller Gegner nicht abdankt.

Der dritte Teil über das politische Handeln widmet sich hauptsächlich der jüdischen Geschichte, der jüdischen Armee, dem Kampf gegen den Antisemitismus und der Eichmann-Kontroverse. Daneben findet sich ihr Artikel zu Little Rock, der Frage nach des gleichberechtigten Schulbesuchs von schwarzen und weissen Kindern in einer Schule in den USA.

Im vierten Teil finden sich Texte über die Situation des Menschen und das, was den Menschen als solchen ausmacht an Fühlen und Handeln. Lebensthemen wie die Liebe, Treue, Schmerz und das Alter werden feinfühlig und durchdacht behandelt.

…für die Meinung, dass nur die Liebe die Macht hat zu vergeben, spricht immerhin, dass die Liebe so ausschliesslich auf das Wer-jemand-ist sich richtet, dass sie geneigt sein wird, Vieles und vielleicht Alles zu verzeihen.

Den abschliessenden fünften Teil füllen Lebensgeschichten aus. Es finden sich neben Texten zu Rahel Varnhagen, Jaspers und Heidegger Briefausschnitte aus Arendts vielfältigen Briefwechseln mit Heinrich Blücher, Mary McCarthy und Gertrud und Karl Jaspers.

…wie ich auf Deinen Brief gewartet habe, kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Das ist das Band, das mir immer wieder klarmacht, dass ich nicht verlorengehen kann. Denn wenn Du nicht da bist, bin ich gleich wieder so verletzbar wie früher.

Fazit:
Eine breite Zusammenstellung von Texten zu den verschiedensten Themen, die Hannah Arendt in ihrer klaren Art zu denken behandelt hat. Macht Lust auf mehr. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

ArendtDenkenGeländer

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 9.99; CHF 16.90

Julia Korbik: Oh, Simone!: Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten

Inhalt

«Auf Vorbilder kann sie… kaum zurückgreifen: Noch haben es nicht viele Töchter aus gutem Hause gewagt, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihr Geburtsmilieu und die damit verbundenen Erwartungen hat Simone hinter sich gelassen – ohne allerdings zu wissen, worauf sie ihr Leben stattdessen aufbauen soll. .»

Simone de Beauvoir war wahrlich eine spannende Frau. Sie strebte nach Freiheit und Unabhängigkeit, sie wollte lesen, lernen, lieben, so, wie sie es wollte. Sie akzeptierte keine Einschränkungen, ging lieber den schwierigeren Weg als klein beizugeben. Und sie analysierte genau, was Frauen im Weg stand, genau dieses freie und unabhängige Leben zu leben. Sie lebte in einem anderen Jahrhundert, in anderen Zeiten und Umständen. Und doch auch wieder nicht.

Wieso sollte sie uns heute noch interessieren? Der Frage geht Julia Korbik in diesem Buch nach und kommt zum Schluss: es gibt viele Gründe dafür!

Weitere Betrachtungen

«Schon mit neunzehn Jahren war ich überzeugt gewesen, dass es dem Menschen zusteht, und nur ihm allein, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dass er dieser Aufgabe gewachsen ist.»

Simone de Beauvoir wuchs in sehr kontrollierten Verhältnissen auf, in welchem grossen Wert auf Status und Etikette gelegt wurde. Die Bewegungsgrenzen waren entsprechend eng gesteckt, ausbrechen kam kaum in Frage. Das Schicksal der familiären Finanzkrise sowie ein eigenwilliges Wesen kamen ihr zu Hilfe.

«Es ergibt sich für jeden Einzelnen eine ethische Verpflichtung, an einer Welt mitzuarbeiten, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Entwürfe in eine offene Zukunft hin zu verwirklichen. Eine Aktivität ist dann ‘gut, wenn sie darauf abzielt, für sich und andere […] die Freiheit zu befreien.’ »

Simone de Beauvoir wollte immer schreiben – und sie schrieb. Und sie dachte, frei und wild und tief. Sie hatte ihren Partner im Geiste, Jean Paul Sartre, mit dem sie eine langjährige Beziehung verband. In späteren Jahren begann sie auch zu kämpfen – für mehr Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung. Und immer wieder stand sie ein für andere, half, unterstützte.

«Frei sein wollen bedeutet wollen, dass auch andere frei sind…»

Man ist nie allein, man kann ohne den anderen nicht leben. Simone de Beauvoir war sich dessen bewusst und dieses Wissen war wohl mit Antrieb, nicht nur für sich, sondern auch für andere zu schauen. Es gibt kein Gut für einen allein, ein wirkliches Gut ist es erst, wenn es ein geteiltes ist.

Julia Korbik ist ein gut lesbarer Überblick über Simone de Beauvoirs Leben und Schaffen gelungen, der nichts Neues, aber für den, der noch nichts von Simone de Beauvoir kennt, einen guten Einstieg bietet. Man kann zu Julia Korbiks Verteidigung sagen, dass Simone de Beauvoir selber so viel von ihrem eigenen Leben beschrieben hat, dass es wenig Neues gibt für einen Autoren, der über sie schreiben will. Die Analyse müsste sehr tief gehen, wie das einige Biographen durchaus taten. Das wäre eine zu grosse Erwartung an dieses Buch, die nicht erfüllt würde.

Persönlicher Bezug

«Die Philosophie stellt Fragen und vor allem hinterfragt sie vermeintlich natürliche Gegebenheiten… Bei der Philosophie, glaubt Simone, geht es um das Wesentliche: ‘Immer hatte ich alles erkennen wollen: Die Philosophie würde mir möglich machen, dieses mein Verlangen zu erfüllen…’»

Ich habe in diverse Fächer reingeschaut, bis ich meine schlussendliche Kombination hatte. Zwar war Philosophie im Gymnasium eines meiner liebsten Fächer, dies aber nur, weil ich nichts tun musste, es flog mir förmlich zu. Das lag wohl daran, dass mir die Philosophie lag, ich sie nie als Arbeit auffasste. Im Studium stiess ich per Zufall quasi auf die Philosophie – durch ein interdisziplinäres Seminar. Das war der Anfang einer grossen Liebe, weil ich nun wirklich merkte: Das liegt mir, da kann ich eintauchen, da geht es um verstehen, denken, lernen, analysieren –  da kann ich wachsen.

Beim Lesen von Simone de Beauvoirs Biographie habe ich so viele bekannte Gedanken entdeckt, so viele Lebensziele, -wünsche und auch die Zweifel am eigenen Sein und Tun. Sie ist aktuell, sie ist inspirierend, sie ist für mich eine sehr spannende Frau.

Fazit
Eine gute Einführung in das Leben und Schaffen einer spannenden Frau. Als Erstlektüre zu Simone de Beauvoir sehr empfehlenswert.

Autorin
Julia Korbik wurde 1988 im Ruhrgebiet geboren und arbeitet heute als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Politik und Popkultur aus feministischer Sicht, aber auch europäische und französische Themen – egal, ob politisch, gesellschaftlich oder kulturell. Korbik studierte European Studies, Kommunikationswissenschaften und Journalismus und pendelte dafür im Jahresrhythmus zwischen dem nordfranzösischen Lille und dem westfälischen Münster. Sie ist ehrenamtlich für das sechssprachige Europa-Onlinemagazin cafébabel aktiv, vor allem als Vize-Präsidentin von Babel Deutschland e.V. und als Vorstandsmitglied des Vereins Babel International. 2014 erschien ihr erstes Buch Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene (Rogner & Bernhard). 2016 rief Korbik den Blog Oh, Simone ins Leben, der einzige deutschsprachige Blog, der ganz Simone de Beauvoir gewidmet ist.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Taschenbuch; 5. Edition (15. Dezember 2017)
Taschenbuch: 320 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3499633232

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Ich und die Anderen

Kürzlich erinnerte ich mich daran, wie ich mal in Spanien war und tat, was ich immer tue: Lesen und Schreiben. Ich sass in meinem Zimmer, meine Bücher um mich, tauchte ein und fühlte mich wohl in der Welt. Ich stiess damit auf grosses Unverständnis: Wie kann man nur in Spanien sein und nicht an der Sonne liegen, baden, einfach nichts tun? Ich ertappte mich dabei, wie ich mich schlecht fühlte, unverstanden, anders, nicht passend – nicht in Ordnung. Es machte mich traurig. ich versuchte mich zu rechtfertigen, versuchte Gründe zu finden, die anerkannt und schlüssig klingen, Gründe, die in der normalen Welt, aus welcher ich mich durch diese Bemerkung geworfen fühlte, verstanden werden könnten. Und irgendwie machte mich das noch trauriger, weil ich mich dadurch so klein fühlte, dass ich mich verteidigen zu müssen glaubte. 

Ich und die Anderen. Ein Konstrukt, über das ich in letzter Zeit oft nachdenke. Im Singular ist es einfach: Der Andere ist der Andere, weil er nicht ich ist. Sobald es aber mehrere sind auf beiden Seiten, kommt ein neues Element dazu: Um als Gruppe zu bestehen und sich von anderen Gruppen zu unterscheiden, reicht nicht mehr nur die individuelle Existenz, sondern es gibt verbindende Elemente, die eine Gruppe ausmachen. Daraus entsteht in der Folge ein Wir-Gefühl, das die eigene Gruppe von der anderen abgrenzt. Man setzt diese Gruppen bestimmenden Eigenschaften in Kontrast zu denen der anderen Gruppe, meist in einer Form der Hierarchie: Wir sind besser als ihr. An diesem Punkt wird aus dem «Anders» ein «Schlechteres», weil die Anderen der eigenen Norm nicht entsprechen, ihr unterlegen sind. 

Jeder Mensch lebt in einer Welt mit anderen und bildet mit diesen Gemeinschaften. Kein Mensch kann sich völlig aus der sozialen Umgebung herausnehmen. Würde man versuchen, durch totale Einkehr und unter Ausschluss der Welt, sich selber finden zu wollen, wäre das eigentlich ein Gang ins Leere, da wir als Menschen immer Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft sind, die uns prägt und die wir wieder prägen. Daraus folgt, dass wir die Anderen brauchen, um Ich zu sein. Es folgt weiter, dass die Anderen nur in unseren Augen die Anderen sind, in Ihren sind sie ihr eigenes Ich und wir die Anderen. Daraus, dass jedes Ich immer auch ein Anderer ist, stellt sich die Frage der Macht des Einen über den Anderen. Eine Vormachtstellung kann es nur geben, wenn sich einer diese zuspricht. Mit welchem Recht?

Nun passieren diese Dinge natürlich meist unbewusst, sie sind unter anderem auch Resultat der Gesellschaft und deren prägenden Werte und Normen. Indem wir in dieser Gesellschaft leben, nehmen wir diese Werte und Normen in uns auf, stellen uns dazu und verhalten uns entsprechend. Gibt es nun in einer Gesellschaft höher bewertete Eigenschaften und Merkmale, so sind die Menschen, welche diese aufweisen, in einer machtvolleren Stellung als andere, denen diese fehlen. An der Stelle fängt die Abwertung des anderen an, worauf Diskriminierung folgt. Aufgrund von vordefinierten Massstäben kommt es also zum Ausschluss derer, die über weniger Privilegien aufgrund von (sachlich gesehen willkürlich) festgelegten Eigenschaften verfügen.  

Wollen wir Diskriminierung jedwelcher Form den Kampf ansagen, gilt es, das Ich als gleichwertig zu sehen wie den Anderen, im Wissen, dass er genauso ein Ich ist wie ich, ich genauso ein Anderer wie er. Die Einsicht, dass die Andersartigkeit nur eine Vielfalt von Möglichkeiten aber keine Hierarchie darstellt, hilft, (strukturelle und individuelle) Abwertungen zu vermeiden, da sie als willkürliche Handlungsweisen, die keinem realen und sachlich gültigen Massstab entsprechen, enttarnt wurden. Das Bewusstsein all dessen ist der erste Schritt. Der zweite ist, die gesellschaftlichen Strukturen daraufhin zu analysieren, wo sie diese Hierarchien befeuern und zu sehen, was wir aktiv dagegen tun können – als Einzelne und als Gemeinschaft.

Juliane Frisse: Feminismus

Inhalt

«Feminismus (von lateinisch ‘femina für Frau):
umfasst als Oberbegriff alle politischen, geistigen, gesellschaftlichen und akademischen Strömungen, die sich kritisch mit Geschlechterordnungen auseinandersetzen und die für die Gleichberechtigung der Frau sowie gegen Feminismus eintreten.»

Zwar würde ich die Definition etwas anders schreiben, den Begriff «Frau» durch einen weiteren, die ganze Menschheit in all ihren Ausprägungen inkludieren wollen, aber er bringt doch gut zur Geltung, worum es geht – in diesem Buch und beim Feminismus.

Juliane Frisse hat eine gut verständliche und leicht lesbare, dabei trotzdem fundierte und aufschlussreiche Einführung in ein noch heute aktuelles Thema geschrieben. Neben der Klärung einschlägiger Begriffe stellt sie Feministinnen und Frauenrechtlerinnen vor, richtet den Blick auf die einzelnen Geschlechter und die jeweiligen Zuschreibungen, aus welchen (unter anderem) Rechte, Pflichten und Stellung resultieren und richtet den Blick auf verschiedene Themen im privaten wie öffentlichen Leben: Quoten, Liebe und Sexualität, Gewalt, und mehr.

Das Buch richtet sich an ein jugendliches Zielpublikum, ist aber auch für Erwachsene durchaus ein Gewinn.

Weitere Betrachtungen

«Denn dass unsere und andere Kulturen zwischen verschiedenen Geschlechtern unterscheiden – oft zwischen genau zwei Geschlechtern, Männern und Frauen -, beeinflusst viele Dinge: wie wir als Menschen leben, wie wir handeln, wer Macht hat und wer nicht.»

Der Begriff ‘Feminismus’ legt es nahe, dass es dabei um die Frau geht. Ihre Anliegen sollen behandelt werden, Missstände in der Gesellschaft, die sie betreffen, beseitigt werden. Dabei ist, auch darauf weist das Buch gut hin, zu sagen, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern deren viele. Sie unterscheiden sich in der Ausgangslage, indem sie Geschlechterzuschreibungen anders sehen, und auch im Hinblick auf die Ziele und die Methoden, die zu erreichen. Nun ist aber das biologische Geschlecht nicht der einzige Grund, weswegen es zu Diskriminierungen kommen kann, es ist darf folgendes nicht vergessen werden

«…, dass Menschen aus vielen Gründen Benachteiligung erfahren, nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern beispielsweise auch wegen ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion. »

Auch mit der Intersektionalität, der Begriff für die Betrachtung verschiedener Gründe für Diskriminierung, befasst sich das Buch. Daneben werden Begriffe wie Patriarchat, Bodyshaming, Rape Culture, Queer und einige mehr ausführlich behandelt und in einem Glossar am Schluss des Buches nochmals kurz definiert. Die verwendeten Quellen werden im Anhang aufgeführt und bieten so die Möglichkeit der Überprüfung oder auch der vertiefenden Lektüre. Ein wirklich informatives Buch für eine solide Einführung in ein aktuelles und wichtiges Thema.

Persönlicher Bezug

«Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.»

Was so offensichtlich klingt, ist es in Tat und Wahrheit nicht und vor allem noch nicht lange. War früher in Büchern vom Menschen die Rede, waren Männer gemeint, meist wurde sogar das noch mehr eingegrenzt und es waren nur freie und weisse impliziert. Es gab zu allen Zeiten Frauen, die sich dagegen auflehnten, manchmal konnten sich einzelne auch durchsetzen, doch in der Gesellschaft verfestigte sich nach und nach eine Struktur der männlichen Dominanz, die sich in alle Bereiche des täglichen Lebens ausbreitete. Das zu ändern ist das Hauptanliegen des Feminismus: Eine Gesellschaft aus gleichwertigen und gleich freien Menschen zu schaffen, denen die gleichen Chancen und Möglichkeiten offenstehen, sich ihr Leben einzurichten und zu leben – unabhängig vom Geschlecht, von der Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sonstigen individuellen oder auch kollektiven Zuschreibungen. 

Ich habe lange nicht gemerkt, wie sehr mich das Thema betrifft – auf persönlicher wie auch auf sachlicher Ebene. War Gerechtigkeit schon immer ein Thema, das mir am Herzen lag (im Leben und in der Forschung), so habe ich Missstände unserer Gesellschaft am eigenen Leib erfahren müssen durch die Jahre hindurch. Ich bereue, mich dem Thema nicht früher angenommen zu haben, denke aber: Besser jetzt als nie!

Fazit
Eine Einführung ein immer noch aktuelles Thema, gut lesbar, informativ und aufschlussreich. Nicht nur für junge Menschen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Juliane Frisse hat in Berlin Soziologie und Politikwissenschaft studiert und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. Seit September 2017 ist sie Redakteurin bei ZEIT ONLINE. Davor hat sie beim Bayerischen Rundfunk, bei jetzt.de und beim DUMMY VERLAG gearbeitet, zuletzt als redaktionelle Leitung für fluter.de. Für ein Radiofeature über das Frauenbild im Film wurde sie mit dem Juliane Bartel Medienpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Carlsen; 4. Edition (22. März 2019)
Taschenbuch: 208 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3551317445

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Sprache und Haltung

In einer Woche ist Weihnachten und ich kann es irgendwie noch gar nicht ganz fassen, dass das so sein wird. Ich bin kein Weihnachtsfan, vielleicht, weil Weihnachten für mich mit wenig Geschichten, wenig Erinnerungen, wenig positiven Gefühlen verbunden ist. Ich erinnere mich nicht an die Feste, weiss nicht mehr, wie wir zusammensassen, ob und wie ich mich freute über etwas. Ich erinnere mich an nichts und somit verbinde ich nichts mit Weihnachten. Die Gründe dafür können vielfältig sein, vermutlich ist es eher ein Verdrängen als ein Vergessen, schlussendlich ist es irrelevant – es ist, wie es ist. Heute kommt noch etwas dazu bei Weihnachten: Es ist irgendwie ein „Von-allem-Zuviel“: Zu viele Geschenke, zu viele Termine, zu viel Hektik… und zu wenig Ruhe, Musse, wirkliche Besinnlichkeit, die man der Zeit doch immer auf die Fahnen schreiben will. 

Eigentlich komisch, dass ich dann kürzlich sagte, das sei wie Weihnachten, als mir was wirklich Gutes widerfuhr. Ich hatte Zeit und Musse, wirklich lange in einer Buchhandlung zu sein, mich durch Regale und Bücher zu bewegen, zu stöbern, zu versinken. Am Schluss lief ich mit einer wunderbar gefüllten Tasche und ganz viel Vorfreude auf das Leseerlebnis hinaus. Ich kann mich nicht daran erinnern, an Weihnachten früher so ein Gefühl gehabt zu haben. Vielleicht ist es das Gefühl, das ich gerne gehabt hätte. Aber noch eher ist es einfach eine spontane Sprachwendung ohne tiefere Wort-Bedeutung.

Vor nicht langer Zeit kam es zu Diskussionen, weil ein süsses schokoladeüberzogenes Schaumgebäck seinen Namen ändern sollte. Nachdem das N-Wort schon lange nicht mehr adäquat war, sollte es nun auch dem M-Wort an den Kragen gehen. Die Begründung dafür war einfach: Das Wort verletzt die Gefühle von Menschen mit schwarzer Hautfarbe, sie fühlen sich dadurch herabgesetzt und beleidigt. Man könnte meinen, dass so eine Begriffsänderung eine Bagatelle sei, dass es nicht wirklich wichtig wäre, wie das Ding heisst, solange es schmeckt. Weit gefehlt. Das habe man immer so genannt. Das habe nichts mit den sich verletzt fühlenden Menschen zu tun. Die sollen sich mal nicht so anstellen, zumal man ja nichts gegen sie habe, dies nur ein Wort sei. Aber das wollte man sich nicht nehmen lassen. Schliesslich, so die Argumentation, denke man sich ja nichts dabei. Und vermutlich ist gerade das das Problem.

Wir verwenden Sprache oft auf eine unbewusste Weise. Wir hängen an alltagssprachlichen Gewohnheiten, ohne wirklich hinzuschauen. Dass es da nicht ausbleibt, dass Begriffe unbedacht verwendet werden, liegt auf der Hand. Das hat bei einer Redewendung wie eingangs erwähnt wenig Konsequenzen, kann aber in anderen Fällen schwerwiegendere Folgen haben: Dann nämlich, wenn man Menschen durch verletzende Ausdrücke und Zuschreibungen abwertet und diskriminiert. Das sind Menschen, die sich ihre Identität(en) nicht ausgesucht haben, die damit geboren wurden und nun damit leben. Sie wünschen sich in ihrem So-Sein genauso angenommen zu sein wie alle anderen. Sie möchten als gleichwertige Menschen unter Menschen leben können, ohne Angst zu laufen, in ihrer Würde und ihrem Sein angegriffen zu werden.

Wird das alles zum Thema, hört man die immer gleichen Argumente: Es ist nicht böse gemeint, das sagte man immer so, man wolle sich den Mund nicht verbieten lassen. Mir stellen sich dabei zwei Fragen:

  1. Ist ein offensichtlich unangebrachtes Wort so viel Wert und so wichtig, dass es egal ist, wenn damit ein Mensch (eine ganze Gruppe von Menschen) verletzt, abgewertet und sogar entwürdigt wird?
  2. Ist Sprache nicht auch etwas Prägendes? Was ich sage, prägt mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln.

Wenn ich davon ausgehe, dass Sprache nicht nur einen Einfluss auf das Befinden des anderen hat, sondern auch auf mich als Sprechenden eine Wirkung ausübt, ist es umso wichtiger, mir dessen bewusst zu sein, was ich sage. Die Wahl der Worte, der bewusste Einsatz derselben kann mein Denken ändern und damit auch meine Haltung. Selbst wenn ich vordergründig wirklich nichts gegen Menschen habe, die ich mit einer unbedachten Sprache abwerte, würde in der Weigerung, diese zu ändern, sobald ich auf die Verletzung dieser Menschen durch mein Sprechen erfahre, ein latenter Angriff und eine Herabsetzung ihres Seins und Fühlens stecken. Und dann wäre es umso wichtiger, wirklich hinzusehen und etwas zu ändern. Die angemessene Sprache ist ein erster Schritt dahin.

Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen

Inhalt

«Erschöpfung ist kein individuelles Schicksal, sondern Ausdruck eines kollektiven Leidens, das auch gesellschaftliche und nicht zuletzt ökonomische Ursachen hat.»

Frauen haben in der heutigen Zeit so viele Möglichkeiten, wie wohl nie zuvor. Sie waren wohl auch noch nie so vielen Erwartungen ausgesetzt wie heute, und müssen gleichzeitig noch immer mit Benachteiligungen leben, die keiner rationalen Grundlage, sondern nur einer über Jahrzehnte gewachsenen Struktur geschuldet sind. Noch immer verdienen Frauen weniger, erwartet man von ihnen die Sorge um die Mitmenschen, oft auch als Gratisarbeit, sollen sie am besten gefällig, nett anzuschauen und möglichst angepasst sein.

Das stille sich Hineinfügen in die immer noch vorhandenen Ungerechtigkeiten aber auch der Kampf, etwas zu ändern, kosten Kraft, Kraft, die nicht unendlich vorhanden ist und die mehr und mehr ausgeht und Frauen in die Erschöpfung treibt.

Franziska Schutzbach schaut genau hin, thematisiert die Missstände, belegt sie mit eindeutigen Zahlen und zeigt so den dringenden Handlungsbedarf, der auch heute noch herrscht.

Weitere Betrachtungen

«Eine feministische Arbeit gegen die Erschöpfung ist eine Arbeit an Beziehungen. Wenn Menschen ihre Sehnsucht nach Bezogenheit und ihre Bedürftigkeit nach Umsorgung ernst nehmen, wenn sie zueinander in Beziehung stehen, können sie sich einander verletzlich zeigen – und auch erschöpft. Wenn Menschen in Beziehung stehen, können sie ohne Angst verschieden sein.»

Wir haben es noch nicht geschafft, Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht. Bücher wie dieses können dabei helfen, die Augen zu öffnen für die Missstände, die noch immer herrschen. Dass dies nicht das Anliegen eines Einzelnen sein kann, liegt auf der Hand. Wir leben in einer Welt, in welcher sich ein System über Jahrzehnte herausgebildet hat. Es liegen klare Rollenbilder vor, wie Frauen (und Männer) zu sein haben und wie sie behandelt werden (dürfen, wie die landläufige Meinung zu sein scheint). Es reicht nicht, wenn eine Einzelne in einer persönlichen Situation einfach reagiert, es bedarf des gemeinsamen Kampfs gegen diese Missstände, denn sonst wird sich nie etwas im Grossen ändern, sonst werden sich das System und dessen immanente Struktur nie zu einem Besseren verändern.

«Im Nachhinein wird ausgeklammert, welche Radikalität notwendig war, damit sich überhaupt etwas verändert, und dass Frauen für ebendiese Radikalität angegriffen und gehasst wurden.»

Franziska Schutzbach zeigt auf, wie Frauen in vielen Belangen des täglichen Lebens in ihren Ressourcen ausgenutzt, wie sie kulturell und sozial benachteiligt und in ihren Rechten beschnitten werden. Zwar haben wir durch den langen Weg der Frauenbewegungen schon einiges erreicht, aber wir sind noch nicht am Ziel. Dass es kein einfacher Weg war, zeigt die Geschichte, er wird auch jetzt nicht leichter werden, da die Privilegierten ungern auf ihre (unverdienten) Privilegien verzichten wollen und alles dransetzen, sich diese zu bewahren.

Franziska Schutzbach ist eine fundierte, gut recherchierte und informative Arbeit gelungen. Die Autorin verweist auf aufschlussreiche Studien und Schriften namhafter Theoretikerinnen und präsentiert die Ergebnisse auf eine gut lesbare und verständliche Weise. Entstanden ist so ein Buch, das zum Nachdenken und Weiterdenken und hoffentlich auch zur Tat anregt.

Persönlicher Bezug

«Wer sich öffentlich für feministische Anliegen ausspricht, sexistische Strukturen kritisiert und Fehlverhalten anspricht, ist mehr als nur Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt. Diese massiven Widerstände sind erschöpfend.»

Es war und ist nicht einfach, sich Feministin zu nennen, da man dann sofort in eine Ecke gedrängt und oft angefeindet wird. Die Reaktionen, die von Ignoranz über Belächeln bis hin zum Angriff und zur Beleidigung reichen, zeigen deutlich, wie viel noch im Argen liegt, denn wenn etwas so heftig abgelehnt und bekämpft wird, dann hat man in ein Wespennest gestochen, einen Missstand entdeckt. Es wird nichts bleiben, als weiterzumachen, Feminismus als wichtige Aufgabe und aktives Tun zu sehen, um den Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaft weiterzugehen. Ich hoffe, dass gerade auch Frauen merken, dass sie nur gemeinsam Erfolg haben werden, dass nur gelebte Solidarität und ein aktives Miteinander helfen, so eingefahrene Strukturen zu verändern. Leider mangelt es gerade daran oft.

Fazit
Ein wichtiges Buch über ein aktuelles Thema, das zum Nachdenken anregt. Ein Aufruf, weiterzukämpfen für eine gerechte Welt, in welcher Menschen nicht ihres Geschlechts wegen benachteiligt sind. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Droemer HC (1. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
ISBN: 978-3426278588

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Alois Prinz: Das Leben der Simone de Beauvoir

Inhalt

«Mit der Geburt beginnt für sie das ‘Drama eines jeden Existierenden’. Dieses Drama besteht darin, dass jedes Kind hineingeboren oder, existenzialistisch ausgedrückt, ‘geworfen’ wird in eine Welt, die ohne sein Zutun entstanden ist und die voller Erwartungen und Vorherbestimmungen ist. Gleichzeitig hat es einen natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und eigene Bedürfnisse und Wünsche auszubilden. Das führt zu einem Konflikt, der schon in den ersten Kinderjahren zu spüren ist und der sich in späteren Jahren zu Kämpfen um die eigene Identität steigern kann.»

Simone de Beauvoir wuchs in einem konservativen Haus voller Vorschriften und Verbote auf, in welchem klar geregelt ist, wie man sich zu verhalten hat, vor allem, wenn man ein Mädchen ist. Passt sich die junge Simone mehr und mehr an, wird zur gehorsamen, strebsamen Tochter, fühlt sie sich in dieser Rolle schon bald immer eingeengter und ein Wunsch wächst heran: Sie will frei sein.

«…Freiheit ist für sie ein Faktum. Jeder Mensch findet sich als freier Mensch vor. Für das Kind ist diese Freiheit noch verborgen, weil Eltern und Erzieher über es bestimmen und es noch keine Verantwortung kennt. Spätestens der junge Erwachsene muss sich dieser Freiheit stellen. Frei sein bedeutet zu erkennen, dass es keine absoluten Werte gibt, auch keinen Gott. Es bedeutet, dass das Leben keinen Sinn hat, sondern dass jeder Einzelne seinem Leben einen Sinn geben muss.»

Das Thema der Freiheit wird sie denn auch ein Leben lang begleiten. Daneben weiss sie auch bald, dass sie schreiben will, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und unabhängig führen möchte.

Ihr Weg führt über ein Studium der Philosophie hin zum Lehrerberuf, auf diesem Weg begegnet sie Sartre, mit dem sie das Leben lang in einer für die Aussenwelt merkwürdigen und darum immer wieder mit neuen Etiketten bedachten Beziehung lebt. Neben Sartre säumen viele Freunde und Freundinnen, Liebschaften und Lebensbegleiter ihren Weg. Sie setzt sich ein für das, was ihr wichtig ist, sie schreibt unermüdlich, sie reist viel, sie hinterfragt sich und die Welt, sie lebt das Leben, das ihr vorschwebt und macht aus dem, was sie in dieses Leben mitbringt das, was sie daraus machen will und kann. Damit lebt sie ihren eigenen existenzialistischen Gedanken, nämlich den, dass ein Mensch mit Voraussetzungen in diese Welt kommt und es in seiner Verantwortung liegt, was er daraus – und damit aus sich – macht.

Simone de Beauvoir sieht sich als Literatin, nicht als Philosophin. Das ist keine Abwertung für sie, wie es oft gelesen wurde, denn sie sieht in der Literatur die Möglichkeit, Dinge nicht abstrakt und theoretisch zu erörtern, sondern sie in die Lebenserfahrungen von Menschen einzubauen durch die Geschichten, die sie erzählt. Das tut sie aber auf eine so tiefgründige und kluge Art, dass les- und spürbar ist, was das Thema dahinter ist. Neben ihren Romanen ist Simone de Beauvoir auch Verfasserin einer Unzahl von Essays, Reiseberichten, eines Theaterstücks und mehr.

Weitere Betrachtungen
Alois Prinz erzählt das Leben von Simone de Beauvoir auf eine zutiefst menschliche, tiefgründige und lebendige Weise. Er stellt ihr Leben in den Zusammenhang der Zeit, erzählt von ihren Erfahrungen in dieser, von ihren Beziehungen, von ihren Sorgen, Nöten, Selbstzweifeln. Er zeichnet das Bild einer intelligenten, spannenden, sich ständig hinterfragenden, das Leben liebenden und lebenden Frau, welche mit Neugier und Ehrgeiz versucht, das beste Ich aus sich zu machen, zu dem sie fähig ist.

Simone de Beauvoir ist eine Frau, die ihr Menschsein ernst nimmt und die Aufgabe, die dies an sie stellt, aktiv angeht. Sie versucht, ihre (menschlichen und moralischen) Ansprüche umzusetzen, um als verantwortungsbewusste, selbstbestimmte, interessierte, engagierte und vor allem freie Frau das zu tun, was sie tun will: Schreiben.

Alois Prinz schafft es, dieses durchaus ungewöhnliche Leben ohne Sensationslust, Auf- oder Abwertungen, und moralischen Zeigefinger auf eine gut lesbare, kompetente Weise zu erzählen. Entstanden ist das Porträt einer Frau, welche einen für sich einnimmt. Es gelingt Prinz ebenfalls, die Beziehung zu Sartre darzustellen, ohne den oft vorherrschenden Stimmen, Schubladisierungen und Verurteilungen zu folgen.

Persönliche Bemerkungen
Simone de Beauvoir fasziniert mich, seit ich mich intensiver mit ihr befasse, immer mehr. Sie ist für mich eine Frau, die versucht, für sich und ihre Meinung einzustehen, dabei auch in Kauf nimmt, dass ihr Weg nicht immer nur leicht ist. Sie ist eine Frau, die von Unsicherheiten geprägt ist, trotzdem versucht, sich treu zu bleiben und die eigenen Ansprüche ans Leben zu verwirklichen. Wenn dieser Weg in die Irre geht, sie nicht die ist, die sie sein will, vertuscht sie das nicht, sondern steht hin und gesteht die eigenen Fehler ein. Mir gefällt ihre Sicht der Dinge, dass wir zwar ins Leben geworfen sind, das wir nicht aussuchten, dass wir es aber in der Hand haben, etwas daraus zu machen. Sie hat das nicht nur theoretisch beschrieben, sondern selber gelebt. Sie ist eine Frau mit vielen Widersprüchen. Und sie ist nicht zuletzt eine Frau mit einem grossen Herzen, eine tiefgründige Denkerin, eine fleissige Schreiberin.

Fazit:
Eine menschliche, tiefgründige, kompetente und Einsichten gewährende Biografie, der ein offener Blick auf eine tiefgründige und inspirierende Denkerin und Frau zugrunde liegt. Sehr empfehlenswert.

Alois Prinz
Alois Prinz, 1958 geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und lebt heute mit seiner Familie in Kirchheim bei München. Er veröffentlichte Biografien über Hermann Hesse, Ulrike Meinhof, Franz Kafka, Dietrich Bonhoeffer und andere. 2012 erschien sein Buch Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt, das sich über 130.000 Mal verkaufte.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 303 Seiten
Verlag: ‎ Insel Verlag; Originalausgabe Edition (10. Oktober 2021)
ISBN: 978-3458179412

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