Ernst Jandl: Mein Gedicht und sein Autor (Rezension)

Was einer tut, wenn einer dichtet

Dichtung, ausgelöst durch die Zusammenstösse eines Menschen mit der Umwelt; Dichtung, die mit dem Anlass, der sie auslöst, identisch ist; Dichtung, die den Menschen in den Ring stellt

JandlGedichtAutorKaum einer, der Ernst Jandls Gedicht von Ottos Mops nicht kennt. Kaum einer, der nicht darüber lachte, sich auch fragte, was den Dichter bewegt hat, ein solches Gedicht zu schreiben. Was bewegt einen Dichter überhaupt? Was macht Dichtung aus? Kann man es allgemein sagen?

Der vorliegende sechste und letzte Band der Neuausgabe der Werke Ernst Jandls vereint Aufsätze, Reden und Vorträge des Autors, darunter auch seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

In verschiedenen Statements lernt der Leser den Autoren besser kennen, erfährt über dessen Gedanken und Beweggründe für einzelne Gedichte, sein Leben als Lehrer, sein Schreiben als Kunst sowie seine Meinung zur Dichtkunst und ihre Situation. Neben seinen eigenen Gedichten analysiert Jandl auch einige seiner Partnerin Friederike Mayröcker, zeigt sowohl bei sich wie auch bei ihr auf, was ihrer beider Dichtung bewirken soll.

…stiftet der Dichter, der uns angeht, Unruhe dort, wo die einen die Furcht lähmt und die andern ruhig schlafen.

Neben diesen Statements finden sich Reden und Vorträge, gehalten anlässlich von Preisverleihungen sowie Laudationen. Autobiographische Texte runden den Band ab, sie enthalten neben Selbstporträts auch Einsichten, wie man einen Verlag findet als Dichter.

Wer mehr über diesen innovativen und kreativen, immer an der Sprache und an deren Wirkung interessierten Dichter erfahren möchte, der kommt an diesem Buch nicht vorbei. Müsste man einen Kritikpunkt anfügen, so ist das Layout eher gewöhnungsbedürftig. Das Verwenden einer serifenlosen, etwas grösseren Schrift lässt den Text sehr dicht wirken. Dass die Nachbemerkungen dann in der üblichen Serifenschrift daherkommen, lässt das Buch uneinheitlich wirken und der Grund für diese Schriftenwahl erschliesst sich nicht. Dies aber nur eine Bemerkung am Rande, die den Inhalt in keiner Weise schmälert.

Fazit:
Ein Muss für alle, die sich eingehender mit dem Dichter Ernst Jandl befassen möchten, die dem Autor von „Ottos Mops“ auf die Finger schauen und mehr über sein Denken und Arbeiten erfahren wollen.

Autor und Mitwirkende
Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren. Nach Schule, Militärdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er Germanistik und Anglistik. Von 1949 bis 1974 arbeitete er als Gymnasiallehrer. Seit 1952 schrieb und veröffentlichte er Gedichte, seit 1954 bis zu seinem Lebensende war er mit Friederike Mayröcker befreundet. Sein Werk wurde mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter 1968 dem Hörspielpreis der Kriegsblinden (gemeinsam mit Friederike Mayröcker), 1982 dem Mülheimer Dramatikerpreis, 1984 dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg-Büchner-Preis. 1995 erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis und ein Jahr danach das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Klaus Siblewski, geboren 1950 in Frankfurt am Main, lebt in Holzkirchen bei München. Er ist Verlagslektor, lehrt als Professor am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim und veranstaltet seit Jahren die „Deutsche Lektorenkonferenz“. Er hat u.a. die Werke von Ernst Jandl, Peter Härtling und Peter Turrini herausgegeben. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Die diskreten Kritiker. Was Lektoren tun“ (2005) und die Bände „Wie Romane entstehen“ (2008 zusammen mit Hanns-Josef Ortheil) und „Wie Gedichte entstehen“ (2009 zusammen mit Norbert Hummelt).

Angaben zum Buch:
Broschiert: 464 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (21. März 2016)
Herausgeber: Klaus Siblewski
ISBN-Nr: 978-3630874869
Preis: EUR 16.99/ CHF 25.90
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F. W. Bernstein: Frische Gedichte (Rezension)

Munter in die Welt gedichtet

Morgenstund
Wolkenballen, tonnenschwer,
schweben himmelhoch.
Nebelkrähen schreien heiser.
Solln se doch.
Nur bitte, wenn’s recht ist, etwas leiser.

Wunderbar satirisch, mit Witz und Humor dichtet sich Bernstein im vorliegenden Gedichtband durch die Welt. Egal, ob es sich um Tiere, das alltägliche Leben, Politik oder Musik handelt, er findet die richtigen Worte und verpackt sie in muntere Reime. Dabei versteigt er sich nie in die Tiefen des zu plakativen Witzes oder gar der Gassenhauer. Stilsicher spielt er die Klaviatur des gepflegten Humors, lässt den Leser schmunzeln.

So nimm denn, Freund, dir dieses Büchlein vor
und überprüfe Inhalt, Ton und Form.
Und wenn’s der Worte wert ist, dann besprich es
als etwas Gutes oder Wunderliches.
[…]

Die Gedichte überzeugen durch einen gekonnten Aufbau, durch zu Musik gewordener Sprache und Rhythmus. Die Frischen Gedichte sind ein Spätwerk, das von Munterkeit nur so strotzt und eines sicher tut: Gute Laune verbreiten.

Fazit:
Humor, Rhythmus und tiefgründige Munterkeit mit satirischem Einschlag. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
F.W. Bernstein gehört mit Robert Gernhardt, F.K. Waechter, Eckhard Henscheid u.a. zur legendären »Neuen Frankfurter Schule«. Er arbeitete für Pardon und Titanic und als Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der HdK Berlin. Er wurde mit dem »Göttinger Elch«, dem »Binding-Kulturpreis« der Stadt Frankfurt, dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, dem Wilhelm-Busch-Preis und dem Preis für Kunst und Kultur der Hans Platschek Stiftung ausgezeichnet. F.W. Bernstein, alias Fritz Weigle, Jahrgang 1938, lebt mit seiner Familie in Berlin.

Angaben zum Buch:
BernsteinFrischeGedichteTaschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann GmbH (15. Februar 2017)
ISBN-Nr: 978-3956141690
Preis: EUR 18/ CHF 26.90
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Limericks – mir war danach

Ich stiess als Kind
auf Limericks
und fand die dann
auch ach so toll.

Nur: Limericks,
die sind vorbei,
da ist man heut
so drüber weg.
Das ist heut halt
nicht mehr ganz hipp,
man wächst ja auch

– und sollte das!!! –

so über sich
hinaus – was sonst.

Das nennt man dann
laut Weitergehn –
und Schritt nach vorn,
so ist das heut.

Ich mache nun
nen Schritt zurück.
Und mach mal so
nen Limerick.
Mir war grad so
genau danach
und es hat sogar
viel Spass gemacht.

(Eine Einleitung – man kann sie singen, wenn man singen kann. Ansonsten liest man sie besser. Auch gerne laut. Wenn man laut lesen kann. Ansonsten lieste man sie besser leise. Zum Schutz. Der Umwelt.)

Et voilà:

Der mallorquinische Vamp
Da war noch die Frau auf Malle,
die hatte ne scharfe Kralle,
die war ganz pink
die war auch flink,
und krallt’ sich die Männer alle.

Der Geniesser
Es gibt diesen Mann aus Bern
den hatten sie alle gern,
er war ganz rund
und pumperlgsund,
er konnt’ sich Genuss nur schlecht verwehr’n.

Beruf und Privatleben sollte man trennen
Kennen’s Frau Horn aus der Pathologie?
Die sagte allen nur immer sie.
Sie hielt halt Distanz
und ging nie zum Tanz.
„Weil irgendwann sezier ich die!“

Namen sind Schall und Rauch
Es war mal ein Kamel im Zoo,
das nannten sie alle nur Boo.
Es hiess eigentlich Fritz,
das ist nun kein Witz,
aber es reimte halt einfach nur so.

Norbert Hummelt: Fegefeuer (Rezension)

Dem eigenen Leben auf der Spur

Ich trug einmal die züge meines vaters, sie waren leicht
zu tragen, ganz ohne gewicht; über die wiesen, bei den
wasserspiegeln, im ersten frühling, an den hellen tagen.
[…]

In seinem neusten Gedichtband ist Norbert Hummelt auf der Reise in seine eigene Vergangenheit. Er durchforstet seine Träume und verhaftet sie in den Realitäten seines Herkunftsortes, er sucht Stellen auf, an denen er als Kind gespielt hat, nimmt Kontakt zu seinem toten Vater auf und wandelt auf den Pfaden vergangener Lieben.

mein leben war zur hälfte schon vorüber
da ging ich einmal durch den dunklen wald
fand den rechten weg so bald nicht wieder.
[…]

HummeltFegefeuerDa es keine verbindlichen Regeln gibt für die Lyrik, ist ein Lyriker in der Pflicht, sein eigenes Regelwerk zu schaffen, sich seine Theorie, wie (s)ein Gedicht zu sein habe, aufzubauen. Wenn man die Entwicklung von Norbert Hummelt sieht, zeigen sich seine selber gesetzten Regeln, sein Anspruch an Dichtung deutlich. Immer aber stellt er die Form in die Pflicht des Inhalts, nie ist etwas einfach beliebig gesetzt, egal ob es sich dabei um Satzzeichen, Gross- oder Kleinschreibung oder auch metrisches Mass handelt.

Stilistisch ist Norbert Hummelt schon lange auf dem Weg der Loslösung des Verses von der Länge der Zeilen. Das Ziel, möglichst gleichlange Zeilen zu bilden, um so einen visuelles Ebenmass zu erzeugen, zeigt sich im vorliegenden Band deutlich. Dass es sich trotz des wie Blocksatz erscheinenden Schriftbildes keinesfalls um Prosa handelt, merkt man spätestens beim lauten Lesen: Wie Musik fliessen die Verse und zeigen: Da hat einer am Rhythmus gefeilt, bis nichts mehr stockte oder holperte – es sei denn, der Inhalt fordert es.

Fazit:
Sprache, die zu Musik wird, Gedichte, die dem Leben nachspüren. Ein wunderbares Buch und eine absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Norbert Hummelt wurde 1962 in Neuss geboren und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für seine Gedichte wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Preis, dem Mondseer Lyrikpreis und dem Niederrheinischen Literaturpreis. Er übertrug T.S. Eliots Gedichtzyklen „Das öde Land“ und „Vier Quartette“ neu in Deutsche und ist Herausgeber der Gedichte von W.B. Yeats. Bei Luchterhand erschienen seine Gedichtbände „Zeichen im Schnee“ (2001), „Stille Quellen“ (2004), „Totentanz“ (2007) und „Pans Stunde“ (2011) sowie der Essay „Wie Gedichte entstehen“ (mit Klaus Siblewski, 2009).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (24. Oktober 2016)
ISBN-Nr: 978-3630875217
Preis: EUR 18/ CHF 26.90
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Wie weiter?

Wo ich bin
kann ich nicht bleiben.
Was ich muss,
will ich nicht tun.
Was ich kann,
muss ich noch finden,
was ich darf
lässt keine Wahl.

Was ich will,
muss ich noch werden.
Was ich soll,
erdrückt mich oft.
Wer ich bin,
wird einmal sterben.
Was ich weiss,
ist einzig das:

Wo ich bin
kann ich nicht bleiben.

©Sandra Matteotti

Lebenssuppe

Wenn Tränen fliessen,
sich ergiessen
Bäche werden
in der Wanne des Lebens,
als Badesalz,
das in die Wunden
sich streut.

Wenn man platt
vom Leben gewalzt
am Boden liegt
und nur noch ein Wort
im Sinn ist:
flundernplatt.

Ist doch oft das Leben
der beste Lehrmeister
gerade dann,
wenn es ist, wie man es
nicht haben will.

©Sandra Matteotti

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2017_25-17_2_zwei

Für die abc.etüden, Woche 25.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Elke (elke-boehm.de) und lauten: Badesalz, flundernplatt, Lehrmeister.

Der Ursprungspost: HIER

Franz Hohler: Alt? (Rezension)

Einsichten beim Älterwerden

Täuscht du dich
oder zittert manchmal
die Hand ein bisschen
wenn du den Suppenlöffel hältst?
[…]

HohlerAltNachdem Franz Hohler vor 30 Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlichte mit dem Titel Vierzig vorbei, wendet er sich nun – aus gegebenem Anlass wohl – dem Thema zu, welches in der Prosa-Literatur eher ein Tabu ist: dem Älterwerden. Die Dichter befassen sich mehr damit.

Ob gereimt oder in lyrischer Prosa, immer bringt bringt Hohler die Dinge auf den Punkt. Die Verse erscheinen, als ob sie ihm einfach aus der Feder geflossen wären, so locker und leicht lesen sie sich, lassen sie sich laut vorlesen. Mal schaut Franz Hohler genau hin, nennt die Dinge beim Namen, mal verpackt er sie in Bilder, die dem so gern gemiedenen Thema Würde und Schönheit geben.

Da wirbeln sie
braun und vertrocknet
über die Dächer
drehen sich tanzend
[…]

Zwar ist das Bild des welkenden Blattes nicht neu, viele Dichter haben es verwendet, um das Alter zu beschreiben, trotzdem wirkt es nicht verbraucht oder zu herkömmlich. Eine wunderbare Melancholie zieht sich durch die Gedichte, nicht ohne dabei den Witz zu vergessen. Fragen werden gestellt und geschaut, was sein könnte, hätte sein können und noch ist. Das alles passiert in verschiedenen Sprachen: Deutsch, Französisch, Mundart, Englisch und sogar Altgriechisch – Ein wunderbares Potpourri.

Fazit:
Melancholie nicht ohne Heiterkeit, offengelegte und auf den Punkt gebrachte Einsichten zum Älterwerden, Tiefgang in Versform – ein wunderbares Buch. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren, er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über vierzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (27. Februar 2017)
ISBN-Nr: 978-3630875446
Preis: EUR 16/ CHF 23.90
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Bittersüsses Leben

Gefangen im dunklen Bunker der Ängste
krebs’ ich zurück und decke mich zu.
Was hier eingestürzt ist die längste
Zeit, machte so müde, nun such ich nur Ruh.

Träume vom Leben mit Farben und Sommer
blüten, so süss und so fein.
Es ist oft einfach Wunsch nur, ein frommer,
und doch kann’s so ab und an sein.

So ist wohl das Leben denn mitunter bitter
und süss auch mit Sonne, Gewitter
Wolken, die ziehen – und dann kommt der Knall.

Ich stelle mir vor, sie wären nur Decken, die
einhüllen, schützen, dass von den Blüten sie
Erinnerung sind, ein Nachhall.

©Sandra Matteotti

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2017_24-17_3_drei

Für die abc.etüden, Woche 24.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Sabine Wortgeflumsel (wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com) und lauten: Bunker, Sommerblüten, bittersüss.

Der Ursprungspost: HIER

 

Conrad Ferdinand Meyer: Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Conrad Meyer (1825 – 1898) hat dieses Gedicht 1882 verfasst. Sonst eher für seine melancholischen Gedichte bekannt, stimmt er hier eine positive Grundstimmung an. Das Gedicht gehört durch seine idealisierten Züge zur Epoche des Symbolismus.

Man sieht es vor sich, das kleine Segelschiff mit den zwei Segeln. Es tanzt auf den Wellen, Wind kommt auf, bläst eines der Segel auf und das zweite geht mit. In schneller Fahrt gleitet das Schiff nun dahin, die beiden Segel ziehen es zusammen in die gleiche Richtung, bestimmen zusammen das Tempo. Würde eines in eine andere Richtung ziehen, bestünde für das Schiff die Gefahr, zu kentern.

Das Gedicht nimmt den Inhalt in die Form auf. Es ist in einem regelmässigen Rhythmus geschrieben, drei Strophen mit je vier Versen, alle zweihebig mit Auftakt, nur der letzte Vers verzichtet auf denselben, wechselt den Rhythmus, so dass das Gedicht, das vorher den Segelschiffen gleich dahinglitt, auch formal zum Stehen kommt.

Das ist die eine, bildhafte Ebene, das, was dasteht. Darunter liegt aber natürlich eine zweite, eine, für welche die bildhafte Ebene als Metapher steht.

Wenn wir mit einem Menschen zusammen sein wollen, gilt es, sich diesen Segeln ähnlich zu verhalten. Nur wenn man in die gleiche Richtung schaut, das gleiche Ziel ansteuert, ergibt sich ein gemeinsamer Weg. Nur wenn einer auf den anderen Rücksicht nimmt, sich vom anderen berühren und mitziehen lässt, befindet man sich auf gemeinsamer Fahrt.

Vielleicht würde man gewisse Dinge alleine anders angehen, hätte auch mal andere Ziele, ist nicht immer einer Meinung – es hilft nichts: Wenn zwei auf Dauer in entgegengesetzte Richtungen steuern, verliert man das gemeinsame Ziel aus den Augen. So verlangt ein Miteinander immer mal wieder, nachzugeben, Kompromisse einzugehen. Es heisst, sich anzupassen, auch mal den Wind des anderen aufzunehmen und am gleichen Strick zu ziehen. Alles andere wäre ein Kräftezehren, ein ständiger Kampf und Wettbewerb, die schlussendlich das Beziehungsschiff zum Kentern bringen, weil sie das Ende der ruhigen Fahrt bedeuten würden.

Das heisst nicht, dass man sich selber aufgeben sollte. Jedes Segel steht trotz allem für sich und jedes Segel ist mal am Zug, die Richtung anzugeben, je nachdem, woher der Wind kommt. Das Schiff bewegt sich nur gut auf dem Wasser, wenn beide Segel für sich intakt sind, beide ihren Dienst fürs Ganze tun.

Dolchstoss

Eingeschlagen
mit Feuer und Schwert

gebrandschatzt
in Hof und Keller

DURCHBRUCH
leer und verletzt

Türen geschlossen
hermetisch zu

Mauern gezogen
um mich herum

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2017_23-17_2_zwei

Für die abc.etüden, Woche 23.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bernd (redskiesoverparadise.wordpress.com) und lauten: Kellerdurchbruch, hermetisch, brandschatzen.

Der Ursprungspost:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/06/04/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-23-17-wortspende-von-redskiesoverparadise/