Ein Halleluja für einen Klick

Social Media boomt. Wir bewegen uns darin und definieren uns darüber. Facebook, Twitter, Instagram – drei Programme, dasselbe Muster: Wer am meisten Klicks kriegt, ist der Sieger. Social Media ist das absolute Extrem der menschlichen Leistungsgesellschaft. Und: Social Media entlarvt sie auch – wenn man hinschaut.

Es gewinnt nie der Beste. Es gewinnt auch nicht der, welcher Sinn, Wert oder Inhalt hat. Es gewinnt der, welcher am besten netzwerkt. Wie netzwerkt man gut? Indem man liefert, was gefragt ist, verkauft, was gesucht ist. Qualität ist kein Merkmal. Wirklich begnadete Künstler haben gerade mal 100 Follower, Menschen mit Schminktipps und den ewig gleichen Einrichtungsbildern eine Million.

Nun kann man sagen: Das ist im Leben auch so, das ist doch nicht der Fehler von Social Media. Ich stimme dem zu. Es legt den Mechanismus einfach gnadenlos offen. Wenn man ihn denn sehen will.

Bedenklich wird er, wenn Menschen sich über diese Klicks definieren. Sie scrollen täglich durch die Bilder ähnlicher Kategorien und prüfen deren Klicks. Sie vergleichen und sehen sich im Rückstand. Und sie bewerten sich danach. Sie sind minderwertig. Offensichtlich. Es muss so sein, sonst klickten mehr. Dieses Kriterium könnte bei nicht mal sehr tiefer Recherche und Bewertung widerlegt werden, nur geht es schon lange nicht mehr um Sachlichkeit. Es sind Emotionen, die spielen – und: an diesen Emotionen hängen Bilder, Selbstbilder.

Junge Frauen stellen immer freizügigere Bilder ins Netz, hungern sich auf Kleidergrössen im bald Minusbereich, um mithalten zu können. Menschen verbiegen sich, basteln sich ein Image zurecht, um vor einem Haufen eigentlich fremder Menschen bestehen zu können, da nur deren Bestätigung den eigenen Wert definiert.

Man kann nun sagen, das sei nichts Neues, Menschen hätten schon immer anderen gefallen wollen. Das stimmt wohl. Wollte man früher aber der Gesellschaft der Menschen gefallen, die man kannte, sind es heute Millionen da draussen, für die man kaum weniger als ein kurzer Text oder eine gezielt positionierte Summe von Bildern ist. Ab und an geht es tiefer, keine Frage, und das ist wunderbar und das wirklich Tolle an Social Media. Gefährlich wird es, wenn wir unser Sein und unseren Wert auf diesen Klicks aufbauen – oder vernichtet sehen.

Who’s done it?

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Als ich kürzlich heimkam, hing am Anschlagbrett im Eingang unseres Hauses ein Zettel. Ein benutztes Kondom läge auf der Garagenmauer, welche den Garten von Nachbars säumt. Der Besitzer desselben solle doch bitte so gut sein, es zu entfernen. Des Weiteren beschwerte sich Nachbar über die Unverschämtheit, nach dem freudigen Nümmerchen den Freudenergussauffänger einfach aus dem Fenster zu werfen.

Mein durch viele Krimis detektivisch geschultes Hirn lief gleich auf Hochtouren. Zuerst lief ich raus und überzeugte mich selber von der Wahrheit des hier dargestellten Tatbestands. Und wirklich: Das Corpus Delicti lag gut sichtbar da. Ich blickte am Haus entlang nach oben und erstellte eine Liste der infrage kommenden Parteien – viele waren es ja nicht.

Ich stellte mir vor, was passiert sein musste, bevor das gute Teil da gelandet war, spulte allerdings ganz schnell vor zum Moment des Abschusses (also des Kondoms aus dem Fenster), da ich die Bilder im Kopf sonst nie mehr losgeworden wäre. Dann stellte ich mir vor, wie der noch nicht gefundene Sünder pflichtbewusst zur Garagenmauer lief, das gute Teil entfernte und dabei Gefahr lief, nun ertappt zu werden. Das erschien mir nicht wirklich realistisch.

Als ich heute heimkam, hing der Zettel nicht mehr. Wohl ein weiterer ungelöster Fall. Und: Vermutlich werde ich meine Nachbarn künftig mit ganz anderen Augen ansehen und im Kopf die Frage haben: Who’s done it?

So ein Frust

Wir kennen sie alle. Die Frustrationen des Alltags. Jemand reagiert, wie man es nie gedacht hätte. Die Dinge laufen ungünstig. Das Kind gehorcht nicht. Der Vater ist krank. Der Boss ein Idiot. An der Kasse drängelt einer vor. Im Bus stinkt der Sitznachbar. Ein Freund versetzt einen. Und man ist da. Und denkt:

Wieso ich? Wieso jetzt? Auch noch?

Und man steigert sich so rein und sieht sich als arme Wurst und das Leben als Schlachtplatte. Und man leidet. Und es gibt ein Wort dafür: Frust.

Doch: Was nun? Und wie kam es dazu? Meist hatten wir Vorstellungen, Erwartungen, Ansprüche. Die wurden nicht erfüllt. Daraus entstand der unliebsame Gast: Frust. Wir sehen uns um unsere Hoffnungen gebracht. Sehen uns in einer Lage, in der wir nicht sein wollten, weil wir uns idealerweise eine andere ausgemalt hatten. In bunten Farben, blumigen Formen, süssen Worten. Und nun war alles anders. Wir möchten schreien:

So geht das nicht, du Leben, du!!

Nur, es scheint zu gehen. Wir erleben es grad.

Nun erwartet man wohl die Lösung. Das, was all die wunderbaren Lebensratgeber bringen, die es auf dem Markt gibt. Ganze Regale füllen sie und werden gekauft. Alle versprechen, das Glück zu bringen. Man verkneift sich die böse Frage, wieso es so viele gibt, wenn einer schon glücklich machen will. Ich muss gestehen:

Ich habe die Lösung nicht!

Ich behaupte: Es gibt sie nicht. Das Leben ist, wie es ist. Es wird nie sein, wie wir es gerne hätten. Es hat seine Tiefen, seine Schwierigkeiten. Es hat Schlaglöcher auf dem Weg und Berge, die wir erklimmen müssen. Und ab und an kommt ein Sonnenstrahl durch das Nebeldicht. Und wir denken:

HA! Geht doch. Weiter so.

Wir denken dann, eine Strategie zu haben, wie wir alles ändern, nur: Das nächste Schlagloch kommt. Soll man nun verzweifeln? Bin ich Pessimist? Ich denke nicht. Ich sehe mich relativ realistisch. Ich glaube nicht an Alles-ist-möglich-Versprechen. Ich glaube auch nicht an DU-kannst-alles-haben-wenn-du-nur-genug-willst. Ich glaube an Das-Leben-ist-verdammt-hart-und-du-musst-damit-klar-kommen.

Kann man das? Klar kommen? Ja, offensichtlich. Tun ja viele. Einige immer glücksstrahlend. Andere kämpfend. Dritte hadernd. Aber klar kommen sie, sie leben. Das ist schon mal was. Und ganz viele tun das besser als ganz viele andere, die noch schlimmer dran sind. Ich möchte nicht allen hier sagen, sie sollen dankbar sein, weil es ganz vielen auf dieser Welt noch viel schlimmer geht – die Welt ist vielerorts im Elend, im Krieg. Es könnte schlimmer sein. Aber auch das Hier und Jetzt ist dann und wann schlimm. Wie damit umgehen?

Ich zeichne und schreibe dagegen an. Je düsterer die Tage, desto fröhlicher die Zeichnungen. Und ab und an sind sie auch düster, aber sie machen Freude, weil sie kreativ sind. Das ist nicht die Welt. Aber es sind meine Oasen im Alltag. Sie helfen, Kraft zu tanken. Für die anderen Zeiten. Das Leben mag hart sein. Aber es gibt Zeiten, wo wir grad nichts tun können. Wo nichts auf uns einprallt, wo nichts von uns verlangt wird. Wieso dann all das Leid, das sonst herrscht, wiederkauen? Wieso nicht dann den Moment nutzen? Und ihn geniessen? Und ihn als Kraftort sehen?

Der Rest kommt früh genug wieder, wieso nicht den Moment nutzen? Um mal zu vergessen? Zu geniessen? Zu sein? Hier? Jetzt? Und dann weitergehen – mit neuer Kraft.

Die Reise

Sie packte ihren Koffer. Nicht ordentlich, eher willkürlich. Sie griff, was ihr vor die Augen kam, und legte es rein. Schnell. Sie wollte endlich los. Dann schloss sie den Koffer und ging. Sie schloss die Tür hinter sich. Zweimal. Als ob sie mit der Tür noch mehr verschliessen wollte. Abschied nehmen.

Sie lief los. mit jedem Schritt schien sie freier atmen zu können. Der Druck auf ihrer Brust löste sich. Sie wusste insgeheim, dass es keine Reise war. Es war eine Flucht. Nicht hin. Weg. Getrieben. Nicht gezogen. Die letzten Wochen waren schwer gewesen. Alles hatte an ihr genagt.

Sie stieg in den Bus. Setzte sich. Sie war fast allein. An einem Sonntagmorgen schlafen die meisten noch. Oder sie sitzen mit ihren Familien am Früchstücksrisch. Sie nicht. Sie ging. Sie hatte schon lange daran gedacht. Immer, wenn ihr alles über den Kopf zu wachsen drohte, kam es in ihr hoch: „Bloss weg hier!“ Doch sie war nie gegangen. Bis jetzt.

Was war dieses Mal anders? War es einfach die immer grösser werdende Anspannung? War zu viel zusammengekommen? War das Fass nun übergelaufen?

War es richtig, was sie tat? Was würden die anderen denken? War das wichtig?

Sie sah nach draussen. Es war kalt. Die Autos waren mit einem weissen Film überzogen. Die Welt schien still zu stehen. Ruhe. Endlich. Kamine rauchten. Sie war müde. Ach so müde. Ihr Ziel erschien ihr plötzlich beliebig. Was sollte sie da? Und wie lange würde sie bleiben? Wie lange könnte sie bleiben? Und dann?

Sie wurde traurig. Und irgendwie auch hoffnungslos. Und dann sah sie klarer. Draussen ging die Sonne auf. Als der Bus seine Runde vollendet hatte, stieg sie aus. Sie lief nach Hause und schloss die Tür auf. Sie ging hinein.

Ich bin ich

Ich bin ich. So wie ich bin. Doch ab und an hadere ich. Und denke, was ich alles nicht kann. Dann frage ich mich, wieso andere können, was ich nicht kann und werte mich ab. Weil ich es nicht kann. Ich vergesse dabei, dass ich es nicht muss.

Ich bin ich. So wie ich bin. Doch ab und an hadere ich. Und denke, wer mich wohl nicht mag. Dann frage ich mich, wieso mich nicht alle mögen und was ich tun kann, wie mich ändern. Weil ich gefallen will. Ich vergesse dabei, dass ich es nicht muss.

Ich bin ich. So wie ich bin. Doch ab und an hadere ich. Und denke, wieso ich Menschen nicht mag. Dann frage ich mich, wo ich das Recht hernehme, was ich tun kann, es zu ändern. Weil jeder liebenswert ist. Ich vergesse dabei, dass das nicht für jeden so ist.

Ich bin ich. So wie ich bin. Doch ab und an hadere ich. Ich denke und setze Massstäbe danach. Dann frage ich mich, wer denen genügen könnte. Und merke nur, dass keiner es kann. Und während ich andern verzeihe, martere ich mich. Ich vergesse dabei, dass ich ich bin. Und bleibe.

Das Skandalöse stirbt – und wir damit

Ich lese viel. Und ich schaue auch gern fern. Kriterium: Es muss gut sein – für mich. Es muss eine Botschaft haben, Inhalt, mich berühren. Es muss Tiefe haben, eine Geschichte, und Personen, die mich fesseln. Ich muss mich einfühlen können und mitfiebern. Sie dürfen mir fremd sein, aber nicht irreal. Ich mag keine Eierköpfe und auch keine mit allen Problemen dieser Erde beladenen Charaktere. Ich mag das Leben, wie es ist – und ich will etwas darüber erfahren.

Vor einigen Jahren war ich an einer Vernissage. Ausgestellt waren die Bilder von Veit Relin, Exmann von Maria Schell. Einer der Besucher war Franz Xaver Kroetz, zwar schon geschieden von der Tochter des Künstlers, trotzdem noch im Kreis. Ich kam mit ihm ins Gespräch und wir diskutierten darüber, was die Literatur und das Erzählerische in heutigen Tagen so schwer macht. Wir fanden bald einen Nenner:

Die Skandale von gestern sind heute zum Gähnen.

Wir schaukeln uns hoch in unserem Blutrausch. Krimis werden immer brutaler. Reichte vor einigen Jahren ein Toter, müssen es heute 10 sein. Sah man damals einen Blutsee, ist es heute ein Massaker – drunter wirkt es nicht. Verfolgt man die Staffen von Criminal Minds, waren die Verbrechen schon immer perfid, aber die Blutmenge und die Perversion steigerten sich von Staffel zu Staffel.

Wir sind Junkies und wir stumpfen ab. Was früher Nervenkitzel war, weckt heute kaum noch ein müdes Gähnen. Und wer mithalten will, springt auf den Zug auf. Will man das nicht, bleibt nur noch, eine neue Form zu finden. Man setzt Zeit und Raum ausser Kraft oder irritiert den Leser sonst auf eine Weise, die er noch nicht kennt.

Wir streben nach Neuem, wir werden immer schneller müde und gelangweilt von dem, was wir kennen. Wir schauen nicht mal mehr genau hin – ein kurzer Blick, abgehakt, durchgewunken. Schliesslich sehen wir schon in den Nachrichten und all den Medien genug Leid – da muss Fiktion einen drauf setzen. Und so töten wir langsam die Fiktion – weil wir uns selber töten. In unserem Empfinden.

Vorsätze

Ich setze sie
so Jahr für Jahr –
und teilweis’ auch mal
zwischendurch.

Ich glaube dran
und will sie auch!
Sie leuchten ein,
sie klingen gut.

Dann sitz ich da
und überdenke,
sehe mich
und diesen Plan.

Und merke dann,
das bin ich nicht!
Ich lass’ sie fallen,
Stück für Stück.

Nun sitz ich da
und bleibe halt
die, die ich bin
bis nächstes Jahr.

Rezension: Lori Ostlund: Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

Die Suche nach dem eigenen Leben

Am liebsten wäre er sofort losgefahren, fand die Vorstellung, so spät noch aufzubrechen, dann aber doch nicht so gut. Dass der Transporter voll beladen in der Einfahrt stand, reichte schliesslich als Beweis seiner Absicht.

Aaron Englund ist 42 und er fängt ein neues Leben an. Er reist nach San Francisco, wo er eine Stelle als Sprachehrer für Fremdsprachige hat. Es ist das erste Mal, dass er einen Weg alleine geht, dass er tut, was er tun will, ohne sich von anderen leiten zu lassen oder sich denen anzupassen. Als Kind waren da sein cholerischer Vater und seine labile Mutter, denen er es recht machen wollte, später dann Walter. Walter lernte er kennen, als er noch ein Teenager war, und er lebte über 20 Jahre mit ihm zusammen.

Walter sah aus dem Fenster, eine gefühlte halbe Ewigkeit lang. „Ich habe dich gerettet, Aaron“, sagte er schliesslich. Sein Kopf sank auf die Tischplatte, schwer von Erinnerungen.

Aaron war dankbar für alles, was Walter für ihn gemacht hatte. Walter hatte ihn gerettet, aber in dieser Rettung lag auch eine Verpflichtung. Diese prägt die Rollen in einer Beziehung. Aaron musste diese Ketten sprengen.

…dankbar zu sein und Dankbarkeit abverlangt zu bekommen, waren zwei Paar Schuhe.

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort ist die Geschichte eines Mannes, der sich auf die Suche nach sich selber macht. Er lässt sein ganzes Leben hinter sich, wobei sich mit der Zeit die Frage stellt, was genau SEIN Leben war. In Rückblicken erfährt man mehr über seine Vergangenheit: Eine trostlose Kindheit geprägt von einem Vater, welcher mit seiner cholerischen Art mehr Schrecken als Halt war und geprägt von einer Mutter, welche ihn eher als Last denn als Freude sah und irgendwann einfach weg war. Später dann ein Leben geprägt von Walter, der ihn gerettet hatte und fortan sein Leben bestimmte. Er tat dies nicht dominant oder gar bösartig, es waren einfach die Rollen, in welche die beiden gewachsen waren.

Aaron ist ein stiller, eher passiver Charakter, der die Menschen zwar mag, sie aber kaum an sich ranlässt. Trotzdem trifft er immer wieder auf welche, die sich ihm annehmen und ihm helfen. Aarons Leben richtet sich immer wieder in gefestigten Bahnen ein, denen er dann getreu folgt, das ändert auch nach seinem Ausbruch in eine eigene Welt nicht. In vielen Rückblicken erfährt man als Leser, was Aaron in seinem Leben schon alles erlebt hat – und es ist viel. Fast ein wenig zuviel in der Summe. Fast mutet es an, als ob man sämtliche menschlichen Schwierigkeiten in Aarons Geschichte vereint habe: ein überdominanter Vater, eine labile Mutter, fanatisch religiöse Verwandte, körperliche Strafen, Sinn- und Selbstsuche, der Umgang mit der eigenen Homosexualität und einiges mehr.

Lori Ostlund hat eine tiefgründige, philosophisch und psychologisch dichte Geschichte in eine klare, leise und flüssig lesbare Sprache gepackt. Es ist ihr gelungen, vor allem den Protagonisten fass- und erlebbar darzustellen. Mitunter ist die Geschichte etwas langatmig, auch geschieht der Wechsel zwischen den Zeiten oft gar abrupt, indem einfach ein Satz aus einer anderen Zeit in die aktuelle Erzählzeit eingebaut wird. Trotzdem ist es ein sehr eingängiges Buch, eines, das tief geht und nachhallt.

Fazit
Die tiefgründig und einfühlsam geschriebene Geschichte eines Mannes, der sich aufmacht, sein eigenes Leben zu suchen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor und Übersetzer:
Lori Ostlund wuchs in Minnesota auf. Nach ihrem Studium in Minnesota und New Mexico arbeitete sie als Antiquitätenhändlerin und Englischlehrerin, u. a. in New Mexico, Spanien und Malaysia. Ihr Erzählungsband ›The Bigness of the World‹ erschien 2009 bei University of Georgia Press und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Flannery O’Connor Award for Short Fiction. ›Das Leben ist ein merkwürdiger Ort‹ ist ihr erster Roman. Lori Ostlund lebt und schreibt in San Francisco.

Pieke Biermann, geboren 1950, studierte Deutsche Literatur und Sprache bei Hans Mayer sowie Anglistik und Politische Wissenschaft in Hannover und Padua. Sie lebt in Berlin und ist seit 1976 freie Schriftstellerin und Übersetzerin, u.a. von Stefano Benni, Andrea Bajani, Dorothy Parker, Anya Ulinich, Tom Rachman und Ben Fountain. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet, drei Mal erhielt sie den Deutschen Krimipreis.

Angaben zum Buch:
ostlundlebenGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (26. August 2016)
Übersetzung: Pieke Biermann
ISBN: 978-3423280778
Preis: EUR: 22 ; CHF 28.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Jahresrückblick – erster Teil

Gestern kam es eiskalt über mich: Es ist so weit. Zeit, in mich zu gehen und zurückzublicken. Auf das Jahr, das war. Ich erinnere mich noch gut an letztes Jahr. Ich dachte, dass es schlimmer nicht kommen könne, was schon fast eine positive Sicht war. Zumindest eine Hoffnung.

Es kam anders. Das laufende Jahr war wohl das härteste, das ich je erlebt habe. Und das auf allen Ebenen. Und trotzdem musste es immer irgendwie weiter gehen. Und es ging weiter. Das allein ist schon ein Gewinn. Zu sehen, dass man Dinge bewältigen kann, dass einen nichts unterkriegen kann. Natürlich hätte ich gerne auf den Beweis verzichtet, ich hätte gut ohne leben können. Aber nun denn. Es kam, wie es kam. Und ich (er-)trug es.

Mein Leben ist nicht schlecht. Ganz vieles ist sicher ganz gut. Anderes weniger. Man neigt natürlich dazu, das zu sehen, das plagt. Der Rest ist gut, den sieht man nicht. Muss man ja nicht, denn er funktioniert ja. Es bleibt der Fokus auf dem, das Einsatz fordert. Und das ist meist das, was runterzieht. Nur: Wenn der Blick nur noch auf der Abwärtsspirale ist, wo soll die Kraft herkommen, oben zu bleiben? Das klappt nicht.

Ich bin also dankbar dafür, dass ich immer wieder all das sehen konnte, was gut war. Und da gab es doch einiges. Manchmal ganz kleine Dinge, manchmal wunderbare Gesten von wundervollen Menschen. Ab und an einfach so eine Blume am Wegesrand, dann wieder ein liebes Wort. Sie waren wir Knaufe an einer Kletterwand. Der Abgrund war da, aber ich hielt mich, weil sie mich hielten. Und ich einen nach dem andern fassen konnte.

Und da stehe ich nun. Und blicke zurück. Es war kein schönes Jahr. Kein einfaches Jahr. Es war grausam und einiges steht noch bevor. Und doch. Es gab viel Schönes. Und das hat mich gehalten. Ich hielt mich daran. Und das Schöne geht weiter. Und ich möchte es weiter sehen.

Ich möchte

Ich möchte
verrückt sein
auf Tischen tanzen
einfach tun
nicht überlegen.

Ich möchte
Worte schreiben
keine Leser denken
einfach reihen
Wort an Wort

Ich möchte
Bilder malen
Farbe setzen
zeichnen
ohne Perspektive.

Ich möchte
Witze machen
nie verletzen
frei sein
ohne Grenzen.

Und dann träume ich…

Und dann träume ich. Von einem Leben. Wild und ungebändigt. Und ich gehe los. Und lebe. Einfach so. Ohne die Grenzen. Ohne die Beschränkungen. Ich tue. Was ich tun will. Und geniesse. Ohne hinterfragen. Ohne zögern. Oder zweifeln.

Und dann träume ich. Und ich bin glücklich. Im Traum. Denn ich tue. Was ich tun will. Und muss. Weil ich ich bin. Und sein muss. Und sein will. Ich bin nicht perfekt. Aber ich bin so. Ohne Krone. Einfach ich.

Und dann kommen sie. Die Fragen. Zweifel. Das Zögern kommt hinterher. Erst zögerlich. Dann schnell. Und schneller. Im Gleichschritt. Mit den Zweifeln. Ob ich kann. Was ich will. Ohne zu tun. Was ich muss. Oder denke. Zu müssen.

Und dann
wache ich auf.

Rezension: Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd

Das Leben, die Liebe und andere Banalitäten

Zu diesem Zeitpunkt bin ich zweiundzwanzig. Der Umstand, erwachsen zu sein, gefällt mir ausserordentlich. Aber ich weiss in Wahrheit überhaupt nicht, was ich will, einmal in diese Richtung, dann in die andere, einmal alles, einmal nichts. Und immer fühlt es sich absolut richtig an.

Julian ist 22, Tiermedizin-Student und frisch getrennt von seiner Liebe, von Judith. War die Trennung richtig? Wichtig? Auf alle Fälle bringt sie viele Umtriebe mit sich, unter anderem Geldsorgen, die er durch einen Ferienjob zu beheben sucht: Er übernimmt die Pflege eines Zwergflusspferdes.

Während Julian mit dem Leben hadert, ist das Flusspferd diesem gegenüber mehr als entspannt, es gähnt, frisst, furzt, suhlt sich im Dreck und schläft. Julian mag das Flusspferd. Er mag auch dessen Besitzer, Professor Beham und noch mehr mag er dessen Tochter, Aiko. Trotz dieser doch positiven Gefühle ist die ganze Geschichte alles andere als einfach.

Selbstporträt mit Flusspferd ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von der Liebe und vom Leben. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der sich und seinen Platz in der Welt sucht und sich dabei vor immer neuen Herausforderungen sieht.

Arno Geiger beschreibt auf einfühlsame Weise den Weg eines jungen Mannes auf dem Weg zu sich selber. Die Geschichte ist nicht mit-reissend oder emotional packend, aber immer menschlich, einfühlsam, tiefgründig und ab und an mit einer Prise Humor versehen. Man begleitet Julian gerne beim Erwachsenwerden und erkennt dann und wann auch Fragen, die sich wohl das ganze Leben über wieder stellen.

Gegen Ende nehmen (für den Geschichtshergang unnötige) politische Ereignisse aus den Nachrichten zu viel Platz ein. Blendet man diese aus, bleibt eine ruhig fliessende, stilistisch gelungene und schön lesbare Geschichte.

Fazit:
Ein stilles und einfühlsames Buch. Ein Buch, das einen auf die Reise des Erwachsenwerdens mitnimmt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Arno Geiger
Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, wuchs in Wolfurt/Vorarlberg auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 ist Arno Geiger als freiberuflicher Schriftsteller tätig und nahm 1996 und 2004 am Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. 1997 debütierte er mit dem Roman Kleine Schule des Karussellfahrens. 1998 erhielt er den New Yorker Abraham-Woursell- Award, 2005 für Schöne Freunde den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Deutschen Buchpreis für Es geht uns gut. 2008 wurde ihm der Johann Peter Hebel-Preis verliehen, 2011 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Arno Geiger lebt in Wolfurt und Wien. Ebenfalls von ihm erschienen sind Alles über Sally und Der alte König in seinem Exil.

Angaben zum Buch:
geigerselbstportratTaschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (14. Oktober 2016)
ISBN: 978-3423145268
Preis: EUR: 10.90 ; CHF 14.90
Zu kaufen in einer Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH