Moral, Künstler und Kunst

Wir haben als Menschen gewisse moralische Grundsätze. Die besagen, was geht und was eben nicht geht. Das ändert mit der Zeit, ist auch nicht an allen Orten gleich, aber Menschen, die zur gleichen Zeit im gleichen Kulturkreis leben, teilen mehrheitlich dieselben moralischen Grundsätze.

Seit es Menschen gibt, gibt es auch Kunst – in irgendeiner Form. Über Sinn und Zweck derselben streitet man zwar ab und an, aber jeder geniesst sie in irgendeiner Form und das ist Grund genug, sie weiterleben zu lassen. Kunst wird von Menschen produziert, wir nennen sie Künstler. Da sie aber Menschen bleiben, haben sie auch menschliche Eigenschaften – und damit ihre Abgründe. Was, wenn ein solcher Abgrund offengelegt wird? Was, wenn plötzlich ein Künstler einer Tat bezichtigt wird, die unseren moralischen Grundsätzen widerspricht? Betrifft das nur sein Menschsein oder aber auch seine Kunst?

Darf man Kunst eines Menschen, der sich moralisch verwerflich verhielt, noch geniessen?

Polanski hat Mädchen sexuell ausgenutzt. Weinstein stand vor kurzem am Pranger. Nun haben wir noch Kevin Spacey, Michael Jackson stand praktisch immer unter Verdacht. Das sind ein paar Namen, die mir grad einfallen, es gibt sicher viele mehr und: Es gibt ganz sicher eine enorme Dunkelziffer. Denn die Namen kennen wir ja erst, wenn jemand redet. Die Maschinerie des Schweigens funktioniert oft gut. Zu gut.

Wenn wir alle Filme von Filmproduzenten, welche übergriffig wurden, boykottieren, fällt schon mal eine grosse Bandbreite weg – darunter Filme, die Kultstatus erreichten (gerade fällt mir noch Woody Allen ein….Bing Crosby). Es gibt ja auch nicht nur Missbrauch – was ist mit Scientology? Würde man Sekten verurteilen moralisch, wären alle Filme mit Anhängern der Sekte tabu. Und: Gilt nur Moral oder auch Recht? Wie ist es mit Steuerhinterziehung? Betrug (in welcher Form auch immer)?

Der Ruf zum Boykott ist verständlich. Man will keinen Menschen „belohnen“, der sich unmoralisch verhalten hat. Man will keinem in die Hände spielen, der Blut an diesen kleben hat. Man möchte integer sein. Man hat Werte. Ansprüche. Und das ist gut so. Nur so funktioniert ein Miteinander, eine Gesellschaft. Aber:

Die Welt ist nicht schwarz-weiss, sie hat leider ganz viele Schattierungen und die machen es verdammt schwer, in ihr zu leben und zu urteilen. Auch einer, der moralisch ein Schwein ist, kann einen künstlerischen Blick auf Dinge haben, der toll ist, der tief ist, der wahr ist. Wenn man diesen anerkennt, akzeptiert man nicht gleich sein moralisches Vergehen mit.

Das Kunstwerk entstand nicht im luftleeren Raum. Es entstand in und durch den Menschen, der durch sein anderes Tun ein Ekel, ein unmoralischer Mensch, ein Betrüger oder was auch immer ist. Aber wenn er es geschaffen hat, steht es auch für sich. Als Kunst. Das vollendete Werk ist vom Künstler losgelassen. Er wendet sich dann Neuem zu. Das sagen ganz viele Künstler über ihre Werke: Sie brüten und schaffen – dann lassen sie los. Und dann passiert ja auch viel damit durch die Reaktionen der Betrachter. Das Werk gehört quasi ihnen, da sie dann daraus durch die Rezeption was machen.

Drum schaue und höre ich mir weiter Werke von Künstlern an, die ich moralisch fragwürdig finde. Ich neigte noch nie zum Fan-Kult. Mir ist relativ egal, wer hinter einem Werk steht. Entweder es überzeugt mich oder nicht. Das gibt den Ausschlag, ob es meine Zeit wert ist – oder nicht. Wie haltet ihr das?

Was wäre wenn…

…und ab und an… würde ich gerne die Uhr zurück drehen. Und dann würde ich besser aufpassen in der Schule. Ich würde alles mitnehmen, was man lernen könnte. Ich wäre gerne der Superstreber. Der, welcher alles weiss, immer da ist, ganz präsent. Brav.

Das war ich nie. Vieles interessierte mich schlicht nicht, weil ich es (für mich) nicht für relevant hielt. Das liess ich dann auch die Lehrer wissen. Ich war wohl unbequem. Ich setzte meine Prioritäten. Leistete natürlich auchEinsatz, aber nur gezielt. Ich hätte wohl mehr profitieren können. Von so vielem. Das denke ich. Ob es so ist? Ich weiss es nicht. Ich habe es schlicht nicht gelebt.

Schlussendlich bin ich der Überzeugung, dass man nur da Erfolg hat, wo man mit ganzem Herzen dabei ist. Aber: Um dahin zu gelangen, braucht es einen gewissen Einsatz. Erst dann sind Wege offen. Viele. Nicht alle. Wege brauchen Mut. Mut, sie zu gehen. Wer sich nur ausmalt, was er gerne hätte, wird nie an ein Ziel gelangen, da er nie den ersten Schritt tut. Er wollte nur, machte nicht. Träumte nur, ging nie. Gehen braucht Mut. Ab und an muss man dabei auch Kompromisse eingehen, um auf den Weg zu gelangen und da zu bleiben. Aber eines bleibt: Man muss gehen.

Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Und ja, vielleicht gingen vor diesem Schritt einige Schritte oder ganze Wege in die Irre. Deswegen nun zu sagen, ich fürchte mich, diesen Schritt zu gehen, ist nie eine Haltung, die an ein Ziel führen kann. Damit plädiere ich nie für eine haltlose Träumerei oder blindes Drauflosgehen, das wäre aussichtslos, aber das Verharren in althergebrachten und nichts bringenden Mustern ist es ebenso.

Ent-Lastung

Ich habe ja schon einige Beiträge zum Thema Minimalismus geschrieben, ein Thema, das ich spannend finde, und das ich für mich anpassen möchte. Ich bin im Leben oft umgezogen und habe da immer auch ausgemistet – vieles nahm ich aber auch mit. Und ich nahm nicht nur viel mit, ich legte auch Dinge zu – oft um des Habens Willen.

Ich versuche schon ganz aktiv, meine Einkäufe mehr zu hinterfragen. Ich habe aber auch die letzten Tage dazu genutzt, nochmals auszumisten, Dinge zu finden, die nur da sind, ohne gebraucht zu werden. Auch Dekoartikel, die nur Staub fangen, aber keine Bedeutung haben, ausser, dass sie Platz in der Wohnung einnehmen. Minimalismus ist wohl auch ein Stück weit Mut zur Lücke. Wenn ich gewisse Dinge weglegte, hinterliessen sie ein Loch. Da war nichts mehr. Das muss man auch aushalten, wenn man vorher Lücken kategorisch auffüllte.

Hat unser Kapitalismus, unsere Sammelwut, unser Einkaufsverhalten nicht überhaupt ihren Ursprung in einer Lücke? Es fehlt was (und meist nicht das, was man sich dann zulegt) und man will die Lücke stopfen. Drum zieht man los und kauft. Man vergisst schnell die Lücke im Leben, füllt eine in der Wohnung und fühlt sich kurzfristig gut. Danach sieht man das Gekaufte kaum mehr an, die Lücke im Leben ist noch da und wird unter Umständen erneut gefüllt.

Natürlich hat man Gründe, die weniger psychologisch klingen. Interior Design, Halloween-Deko oder die Einstimmung auf Weihnachten klingen gut. Auch neu entdeckte Hobbies, für die man das nötige Equipment haben muss, eignen sich gut als Grund.

Unterm Strich ist alles dasselbe. Und das flog heute. Auch Bücher waren drunter. Ich habe sie über viele Jahre in Regalen gehortet, Regale, die mittlerweile alle freien Wandstellen zudecken. Und sie sind alle voll gefüllt mit Büchern. Also sie waren. Die Lücke sieht ungewohnt aus. Aber ich hätte die Bücher nie mehr gelesen. Sie gehörten zu meinem Leben, aber zu einem anderen Teil davon. Es war ein guter Teil, aber er ist Geschichte.

Das Ausmisten tat gut. Ich bin wahrlich alles andere als ein Putz- und Aufräumteufel, aber: Die Aktion hat sich wirklich gut angefühlt. Und ich mache weiter. Ich liebe Bücher, ich liebe Deko-Artikel. Aber sie sollen zu mir einen Bezug haben. Klassiker der Literatur sind wertvoll. Darin finden sich Welten, solche, die man entdecken kann, wenn man liest, Welten, in die man eintauchen kann. Es sind Welten, die überdauern. Sie sollen bleiben. Ich werde sie nicht alle nochmals lesen, aber die Chance besteht, dass ich einige davon wieder lese.

Eigentlich braucht man im Leben ganz wenig. Ich möchte mich nicht darauf beschränken. Aber ich möchte mich auch nicht mit Dingen umgeben, die nur da sind.

Es ist nicht die Menge, die zählt, es ist der persönliche Wert!

Sexismus oder Kompliment?

Sexismus ist im Netz ein grosses Thema. Immer wieder gibt es Aktionen, Hashtags, Menschen, die sich öffnen, persönliche Erlebnisse erzählen. Eine Frau schrieb unter dem Hashtag #sexismus über ein Erlebnis mit einem Mann, der ihr sagte:

Du hast einen tollen Po.

Einfach so beim Vorbeigehen im Büro. Ich las das nicht selber, ich las die Empörung von ganz vielen Menschen, mehrheitlich Männern. Das sei doch nur ein Kompliment. Man fragte sich, wo das alles noch hinführen solle. Man(n) zeigte sich entsetzt und machte sich über die Schreibende lustig.

Ich habe dieses „Kompliment“ auch schon gehört. Ich arbeitete neben dem Studium in einem Pub hinter der Bar. Und nein, es fühlt sich nicht gut an. Es ist kein Kompliment, es hat einen Beiklang. Etwas Anzügliches. Und nein, ich bin nicht geehrt, wenn ein Typ auf meinen Hintern starrt und diesen nachher taxiert.

Sowas aber auch. Arme Männer? Meinten es ja nur gut? Wollten doch nur nett sein? Nein! Sie haben sich nix gedacht, zumindest nicht mit dem Hirn. Würde sich ein Mann geehrt fühlen, wen ich ihm sagte:

Der Abdruck in deiner Hose deutet auf ein beachtliches Stück hin.

Ich weiss es nicht. Vielleicht der Eine oder Andere schon. Ich fände einen Mann, der sich durch so ein „Kompliment“ besser fühlt, nicht wirklich prickelnd. Denn das wären wohl genau die, welche solchen doofen Sprüche über den Hintern einer Frau von sich gäben.

Vaterschaftsurlaub ade – oder: Sprache wörtlich genommen

Kürzlich hat unser Bundesrat entschieden, Vaterschaftsurlaub gebe es nicht. Zu teuer wohl. Die Enttäuschung in vielen Kreisen war gross. Einige meinten dann, man sollte statt dessen Elternzeit gewähren. Auch dagegen kamen gleich Stimmen, da ja doch die Frau das Kind kriege.

Ich persönlich finde die Bezeichnung Elternzeit gut. Schlussendlich werden zwei Menschen Eltern. Klar muss sich die Frau körperlich erholen, aber dann? Soll der da sein dürfen, der es will und kann im individuell gelebten System. Gesichert sollte in meinen Augen vor allem eines sein: Einer der Elternteile ist für das Kind voll da.

Was mich viel mehr erstaunt und befremdet: Man nennt das Vaterschafts- oder Mutterschaftsurlaub. Urlaub? Kinderbetreuung ist Urlaub? Ich bin wahrlich kein Fan der Goldwaage, aber da wird ein Bild zementiert, das schlicht nicht akzeptabel ist.

Ja, wir leben in einer Welt, in der nur Arbeit zählt, die man für Geld ausser Haus erledigt. Wir leben in einer Welt, die ohne Gratis-Arbeit von vielen Frauen in der Betreuung von Familienmitgliedern – die Bandbreite reicht von kinderbetreuenden Müttern über ebensolche Grossmütter hin zur Altenpflege von bedürftigen Anverwandten – nicht auskommen könnte. Aber:

Nicht nur, dass man sie nicht wertet, wenn es darum geht, zu belegen, was man geleistet hat, man benennt es als Urlaub. Wir haben noch viel zu tun. Nicht nur in Sachen Gleichberechtigung, sondern auch darin, Leistung von monetären Gegenleistungen zu trennen und den Wert für die Gesellschaft, den Wert an sich zu sehen. Und anzuerkennen.

#me too

In den Sozialen Medien kursiert mal wieder ein neuer #Hashtag.

#metoo

Es geht darum, aufzuzeigen, wie weit verbreitet sexuelle Übergriffe sind auf dieser Welt. Wir geben uns so aufgeklärt, wollen so weit schon sein in Sachen Gleichberechtigung. Und doch gibt es sie. Und das öfter, als man es sich träumen liesse:

Sexuelle Übergriffe

Sie finden statt und sie tun es meist im Verborgenen. Die Gründe, wieso man damit nicht hausieren geht, sind mannigfaltig: Scham, Unterdrückung, mangelnder Selbstwert, Angst und viele mehr.

Ich finde es gut und wichtig, werden diese Themen endlich öffentlich angesprochen. Es ist schwer. Es ist unschön. Es macht Angst. Es geht tief. Und: Man weiss nicht, was nach einer eigenen Äusserung auf einen zu kommt.

Das wusste man schon nicht, als es passierte. man war ausgeliefert. Einer Handlung, die über einen kam, ohne dass man es wollte und oft ohne, dass man sich dagegen hätte wehren können. Und: Wenn man sich wehrte, stiess man auf Fronten. Widerstände.

Bei #metoo geht es nur drum, aufzuzeigen, dass es viele sind, denen es passierte. Es geht um die Demonstration des Ausmasses. Damit soll ein Bewusstsein geweckt werden, wo wir stehen in unserer Welt. Nur: Das verstehen viele nicht. Einige belächeln es, andere wollen es für sich benützen. So finden die einen, dass es nichts brächte, die anderen fordern, man solle ihnen doch bitte einen Artikel liefern, Namen nennen – ganz vertrauensvoll.

Nur haben weder die einen noch die anderen sich die Mühe gemacht, hinzusehen, worum es überhaupt geht. Es sind verdammt viele Menschen in dieser grossen Welt, die sexuell angegangen wurden. Schlicht, weil jemand dachte, in einer Position zu sein, in der er sich das leisten konnte. Er hatte die Macht und jemand brauchte oder wollte etwas.

Was ich hier ganz oft höre:

Wieso hat man sich nicht gleich gemeldet?

Es liegt auf der Hand. Eine Schauspielerin, die den Produzenten angeht nach einem Film, wäre gleich abgestempelt. Sie machte die Beine breit für die Rolle. Alles, was sie beruflich geschaffen hätte, stünde unter einem Hochschlafverdacht. Sie als Mensch wäre käuflich und damit minderwertig. Kaum einer ginge den Produzenten an, der darauf setzte. Wieso? Weil die meisten Menschen in der Rolle der Suchenden und nicht der Gebenden sind. Dass jemand was schaffte, muss Abgründen geschuldet sein, ansonsten müssten wir uns selber hinterfragen. So können wir auf unsere ethischen Werte setzen bei der Begründung eigenen Misserfolges.

Böse? Ja, wohl schon. Aber auch menschlich. Wir versuchen, unser Leben vor uns und nach aussen zu rechtfertigen. Wir greifen dabei auf Muster zurück. Muster sind – liegt in der Natur der Sache – immer von Gestern. Und genauso haften gewisse Verhaltensmaximen in den Köpfen. Drum gehen solche Dinge heute noch.

Wer also meint, solche #hashtag-Aktionen taugen nix: Sie bilden Boden. Auf diesem können Werte wachsen. Werte, die im neuen Boden neu gesät werden. Das passiert nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit. So fing aber alles an. Eine ging studieren. Und eine bewarb sich um ein Amt. Und eine…

Man muss nicht immer Namen nennen. Ab und an reicht es, hinzustehen und zu zeigen, was ist. Damit wächst ein Bewusstsein. Und dann kommt ein Umdenken. Mit der Zeit.

Ganz traurig sind im Ganzen aber Journalisten, die finden, das brächte nix, man würde besser Namen nennen, ihnen persönlich berichten, was war. Dazu sage ich nur soviel: Traurig, dass jemand, der sich Journalist nennt, nicht vorerst recherchiert, worum es in einer Aktion überhaupt geht, sondern nur den eigenen Profit wittert und gerne im Mittelpunkt stünde….sie reihen sich in all die ein, welche verunmöglichen, dass konkrete Fälle geahndet werden: Jeder schaut auf seinen Profit. Da verlieren Opfer meistens.

Fritz

Ich bin die, welche so laut schreit, wenn sie eine Spinne sieht, dass das ganze Quartier – was sag ich, die ganze Stadt mit zu Berge stehenden Haaren aus den Sesseln springt. Sogar wenn man mich warnt und sagt: Achtung Sandra, nicht umdrehen, nicht hinschauen, hinter dir ist eine grosse Spinne – ich kann nicht anders als mich umzudrehen und beim Anblick loszuschreien. Ich bin darauf nicht stolz, im Gegenteil, ich finde es sehr peinlich.

Ich wollte mir meine Spinnenphobie schon abgewöhnen. So im Stil einer Desensibilisierung. Ich dachte, wenn ich mir eine kleine (also so wirklich klein, kaum stecknadelkopfgross) tapfer über die Hand spazieren lasse, dann bin ich nachher gut Freund mit Spinnen. Denn:

Size doesn’t matter

Oder so. Er mattert offensichtlich doch. Das Experiment mit dem Kleinsteil ging erstaunlich gut, beim Anblick der nächsten unwesentlich grösseren Spinne hüpfte ich schon wieder im Dreieck und stiess schrille Laute aus.

Mein Hund hat seinen Fressnapf direkt neben einem Bücherregal. Immer morgens und abends gehe ich dahin und gebe ihm Futter. In den Napf. ich knie mich nieder (der Napf ist relativ klein, da der Hund ebenso ist – wobei der Hund durchaus einen grösseren Napf haben wollte, so ist es nicht. Eines Abends bei diesem Vorgang sah ich sie. Eine Spinne. Nicht sehr gross, aber doch grösser als mein Handlaufexperiment. Kaum hatte ich mich hingekniet, verschwand sie hinter dem Regal. Ich dachte noch so bei mir:

Wart du nur, dich erwische ich.

Es ging nun jeden Morgen und Abend so. Die kleine Spinne sass, wenn ich kam, an der Wand, immer an derselben Stelle. Kaum ging ich in die Knie, verschwand sie hinter dem Regal. Irgendwann nannte ich sie Fritz. Das war der Anfang vom Ende. Nun gehörte sie quasi zu uns. Sie hatte einen Namen. Mittlerweile finde ich Fritz süss, wie er schnell hinters Regal huscht.

Irgendwie tut er mir aber auch ein wenig leid. Ich vermute, er leidet an einer Menschenphobie. Ich hoffe, er wird eines Tages lernen, damit umzugehen. Und wer weiss: Vielleicht gibt er mir dann auch einen Namen. Und irgendwann schauen wir uns in die Augen und sagen hallo.

Sei keine Mimose

Ich wuchs damit auf:

Du bist viel zu empfindlich. Sei nicht so eine Mimose. Leg dir endlich mal eine dickere Haut zu.

Damit beschwichtigte man. Man negierte die eigenen Tiefschläge und drehte den Spiess um. Nicht der, der sprach, war der Täter, nicht er verletzte, die, die empfing war es. Sie war nicht gut genug. Nicht stark genug.

ICH war nicht gut genug.

Ich war zu sensibel. Ich reagierte zu empfindlich. Ich nahm ernst, was man mir sagte, dabei war es nur so im Gespräch gesagt. Nur: Hätte ich es nicht ernst genommen, wäre die Schelte gleich hinterher gekommen. Und nein, das ist kein Eltern-Kind-Problem. Das bleibt.

Ja, ich bin sensibel. Ich nehme mir Dinge zu Herzen. Wenn man mir etwas sagt, nehme ich die Botschaft wahr. Und ich nehme sie ernst. Schliesslich hat man sie gesagt und ich gehe davon aus, es war so gemeint. Nur kriege ich oft zu hören, dass man das gar nicht so gemeint hätte, das sei doch nur dahergesagt. Wenn ich dann antworte, ich nähme also fortan den Sprechenden nicht mehr ernst, findet er das auch nicht in Ordnung. Dann reagiere ich über, weil ich zu mimosenhaft bin. Also:

Was denn nun?

Ich bin sensibel und ich höre genau hin. Das ist so. Damit mach ich meiner Umwelt das Leben nicht leicht. Einfach so daher brabbeln geht nicht. Ich analysiere es. Ungewollt. Unbewusst. Und ich nehme die Botschaft ernst und mir zu Herzen. Und damit mache ich mir das Leben auch nicht leicht. Ab und an wünsche ich mir, Dinge überhören zu können. Sie nicht fühlen zu müssen. Ich wünsche mir selber, keine Mimose zu sein. Was ich ja nur bin, weil ich hinhöre, hineinfühle. Aber ich kann es nicht.

Ich bin, wie ich bin. Ich bin sensibel. Sehr. Ich höre hin. Ich nehme Botschaften ernst. Und wenn mir jemand was sagt, beziehe ich es auf mich. Logisch. Er hat es mir gesagt und „du“ gesagt. Theoretisch denke ich ja, dass dieses

„Du bist zu empfindlich.“

eine Entschuldigung dafür ist, dass jemand übers Ziel hinausschoss. Praktisch trifft es jedes Mal. Ich arbeite dran, dass die Wunde kleiner wird beim Einschuss.

Das Keifeweib

„Ist das schon ein Monat her? Die Zeit ist ja wirklich gerast, es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, aber ich bin so unendlich glücklich, haben wir uns entschlossen den Weg zu gehen, denn ich bin überzeugt, es ist der einzig richtige, selbst wenn es einen gäbe, der auf den ersten Blick einfacher oder geregelter oder schlicht stimmiger erschiene – nicht immer ist das, was man auf den ersten Blick befürwortet dann auch das, was man wirklich gerne hätte, da man nur immer sieht, was offensichtlich ist, nie aber die Konsequenzen, die das Gehen eines Weges mit sich bringt.“

„Wovon sprichst du eigentlich?“

Dass du mich das fragst, finde ich nun ja echt fragwürdig, aber ich will mich gar nicht aufregen, da es ja eh immer dasselbe ist mit dir, da du nie verstehst, was ich meine, und das, obwohl du behauptest, du liebst mich und wir seien füreinander bestimmt, was ich ja eh merkwürdig finde, da ich nicht wüsste, wer das bestimmen hätte sollen und wieso und wozu. Drum, ruhig bleiben, du wirst dich nie ändern, du wirst mich nie verstehen, du wirst immer nachfragen, obwohl alles klar wäre, würdest du nur mal nachdenken und nicht gleich fragen, was aber wohl zu anstrengend wäre, obwohl ich dir ja wirklich alles gesagt habe, was es zu wissen gäbe, würde man nur ein wenig dabei sein, wirklich da sein, ähnlich denken und mich vor allem verstehen. Ich fühle mich so alleine, nein, noch schlimmer, ich muss mich noch ärgern.“

„Wenn ich so schlimm bin, kann ich ja gehen.“

„Das ist ja mal wieder typisch für dich: Kaum habe ich ein Problem und bräuchte Unterstützung, gehst du.“

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Für die abc.etüden, Woche 41.17: 3 Worte, maximal (!!!) 10 Sätze (ich habe extra Endlossätze gemacht… zählen soll ja nicht zu leicht sein). Die Worte stammen in dieser Woche von Red Skies Over Paradise (redskiesoverparadise.wordpress.com) und lauten: Monat, fragwürdig, gehen

Der Ursprungspost: HIER

Und alle schauen zu…

Gestern schaute ich eine Dok über einen ehemals gefeierten Pädagogen, der nun als pädophiler Vergewaltiger am öffentlichen Pranger steht. Der gute Mann kam irgendwann mal daher, redete, obwohl er im eloquent vertretenen Gebiet keine Abschlüsse oder sonstigen nachweisbaren Kenntnisse hatte, klug daher und wurde ernst genommen. Er trällerte öffentlich ein paar schlecht gereimte und lagerfeuerromantisch geklimperten Liedchen und spielte sich als grossen Pädagogen mit Durchblick und Herz für die Kinder auf, während er im Hintergrund denselben in die Hose griff. Da alles gut klappte, schrieb er ein paar Bücher, die zu Kassenschlagern wurden – Grundpfeiler der Pädagogik. Klappte ja so gut…

Eines seiner Opfer schrieb ein Buch. Der Fall flog auf, plötzlich war der Musterknabe ein Buhmann. Ein Grossteil seiner Opfer konnte mit dem Erlebten nicht umgehen, sie verfielen dem Alkohol und stärkeren Drogen. Ein paar Unbelehrbare finden, man könne ja immer noch selber entscheiden, was Erlebnisse mit einem machen, die Mehrzahl erklärt den einst hochgejubelten Pädagogen zum schwarzen Schaf der Nation (ich möchte nicht wissen, wie viele seiner ach so bahnbrechenden Erkenntnisse im heutigen Schulsystem federführend sind).

Nun könnte man sagen: Alles gut, man hat es aufgedeckt. Klar, die Opfer sind nun gefallen, rettet man wohl kaum mehr, aber immerhin kam es ans Licht. Was er tat, ist verjährt. Die Leben derer, die er zerstörte, sind im Eimer. Man wird das nicht mehr ändern können. Das ist traurig und sollte die Dringlichkeit zeigen, wieso Vergewaltigung keine Verjährung haben darf. Klar kann der Täter sagen, er hätte dazugelernt und sei nun an einem anderen Ort. Das Opfer hatte die Chance nicht immer. Und nein, es hat es nicht immer in der Hand, wie es mit dem Geschehenen umgeht. Gewisse Dinge übermannen, nehmen einem die Zügel aus der Hand. Wir sind nicht so willensbestimmt, wie wir gerne glauben würden. Würde diesbezüglich was geändert in der Gesetzgebung, hätte alles immerhin etwas Gutes gehabt – wenigstens für künftige Opfer.

Mich hat aber ein anderer Punkt verstört: Da waren Menschen rundherum. Und irgendwie schauten alle weg damals. Kann man machen, man verurteilt ja nicht gerne so schnell und ein etwas flaues Bauchgefühl ist noch kein Beweis. ABER: Sie rechtfertigten das Wegschauen noch heute. Versuchten es mit platten Sprüchen zu überspielen und verniedlichten ihre Rolle und was passierte. Amtsinhaber wollten plötzlich keine Amtspflichten mehr gehabt haben, gute Freunde redeten lieber über gemeinsame Fress- und Saufgelage als darüber, was der tolle Freund geleistet hat. Das eigene Wegschauen wird mit Handbewegungen weggewischt und mit hohlen Worten kleingeredet.

Für mich ist DAS eine Fortführung der Vergewaltigung. Klar verliert niemand gerne das Gesicht. Niemand steht gerne öffentlich hin und sagt: Ja, ich habe einen Fehler gemacht, ja, ich habe nicht hingeschaut, oder aber: Ja, ich WOLLTE es wohl nicht sehen. ABER: Wenn man es nun kleinredet, macht man das Opfer zum zweiten Mal zum Opfer. Man erkennt ihm seinen Opferstatus ab, indem man sagt: War alles nicht so schlimm, konnte ja keiner wissen. Und: Was keiner wusste, war quasi nicht da.

Es war da und man ahnte es. Man sah Unstimmigkeiten und hinterfragte im Stillen, liess aber alles laufen, weil alles andere a) Umtriebe gebracht hätte, und b) hätte unbequem werden können. Lieber ging man nett essen und trinken und jubelte auf den selbsternannten Superpädagogen.

Ich bin erschüttert. Unschuldige Kinder, die schon so Probleme mit der Welt hatten, wurden dem Löwen zum Frass vorgeworfen. Weil er so schön und überzeugend brüllte. Und man sah weg, wenn er sie verspeiste, tut es eigentlich noch heute. Um den eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen.