Sei keine Mimose

Ich wuchs damit auf:

Du bist viel zu empfindlich. Sei nicht so eine Mimose. Leg dir endlich mal eine dickere Haut zu.

Damit beschwichtigte man. Man negierte die eigenen Tiefschläge und drehte den Spiess um. Nicht der, der sprach, war der Täter, nicht er verletzte, die, die empfing war es. Sie war nicht gut genug. Nicht stark genug.

ICH war nicht gut genug.

Ich war zu sensibel. Ich reagierte zu empfindlich. Ich nahm ernst, was man mir sagte, dabei war es nur so im Gespräch gesagt. Nur: Hätte ich es nicht ernst genommen, wäre die Schelte gleich hinterher gekommen. Und nein, das ist kein Eltern-Kind-Problem. Das bleibt.

Ja, ich bin sensibel. Ich nehme mir Dinge zu Herzen. Wenn man mir etwas sagt, nehme ich die Botschaft wahr. Und ich nehme sie ernst. Schliesslich hat man sie gesagt und ich gehe davon aus, es war so gemeint. Nur kriege ich oft zu hören, dass man das gar nicht so gemeint hätte, das sei doch nur dahergesagt. Wenn ich dann antworte, ich nähme also fortan den Sprechenden nicht mehr ernst, findet er das auch nicht in Ordnung. Dann reagiere ich über, weil ich zu mimosenhaft bin. Also:

Was denn nun?

Ich bin sensibel und ich höre genau hin. Das ist so. Damit mach ich meiner Umwelt das Leben nicht leicht. Einfach so daher brabbeln geht nicht. Ich analysiere es. Ungewollt. Unbewusst. Und ich nehme die Botschaft ernst und mir zu Herzen. Und damit mache ich mir das Leben auch nicht leicht. Ab und an wünsche ich mir, Dinge überhören zu können. Sie nicht fühlen zu müssen. Ich wünsche mir selber, keine Mimose zu sein. Was ich ja nur bin, weil ich hinhöre, hineinfühle. Aber ich kann es nicht.

Ich bin, wie ich bin. Ich bin sensibel. Sehr. Ich höre hin. Ich nehme Botschaften ernst. Und wenn mir jemand was sagt, beziehe ich es auf mich. Logisch. Er hat es mir gesagt und „du“ gesagt. Theoretisch denke ich ja, dass dieses

„Du bist zu empfindlich.“

eine Entschuldigung dafür ist, dass jemand übers Ziel hinausschoss. Praktisch trifft es jedes Mal. Ich arbeite dran, dass die Wunde kleiner wird beim Einschuss.

15 Comments

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  1. Eine wertvolle Einstellung, und so schön und fein formuliert. Danke.

    So schade, dass sich politische Aktivitäten, und eben dieses persönliche Hinhören so sehr abgrenzend gegenüberstehen. In politischen Diskussionen habe ich den Eindruck dass da nicht gehört werden will, dass da nur das Sagen, und „gewinnen“ zählt.

    Ich höre Deine Worte, Deine sehr einfühlsames Schreiben gerne, danke.

    Andreas

    Gefällt 3 Personen

  2. „Die Wunde kleiner wird beim Einschuss“ Daran glaube ich nicht mehr, eher an gezieltes weghören, um die eigene dünne Haut zu schützen, denn warum sollte sich jemand ein dickes Fell anschaffen, damit andere darauf öfter schießen können? Wir sind, wie wir sind und damit können wir ebenfalls Menschen glücklich machen, wenn diese das wollen.

    Gefällt 4 Personen

  3. Ich glaube aufgrund deines Artikels ganz stark, aber eigentlich schon länger, dass du ein HSP („high sensitive person“) bist. Ich bin Etiketten gegenüber eigentlich ziemlich abgeneigt, aber ich halte dieses für praktisch für einen selbst, auch um zu verstehen, dass mit einem selbst nichts „falsch“ ist. Wenn du magst, dies ist m.W. eine der deutschen Hauptwebseiten zum Thema (Test inklusive): http://www.zartbesaitet.net
    Ulrike von den Leselebenszeichen hat ein HSP-Buch besprochen und eine lebhafte Diskussion darunter angeregt: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/23/hochsensibel-ist-mehr-als-zartbesaitet/
    Liebe Grüße, und lass es mich gern auch wissen, wenn es auf dich so gar nicht zutreffen sollte 😉
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

  4. Dieses comeback „sei nicht so empfindlich“ ist ein doppelter Schlag und macht die betroffene Person wehrlos und machtlos, denn die Verletzung, die man spürt, wird negiert und als selbst produziert dargestellt. Das macht die Sache so zum Verzweifeln.
    Warum will der andere verletzen? Vielleicht bist du so gut, wie er/sie befürchtet?
    Liebe Grüße. Priska

    Gefällt 1 Person

  5. Ich wollte dich eben auch darauf aufmerksam machen, dass du evtl der Gruppe der Hochsensiblen angehörst. Das was du beschreibst kenne ich nur sehr gut von mir selbst, durch Einblick in die angedeutete Thematik kann man evtl verstehen, weswegen man in gewissen Situationen für andere „sensibler“ wirkt als „normal“. Auf jeden Fall wert, sich mal damit auseinanderzusetzen!
    Liebe Grüße.

    Gefällt 1 Person

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