Rezension: Horst Eckert – Schattenboxer

Intrigen, Vertuschungen und Wettlauf mit der Zeit

Etwas schimmerte dort obenauf. Torsten stoppte das Boki-Mobil und stieg aus, um sich die Sache anzusehen. Hatte sich jemand einen bösen Scherz erlaubt?
Nach wenigen Schritten wurden ihm die Knie weich. Seine Eingeweide verkrampften sich. Er hielt die Luft an.
Nein. Bitte nicht.

EckertSchattenboxerVincent Che Veih, Enkel eines Nazis und Sohn einer RAF-Terroristin hat es in diesem Fall mit dem grausamen Mord an einer jungen Frau zu tun. Einen Tag nach der Beerdigung der tochter eines Kollegen, die sich das Leben genommen hatte, liegt auf deren Grab die schrecklich zugerichtete Leichte einer anderen jungen Frau. Zwar kannten sich die beiden Frauen nicht, aber es gibt ein verbindendes Element: Beide engagierten sich in einer Initiative, die sich für die Freilassung eines zu Unrecht inhaftierten – und in ihren Augen unschuldigen – Mörders einsetzte. Der Fall zieht immer weitere Kreise, reicht zurück in die aktive Zeit der RAF und zum Mord des Managers Rolf-Werner Winneken (angelehnt an den Fall um Detlev Karsten Rohwedder, den man aber nicht kennen muss, um das Buch zu verstehen).

Dann verschwindet eine zweite junge Frau, die Polizei arbeitet auf Hochtrab. Als auch noch Veihs Lebensgefährtin wie vom Erdboden verschluckt ist, wird die Suche zu einem Wettlauf mit der Zeit.

Horst Eckert ist wieder einmal ein spannender Krimi gelungen, der den Leser packt und nicht mehr loslässt. Es gelingt ihm, Fakten aus der Realität mit Fiktion zu verbinden. Mit plastischen Figuren – allen voran Vincent Che Veih, welcher im Privaten immer ein bisschen neben sich zu stehen scheint, im Beruf aber zielgerichtet seinen Dienst tut – schafft er es, seine Kriminalgeschichte real erscheinen zu lassen. Der Schauplatz Düsseldorf, Eckerts eigener Wohnort, tut durch seine wirklichkeitsgetreue Darstellung, die auf der persönlichen Kenntnis des Autoren beruht, das Seine dazu.

Schattenboxer ist ein detailgetreuer, authentischer Krimi, der alles vereint, was einen guten Krimi ausmacht: Charakterstarke Figuren, Verdächtige – auch falsche –, falsche Spuren, Tempo, Cliffhanger. Ab und an ist das Hin und Her in den Zeiten ein bisschen verwirrend, vor allem wenn man verpasst, die Daten am Kapitelanfang genau zu lesen, dies ist aber eher dem ungenauen Leser (der zu seiner Verteidigung nur die Spannung anbringen kann) denn dem Autor anzulasten.

Fazit:
Horst Eckert ist mit Schattenboxer wieder ein Krimi gelungen, der Lesevergnügen und Spannung bis zur letzten Seite verspricht. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Horst Eckert
Horst Eckert wurde am 7. Mai 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren und wuchs in Pressrath auf. Er studierte in Erlangen und Berlin Soziologie und Politische Wissenschaften, jobte als Bierschlepper und Fahrstuhlführer, später als Hospitant im Berliner ZDF-Studio. Nach einem Umzug nach Düsseldorf 1987, die Liebe war Schuld, arbeitete er 15 Jahre lang als Fernsehreporter, seitdem ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig. Von ihm erschienen sind unter anderem Annas Erbe (1995), Finstere Seelen (1999), Ausgezählt (2002), Der Abrsprung (2006), Sprengkraft (2009), Schwarzer Schwan (2011).

Ein Interview mit dem Autoren findet sich hier: Horst Eckert – Nachgefragt

Porträt der Frankfurter Rundschau

Angaben zum Buch:
EckertSchattenboxerGebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Wunderlich Verlag (27. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3805250795
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90

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Rezension: Ian Rankin – Mädchengrab

Mit eigenen Methoden

„Sechs Jahre…“ Sie starrte mit leerem Blick an ihm vorbei.
[…]
„Meine Tochter Sally.“
„Wann ist sie verschwunden?“
„Silvester 1999“ ,erwiderte Hazlitt.
„Und seither keine Spur von ihr?
Die Frau senkte den Blick und schüttelte den Kopf.

Über Jahre verschwanden entlang der A9 immer wieder Mädchen, alle entlang derselben Strasse. Rebus erkennt das Muster, stösst aber bei seinen Mitarbeitern auf taube Ohren, bei seiner ehemaligen Abteilung sowieso.

Rebus starrte ihn an. „Und was hast du auf der A9 getrieben?“
Cafferty zuckte mit den Schultern. „Illegale Müllentsorgung, könnte man sagen.“
„Du meinst, du hast Leichen verschwinden lassen?“
[…]
„Im Laufe der Jahre sind dort ein paar Frauen verschwunden – du weißt nicht zufällig was darüber?“

Eigentlich ist Rebus in diesem 18. Kriminalroman aus der Reihe im Ruhestand, er arbeitet aber noch in einer kleinen Einheit, die sich mit ungeklärten Fällen beschäftigt. Dass diese bald auch aufgelöst werden soll, verdrängt Rebus lieber, auch die Frage, was er dann machen soll mit seinem Leben. Am besten gelingt ihm dieses Verdrängen wie eh und je mit Bier und Whiskey. Zwar hat er intern einen Antrag gestellt auf Wiedereinstellung, doch macht ihm eine interne Untersuchung das Leben schwer, zumal der Untersuchende alles andere als objektiv, sondern wenig angetan von Rebus eigenmächtigen und eigensinnigen Vorgehensweisen ist. Und genau diese setzt Rankin auch dieses Mal wieder ein.

Mädchengrab ist der 18. Roman einer Krimireihe, die nach 17 Folgen eingeschlafen ist, nun wiederbelebt wurde. Der Krimi lässt sich auch ohne die Kenntnis der vorhergehenden Fälle gut lesen, er steht unabhängig. Ob die Wiederaufnahme gelungen ist, ist schwer zu sagen, der Krimi hat deutliche Längen, wenig Spannung, mehr Plänkeleien zwischen den einzelnen Polizisten denn wirkliche Aufklärungen oder etwas, das passiert.

Rebus ist sehr klar gezeichnet, man kann ihn fassen, er wird plastisch aus dieser Geschichte. Die anderen Figuren treten dagegen deutlich zurück, man erfährt am Rande, wie sie aussehen, teilweise nicht mal das (ist vielleicht aus früheren Fällen bekannt). Nicht, dass dies ein grosser Negativpunkt wäre, es fällt aber beim Lesen auf.

Es werden im Lauf des Krimis einiges Verdächtige präsentiert, jeder hätte es sein können. Auch wartet der Krimi mit Überraschungen auf, die wieder ein neues Licht auf die ganze Geschichte werfen, trotzdem plätschert er eher, als dass er reisst. Ian Rankin gelingt es aber, die Neugier auf den wirklichen Täter so hoch zu halten, dass man weiter liest. So gesehen hat Ian Rankin alles richtig gemacht, hätte es aber noch ein bisschen besser machen können.

Fazit:
Mädchengrab ist ein guter, wenn auch kein packender Krimi. Gut gemacht mit Luft nach oben. Wer Rebus mag, wird dieses Buch mögen, auch ohne Kenntnis der vorhergehenden Fälle ist es gut lesbar.

 

Zum Autor
Ian Rankin
Ian Rankin wurde 1960 in Schottland geboren und studierte Literaturwissenschaft an der Universität von Edinburgh. Seine ersten Bücher entstanden als Nebenprodukt seiner Doktorarbeit. Berühmt machte ihn die „Inspector-Rebus“-Reihe, deren erster Band 1987 erschien. Nach 17 Fällen, zuletzt Ein Rest von Schuld, pensionierte Ian Rankin seinen Chefermittler und ließ ihm einen jungen Ermittler, Inspector Malcolm, nachfolgen. Ian Rankin ist einer der erfolgreichsten britischen Krimiautoren. Seine Bücher werden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, er ist Preisträger vieler nationaler und internationaler Auszeichnungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Edinburgh. Von ihm erschienen sind Verborgene Muster, Wolfsmale, Ein Rest von Schuld, Ein reines Gewissen, Die Sünden des Gerechten,, u. a. m.

Angaben zum Buch:
RankinIanTaschenbuch: 544 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. Mai 2014)
Übersetzung: Conny Lösch
ISBN-Nr.: 978-3442480913
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90
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Rezension: Guillaume Musso – Vielleicht morgen

Eine zweite Chance

Ihm wurde klar, dass in knapp einer Woche Weihnachten war, und diese Feststellung versetzte ihn in einen Zustand des Kummers und der Panik. Er sah mit Entsetzen den ersten Jahrestag von Kates Tod auf sich zukommen…diesen verhängnisvollen 24. Dezember 2010, der sein Leben mit Trauer und Schwermut erfüllt hatte.

Mathew ist Philosophieprofessor und lebt in Boston. Seit dem Tod seiner über alles geliebten Frau Kate kümmert er sich alleine um seine Tochter. Emma lebt in New York, sie ist Sommelier in einem guten Restaurant. Wäre ihr Leben nicht gezeichnet von falschen Beziehungen, wäre es ein gutes Leben. Sowohl Mathew wie auch Emma kämpfen mit ihrer Vergangenheit, sind immer wieder Ängsten und auch Verzweiflung ausgesetzt.

Eines Tages kreuzen sich ihre Wege auf wundersame Weise. Was als E-Mailaustausch startet, soll beim Essen in einem kleinen italienischen Lokal weitergeführt werden. Als Emma im Restaurant ankommt, wartet sie vergebens auf Mathew. Auch Mathew wartet vergebens.

Ich war da, Matthew. Ich habe den ganzen Abend auf Sie gewartet. Und ich habe keine E-Mail von Ihnen beikommen!

Dann haben Sie sich vielleicht im Restaurant geirrt?

Nein, es gibt nur eine Nummer 5 im East Village.

Das ist erst der Anfang. Was dann kommt, stellt die Vergangenheit und auch die Zukunft von Emma und von Matthew auf die Probe.

Guillaume Musso ist mit Vielleicht morgen ein packender Roman gelungen, der eine Mischung aus Liebesgeschichte und Krimi darstellt. Gewisse literarische Finessen lassen die Geschichte ins irreale abdriften, was dem Buch aber keinen Abbruch tut, selbst wenn man lieber realitätsnahe Literatur liest. Eine spannende Idee wurde hier in einen stimmigen Plot mit packenden Überraschungen verwandelt, so dass man als Leser förmlich am Buch klebt und es nicht mehr weglegen mag, bis man hinter das Geheimnis der Geschichte gekommen ist.

Fazit:
Leichte und gute Unterhaltung mit einer Mischung aus Liebesroman und Krimi. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Guillaume Musso
Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Er arbeitete als Gymnasiallehrer und Universitätsdozent, bis er 2001 seinen von der Kritik hoch gelobten Debütroman veröffentlichte. Der große Durchbruch gelang ihm mit seinem zweiten Roman Ein Engel im Winter, den er nach einem schweren Autounfall geschrieben hatte. Auch sein dritter Roman Eine himmlische Begegnung stürmte auf Anhieb die französischen Bestsellerlisten.

Angaben zum Buch:
Mussovielleicht_morgenTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (11. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3866123762
Preis: EUR 14.99 / CHF 19.45

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Rezension: Michael Kibler – Opfergrube

Bittersüsse Rache

„Und du meinst, das ist die gerechte Strafe?“
Ich sitze hier in diesem dunklen Loch. Seit Tagen. Diese innere Stimme, die von den dreckigen Wänden hallt, wird jetzt auch noch philosophisch. Kaum zu ertragen.
„Quatsch. Vergiss es. Ich soll sterben, Mann. Das ist nicht gerecht. […]“

An seinem freien Tag am Badsee trifft Horndeich auf eine Leiche im Wasser. Der freie Tag ist Geschichte, der nächste Fall für ihn seine Kollegin Margot Hesgart übernimmt das Zepter. Was zuerst nach einer Beziehungstat aussieht – Emil Sacher ist nicht das, was man als beliebten Zeitgenossen beschreiben würde -, zieht bald grössere Kreise. Es finden sich weitere Morde, die ähnliche Muster aufweisen. Nur: Wie hängen die Taten zusammen? Was verbindet die Leichen?

Nicht genug, dass Margot Hesgart an ihrer Trennung von Mann Rainer – der soll sich zum Teufel scheren – krankt, sieht sie sich plötzlich mit Hexenzirkus konfrontiert – mittendrin Stieftochter Doro.

„Doro!“
Die Angesprochene starrte Margot an, als ob die angerufene Göttin in persona von ihr stünde. „Was machst du denn hier?“ Doros Ratlosigkeit schien über die Störung zu überwiegen. Noch.
„Was soll der Hokuspokus?“

Die Aufklärung des Falls führt das Ermittlerteam in die Vergangenheit. Langsam fügen sich die Puzzleteile zusammen, bis die letzte Lücke geschlossen ist. Und dann wird es erst richtig gefährlich.

Ein Krimi, wie er im Buche steht. Ein Plot mit den nötigen Cliffhangern, der langsam seine Kreise zieht, das Netz der verfolgten Fäden dichter werden lässt, bis sich die Auflösung langsam aber sicher zeigt. Die privaten Befindlichkeiten der Ermittler machen die Geschichte menschlich, sind aber nicht so dominant, dass der eigentliche Fall in den Hintergrund tritt. Da hat ein Autor sein Handwerk beherrscht.

Opfergrube ist der 7. Darmstadt-Krimi Kiblers. Man merkt beim Lesen, dass er auf einer Vorgeschichte aufbaut, allerdings ist der Band für sich genommen gut verständlich. Man braucht die Vorgeschichte nicht, ist aber neugierig, so dass durchaus der Impuls ausgelöst werden könnte, die anderen Fälle auch lesen zu wollen.

Fazit:
Ein spannender Krimi mit einem stimmigen Plot, einnehmenden Figuren, plastischen Schauplätzen – pures Lesevergnügen. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Michael Kibler
Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren, studierte an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, im Hauptfach Germanistik mit den Nebenfächern Filmwissenschaft und Psychologie. 2005 veröffentlichte er den ersten Krimi „Madonnenkinder“, es folgen weitere Darmstadt-Krimis mit dem Ermittlerteam um Margot Hesgart und Steffen Horndeich. Neben den Krimis schreibt Kibler schreibt auch Sachbücher, hat schon einige Krimi-Kurzgeschichten veröffentlicht und zudem als Texter und PR-Profi tätig. Michael Kibler lebt in Darmstadt, wo er Lesungen, Stadtführungen durch Darmstadt und Schreib-Workshops anbietet.

Angaben zum Buch:
opfergrubeTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Piper Verlag (12. November 2013)
ISBN-Nr.: 978-3492300476
Preis: EUR 12.99 / CHF 19.90

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Rezension: Joël Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Ohne Liebe ist alles nichts

Halten Sie die Liebe in Ehren, Marcus. Machen Sie sie zu Ihrer schönsten Errungenschaft, zu Ihrem einzigen Ziel. Nach den Menschen kommen andere Menschen. Nach den Büchern kommen andere Bücher. Nach dem Ruhm kommt anderer Ruhm. Nach dem Geld kommt anderes Geld. Aber nach der Liebe, Marcus, nach der Liebe bleibt nur das Salz der Tränen.

Eines Abends verschwindet Nola Kellergan spurlos. Ganz Aurora ist in Aufruhr, ganz Aurora beteiligt sich bei der Suche, aber Nola bleibt verschwunden. Nach einer ersten lähmenden Zeit der Angst, in der Familien ihre Kinder zuhause einschliessen, findet das Städtchen langsam wieder zur Normalität zurück, bis 30 Jahre später Nolas Leiche gefunden wird. Sie liegt im Garten des Mannes, der 30 Jahre vorher mit Nola just am Tag ihres Verschwindens weggehen wollte, um seine Liebe zu dem 15-jährigen Mädchen leben zu können: Harry Quebert, berühmter Schriftsteller, Professor und bislang hochangesehene Persönlichkeit.

Marcus Goldman ist Schriftsteller, erfolgreicher Schriftsteller mit nur einem Buch. Es will ihm nicht gelingen, ein zweites zu schreiben, obwohl ihm sein Verleger Strafe androht, wenn nicht bald eines erscheint. Die Schreibkrankheit hat Marcus im Griff. Eines Tages der Anruf von Harry. In seinem Garten wurde die Leiche von Nola Kellergan gefunden. Nola Kellergang war die Liebe in Harrys Lebens, nie hatte er nachher wieder geliebt. Sein ganzes Leben hatte er nur auf Nola gewartet. Nun war sie tot.

In meinem Leben gab es nur Harry und seltsamerweise stellte ich mir überhaupt nicht die Frage, ob er schuldig war oder nicht: Die Antwort hätte ohnehin nichts geändert. Das war ein komisches Gefühl. Ich glaube, ich hätte ihn lieber gehasst und ihm mit der ganzen Nation ins Gesicht gespuckt, das wäre einfacher gewesen. Stattdessen sagte ich mir nur: Er ist ein Mensch, und Menschen haben ihre Dämonen. Jeder von uns. Die Frage ist nur, wie viel man diesen Dämonen durchgehen lässt.

Marcus macht sich in Zusammenarbeit mit einem Polizisten auf die Suche nach dem wahren Mörder. Harry ist schnell entlastet, aber wer hat die kleine Nola Kellergan sonst umgebracht? Die Nachforschungen bringen nach und nach neue Details und Verstrickungen aus dem Jahr 1975 ans Tageslicht, die beiden Ermittler stossen auf immer mehr Unklarheiten und vor allem immer neue Verdächtige.

Joël Dicker lässt seinen Roman auf drei Zeitebenen spielen: Im Jahr 1975, als Nola Kellergan verschwand, in den Jahren 1998 – 2002, Marcus Goldmans Ausbildungsjahren, und im Jahr 2008, dem Jahr des Leichenfundes und der Ermittlungen. Trotz der drei Ebenen ist dem Leser immer klar, in welcher Zeit er sich befindet, und er spürt, wie sich langsam das Fadennetz zwischen den Zeiten verdichtet. Der Leser nimmt durch die unmittelbare Ich-Erzählung von Marcus Goldman an den Ermittlungen teil und will den Fall selber auflösen. Er leidet mit, er sucht mit, er zieht seine Schlüsse.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist eine packende Geschichte, die viel mehr als ein Krimi ist. Es ist die Geschichte über die Liebe, eine Geschichte übers Schreiben, eine Geschichte über die Wahrheit, die nicht immer ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. In einer gut lesbaren Sprache, mit plastischen Figuren und realistischen Schauplätzen zeichnet Dicker eine GescBildschirmfoto 2015-01-18 um 09.10.15hichte, die den Leser einsaugt und nicht mehr loslassen will. Je weiter das Buch fortschreitet, desto stärker wird aber der Zwiespalt: Einerseits will man nicht aufhören zu lesen, andererseits wird das Buch viel zu schnell fertig sein, wenn man keine Pause macht. Die Welt des Harry Quebert wieder zu verlassen ist ein Abschied, der eine Lücke hinterlässt.

Fazit:
Eines der besten Bücher seit langem. Plot, Sprache, Charaktere – Erzählkunst auf höchstem Niveau. Packend, unterhaltend, wunderbar. Absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Joël Dicker
Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben: Les Derniers Jours de nos Pères und La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert. Für Letzteren bekam er den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 und mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
DickerWahrheitGebundene Ausgabe: 736 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. August 2013)
Übersetzung: Carina von Enzenberg
ISBN-Nr.: 978-3492056007
Preis: EUR 22.99 / CHF 20.90

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Rezension: Christa Bernuth – Das Falsche in mir

Leichen im Keller tauchen auf

Wenn er im Tötungsmodus ist, tötet er nicht wirklich. Der Anfang sind immer Fantasien und dabei bleibt es dann auch, glaubt er. Fantasien sind nicht strafbar, solange sie im Kopf bleiben. Er begeht kein Verbrechen. Ab einem bestimmten Punkt kann er nur nicht immer unterscheiden, was gedacht und was von dem Gedachten umgesetzt wird.

Als Jugendlicher bringt Lukas Salfeld seine Jugendliebe Marion um und büsst diese Tat 10 Jahre im Gefängnis. Danach baut er sich ein neues Leben auf, heiratet, kriegt zwei Kinder, hat einen Job. Keiner in seinem Umfeld weiss von seiner Vergangenheit.

Bisher war ich sicher, dass ich alles richtig gemacht hatte. ich hatte den richtigen Beruf gewählt. ich hatte die richtige Frau geheiratet – dunkelhaarig, kraftvoll, rassig, selbstbewusst genug, mich in Ruhe zu lassen.
Ich hatte zwei Mädchen gezeugt.
Ich gebe zu, das war dumm.

Lukas lebt sein Leben in sicheren Bahnen, versucht, seine zwar auftauchenden, aber im Kopf gefangenen Fantasien im Griff zu haben. Sein sorgsam aufgebautes Leben kommt ins Wanken, als ein junges Mädchen nach demselben Muster getötet wird, wie er einst Marion tötete. Lukas hat kein Alibi für die Tatzeit und auch keine Erinnerung. Verzweifelt macht er sich selber auf die Suche nach der Wahrheit, in Sorge darüber, was er herausfinden wird.

Christa Bernuth hat in Das Falsche in mir einen spannenden Plot realisiert. Durch die unmittelbare Sicht des Ich-Erzählers Lukas Salfeld ist der Leser immer live dabei, erlebt die Geschichte quasi aus erster Hand und aus der Perspektive des Verdächtigen. Das ist vor allem am Anfang etwas verwirrend, da man nicht weiss, wo man genau ist, was man da soll und wo das Ganze hinführt. Dass die Perspektive auch noch ab und an abschweift, man immer wieder von anderen Blickwinkeln auf die Geschichte schaut, ist dem Verständnis nicht dienlich.

Was bei der Ich-Erzählung etwas fehlt, ist die persönliche Involviertheit des Erzählers. In fast monoton erscheinender Weise schildert er, was gerade passiert, was er tun will, tut oder getan hat. Da driften Unmittelbarkeit des Erzählens und des Erzählten auseinander.

Nichtsdestotrotz ist Das Falsche in mir ein solider Krimi mit einem gut aufgebauten Spannungsbogen. Er braucht am Anfang ein wenig Durchhaltevermögen, um sich zurechtzufinden, zieht dann aber an.

Fazit:
Guter Plot, eigenwillig und verschachtelt aufgebaut. Spannende Geschichte, bei welcher der Leser lange im Dunkeln tappt. Empfehlenswert.

Zum Autor
Christa Bernuth
Christa Bernuth arbeitete nach dem Studium an der Deutschen Journalistenschule in München viele Jahre als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen und Magazine. Ihre Kriminalromane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und drei davon verfilmt. Christa Bernuth lebt mit ihrem Mann in München. Von ihr erschienen sind unter anderem die Romane Innere Sicherheit (2009) und Wer schuld war (2010),

Angaben zum Buch:
bernuthdas_falsche_in_mirTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuchverlag (1. Januar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423249928
Preis: EUR 14.90 / CHF 29.90

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Rezension: Hjorth & Rosenfeldt – Das Mädchen, das verstummte

Wenn Erinnerungen weh tun

Erik musste sich abwenden. Er hatte schon oft gesehen, wozu Menschen fähig waren, aber das hier…
Die Kinder. Die Schlafanzüge. Die kleinen nackten Beine. […] Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal einen solchen Vorsatz gefasst zu haben, jedenfalls nie so konkret. Aber er würde denjenigen fassen, der das getan hatte.

In einer schwedischen Kommune wird eine Familie brutal ermordet. Zeugin des Verbrechens ist ein kleines Mädchen, das durch das Geschehen traumatisiert ist und aufhört zu sprechen. Zudem ist das Mädchen in Gefahr, denn der Mörder trachtet danach, sie ebenfalls umzubringen. Sebastian Bergman und die Reichsmordkommission stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Nicole beginnt, Sebastian mit Zeichnungen ihre Erinnerungen mitzuteilen. Bald schon hat der Mörder ihre Spur gefunden. Ein Wettkampf gegen die Zeit beginnt, den Sebastian gewinnen will. Der Psychologe wird durch das kleine Mädchen an seine eigene, verstorbene Tochter erinnert, wodurch der Fall bei ihm alte Wunden aufreisst. Er will nicht noch ein Kind verlieren.

Das Mädchen, das verstummte ist der vierte Fall mit den Ermittlern der Reichskommission und Sebastian Bergman. Wieder machen die Beziehungsgefüge zwischen den einzelnen Mitgliedern der Truppe einen grossen Teil des Buches aus, es wird direkt an den letzten Band angeknüpft. Da die Probleme nicht weniger geworden sind, im Gegenteil, hat der Anteil ihrer Erzählung sogar noch zugenommen und dominiert nun das Buch. Die Geschichte des Verbrechens geht daneben teilweise unter, wird zum Nebenschauplatz, wodurch der Thriller oft schleppend und langatmig wird, der Fortgang der Geschichte unnötig gebremst.

Hjorth & Rosenfeldt ist wieder eine spannende Geschichte mit einem guten Plot gelungen, die Figuren sind plastisch, ihre Probleme psychologisch nachvollziehbar und gut erzählt. Das Buch weist einige Redundanzen auf, wird in seinem Fortgang durch Längen gebremst und verliert dadurch an Spannung, was schade ist. Trotzdem möchte man wissen, wie alles endet, sowohl die Verbrechensaufklärung wie auch Sebastians persönliche Geschichte ziehen den Leser in den Bann. Der Roman wäre mit zwei Dritteln des Umfangs gut ausgekommen und dadurch wohl spannender gewesen, nichtsdestotrotz ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch.

Fazit:
Spannender Plot und plastische Figuren, deren Geschichte gut erzählt wird. Einige Längen kosten ab und an Spannung, trotz allem aber sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Hjorth
Michael Hjorth, geboren 1963, ist ein erfolgreicher schwedischer Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Er schrieb u.a. Drehbücher für die Verfilmungen der Romane von Henning Mankell.

Hans Rosenfeldt
Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, ist in Schweden ein beliebter Radio- und Fernsehmoderator und ein gefragter Drehbuchautor, zuletzt schrieb er die Vorlage für die ZDF-Koproduktion The Bridge.

Bereits vom Autorenduo erschienen sind Der Mann, der kein Mörder war, Die Frauen, die er kannte und Die Toten, die niemand vermisst.

Angaben zum Buch:
Hjorthdas_maedchen_das_verstummteTaschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (15. Oktober 2014)
Übersetzung: Ursel Allenstein
ISBN-Nr.: 978-3805250771
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90
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Rezension: Hjorth & Rosenfeldt – Die Toten, die niemand vermisst

Die Suche nach den Zusammenhängen

Die schallgedämpfte Pistole hustete leise, und alle Bewegungen des Mannes froren unmittelbar ein, als hätte jemand in einem Film auf die Pause-Taste gedrückt. […] Er war bereits tot, sein Herz von der Kugel punktiert, als er aufkam. Ganz so, als hätte ihn eine unsichtbare Hand brutal in die stabile Seitenlage geworfen. […]
„Papa?“
Die Frau zog erneut ihre Waffe und drehte sich blitzschnell um. Ein einziger Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Kinder. Es sollte hier keine Kinder geben.

Eine Wanderin stürzt in den Bergen und überlebt nur, weil sie sich an einer aus der Erde ragenden Knochenhand festhalten kann. Kommissar Torkel Höglund und sein Team von der Reichsmordkommission – Sebastian Bergman ist mit von der Partie – haben es mit insgesamt 6 Leichen zu tun und stehen vor einem Rätsel. Wer sind die Toten, wer hat sie hier vergraben und wieso?

Eine Frau aus Afghanistan trauert seit 10 Jahren um ihren verschwundenen Ehemann, welcher einfach von einem Tag auf den anderen weg war. Freiwillig konnte er nicht gegangen sein. Was steckte dahinter? Die Polizei hatte ihr nicht helfen wollen, der erste, der Interesse zeigt, ist ein Journalist. Er fängt auf eigene Faust zu ermitteln an, was nicht ganz ungefährlich ist.

Die Toten, die niemand vermisst ist der dritte Fall mit den Ermittlern der Reichskommission. Die menschlichen Spannungen im Team nehmen ihren Lauf, werden nicht weniger, im Gegenteil. Die Beziehungsgefüge zwischen den einzelnen Mitarbeitern machen einen grossen Teil des Buches aus. Der Plot ist eigentlich die Summe vieler Plots, welche etappenweise verfolgt werden. Es fängt mit einem an, um zum nächsten zu springen, welcher dem dritten Platz macht. Über lange Strecken ist der Zusammenhang der verschiedenen Stränge nicht sichtbar, man weiss als Leser nur, dass es einen geben muss, da ansonsten der Krimi (noch) unverständlich(er) wäre.

Hjorth und Rosenfeldt haben auch im dritten Fall wieder sehr plastische Figuren gezeichnet, die Orte des Geschehens sind stimmungsvoll und mit allen Sinnen erfasst. Wer Krimis mag, bei denen sich verschiedene Fäden langsam zu einem Netz verbinden, das immer engmaschiger wird, bis schlussendlich alles zusammenhängt und der Fall sich klärt, wird dieses Buch lieben. Wer ein schlechtes Namensgedächtnis hat, findet hier ein prima Übungsstück (oder er wappnet sich von Anfang an mit Papier und Stift, um die einzelnen Namen und ihre Rollen aufzuschreiben).

Alles in allem war das Buch etwas lang, einiges hätte man kürzen und damit spannender machen können. Nichtsdestotrotz ein unterhaltsamer und gut geschriebener Krimi.

Fazit:
Unterhaltsamer und gut geschriebener Krimi mit plastischen Figuren und anschaulichen Schauplätzen, in dem sich erst unabhängige Stränge langsam zu einem Ganzen verbinden. Empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Hjorth
Michael Hjorth, geboren 1963, ist ein erfolgreicher schwedischer Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Er schrieb u.a. Drehbücher für die Verfilmungen der Romane von Henning Mankell.

Hans Rosenfeldt
Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, ist in Schweden ein beliebter Radio- und Fernsehmoderator und ein gefragter Drehbuchautor, zuletzt schrieb er die Vorlage für die ZDF-Koproduktion The Bridge.

Bereits vom Autorenduo erschienen sind Der Mann, der kein Mörder war und Die Frauen, die er kannte.

Angaben zum Buch:
die_toten_die_niemand_vermisstTaschenbuch: 624 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (1. Juli 2013)
Übersetzung: Ursel Allenstein
ISBN-Nr.: 978-3499267017
Preis: EUR 14.99 / CHF 15.90

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Rezension: Lucie Flebbe – Tödlicher Kick

Puff um einen Kicker

Die Spannung im Stadion steigt, Bochum steht kurz vor dem Aufstieg in die nächste Liga, doch der alles entscheidende Kick des Nachwuchsfussballers Oran Mongabadhi geht daneben. Am nächsten Morgen ist dieser tot, niedergestreckt durch einen Schuss in den Hinterkopf. Die Polizei ermittelt gegen Mongabadhis Freundin, eine Prostituierte mit Lockenkopf, welche kurz nach der Tat blutverschmiert vor der Haustür des Ermittlerduos Lila und Danner steht.

„Ich muss Sie beauftragen“, sagte Curly-Mo ohne Nachnamen. „Ich habe auch Geld“, fügte sie rasch hinzu, als sie meine noch immer gerunzelte Stirn bemerkte. […] „Ich sitze echt in der Scheisse“, gestand Curly […]

Die Suche nach dem wahren Täter gestaltet sich schwierig, da die Verdächtigen zunehmen, die Situationen zunehmend brenzliger werden, Streitereien zwischen Lila und Danner noch erschwerend dazu kommen. Nach einem besonders heftigen Streit nimmt Lila die Nachforschungen in die eigenen Hände und begibt sich dabei in Gefahr. Nicht nur die Aufklärung des Falls, sondern auch ihr Leben steht plötzlich auf dem Spiel.

Tödlicher Kick ist ein solide gestrickter Krimi, der kriminalistische Aufklärungsarbeit mit Beziehungsproblemen, Vergangenheitsbewältigung der Protagonisten und aktuellen Themen wie Homosexualität im Fussball und Prostitution und Frauenhandel zu einem unterhaltsamen Ganzen verwebt.

Man dachte schon nach Das fünfte Foto, dass Lila ihre Vergangenheit aufgearbeitet hätte und nun froh in die Zukunft ginge, allerdings scheint ihre Vergangenheit Stoff für mehrere Bewältigungsschübe zu liefern, so dass sie auch in diesem Buch wieder eines der zentralen Hintergrundthemen ist. Dass Danner ebenfalls mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, macht das Miteinander des Ermittlerteams umso schwerer und die Beziehungsthematik nimmt einen vergleichsweise grossen Stellenwert in der ganzen Geschichte ein. Nichtsdestotrotz ist Lucie Flebbe auch mit Tödlicher Kick ein flüssig zu lesender, unterhaltsamer und spannender Krimi gelungen. Krimifreunde werden bei dem Buch auf ihre Kosten kommen.

Fazit:
Ein solide gestrickter Krimi, unterhaltsame und spannende Lektüre. Empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Lucie Flebbe
Lucie Flebbe wurde 1977 in Hameln geboren. Bereits mit 14 Jahren verfasste sie ihren ersten belletristischen Text, Die Geschichte eines Rennpferdes, welchen sie in einem spanischen Verlag veröffentlichen konnte. Lucie Flebbe ist Physiotherapeutin und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief wurde sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis als beste Newcomerin ausgezeichnet. Von ihr erschienen sind bislang unter anderem Der 13. Brief (2008), Hämatom (2010), Fliege machen (2011), 77 Tage (2012), Das fünfte Foto (2013).

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier.

Angaben zum Buch:
FlebbeKickTaschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (11. März 2014)
ISBN: 978-3894254353
Preis: EUR 10.99/ CHF 17.90

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Rezension: Karin Slaughter – Belladonna

Traue nicht deinem Nächsten

Sibyl Adams, eine Professorin am College, sass auf der Toilette, den Kopf gegen die gekachelte Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Ihre Hose war bis zu den Knöcheln hinuntergezogen, die Beine waren weit gespreizt. Sie hatte eine Stichwunde im Unterleib. Blut füllte das Toilettenbecken, Blut tropfte auf die Bodenkacheln.

Als Sara, Kinderärztin der örtlichen Klinik und Gerichtspathologin, die schwerverletzte Sibyl Adams auf der Restauranttoilette findet, versagen alle lebensrettenden Massnahmen ihr Ziel. Die Brutalität, mit der das Opfer behandelt worden ist, übertrifft alles bislang Gesehene und es ist erst der Anfang einer grausamen Serie von Vergewaltigungen und Schändungen an jungen Frauen. Ihr Exmann, Polizist in dem verschlafenen Ort, übernimmt den Fall mit seinem Team, tappt aber lange im Dunkeln. Ein Wettkampf mit der Zeit beginnt, denn wer weiss, wann der Täter das nächste Mal zuschlägt?

Belladonna ist ein rasanter und packender Thriller. Er hat einen stringenten und stimmigen Plot, einen Hauptkonflikt, dessen Auflösung man als Leser entgegenfiebert, ebenso packende Nebenkonflikte, so dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legt. Die Figuren sind plastisch, man meint, sie zu kennen, kann mit ihnen mitdenken, mitfühlen, versteht ihre Handlungs- und Denkweisen.

Was ab und an störend war, war die Übersetzungsleistung; so heisst es im Buch zum Beispiel ständig „Er machte die Liebe mit mir“ statt richtig „Er machte Liebe mit mir“ – eine Wendung, die mehrfach falsch vorkam und dementsprechend störte. Das aber nur eine Kritik am Rande.

Fazit:
Ein gelungener, packender Thriller mit Suchtfaktor. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Karin Slaughter
Karin Slaughter, Jahrgang 1971, stammt aus Atlanta, Georgia. 2003 erschien ihr Debütroman Belladonna, der sie sofort an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten und auf den Thriller-Olymp katapultierte. Ihre Romane um Rechtsmedizinerin Sara Linton, Polizeichef Jeffrey Tolliver und Ermittler Will Trent sind inzwischen in 32 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkauft worden. Von ihr erschienen sind unter anderem Schattenblume, Belladonna, Vergiss mein nicht und Dreh dich nicht um.

Angaben zum Buch:
SlaughterBelladonnaTaschenbuch: 480Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (8. Juli 2012)
Übersetzung: Teja Schwaner
ISBN-Nr.: 978-3442379064
Preis: EUR  8.99 / CHF 14.90

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Rezension: Zoë Beck – Brixton Hill

Wem kann man trauen?

Es ist nicht der Aufprall, an den man sich später erinnert. Was man immer wieder vor sich sehen wird, ist der Moment des freien Falls.
Und man wird die Stille dieses Moments hören. Denn die Welt hört auf, sich zu drehen. Alles ist ruhig. Nur der Körper fällt, schwebend, lautlos.

Zuerst streikt nur das Internet, dann setzt hier und da die Technik kurz aus, bis schliesslich nichts mehr geht. Rauch zieht durch die Gänge des Limeharbour Towers, eines dieser modernen neuen Geschäftstowers, in denen auch Kimmy Rasmussen ihr Büro hat. Emma Vine, ihre Geschäftspartnerin und Freundin kann ihr nicht helfen, als sie sich in Panik aus dem Fenster des fünfzenhnten Stock stürzt. Als ob das nicht schlimm genug wäre, wird sie kurz darauf von der Polizei abgeführt wegen des Verdachts, diesen Terroranschlag verübt zu haben.

Hinter all dem – da ist sich Emma Vine sicher – kann nur Alan stecken, der Mann, der sie seit Wochen stalkt, sie mit Twitternachrichten und anderem verfolgt. Sie macht sich auf die Suche nach ihm, seine Reaktion bestätigt ihre Ahnung, leider will ihr niemand glauben. Kurz darauf ist auch Alan tot und Emma steht unter Mordverdacht. Von diesem Moment an ist Emma auf der Flucht. Sie ahnt noch nicht, wie gross die Kreise wirklich sind, die sich hinter allem verbergen. Was sie aber ahnt ist, dass sie die Nächste sein soll.

 

Mit Brixton Hill ist Zoë Beck ein rundum gelungener Thriller gelungen. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, haben Geschichte, sind abgerundete Charaktere. Die Schauplätze wirken realistisch und bildhaft und der Plot ist stimmig, spannend aufgebaut mit den nötigen Cliffhangern, Wendungen und dem doch erwünschten Ablauf des Geschehens. Zoë Beck zeigt einmal mehr, dass sie ihr Handwerk versteht.

Würde man einen Negativpunkt nennen wollen, dann wohl den, dass es am Schluss plötzlich schnell geht mit der Aufklärung, Dinge nicht mehr gezeigt werden, sondern beschrieben, ohne sie in eine Handlung einzubetten. Trotzdem tut dies dem Lesegenuss keinen Abbruch, die Spannung bleibt von der ersten bis zur letzten Seite.

Fazit:
Brixton Hill packt einen von der ersten Seite und lässt einen nicht mehr los. Pures Lesevergnügen. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Zoë Beck
Zoë Beck, geboren 1975, wuchs zweisprachig auf und pendelt zwischen Großbritannien und Deutschland. Ihre grosse Liebe neben der Literatur ist die Musik: Mit drei Jahren begann sie, Klavier zu spielen, gewann bald darauf diverse Wettbewerbe und gab zahlreiche Konzerte. Heute arbeitet sie als freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. 2010 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Bester Kurzkrimi“. Von ihr erschienen sind unter anderem Das zerbrochene Fenster (2012), Der frühe Tod (2011), Das alte Kind (2010).

Mehr zu Zoë Beck und ihrem Schreiben unter Zoë Beck – Nachgefragt.

Angaben zum Buch:
BeckZoeBrixtonTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (9. Dezember 2013)
ISBN-Nr.: 978-3453410428
Preis: EUR 8.99 / CHF 14.90

 

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Rolf von Siebenthal – Nachgefragt

Rolf_von_SiebenthalRolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen sind die beiden Kriminalromane Schachzug (2013) und Höllenfeuer (2014).

Rolf von Siebenthal hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinen Romanen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich habe Jahrgang 61 und bin ausgebildeter Sprachlehrer, arbeitete lange bei einer Tageszeitung und ein paar Jahre im Bundesamt für Verkehr. Heute bin ich selbstständiger Journalist und Texter.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Das Schreiben fällt mir ziemlich leicht, Schriftsteller wollte ich nie werden. Auch heute noch betrachte ich mich eher als Journalist denn als Autor.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

In den 14 Jahren bei einer Tageszeitung habe ich meinen Schreibstil ständig verbessern können. Doch mit dem ersten Krimi tat ich mich schwer. Deswegen habe ich tatsächlich einen einwöchigen Schreibkurs in Norddeutschland besucht. Dort haben mir erfahrene Kursleiter geholfen, meine Stärken und Schwächen zu erkennen. Für mich hat sich das sehr gelohnt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bei „Schachzug“ probierte ich vieles aus, änderte, korrigierte, löschte – und fluchte. Bei „Höllenfeuer“ hatte ich von Anfang an einen ziemlich genauen Plot, an den ich mich dann auch hielt. Das ist für mich die bessere Variante.

Wann und wo schreiben Sie?

Früh am Morgen, der Ort spielt keine Rolle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich kann einen Text zur Seite legen und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Wenn ich aber am Schreiben bin, kreisen die Gedanken ständig um die Geschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Journalist passt besser zu mir als Schriftsteller. Schreiben ist für mich ein Hobby, keine Berufung. Am Anfang hat mir das Krimischreiben keinen grossen Spass gemacht, meine Texte waren miserabel. Es hat zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich meinen Stil gefunden hatte. Doch noch immer betrachte ich mich als Lehrling. Mit der Erfahrung nimmt auch die Freude zu.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe eine Agentin in Berlin. Für mich ist sie ein Glücksfall, weil sie mir die Suche nach einem Verlag und die anschliessenden Verhandlungen abgenommen hat. Leider kann sie nichts daran ändern, dass sich mit Büchern kaum Geld verdienen lässt.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Mein deutscher Verlag gibt sogenannte „Regionalkrimis“ heraus. Er schätzt es sehr, wenn die Schweiz in meinen Texten klar zum Vorschein kommt. Von deutschen Lesern höre ich das ebenfalls. Ansonsten könnten meine Geschichten aber überall spielen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Häufig verstecken sich Geschichten in Gemeindeblättern, Vereinsheften, Anzeigern. Ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Dann stelle ich mir immer die Frage: Was wäre, wenn? Ein Beispiel: Kürzlich hat der Gemeindepräsident von Wintersingen (BL) bei Grabungen in seinem Garten Knochen gefunden. Später stellte sich heraus, dass sie von einem jungen Mann stammen, der vor über 100 Jahren starb. Aber was wäre, wenn die Knochen nur 10 oder 20 Jahre alt wären?

Am Anfang von „Höllenfeuer“ standen die Serien, die alle Zeitungen in der Sommerflaute bringen. Ein beliebtes Thema sind jeweils „Ungelöste Kriminalfälle“.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Rolf von Siebenthal steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Nein, ich identifizeire mich nicht mit den Figuren. Beim Journalisten Bollag spielt meine Berufserfahrung natürlich eine Rolle. Ich weiss aber nicht in jeder Situation, wie er reagieren würde. Das ist immer eine Annäherung und gilt auch für die anderen Figuren. Froh bin ich über Rückmeldungen von Testlesern, die eine Figur möglicherweise anders einschätzen.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist das, was ich selber gerne lese.

Ihr Krimi Höllenfeuer bewegt sich zwischen politischen und privaten Themen, vereint komplizierte Liebesgeschichten und Geschäftsbeziehungen, verknüpft alte und neue Fälle. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen, am Knüpfen solcher komplexer Netze?

Beschreibungen von Menschen, Landschaften, Mittagessen etc. sind nicht meine Stärke. Meine Krimis leben vom Plot, es muss viel passieren. Deswegen stecke ich viel Zeit in die Planung. Danach fällt mit das Schreiben viel leichter.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Wenn sich ein Autor äussern will, finde ich es in Ordnung. Aber hört ihm auch jemand zu?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo, Spannung, interressante Charaktere und eine abwechslungsreiche Geschichte.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mir gefallen angelsächsische Autoren wie Michael Connelly oder Ian Rankin gut. Die haben Tempo, gute Plots und eine schöne Sprache.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Viel lesen und schreiben, die eigenen Stärken und Schwächen suchen, Texte den Stärken und Schwächen anpassen, Kritik nicht persönlich nehmen. Und nur schreiben, was man selber gerne lesen möchte.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Rezension: Rolf von Siebenthal – Höllenfeuer

Politzirkus und Sektentaumel

Mit einem lauten Knall flog die Wohnzimmertür auf, der Rahmen fing sofort Feuer. Eine Woge aus Hitze und dichtem Qualm umfing ihn und sog die Luft aus seinen Lungen. […] Brunner hob den Kopf und setzte zu einem tierischen Gebrüll an, als der Raum um ihn herum in einem grellen Blitz zerbarst. Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, dann war alles vorbei.

Der Journalist Max Bollag hat alle Hände voll zu tun. Er schreibt über den Tod des Arztes Michael Brunner, welcher beim Brand seines Hauses ums Leben kam, eine anonym abgegebene Notiz, dass ein vor Jahren verschwundenes Kind noch lebt, lässt ihn Nachforschungen anstellen, Drohungen gegen seine Freundin, die Bundesrätin Petra Mangold, lassen ihn ebenfalls nicht in Ruhe und als ob das nicht genug wäre, schickt ihn sein Chef zu langweiligen Anlässen , da die Zeitung weg von aktuellen Ereignissen hin zu positivem Lokalgeschehen wechseln will.

Bei seinen Nachforschungen kommt er immer wieder Kripo-Chef Heinz Neuenschwander ins Gehege, der weder von der Presse allgemein noch von Max Bollag im Besonderen viel hält. Als sich die Geschehnisse zuspitzen, bleibt den beiden wenig übrig, als zusammenzuarbeiten – zumindest vordergründig -, was auch bitter nötig wird, als es für einen der beiden richtig gefährlich wird.

Weder mit Händen noch Füssen konnte [er sich] wehren, als der Junge die Nadel in seinen Nacken stiess. Er spürte, wie sich irgendein Zeugs von seinem Hals aus in den Körper ergoss. Wenig später erschlafften alle Muskeln und sein Sichtfeld verengte sich wie ein Lasso. Dann zog sich die Schlinge zusammen und riss ihn hinab in die Dunkelheit.

Höllenfeuer ist Rolf von Siebenthals zweiter Kriminalroman. War schon sein erster, Schachzug, gelungen, hat der Autor nochmals zugelegt und mit seinem Zweitwerk einen fesselnden, komplexen und doch verständlichen Krimi geschrieben. Der Plot ist stimmig und spannend, die Schauplätze wirken plastisch und realistisch, einzig die Figuren bleiben teilweise ein wenig blass, was dem Lesegenuss aber wenig Abbruch tut.

Von Siebenthal behandelt in seinem aktuellen Roman politische Meinungsbildung und politische Intrigen, beleuchtet die Hintergründe und Auswüchse von Sekten, streift Themen wie Abtreibung und Sterbehilfe und lässt auch ein bisschen Raum für die Liebe. Alles in allem eine gelungene Mischung, die das Lesen zum Genuss machte.

Fazit:
Höllenfeuer hat alles, was ein guter Kriminalroman haben muss, so macht Lesen Spass. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Rolf von Siebenthal
Rolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen ist bereits der Kriminalroman Schachzug (2013).

 

Angaben zum Buch:
vonSiebenthalHöllenfeuerTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Gmeiner Verlag (2. Juli 2014)
ISBN-Nr.: 978-3839216149
Preis: EUR 11.99 / CHF 19.90

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Rezension: Kerstin Herrnfeld/Walter K. Ludwig – Tod eines Mathematikers

Sex, Crime and Rock’n’Roll

Er liebt sie. Deshalb bricht er ihr das Genick. So bleibt ihre Schönheit erhalten. Und sie muss nicht leiden. Es ist die humanste Art, jemanden zu töten. Sauber, sicher und schnell. Und vollkommen schmerzlos.
Sie hat keine Chance. Nicht die geringste. Nicht gegen ihn. Er ist stark.

Als der Polizist Harry Tenge nach seiner Silvesterschicht ins Gebüsch pinkelt, schauen ihm aus diesem zwei dunkle Augenhöhlen entgegen. Er hat soeben einen Schädel freigepinkelt. Der Schädel, man erfährt es später, gehört einer seit langem vermissten Frau. Kurz nach diesem Fund bringt sich ein renommierter Mathematikprofessor, Professor Katzenstein, um, der – wie der Zufall so will – der Professor der nunmehr als Leiche gefundenen jungen Frau war – und wie man munkelte, auch deren Liebhaber.

Die Journalistin Alexandra Katzenstein, mit ihrem Vater seit Jahren zerstritten, glaubt nicht an einen Selbstmord. Da ihr niemand glaubt, will sie die Sache selber in die Hand nehmen und den Mord an ihrem Vater klären. Sie erhält dabei Hilfe von ihrem Freund Matze, Fotograf bei derselben Zeitung wie sie. Zwar glaubt er nicht immer an Alexandras Theorie, aber seine Verehrung für die schöne Rothaarige lässt ihn ihr beistehen. Ihnen zu Hilfe kommt alsbald Harry Tenge, welcher auf eigene Faust den Mord an der jungen Frau klären will, weil die Mordkommission zu wenig Gas gibt, und er an eine Verbindung zwischen Katzensteins Tod und „seinem“ Mord glaubt.

„Kann sein, dass ich gerade einen Riesenfehler mache“, begann Harry mit einem leisen Zittern in der Stimme, das verriet, wie unsicher er war. […| „Obwohl es auf der Hand liegt, dass Nicole keines natürlichen Todes gestorben ist, will der Leiter der Mordkommission, Hauptkommissar Kühlborn, jetzt nicht an die Öffentlichkeit gehen. Es wird zwar ermittelt, aber, wie ich aus sicherer Quelle weiss, nicht mit Nachdruck. Und das finde ich merkwürdig.“

Tod eines Mathematikers ist ein Krimi, der mit sehr vielen Personen agiert, der an vielen Orten spielt, der die Perspektiven wechselt, den Leser jedes Kapitel wieder in einen neuen Zusammenhang setzt. Aus einer Vielzahl von Anhaltspunkten, möglichen und tatsächlichen Verbrechen, mehreren Verdächtigen und Theorien, kristallisiert sich mehr und mehr eine Lösung heraus, die wieder verworfen wird, um einer neuen Platz zu machen. Die tatsächliche Lösung wirkt schlussendlich ein wenig gesucht, der Schluss nach der Auflösung des Falls erinnert an eine Rosamunde Pilcher-Geschichte und ist gar zuckersüss. Trotzdem ist der Krimi packend, spannend, man will die Auflösung kennen, weswegen man das Buch nicht eher aus der Hand gibt. Gewisse Nebengeschichten hätte man wegstreichen können, da sie dem Storyverlauf keinen Gewinn brachten und auch sonst wenig Gewicht hatten.

 

Fazit:
Spannender Krimi, kompliziert, aber interessant aufgebaut mit einem etwas gesuchten Ende. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Kerstin Herrnkind/Walter K. Ludwig
Kerstin Herrnkind ist eine waschechte Hanseatin. Sie wurde 1965 in Bremen geboren. Im zarten Alter von zehn Jahren verschleppten sie ihre Eltern in die Nähe von Hamburg aufs platte Land. Nach dem Studium volontierte sie bei der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, wo sie und Walter K. Ludwig sich kennenlernten. Nach Zwischenstation bei der taz ging sie zum Stern, wo sie für Polizei- und Justizthemen zuständig ist. 2011 erschien bei Grafit ihr Psychothriller Mein Mann der Mörder. Walter K. Ludwig wurde 1957 in Bad Neustadt a. d. Saale geboren. Er machte Musik, studierte Geschichte und Politikwissenschaft und absolvierte ein Zeitungsvolontariat. Mehrere Jahre arbeitete er als Redakteur. 2007 erschien sein erster Roman. Er lebt als Autor in Hamburg.

Angaben zum Buch:
HerrnkindLudwigMatheTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (27. September 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254223
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.00

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Rezension: Sunil Mann – Faustrecht

Von einem, der auszog, die Schweiz zu retten

Seit drei Tagen war ich nun der unsichtbare Schatten von Jasmin Bühler, doch bislang wies keine meiner Beobachtungen auf Ehebruch hin. Glücklicherweise, fand ich, denn ich hatte ja hautnah miterlebt, zu welchen Gewaltausbrüchen ihr Ehemann fähig war, und wollte mir lieber nicht ausmalen, was er ihr antun könnte, falls sich sein Verdacht bewahrheiten sollte.

Vijay Kumar erhält den Auftrag, die Frau von Adrian Bühler, einem ausländerfeindlichen Bekannten aus einer Bar, zu beschatten. Als er sie inflagranti erwischt, verschweigt er das seinem Auftraggeber, ist deswegen umso erstaunter, als just der Liebhaber –Insasse eines Asylheims in Altstetten – umgebracht wird. Steckt Adrian Bühler dahinter oder hat der Mord politische Motive, um gegen das unbeliebte Asylzentrum Stimmung zu machen? Vijay lässt nicht locker, er will der Sache auf den Grund gehen, vor allem, da er bald die zunächst unbegründete Ahnung hat, dass hinter all dem noch viel mehr steckt. Dabei verscherzt er es sich auch mit einer Freundin bei der Polizei, die von seinen Verschwörungstheorien wenig hält.

„Du behauptest immer das Gegenteil von dem, was gerade auf der Hand liegt. Ich persönlich finde es schwierig einzuschätzen, ob da wirklich was dran ist oder du nur eine spätpubertäre Phase durchmachst. Deshalb möchte ich Berufliches und Privates ab sofort wieder trennen. Die Polizei und du, Vijay, das ist eine schwierige Beziehung.“

Vijay lässt sich dadurch wenig beeindrucken, er will der Wahrheit auf den Grund gehen, dies teilweise unter Einsatz seines Lebens. Ein wahrer Held in Zürichs Strassen.

 Sunil Mann gelingt auch mit Faustrecht wieder ein Krimi, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Der Plot überrascht durch stets neue Wendungen, bleibt dabei aber stimmig. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, der Leser kann sich mit ihnen identifizieren, vor allem Vijay ist ein Typ, mit dem man gerne mal ein Bier in einer Bar trinken würde. Am Schluss laufen alle Fäden zusammen, es kommt zu einem Sieg des Guten über das Böse – ein Happy End quasi. Alles in allem ein Krimi wie aus dem Lehrbuch von einem Autoren, der sein Handwerk beherrscht.

 Faustrecht dreht sich grossenteils um Ausländerfeindlichkeit, nimmt die Zürcher/Schweizer Politszene aufs Korn und befasst sich in einem Nebenstrang mit der Auseinandersetzung mit Demenz. Alle diese Themen fliessen natürlich in die Geschichte ein, ohne den Lesefluss zu stören, sind dabei aber doch so feinfühlig behandelt, dass sie einen starken Eindruck hinterlassen. Was diesen Krimi zusätzlich auszeichnet, ist der Humor und auch die Selbstironie, die Sunil Mann immer wieder einfliessen lässt.

Ich schaltete den Fernseher aus, rutschte zu Manju rüber und bettete meinen Kopf in ihren Schoss. Sie lächelte, strich mir abwesend durchs Haar, las aber ungerührt weiter. Da ich nichts anderes zu tun hatte, entzifferte ich den Klappentext auf dem Buchdeckel: Schusswechsel hiess der wohl witzig gemeinte Roman und handelte von einem indischen Detektiv, der an der Langstrasse ermittelte. Auf welch abstruse Ideen diese Autoren auf der verzweifelten Jagd nach ein bisschen Erfolg manchmal kamen, dachte ich bei mir […]

 

Fazit:
Spannender, witziger Krimi mit einem stimmigen Plot, plastischen Figuren; packend erzählt – Lesegenuss pur! Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sunil Mann
Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

 Interview mit dem Autor auf denkzeitenSunil Mann – Nachgefragt

  

Angaben zum Buch:
MannFaustrechtTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (18. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3894254476
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90

 

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