Ellen Berg: Ich koch dich tot. (K)ein Liebesroman

Nicht nur Liebe geht durch den Magen

Auf Zehenspitzen näherte sie sich ihm. Beugte sich über die reglose Gestalt. Sah die starren, weit aufgerissenen Augen. Dann liess sie die Dessertschüssel fallen. Scheppernd zerbrach sie auf dem Natursteinboden. Werner atmete nicht. Er würde nie wieder atmen. Er war tot.

Vivi ist soeben ihren Gatten und Haustyrannen Werner losgeworden. Er starb am Rattengift, welches ins Essen gelangt ist. Ist sein Tod noch ein Zufall, welcher Vivi aber durchaus gelegen kommt, so sind die nächsten toten Männer, welche sich als Enttäuschung entpuppen, geplant. Es wird gekocht, was das Zeug hält, die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Bis das Blatt sich wendet und der Richtige kommt. So sieht es zumindest aus.

Auf locker flockige Weise erzählt Ellen Berg die Geschichte ihrer mörderischen Köchin Vivi. Ihre Suche nach dem richtigen Mann fürs Leben endet immer mit dem Tod. Die im Anhang nachgereichten Rezepte laden zum Nachkochen ein, die nötigen Zusätze für alle Fälle erfährt man im Buch.

Fazit:
Leichte und amüsante Unterhaltung für zwischendurch. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Ellen Berg
Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reisebegleiterin und in der Gastronomie, wo sie auch die erotische Küche kennenlernte. Sie lebt mit ihrer Tochter auf einem Bauernhof im Allgäu. Von ihr erschienen sind Du mich auch. Ein Rache-Roman (2011), Das bisschen Kuchen. (K)ein Diät-Roman (2012), Den lass ich gleich an. (K)ein Single-Roman (2013).

BergkochdichAngaben zum Buch:
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag GmbH (20. Mai 2013)
ISBN-Nr.: 978-3746629315
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90

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Derek B. Miller: Ein seltsamer Ort zum Sterben

Sheldon Horowitz ist 82 Jahre alt, Jude und Witwer. Nach dem Tod seiner Frau zog er von New York nach Norwegen, wo er niemanden kennt als seine Enkelin und deren Mann. Während er sich mit Erinnerungen und Gedanken abgibt, tritt plötzlich die Gegenwart in Form einer Frau und deren Sohn in sein Leben.

Alles an ihr schreit: Balkan. Sheldon kann nur raten, was für ein Leben sie führt, und doch deutet alles darauf hin, dass sie hier in Oslo völlig fehl am Platz ist. […] Seine erste Regung ist Mitleid. Nicht für die Person, die sie ist, sondern für die Umstände, denen sie ausgeliefert ist.

Nach einem Streit im Treppenhaus seines Hauses lässt er die beiden in seine Wohnung, wo die Frau kurze Zeit später getötet wird. Sheldon Horowitz flieht mit dem Jungen, um ihm dasselbe Schicksal zu ersparen. Eine Odyssee beginnt.

Derek B. Miller erzählt die Geschichte von Krieg, Verfolgung und Mitgefühl. Er lässt seine Figuren über Themen wie Heimat und Familie philosophieren, lässt sie in die Vergangenheit blicken und die Gegenwart analysieren. Ein seltsamer Ort zum Sterben vereinigt Tiefe, Angst, schwarzen Humor und liebevoll gezeichnete Figuren.  Der Roman spielt von Menschen, die ihren Platz im Leben suchen und den Sinn desselben. Ab und an sucht man denselben als Leser auch in der Geschichte, die zudem manchmal etwas langatmig ist.

Fazit:
Ein vielschichtiger, philosophischer, einfühlsamer Roman. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Derek B. Miller
Derek B. Miller ist in Boston geboren und lebt heute nach Stationen in Israel, England, Ungarn und der Schweiz in Norwegen. Er hat nach einer Promotion an der Universität Genf eine Karriere als Spezialist für Sicherheitspolitik absolviert und für verschiedene Gremien der UNO und Universitäten auf der ganzen Welt gearbeitet. Er ist Direktor eines Forschungsinstituts. Ein seltsamer Ort zum Sterben ist sein erster Roman.

MillerSterbenAngaben zum Buch:
Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Rowohlt Buchverlag (1. Juni 2013)
Übersetzung: Olaf Roth
ISBN-Nr.: 978-3499230868
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Tom Winter: Unbekannt verzogen

Lebenswege und Kreuzungen

Carol will sich befreien. Endlich will sie Bob sagen, dass sie ihn nicht mehr liebt, ihn nie geliebt hat, dass sie sich trennen will. Dass sie auch ihre Tochter nicht liebt, macht diesen Schritt noch einfacher, sie weiss nur eines, sie muss endlich weg. Just an dem Tag, an dem sie diese Botschaft überbringen will, entdeckt Bob einen Knoten in seiner Hode, welcher sich als Krebs entpuppt. Die ersehnte Freiheit muss warten.

Bobs Diagnose platzt wie eine Bombe in Carols Leben, reisst ihr den keimfreien Boden der schicken Praxis mit einem Ruck unter den Füssen weg.

In ihrem Frust schreibt sie Briefe ans Universum, die sie aber per Post verschickt. Albert, kurz vor der Pension stehend und mit der Aufgabe betraut, unzustellbare Briefe zu sortieren, fängt die Briefe auf, liest sie und nimmt so an ihrem Leben teil.

Obwohl ich ihn nicht LIEBE […], hat mich der Krebs daran erinnert, was ich an ihm liebe. Und damit meine ich nicht etwa seine sympathischen Marotten oder seine lustigen Witze, weil er nämlich keine sympathischen Marotten hat und seine Witze eher lahm sind. Ich glaube, ich will eher darauf hinaus, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben.

Da er selber einsam ist seit seine Frau vor 40 Jahren starb, hat er nun einen neuen Lebensinhalt gefunden. Die Briefe verändern sowohl Carols wie auch Alberts Leben. Beide erkennen sie etwas über sich selber und ihre Geschichte und fassen Vorsätze für den weiteren Lebensweg.

Tom Winter erzählt mit viel Humor, teilweise feinem, teilweise herben, nie aber bösartigem Humor die Geschichte von zwei Menschen, die sich in ihr Leben ergeben und damit eigentlich zu leben aufgehört haben. Die Geschichte selber lebt hauptsächlich von den Figuren, welche sehr liebevoll gezeichnet sind und einem damit ans Herz wachsen. Ihr Vermeiden von Entschlüssen, welche lebensverändernd sein könnten, haben etwas zutiefst menschliches, das wohl jeder schon mal selber erlebt hat.

Fazit
Die Geschichte zweier Menschen, deren Wege sich durch Briefe kreuzen, ohne dass sie sich kennen, erzählt mit viel Humor und Liebe. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Tom Winter
Martin Walker wurde 1974 in der Nähe von London geboren. Nach 15 Jahren in Hongkong und Shanghai lebt er nun in Berlin, wo er als Werbetexter für internationale Firmen arbeitet. Unbekannt verzogen ist sein erstes Buch, der zweite ist gerade in Arbeit.

winterunbekanntAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 281 Seiten
Verlag: Insel Verlag (13. März 2013)
Übersetzung von: Regina Rawlinson und Sabine Lohmann
ISBN-Nr.: 978-3458359166
Preis: EUR  12.99 / CHF 21.90

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Arnon Grünberg: Amour fou

Das Buch wird eingeleitet durch ein Vorwort von Daniel Kehlmann. Der Sinn dieses Vorwort erschliesst sich mir nicht ganz, weder als Funktion für den Roman noch sonst. Kehlmann schreibt von seiner Angst vor Arnon Grünberg, die darauf gründet, dass er die Bücher des liebenswürdigen, zuvorkommenden und herzlichen Menschen kenne. Nun erwartet man, dass diese blutrünstig und gefährlich wären, doch auch sie handeln von höflichen Menschen. Wenn Kehlmann dann weiterfährt und vom Humor spricht, der nur Qual ist und nicht lachen macht, verliert man völlig die Orientierung, hofft, sie im Roman selber wieder zu finden.

Der Roman wird als „einfühlsam, grandios und temporeich“ angekündigt, man dürfe eine „zu Herzen gehende Lebensbeichte“ erwarten, die aber frei von Sentimentalität sei. Darauf freue ich mich und beginne zu lesen:

Ich bin früh kahl geworden. Dass es irgendwann dazu kommen könnte, war nicht ausgeschlossen, aber dass es so schnell gehen würde, war doch eine Überraschung. Dies ist die Geschichte meiner Kahlheit, und ich habe nicht vor, nach diesem Buch auch nur ein weiteres Wort zu Papier zu bringen.

Das hat was von einer Lebensbeichte, allerdings bin ich nicht sicher, ob mich Kahlheit interessiert. Schlussendlich kommt diese auch nicht mehr vor auf den weiteren Seiten, viel mehr erfährt man Bruchstücke über die kühle Mutter, welche armen Menschen Gutes tat und kurz nach dem achtzehnten Geburtstag des Erzählers starb. Man liest vom Papa, der nicht von Welt sei, weil er ässe wie ein Schwein, und von dessen neuen Frau Eleonore, welche ein Buch mit dem Titel „Wie alte Frauen reich werden können“ geschrieben hat – quasi ihre Lebensbeichte.

Danach springt der Erzählfluss hin und her, handelt von Hüten auf Mamas Kopf und in Ohnmacht fallenden Brüdern, die Kahlheit kommt nochmals ins Spiel und wird begleitet von Wiener Kaffeehäusern, Kokettiere mit dem eigenen Äusseren und das Philosophiestudium sind Thema.

Was wohl Humor sein sollte, ist wirklich nicht zum lachen, insofern hatte Herr Kehlmann recht:

Papa sagte oft: „Aus den Haaren der Leute fällt immer viel Dreck, darum darf man beim Essen nicht an den Haaren herumfummeln.“
Dass aus Andreas haaren Dreck fallen sollte, konnte ich mir nicht vorstellen. Und auch aus Milenas Haaren fiel meiner Meinung nach keiner.“

Das beruhigt zu wissen, doch so wirklich lustig finde ich das nicht. Mittlerweile wurde die Amour fou  thematisch eingeführt, welche den Erzähler fasziniert und dazu verleitet, sie erleben zu wollen. Auf dem Weg dahin begegnet man noch einem Blumenhändler, der seines Zeichens Liebhaber der Frau Mama ist – oder war. Ich habe mittlerweile völlig den Faden verloren in dem ganzen Hin und Her. Auf Seite 117 strecke ich die Segel, verpasse vielleicht auf den noch verbleibenden 220 all das, was auf dem Klappentext versprochen wurde, doch hätte das für meinen Geschmack früher beginnen müssen. Mir fehlte jeglicher Zugang zu den Figuren, sie hatten weder Seele noch Charme, sprachen höchstens wie im Fall des Protagonisten und Erzählers davon, für ihn gerühmt zu werden. Für mich als Leser unverständlich.

Fazit
Eine grosse Enttäuschung, die ich nicht erwartet hätte – nicht im Programm dieses von mir doch sehr geschätzten Verlages. Ich kann es nicht empfehlen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag 2013
Preis: EUR: 14.90 ; CHF 19.90