Andreas Izquierdo – Nachgefragt

IzquierdoAndreasAndreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

Andreas Izquierdo hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten, worüber ich mich sehr gefreut habe:

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

 Ich wollte immer was mit Schreiben machen – Schriftsteller ist mir dabei aber nie in den Sinn gekommen. Ich komme vom Land, da hält man so was für ziemlich abgehoben. Ich damals auch. Also, Journalist, aber das war es auch nicht ganz. Eines Tages, nach einer durchzechten Nacht, sagte mein damaliger Nachbar bei einem Spaziergang zu mir: „Hörmal, du kommst doch aus der Eifel. Schreib doch mal was über ne tote Sau …“
Das habe ich dann gemacht: so entstand „Der Saumord“. Mein erstes Buch. Und für mich der Startschuss, dass ich doch so was wie „Schriftsteller“ werden wollte …

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder wie bei dir bei Schriftstellern. Ist Schreiben wirklich hauptsächlich Handwerk, kann das jeder lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt zu schreiben?

Ja, ganz viel davon ist Handwerk. Vergleich es mit einem Sprinter: der muss auch trainieren, jeden Tag, sehr hart, um vielleicht einmal in seinem Leben unter zehn Sekunden zu laufen. Also, trainiert er: Laufen. Er übt ein Handwerk aus, bis er merkt: mehr geht nicht. Und jetzt kommt etwas, was es auch beim Schreiben gibt: 90 % sind Handwerk, 10 % etwas, was du NICHT lernen kannst. Und so kommt es, dass es Sprinter gibt, die können 11 Sekunden auf hundert Meter laufen, und solche, die können 10 Sekunden laufen. Einer ist sehr gut, der andere Weltklasse. Aber beide arbeiten gleich hart.

Ich habe einiges autodidaktisch, das meiste als Drehbuchautor gelernt und tue es immer noch. Schreiben ist wirklich sehr kompliziert: du schaffst es endlich, eine Sache in den Griff zu bekommen, schon versagst du bei einer anderen.

Ich habe von einigen Autoren eine sehr negative Sicht ihres Schreibens und auch vom Umgang mit Verlagen gehört. Sie bezeichnen sich als Schreibmaschinen, Schreibsklaven, fühlen sich menschenunwürdig behandelt und dergleichen mehr. Wie siehst du die Situation heute?

 

Das Buchgeschäft hat sich in den letzten 10, 15 Jahren vollständig geändert – leider nicht zum Guten. Dank Media Control können sich die Verlage wechselseitig quasi in die Bücher sehen, wissen, was Titel verkaufen und was nicht. Das hat dazu geführt, dass es eine immer größer werdende Verschiebung zu den Topsellern gegeben hat und eine immer größer werden Nichtbeachtung von Texten, die aufgrund ihrer Eigenart niemals Topseller werden können, literarisch aber sehr oft viel höherwertiger als Topseller sind.

Das ist Winner-Takes-it-all, das einigen wenigen alles, vielen andern wenig bis gar nichts beschert. Und ich werde den Eindruck nicht los: je größer der Verlag desto mehr wirst du danach bemessen, was du so einbringst an Kohle. Und wenn das nicht stimmt, dann bist du weg. Beziehungsweise du spürst eben sehr schnell, wie viel du dem Verlag wert bist: nämlich wenig bis nichts.

An dir klebt im wahrsten Sinne des Wortes ein Preisschild. Das ist nicht überall so, aber es hat sich leider durchgesetzt. Das ist eben unsere Zeit.

Wie sieht dein Schreibprozess aus? Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst? Wann und wo schreibst du?

Nur ein Idiot schreibt einfach drauf los. Oder jemand, der überhaupt keinen Respekt vor der eigenen Arbeit hat, womit wir gleich wieder bei der Eingangsbehauptung wären. Ich recherchiere, ich arbeite lange an einem belastbaren Exposé, an das ich mich später halte. Es ist der Bauplan, die Blaupause. Ich weiche davon nicht ab. Es mag Erzählbögen geben, die nicht vorhergesehen waren, Figuren kommen dazu, andere verschwinden, aber es passt immer in den Plan. IMMER.

Während der Arbeit bespreche ich mich mit anderen, lasse mitlesen, auch von mir völlig fremden Personen. Ich bin da nicht empfindlich. Wenn es eines Tages auf den Markt kommt, muss es eh bestehen. Nur dann ist es gedruckt und zu spät. Ich höre mir das lieber vorher an.

Und ich versuche immer, das Beste herauszuholen, was ich leisten kann. IMMER. Egal für wen, egal wie gut oder schlecht es bezahlt ist. Ich hadere oft, frage mich immer: Ist das schon das Beste? Oder bist du bloß zu faul nachzudenken.

Woher holst du die Ideen für deine Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert dich?

Konzentration. Ich warte nicht auf die Muse, ich fahnde nach ihr. Und wenn ich sie finde, zwinge ich sie, für mich da zu sein. Das ist nicht nett, aber ich muss vom Schreiben leben, das geht leider nicht anders. Ich sitze manchmal stundenlang vor einem geöffneten Dokument und starre auf das weiße „Papier“. Manchmal tippe ich wirr vor mich hin, Sätze entstehen, verschwinden, aber irgendwann hab ich ein Fädchen und ziehe daran … immer wieder spannend zu sehen, was dann hochkommt.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schaltest du ab?

Ja. Ich kann sehr gut in den Urlaub fahren und an gar nichts denken.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Bist du auch in deinen Figuren? Wieviel Albert Glück steckt zum Beispiel in dir?

Ja, ich bin im wahrsten Sinne des Wortes in meinen Figuren drin. Sehe die Welt so, wie sie sie sehen. Ich durchleide alles mit ihnen zusammen. Erst wenn ich ihnen ganz nahe bin, kann ich über sie schreiben. Autobiographisch ist das nicht, aber es hat viel mit mir zu tun.

Albert Glück fand in Anna seine erste Liebe. Der Weg dahin war steinig und am Schluss lauerte der Tod. Wie empfindest du Albert Glücks Leben? War es ein glückliches?

Ja, ich glaube,  er war glücklich. Er hat alles riskiert und alles gewonnen, auch wenn er es teuer bezahlt hat. Ich glaube, die meisten von uns wagen zu wenig – ich schließe mich da gar nicht aus. Und viele spüren, dass ihr Weg nicht richtig ist, trotzdem wagen sie es nicht, umzudrehen oder abzubiegen, weil das Ungewisse schlimmer zu sein scheint, als die Gewissheit, unglücklich zu sein. Es verlangt Mut und Verstand, sein Leben zu ändern: Du musst erkennen, dass dein Weg falsch ist und du brauchst einen (guten) Plan, es zu ändern. Mut und Verstand. Beides.

Was bedeutet Glück für dich?

In einem Land zu leben, das sich jemanden wie mich leisten kann.

 

Albert Glück muss nach 35 Jahren Gleichschritt aus seinen Gewohnheiten ausbrechen. Sind Gewohnheiten für dich eher Halt oder Stillstand?

Gewohnheiten geben Sicherheit. Nur die wenigsten Menschen sind für ständiges Chaos gemacht. Irgendwann will doch jeder zur Ruhe kommen. Allerdings verführt diese Ruhe, je länger sie anhält, dazu, nichts mehr ändern zu wollen. Oder – im Endstadium – nichts mehr ändern zu können. Wie Muskeln, die man nicht mehr bewegt. Sie verkümmern, bis sie zu nichts mehr zu gebrauchen sind.

Was muss ein Buch haben, dass es dich anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell magst?

Sie müssen in aller erster Linie unterhalten. Sie sollten emotional sein, Figuren haben, die mich bewegen – ganz gleich ob positiv oder negativ. Ich will eine neue Welt sehen, eine neue Sichtweise. Und ich will nicht belehrt werden, sondern daraus lernen.

Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Nur zufällig da.

Ich möchte mich herzlich für diese ausführlichen und tiefgründigen Antworten bedanken!

Andreas Izquierdo: Das Glücksbüro

Die Suche nach dem kleinen Glück

Das Amt ist Albert Glücks Zuhause. Nicht nur arbeitet er dort, er wohnt da auch. Albert Glück ist ein grauer, unscheinbarer Mann der Ordnung, der Strukturen, der geregelten Abläufe, sein kleines Glück sind Formulare jeglicher Art, die in ihrer Aufteilung, Funktion und Bearbeitung genauen Vorschriften folgen. So zieht sein Leben durch die Jahre, Tag für Tag die gleichen Abläufe.

Das Amt war wie eine Familie, nur ohne störende Verwandtschaft. Eine Burg, wehrhaft besetzt von Tausenden, in der man ganz geschützt ganz alleine sein konnte. Während die Welt draussen immer grösser, komplizierter und chaotischer geworden war, war sie hier drinnen immer noch überschaubar, ordentlich und sehr gemütlich. Ein Ort der Geborgenheit, den Albert sehr schätzte, weil er im Umgang mit Menschen zuweilen ziemlich ratlos war.

Ab und an wagt Albert einen kleinen Ausbruch aus der täglichen Routine. Er spielt den Mitarbeitern kleine Streiche, zwar mit Hintergrund, aber ohne Gedanken an die Folgen. Danach geht er zurück in sein Muster. Bis eines Tages alles anders ist. Alles beginnt mit einem Formular, einem sehr schönen Formular, dessen einziger Fehler die Nummer ist: E45. Alberts Leben gerät aus dem Takt. Nicht nur weiss er nicht, was mit dem Formular machen, er wird es auch nicht los. Egal, was er anstellt, am nächsten Tag liegt es wieder auf seinem Pult. Die einzige Lösung scheint ein Besuch bei der Antragsstellerin und diese Aufgabe führt ihn das erste Mal nach über 30 Jahren aus dem Amt heraus.

Einen Moment lang stand Albert völlig erstarrt da. Raus? Vor die Türe? In die Welt, die sich weitergedreht hatte? Die er nicht kannte? Die voller Feinde war? Albert hatte das Amt seit mehr als dreissig Jahren nicht verlassen, aber jetzt musste er.

Der erste Besuch bei Anna Sugus – ein wunderbar ordentlicher Name, wie Albert Glück findet – endet mit einer vor der Nase zugeschlagenen Tür, der zweite ist erfolgreicher. Vor ihm steht eine kleine Frau, Künstlerin, die wilde, bunte, unorganisierte, farbenfrohe, lebendige Bilder malt.

„Ist das Kunst?“, fragte er neugierig.
„Natürlich ist das Kunst!“
„Dann verstehe ich nichts von Kunst.“

Durch Anna kommt Farbe auch in Alberts Leben. Sie zeigt ihm, dass hinter den Formularen Menschen stehen (das war ihm bislang entgangen) und dass er diesen Menschen helfen kann, ihnen zu ihrem kleinen Glück verhelfen kann. Die Menschen kommen in Scharen, Glück boomt. Doch das gefällt nicht allen.

Andreas Izquierdo ist mit Das Glücksbüro eine humorvolle, leicht erzählte, trotzdem tiefgründige Geschichte gelungen. Es ist die Geschichte von Amtsschimmel und menschenfernen Formularen, die Geschichte von Menschen und dass ihr Schein ab und an trügt, die Geschichte einer Liebe, die Geschichte auch des kleinen Glücks, das jedem zugänglich ist, wenn er es nur sieht und ergreift.

Wenn man dem Buch etwas anlasten möchte, so ist das sein etwas langatmiger und wenig packender Anfang. Auch in der Mitte des Buches gibt es nochmals einen kurzen Teil, in dem alle verschiedenen existierenden Ämter aufgezählt werden, was eher wie eine Schreibübung anmutet denn literarisch wichtig zu sein, so dass man ihn besser gestrichen hätte. Das alles ist aber zu vernachlässigen, sieht man all das Positive des Buches wie die sich entwickelnden Figuren, den scharfen Blick für Details des Amtsalltags, die leisen Töne, die Gefühle, die das Buch im Leser weckt.

Fazit:
Ein vielschichtiger, kritischer, trotzdem leichter, menschlicher, tiefgründiger, herzerwärmender Roman. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Andreas Izquierdo
Andreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

IzquierdoGlücksbüroAngaben zum Buch:
Broschiert: 268 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (25. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3832162252
Preis: EUR  9.99 / CHF 16.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Thomas Bien: Buddhas Glücksgeheimnis

Glückliche Menschen leben in einer Welt, in der ständig etwas Gutes passiert. Liebevolle Menschen sehen überall Güte und Freundlichkeit. […] Verärgerte Menschen leben in einer durch und durch ungerechten Welt. Neidische Menschen leben in einer Welt, in der alle mehr haben als sie.

Thomas Bien zeigt in seinem Buch Buddhas Glücksgeheimnis auf, dass wir selber dafür verantwortlich sind, wie wir unsere Welt wahrnehmen und wie wir uns in ihr fühlen. Durch Beispiele aus buddhistischen Schriften, Geschichten über Buddhas Weg hin zur Erleuchtung sowie anhand von einfachen Übungen zeigt Thomas Bien, was wir selber verändern können, um glücklicher im Leben zu sein.

Thomas Bien beleuchtet dabei die illusionäre Sicht auf das eigene Ich, aus welcher Leid erst entsteht. Das Ich gibt es nicht, so seine Devise. Er beruft sich dabei einerseits auf buddhistische Lehren der umfassenden Einheit, andererseits auf eine neurowissenschaftliche Studie. Der neurowissenschaftlichen Forschung und der darum herrschenden Diskussion wird er damit nicht gerecht.

Fazit ist, dass wir die Identifikation mit dem Ich und allem, was wir dazu zählen, loslassen müssen, um wirkliche Freiheit zu erlangen. Erst wenn wir uns nicht mehr identifizieren, hängen wir an nichts und müssen nicht leiden, wenn Dinge vergehen. Denn das, so Bien, ist ein weiterer Punkt auf dem Weg zum Glück: Das Akzeptieren der Vergänglichkeit von allem. Nichts ist beständig, alles entsteht, um auch wieder zu vergehen. Hängen wir uns an die Dinge, werden wir jeder Veränderung mit Schrecken entgegen sehen. Lassen wir los, können wir das Kommen und Gehen gelassen betrachten und uns daran freuen.

Nur durch ein bewusstes und achtsames Leben werden wir wirklich den vollen Genuss dieses Lebens erfassen und darin besteht das Glück. Glück ist kein andauernder Zustand, sondern es sind die vielen kleinen Momente, die achtsam und ganz präsent genossen Glücksgefühle in uns auslösen.

Das Buch bietet eine schöne und leicht lesbare Wegbeschreibung hin zum eigenen Glück. Alle Wegweiser sind dabei nicht neu, sie finden sich in vielen Büchern zu Themen rund ums Glück, den Buddhismus und die Achtsamkeit. Insofern ist dieses Buch einfach eines mehr im jetzt schon vielfältigen Angebot. Durch die Vielfalt von eingängigen Geschichten, Übungen, die leicht zu praktizieren sind und psychologischen Hintergründen ist es aber sicher eines der lesenswerteren Bücher in der Glücksliteratur und damit sehr zu empfehlen.

Fazit:

Unterhaltsam geschriebene Wegbeschreibung hin zu einem bewussteren und damit glücklicheren Leben. Gehen muss man den Weg selber, wirklich neu ist auch die Beschreibung nicht, trotzdem ist das Buch empfehlenswert und lesenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 316 Seiten
Verlag: Lotos Verlag (2012)
Übersetzung: Jochen Lehner
Preis: EUR 19.99 ; CHF 31.90

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Erschienen im Yoga Magazin Schweiz

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstrasse

Man hörte das Knacken einer Sprechanlage, wurde von einer Stimme auf den dritten Stock im Vorderhaus verwiesen, in eine Wohnung, die Denninghoff nur allzu gut kannte. Dort hatte er die letzten Jahre mit seiner Frau verbracht, und wie oft hatte er gewünscht, sich in den Räumen, die ihm vertraut waren, nochmals umzusehen.

Nach dem Tod seiner Frau zieht Denninghoff aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er erträgt die Umgebung, in der sein gewohnter Alltag, der ein glücklicher gewesen ist, mit einem Schlag beendet war, nicht mehr. Schon kurze Zeit drauf bereut er diesen Schritt, hängt seine ganzen Gedanken an ein Poster, das in dieser Wohnung gehangen hat und das er wieder haben will. Er sieht es vor sich, bricht in die Wohnung ein, im Glauben, es müsse noch da hangen. Doch genauso wenig wie er das Bild wieder findet, lässt sich das alte Leben zurückholen.

Diese und vier andere Erzählungen finden sich in Hartmut Langes Novellenband. Hartmut Lange lässt seine Geschichten durch detaillierte Umgebungsbeschreibungen realistisch wirken, man sieht sich dem normalen Leben inmitten einer plastischen Umwelt, sei es Stadt, sei es Natur, gegenüber. Es sind Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen, die ein normales, von Gewohnheiten geprägtes Leben führen und damit glücklich sind.

Es sind Geschichten vom kleinen Glück des Alltags, welches plötzlich getrübt wird. Sei es der Tod der geliebten Frau, die Aussage einer Frau über den eigenen Mann oder das Spiel einer toten Cellistin, alles bewirkt eine plötzliche Abkehr der Gedanken vom guten Alltag. Plötzlich ist nicht mehr das gewohnte Leben im Zentrum, sondern eine Besessenheit nimmt überhand und wird zum grossen vereinnahmenden Loch. Wie soll man damit umgehen?

„Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern“ Und: „Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern“

Hartmut Lange beschreibt die menschliche Fähigkeit, den eigenen Gedanken mehr Realität zu geben als dem gewohnten Alltag. Was ist Wirklichkeit, was Lebenslüge? War die bisherige Gewohnheit nur Wegschauen und nun ist man aufgewacht? Sind die neuen Gedanken eigene Sehnsüchte, Ängste, welche irrational sind? Das blosse Denken einer Möglichkeit wird zur Obsession, der kaum entkommen werden kann. Entweder man findet einen Weg, mit dem Zerstörerischen umzugehen oder es zieht einen in den Abgrund.

Fazit:
Geschichten aus dem Leben, menschlich, realistisch und doch phantastisch. Empfehlenswert.

Der Autor: Hartmut Lange
Hartmut Lange wurde 1937 in Berlin-Spandau geboren, wurde mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren nach Polen umgesiedelt und kehre 1946 mit seiner Mutter nach Berlin zurück. Er studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie und erhielt 1960 eine Anstellung am Deutschen Theater in Ostberlin. 1965 verliess er die DDR und reiste über Jugoslawien nach Westberlin, arbeitete da für verschiedene Theater. Er schreibt hauptsächlich Erzählungen und Prosa, Werke von ihm sind u. a. Tagebuch eines Melancholikers, Vom Werden der Vernunft, Eine andere Form des Glücks, Der Wanderer. Hartmut Lange lebt mit seiner Frau in Berlin und bei Perugia in Umbrien.

LangeDoroAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2013)
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90

Macht der Gewohnheit

Wie oft verharrt man in Situationen, die einem nicht gefallen, die einen leiden lassen, die weh tun. Wie oft versagt man sich ein Glück, das eigentlich zum Greifen nah sein könnte, das man sich aber nicht zu greifen getraut. Wieso? Weil man dafür etwas aufgeben müsste. Etwas, das da ist, das man kennt. Man kennt es mit all seinen negativen Seiten, all seinem Schmerz, all seinen Schwierigkeiten. Aber man kennt es.

Das Neue klingt toll, aber was, wenn es nicht hält?Was, wenn es auch schwierige Seiten hat, die man nicht kennt? Solche, die man erst erfahren muss, damit umgehen lernen muss? Mit den alten Schwierigkeiten hat man sich – mehr schlecht als recht, aber doch – arrangiert. Drum bleibt man dabei, leidet vor sich hin, sucht weiter nach dem Glück, um es jedes Mal wieder gehen zu lassen, wenn man nur eine blasse Ahnung davon hat. 

Lebe deine Träume, träume nicht dein Leben.

Es klingt so gut, es klingt so wahr und vor allem klingt es einfach. Aber alles andere als das ist es. Man wünscht sich ein Leben nach seinen Plänen, nach seinen Massstäben, nach seinen Zielen. Erfüllt soll es sein, voller Liebe, voller Zufriedenheit, lebendig.

Leben bedeutet immer auch Veränderung. Mal im Kleinen, mal etwas grösser. Wir jedoch halten krampfhaft fest, was ist. Brechen ab und an vielleicht in Gedanken aus, vielleicht auch ein wenig real, um dann schnell und unbemerkt wieder zurück zu krebsen. Im Schoss der Gewohnheiten, des Althergebrachten fühlen wir uns geborgen. Ein Gefühl, das wir nicht mehr im Stande sind, uns selber zu geben, weil wir uns und der Welt nicht trauen, weil sie so gross, so schnell, so unbeständig scheint. Alles, was wir haben, ist das, was ist. Und wir krallen uns förmlich fest. Nichts soll entgleiten. Auch wenn es nicht wirklich das ist, was wir uns wünschen.  Es ist alles, was wir haben. Und:

Schlimmer geht immer.

Allerdings könnte es auch besser werden. Wenn man sich traute, wenn man sein Leben in die Hand nimmt und versucht, das aus seinem Leben zu machen, was man sich davon auch wirklich erhofft. Dazu hilft es, auch mal hinzusehen, was ist. Das Leben ist nicht einfach, wie es immer war, man hat es selber in der Hand, es aktiv mitzugestalten, wie es sein soll. Ab und an bedeutet das, Abschied nehmen von lieb gewonnen oder nur einfach vertrauten Gewohnheiten. Etwas zu wagen, einen Schritt nach vorne zu gehen. Nicht jeder Schritt geht direkt ins Glück, einige gehen auch in die Irre. Doch wäre ein Verharren im Leid, im ungewollten Leben wirklich besser?

Drum wünsche ich mir fürs neue Jahr Mut, Zuversicht, Willenskraft und gutes Schuhwerk, um meinen Weg zu gehen. Ich wünsche mir die eine oder andere Hand, die mir hilft, wenn ich falle, hoffe auf viel Licht, damit ich den richtigen Weg sehe und auf viel Freude, ihn mit leichtem Herzen gehen zu können. Ich wünsche mir gleich gesinnte, gut gewillte Wegbegleiter und auch das eine oder andere Hindernis, damit ich die Leichtigkeit des Seins im Gegenzug zu schätzen weiss. 

Wege, Wünsche und Bilanzen

Momentan liest man rundum dieselben Themen: Weihnachten, Weltuntergang, neues Jahr. In ewig neuen Texten das gleiche Thema und so mancher mag sich denken: Nicht schon wieder. Und doch ist es das, was grad beschäftigt, weil es halt präsent ist. Auch bei mir. Der Weltuntergang weniger, wenn, dann nur in Witzform, Weihnachten schon eher, das neue Jahr kommt und damit auch der Rückblick auf das Jahr, das war. Dieser fällt bei mir immer doppelt aus, da gleich nach dem Neujahr auch noch der Geburtstag kommt, welcher 2013 ein spezieller sein wird.

Es ist ein bewegtes Jahr gewesen, ein Jahr voller Herausforderungen, Niederlagen, Siegen, Verlusten. Ein Jahr mit Tränen, solchen aus Freude und aus Leid. Ein Jahr mit vielen Menschen, die in mein Leben traten, wieder gingen, erneut kamen, weg blieben, fehlten, mich freuten, mich auch mal enttäuschten. Ich habe viel gelernt von diesen Menschen, Dinge, die ich lieber nicht gelernt hätte, solche, die wichtig waren, welche, die tief gingen. An gewissen Dingen bin ich noch dran.

Es war ein Jahr mit verschiedenen Rollen. Von Märchenprinzessin bis hin zum gefallenen Engel war alles dabei. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Vertrauen wurde gebrochen, neues gebaut. Wunden heilten, andere brachen auf. Aus einigen wurden Narben, andere pflege ich noch und hoffe, sie gesunden. Einige werden wohl auch bleiben.

Es war ein Jahr der Suche. Nach mir, nach meinem Platz, nach meinem Weg. Ich stand an vielen Gabelungen, bog oft ab, kehrte zurück, ging wieder vor. Ich überwand Hindernisse, stolperte, kämpfte, kraxelte, kletterte, sprang und lag am Boden. Um wieder aufzustehen und weiter zu gehen. Neue Wege zu suchen und einen zu finden, der passt. Er wird nicht einfach werden, aber er ist der Weg, den ich gehen will. Weil ich ihn immer gehen wollte. Von Anfang an, von ganz klein. Und was im Dickkopf mal drin ist, das sitzt tief und treibt an. Noch stehe ich am Anfang und sehe den hohen Berg vor mir. Es ist nicht der erste Berg und ich habe sie immer bezwungen. Ich hoffe, auch den zu meistern.

Es war ein Jahr mit vielen Wünschen, vielen Träumen. Sie erschienen anfangs so rosig, alles perfekt. Dann kamen Risse, Luftschlösser brachen ein. Zurück blieb eine Realität, die nicht immer einfach, aber trotzdem gut war. Ab und an schaut man zurück und denkt mit Wehmut, was so rosig schien. Doch ist, was ist und vermutlich ist es gut so. Der Boden der Realität ist immer der sicherste. Seifenblasen platzen wohl und Märchen wurden geschrieben, nie gelebt.

Es war ein Jahr im Wechselbad der Gefühle. Ein Jahr, das mich ab und an verdammt einsam fühlen liess, um dann wieder gerührt zu sein ob unglaublich viel Freundschaft, Zuneigung und Hilfe in der Not. Es war ein Jahr, das mir zeigte, dass es Menschen gibt in diesem meinem Leben, die zu mir stehen und einfach da sind. Menschen, die an mich glauben und mich unterstützen, in allen Bereichen und allen Belangen. Es war ein Jahr, das mich viel Dankbarkeit spüren liess und damit auch Glück. Oft entwuchs es Leid, doch das ist wohl die Bipolarität des Lebens: In allem Leid steckt auch ein Glück. Man muss es nur sehen.

Und so geht das Leben seinen Weg und das Jahr zu Ende. Das neue Jahr steht vor der Tür und wie so oft steckt man Hoffnungen, Wünsche, Vorsätze in dieses Jahr. Im Wissen, dass man es sowieso nicht ändern können wird. Was ist, das ist, was kommen muss, das muss. Und doch wird es ein Jahr sein, das meinem Weg gewidmet ist. Im Wissen, dass es kein leichter sein wird. Im Wissen, dass wohl viel Kraft, viele Tränen, viele Zweifel diesen Weg begleiten. Und doch fühlt er sich gut und richtig an.

Es wird ein Jahr sein, in welchem sicher auch Vieles fehlen wird, das ich mir so wünschen würde. Ein Jahr mit Entbehrungen in einigen Bereichen, aber auch Überfluss und Fülle in anderen. Das Luftschloss, das ich gerne bauen würde, steht in den Wolken, ich schaue ab und an sehnsüchtig hoch, um mich dann wieder auf den Platz am Boden zu besinnen. Und es ist ein guter Platz. Ein fruchtbarer noch dazu. Ich bin gespannt, welche Blumen wachsen werden rund um mich. Und ich freue mich über jede Blüte. Und gehe dabei meinen Weg.

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Was ist Familie?

Fragte man vor einigen Jahrzehnten, was Familie ist, so war die Antwort einigermassen einfach: Vater, Mutter, Kinder im innersten Kreis, dazu kamen Onkel, Tanten, Cousinen, Grosseltern, Grosstanten. Alles einfach, alles einigermassen linear. Dann begann es, schwierig zu werden. Innerste Kreise brachen auf. Wo vorher Vater, Mutter Kinder waren, blieben Mutter und Kinder hier, Vater und Kinder dort. Als ob das nicht genug wäre, gesellten sich auch Onkel, Tanten, Cousinen und Grosseltern zu den jeweiligen Elternteilen, zu denen sie ursprünglich gehörten. 

Verstandesmässig ist die ganze Sache immer noch einfach zu verstehen. Sie ist auch rational nachvollziehbar und liegt im alten Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ begründet. Blickt man tiefer, wird es schwerer. Man heiratet eines Tages aus Liebe einen Menschen und kriegt eine neue Familie dazu. Im besten Fall wird man willkommen geheissen, hört Sprüche, die einen als neue Tochter, neuen Sohn begrüssen. Bricht die Ehe, wird man oft zum verstossenen Sohn, zur fallengelassenen Tochter. Man steht wieder alleine da. Zurück bleibt das Gefühl, nur aufgrund der Liaison angenommen worden zu sein. Es ging gar nie um einen selber.  

Nun könnte man also sagen, dass die Welt böse und schlecht geworden ist, früher alles besser war. Allerdings würde man dabei vernachlässigen, dass man von einem sehr idealen Bild einer sehr heilen Welt ausgegangen ist. Früher waren vielleicht Scheidungen weniger aktuell, dafür starben Mütter weg, Familien waren nie in dem Sinne aktuell, wie wir sie heute als Idealbild vor Augen haben, und Schwiegermütter mochten Schwiegertöchter nicht (auch da ging es selten um den Mensch, mehr um die Rolle). Dann war auch kein eitel Sonnenschein und alles war genauso kompliziert. 

Erschwerend ist wohl der Wechsel der Gefühle. Erst grosse Liebe und Familie, dann grosse Leere und Verstoss. Das Wechselbad macht die Situation schwierig. Wo liegt die Lösung? Ausrufen „habt euch alle lieb“? Sich nie auf neue Modelle einlassen, weil sie zerbrechen könnten? Dann dürfte man gar keine Beziehungen mehr eingehen, denn Partner gehen, entlieben sich oder werden entliebt, Eltern werden älter, man selber flügge, Hunde entlaufen und alle miteinander sterben sie irgendwann.

Damit würde man aber all die schönen Momente verpassen, würde sich um viel Glück betrügen und wozu? Weil die Gefahr bestehen könnte, dass es nicht hält, dass es kein ewiges Glück ist? Aber ist Glück je ewig? Sind es nicht immer neue Glücksmomente, die einem das Leben schön machen, um wieder zu gehen, bis ein nächster kommt. Das Leben ist ein ständiger Wandel, was so auch gut ist, denn sonst stünden wir noch heute da, wo wir vor 5/10/20 Jahren waren. Wir hätten keine neuen Erkenntnisse gewonnen, uns nicht weiter entwickelt. Kaum einer fände das erstrebenswert. Zum Wandel des Lebens gehört auch, gewisse Dinge loszulassen, wenn die Zeit dazu reif ist.

Das gilt auch für Menschen. Es gibt Menschen, die streifen dein Leben, werfen dir einen Blick zu. Es gibt Menschen, die treten in dein Leben, zeigen dir etwas, gehen wieder. Und es gibt Menschen, die kommen, um zu bleiben. Für eine Zeit, für lange, für sehr lange. Alle haben ihren Platz, alle ihre Bedeutung. Ob man diese Menschen nun Familie, Freunde, Geliebte, Bekannte nennt, ist dabei gar nicht so wichtig. Wichtig ist, das Gefühl anzunehmen, das sie einem geben in dem Moment, in dem sie da sind. 

Es geht mir gut

Das Leben ist nicht einfach, überall lauern Gefahren, überall stösst man auf Dinge, die man lieber anders hätte, die schwierig sind, die Freude trüben, Probleme aufwerfen. Man verliebt sich, verlobt sich, heiratet, kriegt Kinder und wumms, ist alles dahin. Das alleine wäre schon schwer genug, aber damit fängt der Ärger erst an. Von nun an ist man damit beschäftigt, das Kind hin und her zu schieben und die Schieberei zu organisieren. Man kämpft mit Verlustängsten des Kindes wegen und mit Neidgefühlen dem Ex gegenüber, der es immer irgendwie besser hat, als man selber. Das gilt für beide Partien, denn jeder sieht die Trauben beim anderen süsser. Dass mittendrin noch ein Kind steht, macht es nicht einfacher, sondern potenziert die Qual. 

Man muss nicht mal so weit gehen. Es gibt schon früher Ärger. In der Arbeitswelt, von der Schwiegermutter, in der Nachbarschaft, überall kann er lauern und einen anspringen. Nichts ahnend geht man durchs Leben und trifft ihn an. Und zahlt dann den Preis dafür, obwohl man ihn nicht suchte (die wenigen streitsüchtigen und Ärger suchenden Exemplare der menschlichen Spezies lassen wir hier mal aussen vor). Und weil man diese Erfahrung immer wieder macht, programmiert sich das menschliche System so, dass es mögliche Gefahren schon erkennt, wenn diese noch nicht mal wirklich greifbar sind. Wie ein Radar werden potentielle Gefahrenherde erkannt, die Alarmglocken springen an und die Phantasierstube beginnt, die schlimmsten Möglichkeiten auszumalen. Die Laune sinkt. 

Was mir an Talent auf der Leinwand fehlt, das schafft meine Phantasierstube: In den buntesten Farben zeichnet sie. Sie erkennt alles, was nur irgendwo problematisch sein könnte. Um keine Farbe verlegen, wird alles bis in die letzte Ecke ausgemalt. Man sieht die Gefahr, zeichnet die Folgen, fühlt förmlich die daraus resultierenden Gefühle. Und weil es damit nicht getan ist, hinterfrage ich mich, die Gefühle, die Situation, die Gefahr und schreibe. Und durch das Schreiben ergibt sich ein Ventil, der Dampf geht ab und eine Zufriedenheit stellt sich ein. Was vorher brodelte, kommt zur Ruhe, es ist verarbeitet und damit ist die Welt wieder im Lot. Bis zum Nächsten.

Schaut man auf Künstlerbiographien, sieht man viele Strudel, viele Krisen, viele Gefahren. Stimmt das alte Klischee des leidenden Künstlers? Bringt Leiden Kreativität mit sich? Ich weiss es nicht, ich bezweifle es. Ich denke eher, es ist das zartfühlende Wesen, das offen ist für die leisen Töne, für die Tasten des Lebens, die oft erst angeschlagen werden müssen. Doch führt diese Sensibilität wohl oft auch zum Leid. Man hört die Melodien zu vieler unangeschlagener Tasten und verzweifelt daran. Man schmilzt zu ungespielter Musik dahin. Etwas ist wohl dran. So lange ich hadere, zweifle, fürchte, fliessen die Buchstaben.

Heute geht es mir gut. Das Leben hat mich überrascht. Ein stilles Einzelkind ohne grosse Familie wurde in ein Familienfest der grossen Art geworfen. Es haderte vorher, vermisste schon im Vorfeld seine Ruhe, seinen Trott, seinen Alltag, sah sich Gefahren ausgesetzt und wollte ihnen bis zu letzt entgehen – ohne Erfolg. Und kam aus der Geschichte mit viel Freude, Zufriedenheit und einem ruhigen Geist. Und mit viel Liebe.

Und ich merkte, dass mir meine Ruhe, mein Trott, meine kleine Welt keinen Augenblick gefehlt hat. Und ich spürte, dass alle Ängste vergebens waren, weil sie unbegründet waren. Und ich merkte, dass es ab und an gut ist, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ich muss sagen: Es geht mir gut. So gut, wie kaum je. Und das ist schön so und es soll so bleiben. Das Leben birgt wohl Gefahren, ich habe einige davon erlebt. Noch viel mehr habe ich sie mir ausgemalt und sie schon ungeschehen gefürchtet. Reichen nicht die tatsächlichen aus? 

Womit habe ich das verdient?

Oft fragt man sich im Leben, wenn einem Schlechtes widerfährt, womit man das verdient hat. Was hat man getan, um so bestraft zu werden? Wieso trifft es einen und keinen anderen – wobei man es niemandem wünschen würde, nur nicht selber haben möchte. Ab und an fragt man sich auch in schönen Momenten, wie man sie verdient habe. Womit den tollen Mann, womit die Glücksmomente. Und nie kriegt man eine Antwort.

Man ist wohl eher bereit, das Gute als verdient anzusehen als das Schlechte, denkt wohl eher, dass dieses angebracht ist. Das Schlechte würde man lieber von sich weisen, sieht es als Irrtum, als ungerecht, als Fehler im (Lebens-)System. 

Die Frage nach dem Warum entspringt der menschlichen Suche nach Sinn im Leben. Alles muss einen Sinn ergeben, denn nur so ist es logisch nachvollziehbar. Mit dem Verstand nicht Erfassbares ist schwer einzuordnen, es kann auch Angst machen, da man es nicht unter Kontrolle hat. Man weiss nicht, wie einem geschieht, kann nichts dagegen tun, wenig dafür. Doch wer sagt, dass die Dinge wirklich Sinn ergeben müssen? Wer sagt, dass das Leben sinnvoll ist, hinter dem Leben ein tieferer Sinn steht? 

Haben wir das Leben verdient? Wir sind quasi reingeworfen worden. Ein kurzer Moment des Spasses, eine zufällige siegreiche Vereinigung von Zellen und daraus entstand das, was wir „Ich“ nennen, was wir als unseren Körper, unser Sein begreifen. Wenn wir das Leben an sich nicht verdient haben, wie sollen wir das, was in ihm passiert verdienen? Ist es nicht genauso Zufall wie alles andere? Sinn des Lebens an sich ist allgemein das Überleben. Evolutionär kommt es zu einer natürlichen Selektion aufgrund verschiedener Kriterien. Das, was bleibt, überlebt, der Rest geht unter. 

Der Mensch will mehr als bloss zu überleben. Er will Glück, will alles, was gut ist, was richtig ist. Den Rest möchte er ausklammern, da er ihm sinnlos erscheint. Und was sinnlos ist, scheint wertlos. Und wenn man nicht mal einen Grund dafür erkennen kann, wieso man sich damit rumschlagen soll, dann hat man es schlicht nicht verdient. Trotzdem ist es da und man muss sich wohl damit abfinden, dass das Leben nie eigener Verdienst ist. Einiges hat man in der Hand (oder glaubt das zumindest), anderes fällt einen aus heiterem Himmel an, ob gut oder schlecht. Aufgabe im Leben ist es, damit umzugehen, Dankbarkeit für all das Gute zu empfinden und Gelassenheit und Mut, das Schlechte zu tragen. 

Frei – unfrei

Es gibt Studien zum Verhalten von Kleinkindern und deren Bindung zu den Eltern. In einer Art Jojo-Effekt bewegen sie sich von den Eltern weg, um wieder zu ihnen hin zu laufen, danach etwas weiter weg zu gehen, wieder hinzulaufen. So werden die Abstände immer weiter, im Wissen, wieder zurückkommen zu können. Ich denke, dieses Wissen um den Halt in der Mitte lässt das Erkunden des Aussen, der Weite, der Welt möglich werden. Die Weite ist unsicher, haltlos, sie braucht einiges an Anstrengung. Das Zurückkommen ist die Erlösung der Anspannung, die Erleichterung. Das Kind kann wieder auftanken, Mut schöpfen, Geborgenheit tanken und damit die eigenen Batterien auffüllen. Es fühlt wieder den Schutz, die Liebe, die Sicherheit. Es lotet so aus, wie weit es gehen kann, ohne das Gefühl zu verlieren. Es lotet aus, wie weit es geht, bis es an Grenzen stösst. Grenzen des eigenen Vertrauens, des eigenen Mutes und an die Grenzen des Dürfens, des Erlaubten.

Der Mensch wird diesen Mechanismus wohl nie ganz los. Immer strebt er nach aussen, sucht das Weite, sucht die Freiheit. Er will Ketten sprengen, eigene Wege gehen, ungehindert, ganz nach seinen eigenen Wünschen, dem eigenen freien Willen (wie er denkt) folgend. Dieser Wunsch ist umso grösser, je stärker die Fesseln drücken, die der Alltag schnürt. Je mehr man sich unter Zwang fühlt, desto mehr sehnt man sich nach Freiheit. Möchte mal ausbrechen, einfach frei sein, tun und lassen können, was man will. Nicht um 6 aufstehen, nicht um 8 bei der Arbeit sitzen, nicht um 12 Mittagessen kochen, um um 2 wieder zu arbeiten. Man möchte frei weg gehen, ohne alles drum rum zu organisieren, möchte einfach mal in den Zug steigen und nach Irgendwo fahren, ohne zu denken, dass die Zeit nicht reicht, die Blumen verdursten, der Mann verhungert und das Konto überzogen wäre. Man möchte im Schlafanzug aufs Sofa liegen und ein Buch in einem Zug durchlesen, ohne dass irgendwer was von einem möchte. Und man möchte vor allem niemandem Rechenschaft ablegen müssen, wieso man das tut, was das bringt, wo der Sinn liegt in all dem.

Doch stellen wir uns das vor: Pflichten weg, Mann weg, Kind weg – kein Zwang, kein Muss, nur Sein. Was ist dann noch? Ok, ich schlafe bis 8, stehe auf, lese. Es ist ruhig. Sehr ruhig. Ich könnte in den Zug steigen. Wohin sollte ich? Eigentlich ist es gut hier. Also bleibe ich. Lese weiter. Ich geniesse es, keine Frage. Um 12 müsste ich eigentlich kochen. Wozu? Ist ja keiner da. Ich denke an die gemeinsamen Mittagessen. An die schönen braunen Augen des Kindes. An sein Lachen. Ich habe gar keinen Hunger, ich kann ja lesen. Endlich mal. Lese weiter, geniesse es. Kein „Mama, wo ist…..?“, kein „Mamaaaaa, darf ich……?“ und kein „Mamaaaaa, kannst du…..?“. Einfach ich. Ganz frei.

Und doch fehlt was. Es fehlt das Gewohnte. Das, was Halt gibt. Das, was da ist, worauf man bauen kann. Ohne diesen Halt wird das Leben haltlos, uferlos, es ufert aus. Wieso suchen so viele Menschen Zuflucht in Religionen, Sekten, Institutionen? Weil sie genau da ihren Halt finden, die Geländer für ihr Leben, die Grenzen, innert derer sie sich bewegen können. Mein Halt im Leben war lange Zeit mein Studium. Alles brach, alles ging drunter und drüber – das Studium war immer da. Der Abschluss war keine Freude. Mir fehlte mein Sinn. Mein Halt. Was ich vorher immer mied, Druck, Zwang, von aussen auferlegte Aufgaben, das war weg. Ich hatte Glück, ich konnte weiter forschen.

Daneben war mein Kind. Eine sichere Konstante. Sie beide schrieben meinen Rollen: Philosophin und Mutter. Einerseits Last – aber ohne wäre ich wohl untergegangen, sie waren auch identitätsstiftend. Wenn ich das so denke, merke ich, dass ich wohl eher sonderbar bin. Ab und an wünschte ich, die Dinge gar nicht zu hinterfragen, das Leben wäre wohl einfacher. Wen kümmert schon Identität, man ist, wer man ist. Was gibt es da zu denken? Muttersein ist biologische Tatsache, wieso muss man das philosophisch hinterfragen? Nun gut, ich bin, wie ich bin, ich werde aus dem Hinterfragen kaum ausbrechen.

Was also ist der richtige Weg? Freiheit wird oft als höchstes Gut gewertet und doch scheint sie der Mensch nicht auszuhalten. Er sucht nach Halt, er sucht nach Schutz und Sicherheit. Nimmt man einem Menschen jeglichen Halt, fühlt er sich haltlos und damit hilflos. Zwänge und Einschränkungen scheinen zwar auf der einen Seite einzuengen, auf der anderen Seite geben sie eine Orientierung. Etwas, woran man sich halten kann.

Der Mensch sucht förmlich danach. Er sucht nach dem Partner, der diesen Halt versprechen kann, er sucht nach dem Status, der ihm diesen Halt in der Gesellschaft gibt. Die heutige Zeit löst immer mehr auf, was mal Halt war. Ehen werden zur Massenware, Arbeitskräfte austauschbar. Werte wechseln wie Unterhosen und Trends überleben kaum noch ihre Niederschrift. Die Menschheit krankt, mit ihr der Mensch an sich. Die einen streben hoch und höher, die anderen besinnen sich auf sich und kämpfen  mit dem Untergang. Glücklich ist keiner und die Lage ist ernst. Wo ist die Lösung? Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel am Kleinkind nehmen. Es weiss, dass es den Halt braucht, es weiss, dass gewisse Grenzen lebensnotwendig sind und es sucht nach den Grenzen. Es muss nicht immer weiter gehen, es reicht, die Grenzen zu suchen, sie auszuloten, mit ihnen zu spielen. Im Wissen, dass der Halt, der Mittelpunkt wichtig ist. Ohne diesen sind wir verloren.

Neues zu entdecken, weiter zu kommen, ist nicht schlecht. Schwierig wird es dann, wenn das, was ist, was hält, was gut ist, abgelehnt wird, nur weil es schon da ist, weil es nicht neu ist, weil es nicht spannend ist. Neu ist nicht immer besser. Es ist anders. Es mag weiter bringen. In einem Bereich. Etwas wird wegfallen. Und dieses Etwas ist immer ein Teil von einem selber, da man selber immer Teil von dem ist, was war. Wirklich frei ist man nie, zum Glück. Wirkliche Freiheit wäre unendliche Einsamkeit. Alles, was hält, wäre dahin, alles, was stützt, eingebrochen. Wer wäre man dann noch?

Freiheit oder Überleben

Der Mensch ist frei. Sein freier Wille ist es, das ihn von den Tieren abhebt. Er kann entscheiden, was er tut, kann wollen, kann wählen. Tiere können das in einem begrenzten Mass auch, aber nicht so ausgeprägt, wie der Mensch. So die Theorie bis vor kurzem. Es gab zwar Stimmen dagegen, die der Determinsten, die alles als vorgegeben sahen, sei es durch die Natur oder göttliche Fügung. Die Gegenspieler beharrten drauf: Der Mensch ist frei.

Ich kann also wählen, was ich will. Ich kann frei entscheiden, was ich tue und frisch fröhlich drauflos gehen. Freiheit ist, wenn keine Hindernisse da sind – äussere wie innere. Soweit so gut. Ich will also auf einen Berg steigen. Ich bin aber nicht schwindelfrei. Nun kann man sagen, ich will das gar nicht, wieso sollte ich das wollen, wenn ich doch die Höhe nicht mag? Ich könnte lesen wollen. Einen ganzen Roman. Er ist spannend. Ich will nicht aufhören. Eigentlich müsste ich arbeiten. Kann ich schwänzen. Das hat Konsequenzen vielleicht, aber das könnte ich so entscheiden. Irgendwann müsste ich mal was essen. Nun gut, Diät ist auch nicht schlecht, ich lese weiter. Ich sollte aufs Klo. Ich verklemme das. Unendlich geht das nicht. Wo ist mein freier Wille nun? Ich will doch lesen. Nicht aufs Klo gehen. Kinder lassen laufen, im Spiel versunken. Als Erwachsener? Könnte man… kann man nicht. Man könnte doch… man geht aufs Klo. War das Entscheid? Musste ich? War ich frei? Ich war wohl frei in der Wahl, wo ich es laufen lasse, aber dass ich es laufen lassen muss, das war erzwungen. Wo also ist diese Freiheit? Doch schlussendlich Triebe, die Motive sind, die antreiben, die Handlungen erzwingen?

Vielleicht ein Zusammenspiel von vielem? Natürliche Grundtriebe lassen sich nicht steuern, doch wie man damit umgeht, hat man in der Hand? Eine Teilfreiheit? Ein Jein? Das befriedigt nie. Man möchte ganz – besser als gar nicht, wobei das immer noch eine klare Linie wäre. Ein bisschen hier und bisschen da ist so lau, so fad. Das mag man nicht, es hat den langweiligen Anstrich des Unentschieden. Und doch ist es wohl am Ende das, was überlebt. Die Balance zwischen den Extremen, die Anpassung. Anpassung ist Überleben und das ist das höchste Ziel.

Das war es zumindest mal. Als man genug damit zu tun hatte, zu sehen, dass man überlebt, waren Themen wir Freiheit und Glück kaum je im Gespräch. Es ging um pure Notwendigkeiten. Lebensnotwendigkeiten. Wenn die gesichert sind, wendet man sich neuen Projekten zu. Die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist oder man einfach nur froh sein könnte, dass es einem so gut geht und man überlebt, ist wohl eine sehr ketzerische, die Antworten wie: „Das wäre Stillstand“ oder: „Wir wären nie so weit gekommen, wie wir sind“ aufs Tapet rufen würden.

Ja, vermutlich hätten wir einige Entdeckungen und Erfindungen nicht gemacht. Vermutlich wäre der Büchermarkt um einige theoretischen Werke ärmer. Sehr wahrscheinlich wären die Psychiater seltener und schlechter verdienend und die Menschheit vielleicht immer noch auf dem Plumpsklo. Was wäre schlimm daran? Wir wüssten ja gar nicht, dass es mehr gäbe, aber wir würden alle leben.

Misstrauen

Ich fühle mich verletzlich klein,

möchte hinter Mauern sein,

möchte dort verstecken mich,

fühle mich gar jämmerlich.

 

Suche Schutz und find ihn nicht,

suche Schatten, meid‘ das Licht,

weil kein Mensch erahnen soll,

dass mein Leben jammervoll.

 

In tiefe Täler eingetaucht,

wo Angst die letzte Kraft verbraucht.

Sehne mich nach Liebe bloss,

Fürchte mich und schlage los.

 

 Baue Wände, Stein auf Stein,

lasse keinen zu mir rein.

Setze mich ganz klein und stumm,

fühle mich unendlich dumm.

 

Kaue meine Seele wund,

schliesse trotzig meinen Mund.

Dass nicht raus kommt, was mich plagt,

was an meinen Festen nagt.

 

Fühle in mir tief versteckt,

die kleine Flamme, die noch brennt,

will sie löschen, will erkalten,

glaub‘ es nicht mehr auszuhalten.

 

Fürchte nur den Schmerz, der wird,

wenn man immer das verliert,

was man an sich ran gelassen,

irgendwann wird man verlassen.

 

Dann steht man da und grämt sich sehr,

traut dem ganzen Sein nicht mehr,

Dies zu meiden, schütz ich mich,

und stosse weg, verletze dich.

 

Auf dass du weg gehst, von mir weichst,

bevor du wirklich mich erreichst,

und die Macht hast zu verletzen,

neue Wunden mir zu setzen.

 

So sitz ich hier, so ganz allein,

möchte doch nur bei dir sein,

trau mich nicht, zieh mich zurück,

weil ich nicht traue meinem Glück.

Kann man wählen, wer man ist?

Heute las ich ein Buch. Ein sehr trauriges Buch. Es handelte von einer durch und durch schlechten Welt, in welche die Menschen ungefragt hineingeworfen wurden. Eine Welt voller Hass, voller Abscheu, voller Demütigungen, vor allem Demütigungen derer, die nicht der gesellschaftlich erklärten Norm entsprachen. Die Welt war keine homogene, es gab verschiedene Systeme. Das eine war genauso schlecht wie das andere. Nahm das eine dem Menschen die Freiheit, zu wählen, unterlegte ihn Zwängen und Korsetten und liess ihm kaum Auswahl in irgend einem Bereich, versprach die andere vordergründig alles, hielt hintergründig nichts, da auch hier der Mensch Zwängen unterlag, um sich die sogenannten Freiheiten zu leisten, welche bei näherem Hinsehen erstens einen hohen Preis hatten und zweitens gar keine waren, da auch sie von aussen auferlegt waren. Egal, ob der Staat oder die Gesellschaft, die Eltern oder die Nachbarn die Regeln aufstellen, egal, ob sie geschrieben oder ungeschrieben sind, sie unterwerfen. Und wehe dem, der sich nicht unterwerfen lässt, er ist Ausgestossener. Weil nicht angepasst. 

Ich las mich mit Sorgenfalten durch das Buch. Es machte mich wütend. Ich fragte mich, wie man so abgelöscht, so negativ, so zynisch sein kann. Wie man eine so schwarze Welt zeichnen kann. Und ich fragte mich noch mehr, wie damit umzugehen sei, dass grundsätzlich nichts gelogen ist, dass es zwar Fiktion, dunkle und düstere Fiktion ist, aber in Tat und Wahrheit nicht so weit von der Realität entfernt ist. Ich habe diese Wahrheiten auch schon thematisiert, wurde dafür bitter und zu nachdenklich genannt. Und auch wenn ich die schönen Seiten des Lebens durchaus sehe, sie lebe, so sehe ich all die anderen auch. 

Gibt es Freiheit? Wie sieht sie aus? Welchen Preis hat sie?

Heute Abend schaute ich einen Film – die Lebensverfilmung eines Schriftstellers. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, würde man denken. Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig. Verdächtig, nicht lebenswürdig zu sein, weswegen er sich unter Rechtfertigungszwang sah. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. 

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drumrum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte. 

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess das auch spüren. Den Rest unterstützte er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Und er war selber unterdrückt. Von sich selber. War er frei? Hatte er das so gewählt? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht draus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben? 

Und hier sitze ich nun. Und frage mich: ist die Welt so schlecht? Wer ist schuld daran? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Bloss, er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären „angepasster“ gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber. Konnte nicht aus seiner Haut. War er also schuldunfähig? Doch wir brauchen doch einen Sündenbock. Irgend jemand muss verantwortlich sein, sonst gerät unser System ins Wanken. 

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – als Kind fühlt man diese kleinen Zeichen nicht, da wartet man auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Bleiben die aus, fehlt was fürs Leben. Dann gibt es wohl zwei Möglichkeiten: Man stürzt sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, oft Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder machten das – eines überlebte es nicht. Andere leben das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn. Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen. 

Hatten sie eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Und dann? 

Wie sieht ein Leben aus, das man in die Hand genommen hat. Das ein gutes Leben ist, ein normales? Und wenn ich ein normales, ein der Norm entsprechendes, Leben führe, habe ich es dann frei gewählt, es nicht einfach nur einer gesellschaftlich geforderten Masstabelle unterworfen? Und je nach System, in das ich geboren bin, divergiert diese Tabelle. Im Sozialismus hiess das marschieren im Gleichschritt, ohne Aufmucken, ohne eigene Gedanken, im Kapitalismus hiess das, seine Zeit und Leistung zu verkaufen, um sich leisten zu können, was man sich in so einem System leisten können muss. 

Und damit bin ich beim Buch vom Tag zurück. Und bei der Frage: Ist diese Welt wirklich düster und schlecht? Haben wir eine Wahl oder stecken wir fest? Können wir tun, was wir wollen, irgendwas passt immer nicht? Leben wir so, wie wir es wollen, zahlen wir den Preis des ausgestossen Seins, passen wir uns an, werden wir zu Marionetten des Systems. Am Schluss leiden wir immer – am einen oder anderen. 

Soll ich diesen Blog nun so pessimistisch enden lassen? Oder ihn in Wohlgefallen auflösen, indem ich sage, dass das Leben immer auch schöne Momente bereit hält, die man geniessen soll, an denen man Kraft tanken soll für die Unbilden, die auftauchen? Wäre das nicht kitschig? Weil es eigentlich nicht stimmt? Klar stimmt es, dass es glückliche Momente gibt. Doch ändern diese nichts an den äusseren Gegebenheiten. Die Welt ist keine leichte. Das Leben ist nicht einfach. Freiheit als solches gibt es nicht. Zwänge sind überall – von aussen und innen. Sich ihnen zu widersetzen hat seinen Preis. Und selbst, wenn man den Preis bezahlen will, leidet man dann und wann, weil jeder Preis schmerzt. Aber das ist das Leben. Niemand sagte, es sei einfach.